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Full text of "Archiv für Litteraturgeschichte"

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ARCHIV 






FÜR -^ "^ * 



LITTERAT URGESCHICHTE 



HEftAUSGEGKB£N 



VON 



Dr. FRANZ SCHNORR von CAROLSFELD, 

SBCB. D. K. örv. BIBL. ZU OBBaDBN. 



VI. Band. 




LEIPZIG, 

DRÜCK UND VERLAG VON B. G. TEÜBNER. 

1877. 



Inhaltsverzeichniss. 



Seite 

Erasmus Alberus. Von Wilhelm Crkcelius 1 - 2(f 

Butlers Hudibras, ein echtes Zeit- und Sittengemälde. Von 

Rudolf Boxuekgeb. 1 21 — 47 

Eine ,,englische Komoedie" 48 — 52 

Tilly-nach der Schlacht bei Breitenfeld 53-85 

Von und über Bodmer. Mitgetheilt von Jacob Baechtold. . 86-91 
Ein Brief Wielands, betreffend sein helvetisches Bürgerrecht. 

Mitgetheilt von Ludwig Hibzel 92—95 

Die handschriftliche Sammlung Goethescher Gedichte von 
Charlotte von Stein. Ein Beitrag zur Geschichte des Tex- 
tes der Goetheschen Gedichte. Von Heinbicb Duentzer . 96 — 110 
Notizen aus dem Leben Klingers. Von Hermann Dalton . . 111—117 

Zu Schillers Briefwechsel. Von Oscar Bbosin 118—124 

Miscellen. Ein Gedicht des Theodorus Prodromus als Bei- 
spiel für eine Erscheinung in der Volkspoesie, von Wil- 
helm Wagner; Gottfried Finckelthaus ; zu Goethes Hexen- 
Einmaleins, von BoBEBT Boxbkbger; zu Goethe, von dem- 
selben 125 — 128 



Valentin Schumann und Michael Lindener, zwei deutsche Hu- 
moristen des XVI. Jahrhunderts. Von Felix Bobebtao . 129 — 149 

Butlers Hudibras, ein echtes Zeit- und Sittengemälde. Von 

Rudolf Boxbeboer. IL . . * 150 — 178 

Nachträge zu Hirzels ,,Neuestem Verzeichniss einer Goethe- 
Bibliothek (1767—1874)". Von Woldkmar Freiherrn vom 

Biedebmann 179—214 

Berichtigungen und Ergänzungen dazu 567—571 

Goethes „Lied, das ein selbst ^emahltes Band begleitete". 

Von Kabl Goedeke 215—229 

Zu Goethes Tagebuch. (Nachträge zu H. Düntzers Aufsatz 

„Archiv f. L." V, 377 ff.) Von Reinbold Koehleb . . . 230 - 232 

Neue Actenstücke über Zacharias Werners Priesterweihe. Von 

Erich Schmidt 233—249 

Aus der Xenienzeit. Von Wilhelm Fielitz 250—260 

„Studien zu Schillers Dramen. Von Wilhelm Fielitz." An- 
gezeigt von RoBEBT Boxbeborr .^ 261—275 



IV InhaltsverzeichnisB. 

Seite 

,, Alexander Pope. Von Albrecht Deetz." Angezeigt von Wil- 
helm Creizenach > . . 276 

Ueber Klaus Narr und M. Wolfgang Bütner. Von Franz 

Schnorr von Carolsfbld 277 — 328 

J. A. Cramers Ode auf Leipzig. Von Gustav Wustmann . . 329—334 

Zu Lessing. Von Alfred Schoknb 335 — 342 

Beiträge zur Kenntniss Chr. F. D. Schubarts. Von Adolf 

Wohlwill 343-391 

Sriefe von Goethe. Mitgetheilt von Robert Boxberokr und 

Hermann Ühde 392—397 

Die Gries- Goethesche Uebersetzung des venezianischen Gondo- 
lierliedes „La Biondina". Von Hkinrich Duentzer . . . 398—415 

Selbstbiographische Skizze des Dichters J. F. JQnger. Mit- 
getheilt von Hermann Uhde 416-420 

„Manuel Mila, de la poesia heroico-popular Castellana.*' An- 
gezeigt von Felix Liebrecht 421—434 

„Reinhold Bechstein, Tristan und Isolt.** Angezeigt von Ro- • ^ 

BERT BoXBERGGR 434 — 437 

„Briefwechsel zwischen Schiller und Cotta. Herausgegeben 

von Wilhelm Vollmer." Angezeigt von Wilhelm Fielitz 437 - 447 
Miscellen. Zu Fischart 448 

Dante Alighieri als Minnesänger betrachtet. Von Ferdinand 

Sander. 449—486 

Zu Fischart. 1. Fischart als Herausgeber alchy mistischer 

Schriften. Von Camillus Wendeler. II. Zu Fischarts 

•Nacht Rab. Von Gustav Dederding 487—511 

Nachträge zu Hoffmann von Fallersleben, Unsere volksthüm- 

lichen Lieder. 3. Auflage. Von Robert Hein .... 512—521 

Von und über Heinrich Leopold Wagner. Von Erich Schmidt 522—525 
Zu Adolf Strodtmanns Ausgabe der Briefe von und an Bürger. 

Von Rkiniiold Koehler 526—527 

Zu den Briefen Goethes an Frau von Stein. Von Heinrich 

Duentzer 628 — 560 

Drei Goethesche Stellen. Von Paul Hohlfeld 561—566 , 

Drei gefälschte Schiller- Briefe. Von Wilhelm Fielitz . . . 572—582 

Zur orientalischen Litteratur. Von Felix Liebrecht .... 583 — 608 
„Geschichte des Romans ... in Deutschland. Von Felix Bober- 

tag.^^ Angezeigt von Erich Schmidt 608—610 

„Johann David Beil. Von A. Scholtze.** Angezeigt von Her- 
mann Uhde 610-614 

„Jean Paul und seine Zeitgenossen. Von Paul Nerrlich.** 

Angezeigt von Gustav Dederding . . . 614 — 621 



Erasmns Alberns. 

Von 
Wilhelm Crecelius. 

I. 

Die Beaxbeitungen der Fabeln Aesops durch Erasmus 
Alberus müsBen im 16. Jahrhundert besonders beliebt gewesen 
sein: dies beweisen nicht nur die zahlreichen Ausgaben^ deren 
Goedeke (Grundriss S. 360) neun aufzählt, sondern noch mehr 
die Illustrationen berühmter Meister, wie des Lucas Cr an ach 
und des Virgil Solis, womit mehrere von ihnen geziert sind. 
Alberus nennt seine Fabeln eine Jugendarbeit; doch scheint 
dies nur von einem Theile derselben zu gelten, namentlich 
von den siebzehn, welche in den beiden ältesten Ausgaben 
(Hagenau 1534 und Augsburg 1539) enthalten sind. Die 
späteren Ausgaben (seit 1550) sind in Frankfurt erschienen 
und haben dort und in den umliegenden Landen, namentlich 
Hessen, wol auch die meiste Verbreitung gehabt. Alberus hat 
nämlich den Fabeln nicht bloss dadurch einen echt deutschen 
Charakter verliehen, dass die Erzählung sich in der behag- 
lichen epischen Breite ergeht, die unserer altem Dichtung 
eigen ist: er hat sie uns auch näher gerückt, indem er die 
Vorgänge in der Thierwelt auf deutschen Boden verlegt. Bei 
dem unruhigen Wanderleben des Verfassers sind nun aller- 
dings viele Gegenden Deutschlands, zum Theil recht ausführlich, 
geschildert; aber mit besonderer Vorliebe versetzt er sich 
immer wieder in seine Heimat, in die Orte, welche der Knabe 
durchstreifte, und diejenigen, wo er seine erste Wirksamkeit 
gefunden zu haben scheint: die Wetterau, wo er erzogen wurde 
und die Schule besuchte, den Taunus, wo er in Ursel als 
Schulmeister thätig war, und die Dreieich zwischen Frankfurt 
und Darmstadt, in welcher er zu Götzenhain als Prediger die 

Archiv f. Litt.-Obsch. VI. 1 



2 Crecelius, Erasmus Alberus. 

Reformation einführte. In diese Gegenden verlegt er einen 
grossen Theil der Fabeln, hier sind seine Beschreibungen so 
eingehend und anschaulich, dass der ortsbekannte Leser mit- 
unter noch heute den Punct finden kann, an den sich der 
Dichter versetzt. Um so mehr müssen die Fabeln im 16. Jahr- 
hundert eben dort Beifall gefunden haben, und so finden wir 
es erklärlich, dass sie gerade im Mittelpuncte jener Gegenden, 
in Frankfurt^ so offc aufgelegt sind. 

Zwischen der zweiten und dritten jener Ausgaben, die 
Goedeke anführt, liegen elf Jahre. Es ist mir immer zweifel- 
haft gewesen, dass Alberus in dieser Zwischenzeit von seinen 
Fabeln^ die doch aller Wahrscheinlichkeit nach allmählich ent- 
standen, nichts sollte veröffentlicht haben. Namentlich war 
es mir auffallend, dass keine Einzeldrucke bekannt wurden, 
während doch die geistliche]» Lieder vorzugsweise durch solche 
verbreitet wurden. Allein es wollte mir nicht gelingen deren 
zu finden, bis mir vor kurzem Pastor Kr äfft in Elberfeld 
einen Druck der 42. Fabel zeigte (er hat diesen der Stadtbibl. 
zu Frankfurt überlassen). Da derselbe wenigstens von den 
spätem Ausgaben wesentlich abweicht — ob die von 1539 
die Fabel schon enthält, wird uns der Herausgeber dieser Zeit- 
schrift aus den Schätzen der Bibliothek zu Dresden mittheilen 
können — , so ist ein erneuter Abdruck ohne Zweifel nicht 
überflüssig. Wir ersehen aus der Vergleichung mit den Ge- 
sammtausgaben, dass in dem Texte der Fabeln viele Aenderun- 
gen, Auslassungen und Zusätze gemacht sind und dass eine 
kritische Ausgabe dringend zu wünschen ist*. 



* [Die beiden oben erwähnten, in der Dresdner Bibliothek aufbe- 
wahrten ältesten Gesammtausgaben, gedruckt zu Haganaw M. D. XXXIIII. 
15. Mertz 4° (mit dem als Buchdruckerzeichen des Johann Secerius 
bekannten Januskopf, der bei Frid. Roth- Scholtz , thesaur. symbolorum. 
Norimb. 1730. fol. in Fig. 168 dargestellt und hier mit der Bezeichnung: 
,^ Johannes Secerius, sive Petrus Brubachius Hagenoae 1626" versehen 
ist) und Augspurg M.D.XXXIX 4°, enthalten jede die gleichen Fabeln in 
fast ganz gleichlautender Fassung, an Zahl, wie gesagt, 17. Die jüngere von 
beiden Ausgaben unterscheidet sich von der älteren hauptsächlich darin, 
dass sie durch Bilder (in skizzenhaften, aber charakteristischen Umrissen) 
illustriert ist. Die in beiden befindliche Vorrede ist datiert: „Sprenden- 



CrecelinSj'Erasmas Albems. 3 

Der Einzeldruck der 42. Fabel (6 Blatt in 4®) hat fol- 
genden Titel: 

Ein schon kurtzwei , 

lig vnd ntltzlich geticht, Von ei= 
nem armen Edelman, Dänid 

wolgemut genant, der mit seiner gescbicklich 
heit, beid des keisers tocbter vnnd land über- 
käme, Darinn aucb das lob der Stadt 
Vrsel begriffen ist, durch Erasmum 
Alber gemacht, Vnnd gedacht 
ter Stadt Vrsel zum new- 
en jar geschenckt. 

AK M. D. XXXril. 

NobiUtas sola cUq; unica uirtus 

(HolzBchnitt.J 



lingen in der Drey Eich"; „am zehenden tag Aprilis anno domini 
M.D.XXXIIII" ist in der jüngeren weggeblieben. Der Drucker der älteren 
hat sonach von einem früheren Tage datiert als der Verfasser unter der 
Vorrede. Gerichtet ist diese letztere an den „Achtbam und Fürsichtigen 
Johannes Chun, Nassauischen Keller zu Eircheim", und verdienen 
folgende Worte aus ihrem Eingang und Schluss hierher gesetzt zu wer- 
den: ,,yhr wisset wol, wie ich für etlichen iaren da ich noch zu Vrsel 
vnd yhr zu Vsingen Schulmeister warent, etliche Fabulas Aesopi inn 
tentsche Bheime bracht vnd euch gesendt habe. Ich hab sie mittler 

zeit corrigiert vnd gemehrt Ich bitte euch aber , wollet meine 

Kheimen für gut nehmen, ob sie sich nit zu wol rheimeten, oder auch 
nit zu gut teutsch mit vnderlieffe. Dann ich bin ein grober Wedderawer 
dem die zung nit wol geschliffen ist." Die 17 Fabeln, welche den In- 
halt beider Ausgaben bilden, entsprechen ihren Gegenständen nach einer 
gleichen Zahl von Fabeln, welche in abweichender Reihenfolge in der 
von mir verglichenen Ausgabe Frankfurt 1679. 8^ aufgenommen sind. 
Diese bietet an Zahl, wie schon die Ausgabe vom Jahre 1550, 49 Fabeln, 
und zwar sind unter diesen die 12^, 18^, 18^, 20f^ sowie die ganze 
Reihe von der 23"*^ an bis zu Ende neu. Aber auch der Text der aus 
den beiden ältesten Ausgaben herübergenommenen Fabeln hat in der 
Ausgabe von 1579 grosse Veränderungen erfahren. Die Fabel z. B. von 
einem Hund und Schatten hat in jenen beiden Drucken 16 Zeilen mit 
einer Moral von 8 Zeilen, in diesem 28 und 8. Irgend welche den bei- 
den ältesten Ausgaben eigenthümliche Data, welche sich für die nähere 
Eenntniss der Lebensverhältnisse Albers verwerthen Hessen, habe ich 
nicht gefunden. Bemerkenswerth ist aber, dass in dem Augsburger 

1* 



4 Crecelitis, ErasmuB Albems. 

Auf der Rückseite des Titelblatts stehen folgende Spräche : 

Ein Benedicite vor erfens. 

Der vns befchert hat fpeiß vnd tranck, 
Dem fei gefagt lob, ehr, vnd danck. 

Gracias. 

Wir dancken Gott ymb feine gaben, 
Die wir von jm entpfangen haben, 
Vnd bitten vnfern lieben Herrn, 
Er wol vns flirthin mehr befchem, 
Vnd auch fpeifen mit feinem wort, 
Das wir fat werden hie vnd dort, 
Ach lieber Gott du wöUft vns geben 
Nach difC^r weit, das ewig leben. 

Am Schluss des Drucks nennt sich der Drucker: Franck- 
fürt Chri. Egen. d. h. Christian Egenolff. 

Die Stadt Ursel, welcher Alberus die Fabel als Neu- 
jahrswunsch widmete, und der Taunus werden mehrfach auch 
sonst bei ihm erwähnt. Wir erfahren aus einer Stelle jener, 
die in den späteren Ausgaben wegblieb, welchen besonderen 
Herzensantheil der Dichter an dem Orte und der.Gegend nahm: 
seine (erste) Gattin stammte dorther, wahrscheinlich hat deren 
Tod die Unterdrückung der Verse veranlasst. 

Von einem armen Edelman Dauid Wolgemut. 

Mein herr von königftein ein ftatt 
Nit ferr von Franckfurt ligen hat, 
Wenn man wil gehn ins Heffenland, 
So ligt die Stadt zur linckenhand, 
6 . Heift Vrfel, vnd das völcklin ift 

Keins trugs gewohnt noch argenlift, 
Eeins aufETatzs, wuchers, hürerey, 



Drucke alle Beziehangen aof die kirchlichen Streitigkeiten der Zeit, anf 
die Schwärmerei Zwinglis nnd anderer, durch Weglassungen oder son- 
Rtige kleine Veränderungen des Textes getilgt sind. — Am Schlüsse 
dieser Anmerknng erwähne ich noch, dass den Mittheilungen J. K. Seide- 
manns in den Theologischen Stadien und Kritiken (Jahrg. 1876 S. 561) 
die bisher unbekannte Thatsache zu entnehmen ist, da»8 Albems 1546 
Diakonus zu Wittenberg war. S. v. C.J 



Crecelius, Erasmus Albenis. 

Man hört von keiner büberei, 

Sonder feind züchtig, frumb vnd fchlecht, 

10 Gotts wort wirdt in gepredigt recht 

Nach doctor Martin Luthers weiß, 
Das hört man da mit allem fleiß, 
Beid menner vnd die weiber fein 
An leib gefchickt gerad vnd fein. 

15 Darzu han fie ein frommen herrn, 

Was wolten fie doch mehr begemV 
Von keinem fchetzen haben rie 
In langer zeit gehört nie. 
Graff Eberhart bei feinem leben 

•20 Seim vettern hat das land gegeben, 

Solchs vmb keiferlich Maieftat 
Graff Ludwigen erlanget hat, 
Zu Stolberg ift er hochgebom, 
Die tugend hat er außerkom, 

25 Von feinem herrn vatter ift er 

Gehalten worden zu der 1er 
Vnd hat von iugend vff ftudiert, 
Darumb er billch das land regiert. 
Nun wil ich weiter zeygen an, 

30 Wenn man ghen Reiffenberg wil gan. 

Da ligt der Feldberg, des ich hab 
Vorhin gedacht, vom berg herab 
Ein fchöne bomquell wol ein meil 
Ghen Vrfel fleußt mit groffer eil, 

35 Zu welcher üch auch ander quelln 

Zwifchen der ftatt Vrfel gefein, 
Vnd wirt ein fölche bach darauß, 
Das Re den bürgern über auß 
Nütz ift, dan fünft warlich die ftatt 

40 Von Gott kein gröffer kleinot hat, 

Darumb ich acht, für folche gab 
Die Statt Gott wol zudancken hab, 
Dann fich da mancher weber neert, 
' Weil jn Gott hatt die Bach befchert, 

45 Vnd kupfferfchmid jhm handel treiben, 

Sunft künd dafelbft jr keiner bleiben. 
Ein feine mül fteht in der Stadt, 
Die keinen abgang nimmer hat, 
Wann anderß wo die Bech vergehn, 

50 Vnd die müUftein ftill muffen ftehn, 

Vnd die müUer im fchaden ligen, 
Weil jn die wafferquelln verfigen, 



6 Crecelins, Erasmns Albenis. 

So wirt das volck bewegt auß not 
(Vff das fie widder haben brot) 

55 Zu fam gen Yrfel in die Stadt, 

Manch frembder trifft den Vrfler pfadt, 
Dann dilTe Bach geht nimmer ab, 
Ift das nun nit ein groffe gab? 
Das walTer zeugt auch folche fifch, 

60 ' Die man wol auff eins fürften tifch 

Möcht fetzen, jn damit zu ehm, 
Wann fie nur wol bereitet wem, 
Krebs, Orundeln, forelln, Koben, ki-elTen, 
Solt die ein Ftirffc nit mögen effen? 

65 Noch hab ich auch zuzeygen an. 

Was diß waTfer mehr nützen kan. 
Ein fchönen wifengrundt die ftadt 
Zur rechten vnd zur lincken hat. 
Dem ift die bach, gleich wie der mift 

70 Vff einem magern acker ift. 

Viel feiner g&rten ligen da, 
Wie Tempe in Theffalia, 
Ynud lültig wie ein paradeiß. 
Ynter den gärten hat den preiß 

75 Herr Philips Beiffenfteinen gart, 

Den jm mein herr Graff Eberhart 
Vmb trewe dienft gefchencket hat. 
Der gart ligt oben an der Stadt, 
Den hat Philippus zubereit 

80 Mit fonderer gefchicklicheit. 

Es ift alles luftig vnd fein. 
Ein laiiter waffer fleußt darein , 
Daher fein weyher ifb fein klar, 
Von frifchem waffer immerdar, 

85 Viel bäum vnd kreutter mancher art. 

Viel fchöner blümlein zeugt der gart, 
Im garten auch man kirfen findt, 
Die luftig anzufehen feindt, 
Vier kirfen ftehn an einem ftil. 

90 Daneben ich anzeigen wil, 

Welchs ifb nur lüftig über auß, 
Das jm die Bach leufft durch das hauß, 
Ehe dann die Bach kompt in die Stadt, 
Philippus fie entpfangen hat, 

95 So fein luftig fleußt fie daher, 

Frifch waffer fehlt jm nimmermehr, 
Das waffer zeugt jm fifch im hauß, 



Crocelins, Erasmus Alberus. 

Kompt jm ein gaft, fo nimpt er drauß 
So vil er wil vnd ftelts jm dar, 

100 Solchs kan er thün durchs gantze jar. 

Zu Nürnberg in der reichen ftadt 
Kein Burger fchöner kleinot hat, 
Difem Philippo ifts befchert, 
Er irt der ehrn auch warlich werdt, 

105 Dann er ift koftfrei, vnd fein brot 

Bricht er dem armen in der not, 
Vnd wann er einem dienen kan, 
Da ift er gar ein willger man. 
Die Reiffenfteiner haben zwar 

110 All fölch gemüt, das ift wol wai*, 

Vnnd wiffen wol zuhalten fich, 
Aber Philips ift fonderlich 
Holdfelig, vnd ein tewer man. 
Nun wü ich weiter zeigen an, 

115 Was Gott noch weiter für wolthat 

Den Vrfelem befcheret hat, 
Das fchöne waHer nit allein 
Zu Yrfel braucht die gantz gemein, 
Gott hat die Stat noch mehr verehrt, 

120 Vnd gute brunnen jn befchert, 

Die hat man mit behendigkeit 
Biß mitten in die Statt geleyt. 
Das ich aber mit groffem fleiß 
Der Stadt Vrfel geb fölchen preiß, 

125 Das foll mir ja niemand verkern, 

Sie feind wol wirdig folcher ehrn, 
Dann ich ein wolgezogen weib 
Mit einem feuberlichen leib 
Bei jnen überkonmien hab. 

130 Von wegen fölcher fchönen gab 

Danck ich zum erften hertzlich gern 
Gott meinem allerliebften herm, 
Nehft Gott danck ich gedachter Itadt^ 
Die mich alfo begäbet hat. 

135 £s muß nit bleiben vngemelt, 

Wie rie haben ein fruchtbar feldt. 
Es wechft auch da ein zimlich wein, 
Doch haben fie nit ferr an Rein, 
Wann eim der Vrfler nit gefeit, 

140 So wirdt jm Reinfeh wein fttrgeftelt. 

Ein Newenhainer kan man finden. 
Der darff ein Reinfchen überwinden, 



8 Crecelius, Erasmus Alberus. 

Ein Söder darff ßch auch beweifen, 
Drumb ift das Yrüer Land zupreifen, 

145 Dann Soden vnd der Newenban 

Beid dörffer ftoITen hdrt daran, 
Vnd feind dem Feldberg auch verwandt, 
So fruchtbar ifts Eöngfteiner landt. 
Im winter, wans ift mechtig kalt^ 

150 So haben ße ein groüen waldt, 

Der thüt bei jn als dann das beft, 
Sie hawen ab die hohen eft, 
Vnd dürre kleufer, die feind gut, 
Sie machen gar ein heiffe glut, 

155 Es darff da niemand kein holtz fpam, 

Alltag fiht man holtzhawer fam. 
Man beckt auch da gut weck vnd brodt, 
Fleyfch halben leidt man auch kein not, 
Ein feiner fleifchmarck allezeit 

160 Zu Vrfel ift. Von dannen weit 

Zur rechten vnd zur lincken handt 
Siht man in ander herren landt, 
Ein fchön anfehns FranCkfurt die ftatt 
Mit jren fchönen thümen hat, 

165 Die fchimmern von der Sonnen fchein, 

Vnd anzufehn feindt mechtig fein. 
Hinder Vrfell der Feldberg fteht, 
Von fomher man ghen Franckfurt geht. 
Da fteht ein groffer fchöner plan, 

170 Daruff dreihundert taufent man 

Stehn kündten^ was da etwa fei 
Gefchehen, zejg ich an hiebei. 
Für langer zeit der keifer hat 
Außgehn laffen ein folch mandat, 

175 Es folt ein ieder Edelman 

Des Reichs, bei Vrfel vff dem plan 
Erfcheinen mit feim heften pferdt, 
Dann feine Maieftat begerdt 
Zu fehen, welchs der fchnelleft wer, 

180 Vff das lieh aber keiner befchwer 

Zu kommen, fagt er zu daneben, 
Dem heften Benner wolt er geben 
Sein einig tochter, die hieß Eett, 
Vnd weil er kein mans erben hett, 

185 So wolt er jn fetzen zugleich. 

Als feinen fon, inn all fein Reich, 
Welcher brecht das behendeft pferdt 



Crecelius, Erasmas Alberus. 9 

Der folt fein folcher ehren werdt. 

£s kam bei Vrfel au£f den plan 
190 Manch feiner ftoltzer Edelman, 

Ein ieder reit auß feinem fchloß 

Auff feinem aller heften Roß. 

Zu letzt ein armer Edelman 

Kam auch bei Vrfel auff den plan, 
195 Mit namen Dauid wolgemut, 

Sein rttftung war nit all zu gut, 

Drumb kund er nit zu fer gebrangen, 

Sein roß glejß nit von fchönen fpangen, 

Beid man vnd roß hatt keinen fchein, 
200 Drumb muft er verfpottet fein, 

Mit feinem armen fchlechten pferd, 

Das acht man kaum eins Batzen werdt. 

Er kert fich aber nit daran, 

Vnd macht üch gleich wol auff die ban , 
205 Vnd hatt des ziels gar eben acht, 

Das war bei Bommerßheim gemacht, 

Bey Weiffenkirchen fing man an. 

Dauid der arme Edelman 

Fing mit den andern an zugleich 
210 Zm*ennen vmb die königreich, 

Vnd vmb das fchöne jungfrewlein. 

J)auid wolt nit der hinderft fein, 

©ein roß thet da bei jm das beft, 

Vnd hielt bei feinem Junckern veft, 
215 Gleich wie ein vogel oder pfeill. 

Das rößlin rennt mit groffer eill. 

Alfo erlanget der das zil, 

Der vor nit hatt gepranget vil, 

Dem, der da kam on groffen pracht, 
220 Des keifers tochter war bedacht, 

Darzu jrs vatters königreich, 

Darumb die andern all zugleich 

Fielln für jn nider vff die knie , 

Kein gröfTer freud erhört man nie, 
225 Zu dem man Hchs nit hatt verfehu, 

Dem ift die groffe ehr gefchehn. 

Morale. 

Es muß ein groffe torheit fein, 
Das man vrteilt nur nach dem fchein, 
Vnd richtet alfo vnbedacht 
230 Nur nach dem eufferlichen pracht, 



10 Grecelius, Erasmus Alberus. 

Weil man fo offtmals mit der that 

Das widerfpiel erfaren hat, 

Das. auch offt ein geringer man 

On prangen ehr einlegen kan, 
235 Gepreng zur fachen wenig thüt, 

Das hat hie Dauid Wolgemut 

Bewifen wol vnd meifterlich, 

Vnd hat gefieget ritterlich, 

Dann tugent übertrifft den pracht, 
240 Drumb wirdt Dauid zum herm gemacht. 

So lern du auch auff folche weiß. 

Mit tugent zuerlangen preiß, 

Es fol kein armer fein verzagt, 

Gott hat den armen nichts verfagt, 
245 Gott darff ein armen betteler 

Erheben zu der gröften ehr. 

Gott pflegt den armen auß dem kot 

ZurhÖhen, vnd auß aller not 

Zuhelffen, welchs mit mancher that 
250 Gott ofiFt reichlich bewifen hat. 

Wann er ein armen wil ergetzen. 

So darff er jn bein keif er fetzen, 

Drumb hab nur tugend lieb vnd ehr, 

Gott wirdt dich laffen nimmer mehr. 

Lesarten der Ausgabe von 1590: V. 1 Der Graff von K. 
2 ferrn. 6 Hinderlift. 12 mit gantzem Fleiß, 15 ein guten 
Herrn. 19—28 fehlen. 47 Ein fehöne Mül. 50 Vnd ftill die 
Mülftein m. ft. 52 Wann jn die W. 54 Auff daß fie wider 
kriegen Brot. 61 Möcht ftelln, jn damit zu verehrn. 85 Bäum. 
91 Das ift nur liftig vberauß. 95 fein lieblich. 101 Zu 
Franckfurt. 102 Kein Bürger groffer Kl. hat. 114 wil ich 
ferner zeigen an. 118 Zu V. hat die.g. Gemein. 123 — 134 
fehlen. Hinter V. 136 stehen noch folgende: 

Vnd fondjBrlich ligt hart dabey 
Die Bommerßheimer Termeney, 
Da wechft fo gut Getreyd, daß man 
Am Mayn nicht beffers finden kan. 

138 ferrn. 140 wirt jm Reinifcher fürgeftellt. 141 Newen- 
haner. 148 So fr. ift Königfteiner Landt. Dahifiter stehen 
noch folgende Verse: 



Crecelias, Erasmns Alberus. 11 

Ob jemand Bier wolt trincken gern, 
So ift das Heüenlandt nicht ferrn, 
Butfchbach ligt in der näh dabey, 
Kaum auff ein Meil wegs oder drey, 
Wen wolt folch kleine Reiß verdrielTen? 
Wer wil, der findt gut Bier zu Gieffen, 
Von Butfchbach zu derfelben Statt 
Man nicht mehr dann zwo klein Meil hat. 
Zu Marpurg wirdt faft, als ich acht, 
Das allerbefte Bier gemacht, 
Das wirdt den Vrßlem zugeführt, 
Vnd jhn zu trincken ftäts gebtirt. 

149 trefFlicih kalt. 151 Der thut alsdann bey jhn das beft. 
153 V. dürre Klötzer. 154 Vnd machen. 163 Ein fein an- 
fehns. 168 Vorn her, wafi man g. Fr. g. 169 groffer fehöner 
Plan. 179 welchs das befte wer. 185 f. So wolt er jhn 
machen zugleich, Zum König vbers gantze Reich. 201 f. Mit 
feinem vngefchmüekten Pferdt, Das acht man kaum zwölff 
Thaler wehrt. 210 Zu rennen vmbs verheiffen Reich. 219 
Dem der da kam. 222 alle gleich. 223 vor jhm. 226 
die groffe Ehr. 233 Daß .oflft auch. 241 lern man. 246 
der höchften. 249 Zuretten, welchs man mit mancher That. 



Anmerkungen. V. 1. Die Herrschaft Köuigstein am Tamius, su 
welcher Ursel (Ober- und Niederursel) gehört, hatte Graf Eberhard von 
Epp stein (f 1390) durch seine Gemahlin geerbt. Als der Stamm dieses 
mit seinem gleichnamigen Ururenkel erlosch, kam das Ländchen durch 
dessen Schwester Anna an ihren Gemahl Graf Botho von Stolberg, 
welcher bereits 1538 starb. Bei der Theilung fiel es an seinen Sohn 
Ludwig (t 1574), dessen Tochter Anna dasselbe an Grafen Ludwig von 
Löwenstein brachte. — V. 11. In dem Exemplar des Druckes von 1537, 
welches mir vorlag, ist handschriftlich angemerkt: „NB. Ao. 1525 ex- 
pulsus est Parochus Catholicus ex Obcmrsell, Joannes Raw: ex tunc 
nullus Lutheranus obedientiam prtiestitit Capitulo Francofurtensi ; fuenmt 
partim Apostatae, partim per Magistratum intmsi Pastores. Ao. 1597 
denuo facta est collatio per Gapitulum, Lutherano tamen, qui se obli- 
gavit, quod velit Ecclesiam administrare sine detrimento Capituli, prae- 
sente Schulteto Wendelin Hess: haec habeo a Reverendissimo Dno Balthas. 
Sartorio, scholasi s. Barthol. Francofurti p. m.** — V. 32. Es kann sich 
dies nur auf eine andere Fabel beziehen, da in der vorliegenden des 
Feldbergs nicht vorher gedacht wird. 



12 Crecelias, Erasmus Alber ns. 

II. 

Alberus gehörte nach Luthers Tode zu den strengen und 
unbeugsamen Anhängern desselben, welche jede Vermittelung 
mit den abweichenden Richtungen in der Reformationskirche 
von der Hand wiesen und nur in der unbedingten Nachfolge 
ihres Meisters die Schäden der Christenheit glaubten heilen 
zu können. Wir finden ihn darum in enger Verbindung mit 
Flacius Illyricus, Joachim Westphal und andern Säulen 
der damaligen Lutherischen Rechtgläubigkeit. So wird er nicht 
selten in einer Brief Sammlung erwähnt, die einen Theil der 
Correspondenz des letztgenannten enthält (Bibl. der Katharinen- 
kirche zu Hamburg). Joachim Westphal war von 1541 ab 
Prediger an der Eatharipenkirche, seit 1562 verwaltete er 
die Superintendentur in Hamburg, dann wurde er selbst Super- 
intendent und starb als solcher 1574. Als Erasmus Alberus 
gegen das Ende seines Lebens sein Predigtamt in Magdeburg 
wegen Widerspruchs gegen das Interim hatte aufgeben müssen, 
hielt er sich eine Zeit lang in Hamburg ohne Amt auf. Da 
empfiehlt ihn Flacius an seinen Freund, den Prediger Konrad 
Gerlaci an St. Katharina, in einem Schreiben d. d. Octaua 
Nouemb. 1551: „D. D. Alberum non opinor effe neceffe pro- 
lixius uobis commendare; cum enim et uos ut minime dubito 
cum pro pio bonoque adhgc et docto uiro habeatis non du- 
bito eum uobis fore quoque commendatiffimum.^' In Ham- 
burg war die Thätigkeit des Alberus wol eine vorwiegend 
litterarische: der stets schlagfertige Kämpe für die Sache der 
Lutherischen Reformation hatte damals Veranlassung genug, 
seine Feder nach den verschiedensten Seiten zu kehren; war 
doch, abgesehen von den heftigen Streitigkeiten, welche das 
Interim veranlasste, gerade 1552 von Westphal durch seine 
in Magdeburg gedruckte Farrago der Abendmahlsstreit gegen 
Calvin von neuem in Scene gesetzt worden. Wir finden in 
der erwähnten Correspondenz Spuren, dass Alberus in diesem 
Sinne Verbindungen anknüpfte. So schreibt Alexander Bruch- 
sal d. d« Antwerpen 10. Aug. 1552 an Joachim Westphal: 
„Mitto tibi hie, dne loachime, fcripta duo facramentariorum 
que ego ex lingua noftra vulgarj tranftulj in linguam latinam, 



Crecelins, Erasmas Alberus. 13 

quare yeniam dabis fi alicubi incongrue et non bene latine 
fcripfi vel tranftulj, fenfum reddidj, cetera tu emendabis; vnum 
fcriptum eft imprerfum anglie in lingua noftra brabantica^ et 
eft author fcripti huius martinusmijkron paftor ecclefie flan- 
drorum londinj^ alterum fcriptum eft cuiufdam facramentarij 
hie antwerpie exufti in octobrj anno 1551, mitto etiam copiam 
literarum pij cuiufdam virj hie apud nos degentis, ad D. 
erafmum alberum, mitto etiam hie fcripta quedam de refacra- 
mentaria excerpta ex libris Jo. caluinj, buUingerj et Johannis 
a lafcoy que convincunt etiam caluinum effe tectum facra- 
mentarium, poteris fafciculum hunc d. eraf. alberj aperire et 
introfpicere, et fi quid eft quod vis vt exfcribatur, poffes hoc 
per tuos curare vt exfcribatur, et hinc omnia claudere tuo 
vel alio figillo et dare erafmo albero, vellem etiam vt illi 
communicares fcripta hec que tibi mitto, nam vt intelligo parat 
fcriptum contra furores zwinglij et caluinj/' Die ausge- 
hobene Stelle zeigt nicht nur die Richtung, in welcher Alberus 
thätig war, sondern auch dessen nahe Beziehung zu Westphal. 
Dies geht noch aus anderen Stellen der Briefe Bruchsals hervor. 
In dem eben erwähnten schreibt er u. a. an Westphal folgen- 
des über Calvin: „parturijt nouum et falfum dogma, fuftinuit 
enim geneue in difputatione publica deum effe authorem malj 
et nuUus potuit illj refiftere, tandem vero doctor quidam me- 
dicus * reftitit illj et conuicit illum, quod male habuit caluinum, 
qui illum apud magiftratum vt perturbatorem ecclefie accu- 
fauit et fic hie medicus ad caluinj expoftulationem in carce- 
rem coniectus eft et poftea in exilium miffus , funt hie apud 
nos, quj difputationj geneue interfuerunt/' Bruchsal muss 
vorausgesetzt haben, dass diese Mittheilung durch Westphal 
auch an Alberus gelangt sei; denn unter dem 7. Nov. 1552 
schreibt er, gleichfalls von Antwerpen, an den ersteren: „fcripfi 
vobis nuper dne Joachime de caluino quod doceret deum effe 
autorem malj, fic enim mihi a fide digno viro dictum erat. 



* Gemeint ist Jerosme Bolsec; der Widersprach dieses früheren 
Mönches, welcher damals in oder bei Genf die Arzneiknnde ausübte, 
veranlasste seine Verhaftung , vgl. die Frocessacten in der neuesten Aus- 
gabe der Werke Calvins (im Corpus Reformatorum) VllI S. 141 if. 



14 Crecelius, Erasmus Alberus. 

quj hoc audiuerat ex alio quj dixerat fe interfuiffe difputa- 
tionj, iam vero intelligo caluinum fe excufare et fcribere fe . 
non velle facere deum authorem malj vel peccatj^ quare te 
rogo vt D. erafmum alberum commonefacias ne fit preceps 
in iudicando vel carpendo caluinum ^ fcripfit enim mihi fe yelle 
facere illius mentionem in libro contra fanaticos iam breuj 
excudendum (so!); quare admoneto bonum virum D. eraf. albe- 
rum ne temere carpat caluinum ^ nifi cum hec fcripta caluinj 
legerit, que hie inclufa ad te mittO; poffis illi quoque legenda 
accommodarC; hoc fcriptum quod hie tibi mitto, ego met pro- 
pria manu exfcripfi ex libro caluinj iam hoc anno 1552 im- 
preffo,'^ prefationem hanc caluinj legas que continet illius 
excufationem et facit quoque mentionem medicj illius^ quem 
vocat rabulam et impurum nebulonem, excufat fe in his fcriptis 
fe non velle facere deum authorem malj, tamen interim dicit 
omnium primam caufam effe eius yoluntatem etc/' 

Alberus erhielt 1553 eine neue Anstellung als Mecklen- 
burgischer Generalsuperintendent; starb aber wenige Wochen 
nach Antritt des Amtes am 5. Mai zu Neubrandenburg. Die 
l^twe blieb in Verbindung mit Westphal und wohnte in 
Neubrandenburg. Denn Joh. Freder schreibt d. d. 16. Oct. 
1558 an Westphal: „Vidu§ du^ Albera & Gart^a^ qua- 
rum vicem miferor, funt Neobrandenburgi, Gart^a ideö 
miferior, quod multorum liberorum mater eft^ & @re alieno 
magno premitur." Durch Vermittelung Westphals wurde eine 
hinterlassene Schrift des Alberus 1556 bei P. Brubach in 
Frankfurt a. M. gedruckt, bei dem 1550 auch die Ausgabe 
der 49 Fabeln mit den Holzschnitten von L. Cranach er- 
schienen war. Ich theile die drei an Westphal gerichteten Ge- 
schäftsbriefe des wissenschaftlich gebildeten und höchst thätigen 
Verlegers mit, in welchen des Alberus Erwähnung geschieht, 
und zwar vollständig, da sie schon an sich Interesse gewähren. 
In einem derselben wünscht Brubach von der Witwe für eine 



* Bruchsal hat wol die Schrift von Calvin im Auge , welche unter 
dem Titel „De aetema Dei praedestinatione" im Jahre 1552 herauskam. 
Bolsec wird hier, ohne Namensnennung, als „circumforaneus erro" in 
der Vorrede bezeichnet (s. Calvini Opera VIII S. 249 if.). 



Grecelius, Erasmus Alberus. 15 

neue Ausgabe der Fabeln^ die 1557 auch wirklich erschien, 
aus dem Nachlass weitere Fabehi zu erhalten ^ wenn deren 
noch ungedruckte vorhanden wären. Indess muss dies nicht 
der Fall gewesen sein, da auch die späteren Ausgaben nicht 
mehr als 49 enthalten. Vielleicht bezieht sich darauf eine 
kurze Notiz in einem Briefe Brubachs an Westphal d. d. 
6. Dec. 1557: „A uidua D. Alberi nihil accepi." Welches die 
bei Brubach 1556 gedruckte Schrift des Alberus ist; ergibt 
sich aus einem Briefe Westphals an Brubach vom 16. Nov. 
1555 (bei Amoldus Greve, memoria Joachimi Westphali. 
Hamburgi 1749. 4^ S. 272), in welchem es heisst: „ReUquit 
ingenuitatis fuae praeclarum fpecimen in hoc libro magnis 
laboribus confecto, in extrema vitae parte, in exilio fuo, vix- 
que ante obitum abfoluto. Ut acriter mordebit veritas pha- 
naticos hoftes veritatis, ita erit gratiffimus ubique bonis, 
diligentibus verae doctrinae fynceritatem. Multi infigni pietate 
Yiri apud me inftiterunt, ut curarem excudi. Nonnulli ultro 
fumtus et impenfas obtulerunt. Exiftimo igitur me mittere 
opus dignum tua induftria, ecclefiae Dei neceffarium et fru- 
gifemm, quamvis exofum et invifum tam Sacramentariis, quam 
Anabaptiftis. Yidua relicta cum aliquot filiabus sanctiffime 
educatis pacifcebatur, quum mihi ablegandi libri in officinam 
typographicam copiam faceret, aliquot Tibi exemplaria dari, 
quae donaret amicis, quum haberet aliquid fubfidii in folatinm 
orbitatis fuae et inopiae. Nam praeter divitias ignotas et 
contemtibiles mundo, maritus pius, deditus, quum viveret, 
congregandis coeleftibus thefauris, nihil admodum nifi inopiam 
reliquit. Sic tua pietas fua fponte charitatis debita praefta- 
bit." Es handelt sich um die Schrift Verkehrte Lehr -der 
Carlstädter und aller vornehmsten Häupter der Sacramentirer, 
welche 1556 in Neubrandenburg herausgekommen sein soll 
(neue Ausgabe von 1594 s. bei Goedeke S. 362). Schon unter 
dem 6. Febr. 1555 schreibt Bruchsal aus Bremen an West- 
phal: „cum de impreffione librj alberj conventum fuerit cum 
typographo, fcribas mihi, vel fignifices per comelium pictorem 
vel alium amicum noftrum, ego tibi 20 thaleros mittam, quam 
primum illos petieris, certe oratio et confeffio in fuggeftu et 
librorum confefforum chriftj euulgatio nunc ac hifce tempo- 



16 Grecelins, Erasmus Alberns. 

ribus maxime neceffaria funt. diabolus enim vndique furit 
per tyrannos et fectarios homines, jtem per fiilfos et fucatos 
fratres/* 

1. 

S. P. Superioribus literis ad te fcripfi, quod proximo hoc 
femeftri fecundam Pfalmorum Dauidicorum enarratio- 
nem* fim praelo fubiecturus, Tolente Chrifto. Quare accipies a 
Wamero** primae Decadis exemplaria aliquot. Item de reli- 
quis aliquot. Intellexi ex Wamero penes uos effe feriptum 
Doctoris Erafmi Alberi^ pi^ memoria, qui dum uixit^ in his 
prefertim regionibus familiarißimus mihi fuit. Quod fi huius 
copia imprimendi mihi daretur, libeuter gratificarer et defuncto 
ipfi et amicis illius fuperftitibus. Lafcouij*** fcripti hie im- 
preffi mifi oeto exemplaria ad Alexandrum ipfum Bruchfalum 
yna cum alijs libris, ä quo poteris vnum petere vt uideas quid 
fcripferit. Quod fi tua et aliorum opera poffem omnia fcripta 
D. Doctoris VrbaiUi^Rhegijt, que quidem extant^ in tomum 
aliquem redigere ^ confiderem me rem longe gratißimam, non 
bibliopolis folum, qui hoc faepe a me efflagitarunt, Ted Omni- 
bus etiam pijs hominibus facturum. Non dubito quin tua 
fponte omnia fis facturus quecunque ad nomen et dignitatem 
tanti yiri illuftrandam fpectare uidebuntur; fi modo tan tum 
ocij reliquum fit futurum a grauioribus curis. Athanafij nihil 
adhuc excufum; alioqui mififfem iam. Peregriniff qui hie 

* Johann Aepinus, enarrationum in Psalmoa Davidicos decas II. 
Francof. p. Pet. Brubacchium^ 1566. 'in einem Briefe d. d. 24. März 
1662 klagt Br.: Habeo adhuc multa exemplaria fecund^ Decadis Pfal- 
momm: fed qaia nall§ amplias fequuntor non porfnm ue^dere illas qnas 
habeo. 

** Sein Name war Warnerus Bolfincns. 

*** Wahrscheinlich folgende Schrift Yon Lasko, die im Sept. 1665 
ohne Angabe des Jahres und Druckortes herauskam: Forma ac ratio 
tota ecclesiastici ministerii in peregrinorum, potissimum vero Germano- 
ram ecclesüs institnta Londini. 

t Eine Gesammtausgabe der Werke des Urbanus Begius erschien 
1562 zu Nürnberg. Bmbach erwähnt eines Concurrenten in einem Brief 
d. d. 24. März 1662: vgl. a. Amoldus Greye, memoria Joachimi West- 
phali. Hamburgi 1749. 4<> S. 274. 

tt Die Gemeinde der ihres Glaubens wegen vertriebenen Franzosen 
und Niederländer zu Frankfurt. 



Crecelins, ErasmnB Alberns. 17 

funt, quorum Lasco Epifcopum et Superintendentem agit, mul- 

ium negocij exhibent noftris concionatoribuS; id quod intelli- 

ges ex ipfo Warnero rectius quam ex meis literis. Metuo ne 

aliquod magnum malum creent aliquando toti ciuitati noftrf . 

Dens prouideat ne conatns hominum turbulentorum promo- 

ueant. Nihil habeo preterea quod ad te fcribam, et negoeijs 

hoc tempore pluribus obruor quam vt queam multa feribere. 

Qnare ignofeas precor breuitati literarum mearum. Ero alias 

copiofior. Bene vale in Chrifto Jefu feruatore noftro, et fa- 

luta meo nomine omnes tuos, et miniftros Eccled^ ueftr^. 

Item uiduam D. D. Epini*, cui fignificabis me quoque gra- 

tum futurum erga ipfam, fi commodum aliquod ex impreßione 

ipfarum Decadum ad me redierit. Salutat te diligenter M. Hart- 

mannus concionator apud nos. Ex Francoforto die 20. Se- 

ptembris Anni 1555 

Tuus Petrus Brubacchius 

iypographus. 

Adresse: Optimo ac doctifsimo viro M. Joachimo Weft- 
phalo Ecclefi^ Hamburgenfis miniftro fidelifsimo^ Domino 
fuo cum primis obferuando. 

Am Rand: Min defectum in Juftino: quare remittas ad 
proximas.nundinas ea que redundant in AmbroGo.** 



2. 

S. P. Accipies aliquot exemplaria libri tui de Baptifmo 
a Rolfinco que donat humanitati tu§ Ölafius Fabricius qui 
impreßit; et poUicitus fe eum quoque librum impreffurum qui 



* Der Superintendent zu Hamburg, Dr. Joh. Aepinus, starb am 
13. Mai 1663. 

** Westphals Antworteschreiben d. d. Hamburg! die Novembris 16 
anno 1665 ist abgedruckt bei Greve, memoria Westphali S. 271—273. 
Vgl. oben S. 16 Mit Beziehung auf die Schrift des Alberus erwidert W. 
darin noch: Nos iam diu deliberavimus, quo mitteremus, ubi esset 
libera potestas ei^cudendi liberrimi Spiritus opus, et in votis nobis 
fuit, inyeniri posse qui imprimeret. 

*** Einen Brief '\Ye8tphals an Brubach vom 3. März 1666 enthält 
Greves Memoria S. 273. 

Ahchiv f. Litt.-Oksoh. VI. 2 



18 CreceliuB, Erasmus Alberns. 

Senatui noftro dedica^us eft^ Ted tantifper diiferet donec per 
te fuerimus facti certiores de tua voluntate.* 

Yidebis etiam Alb er i libellum excufuin effe^ Ted axatpakov. 
quod breui reftituetur corpori fuo, quod vbi factum fuerit 
fcribam typographo yt mittat ad vos aliquot exemplaria. Ago 
humanitati tu§ lingulares gratias pro miffo aureo uumo^ erit 
mihi gratum munus tuo nomine prefertim, et ftudebo repen- 
dere. Si Rolfincus yellet meo nomine numerare 6 aut 7 
aureos uidu^ D. Alb er i curarem vt hie iterum reciperet in 
nundinis. Impreffi olim aliquas fabellas Mtofi germanicis 
Rithmis ab eo confcriptas: quod ß vidua illas auctiores ha- 
berety aut alia quedam eins fcripta, et ad me mitteret; cu- 
rarem yt imprimerentur, et vicißim illi quod ^quum fuerit 
mittatur. Perficiam etiam Yolente Chrifto yt de libello im- 
preffo iam^ aliquot exemplaria habeat. De tertia decade 
Pfalmorum quid fiat fcire yelim, et num expectandum aliquid 
huius in pofterum. Quis fit rerum ftatus apud nos audies 
ex Rolfinco, qui de hac re diligenter perquifiuit yt puto. 
Bene yale in Chrifto Jefu et faluta meo nomine omnes tuos 
primum^ deinde et reliquos Ecclefi§ yeftr§ miniftros. Ex 
Francoforto ad Moenum anno 1556 menfe Septembri 

T. Petrus Brubachius 
typographus. 

Adresse: Optimo ac doctißimo yiro M. Joachimo Weft- 

phalo miniftro Ecclefig Hamburgenfis fideliß. Dno fuo ob- 

feruando 

Hamburg. 

Empfangsyermerk: Accepi yltimo die Septembris. 

3. 

S. P. Ego mi Joachime libenter fuiffem gratificatus 
comminiftro veftrg Ecclefi§ in imprimendo libro ipfius quem 
fcripfit contra Micronium quendam^ fi mihi permitteretur: 

* Der Straesburger Blasius Fabricius druckte wiederholt für Bnibach. 
Der Titel der oben erwähnten Schrift lautet: Loci praecipui de vi, usu 
et dignitate salutiferi baptismi ex Evangelistis et Apostolis collecti. 
Argcntorati, 1566. 8. 8. Grove S. 228. 



Crecelins, Erasmus Albcrus. 19 

et typographus ille qui nuper incoepit vnico duntaxat prelo 
laborarC; etiam a fuo Magiftratu mandatum accepit ne quid 
excudat nifi prius infpectum et admiffum. Volui igitur potiuß 
yfque ad nundinas retinere fcriptum, quam ftatim remittere, 
fi forte reperiatur impreffor: fin minus, redibit ad uos per 
mercatores veftrates. Libellum Purgationis Peregrinorum* 
hoc tempore habere non potuimus^ alioqui libenter mififfemus. 
Sed dabitur opera vt breui aeeipias. Mitto ad te, defcriptam 
a me, EpiTtoIam cuiusdam ex miniftris Peregrinorum apud 
nos^ nondum quidem typis publicatam, Ted communieatam 
tantum M. Hartmamio ab amico quodam. Et dicunt Caluinum 
ipfum et Bullingerum** iam fcribere magnum volumen contra 
Confeßiones Ecclefiarum Saxonicarum, quod vbi pro- 
dierit in lucem curabo, volente Deo, vt habeas. 

D. Doctori Paulo*** precor dicas meo nomine^ me omni- 

* Die „Purgatio Ministrorum in eccleßiis peregrinia Francof. adversus 
eomm calumnias, qui ipsorum doctrinam de Christi Domini in sua 
Coena praesentia dissensionis accnsant ab Aug. Confessione'* war von 
Lasko verfasst. Sie erschien zu Öasel 1556. 

** Calvin hatte 1556 seine Secunda defensio piae orthodoxae fidei de 
Sacramentis contra Joachimi Westphali calumnias herausgegeben. Von 
Bullinger erschien in demselben Jahre in Zürich Apologetica expositio, 
in qua oetenditur, Tigurinae ecclesiae ministros in doctrina de Coena 
Domini nuUum sequi dogma haereticum. Hierauf wusste sich Westphal 
von den bedeutendsten Kirchen in Niedersachsen (Bremen, Lübeck, 
Lüneburg, Hildesheim, Hamburg, Magdeburg, Braunschweig, Hannover, 
Wismar, Schwerin, Husum, Dithmarsen und Nordhausen) Bekenntnisse 
über die Lehre vom Abendmahl zu verschaffen, die er als Zeugniss gegen 
die Schweizer und die Anhänger Melanchthons herausgab: „Confessio 
fidei de Eucharistiae Sacramento, in qua Ministri ecclesiarum Saxoniae 
solidis argumentis sacrarum literarum astruunt corporis et sanguinis 
D. N. J. C. praesentiam in Sacramento Coenae et de libro Joannis 
Calvini ipsis dedicato respondent. Magd. 1557.*^ Die oben erwähnte 
Gegenschrift Calvins erschien noch 1657 unter dem Titel: „Ultima ad- 
monitio ad Joach. Westphalum, cui nisi obtemperet, eo modo posthac 
habendus erit, quo pertinaces haereticos haberi iubet Paulus. B^futantur 
etiam hoc scripto superbae Magdeburgensium aliorumque censurac, 
quibus coelum et terram obruere conati sunt." Bullinger trat meines 
Wissens nicht weiter in dem Streite auf, wol aber Beza, der 1559 seino 
„De Coena Domini plana et perspicua tractatio, in qua Jo. Westphali 
calumniae refelluntnr" herausgab. 

*** Paul v. Eitzen, bis 1562 Superintendent zu Hamburg. 

2* 



20 Crecelins, Erasmns Albems. 

bus operam daturum, quantum quidem fieri poteft; vt fcriptum 
ipfius imprimatar alicubi, fi modo certus effem de voluntate 
ipfius. Nondum enim mifit pr^fationem, quam fe miffurum 
fignificäuerat fuperioribus literis. Et nefcio an iam matauerit 
fententiam. Quicquid illi vifum fuerit poterit me reddere 
certiorem. Bene a te factum, quod vidug D. Doctoris Alb er i 
miferis meo nomine pecuniam: Non erit moleftum fi etiam 
adhuc aliquid addideris: fi modo aliquid fuperfuerit. Circa 
feftum Pentecoftes accepi libellos a vobis miffos , qua re nuUos 
potui diftrahere: quod fpero proximis nundinis futurum. Quid 
vos vicißim pro bis poftuletis fac vt fciam. Bene vale in 
Chrifto Jefu feruatore noftro cum omnibus tuis Amen. Ex 
Francoforto die 17 Julij Anno 1557 

T. Petrus Brubach. 

Adresse: Optimo ac doctißimo viro M. Joachime Weft- 
phalo Ecclefi§ Hamburgenfis miniftro, Domino fuo obferuando 

Hamburg. 

Empfangsvermerk: Accepi die 27 Julij.* 



* Einen Brief Westphals an Brnbach vom 2. Juni 1663 druckt 
Greve S. 274 f. ab. 



Butlers Hndibras, 
ein echtes Zeit- und SittengemUlde. 

Von 

Rudolf Boxberger. 

I. 

Es gab eine Zeit^ in der die bis dahin blühende Littera- 
tur Englands im Punete der Moralität ihrem vollständigen 
Verfall entgegengieng: es war die Zeit der Restauration der 
Stuarts. Die Ursache davon dürfen: wir den blutigen Bürger- 
kriegen ^ die England an den Rand des Verderbens brachten^ 
zuschreiben. Der stets an sittliche Verwildenmg grenzende 
fanatische Eifer religiöser und politischer Secten hatte auch 
ursprünglich edlere Naturen ergriffen und sie vermocht, zum 
Nutzen ihrer eignen und zum Schaden der feindlichen Partei 
durch Schrift und Wort zu agitieren. So ist es zu erklären, 
dass, als der umgestürzte britische Königsthron wieder auf- 
gerichtet wurde, eine Anzahl mehr oder weniger begabter 
poetischer Geister im Schutze der königlichen Macht ihrem 
Hasse gegen die revolutionäre Partei der Presbyterianer und 
Independenten auf ^ zügellose, allen sittlichen Halt entbehrende 
Weise Luft machten. Die Tugenden, die ernste, meist finstere 
Religiosität des Puritaners wurden, als nicht im Einklang 
stehend mit dem am Hofe üblichen lasciven treiben, mit Hohn 
und Spott überschüttet, alles, was er geehrt, geliebt und ge- 
pflegt, wurde in den Staub getreten; weil er sich über Kleinig- 
keiten religiöse Scmpel machte, so verlachte man solche über- 
haupt; weil er seine Fehler imter der Maske der Frömmigkeit 
verbarg, so scheuten sich seine Gegner nicht, ihre Laster vor 



22 Rud. Boxbcrger, Butlers Hudibras. 

der OeflFeutlichkeit zur Schau zu tragen ; weil er sich im öflFeiit- 
lichen wie im Familienleben nur in biblischen Phrasen und 
Gleichnissen bewegte, so hielten sie schwören und fluchen für 
geboten; und das alles wurde mit dem cynischsten Witz be- 
trieben*. Doch unter den Widersachern der religiösen Fana- 
tiker gab es auch solche, die es zwar auch nicht verschmähten, 
der öffentlichen Stimme ihren Tribut darzubringen, es aber in 
der edeln Absicht thaten, die Menschheit zu bessern und die 
königliche Sache zu heben: Waller, Cowley, imd mehr als 
diese Samuel Butler. 

Von Butlers Leben sind nur wenige Thatsachen bekannt, 
als deren Gewährsmänner seine Biographen einen Dr. Nash 
und' A. Wood angeben. Er wurde in Strensham in Wor- 
cestershire geboren und am 14, Februar des Jahres 1612 ge- 
tauft**. Seine erste Ausbildung erhielt er in der lateinischen 
Schule zu Worcest-er, der Henry Bright, ein namhafter Ge- 
lehrter, vorstand***. Dass er jemals eine Universität besucht 
habe, machen die bedrängten Vermögensverhältnisse seines 
Vaters sehr zweifelhaft; doch wird es behauptetf. Wir finden 
ihn dann als Schreiber eines Friedensrichters der Grafschaft 
Namens Jefferys wieder, in einer Stellung, die ihm hinlänglich 
Zeit gelassen zu haben scheint, um seinen Lieblingsstudien, 
der Malerei und Musik, zu huldigen. Später, in dem Alter 
von 17 Jahren, kam der Dichter in den Haushalt der Gräfin 
von Kent zu Wrest in Bedfordshire , die ihm, selber eine 
warme Verehrerin der Litteratur, den Gebrauch ihrer nicht 
unbedeutenden Bibliothek gestattete. Dort soll ihm zu seiner 
wissenschaftlichen Ausbildung die Bekanntschaft Seldens, des 
grössten Gelehrten seiner Zeit, sehr nützlich geworden sein ff. 



* Macaulay, Histoiy of England, Tauchn. Ed. (Leipzig 1849). Vol. 1, 
S. 392—8. 

** Charles Loogueville, der Sohn von Butlers Freund, behauptet da- 
gegen, er sei im Jahre 1600 geboren. S. Aldine Edition, The Poetical 
Works of Samuel Butler, Vol. I. Life of Samuel Butler by thc Rev. 
John Mitford, S. V, Anm. 1. 
*** a. a. 0. S. V. 

t a. a. 0. S. VI, Anm. 3. 
tt a. a. 0. S. VI. 



Bud. Boxbcrger, Butlers Hudibras. 23 

Piirch welchen Wechsel des Schicksals er später iu das Haus 
des Ritters Samuel Luke in Cople Hoo farm, oder Wood End 
bei Bedford, eines hohen Officiers in der Armee Cromwells 
und eifrigen Presbyterianers*, verschlagen worden ist, kann 
nicht mit Bestimmtheit angegeben werden; aber gewiss ist, 
dass ihm in seinem Dienste, infolge des täglichen Anblicks 
der lächerlichen puritanischen Gebräuche und des dort wehen- 
den revolutionären Geistes, der Entschluss reifte, ein satirisches 
Epos zu schreiben; nicht weniger gewiss ist es, dass unter 
dem „honourable Enight Hudibras" des Dichters eigner Patron 
zu verstehen ist. Den Beweis finden sämmtliche Biographen 
in folgenden Versen seines Gedichtes: 

„It'ä sung, there is a valiant Mamaluke, 
In foreign land, yclep'd ;" 

nichts ist natürlicher, als den zweiten Vers mit dem Namen Samuel 
Luke zu vervollständigen**. Wenn auch unser Dichter wegen 
seines Hudibras und des sich darin documentierenden Eifers 
für die royalistische Sache mit Lob überschüttet wurde, so 
wirft dennoch auf seinen Charakter ein zweifelhaftes Licht 
der Umstand, dass, während sich alle Anhänger der könig- 
lichen Sache mit Enthusiasmus um ihre Fahnen sammelten, 
Butler im Hause eines Erzfeindes derselben weilte. Und nur 
so ist es zu erklären, dass er, als der König nach seiner 
Thronbesteigung seine Anhänger belohnte, anfangs leer aus- 
gieng. Indessen ist es nicht unwahrscheinlich, dass er später 
von ihm, zum Dank für sein Epos, das Karl H. fast auswen- 
dig gewusst haben soll, die namhafte Summe von 300 Pfund 
erhalten hat***. Doch eine jedesfalls gehoffte Anstellung in 



* Vgl. ausser a a. 0. auch Warburton, Memoirs of Prince Rupert 
and the Cavaliera (Paris 1845), S. 274, Anm. 1. 

** Nash berichtet zwar: ein Richter aus Gray 's Inn, der es aus dem 
Munde eines von Butlers näheren bekannten habe, habe ihm gesagt, die 
fragliche Persönlichkeit sei nicht Samuel Luke, sondern Sir Henry Rosc- 
well aus Ford Abbey in Devonshire, doch gesteht er sodann selbst die 
Richtigkeit der ersteren Behauptung zu. S. Butler's Works, Aid. Ed. 
Vol. I, S. VII, Anm. 6. 

*** S. The Poetical Works of Samuel Butler, Compl. Ed. (Manchester 
1845), The Life of Butler. 



24 Bud. Boxbergor, Butlers Hudibras. 

königlichen Diensten erhielt er nicht, denn wir finden ihn 
kurz darauf als Secretär des Grafen Carbury, des Oberpraesi- 
denten von Wales, der ihm die Aufsicht über seine Besitzung 
Ludlow Castle übertrug. Um diese Zeit heirathete Butler 
Mrs. Herbert, eine Dame aus guter Familie, die jedoch den 
grössten Theil ihres Vermögens durch Unglücksfälle verloren 
hatte*. Andre wollen wissen, sie sei eine wolhabende Witwe 
gewesen, von deren Vermögen unser Dichter bis an sein Ende 
sorgenfrei gelebt habe**. Jedoch ist diese Nachricht unver- 
bürgt; vielmehr sind wir berechtigt, mit den glaubwürdigsten 
Männern auf dem Gebiete der englischen Litteraturgeschichte, 
wie Johnson und Morley, anzimehmen, dass unser Dichter in 
den letzten Jahren seines Lebens mit Nährungssorgen zu 
kämpfen gehabt hat. A. Wood behauptet ferner, dass der- 
selbe später Secretär bei George, Herzog von Buckingham, 
geworden sei, und dass ihn dieser mit der grössten Güte und 
Grossmuth behandelt habe. Johnson widerspricht dieser Be- 
hauptung auf Grund einer von ihm ausführlich erzählten 
Anekdote, die beweist, ein wie geringes Interesse der Herzog 
in Wirklichkeit an Butler nahm***. Doch sei dem wie ihm 
wolle, sein Freund Longueville, der ihn auf seine eigenen 
Kosten bestatten liess, gibt die ausdrückliche Erklärung ab, 
dass der Dichter als niemandes Schuldner gestorben sei. 

Da der erste Theil seines Werkes, der im Jahre 1663 
erschien, wol aufgenommen worden war, so säumte er nicht, 
ihm einen zweiten folgen zu lassen. Als dieser durch einen 
Anonymus nachgedruckt wurde, so erliess der König — und 
das ist ein neuer Beweis von seinem WolwoUen gegen den 
Dichter — ein Rescript gegen den Nachdruck dieses Buches f. 
Nichtsdestoweniger scheint derselbe dem Monarchen kein 



* Aid. Ed. S. VIIL 

** Hudibras, a Poem of Samuel Butler, a New Edition with a Lifo 
of the Author, a Preliminary Discourse on the Civil Wars et«. 2 Vols. 
(London 1812); s. the Life of the Author. 

*** S. Johnson, The Livea of the English Poet«, Samuel Butler. 
Auch Aid. Ed. VIII u. IX. 
t Compl. Ed., Life. 



Bild. Boxberger, Butlers Hudibras. 25 

Recht auf seine Dankbarkeit zugestanden zu haben*. Erst 
14 Jahre später** erschien der dritte Theil, unvollendet, wie 
die meisten wollen. Aber mit welchem Recht nimmt mau 
an, dass der Dichter ihn überhaupt habe fortsetzen wollen? 
Der Bürgerkrieg, überhaupt alle rein politischen Ereignisse, die 
in dem Gedicht eine Rolle spielen, haben mit dem 8. Gesang 
ihren Abschluss erhalten, und des Helden Liebeshandel, in 
dem seine Abenteuer gipfeln, ist durch der Lady ablehnende 
Antwort ein natürliches Ende gesetzt. Somit steht nichts im 
Wege, das Epos als ein vollendetes ganzes zu nehmen. 

Butler starb am 25. September 1680, in einem Alter von 
68 Jahren. Vergebens suchte man um ein öffentliches Be- 
gräbniss in der Westminster- Abtei nach: er wurde auf dem 
St. Pauls Ejrchhof beigesetzt. Die Grabrede hielt der gelehrte 
Dr. Simon Patrick, nachmals Bischof von Ely***. Wie sehr 
der Dichter und sein Gedicht. von der Nachwelt in Ehren ge- 
halten wurden, beweist folgende Inschrift des Denkmals, das 
ihm ein wolhabender Londoner Bürger setzen Hess: 

M. S. 

Samuelis Butleri, 

Qui Strenshamiae in agro Vigorn. nat. 1612, 

obiit Lond. 1680. 

Vir doctus imprimis, acer, integer; 
, Operibus ingenii, non item praemiis, felix: 
Satyrici apud nos carminis artifex egregius; 

Qui simulatae religionis larvam detraxit, 
£i perduellium scelera liberrime exagitavit, 
Scriptoriim in suo genere primus et postremus. 

Ne, cui vivo deerant fere omnia, 
Deesset etiam mortuo tumulus, 



* Mr. Thyer veröffentlichte einige Verse Butlers, von denen John- 
son sagt: „They are written with a degree of acrimony, such as neglect 
and disappointment might naturally excite, and such as it would bo 
hard to imagine Butler capable of expressing against a man who had 
any claim to his gratitude/^ Vgl Aid. Ed. S. X. 

** Aid. Ed.^ S. XI findet sich als Termin 4 Jahre. Doch ist dies 
jedesfalls ein Druckfehler, wie aus einer Bemerkung auf S. XVIII er- 
hellt. 

*** Vgl. Aid. Ed., S. XII. 



26 Rud. lioxberger, Butlers Hudibras. 

Hoc tandem poöiio luarmore, curavit 
lohaunes Barber, civis Londinensis, 1721. 

Dies Monument bot den Anlass für folgende satirische 
Verse Samuel Wesleys: 

„While Butler, needy wretch, was doora'd to live, 

No generous patron would a dinner give; 

See him, when starv'd to death and turn'd to dust, 

Presented witb a monumental bust. 

Tbe poet's fate is here in emblem sbown, 

He asked for bread, and he receiv'd a stone." 

Butlers sonstige Schriften anlangend, die nach seinem 
Tode in drei kleinen Bänden unter dem Titel: „Posthumous 
pieces in verse and prose" veröflFentlicht wurden, so behauptet 
Mitford* sie seien mit Ausnahme der Ode an Duval und zweier 
Prosaabhandlungen sämmtlich unecht. Hingegen unterliegt 
die Echtheit von „Butlers Remains", die von Mr. Robert Thyer, 
Bibliothecar in Manchester, veröflfentlicht wurden, keinem 
Zweifel**. 

Was das Epos Hudibras, Butlers unnachahmliches Kunst- 
werk, selbst anbetrifft, so könnte man darin den Mangel an 
Handlung beklagen, wenn der Dichter nicht dadurch in den 
Stand gesetzt würde, seiner Absicht zu folgen, nämlich die 
gemeine Denkungsart der rebellischen Sectierer jener Periode, die 
unter der Maske frommen Eifers ihre eignen selbstsüchtigen 
Zwecke verfolgten, aufzudecken. Diesen Zweck konnte er am 
besten durch Ein Schiebung langer Dialoge erreichen; und wie 
herrlich er ihn erreicht hat, sieht jeder ein, der das Gedicht 
kennt, dessen Inhalt in gedrängter Kürze hier folgt. Auf die 
Dialoge und Reflexionen wird hier deswegen nicht näher ein- 
gegangen werden, weil wir im Verlauf der Abhandlung uns 
fast ausschliesslich mit ihnen zu beschäftigen haben, da sich 
in ihnen das darzustellende Zeit- und Sittengemälde vor unsren 
Augen abrollt. 



* Aid. Ed. S. XIII. 
** Vgl. Aid. Ed. Vol. I, S. XIV und Vol. II, Preface zu „The Re- 
mains of Butler*'; auch The Poetical Works of Samuel Butler, Preface 
zu den „Genuine Remains" (Manchester 1845). 



Rud. Boxberger, Biitlerä Hudibras. 27 

Es steht unzweifelhaft fest, dass Butler bei der Abfassung 
seines Gedichtes den Don Quixote des Cervantes vor Augen 
gehabt hat*. Nichtsdestoweniger ist es originell und in ganz 
anderem Tone als Cervantes' Meisterwerk gehalten. Hören 
wir darüber Johnson**, jedesfalls den geistvollsten englischen 
Litterarhistoriker: „Cervantes had so much kindness for Don 
Quixote, that, however he embarasses him with absurd distresses, 
he gives him so much sense and virtue as may preserve our 
esteem; wherever he is, 6r whatever he does, he is made by 
matchless dexterity commonly ridiculous, but never contempt- 
ible. But for poor Hudibras, his poet had no tendernessj 
he chooses not that any pity should be shown or respect paid 
to him; he gives him up at once to laughter and contempt, 
without any quality that can dignify or protect him." Wie 
Don Quixote mit Sancho, so reitet Sir Hudibras mit seinem 
Squire Ralpho auf Abenteuer aus. Nach einer langen ergetz- 
lichen Beschreibung ihres äussern und innern Menschen lässt 
der Dichter seine beiden Helden, von denen der erste die 
presbyterianische, der andere die Partei der Independenten 
repraesentiert, auf ihr erstes Abenteuer stossen: eine Bärenhetze 
(bear-baiting). Nach einer fulminanten Ansprache, die das 
gottlose des Unternehmens in das gehörige Licht stellt, aber 
vergeblich ist, gerathen sie mit den Führern, deren kriegerische 
Eigenschaften mit dem komischsten Pathos namhaft gemacht 
werden, aneinander. Nach einer anfänglichen Niederlage be- 
haupten unsere Helden das Feld, machen sogar einen ihrer 
Widersacher zum gefangnen und schliessen ihn in den Ge- 
meindeblock. Getreu alter Rittersitte will Hudibras jetzt der 
Dame seines Herzens von seinem Siege Anzeige machen, als 
er merkt, dass er von den feindlichen Heerscharen, die sich 
auf ihrer schimpflichen Flucht wieder gesammelt haben, um- 
ringt ist. Ein neuer Kampf, voll von den verschiedensten 
komischen Zwischenfällen, folgt und wird ausfiihrlich be- 
schrieben. Unser Held wird schliesslich von der Amazone 



* Butler benutzte die Uebersetzung Thomas Sheltons, die in zwei 
Quartbänden 1612 und 1620, und 1652 in einem Folioband erschien. 
** The Lives of the English Poets, Tauchn. Ed., Vol. I, S. 12Ö. 



28 Rud. Boxberger, Bauers Hndibras. 

TruUa besiegt. Nichts ist natiirliehery als dass uun er und 
seiu treuer Ralph an Stelle des Fiedlers Crowdero in den 
Block gespannt werden. Sofort hat auch die flüchtige Fama 
der angebeteten^ einer reichen Witwe, von dieser neuen Wen- 
dung Kunde gebracht; diese beschliesst, die beiden ritterlichen 
Abenteiu'er, die sich unterdessen mittels scharfsinniger Philo- 
sopheme über ihre Lage hinwegzusetzen bemühen, in ihrem 
^^bezauberten Schlosse^' zu besuchen. Sie bewundert gebührend 
des Ritters passiven Muth, mit dem er seine Prügel ertragen 
habe, und meint, wenn er diesen durch eine Selbstgeisselung 
ihr beweise, so würde sie sich bis über die Ohren in ihn ver- 
lieben. Nachdem sie noch seine wahren Absichten in Bezug 
auf ihr Vermögen aus ihm herauszulocken verstanden hat, er- 
lost sie die beiden gefangnen gegen das Versprechen von des 
Ritters Selbstgeisselung. Am andern Morgen machen sich 
beide nach der Burg auf, wo die Dame haust, Hudibras in 
der Absicht, unterwegs die Geisselung zu vollziehen. Doch 
da kommt ihm plötzlich der Zweifel, ob es auch wirklich ein 
Eidesbruch sei, wenn er den geleisteten Schwur umgehe, oder 
ob nicht dessen Erfüllung ein noch grosseres Vergehen als der 
Eidesbruch selbst sei. Ralph, um seine Meinung befragt, 
pflichtet ihm bei, wobei er sich auf historische Beispiele stützt. 
Mit komisch - pathetischer Logik beweist nun Hudibras, dass 
die Angelegenheit am besten erledigt werde, wenn Ralph sich 
an seiner Stelle peitschen lasse. Darüber gerathen Ritter und 
Knappe selbstverständlich in einen Zwist und wollen eben zu 
den Schwertern greifen, als ein entferntes lautes Geschrei ihre 
Kampfwuth abkühlt. Eine Menge Leute, einen populären Auf- 
zug, in dem eine ihren Mann tyrannisierende Frauensperson die 
Hauptrolle spielt, darstellend, kommt heran. Unser „honour- 
able Knighf' glaubt sich natürlich berufen, das profane 
des Aufzugs dem Volke zu Gemüthe führen zu müssen. Allein 
seine äusserst würdevolle Rede wird auf eine für ihn sehr 
unangenehme Weise unterbrochen; Herr und Diener werden 
schliesslich gezwungen, das weite zu suchen. Im 6. Gesang 
finden wir die beiden Abenteurer in der Behausung eines 
Astrologen Sidrophel und seines Gehilfen Whachum, wo Hudi- 
bras über den Ausgang seiner Werbung unterrichtet zu sein 



Rud. Boxberger, Bntlers Hudibras. 29 

wünscht. Der ganze Gesang bezweckt, den damals herrschen- 
den astrologischen Aberglauben zu verspotten; doch da dieser 
allgemein war und nicht bloss den Presbyterianern und In- 
dependenten, mit denen wir es in vorliegender Arbeit allein 
zu thun haben, eigenthümlich, so gehe ich hier nicht näher 
darauf ein, sondern begnüge mich, anzuführen was Johnson* 
darüber sagt: „Astrology, against which so much of the satire 
is directed, was not more the foUy of the Puritans than of 
others. It had in that time a very extensive dominion. Its 
prediction raised hopes and fears in minds which ought to 
have rejected it with contempt. In hazardous undertakings 
care was taken to begin under the influence of a propitious 
planet; and when the Eing was prisoner in Garisbrook Castle, 
an astrologer was consulted, what hour would be found most 
favourable to an escape/' Die ganze Episode endigt damit, 
dass Hudibras, nachdem er Ralpho nach einem Constabel ge- 
schickt hat, der die beiden als entlarvte Betrüger festnehmen 
soll, mit Sidrophel in Streit geräth, und, da ihm diesmal der 
Kriegsgott günstig ist, ihn für todt auf dem Kampfplatz liegen 
lässt, worauf sich der Sieger auf den Weg zur Witwe macht, 
in der Absicht, Ralph in der Patsche zu lassen, dem er ohne- 
dies wegen einiger Anzüglichkeiten gegen seine kirchliche 
Richtung in der letzten Disputation und namentlich wegen 
seiner Weigerung in der Prügelangelegenheit nicht mehr ge- 
wogen ist. Allein Ralph denkt ebenso und, statt einen Con- 
stabel zif holen, begibt er sich zur Witwe und klärt sie über 
Hudibras' Eidesbruch und beabsichtigten Meineid auf. Ralph 
wird versteckt, als sein Herr ankommt, der denn auch wirk- 
lich eidlich erhärtet, er habe die Geisselung an sich vollzogen. 
Er wird schliesslich von den als Daemoneu verkleideten Dienern 
der Dame wacker durchgeprügelt und von einem stämmigen 
Teufel einer eingehenden Katechisation unterworfen, in der er 
in seiner Todesangst die wahren Motive seiner Handlungen 
angibt, überhaupt ein puritanisches Glaubensbekenntniss in 
optima forma ablegt, wonach die Teufel unter Schwefelgeruch 
verschwinden. Der in einer Ecke des dunkeln Zimmers ver- 



* a. a. O. S. 129. 



30 K-ud« Boxberger, Butlers Hudibras. 

steckte Ralph hält uun^ als Geist auftretend, dem Ritter alle 
seine Nichtswürdigkeiten vor. Nichtsdestoweniger trägt er 
ihn getreu dem Brauche der Geister beim ersten Hahiien- 
schrei davon. Der 8. Gesang hat nichts mit Hudibras und 
Ralph zu thun; und das ist der Grund , warum ihn ein fran- 
zösischer Herausgeber als neunten und letzten betrachtet wissen 
will*. Ein anonymer Herausgeber unseres Gedichts** cha- 
rakterisiert diesen Gesang wie folgt: „The poet steps for a 
little while out of his road, and jumps from. the time when 
these adventures happened, to Cromwell's death and from 
thence to the dissolution of the Rump Parliament. This con- 
duct is allowable in a satirist, whose privilege it is, to ramble 
wherever he pleases, and to stigmatize vice, faction, and rebel- 
lion, where and whenever he meets with them. He is not 
tied down to the observance of unity of action, time, or 
place, though he has hitherto had a regard to such decorums. 
But now and here only, he claims the priyilege'of a satirist, 
and deviates from order, time, and uniformity, and deserts 
his principal actors. He purposely sends them out of the 
way, that we may attend to a lively representation of the 
principles and politics of Presbyterians, Independents, and 
Republicans, upon the dawning of the Restoration. He sets 
before us a füll view of the treachery and underminings of 
each faction; and sure it is with pleasure we see the fears 
and commotions they were in upon the happy declension of 
their tyrannical power and govemment/* Auf diesen Gesang 
wird geeigneten Orts näher einzugehen sein. Im 9. Gesang 



* Vgl. Samuel Butlers Hudibras etc. (Hamburg und Leipzig 1766). 
Dort heisst es (S. 379, Anm.): Der französische Herausgeber hat sich die 
Fieiheit genommen, diesen Gesang zum neunten und letzten zu machen : 
weil, sagt er, die Handlung des Gedichts zu stark unterbrochen und 
Hudibras in demselben nic)it einmal genannt wird. Uns dünkt, dass 
der Gesang am Ende gesetzt, wohl eben so wenig Verbindung mit der 
Handlung habe; und dass er hier mit Beziehung auf die Hauptgeschichte 
ein ebenso schickliches Intermezzo sei, den Leser ein wenig ausruhen 
zu lassen, als Homers (liceat seria componere ludicris) Register der 
griechischen Schiffe. 

** London 1812, Vol. II, S. 264. 



Hud. Boxberger, Butlers Hudibras. 31 

erscheint der Ritter keineswegs entmuthigt, vielmehr sehen 
wir ihn entschlossen, die Hand der Witwe auf dem Wege 
Hechtens zu erringen. Er wendet sich an einen Richter, der 
alle Fehler besitzt, die ein Richter nur besitzen kann. Dieser 
gibt ihm in allen Dingen Recht und ermuntert ihn, einen Brief an 
die Dame zu schreiben, da ihre Antwort sicherlich Anhalts- 
puncte für eine Anklage bieten müsse. Jedoch weiss jene 
sich aus der gelegten Schlinge mit grosser Schlauheit heraus- 
zuwinden und trumpft den betrogenen Liebhaber mit einer 
derben Lection ab. — Das ist der ungeföhre Inhalt unseres Epos, 
das, auf historischer Basis, bis in die kleinsten Züge detailliert, 
mit Recht ein echtes Zeit- und Sittengemälde genannt werden 
kann. 

Wenn auch die Erzählung von den Abenteuern Hudibras' 
und Ralphos nur den kurzen Zeitraum von drei Tagen um- 
fasst, so wird es dem Leser doch sofort klar, dass es die ganze 
finstere, folgenschwere Zeit der Rebellion des englischen Volks 
gegen seinen angestammten Herrscher ist, die den Schauplatz 
bildet, auf dem sich unsere Satire bewegt, die Zeit, 

„When civil dudgeon first grew high, 
And man feil out they knew not why," 

wie es zu Anfang des Gedichtes heisst. Da ist kein Ereig- 
niss dieser langen, schreckensreichen Periode, das nicht in 
seinen Bereich gezogen wäre. Freilich darf man von dem 
Satiriker nicht einen ausführlichen Bericht über den Verlauf 
derselben erwarten, ein verfahren, das nicht einmal der Auf- 
gabe der Satire entsprechen wüfde, sondern er hat sich be- 
gnügt, sie uns aus den gelegentlichen Aeusserungen seiner 
Helden erkennen zu lassen. Auch ist es nicht der Vorzug der 
Unparteilichkeit, die man neben anderen Vorzügen dem Epos 
beilegen kann: Butler war ein ebenso eifriger Royalist, als 
seine Gegner eifrige Republicaner waren, und urtheilte natur- 
gemäss von diesem einseitigen Standpunct aus, wie fast aus 
jeder Zeile seines Werkes klar hervorgeht; die Nachwelt hin- 
gegen ist stets geneigt, ein unbefangneres und daher milderes 
Urtheil zu fällen*. So kommt es, dass wir ihn stets nur die 



Vgl. den ScliliiRB der Abhandlung. 



32 Kud. Boxberger, Batlers Hndibras. 

in einer solchen Periode naturgemäss in Fülle erzeugten Irr- 
thümer, Fehler, Laster und sogar Verbrechen, die ihren letzten 
Grund in den revolutionären Bestrebungen des Presbyterianis- 
mus hatten, geissein sehen, hingegen die Wahrnehmung machen, 
dass er, zufolge seiner royalistischen Tendenz, die Ursachen, 
die im royalistischen Lager zu suchen waren, beharrlich ver- 
schweigt. Wir finden nicht erwähnt, wie der von absolutisti- 
schen Herrscherideen erfüllte Karl I. die Rechte des bis dahin 
auf seine bürgerliche Freiheit stolzen britischen Volkes ver- 
gewaltigte; vielmehr giesst er seinen herben Spott über jenen 
Act der Nothwehr aus, mittels dessen das gedrückte Volk 
die Werkzeuge monarchischer Tyrannei, die „evil counsellors 
sedücing the King", Strafford und Land, stürzte*. Nicht 
weniger verfallen jene Märtyrer des Presbyterianismus, Prynne, 
Burton und Bastwick, denen infolge des Befehls jener despo- 
tischen Gerichtshöfe der Stemenkammer und Hohen Commission 
zur Strafe für ihre gegen öffentliche Vergnügungen gerichteten 
Schriften die Ohren abgeschnitten wurden, seinem Spott**. 
Butler berichtet femer nicht, wie Karl in seinem eines Herr- 
schers unwürdigen Eifer, für die anglicanische Kirche Propa- 
ganda zu machen, die schottische Revolution veranlasste, mit 
der ein grosser Theil seiner eignen ebenfalls in ihren heilig- 
sten Glaubensprincipien gekränkten Unterthanen nothgedrungen 
sympathisierte; wie er ein neues Parlament berufen musste, 
das, von dem Wunsche beseelt, der Noth des Volkes abzu- 
helfen, seinem blinden Despotismus die Spitze bot; sondern 
er bemüht sich nur zu zeigen, wie unter der Aegide jenes 
Parlaments, dem die Geschichte den Namen des langen bei- 
gelegt hat, der Bürgerkrieg entbrannte, den die Presbyterianer 
nach seiner Ansicht mit allen Mitteln der Gemeinheit führten. 
Charakteristisch sind in dieser Beziehung folgende Verse, die 
er dem Presbyterianer. Lilbum in den Mimd legt: 



* Zweifellos verspottet der Dichter dieses verfahren , wenn er 
seinen Helden sämmtlichen Führern der Bärenhetze Pardon versprechen 
lässt mit Ausnahme des Fiedlers. P. I, C. II, V. 667 — 7?. 

*♦ P. I, C. III, V. 163—4; auch P. III, C. II, V. 746—66. Vgl. 
Hume, The History of England (London 1822), 8 Vols , Vol. VI, S. 
118. 234. 



Rud. Boxberger, Butlers Hudibras. 33 

„We, who did rather undertake 
The first war to create, than make; 
And when of nothing 't was begun, 
Bais'd funds, as stränge, to carry 't on; 
Trepann'd the state, and fac'd it down, 
With plots and projects of our own." 

P. III, C. II, V. 827—32. 

Mit Vorliebe lässt unser Dichter seiner Spottlust freien 
Lauf bei Gelegenheit der Erwähnung der Ereignisse kurz vor 
Ausbruch des^ Bürgerkriegs. So beziehen sich folgende Verse 
auf die berüchtigte Remonstranz^ die unnachsichtlich die Fehler 
der königlichen Verwaltung rügte und, da sie von der im 
Parlament praeponderierenden Opposition der Presby terianer aus- 
gieng, die Abschaffung der englischen Bischöfe besonders be- 
tonte: 

„Did they for this draw down the rabble, 

With zeal and noises formidable, 

And make all cries about the town 

Join throats to cry the bishops down?"* • 

P. I, C. II, V. 527—30. 

Mit dem lebhaftesten Humor verweilt er besonders bei 
dem Aufruhr des Volks und des Parlaments in der Zeit, als 
der verblendete König den verhängnissvollsten und treuloses- 
ten Schritt seines ganzen Lebens gethan hatte, nämlich nicht 
nur die Stipulationen der Remonstranz zu verletzen, son- 
dern auch sechs Mitglieder des Unterhauses des Hochver- 
rathes anzuklagen:** 

„It was resolved by either House, 
Six raembers' quarrel to espouse.*' 

P. I, C. II, V. 525—6. 



* Den Widerwillen gegen die Bischöfe aeichnet recht humoriHtiscb 
der Herausgeber des „True Informer^* (Oxford 1643) S. 12: „Good Lord, 
what a deal of dirt was thrown into the bishops' faces! what infamous 
ballads were snng! what a thick clond of epidemical hatred hung sud- 
denly over them! so far that a dog with a black and white face, was 
called a bishop.'' 

** Vgl. Whitelock, Memorials of the Eiiglinh affairs (London 1732) 
S. 62; Hume a. a. 0., Vol. VI, S. 398. 

Archiv f. Litt.-Osbch. VI. 3 



34 Rud. Boxberger, Butlers Hudibras. 

Diese Resolution des Parlaments macht das Volk zi\ 
seiner eignen: 

„Who having roimd begirt the palace, 
(As once a month they de the gallows), 
As members gave the sign about, 
Set up their throats with hideous shout. 
When tinkers bawl'd aloud, to settle 
Churöh-discipline, for patching kettle; 
No sow-gelder did blow his hom 
To geld a cat, but cry'd Beform; 
The ojster-women lock'd their fish up, 
And trudg*d away to cry No Bishop; 
The mouse-trap men laid save-alls by, 
And 'gainst Evil Counsellors did cry; 
Botehers left old clothes in the lurch, 
And feil to tum and patch the Church; 
Some cry'd the Covenant, instead 
Of pudding-pies and gingerbread; 
And some for brooms, old boots and shoes, 
BawFd out to purge the Common -House; 
m Instead of kitchen-stu£f, some cry 
A Gospel-preaching ministry; 
And some for old suits, coats, or cloak, 
No surplices, nor Service-book." P. I, C. ü, V. 631 — 52. 

Butler hat allerdings Recht ^ wenn er sich über diesen 
Eifer der presbyterianischen Fanatiker lustig macht^ die diese 
Beleidigung des Parlaments als ihrer Religion zugefügt be- 
trachteten; denn ihnen lag weniger an der Aufrechterhaltung 
der Freiheiten und Vorrechte des Parlaments und der ganzen 
Nation^ als an der Befriedigung ihrer wahren oder unwahren 
Gefahle und Zwecke hinsichtlich ihrer Glaubensprincipien*. 
Alle diese Bethätigungen frommen Eifers lässt der Dichter 
seinen Helden Hudibras, aus dessen Mund die Rede süsser als 
Honig geht; bei Gelegenheit seiner Rede an die Führer der 
Bärenhetze aufzahlen. Nicht weniger beredt zeigt sich Held 
Hudibras, als er im Verlauf seiner Rede auf die Anstrengun- 
gen des Parlaments und des Volks zur Ausrüstung einer 
Armee des nach der Flucht des Königs unausbleiblichen Bürger- 



* Eine Parallelstelle findet sich P. III, C. II, V, 1119—22. Vgl. 
auch Warbiirton a. a. O., S. 71. 



Rüd. Boxberger, Butlers Hudibras. 35 

kriegs wegen zu sprechen kommt. Mit komischer Ekstase 
schildert er, wie die heiligen ihr Silberzeug, wie die reichen 
Massen von Geld, die armen ihre letzte Habe auf dem Altar 
der guten Sache opferten; wie beredte Prediger die Flamme 
der Begeisterung schürten und das Parlament seine Ehre 
preisgab, um die Truppen zu vermehren*. Mit beissendem 
Spott ^geisselt Butler femer die Motive der presbyterianischen 
Eriegsführung; Hudibras stellt deren einen ganzen Katalog 
zusammen: 

„Für what design, what^interest, 

Can beast have to encounter beast? 

They fight for no espoused Cause, 

Frau Privilege, Fundamental laws, 

Nor for a Thorough Reformation, 

Nor Covenant, nor Protestation, 

Nor Liberty of Consciences, 

Nor Lords' nor Commons' Ordinances; 

Nor for the Church, nor for Church-lands, 

To get them into their own hands; 

Nor evil counsellors to bring 

To justice, that seduce the King." 

P. I, C. I, V. 759—70. 

An zahlreichen andern Stellen fasst unser Dichter alle 
diese Motive in die Devise zusammen „Covenant and Cause'' 
und legt diese Schlagworte seinem Helden überall da in den 
Mund, wo es gilt, den Krieg gegen den eignen König zu moti- 
vieren**. Als eifriger Boyalist kann er seinen Abscheu vor 
diesem Covenant nicht verbergen. So lässt er den Ritter zum 
vermeintlichen Teufel Balph in der Wohnung der Witwe 
sagen: 



* P. I, C. n. V. 561—612. Diese Opferfreudigkeit ist hißtorisch: 
vgl. Clarendon, Histoty of the Rebellion and Civil Wars (Basil. 1798), 
Vol. IV, S. 132—5; Hume a. a. 0. Vol. VI, ^. 422; Warburton a. a. 0., 
S. 73. 74. 

** Unter dem Covenant ist der „Solemne League and Covenant" zu 
vertrtehen, der znerst die Schotten gegen die Einftlhmng der englischen 
Liturgie vereinigte, und den dieselben 1643 an das englische Parlament 
schickten, um eine religiöse Einigung beider Königreiche zu erzielen, 
üeber die einzelnen Paragraphen des Covenant berichtet Hume a. a. 0., 
Vol. VI, S. 470; vgl. Whitelock a. a. 0., S. 69. 

3* 



36 Rud. Boxberger, Butlers Hudibras. 

„Ye 've 'spoused the Covenant and Cause 
By holding up your cloven paws." 

P. in, C. I, V. 1447—8. 

Ralpho gibt das Einverständniss der Teufel mit dem Cove- 
nant zu: 

T is true I grant, 
We made and took the Covenant." ebd. 1449 — 50. 

Man scheint ihn allgemein auf royalistischer Seite ein 
Machwerk des Teufels genannt zu haben: 

„The devil author 
0' th' Covenant, and the Cause bis daughter.^^ 

P. ni, C. n, V. 1245—6. ' 

Nicht weniger als den Covenant stellt Butler die „Cause" 
als einen Dom im Auge der Royalisten dar: er nennt sie des 
Teufels Tochter*. 

Vortrefflich eignet sich auch die Entwicklung der Inde- 
pendenten aus dem Schosse der Presbyterianer heraus für 
Butlers Satire: 

„As tbe Persian magi once 

üpon their mothers got their sons, 

Who were incapable t'eiyoy 

That empii'e any other way; 

So Presbyter begot the other 

Upon the Good Old Cause, bis mother." 

P. m, C. II, V. 13—18. 

Es ist ihm ferner herrlich gelungen, dieses ringen der 
beiden Secten nach der staatlichen Oberleitung, das wider- 



* Mit welchem fanatischem Eifer die Presbyterianer die Cause ver- 
fochten, geht aus einer Predigt hervor, die ein gewisser Bond hielt; wir 
finden sie bei Warburton (a. a. 0., S. 93 Anm.), wo es heisst: The Deity 
was very irreverently used in these men's language; after a defeat one 
of these preachers said, ^That God bad spit in their faces'. Mr. Bond, 
one of these presumptuous saints, preachiug at the Savoy, told his 
auditors, 'That they ought to contribute and pray, and do all they were 
able to bring in their brethren of Scotland, for setting of God's cause. 
I say, that is God's cause, and if our God has any cause, this is it; and 
if this be not God's cause, then thcre is no God for me; but the devil 
is got up into heaven'." 



Rud. Boxberj^er, Butler» Hudibras. 37 

streben der Presbyterianer und die Schliche und Ränke der 
Independenten zur Erlangung derselben zu satirisieren^ zu zeigen^ 
wie letztere bei der Unterwerfung der Presbyterianer dasselbe 
verfahren einschlugen, das jene bei der des Königs* beobach- 
teten. Dieser Ränke lässt er den Independentensprecher im 
8. Gesang sich rühmen: 

,)And yet, in spite of all your charms 

To conjure Legion up in arms, 

And raise more devils in the rout, 

Than e*er yVere able to cast out, 

Y' have been reduc-d, and by these fools 

Bred up (you say) in your own schools, » ^ 

Who, though but gifted at your feet, 

Have made it piain they have more wit, 

By whom y 'have been so oft trepann'd, 

And held forth out of all command; 

Out-gifted, out-impuls'd, out-done, 

And out-reveard at Carryinge-on, 

Of all your Dispensations worm'd, 

Out-providenc'd and out-reform'd ; 

Ejected out of Church and State, 

And all things but the people's hate; 

And spirited out of th' enjoyments 

Of precious, edifying employments, 

By those who lodg'd their gifts and graces, 

Like better bowlers, in your places." 1137 — 56. 

Besonders war es die Self-denying Ordinance, vermittelst 
deren es den Independenten gelang, Cromwell zum Haupt der 
Armee zu machen, die der presbyterianischen Hegemonie den 
Todesstoss versetzte. In Bezug auf erstere heisst es: 

„No sooner got the start to lurch 
Both disciplines, of War and Church, 
And Providence enough to run 
The Chief Commanders of them down, 
But carried on the war against 
The common enemy o' th' Saints, 
And in a while prevail'd so far, 
To win of them the game of war.** 

P. III, a n, V. 119—26. 



* To subdue the King war zum formelhaften Ausdruck geworden. 



38 Rud. Boxberger, Butlers Hudibras. 

Wir seheu, dass unser Dichter die Niederlage der Roya- 
listen durch die Independenten nicht zu leugnen vermiß; und 
so sehr er auch gegen sie und ihren Führer eifert^ so dient dies 
doch nur dazu^ uns auf ihren Scharfblick in militärischen und 
politischen Dingen aufmerksam zu machen. Er verspottet zwar 
die Reoiganisation der Armee durch Cromwell*, indem er den 
Zelotismus der Soldaten mit dem der Türken vergleicht, die 
mit entzücken dem Tod in« der Schlacht in Erwartung der 
himmlischen Freuden entgegengiengen**, verspottet die Beredt- 
samkeit der kriegerischen Prediger***, doch hatten die Roya- 
listen die Furchtbarkeit dieser so reorganisierten Armee igar 
wol empfunden. Durch all diesen Spott auf die wachsende 
Macht der Independenz fühlen wir die Freude hindurchklingen, 
die ein Royalist empfinden musste, wenn er sah, wie die 
Feinde seines Königs sich gegenseitig stürzten. Diesen Zeit- 
punct, in dem die Independenten sich als die Herren des 
Staates zu fahlen beginnen, fasst Butler in seinem Epos be- 
sonders ins Auge. Der Ritter Hudibras, noch immer an die 
Allmacht des Parlaments glaubend, praetendiert, dass der Inde- 
pendent Ralpho in allem seiner Meinung sei. Dieser dagegen, 
die Macht seiner Partei wol kennend, beharrt stets auf seiner 
Ansicht und behält immer die Oberhand. Hudibras und 
Ralpho sind die Typen ihrer Parteien: wenn unser Satiriker 
stets den Presbyterianer von dem Independenten geprellt wer- 
den lässt, so will er damit andeuten, dass die ganze presby- 
terianische Partei den Kniffen und Ränken der Independenten 
erlagf. Mit vielem behagen lässt Butler im 8. Gesang den 
Independentensprecher erzählen, wie es seiner Partei gelungen 
sei, den Separatfrieden der Presbyterianer mit dem gefangnen 
König zu durchkreuzen tt und durch einen Gewaltstreich Crom- 

• P. ni, C. II, V. 1123-30. 

** P. III, C, n, V. 111—8. In Butiera Remains, in dem Gedichte 
„On a hypocritical Nonconformist** finden wir einen vollständigen, mit 
satirischer Färbung durchgeführten Vergleich jener Schwärmer mit den 
Muhamedanem. The Poetical Works of Butler, Compl. Ed. (Manchester 
1845), S. 222. 

*** P. I, C. I, V. 9-12. 
t Vgl. Hume a. a. 0., Vol. VII, S. 93. 
tt P. in, C. II, V. 1256—60. 



Riid. Boxberger, Butlers Hudlbras. 39 

wells uiid seiner Armee das Parlament von sämtntlichen Geg- 
nern der Independenz mit einem Schlage zu reinigen'^. Das 
Los der Presbyterianer nach dieser Katastrophe entgieng dem 
Spott unsres Dichters nicht: 

„Poor Presbyter was now redue'd, 

Secluded, and cashier'd, and chous'd; 

Tiim*d out and excommunicate, 

From all afiFairs of Church and State, 

Refonn'd t' a reformado Saint, 

And glad to tum itinerant, . 

To stroU and teach from town to town, 

And those he had taught up, teach down, 

And make those uses serve again 

Against the New-enlighten'd men, 

As fit as when at first they were 

Reveal 'd against the Cavalier, 

Damn Anabaptist and Fanatic, 

As pat as Popish and Prelatic; 

And with as little Variation, 

To serve for any sect i' th' nation." 

p. m, c. n, V. 87—102. 

Wie naturgemäss es auch ist, dass die unterdrückte Secte 
der Presbyterianer nach der Hinrichtung Karls I. zu Gunsten 
der Monarchie reagierte, so will dennoch Butler von ihren 
Ansprüchen auf das Verdienst der Restauration nichts wissen 
und züchtigt diese Anmassung: 

„And yet for all this Gospel-union, 
And outward shew of Church-communion, 
They *d ne'er admit us to our shares 
Of ruling church or state affairs, 
Nor give us leave t'absolve or sentence 
T'our own conditions of repentance, 
But shar'd our dividend o' th' Crown, 
We had so painfully preach' d down, 
And forc'd us, though against the grain, 
T' have calls to teach it up again." 

P. III, C. II, V. 773—82. 

Der 8. Gesang, der mit den Abenteuern von' Hudibras 
und Ralpho gar nichts zu thun hat, ist der satirischen Schil- 



* Ueber Colonel Pride's Purge s. Hume a. a. 0., Vol. VII, S. 129. 



40 Rud. Boxbexger, Butlers Hudibras. 

derung der Ef^ignisse unmittelbar nach der Hinrichtung des 
Königs bis zum Eintritt der Restanration gewidmet*. Wir 
mQssen demnach, um das vorher in unbestimmten Umrissen 
entworfene Zeitgemälde fortzusetzen und zu Tollenden, dem 
Gedankengange Butlers in diesem Gesänge stetig folgen. 

Sehr ergetzlich schildert der Dichter zu Anfang dessel- 
ben die Zwiste unter Presbyterianem und Independenten**. Der 
Kampf ftr die ,,Cause'' ist mit dem Konigsmord bis zu seinem 
Ende gefbhrt: 

„The Good Old Cause, which some believe 
To be the devl that tempted Eye 
With knowledge, and does still invite 
The World to misebief with New Light, 
Had störe of money in her purse, 
When he (der Presbjterianer) took ^er for 

bett'r or worse, 
Bat now was grown deform'd and poor, 
And fit to be tum'd out of door." 103—10. 

Der Streit der Secten und der Einzelnen uutereiuauder 
entbrennt nun um die Theilung der Beute: 

„The saints engage in fierce contests 
Aboat their camal interests." Arg. 

Der Dichter stellt dar, wie einer, der im Ruf der höch- 
sten Heiligkeit steht, von seinen Brüdern gebeten wird, ihre 
Sache zu führen und sie alle um ihren Antheil betrügt**?. 
Diesen Privatzwisten der Republicaner stellt Butler die Einig- 
keit seiner eignen Partei gegenüber: 

„This when the Royalist'» perceiv'd 
(Who to their faith as firmly cleav'd, 



♦ Vgl. 8. 30. 

** So vortrefflich C8 auch unserm Dichter gelungen ist, diese klein- 
lichen Streitigkeiten der heiligen um absolut weltliche Dinge und die 
darin sich offenbarende unter der Maske der Frömmigkeit versteckte 
Habsucht derselben zu schildern, und so vortrefflich diese episodische 
Schilderung auch in das von ihm gezeichnete Gemälde des puritanischen 
Charakterd passt, so scheint sie dennoch völlig der historischen Basis zu 
entbehren ; wenigstens ist es mir nicht gelungen, in den von mir benutz- 
ten Quellen etwas darauf bezügliches zu entdecken. 
♦♦♦ 67-74. 



Rud. Boxberger, Butlers Hudibriw. 41 

And own'd the right they had paid down 

So dearly for, the Church and Crown), 

Th' nnited constanter, and sided 

The more, the more their foes divided." 163 — 8. 

Von Cromwells Protectorat und von den Ereignissen, 
welche in diese Periode fallen, finden wir nichts in unserem 
Epos. Wir dürfen aus dieser Thatsache wol den Schluss 
ziehen, dass die namhaften Vortheile, die infolge seiner Ver- 
waltung dem Land zu Theil wurden, selbst bei den Royalisteu 
Anerkennung fanden*. Dass Butler trotzdem • nicht umhin 
kann, das Ende Cromwells und das Schicksal seiner sterb- 
lichen Reste in den Bereich seiner Satire zu ziehen, beweist, 
von welch tiefem Hasse er gegen den Usurpator erfüllt war**. 
Der Dichter kommt nun auf Richard Cromwell zu 
sprechen, dessen kurze Verwaltung er in folgenden Versen 
verspottet: 

„Next him bis son and heir-apparent 

Succeeded, though a lame vicegerent; 

Who first laid by the Parliament, 

The only crutch on which he leant, 

^nd then sunk underneath the State, 

That rode him above horseman's weight." 231 — 6. 

Von dem kurzen Protectorat Richards springt der Dichter 
auf die Regierung, die unter dem Namen des Committee of 
Safety bekannt ist, über: 

„And now the Saints began their reign." 237. 

Während er bisher nur in einzelnen Stellen, die keinen 
Zusammenhang untereinander haben, oder, wo sie ihn haben. 



* Dryden feiert in seiner bekannten Ode, On the Death of Oliver 
Cromwell (written after his funeral) Olivers Protectorat in Rücksicht 
auf die Machtstelhmg Englands den Staaten des Continents gegenüber. 
The Poetical Works of John Dryden (Edinburg 1784) 3 Bde. 

** V. 215—26. Die Thatsache, dass Oliver während eines gewalti- 
gen Sturmes, der in ganz England und Frankreich wüthete, verschied, 
erwähnt Hume a. a. 0., Vol. VII, S. 282. Vgl. auch Waller, Poetical 
Works (Edinburg 1784) 2 Bde.: Upon the Death of the Lord Protector. 
Ueber das Schicksal von Olivers Gebeinen s. Deutsche Uebersetzung, 
S. 393 Anm. 



42 Rud. Boxberger, Butlers Hudibras. 

die Personen doch nicht redend und handelnd auftreten lassen, 
auf gewisse Ereignisse anspielte, lässt er jetzt, ganz in dra- 
matischer Manier, ein Stück der englischen Geschichte vor 
unsem Augen sich abspielen. Er lässt uns zuerst einer stür- 
mischen Sitzung dieses Committee of Safety, das aus 23 aus 
verschiedenen religiösen und politischen Secten gewählten 
Personen besteht, beiwohnen. Der angesehenste dieser Ver- 
sammlung ist Sir Henry Vane, der, wie Hume bemerkt*, „was 
a perfect enthusiast; and fancying that he was certainly 
favoured with inspiration, he deemed himself, to speak in the 
language of the times, to be a man above ordinances, and 
by reason of his perfection, to be unlimited and unrestrained 
by any rules which govern inferior mortals. These whimsies, 
mingling with pride, had so corrupted his excellent under- 
standing, that sometimes he thought himself the person deput- 
ed to reign on earth for a thousand years over the whole 
congregation of the faithful." Ausgezeichnet ist es unserem 
Dichter gelungen, in dieser Scene die Rathlosigkeit der ver- 
schiedenen Parteien dieser Periode zu schildern und die fröm- 
melnde Sprache, die Heuchelei und die Begeisterung der Sec- 
tierer lächerlich zu machen. Es handelt sich um die künftige 
Einrichtung des Staats: 

„Seme were for settin^ up a King, 

But all the rest for no such thing." 267 — 8, 

Einige wollen die Häupter der Armee am Staatsruder 
haben, andre verlangen das eben vertriebene Rumpfparlament 
wieder eingesetzt, wieder andre. Freunde der Armee, wollen 
das Staatswol in die Hände der sogenannten Agitators, die 
in dem Soldatenparlamente von 1647, das die Pläne des zu 
Westminster tagenden kreuzte, eine so beträchtliche Rolle 
spielten, gelegt vnssen. Mit dem herrlichsten Humor und 
dem beissendsten Witz werden dann die differierenden Ansichten 
der Presbyterianer imd Independenten dargelegt, die keines- 
wegs das öffentliche Wol im Auge haben, sondern viel- 
mehr die gegenseitige Unterdrückung**. Da es der Dichter 



* Hume a. a. 0., Vol. VII, S. 309. 
** In einer Sammlung von Loyalistenliedern aus jener Zeit (Anon. 



Rud. Boxbevger, Butlers Hudibras. 43 

auf diese beiden Secteu nur abgesehen bat, so lässt er sie 
wiederum in den Vordergrund treten. 

Einige andere Männer treten auf, die, im Gegensatz zu 
den eben geschilderten, die Nothwendigkeit der Restauration 
einsehen und jetzt eine Versammlung anberaumen, um zu be- 
rathschlagen, wie sie sich selbst in Sicherheit bringen. Es 
sind die Politiker jener Zeit, Leute, die das Gras wachsen 
hören: Mr. HoUis, Sir Anthony Ashley Cooper, Grimstone, 
Annesley, Manchester, Roberts und einige andere, die sich 
tief in die damalige Politik eingelassen haben und nun die 
nahe bevorstehende Umwälzung fürchten; sie sind zugleich 
Mitglieder des Rumpfparlaments, „quacks of government^ nennt 
sie unser Dichter: 

„The quacks of govemment (who sat 

At th' unregarded heim of State, 

And understood this wild confusion 

Of fatal maduess and delusion 

Must, sooner than a prodigy, 

Portend destruction to be nigh) 

Consider'd timely how t' withdiraw, 

And save their wind-pipes from the law/' 333 — 40. 

Diese ehrenwerthe Gesellschaft belegt Butler mit dem 
bezeichnenden Namen „Cabal"*. Auf zwei ihrer Mitglieder 
geht er näher ein; der eine ist Ashley Cooper, Vater des 
durch seine Schriften so berühmten Earl of Shaftesbury: 

„*Mong these there was a politician 
With more heads than a beast in vision, 
And more intrigües in ev'ry one 
Than all the whores of Babylon." 3öl — 4. 

Der ihm von unserem Dichter beigelegte Charakter findet 
sich auch sonst bestätigt**; vermittelst seiner ausführlich ge- 

Ausg. [London 1812], P. III, C. II, Anm. zu V. 272) hat jenes Committee 
folgende Beschreibung gefunden: 

„So here's a Committee of Safety, compounded 
Of knave, and of fool, of Papist and Koundhead; 
On basis of treason and tyranny grounded/* 
* During some years the word Cabal was popularly used as syno- 
nymous with Cabinet. Macaulay a. a. 0., S. 208. 
** Hume a. a. 0., Vol. VII, S. 447. 



44 Rud. Boxberger, Butlers Hudibras. 

schilderten Künste* sieht er die Zukunft voraus; imd da er 
bei allen gegen die Regierung gerichteten Unternehmungen 
seine Hand im Spiele gehabt hat, so ist er bei dieser in Aus- 
sicht stehenden neuen Wendung der Dinge entschlossen, 

„To do to the utmost his best, 

To save himself and hang the resi" 419 — 20**. 

,,To match tbis Saint there was another, 
As busy and perverse a Brother." 421 — 2. 

Der im folgenden geschilderte Charakter passt auf den 
Obersten John Lilburn, dessen 

„Tongue ran on, the less 
Of weight it bore, with greäter ease, 
And with its everlasting claek 
Set all men's ears upon the rack." 443 — 6. 

Er war ein wegen seines ausserordentlich streitsüchtigen 
Temperaments berüchtigter Mann, so dass der Richter Jenkins 
von ihm gesagt haben soll: „That if the world was complied 
of all but himself, Lilburn would quarrel with John, and 
John with Lilburn***. Der Dichter lässt nacheinander den 
Presbyterianer John Lilburn und einen Independenten reden; 
ihre Expectorationen sind natürlich darauf berechnet, die 
Glaubensgrundsätze und die Meinungsverschiedenheiten beider 
Secten in satirischer Beleuchtung darzustellen. Jede Partei 
sucht den Vorwurf, die gegenwärtige Krisis herbeigeführt zu 



* V. 361—78. 

** In der That gelang es ihm später das Vertrauen Karls IL zn ge- 
winnen und die Seele der eigentlichen Gabal zu werden. Aber als der 
König nicht den Muth zeigte, seine ausschweifenden Pläne betreffs der 
völligen Vernichtung des Protestantismus und der Herstellung einer 
unbeschränkten Monarchie zu billigen, so machte er auf einmal wieder 
kehrt und vertrat die Sache der Nation. Macaulay a. a. 0., S. 220. 

*** Compl. Ed., P. III, C. II, S. 17 Anm. Der deutsche Uebersetzer 
(S. 407 Anm.) behauptet, Butler begehe hier einen Anachronismus durch 
Einführung dieser Persönlichkeit in die Versammlung, besagter Lilburn 
sei schon im Jahre 1657 gestorben. — Nach der Behauptung desselben 
Uebersetzers wurde diese Cabal zu Whitehall gehalten, gerade zu der 
Zeit, als General Monk mit den Vertretern der City zu Guildhall speiste. 
Uebers., S. 410 Anm. 2. 



Bud. Boxberger, Butlers Hudibras. 45 

haben^ der andern zuzuwälzen. Zugleich wird die Gelegenheit 
benutzt, eine kurze üebersieht des entstehens, der Ausbreitung, 
Führung und des Sinkens dieser Secten zu geben; das wich- 
tigste davon ist geeigneten Orts schon mitgetheilt. Der letzte 
Sprecher macht schliesslich den Vorschlag, eine Einigung 
beider behufs kräftigen Widerstands gegen die Wiederein- 
setzung der Monarchie zu bewirken. In diesem Augenblick 
wird er durch einen Mann unterbrochen, der athemlos in das 
Zimmer stürzt und die Schreckensnachricht bringt, dass das 
Volk das lange Parlament in efßgie, in Gestalt von Rümpfen, 
verbrenne. 

General Monk nämlich, der an der Spitze der schottischen 
Armee stand, hatte sich für den Vorkämpfer des unterdrück- 
ten Bürgerthums erklärt und erzwang vermöge seines rasch 
erlangten Ansehens die Wahl eines neuen, vollständigen Par- 
laments*. Damit hatte das Rumpfparlament, welchen Namen 
das lange Parlament nach Colonel Pride's Purge führte, sein 
Ende erreicht, 

„That, after sev'ral rüde ejections. 

And as prodigious resurrections, 

With new reversions of nine lives, 

Starts up, and, like a cat, revives." 1627 — 30**. 

Auf die masslose Freude des Volks über die Auflösung 
des Rumpfs, .die sich in den ausgelassensten Demonstrationen 
äusserte***, spielt unser Satiriker in folgenden Versen an: 

„And 't is a miracle we are not 
Already sacrific'd incarnate; 
For while we wrangle here, and jar, 
We Ve grilly'd all at Temple-bar; 
Some, on the sign-post of an alehouse, 
Hang in effigy on the gallows, 



* Vgl. Hume a. a. 0., Vol. VII, S. 313. 
** Der Rumpf wurde aufgelöst von Cromwell und seinen Officieren 
im April 1663, wieder eingesetzt am 6. Mai 1659, wieder aufgelöst am 
13. October und wieder eingesetzt am 26. December 1669. Die letzte 
Auflösung des Rumpfs fand in jenem Zeitabschnitt statt, den Butler so 
lannig beschreibt 

*** Vct], Hume a. a. 0., Vol. VII, S. 313. 



4G Hud. boxberger, Butlers Hudibras. 

Made iip of rags, to personate 

Bespective officers of State; 

That henceforth tbey maj stand reputed, 

Proscrib'd in law and executed, 

And, wbile the work was can*ying on, 

Be ready listed under Dun." 1523-34. 

Besonders macht er den bekannten Sir Arthur Haz- 
1er ig* zur Zielscheibe seines Witzes: 

„That worthy patriot, once the bellows 

And tinder-box of all bis fellows; 

The activ'st member of the five, 

As well as the most primitive: 

Wbo, for bis faithfal Service tben, 

Is chosen for a fifth again: — 

(For since the State bas made a quint 

Of Generals, be 's listed in 't:) — 

Tbis worthy, as the world will say, 

Is paid in specie bis own way; 

For, moulded to the life in Clonts, 

Tb' have pick'd from dnnghills hereabouts. 

He 's mounted on a bazel bavin 

A cropp'd malignant baker gave 'em; 

And to the largest bonfire riding.'* 1535 — 49**. 

Als jener Unglücksbote nach einer Lobrede auf den Rumpf 
sich auf einen Vergleich der früheren Grosse desselben mit 
seiner gegenwärtigen Lage und eine Schilderung der Strafen, 
welche die Konigsmörder zu gewärtigen haben, einlassen will, 

„A near and louder shout 
Put all tb' assembly to the rout" 1665 — 6. 

Der Pöbel nämlich hat unterdessen die. Verbrennung der 
Rümpfe beendigt und setzt sich nun nach Whitehall und 



* Denselben cbarakterisiert Humea. a. 0., Vol. VII, S. 309: „Hazel- 
rig was baugbty, imperioas, preeipitate, vain-glorious; witbont civility, 
witbout pmdenee, qualified only by bis noisy, pertinacions obstinacy to 
acquire an ascendancy in public assemblies." 

^ Als conseqnenter Republicaner ist Haslerig (Home: Hazelrig, an- 
dere: Haderigge) dem Spott Butlers ganz besonders verfallen. Ob und 
wie weit die an ibm in effigie vorgenommene Procedur, der unser Dicbtcr 
eine so eingehende Scbilderung widmet, bistoriscb ist, babe ich nicht 
ermitteln können. 



Kud. Boxberger, Butlers Hudibrajs. 47 

Westminster zu in Bewegung, wo diese Versammlung ihre 
Sitzung hält. Die Mitglieder, erschreckt über den wachsenden 
Tumult, und aus Furcht, die Behandlung, die der Pöbel eben 
in efßgk an ihnen vorgenommen hat, in Wirklichkeit zu er- 
leiden, stürzen Hals über Kopf davon, um ihr Leben in Sicher- 
heit zu bringen: 

„Nothing prov'd so formidable 

As th' horrid cookery of the rabble; 

And fear, that keeps all feeling out, 

As lesser pains are bj the gout, 

ßeliev'd them with a fresh supply 

Of rallied force, enough to fly, 

And beat a Tuscan running-h'orse, 

Whose jockey-rider is all spurs. 1683 — 90. 

Bis zu dieser Auflösung des Rumpfparlaments geht Butler 
in seiner Satire; wir erfahren nichts von der Restauration 
selbst: seine Absicht war, nur die Zeit von der Einsetzung 
des langen Parlaments bis zu seinem kläglichen Ende in den 
Bereich seines satirischen Epos zu ziehen. 



Eine „englische Komoedie".* 

Ain Engellendifche Comedia mit vieren Perfonnen. 
Edlman: Paur: Peurin: Frau vom Adl: 

Edlman: Einsmalß ' fpaciert ich über feit, in ain Wißen war 
Grüen, Begegnet mir ain fchönes Bilt Barfaeß ohne Schuch. 
Gott grüeß euch Edles Schönes Bilt: 
Peurin: Willkhomb Junkher Schön, 



* Wir entnehmen dieselbe dem 2. Bande der leider in einem schlech- 
ten Zustande der Erhaltung sich befindenden und theilweise sehr nach- 
lässig und unleserlich geschriebenen Dresdner Handschrift H 6d, deren 
Inhalt ein buntes allerlei von Notizen und Briefen, poetischen imd haus- 
wirthschafblichen Aufzeichnungen, architektonischen und heraldischen 
Malereien u. a. m. bildet. Der Zeit nach verdanken diese Collectaneen 
den Jahren des zweiten bis fünften Jahrzehnts des 17. Jahrh. ihre Ent- 
stehung. Als Sammler lassen sich angehörige einer vornehmen öster- 
reichischen Familie, die Brüder Wolf Christoph (geb. 1589) und Georg 
Christoph v. Schallenberg (vgl. Zedlersches üniversal-Lexicon. 6d. 34. 
Sp. 833 f.) erkennen, welche beide als Adressaten der aufgenommenen 
Briefe vorkommen. Der Bestimmungsort eines von Christoph Ernst von 
Schallenberg an seinen Vater Georg Christoph unter dem Datum Venetiis 
2. Jim. 1634 geschriebenen Briefes war Linz. Aus dem Inhalte der 
beiden Bänd.e verdient angeführt zu werden: ,,Contrfeit meiner Studir 
Stubn zu Tübingen jhns D. Zieglers hauß ihn der Nekhrgassen gögen 
dem Drörth hinauß mitt meiner Hand A^ t612 abgemahlen", ^ySertum 
.... repraesentatum Christophoro a Seh. in Leyenbach et Leuten Caes. 
MoQ, ad inferiorisÄusiriaeregimencansiliario^'' unterzeichnet M. Joannes 
Joannis Gigas Joachimicus, Distichen von Hieron. Anonatus P. L. 
^,Magnifico et Nobilisnmo Domino Chriatophoro Seh. cu, Sac. Ces. 
Majest. Cansiliario et pontium navMum in Expeditione Hungarica 
aumtno Curatori^ In obitum ejusdem^' [er ist noch nicht 40 Jahre alt 
geworden], „Carcer meus^ Lynz 1627", Verzeichniss der Holzschnitte und 
Kupferstiche in der Sammlung eines Schallenberg, „Glückh ZeÜn [in 
Versen] so Ao. 1620 gehebt worden an der heyligen drey khönig tag", 
ds^l. von 1613, mit den Namen der ziehenden, „poetischer Glflckshafen 



Eine „englische Komoedie". 49 

Edlman: Wiewoll ich offt eur Lieb verhofift Aber jch Heb 
woU Nein 

Peurin: Mein Lieb jft wahr vnd fo jfts [ichs] mein, Aber 
nicht zue Euch, Mein Haußwiert weill ich Lebe, Beweiß ich jm 
Lieb vnnd Treu. 

Edlman: Goldt vnd Ehlaider geb ich euch jch werde lie 
khauffen zue Theur, dz foll doch gar khain mangl haben, 

Peurin: Ich beger nicht eurer Steur: 

Ob jhr gleich Hoch vom Adl feith vnd habt Gnueg zuuerzern, Be- 
triegt ihr mich nicht durch eur gab vnd zieht mich nicht zue vnehrn. 



1622", „das gülden ABC der Liebe", „ein Pasquill, welches Ao. 1626 
zu Wien an S. Steffans Kirchen affigiert ist mier von Job Hartman 
Ennenkhl communiciert worden'^ [Anfang: „Aller weit thun ist narren 
tant^ Kein rechte tugent hat khein bstant" — , lauter Reime auf ant, 
mit dem Worte Patriphilant zum Schlüsse], ein Gedicht „N. ö. Begie> 
rungs Feyrtagen Ferien vnd Eecretationes (so!)" [Anfang: „Ich hab offt 
gehört die Regierung sey, | ein Rechte Schnei darinnen, | Man sitzen 
mueß gar steths darbey, | thue ich mich aber besünnen, | so mueß ich 
dier anzaigen schier, | Wie y unser alter Helte, | Herr Hans mit Nam 
des Edlen stam, | Von Sintzendorf erzelte, | Die Feyrtäg deren Regennten 
zwar, I Wieuil ihr habt zufeyren, | u. s. w." Schluss: „Diso Raittung 
zwar thuet zum neuen Jahr | Dein Knecht Ferment dier schenkhen | Dar 
wier mit Ehren, des freudin heiTu | Darbey baidt wollen gedenkhen"], 
Trias Viennensis ex urhis hominiinique geniis lusa [Anfang: ^^Tria sunt 
quae urbis Viennensis dignitatem tuentur'^ 47 derartige Triaden]. Hier 
und da begegnet man in der Sammlung auch kleinen Drucksachen, 
z. B. einem Drucke des Liedes vonTollingers Turnier mit dem Türken 
(offiies Blatt in fol. gedruckt in italienischer Cursive 1631 für Wolff 
Christoff Tollinger von und zu Grünau und seine Geschwister, ihren 
Voreltern zu Ehren und ihnen zur Nachfolg. Der Text stimmt in der 
Hauptsache mit demjenigen überein, welchen Ch. G. Gumpelzhaimer, 
Regensburg's Geschichte Abth. 1. Regensb. 1830. S. 123. f. einer in 
Regensburg aufbewahrten, zum Eigenthum an dem betreffenden Hause 
am Rathhausplatze gehörigen Pergamenthandschrifb entninmit. Anfang: 
„Es rieth ein Tvrck avs Tvrgkenlandt | Das Stechen wardt Ihm wol 
bekandt"). 

Die hier mitgetheilte Komoedie habe ich in der Form abdrucken 
lassen, wie ich sie in der Handschrift fand. Dieselbe gehört wahr- 
scheinlich zu der Gattung der Singekomoedien , welche in der ge- 
druckten Sammlung englischer Komoedien und Tragoedien vertreten 
ist Leider fehlt ein Anhalt zur genaueren Bestimmung der Zeit ihrer 
Entstehung. Dass englische Komoedianten in Graz, Prag und Wien 
aufgetreten sind^ ist schon früher bekannt gewesen (vgl. A. Cohn, 
Shakespeare in Germany. London, 1865. 4^. 

Abchiv f. Lttt.^Oksgh. VI. 4 



50 Eine ,,engli8che Komoedie". 

Edlman: Eur grofße Schönheit zwinget mich vnd Krenkhet 
mier mein Herz: 

Peübin: Eur vnkheufchheit betriebt mich fehr, vnd bringt 
mier grofßen Schmerz: 

Edlman: Alß was ich Hab dz gib ich euch, dorzue eur Puel 
will fein , Darauf habt jhr mein hertz vnnd handt, 

Peuren: des gleichen jhr auch mein. 

Edlman: Ach fagt mir aber Wan folt ich dan meiner Lieb 
geniefßen. 

Peurin: heut zur nacht drauf worth fo Lang, vnd Lofft euchs 
nicht verdriefßen. 

Mein mon jft vber Feldt verreifCt, vber Perg vnd Thall, vnd 
khombt heut wider nicht zue Hauß, den er thuet fchult einhoUn. 

Edlman: So nimb ich vrlob von eur Lieb, 

Peürin: Khombt bei rechter Zeit, 

Edlman: Vnd wann ich khomb fo lafft mich ein, 

Peürin: eur Pedt jft fchan bereith. 

Jetzt Redt Die Peürin mit jhr felbft: Jetzt will ichs meim 
man alß offenbam, was er zu mier Hot gefagt, Jch Hoff fein Lieb, 
durch meine Lieb, werdt vmb fonft fein gemacht. 

Jetzund Khombt Der Paur haimlv vnd redt mit ihm felbft. 

Es hot khain Paur im dorff khain Pefßer Lebm, den ich allain, 
vnd wos mein frau thuet gebm, £ie jft fchön, Kheufch vber die maß, 
Jhr Lieb zue mir ße nimermehr verloßt. 

Peürin: Jch fag euch dankh mein Lieber Hannß jhr preißet 
mich zue fehr, 

Paür: Verzeih miers drein habs nicht vermeint dz du werft 
jtzundt hier. 

Peürin: Wan ihr wüfßet vnd wos jch weiß, jhr wuert mich 
nicht fo fehr Loben vnd preißen, dieweill ihr auß Hobt euren weg 
genomen, Hob ich derweill ain reichen Puel bekhomen, er jft gegn 
mier fo fehr verliebt, er weiß nicht wer* nicht wos er thuet, dz 
macht dz ich jhn wider Lieb er Gibt mier Gelt vnd Guet: 

Paur: Warlich mein drein dz thuet mier nicht gefallen Dein 
worth thuen mier in meine obren erfchallen es jft khain junckher 
in dißem Ganczen Landt, der mier mein drein folt nemen auß mein 
Handt, Drumb fag miers Drein vnd wer er jft, vnd wer er noch fo 
Khlueg, Dein Ehre zue bedekhen, wog jch mein junges Bluet: 

Peürin: Es jft junkher Franciscus, der wohnt alhie jm Schloß, 
Dem hab ich Geßtem zuegefagt zue fchlaffen in feinem Schoß, Aber 
feit nuer zuefriden vnd Lafft den Zoren Stillen, fo wert ihr woU 
erfaren wie ich jhm will bezallen. 

Paur: wie khan dz fein herzliebe drein, 



* Am inneren Rande der Seite nicht deutlich lesbar. 



Eine ,,engli8che Komoedie'^ 51 

Peurin: Gor woU mit weniger müeh, 

Paur: So Tag mirs drein fo will ich auch mein Roth geben dorzue: 

Peurin: So foltu jezt zue feiner Hauffrau Gehn, vnnd fogen 
fie folt khomen zu mier allain, da wollen wier guet roth zuefamen 
fchaffen , vnd jhn belohnen dz ihr damoli wert lachen , diiimb Lauff 
gefchwindt mein Liebe[r] drein, fonft möchts der Junkher erfahren, 

Paur : Jezt Lauf jch hin mein Liebe drein , mein fleiß will 
jch nicht fparen. 

Jetzt redt die Peurin mit jhr felbft. 

Peurin: Jezt mueß jch all mein wüz zufamen fuechen, fouft 
wuert der junkher mein Arbeit thuen fluechen, es fchadt doch nichts, 
mein Treu will ich beweißen ßeh wie er khombt noch meinem 
wuntfch, jezt ift dz anfang, 

Edlman: wie ftets mein fchaz. 

Peurin: gar woll mein herr, jch wort eur mit verlangen. 

Edlman: So khomb mein Schaz vnd Loß vns gehn Hinein, 
mich thuet verlangen, bei euch zue fein allein. 

Peurin: gehet ihr nuer Hin ich hab noch was zue erberben, 
damit mein man nicht khombt darzue vnß baider will verderbet: 

Edlman: Jch fag euch dankh füer eure Sorg, jch bitt khombt 
halt zue mier. 

Peurin: hob du khain zweifei an meiner Lieb jch will halt 
fein bei dier: 

Jetzt Wexelt die Peurin mit der Frau Vom Adl Khlaider. 

Peurin: So wexel die Khlaider mit mier Bolt vnd gehe zu 
jm Hinein, 

Frau Vom Adl: Von Herzen gehm Drein Hülff mier nuer 
jch will bolt bei jm fein: 

Peurin: Wos denkhftu jetzt mein Jjieber Hanß vber mein 
Argen Lüfft: 

Paur: Die Schönfte vnd die Khluegfte frau in vnßerm dorff 
du Bift, 

^ezt maint junkher Francifce, er lag bei dier im Bett, Ehe dz 
folt fein wolt ich Lieber dz ich khain Leben Het. 

Peurin: Ich Lieb dich mein Hannß vber die weit. Dein Ar- 
muet macht mich reich, Hunger vnd Dürft Leit ich mit dier es 
gilt mier alles gleich. 

Jetzt nimbt der Edlman von feiner Frauen fo er die Peurin 
zu fein geweßen vermaint vrlab. 

Edlman: Ade mein Schaz mein Ainiger Trofft, Ich will dein 
Gunfft belohnen, deine bewüßen Liebe, Loß dich nicht betrüebn, 
da hoftue ain Hundert Cronen. 

Vnd alß ain Zaichen meiner Lieb, nimb du den Ring von 
mier. Deine Lieb vnd Holt, Acht jch für rottes Golt, mein fchoz 
dz Khlog jch dier: 



52 Eine „englißche Komoedie". 

Ich hob euch Altzeit Gliebt: Frau : Ach Gott es mag fo fein, 
jch fürchte eures weibs, eur weib jst weiß vnd Khlueg, fie mags 
erfohren thuen Alß don ifts mit mir verlohm. 

Edlman: Mein Weib^ mein Leib, mein Lanndt mein Ouett, 
vnd alles wos jch hob, folt mich nicht dohin malBen eur fchönheit 
zuuerlalBen es folt fein Biß in den Todt. 

Ehe ich mein Lieb ob wenden thue, ehe wüntfch jch mir den 
Todt, Frau: Ihr hobt mirs ofit gefchworen es jst doch alß ver- 
lohren, jhr wert mich noch bringen in Nott. 

So lafft eur Lieb StandtHofftig fein. Edlman: Es foll fein biß 
Todt: Frau: Ich fürchte eures weib, Edlman: Wen ich eur freundt 
nuer bleib, mit ihr hots gor khain nott. 

Jetzt Khombt der Paur mit feinem Weib fo der vom Adl 
Khlaider an hot, 

Frau: Ach wehe vnd Angfb, wer khombt alda Behüet Gott es 
jft mein man, Edlman: vnd mein frau domeben, Ich wolt vill 
Golts drumb geben zu wüfßen was He weiten hau. 

Faur: Khomb her mein Drein, vnd fog es mier, wos macht 
der Junkher bei dier, Frau: Ich will euch alles fagen. Wen ihr 
mich nicht wolt fchlagen, [Paur:] khomb her, vnd fog es mier. 

Frau: Warumb jft eur angefleht Bedekht: 

Edlman: Ich fchamb mich meiner Thatt, Frau: Warumb feit 
ihr fo rott, Edlman: Ich wolt dz ich wehr Todt, Frau: eur Angft 
khombt vill zu fpott. 

Edlman: Ach wehe vnd Angft es jft mein Weib wie bin jch 
jetzt betrogn: Frau: es jft euch recht gefchehen eur Hauß jft euch 
zue Khlein jr feit nicht mehr meiner Lieb gewogn. 

Edlman : Ach Liebe Frau vergebt mier dz es -folt nicht mehr 
gefchehen, Frau: Ich bin des woU zue friden, wen jhr die Zeit 
eurs Leben ain folche Buefße thuet. 

Aber Nochtber Hannß nimb du dz Gelt von mier, du hofts 
verdient gegn mier, damit du vnd dein weib, mögt Leben in grofßen 
freuden Du hets verdiennet mehr dorzu: 

Paur: Junkher Francifchee hört mier zue, jch will euch etwos 
fagn, es thuet aim Haußmon wehe, wen ainr bricht die Ehe, 
Khain gröfßere fchandt jft auf Erdt. 

Aber khombt Herein, wier wollen frölich fein, mein weib 
thuet mier gefollen, Guet freundtfchofft wollen Wier Hobn, All 
Zorn foll fein begraben, Ade zu gueter nocht. 



Tilly nach der Schlacht bei Breitenfeld. 

Das Jahr 1631 zeichnet sich, wie durch die Wichtigkeit 
der Ereignisse, welche es herbeigeführt, so auch durch die 
Menge der poetischen Producte, zu denen es den Stoff ge- 
boten hat, in der Geschichte des Dreissigjahrigen Krieges 
und der gleichzeitigen Litteratur aus. Neben der Periode von 
1620 bis 1622 hat im Verlaufe der dreissig Kriegsjahre der 
zweijährige Zeitraum von 1631 bis 1632 die grösste Anzahl 
von historischen Liedern und politischen Dichtungen hervorge- 
bracht, und zwar sind in diesen letzteren Jahren vorzüglich 
die Zerstörung Magdeburgs (im Mai 1631) und Tillys Nieder- 
lage bei Breitenfeld (7/17 September 1631) diejenigen Er- 
eignisse gewesen, welche die Entstehung einer reichen poeti- 
schen Litteratur veranlassten. 

Die Erregung der Gemüther, welche der Fall Magdeburgs 
im Gefolge hatte, konnte nur durch eine Begebenheit, wie 
die Schlacht bei Breitenfeld, gesteigert werden, durch welche 
das Verhältniss der kriegführenden Parteien sich nach so 
kurzer Zeit völlig verkehrte, Tillys kriegerische Erfolge so 
rasch von der Höhe, welche sie erreicht zu haben schienen, 
herabsanken. Beide Ereignisse verbanden sich im bewusst- 
sein der Zeitgenossen mit einander auf das engste: wer nicht 
ligistisch dachte, dem bedeutete der Tag von Breitenfeld die 
' unverhofft schnelle und ausgibige Rache für Magdeburg. Da- 
mit war denn der Ausgangspunct für einen grossen Theil der 
hier zu besprechenden Dichtungen gegeben. Tillys Persön- 
lichkeit mehr als die des Schwedenkönigs beschäftigte nach 
der Schlacht bei Breitenfeld die dichtenden Zeitgenossen, er 
vor allen war der Gegenstand der wahren oder als wahr 



54 Tilly nach der Schlacht bei Breitenfeld. 

cursierendeu Erzähliuigeii, welche von den Dichtem aufgefasst 
und in poetischen Bildern verWerthet wurden. 

Wenn wir zu den Einzelheiten übergehen, so fallt in den 
durch die Breitenfelder Schlacht veranlassten poetischen Pro- 
ducten zunächst das häufige wiederkehren eines Darstellungs- 
niotivs auf, das darin besteht, dass Tillys Niederlage mit 
einem verunglückten Confectschmause verglichen ist. unter 
jenen Dichtungen ist kaum eine, in welcher dieses Bild nicht 
wenigstens beiläufig vorkäme, in mancher gibt es die Grund- 
anschauung her, auf welcher die Ausführung des ganzen be- 
ruht. Um dies zu erklären, hat man sich auf die „Confect- 
liebhaberei" der kaiserlichen Heerführer bezogen, in deren 
Requisitionen auch allerhand Specereiwaaren eine auffallende 
Stelle eingenommen hätten. In der That ist einem unter dem 
Titel „Neugedeckte Confect-Tafel" erschienenen Gedicht ein 
„Küchen und Tafelzettel, so General Tylli Abends vor der 
Schlacht von Leiptzig begeret" beigedruckt, in welchem bei- 
spielsweise 12 Tonnen frische Lax, 100 Holländische Käse, 
80 Pf. vberzogen Aniß, 80 Pf. candirt Confect vorkommen.* 
Allein es ist zu bezweifeln, dass dieser Küchenzettel als histo- 
risches Document verstanden sein will oder durch andere 
Quellen als solches Bestätigung empfienge, und wenn wirklich 
die Art der Tillyschen Requisitionen zur Verspottung heraus- 
gefordert hätte, so bliebe doch unerklärt, wie es gekommen 
sein sollte, dass so zahlreiche, rflich ausserhalb der zunächst 
betrolBFenen Gegenden entstandene Dichtungen in Tillys Miss- 
erfolge nichts wichtigeres gesehen hätten als den Contrast 
zu einer lächerlichen Naschgier. Das richtige ist: man muss 
das „Leipzigsche Confect*' bildlich verstehen und sich über- 
zeugen, dass diesem Bilde Vorstellungen zu Grunde liegen, 
welche schon vor der Breitenfelder Schlacht verbreitet waren. 
Zum Beweise dienen die Stellen, welche ich unten folgen lasse. 

Der Anfang eines im Jahre 1631 oder wenig später ent- 
standenen Gedichtes, welches sich betitelt: „Nach dem leip- 
zigischen Confect etliche Schau-Essen" und sich bei Opel und 



* vgl. L. Bechstcin in seinem Deutschen Museum. Bd. 2. Jena, 
1843. S. 261 f. 



Tilly nach der Schlacht bei ßreitenfeld. 55 

Cohn, der Dreissigjährige Krieg (Halle, 1862. S. 274—277) 
nach dem in Göttingen befindlichen Originaldruck abgedruckt 
findet, lautet: 

„DIeweil jetzund nun etlich Jahr 
Vom Gegentheil ausgeben war 
Uns zum Herzleid, Trotz und Despect, 
Daß man Chur-Sachsen zum Confect 
Werde bebalten bis aufs Letzt, 
Dann soll er auch werden aufgesetzt, 
Daraus dann klärlich zu verston, 
Daß die ganz Reformation 
Wurd vergHchen einer Mahlzeit; 
Und als nun dieselb war bereit, 
Wurden viel Land und Fürstenthum 
Grafen, Herren, Reichsstadt in Summ 
Bis auf das Bein abgnaget gar. 
Darnach die Sach also bstellt war, 
Daß es jetzt sollt an Sachsen gehn, 
Als das Confect^ thut recht verstehn! 
Kamen die Gast ganz häufiglich 
Und lagerten vor Leipzig sich/^ 
„Die Stadt trug gar bald auf mit Fleiß 
Viel Zuckerzelten roth und weiß." etc. 

Im Verlaufe dieses Gedichtes wird dann erzählt, dass der 
Low von Mitternacht* das „erste Schau-Essen", „vor Leipzig 
die Hauptschlacht", nächstdem die Städte Würzburg und Mainz 
vorsetzte, dass femer Kur -Sachsen mit Prag und der Land- 
graf in Hessen mit Fulda aufwarteten und nur noch ungewiss 
sei, wie es mit dem Schlaftrunk gehen werde. 

Im Ansqhluss hieran muss die nachfolgende Angabe er- 
wähnt werden, welche sich bei Gervinus (Geschichte d. d. 
Dichtung. Bd. 3. 4te Ausg. S. 302) an der Stelle findet, wo 
er von der politischen Poesie aus der Zeit des Dreissigjährigen 
Kriegs handelt: „Es ward ein Stück ausgegeben, wie die ver- 
schiedenen deutschen Länder zum Schmaus aufgestellt und 



* Auf den goldfarbenen Löwen von Mittemacht deuteten schon die 
viel berühmten Visionen des Schulmeisters Lorentz Bscherer in Alt- 
statt in der jungerf Pfaltz aus den Jahren 1627 — 1629. Vgl. „Kön : 
Schwed : Victori Schlüssel'* 1631. 4. S. 16 f. 



56 Tilly nach der Schlacht bei Breitenfeld. 

abgenagt waren, Chursachsen war bis zuletzt zum Confect 
aufgehoben. Das Gegenstück sagt nun: Leipzig sei es auf- 
getragen gewesen, das Confect vorzutragen, da aber sei der 
nordische Lowe gekommen und habe die Leipziger Schlacht 
wie auch die Städte Mainz und Würzburg, Chursachsen habe 
Prag, der Landgraf Fulda aufgetragen, und wie es mit dem 
•Schlaftrunk gehen werde, müsse die Zeit lehren." Das „Gegen- 
stück", von dem hier Gervinus redet, ist oflfenbar jenes Blatt: 
„Etliche Schauessen", von dem wir wissen, dass es in einer 
in der Göttinger Bibliothek befindlichen Sammlung von Ein- 
blattdrucken aus der Zeit des Dreissigjährigen Krieges ent- 
halten ist, die er als seine Quelle ausdrücklich anführt. Da- 
gegen ist eine Satire, welche ein verschmausen und abnagen 
der deutschen Länder und unter diesen Sachsen als Confect 
darstellte, weder in Göttingen noch in einer anderen der 
von Opel und Cohn (s. S. 468) benutzten Sammlungen vor- 
handen. Man darf daher annehmen, dass Gervinus eine solche 
Satire selbst nicht gesehen, sondern auf ihre Existenz nur 
aus den (oben mitgetheilten) Eingangs versen des „Gegenstücks" 
geschlossen und die Beschreibung, welche er von ihr gibt, 
ihnen entnommen hat. Dabei ist ihm aber, wie ich glaube, 
ein Irrthum widerfahren, den besonders eine missverständliche 
Auffassung des Wortes „ausgeben" in jenen Eingangsversen 
verschuldet hat. Denn diese besagen nicht, dass von der 
Gegenpartei ein satirisches „Stück", ein litterarisches Product 
„ausgegeben", ediert ward, sondern dass eine gewisse Parole, 
welche ihre Willensmeinung ausdrückte, von ihr ausgegan- 
gen war*. 

Ganz das gleiche vermelden nachstehende Verse eines 
„Epigramma über ergangenen unserer Feinde Niderlage" (ab- 
gedruckt bei Opel S. 257 f. aus dem „ wider erquickten und 
fröhlichen Leipzig"): 



* Herrn Dr. 0. Gilbert in Göttingen verdanke ich die Auskunft, 
dass sich in der dortigen Bibliothek auch gegenwärtig eine Satire, auf 
welche die Beschreibung von Gervinus passt, nicht nachweisen lässt. 
Auch hat er bereits, wie mir scheint, richtig erkannt, dass Gervinus in 
Wirklichkeit eine solche gar nicht vorgelegen hat. 



Tilly nach der Schlacht bei Breitcnfeld. 57 

,JHr Red war in verfloßnen Jahrn: 
' Das Leipzig wollen wir uns sparn 
Zum Confect, den m%a gibt zuletzt.^^ 

Nach einigen der Zeugnisse, die wir hier zusammenzu- 
stellen haben ) knüpfte eine solche Rede an die Zerstörung 
Magdeburgs an, für die das Bild einer durch den Sieger er- 
zwungenen Hochzeit so gangbar war*. Demgemäss heisst es 
in einer prosaischen Schrift von Theophilus Lampertus 
Magdeburgensis betitelt: Victoria Bleussenburgica d. i. Leipziger 
Sieg vnnd Triumph (1631) Bl. Aij: „Da die Feinde .... da- 
selbsten [in Leipzig] (jhrem Vorgeben nach) vor die nackete 
dürfftige Magdeburgische Magd zur Kleidung Wahren auß- 
nehmen, zu D.[resden] aber das EheGeld . abholen vnd die 
Heimfarth halten wollen" und „Ja er selbsten General Tylli 
im Außreissen ein Paar schöne bleyeme Model vnd Muster 
der Wahren oder Zeuges [nämlich einige Flint^nkugeln] da- 
von bekommen haben soll^ daß er sich wohl damit zu behelffen 
haben wird. Dieses ist der wohl condirte Confect im Chur- 
fiirstenthumb y dorauff sie sich so lang gespitzet ^ vnnd jhre 
Zähne gewetzet." Femer in der „Tilly sehen Confect -Geseg- 
nung" (1631) (Weller, die Lieder des Dreissigjähr. Krieges. 
2te Ausgabe. Basel, 1858.' S. 193-196) sagt Tilly zu Magde- 
burg: 

„Wir wolln uns wol wider schmückn 

Mit unserm Heer in Meissen rückn 
ümb Leipzig wolln wir uns kleiden, 

Und versehn mit vilen Gschmeiden, 
Auch Confect zu unser Hochzeit, 

Daselbs spendiren solln die Leut 
Zu Dreßden alles unser Leid 

Verkehrt soll werdn in grosse Freud." 

Johann. Hellborn Haynsb. der H. Schriflft Studios, 
schreibt in einem Gedichte, betitelt: „Starcke Hand vnd mäch- 
tiger Arm Damit der GOtt aller Götter seine evangelische 
Herde für den Kätzrischen Wölflfen beschützet u. s. w." (o. 0. 
1631. 8 Blätter 4): 

* vgl. Reinhold Köhler in diesem Archiv Bd. 1. S. 241 ff. 



58 Tilly nach der Schlacht bei Breitenfeld. 

„Zu Leipzig wolten sie die nackte Jungfraw kleiden, 
Alsdenn zu Dreßden solt angehn die Hochzeitfrewden/* 
„Weil nun die Leipziger Kleidung ist nach geblieben, 
So mustu, Tjlli, nun die Hochzeit auch verschieben, 
Die Bürschgen, so du hast vielmal vertröstet drauff, 
Die werden, glSub ich, nicht bald wieder stehen auff/* 

In einem „Schwedischen Liede" (Weller S. 226—230. 
Öoltau-Hildebrand, histor. Volkslieder. Zweites Hundert. Lpz. 
1856. S. 390—394. vgl S. XLI) liest man: 

„Tylli du hast dich hoch vermessen, 

zu Leipzig wolstu sie [Magdeburg] kleiden, 

zu Wittenberg halten die Brautmesse, 

zu Dreßden die Hochzeit Frewden. 

Das Brautkleid hastu zwar außgenommen, 

aber Leipzig wolt nicht lang borgen: 

wie ist dirs ChurfÜrsten Confect bekommen, 

das du aßest den andern Morgen .^^ 

In dem Gedichte: Tyllischer Nachklang Von FAMA auß- 
gesprenget, vnd eylends Uuffs Pappier bracht, durch Veit Post- 
reutern Gedruckt im Jahr, M.DC.XXXI. (6 Blätter. 4.), 

(dessen Anfang lautet: „MVß dann das Venus- Werck vnd süsse 
Gifft zu lieben") kommen folgende Verse vor: 

„Da brandte erst die Flamm ins alten Tylli Hertzen, 

Cupido voller List erweckte newen Schmertzen, 
Daß er die nackte Braut zu zieren sich verpflicht 
Mit Gold vnd güldnem Schmuck, sehr köstlich zugericht. 

Chur Sachsen solte jhm den Trawplatz willig reichen, 

Den Zierath, vnd den Schmuck, vnd den Confect deßgleicheu. 
Da würde seiner Braut ein wunderzierlich Kleid 
Zu Leipzig, in der Cronn des Landes seyn bereit ^^ 

Auf gleicher oder ähnlicher Anschauung beruht endlich 
auch Paul Flemings Epigramm n^^^^ ^^^ ergebenen und 
wieder abgenommenen Leipzig" (s. Köhler im Archiv f. Littgesch. 
Bd. 1. S. 248) und das Gedicht „Der zornige frantzosische 
Schneider", das sich unten abgedruckt findet. 

Eine historische Anlehnung anderer Art bietet sich fär 
die Vorstellung von einem Leipzigschen oder überhaupt säch- 
sischen „Confect" in einer Erzählung des Theatrum Europaeum 
(Th. 2. Fkf. a. M. 1679. S. 427. vgl. Khevenhiller, Annal. 



Tilly nach der Schlacht bei Breitenfeld. 59 

Ferdinand. Th. 11. Lpz. 1726. Sp. 1693). Nach dieser Quelle 
hätte der Kurfürst Johann Georg I. von Sachsen zu Tillys 
Subdelegierten am 14/24. Aug. 1631 über Tisfeh geäussert, er 
sähe nun wol, dass man das sächsische, bisher so lang ge- 
sparte Gonfect aufzusetzen gesinnet wäre, man sollte aber 
bedenken, dass man auch bei demselbigen allerhand Nüsse 
mid Schau-Essen aufzutragen pflegte, welche oftmals hart zu 
beissen wären, derohalben sollte man wol zusehen, dass sich 
ihrer Theils nicht die Zähne daran ausbissen, es könnte sich 
auch bei dem Gonfect noch viel zutragen. Ein neuerer For- 
scher (Wittich, Magdeburg. Bd. t. Berlin, 1874. S. 745 Anm.) 
spricht bezüglich dieser Erzählung die Ansicht aus, dass ihr 
Ton wenigstens nicht wol zu den actenmässigen Ueberliefe- 
rungen passe, und auch nach den Zeugnissen aus der poetischen 
Litteratur, welche wir kennen gelernt haben, können wir nur 
annehmen, entweder dass der Kurfürst von einem Gleichniss Ge- 
brauch machte, das nicht von ihm selbst erfunden war, oder 
dass die Erzählung von seinem Dictum unwahr und darauf 
zurückzuführen ist, dass ein vor längerer Zeit gangbar gewor- 
dener bildlicher Ausdruck fortdauernd im Munde der Leute 
blieb und daher auch mit später eingetretenen Ereignissen 
verknüpft ward. 

Die angeführten Beispiele genügen, um zu zeigen, eine wie 
ausgebreitete Anwendung in der uns hier beschäftigenden 
Litteratur von dem Bilde eines Confectschmauses gemacht 
worden ist. 

Die Stadt, in deren Nähe die Breitenfelder Schlacht ge- 
schlagen ward, gab Stoff zu Darstellungen, welche sich auf 
ihre Messe oder ihre Universität bezogen. So lässt das Ge- 
dicht: „Tillische Banckerottierung" (1632. 8 Blätter. 4.) Tilly. 
von den deutschen Fürsten vor der Justitia verklagt und Gustav 
Adolf mit der Execution beauftragt werden, „der denn weil 
TILLY sich zu frühezeitig auflf der Leipzischen Messe einstellet, 
vnd die grosse schuld, damit er dem Ober vnd Niedersachsi- 
schen Crayß verhafftet, nicht zahlen kan. In bey Leipzig, auß 
dem Feld schlägt, biß das er, Tilly, am 7. Septemb. deß 1631. 
Jahrs Bonis cediren, falliren vnd durch auffgespannetes Hasen- 
panier sich gen Hamelen an der Weser mit fluchtigen Fuß 



60 Tilly nach der Schlacht bei Breitenfeld. 

salvireii müssen. " Das „Jahrgedächtnis der Leipzigischen 
Schlacht: Leipzigischer Studenten - Marcipan, Oder Spanne w 
Sächsisches Confect Mit vnterschiedlich von den Tillischen 
nach der Schlacht zu Leipzig warhaflFtig gehaltenen AuflF- 
zügen, Masquaraden vnd Balleten verblättert vnd verbremet. 
So aber alle (doch eintzig vnd allein memoriae causa) in dem 
wolbekanten alten Ketzerischen Thon außgehen: Ist dir wol, 
so bleib davon, I>aß du nicht kriegest bösen Lohn" (1632. 
8 Blätter. 4.) enthält ein Kupfer, welches als „dritten Auflf- 
zug" darstellt, wie „die Ligistischen das Stettgeldt zusammen 
bringen, so sie von der Niederlag zu Leipzig (weil sie etwas 
frühe auff die Michaelis Meß kommen) auff acht Tage vom 
Marckt vnd Gassen geben haben." Femer betiteln sich zwei 
Stücke, welche ich nur aus der Anführung bei Weller (Lieder 
S. XXXVII) kenne, „Tylli zeugt auff die Leipziger Messe vor 
Michaelis" und „Tillysche Deposition Nahe bey der Hohen 
Schul Leipzig Depositore Langen Frizio^, Der hier genannte 
Lange Fritz war ein schwedischer Rittmeister vom Itegimente 
des ßheingrafen, der in der Schlacht mit Tilly handgemein 
geworden und ^ahe daran gewesen war, ihn gefangen zu 
nehmen, als ihn eine Kugel des Herzogs Rudolf Maximilian 
von Lauenburg tödtete. Ein poetisches Zwiegespräch zwischen 
ihm und Tilly (anfangend: „Ach Tille, liebster Tille, Halt doch 
ein weillang stille, Daß dich erlangen künnt!") hat kürzlich 
F. W. Frhr. von Ditfurth in seinen Zweiundfünfzig ungedruckten 
Balladen (Stuttgart, 1874. S. 168 — 170) aus einem geschrie- 
benen Blatte veröffentlicht. Die Omina, welche die Schlacht 
begleitet haben sollen, und besonders die von den zeitgenössi- 
schen Berichten hervorgehobene Thatsache, dass Tilly zuvor 
in des Todtengräbers Hause vor Leipzig Kriegsrath gehalten 
hatte, finden sich in den mir zugänglichen Poesien auffälliger 
Weise nicht verwerthet. 

Durch die im folgenden abgedruckten Gedichte will ich, 
soweit mir das mit dem mir zu Gebote stehenden Material 
möglich ist, zur Ergänzung der vorhandenen Sammlungen 
historischer Lieder des Dreissigjährigen Krieges beitragen. 
Die Stücke sind meistentheils einem in der Dresdner Biblio- 
thek befindlichen Sammelband (in Folio, bezeichnet Hist. Germ. 



Tilly nach der Schlacht bei Breitenfeld. 61 

C. 16) entnommen^ der eine grosse Anzahl von Einblattdrucken 
aus dieser Periode enthält und neben den anderwärts erwähn- 
ten ähnlichen Sammlungen in Göttingen^ Hamburg*, Mei- 
ningen** und Ulm*** bekannt zu werden verdient. 



lt. 

SBarl^afftigc S^iti^wg | 9Son bcr trcfflid^cn | blutigen (Sd)\a6)i, 
fo ftd^ ben 7. | ©eptemb. nid^t toeit \)on ber ©tobt fieip- | jig im 
fre^n %tü>t ift gemalte iporben, ymU \ fc^en bem %tßx, Dtib i^rer 
S^urfürftlid^en | 2)ur^Ieu(]^tigfeit ju ©ad^fen, bettete ben | $önig 

in ©d^weben | Srftli^ gcbrucft ju S^e^berg, burd^ \ 

@eorg »eutncrn, Slnno 1631. 4 Blätter in 8^. 

[1] NVn hört jhr lieben Chrilknleut, wer von ich fing vnd fage, 
was lieh newlich in kurtzer zeit, abermal zugetragen. 

Der MonHer Tjlle mit feinen Yolcke, ließ fleh in den Stifft 
Merfeburg finden, zur Naumburg, WeilTenfels vnd Zeitz, thet rauben, 
morden vnd plündern. 

Die lieben Leute arm vnd reich, muften von den jhrigen ent- 
lauffen, mancher wufte fein Weib vnd Kinder nicht, fie giengen zer- 
rtrew in Höltzem vnd auff den StrafTen mit hauffen. 

Vor Leipzig die wolberühmte Stadt, thet der Tylli mit feinem 
Volck rücken, mit einer ftarcken Armada zu Roß vnnd Fuß, mit 
Carthaunen vnd groffen Stücken. 

[5] Ihre ChurfÜrffcliche Durchlauchtigkeit thet mit feinem Volck 
ankommen, der König in Schweden der taplBPere Held, mit einer 
ftarcken Armada in fummen. 

Sie lockten den Tyllen in das Feld, theten Heb mit jhm fchla- 
gen vn fcharmitziren ob fchon Ihre CharfÜrftliche Durchlauchtigkeit 
etlich Volck thetn verlieren. 

Der König in Schweden der tapffere Held, thet auff die Tylli- 
fchen loß fchlagen, da hub ßch vnter diefem Volck, groß jammer, 
Noth vnd klagen. 



* vgl. G. Droysen in den Forschungen zur Deutsch. Gesch. Bd. 3. 
Göttingen, 1863. S. 699. 

** vgl. Bechsteins Museum. Bd. 2. S. 247. 
**♦ vgl. J. Scheible, die Fliegenden Blätter des XVI. u. XVII. Jahrh. 
Stuttgart, 1860. 

f Der Freiberger Originaldruck dieses Zeitungsliedes ist mir leider 
nicht zugänglich. 



62 Tilly nach der 8chlacht bei ßreitenfeld. 

Die Stücke giengen loß daß alles kracht groß fchierfen, hawen 
YD fchlagen, da war ein gewaltiger dampfif vnd Rauch, daß keiner 
den andern fahe. 

Da wuft man nicht wer war freund oder Feind in diefen Schar- 
mitzel vnd fchlagen, da fah man manchen tapffern Held, Boß vnd 
Mann da todt läge. 

[10] Zwölff gantzer Stunden hat es gewehrt eh denn es nam 
ein ende, lie ftunden auff beyden feiten wie eine Mawer, letzlich 
*muften lieh die Tyllifchen wenden. 

Vnd muften alßbald reiffen auß, fleh in die Flucht falviren, 
wol auff die 18. taufent Mann, thet der Tjlli damals verlieren. 

Ohne die noch täglich in der Flucht, die Ba¥n:en thun todt 
fchlagen, damit He das geraubte Gold ynnd Geld, wol auß dem Lande 
nicht tragen. 

Der Schwede verrennete jhn baldt das Loch, daß die Tyllifchen 
nicht hinkommen konten* da jhre Backefche vnd die heften Beuten, 
im Felde beyfammen ftunden. 

Auff ein gantzes E{>mgreich wird ^s gefchetzt, das der Tylli 
thet einbüffen, 24. Carthaunen vnd groffe Stücken, diß alles im ftiche 
fie lieffen. 

[15] Der König in Schweden erhielte den Sieg, damals im Felde 
ich finge, die Soldaten kriegten ftatliche Beuten, lie waren luftig 
vnd guter dinge. 

Da blieb fo mancher ftatlicher Held, damals auff beyden feiten, 
YÜ wie die fchlacht ein ende hat, da gab es fchöne Beuten. 

Der König in Schweden mit feinem Volck, zog nach der Stadt 
Merfeburg gefch winde, er dacht er wolte den Monüer Tylli, im 
Schlöffe zu Halla wol finden. 

Aber der Tylli war fchon weg, nach Wolffenbüttel ift er kom- 
men, die Bttrgerfchafft in der Stadt Halla, haben den Schweden an- 
genonmien. 

Vier taufent Man lag zu Leipzig in der Stadt, auff den Schloß 
Pleiffenburg fo fefte, fie meinten der Tylli würde lie wol, mit Volcke 
thun entfetzen. 

[20] Den 13. September des Morgens früh, lieffen jhr Chur- 
fürftlich Durchlauchtigkeit nein fagen, ob fie gutwillig wolten auß 
der Stadt, oder ob er fie folt rauß fchlagen. 

Sie zogen rauß mit jhren Gewehr, wol ohne brennende Lun- 
ten, man fchickt fie den König in Schweden zu, denfelbigen dienen 
folten. 

Alfo habt jhr diefe groffe Schlacht, das fchreckliche Blutbad 
verftanden, fo newlich bey Leipzig der wei-then Stadt, im Felde 
wurde gehalten. 



* Im Original: konten hinkommen. 



Tilly nach der Schlacht bei Breitenfeld. 63 

Drumb betet, fleiffig vnd dancket Gott, vor diefen Sieg vnd 
gnade, daß er durch einen, mächtigen Heldt, vnfer Feinde hat ge- 
fchlagen. 

Gott woll vns femer ftehen bey, die feinde feines Worts dem- 
pffen, auß gnade vnd lauter barmhertzigkeit, vns allen die feligkeit 
fchencken. 

(Folgt: Verzeichniß was in diefer Schlacht vor Leipzig der 
Stadt den 7. Septembris fleh begeben. 

Ende: Chriftus Jefus die Hochgelobte Dreyeinigkeit, helffe vnd 
gebe Ihrer Königlichen Majeftät, beneben Ihrer Churfürftlichen Durch- 
leuchtigkeit femer Glück, Heil vnd Segen, Amen«) 



2. 

EXTRACT tJttb SUMMA | giitc§ ©d^reibcng | Son bcm 
©urc^Icud^tigcn §od^gcbornctt | dürften mb §crnt, | $@rm AL= 
BERTO, I ^erfeogcn ju aWcd^cInburgf, gricblanb önb | ©agan, 
bc| Dccanifc^: önnb S5altifd^cn 9Kecrg Generain, | Sin ©ein ^oä)-- 
gräfflid^c Excellentz bcn General 2:^111 gcjc^ricben, SBorin | j^rc 
3)nrc^I. ©ein Excellentz S^tcg tt)iebcr fal^men 83nglüd§ bcitagt, 
S^tn I bie Importantz remonftriret, au^ t^eild ettoad befd^ulbigt 
önb t)crtt)ei= | fet, burdi einen Wol^I aflfeetionirten aiönt. Ää^fert. 
SKa^eft. I l^ol^en Officirem an§gcjd)rieben tjnb in folgenbe | Steinten 
öerfaffet. | »eneben | 5)er ^ßäbftijc^en Slrmee unter | S)e§ «Iten 
Korporals | QitntxaU&xa^n ))on | %\)üx Sommanbo | QxlqI Dnb 
gtugf. I 3m Xl^on : | ßeug gal^Ic jeug, etc. | 3m 3a^t önb 3;ag | 
SILLIjC^c Crafft, Der Sag Siegln, | Von ©C^VVcDn aVCI) 
©aCIifn, I bringt In 3lVIn. 

In einem zweiten Druck (B) ist der „Extract" gedruckt: 

„SSeneben htm \ ©d^webifc^en 5ßater Siofter ober | SSater önjer. | 
3m 3a]^r ünb Xüq \ etc. etc. 

Ey Tylli du alter Pötzenhut* 

Biftu nun gwahr was fchlagen thut. 
Der Schweden König kan dichs lehren. 

Daß du jhm muft den Bücken kehren, 
Biftu der kluge General, 

Der fich left rühmen vber all, 
Zwey König habeftu gefchlagen, 

Den dritten werdeft gar verjagen, 



* B Fnnfzenhut. 



G4 Tilly nach der Schlacht bei Breitenfeld. 

Warumb gfchach nicht an ftatt dent* Trotzen 

Die That, du alter Matthes Fotzen** 
Wo iCt Feldmarfchalck Pappenheim, 

Der voller fteckt von Pockenlchleim, 
Hat auch den Schweden fchlagen wollen 

Vnd Erfft, von dem Churfttrft von Cöln, 
Auch Schönburg*** wo ilt der geblieben, 

Daß du mir nichts von Ihm gefchrieben, 
Es ift mir gefagt, man hab fein Dägen 

Gefunden bej den Todten glegen, 
Darau£f ein Contrafet fey gftochen, 

Wie er die Huren hat bekrochen, 
Reinachern, hab der Schwedifeh Teuffei 

Erwürget gewiß ohn allen Zweiffei, 
Diß waren all die Principaln, 

Yon deinen alten Genercün, 
Vnd du bift, hört ich, felbs gequetzt, 

Theils fagen gar zum Todt verletzt, 
Das hör ich alles gewiß nicht gern. 

Ob gleich die Liga deine Herrn, 
Mich zu Cassiren haben grathen, 

Vnd dich vollmächtig aller Thaten 
Deß Efiyfers haben gemacht mit Glimpff, 

Mir zu Nachtheil vnd groHem Schimpff, 
So hab ich doch mit dir Mitleiden 

Auß Forcht, es möcht dabey nicht bleiben^ 
Sondern es dürfft durch dein Haußhalten 

Dem gantzen Werck der Muht erkalten. 
Dem Eeyfer vnd König auß Spania^ 

Deß Bapfts Anhang in gantz Germania^ 
Wor durch ich kam zuletzt auch vmb 

All mein erkriegte Fürftenthumb, 
Die mir der Eeyfer hat gefchenckt, 

Ich wolt du ScheißMatz wereft ghenckt, 
Bift deiner Sach nicht gewiffer gwefen. 

So hettrt eher das Breviarium glefenf 



* B deim. 

** BMatthesgotzen. Mazfotz, Matz Fot, Matz Fusel, „weibischer 
KerL" Vgl. J. F. Schütze, holstein. Idiotikon. Th. 1. Hamburg, 1800. 
S. 332. Th. 3. S. 87. Versuch eines brem. niedersächs. Wörterbuchs. 
Th. 3. Bremen, 1768. S. 138. 

*** B Schönberg. 

f B gefen. 



Tilly nach Aer Schlacht bei Breitenfeld. 65 

Weil du ein geraume Zeit vor har, 

Ein Jefublt'*' bift gewefen gar, 
Hettft befk** gethan an ftatt der WaflFen 

Du wereft in eine Kutten gfchlofifen*** 
Als alfo kale Händel machen, 

Deß ßchf viel durch die Finger lachen, 
Wie hette es können ärger werden. 

Wann all mein Schiefer ff auff der Erden, 
Gehenckt, gebrandt vnd graubet betten. 

Ja Sathan felbft loß von der Ketten 
Wer kommen, hett fo viel nicht gfchadt. 

Als all jhr ScheiTfers verlohren habt, 
Schön habt jhrs gemacht vber die Maüen, 

Das lieht man in der Pfaffen Gaffen, 
Wo es fortgehet wie es angfangen. 

So wird manch Münch an KlÖtenfff ghangen. 



* B Jufubit. 
** B beffer. 

*** B in deiner Kutten gefchlaffen. 
t Im Original: ich. B fich. 

tt Schiefer kommt nls Spitzname für Wallcnstein vor und scheint 
hier Wallensteins Soldaten zu bezeichncD. Die erstere Bedeutung er- 
scheint in der 9. Strophe des unten unter Nr. 8 mitzuilieilenden Ge- 
dichtes und, nebst hinzugefügter Erklärung, in folgender Stelle des „ülu- 
minirten Reichs- vnd Welt- Spiegels" (s. 1. 1631. 4. Jii\j. In einer zweiten 
Ausgabe Giij): „Stralsund. Der Schiefer hat vns bald ynsern Syncera- 
tions Zeug vber einen Hauffen geworffen, vnd wenn vnser Statt nicht 
mit Ketten were an den Himmel gebunden gewesen, hette er sie nieder 
gerissen. DIeweil der General von Friedland etc. diß einen Schiefer 
(daß ist ein Splitter) zu nennen pflegt, wenn er auff jemand vbel zu- 
frieden oder einen Groll hat: Muß er [er fehlt in dem zweiten Druck 
Giy] hie der Schiefer selbst heissen." Die Bedeutung „Groll, Unwille" 
hat Schiefer in dem unter Nr. 9 folgenden Gedichte in der 12. Strophe, 
wol auch in dem Liede von der Belagerung Sti-alsunds bei Soltau, Ein 
Hundert Histor. Volkslieder S. 476 („Hett dich der Schieffr vff die See 
gfahrt,'' bei Weller Lieder S. 185 liest man an der entsprechenden 
Stelle: „Hat dich der Teuf fei in d See gefürt"), sowie in dem bei 
E. H. Zober, Gesch. der Belagerung Stralsunds durch Wallenstein i. J. 
1628. Stralsund, 1828. 4. abgedruckten Gedichte in den Versen (S. 231): 
„Dem General | Kam auch damal | Der Schieffer an mit Grausen** (wozu 
Zober auf F. J. Stalders Versuch eiues schweizerischen Idiotikons. Aarau, 
1812. Th. 2. S. 316 verweist). 

ttt Klooten, Knollen, Hoden, vgl. Schütze a. a. 0. Th. 2 
S. 282. 

Abchiv f. Litt.-Obkch. VI. 6 



66 Tilly nach der Schlacht bei Breitenfeld. 

Ja der Pabft felbrt ins Aug gebüTen, 

Dem Keyfer die Krone vom Kopff geriffen, 
Was die Bebellen breits gedencken, 

Mann muß vns keim* kein Zech nicht fchencken, 
Wie wirs jhn gemacht folls vns jetzt gehn**, 

Es foU kein MeßKirch bleiben ftehn, 
Nun langt man wieder bey mir an, 

Ich foll doch mein Befts darzu than, 
GOtt weiß wie es ablauffen wird, 

Vnd wie im Hauß noch bleibt der Wirth, 
Wann Schweden, Schotten vnd die Finnen, 

Mit den Bebellen noch eins gewinnen. 



3*** 

S)cr somige . gran^öftjd^c ©c^ncibcr. Oflfnes Blatt in foL 
Mit Kupfer zwei Figuren, Tilly und den Schneider, darstellend: 

Der Schneider. 

Bon jaur, hon jour, man Seigneur 

Auff Teutfch ein guten Tag mein Herr, 
Ich alß fein Diener komm jetzt gleich 

Weit hehr gewandert aus Franckreich, 
Vnd wil nun die beftäldte Sachen 

In aller eyle fertig machen. 
Die mir, mein Herr, vor kurtzer Zeit, 

Alß Er zu Magdeburg gefreyt, 
Hat zu zurichten angegeben 

Vor feine Braut, vnd hat mich eben 
Nach Leipzig her damalß befcheiden, 

Das ich hier die Braut foll Kleiden, 
Darumb Man brave Cavalier 

Befehlet alßbald, das man hier 
Zu Leipzig, die genommene Wahren 

Mir gebe, denn man darff nichts fparen. 
Wenn man eine Braut bekleiden wil, 

Ein Beichen Breutgam ifb nichts zu viel. 
Zum wenigftenf müHen die Böcke feyn 

Von Oülden ftücke, es ifb gemein 



* Im Original: kein. B keim. 
** B wirds vns ergehn. 

*** Angeführt bei Weller, Lieder S. XXXVI. vgl. Beinhold Köhler 
im Archiv für Littgesch. Bd. 1. S. 249 Anm. 
t Gedruckt ist: weingllen. 



Tilly nach der Schlacht bei Breitenfeld. 67 

Der Sammet, Atlaß ynd der gleichen 

Ein güldenftück das ziert die Reichen 
Die Böcke, etliche wie lichs gebührt 

MüfTen Werden chamarirtj 
Dar zu bedürffen wir viel Pfundt, 

Fin passement, was man jetzundt 
Vor mode braacht, die weißlich fchön, 

Ich habe gar eine newe fason, 

Tylli. 
Helas! Monsieur perdonnee moy, 

Schneider. 

Red Teutfch Red Teatfch, waß ift denn da 
AufF das es alle Leut verftehn, 

Waß zwifchen vnß vor reden gehen. 

Tjlli. 

Mein Herr halt mirs doch jo zu gute 

Es ift mir heut nicht wol zu muthe, 
Ich hab es zwar nicht gar vergelTen, 

Waß ich mit euch geredt vor deHen. 
Denn erfÜich ift es zwar nicht ohne 

Das Ich mich mit einer Weibsperfone 
In etwas habe eingelaffen, 

Ynd doch nicht gentzlich aller maden, 
Wie ich mir hatte Vorgenommen, 

So ift auch jtzt darzwifchen kommen 
Viel hindemiß, wie faft bey allen 

Heyrathen pflegen fürzufallen, 
Der Lofen Leute lind genug 

Welche mit Ljigen vnd betrug^ 
Gar ofift vnd viel mit groffen Schmertz 

Zertrennen pflegn zwey Liebes Hertz, 
Darumb mein Herr bey der geftalt 

Bitt ich, mirs doch zu gute halt, 
Weil meine Hochzeit nicht gefchicht, 

Bedarff ich eines Schneiders nicht. 

Schneider. 

Was mein Herr, was faget jhr, 
Ihr kommet mir gar^ anders für, 



* Gedruckt iat: gax. 

5' 



68 Tilly nach der Schlacht bei Breitenfßld. 

Das were recht, Ihr hattet mich 

So lang vertröftet vergeblich, 
Das kan nicht feyn, Es ift gewiß, 

Ihr habt die Braut ohn hindemiß. 
Was wolt jhr mir ftlr üalfche fratzen, 

Itzt alfo öffentlich vorfchwatzen, 
Die Braut ilt ewer das ift war, 

Ich weiß (^e Sache gantz vnd gar, 
Macht mir doch nicht noch eine Nafe, 

Ich bin jo nicht fo gar ein Hafe, 
Bekennet nur was ftlr ein knack 

Die Sache fonften haben mag. 
Mich deucht ich habe von den dingen, 

Ein andern Vogel hören fingen. 

TylU. 

Es ift ja war ich muß bekennen. 

Ich laß mich billich Bräutgamb nennen. 
Ich bins auch, aber zur Hochzeit 

Hats itzund keine gelegenheit. 
Mir wil nun jtzund faft belieben. 

Die Hochzeit etwas aufßnifchieben, 
Darzu find auch ollhier die Wahren 

Oar zu thewr, ich wil erfparen 
Viel koften vnd viel Geldt alfo, 

Wenn ich iie keuffe anderswo. 

Schneider. 

Ja wol zu thewr, mein lieber Tylle, 

Höret mir zu vnd fchweiget ftille. 
Ich weiß gar wol vmb deinen Eauff, 

Vnd ewer Sachen gantzen verlauff. 
Ihr fejd ein feiner alter Mann, 

Der wol den Sachen nachdencken kan. 
Habt jhr auch jrgend in der Welt 

Gefehen, daß man keufiPt ohn Geldt, 
Ich fage diefes vnverholen, 

Ohn Geldt gekaufft ift faft geftolen, 
Wiffet jhr denn nicht daß man fpricht: 

Was nicht dein ift, das nim auch nicht. 
Wollet jhr fo Pracht verführen 

Mit der Braut, vnd fo braviren, 
So fangets doch fein ehrlich an, 

Vnd laft den Leuten das jhro ftahn, 



Tilly nach der Schlacht bei Breiteofeld. 69 

Ohne Geldt ift ein ftoltzer Praffer, 

Wie eine Mühle ohne Waffer, 
Beputation fol auif Gelde ftehu, 

Sonft muß Sie bald zu boden gehn, 
So ein geflickter Eeputant, 

Ift meinen Augen Spott vnd fchandt, 
Welcher nur dafür muß forgen, 

Wie er kan ftehlen oder borgen. 
Was hat gethan der fromme Churfürft, 

Daß euch fo nach fein Gütern dürft, 
Ift daß der Danck, ift das fein Lohn, 

Daß er die Beputation 
Deß Kayfers, vnd an Käyfers ftatt, 

So trewlich offt verthedigt hat. 
Verdreufts euch daß er nicht wil fpringen, 

Wie jhr jhm wolt zu Tantze fingen, 
Daß ewer thun jhm nicht gefeit, 

Vnd Er vbr Deutfche Preyheit helt. 
Sein Landt vors Papftes Ketzerey, 

Vnd newe Spanifch Tyranney 
Befchützt, jhr habts zu grob gemacht, 

Biß jhr jhn in die Waffen bracht. 
Die wird er auch durch Gottes Gnadn, 

Zu ewerm Spott vnd groffen fchadn. 
Noch leuger führen, vnd guter Sachen 

Ein mal ein gutes ende machen, 
So bald jhr kommen in fein Landt, 

Hat lieh auch ewer Glück gewandt. 
Das macht, weil jhr auß Haß vnd Neid, 

Ohn vrfach zu jhm kommen feyd 
Ich bin allhie ein fchlechter Schneider^ 

Wenn jhr mir nehmet meine Kleider, 
Ich wolte euch auff diefer ftelle, 

Weidlich abfchmieren mit der Elle, 
Wehrt jhr blieben in ewrem Neft, 

Wo jhr vor deffen feyd geweft, 
Hett jhr nicht dörffen ewre Straffen 

So balde fuchen, vnd verlaffen 
Auff einen Tag all ewren Ruhm, 

Der nur verlohren feine Blum, 
Seht wie das kleine Kriegelein, 

Euch auß dem Felde jagte fein. 
Nun Gott, den niemand kan betriegn, 

Wird den Gerechten laffen liegen. 
Aber hört, Monsieur noch eins zum letzten, 

Ihr müft mir meinen Schaden erfetzen. 



70 Tilly nach der Schlacht bei Breitenfeld. 

Denn ich habe viel vnkoften, 

Nur gewendet auff die Poften, 
Vnd jhr folt mir auch dameben, 

Vom Schimpff 10 taufend ThaJer geben, 
Welchen ich habe, weil ich mich 

Stets berühmet ö£fentlich, 
Daß ich fey zu euch befcheiden, 

Euch vnd ewre Braut zu kleiden, 
Vnd wird nun gantz vnd gar nichts drauß. 

Ich muß ledig wieder zu Hauß. 
Kompt mir nicht mehr mit folchen Taubn, 

Ich werd euch wol kein wort mehr glaubn. 
Was red ich viel, Ich habe zeit, 

Ich frage nichts nach ewer Arbeit 

Tylli. 

Großgönftiger Herr verzeiht nur doch, 
Ich bitt euch mehr alß Himmel hoch, 

Daß ich euch auff folche mafTen, 
So vergeblich die weite Straffen 

Hergefprenget, Ich wil dem Herrn 
Die Eofben erftatten herCzlich gem. 

Schneider. 

GroßgünfÜg hin, großgönftig her. 
Ich dencke die lenge vnd die quer. 

Ich laffe mich nicht mehr vexiren, 
Vnd das Maul mit Worten fchmieren, 

Liegt mir nicht mehr. Ich wil inmittel 

Euch machen einen Sterbekittel. 

- AMEN. 



4. 

iBetrübte Silage eined X^Qifc^en ©olbaten. | ©ebntcft im 
Sci^t 1631. Offiies Blatt in fol. mit Kupfer^ eine sitzende 
männliche Fignr darstellend. 

ICh linn, ich dencke hin vnd her. 

Weil mir mein Beutl ift worden leer. 

Es wird nun wenig Beuten tragn. 

Der Schwedn König thut vns verjagn, 

Ich hab offt dacht, es kan nicht bftehn, 
Es wird einmahl anders hergehn. 



Tiily nach der Schlacht bei Breitenfeld. 71 

Wir habn viel Wittben vnd Wayfn gmacht, 

Viel Ehrlich Leut am BettlStab bracht: 
Wir habn geftoln, gemordt, verbrandt, 

VerwüTk) verheert, manch ftatlich Land. 
Viel Eh&awn vnd Mttgdlein gefchändt, 

Wie kans denn komnin zum guten end? 
Gotts Zorn vber vns ift erwacht, 

Bey Breiten fei d wol in der Schlacht; 
Da fieng vns Gott zu ftraffen an. 

Nun wirds auch vbr die Päbftler gähn: 
Weil ße durch Krieg vnd gröITen Mord 

Wolten vertilgen Gottes Wort: 
Vnd wir jhr Werckzeug feyn gewelh, 

So kan ich ohn nichts anders gnelji. 
Denn daß von Gott im höchften Thron 

Ich demütig bitte perdon: 
Vnd daß Königlich Mayeftat 

Mir wolle bezeigen Ihr Gnadt: 
Auch ChurfÜrftlich Durchlauchtigkeit^ 

Woll mir geben ficher Geleid, 
In Ihn* Bftallung mich lafTe ein, 

Hinfort ein Chriftlichr Soldat feyn, 
Vor Gottes Wort vnd Luthers Lehr, 

Wil ich mein Leben wagen her, 
Damit ich nicht bleib ein grobr Löll, 

Der dem Teuffl kaum taug in die Höll. 



5* 

Des TiUy Confect Fanqmt gehalten bey Leipzigk \ den 7. Se- 
ptemb. Anno 1631. Ofliies Blatt in foL mit Kupfer, welches 
Tilly an einem Tische sitzend vorstellt mit aufgetriebenem 
Bauch, vor ihm Speisen und ein Gefäss mit j^Rastrum*^; neben 
und hinter ihm stehen drei Mönche, von denen einer (A) ihn 
anspricht, die beiden anderen wehklagen (zu ihren Figuren 
sind die Worte S: Petre und S: Vincens beigeschrieben), 
ausserdem ein Arzt (B). An den Tisch heran tritt ein Zug 
geführt mit erhobenem Schwort von Johann Georg I von 
Sachsen, kenntlich an den KurscHwertem im Schild (C). Der Zug 
besteht aus einzelnen Figuren und einer Gruppe, die mit 1 — 8 
bezeichnet sind. 



* Angeführt bei Weller, Lieder S. XXXVU. 



72 Tilly nach der Schlacht bei Breitenfeld. 

üeber dem Kupfer: 

A. 

Was manglt eür Excellenz nuhr doch 
das Uir gar schnell auflaufß so hoch 

Jch glaub die Mörsehurgsche Rübn 
Hahn Eurn Leib so aufgetriben. 

B. 

Het Man nit strack Rastrum gsoffen 

der Leib Wer nit so vffgeloffen 
Jch find Kein ander Mittd izt 

den nidr gelegt vnd Ewig gscIiwiM. 

Unter dem Kupfer, je zwei Verse links und rechts: 

Jhr Jefuiter all, verfteckt nun ewr Scartecken, 
Hengt Trawerbinden aus, keuflFt all auff den Carteckn* 
Weil ewer Abgott Tyll jetzt liegt in groffer Noth, 
Vnd an den Schwerd Confect gefreffen fchand vpd fpot. 

Unter vorstehenden Versen in drei Columnen ge 
druckt: 

ALI zu ftumpff vnd all zu fpitzig, 

Allzu faul vnd alls^u hitzig, 

Das l^t kein Nutz vnd taug auch nicht. 

Wie man im gmeinen Sprichwort fpricht, 

Hett diefes nun in acht genommn. 

So wer in Spott vnd Hohn nicht kommn 

Der alte Tyll jetzt wol bey Jahm, 

Wie er es in der That erfahrn, 

Vnd ob er wol vor kurtzer Äeit 

Ein alte Magd mit Gwalt gefreyt, 

Die jhn doch, wie man wird bericht, 

Zu halten Färb begehret nicht, 

So hat er doch kein gnüg daran, 

Sondern der alte Hanrey Mann, 

Verfuxjhet andre mehr zu zwingn 

Biß es jhn endlich mus mißlingn, 

Hat nicht mehr Krafft zu führn ein Degn, 

Noch wil er dran vbr fein Vermögn, 

Er wolt ChurSächüfchs Confect habn 

Fing an Mörßburgfche Bttben fchabn, 



* Cartek, ein seidnes Gewirk, vgl. Grimm-Hildebrand Wb. Bd. 2. 
Sp. 608. Bd. 5. Sp. 238. 



Tilly nach der Schlacht bei Breitenfeld. 73 

Di*auff kriegt ein Appetit gar bald, 

Nacht Leipüifchs Bier Raftrnm der Alt, 

Das macht jhn ein folch Quodlibet, 

Daß ers Confects vergeiTen thet. 

Es kam ein Held der fchenckt jhm ein, 

Mehr als war das Begehren fein, 

Dnimb weil ers gantz nicht kund vertragn, 

Vnd fchwach war fein alt-kalter Magn 

Gabs wieder er bald vntn bald obn, 

Alles was er het eingefchobn 

[2te Columne] Zur andern Zeit, brauch audr Manir, 

Trinck nicht fo jehling Leipfifch Bier, 

Denn allzu fchai*ff bald Scharten bracht, 

Hart fchneutzen blutge Nafen macht 

Confect Träger. 

C. 

WOmach euch ftets verlangt fo fehl-. 
Daß bring ich jetzt mit mir hieher 

1 [ein Soldat, der ein Feldgeschütz in der Hand trägt]. 

Euch hat verlangt je mehr vnd mehr, 
Von Merfeburg zu komn hieher. 
So wil vns anders nicht gebühm. 
Als euch nach Würden zu Tractim. 

2 [ein Soldat, mit einem Standgeschütz in der Hand]. 

Nichts minder ich Befehlich hab, 
Ewr Excellentz hier diefe Gab, 
So füß lie ift auch fürzutragn, 
Ob beffem möcht fich ewer Magn. 

• 

3 [ein Soldat Kugeln auf einem Fraescntierteller tragend]. 

Vor andern all ftnd ich fehr gut, 
Cartaunen Apffel, machn ein Muth, 
Die fchlucket bald in einen nun, 
Sie trefflich operiren thun. 

4 [ein Soldat ein verschlossnes Fässchen, wol Pulverfass 

tragend]. 

In der Ordnung ich bin der vierd. 
Mein Confect die gantz Tafel ziert 
Werd deffen jhr zu viel thun leckn, 
So feit ewr gantz Armee in fchreckn. 



74 Tilly nach der Schlacht bei Breitenfeld. 

5* [trä^ eine Flinte]. 

Wofern aus andern Confect** alln, 
Ewr Excellentz möcht nicht8 gefalln, 
So bring ich hier was delicat, 
Das wird euch machen recht wol fatt 

6 [trägt ein Schwert]. 

Das mein nicht das geringfte ift, 
So man nicht deffen zu viel frift, 
Drttmb hüt euch wol vnd feht euch für, 
Daß jhr nicht mehr trinckt Baftrum Bier. 

7 [ein Bauer einen iNachtstuhl tragend]. 

Was ich hier bring ift nötig auch, 
Wofern es euch krümbt in dem Bauch, 
Setzt euch hier auff, macht euch kein grauß, 
Was jhr gefreffn*** mus alles raus. 

8 [zwei Bauern mit Dreschflegel, Mistgabel u. s. w.]. 

Vns armen Bawem ift gboten, 
Wein vnd Bier herbej zu fchrotn. 
Weil aber alles nun verlohrn, 
Nicht vbrig mehr ein Scheffel Korn, 
So können wir es nicht erfchwingn, 
Herbey zu fchaffen folche Dingn, 
Thun aber nach vnfem Vermögn, 
Vnd wollen derweil diß fttrlegn, 
Sie gar wol fpeifen ab damit, 
Es mag fie helffen oder nit. 



6 t. 

SRcttjgebedEtc Sonfcct = liafcl , | ©o 2t)re Äönigt. ÜKajcft. in 
Schweben, önb ®t)urf. ©urd^I. ju ©ad^fcn, ®cncral %\ßtn, \ önb 
jcinen Eonfcct SRäfc^crn bcn 17. ©cjjtemb. 1631 öor Scipfeig an= 
gerid^tet. Folgt ein Kupferstich^ auf dem eine Festtafel im 
Vordergrund, an der Krieger und Landleute stehen, und vor 
der ein kranker auf dem Boden liegt und Krüppel sich be- 
wegen; im Hintergründe ein ausgedehntes Feld mit Schlacht- 

* Im Original: 2. 
** Im Original: Confect. 
*** Im Original: grfreffn. 
t Vgl. Bechsteins Mnseum. II. S.' 261 ff. In Weilers Liedern S. 
XXXII ist angefahrt Nengedeckter Confect - Taff'el Anderer Theil. 
(1631). 



Tilly nach der Schlacht bei Breitenfeld. 75 

scencD. OflFnes Blatt in fol. 0. 0. u. J. Auch in ©cd^fecrlc^ 
gonfe ncttjc atilomcnc | AVISO, ©cbrucft im 3ol)r, 1631. 4. 
unter Nr. 11^ 3. ohne das Kupfer. 

Wie, wie, jhr Brüder, wie? begert jhr keine Gäfte? 
Ein jeder reifft für fich, vnd legt jhm vor das befte. 

Je haltet, haltet doch, jhr kriegt doch* alle fatt. 

Seyt jhr .doch alle** bey der Statt, da man vollauff gnug hat, 
Warumb jhr euch fo drängt. Je kewet doch die Biffen, 
Eh jhr daran erworgt. Ich möchte gerne wiTfen, 

Wie lang jhr nicht gefpeift, da0, weils euch wird fo gut, , 

Ihr fo verhungerlich, fo arg nach fÜfTem thut. 
Das jhr vorlängft gehofft, nicht aber fo begeret. 
Leert jmmer weidlich auß. Ihr folt wol feyn gewäret. 

Vnd wer es zwölffmal mehr. Leert nur die Schalen auß. 

Hier ift Confect genug. Hier haltet ewren*** fchraauß. 
Ich bitt euch noch einmal, jhr wolt doch nicht fo eylen, 
Dringt doch nicht, reifft nicht fo, Ihr fchlagt einander Beulen. 

Legt nur die Teller hin. Jetzt geht der Bettel an. 

Da übt man, was der Oeitz vnd grimme Hunger kan. 
Sie fallen felbft in fich. Der reiffb ßch durch den hauffen, 
Vermeynt er wil vorauß die volle Schal erlauffen, 

Kompt doch vmb halben Eopff. Ein ander ängftet fich, 

Schlägt vmb fich hin vnd her, vnd laft die Hand im ftich? 
Hier fitzen jhrer viel, vnd klagen überf Rtickön. 
Dort wandern etliche mit vnterftützten Krücken. 

Ein jeder zeigt fein Leyd, daß jhm zuviel gefchehn, 

Vnd wünfcht, er bette nie das Breitenfeld gefehn. 
Wo haft du guter Freund, dein halbes Bein verloren? 
Vnd du, was fucheft du fo fehnlich hindern Ohren? 

Ich halte, das Fiftol, das dich hat auffgelöft, 

Vnd auß Barmhertzigkeit fo weidlich abgeftöft. 
Ihr dörffet fagen nicht^ daß jhr nicht gnug empfangen, 
Ift einem jeden doch man felbft entgegen gangen^ 

Vnd hat jhm auffgedient. Da können wir nicht für 

Daß mancher viel von fich, vnd wol fich felbft left hier. 
Da feyt jhr felbften fchuld. Die dreiflig Fuder Weine 
Gehn, feh ich, wol von euch, jhr fchweiffet wie die Schweine, 

Die Schincken, Heringe, Lax, Käfe^ Fifche, Speck 
' Habt jhr zu fehr verfucht, vnd gebt fie roh hinweg. 



* Sechßerley Aviso: noch. 
** Aviso: alle fehlt. 
*** Aviso; guten, 
t A. vbern. 



76 Tilly nach der Schlacht bei Breitenfeld. 

An Zucker, Negelein* Mufcatenblü- vnd NüITen, 
Hat auch bej diefer Luft kein mangel vorgehn muffen, 
Wie man zu Felde pflegt. Vnd wie der Schwede thut, 
Der** Freunden, wie jhr feyt, das Mahl left würtzen gut. 
Ihr habt viel hundert pfund vom heften Coriander 
Mit frifchem Kraut vnd Loth erhoben vntereinander. 
Das werthfte Zuckerbrodt, den ftärckeften Aniß, 
Der manchen geitzigen kaum zeit zu fterben ließ, 
Habt jhr wol außgemacht. Die Mandeln in den Schalen 
Soviel auch in dem Drang vmbs Leben muften zahlen. 
Bekamen euch*** fo wol, daß auch fchon in der Flucht 
Sie mancher hin vnd her ohn aufferftehn gefucht. 
Die Pflaumeü', trucken gnug, die wörgenden Oliven, 
Habt jhr, wie ftarck fie feyn, an euch wol können prüfen. 
Voran ß verfungt jhr euch mit vnferm Marcipan, 
Ob er verderbete fo manchen frifchen Zahn, 
Ja manchen frifchen Bauch. Man hat euch zugemeffen, 
Was jhr in ewrer SchriflFt vnd Zettel doch vergeffen. 
Ob gerne, weiß ich nicht, das Baumöl, welches euch 
Auß Kopf vnd Leib erprefft fo mancher derber Streich, 
Nun laufft, jhr Brüder, heym, vnd nemet fo verwillen: 
Habt jhr noch andre mehr, fo jhren Hunger ftillen 
Auch wollen hier, wie jhr, hier ift vollaufff Confect, 
Doch faget jhnen auch, wie gut es euch gefchmeckt. 

Dem GedicHt ist beigedruckt: „Küchen vnd Tafelzettel, 
fo General TylH Abends vor der Schlaclit von Leiptzig be- 
geret." Derselbe ist bei Bechstein zu finden. 



7.tt 

TilHus poeqjtens, | ia^ ift: | StiDifc^c SBufe önb borouff cr^ 
folgctc Slbfolution, nac^ aßen brc^cn ^öpftifc^cn ©tücfcn, aU \ bcr 
Sflctt); SBeic^t önb ©nugttiuung, gctl^on önb empfangen, nad) er- 
littener 2eipjifd(en SRiberlag. Offiies Blatt in fol. 0. 0. u. J. 

Anfang: WEr feiner Stärcke trawt, prangt mit viel fteten 
liegen. 



* A. Vögelein. 
** A. Den. 
**♦ A. auch. 

t A. vollauff fehlt, 
tt Wir begnügen uns dieses Gedicht nur theilweise abzudrucken. 



Tilly nach der Schlacht bei Breitenfeld. 77 

m 

Unter dem Titel sechs bildliche Darstellungen A— F in 
Kupfer. In A Tilly als siegreicher Held mit erhobenem 
Schwert; in B Tilly zu Pferd sitzend hält einen Kranz in der 
Handy hinter ihm sitzt die Braut wehklagend; in C eine mit 
Speisen besetzte Tafel, um welche herum kämpfende Paare; 
in D Tilly sitzt allein trauernd; in £ ist die y^Confessio^^ 
Tilly s Beichte, in F die ^^Satisfactio^', seine Busse, sein Ein- 
tritt ins Closter dargestellt. Auch abgedruckt in den Sechßer- 
ley Aviso unter Nr. HL 

Zu B und C lauten die Verse: 

Loch weit ich alter Fuchs jhm noch ein Tück beweifen: 
B Und Magdeburg die Braut auß feinen HSnden reiften, 

Welches* ich auch glücklich endt, vnd meinen krancken Muht 
Der faft erlegen war, frifcht in der Ketzer Blut. 

Biß mein Vermeffenheit Hch wolte weiter fchwingen 

Dort nach der Meißner Land, dem Sachfen Grablied fingen. 
Ein yngezähmte Luft trug mich nach Leiptzig hin 
Da wolt ich meine Hand, vnd halberquickten Sinn 

Vollkömlich ftercken noch: Hier wolt ich lefen können 

Das füfTe LabConfect, vnd ftercken meine Sinnen: 
Hier folt mein trewes Volck die wunder fttffe Speiß 
Deß Sächfifchen Confects eins koften nach der Reiß 

Worauff es lang gewart. Ach aber was gefchiehet 

Das, was ich fo*'^ gefucht, darumb ich war bemühet. 
Kam mich gar Sawer an. Das liebliche Confect 
In Salfen ward verkehrt die viel zu bitter fchmeckt, 

Der Schwedifch WafTerhund hat fchon den Sachfen Jäger 

Die Kriegeskunft gelehrt, der alte Hafenhäger 

Grieff mich bey Leipzig an, vnd bracht mir einen Tantz, 
Worzu der Schwed jhm halff, vnd ich verlohr die Schantz. 
D Mein fchönes Kriegsvolck ward bey nahe gantz erfchlagen, 

Daß ich felbft fchwer entkam auff einem Bawerwagen , 
Mein hocheramtes Lob das weit vnd breit bekant, 
Vnd ewig folte feyn, ligt nun im Koht vnd Sand. 

Der Schluss lautet: 

Das vnverfchulte Blut macht mein Gewiffen zagen, 

Vnd läfb mich mein nicht feyn. Ja mache was du wilt. 
So wird doch immer zu das fchrecklich' Ebenbild 



* Aviso: Welchs. 
** Aviflo: BO fehlt. 



IH Tilly nach der Schlacht bei Breitenfeld. 

Vor meinen Augen ftehn. So daß ich auff der Erden, 
Kein einig Mittel weiß deß Schreckens loß zu werden, 
Es fey denn daß ich folg dem Sprichwort welches fagt: 
Wenn eine Klofterkapp verzweiflflung nicht verjagt, 
So fey der hefte Troft fich nur bald felber hencken. 
Nun iSft die groffe Angft mich nur nicht recht bedencken, 
F Welchs beffer fey zuthun. Der Priefter mahlt mir für 
Ein feine Klofterart, vnd mein GewiCfen hier 
Spricht, haftu diefen Stning, der vielen ift gewefen , 
Ein Stück, dadurch fie von Verzweiffelung genefen. 

Ich dencke hin vnd her. Bald mir der Strang gefällt, 
Bald hab ich meinen Troft auffa Elofter nur geftellt. 
Doch hab ich endlich noch den Schluß bey mir genommen. 
Ich wolt durch diefen Weg dem Teuffei noch entkommen, 
Vnd in der Klofterklauß abhelffen meinem Leyd, 
Oef&llt es mir denn nicht, bin ich zum Strang bereit. 



8. 

aSoIbeftattct Stfliftijt^ct | ©cncral Sautcnjc^Iagcr. I aßcl^cm 
jtDor jcfeiger Qdt, toejen mipraud^^ feiner Äunft, fel^r mißlinget, 
t)itb faft QQe Seiten, | naä) beut fie fo ^rt t^berfponnet n)orben, 
abjpringen. 

Sih! fpringftu nun, da ich faft kom 
Auffs öbrfte SemiUmiufn? 

Wenn ein Tyrann bald ffceigt auffs höchft, 
irt er dem Fall aufs allemftchft. 

In der Mitte des Blattes unter diesen links und rechts 
oben angebrachten Versen Tilly gehamischt auf einer Trommel 
sitzend die Laute spielend; über ihm die Sonne; links und 
rechts davon in der Luft schwebend Ikarus und Daedalus; im 
Hintergrunde der Darstellung das Meer, auf welchem ein 
Segelschiff; das links von zwei an der Küste stehenden be- 
waffneten erwartet wird, während rechts ein geharnischter 
Mann zu Boden stürzt, der die Worte spricht: „0 sancta 
Maria juva me". O&es Blatt in qu,-fol. 0. 0. u. J. 

MAn wil fo weit vnd breit von vielen Eünften fagen, 
Die Monfier Tilly fol mit (ich herumber tragen. 

Die ich kaum nennen darff. Jetzt feilt mir eben ein 
Daß er in andern auch ein Lautemifcht fol feyn. 



Tilly nach der Schlacht bei ßreitenfeld. 79 

Ey Tag' ich Lautenift. Er hat jhm feine Lauten 
Fem' aus Italien, an der viel Meifter bawten, 
Lftngfb laffen bringen her. Er gab fie felber an, 
Wie er denn ift vor dis ein Ingenierifch Mann, 
Wenn folcbe Kttnfte gehn. Er hat jhm diefe Seiten 
Zu Rom auch fonderlich Tor laffen zubereiten, 
Vnd die fo wol probirt. Der Meifter felber Zeit, 
Der fo befchryen war in der Kunft weit vnd breit. 
Der war ein Jefait. Bey diefem wolte lernen 
Herr Tilly: Lies jhn drümb zu fich holen von fernen. 
Vnd wurde mit jhm eins, daß, fo er diefe Kunfb 
Würd' ehrlich lehren jhm, fo folt er bey jhm Gunft 
Haben vnd Geld vollauff: Der Künftler war zu frieden. 
Er legt* jhm Stücken fUr, die er fonfl; keinem jeden 
Zu weifen pflegte nur. Vnd jnner kurtzen Zeit 
Beftund Herr Tilly fo, daß er kam allbereit 
Mit feiner Kunft ins Lob. Der Pabft der war jhm gttnftig, 
Von wegen der Mannier. Der Keyfer wurde brünftig 
Zu hören diefen Mann. Der Beyer wufte fich 
Mit diefem Künftler viel. Er lies den Friederich 
Dort* auff dem weiffen Berg' ein folches Tttntzlein hören. 
Daß er des tantzens fatt fich mufte drob befchweren; 
.Von dannen zog er aus in manches fernes Land, 
Vnd machte lieh alldar mit feiner Kunfb bekandt 
Zu letzte ward er ftoltz. Man kunt' jhn gnug nicht ehren. 
Er wolte Fürften auch mit feiner Kunft bethören. 
Daß fie fich neigten jhm. Er nam viel Länder ein, 
und wolte nun ein Herr des Deutfchen Bodens feyn. 
Dis nam der Schwede war, weil er zuvor vernommen. 
Wie weit es were nun mit diefem Künftler kommen. 
Drümb fchafft' er Schifem* fort, vnd drunge fich hervor, 
Ob nicht der Lautenift jhm kommen möcht zu Ohr. 
Er traff jhn an zu Gartz, da folt' er jhm eins machen. 
Vnd er war willig bald. Dacht', hab' ich doch der Sachen 
Vor Köngen auch gemacht Vnd hub zu fchlagen an. 
Doch lies er dazumal die Tertie auff dem Plan', 
Als es kaum halb aus war. Wie fehr jhn dis verdroffen , 
Das denckt ein jeder leicht. Drümb er nach diefem Poffen 
Lies faft fich fehen nicht. Wurd^ auch darzu bewegt, 
Weil er fo wenig Lob vor Herren eingelegt, 
Daß er von dannen zog. Er nam die halben Stücken, 
Vnd machte, wie ers kunt', ob etwan zu erflicken 
Die Seite were noch. Es gieng jhm glücklich an. 
Er fchlug fo hurtig fort, als er zuvor gethan. 



* Vgl. obeu S. 66. 



80 Tilly nach der Schlacht bei Breitenfeld. 

Der Schwede hörte bald, die Lante wer bezogen, 
Zog jhm auff Werben nach; Weil jhn die Eunft betrogen, 
Die er fo gern' erhört. Der Meifter ward halb froh, 
Daß er mit feiner Ennft dem Printz gefiele fo. 
Er machte noch eins au£f; doch fchlug er kaum vier Tacte, 
Da fprang die Quarte weg. Wie fehr jhn dis erfchrackte, . 
Das ifb zu fagen nicht. Er eilte fchneller noch, 
Als er zuvor gethan, nachs Zimmermannes Loch', 
Vnd gäbe FerfenGeld. Er fucht' es hindern Ohren, 
Sprach: Hat mich denn der Schwede fo gefcboren. 

Daß mirs nicht gehen wiL Zwey Seiten find entzwey. 
Doch mus ich fehen noch, ob nicht zu helffen fey. 
Ich habe newe nicht, ich mus bej alten bleiben, 
Die Quarte helt noch wol, ich wil fie milder treiben. 
Sie ift nur Ynten weg. ~ Vnd alfo zog er fie, 
Zwantieffer als er fie gefpannet hatte nie. 
Er fprach: Es hat nicht Noth. Ich wil noch wol beftehen. 
Ob mir es zwejmal gleich hat mißlich können gehen. 
Eäm' er zum dritten mal, ich wolt' jhm fpielen eins 
Von meinen wertheften, dergleichen er noch keins 
Vnd niemand hat gehört. Eam drauff, vnd wolt auch Meiffen 
Zu Ehren feiner Eunft vnd jhm auffwarten heiffen. 
Da, meynt' er, fey Confect vnd befter Sachen fatt. 
Drümb er fich machte denn an keine Schlechte Stadt 
Dis war der Sachfe nun befonders vnge wohnet; 
Hatt' hertzlich auch gewolt, daß Tilly jhn verfchonet 
Mit feiner alten Eunft. Doch, fprach er, weil er wil 
Vns eines dienen auff, fo wil ich in der ftill 
Dem Schweden ruffen her, weil er fo lengft begeret, 
Daß er würd eines Stücks von feiner Eunft geweret. 
Vnd alfo kamen fie, vnd fagtens Tillen an, 
Daß er eins hören lies im Breitenfelder Plan'. 
Vnd er erfchracks jhm fftft. Doch, fprach er, ich wils wagen. 
Ob mich gleich meine Luft jetzt traget nicht zu fchlagen. 
Vnd ja, es ahnt' jhm recht als er am heften fchlug, 
Da gieng die Quinte drauff. Nun, fchry er, der BeÜ*ug 
Mus ewig rewen mich. Vnd hub an<fortzulauffen 
Nach Altorff, vnd fortan, was beffers jhm zu kauffen. 
Er lieff fo fchnelle fort, daß er fich vberwarff, 
Thet' einen folchen Fall, den er nicht rtthmen darff. 
Der Bauch der Lauten fprang; Ja auch fein alter Bücken 
Wer in demfelben Fall' auch gangen faft auff Stücken. 
Itzt heilt er fie vnd Sich. Eompt er nur noch ein mahl, 
Vnd machts dem Eönige fo betÜerifch vnd kahl, 
So fol fein Seitenfpiel jhm vmb den alten Eneiffel 
Vnd greifen Enebel gehn. da dtirfft' auch ohne Zweiffel 



Tilly nach der Schlacht bei Breiienfeld. 81 

Sein Leben gantz drauff fbehn. die Seiten halten wol 
Daß noch der Lautenift an jhnen hangen fol. 



9. 

3)er arme ^ßügrimircnbc SHmtner-Iiß. Offnes Blatt in fol. 
Mit Kupfer: Tilly barhaupt, ein Dorf. OebrudEt JU §cibel= 
berg, «nno 1632. 

ICh armer Nimmer-Till! ach was nenn ich mich Tillen? 

Ach daß mein Nam vnd Ruhm, mit meiner Geifter willen 
In tieffCten Lethe Fluß fchon were diefe Stund 
Yerfencket, wo nicht gar in tieffften Hellen grund. 

Ach leb ich, oder nicht? du verlognes Glücke! 

Beweifeft du mir fo ein tückifch Meifterftücke? 
Das hett ich nicht gedacht, daß mir es folte thun 
Zuvor, an Tapffrigkeit, ein kaltes Waffer-Hun. 

Ich armer Nimmer-Gott! ich ließ mich heilig preifen! 

Ich wolte meinen Arm der gantzen Welt beweifen ! 
Ich war ein JOSUA vnd GEDEON der Welt! 
Da liget Arm vnd Gott im breiten Lerchen Feld. 

Ich weis nicht, wie ich es noch endlich sol verftehen? 

Es wil kein Heiliger mehr hören auff mein flehen! 
Der Teutfchen Ketzer Gott der ftehet langfam auff, 
Vnd kommet doch noch wol zum heften Jahrmarckts Kauff ! 

Ich armer Nimmer-FUrft ! ich wolte Fürften pochen! 

So haben ße zuletzt das welfche Fett gerochen, 

Jetzt pochen mich die Knecht vnd Bawren hinderm Pflug, . 
Vnd wifchet' jhrer mir nicht einer einen Schuch. 

Ich armer Ninuner-Starck! Ich wolt die Welt vmbkehren. 

Jetzt kan ich mich der Leuß vnd Wörme nicht erwehren! 
Doch fchreib ich billich mich noch hundert taufent ftarck 
An Knechten, die mir auß-gefreffen Bein vnd Marck. 

Ich armer Ninuner-Trew ! hett ich lauen wachfen 

Den frommen Bauten-Stock vnd Lindenbaum in Sachfen! 
So hett auch meine Till* vnd Kimmel baß-gefrucht. 
Die nun bekommen gar, die Schwind- vnd Schwindel-fucht. 

Ich armer Nimmer-Beichl ach was hab ich verlohren, 

Daß ich fo arm geleift, was ich fo reich gefchworen! 



* Dill Name einer Doldenpflanze, Anethum. Der Name Tillys hat 
auch zu folgendem Gedichte Anlass gegeben: „Die gemauste und ge- 
dilgete Dille, d. i. Wie vor einer jederzeit verachten und vernichten 
Wasser Mauß der Päbstlichen Ligae ihre Dille von dem Leuchter ent- 
führet etc." Weller, Lieder S. XXXllI. * 

Archiv f. LiTT.-OKScn. VI. (J 



82 Tilly nach der Schlacht bei Breitenfeld. 

MeinSjd! MeinSyd du! du haft die Peftilentz! 

Dein Nordwind treibet mich ans einer fetten Grentz. 
Ich armer Nimmer-Gaft, ich wolte mich bezecken, 
Ynd auch ein liebes Mahl Confect vnd Zucker lecken! 

Vnd käuffen ohne Geld; fo kom ich gleich zum Bad 

Daß mir gekrawet wird mein altes Bück gerad. 
Ich armer Nimmer-Mann, ließ mich die VENUS reiten, 
Ynd auffgezwungne Böth ynd Ketzer-Liebe leiten, 

Magd! werthe Magd! der Mägde Krön vnd Blum! 

Mit deinem Blut hab ich verlohren Glück vnd Ruhm. 
Da David auff Befehl Philift^r-Blut vergoffen, 
Ward Er zum Tempel-Baw vntüchtig außgefchlolTen: 

Vnd ich vergieß ohn noth, aus lauter Frevelmuth 

Getaufft vnd vngetaufft vnfchuldig Chriftenblut. 
Ich armer Ninmierklug, hett ich gefolgt vor delTen 
Dem feine Weißheit ich zum Schiefer zugemefTen, 

Vnd mich bey zeiten auch gemachet aus dem Staub! 

So wer ich vnbestaubt vnd worden nicht zum Baub! 
Ich armer Ninmierfromm! ich kunte meine Sachen 
Mein Glück vnd meinen Sieg vnd mich felbft fefte machen, 

Durch meiner Geifter KrafPt vnd fchönften Engel-GIantz, 

Jetzt liget Glanfjs vnd Glück vnd fefte machen gantz. 
Sag ich, mein alter RrumpflF fey Je^M^efef-Fefte? . 
So fchreyet Luthers Volck: und das die frommen Gäfte? 

Iffc das der hefte Kern der Weifchen Clerifey? 

So find (ie hochgelehrt in Babels Zauberey. 
Ich armer Nimmer-Feft, ich halte meine Schande, 
So feft ich jmmer halt, an vnferm Zi^o^-Bande! 

Das Ligen-Band zerreift; die Union ift ohn: 

Des Luthers Teutfche Trew behelt die Ehren-Kron. 
Vnd warlich, wenn ich fol die Teutfche Warheit feigen. 
Hat mich zum Lutherthumb mein Hertze nie getragen. 

Als feit dem ich befind , daß es Gott^ vnd der Welt, 

Was es gleubt vnd verfpricht, fo Teutfch vnd redlich helt 
Ich armer Nimmerftreng, ach. was fol ich nur fagen? 
Daß man den Glauben doch den Leuten wil einfchlagen! 

Ich gleub es felber nicht, daß einer gleub ein Ding, 

Daß er vor Lügen helt, wenn ich dazu jhn zwing. 
Ich armer Nimmer- werth! wo fol ich mich hinkehren? 
Die Teutfchen laffen fich von mir nicht mehr bethören! 

Die Weifchen fchreyen fchon, weil ich nicht ßege mehr. 

Ich fey genommen ein mit Teutfcher Ketzer-Lehr. 
Die Knechte mahnen mich! die Jesuiter flihen 
Die Freunde laffen mich! die Feinde mir nachzihen! 

Die Saxen fpeyen mir ins vntrew Angelicht ! 

Die Todton frhleppen mich vor Gottos Halsgerieht! 



Tilly nach der Schlacht bei Breitenfeld. 83 

Ich armer Nimmer-TiU ! vnd was nenn ich mich Tillen? 

Ach daß mein Nam vnd Bulim, mit meiner Geifter willen, 
In tieffften Lethe Fluß fchon were diefe Stund 
Verfencket! oder gar in tieffften Hellen grund. 
Gedruckt zu Heidelberg, Anno 1632. 



10.* 

S)cr iauc^feenbc Sot^c, | @o bcn 6. ©cptcmbrig, ?(nno 1631. 
frü^ QU§ bcm 3;^Dif(i^cn ßägcr üor Scipjig, nad^cr groncffurt 
am I äRa^n abgangcn. | ©cbrucft im So^r MDCXXXU. Offnes 
Blatt in fol. Mit Kupfer. 

Anfang: ES mus vns doch nur wol vnd glücklich gehen künnen. 

Der Bote ist vor denselben Hintergrund gestellt, wie in 
der Darstellung des hinkenden Boten. 

Er (der sächsische KurfUrst) fleucht auff Dreßden zu. doch laft 

jhn jmmer fliehen, 
Wir wollen fehen doch, ob Er für vns denn ziehen 

Wird können aus der Welt. Wie fefte Dreßden fey, 

Das ftehet auff der Prob, es ift vns ohne fchew. 
Es ift vns eine Luft. Er hat vns nun im Lande. 
Er bring' vns wieder naus, acht't ers jhm eine Schande. 

Wir haben lange fatt auff fein Coufect gehofft. 

Wie wol bekömpts vns doch, nach dem fo offt vnd offt 
Sich mancher Held gefehnt. 

Schluss: 

Was gilts, die gute Poft fol mir was bringen ein, 
Darauff ich diefen Tag noch luftig fatt wil feyn. 



11. 

S)cr ^incfcnbc SBot^c, | ©o bcn 7. ©tptmhni, Slnno 1631. 
W)mH {jalbtneg je{)en fßf)x, t)on ^aüt nadlet i^raudfurt am | aRo^n 
abgangcn. ©cbructt im So^r MDCXXXII. Offnes Blatt in fol. 
Mit Kupfer. 

Anfang: „Ach! aber dich erbarm, fromme Mutter Gottes." 



* Von dieser und den folgenden Nrn. lasse ich mir genügen nur 
einige Verse hier aufzunehmen. 

6* 



«4 Tilly nach der Schlacht bei Breitenfeld. 

Der Bote ist vor denselben Hintergrund gestellt wie in 
der Darstellung des jauchzenden Boten. 



Ej muft es alles doch der Jefuiter Bathe, 

Dem mörderifchen Bath, anheim geftellet feyn, 
Was fie nur fchlugen flir, da gab den Willen drein 
Der fromme Ferdinand. Verzeihs euch Gott, jhr Brüder, 
Daß wir durch ewren Witz fo find gefchlagen nieder. 
Daß nun das gantze Reich von ynferm Pabfte feit. 
Wo wolt jhr bleiben doch, und Er, in gantzer Welt? 
Wert jhr gewefen nie, fo wer' ich auch ohn zweiffei , 
Noch ein gefunder Mann, fo hab* ich armer Teuffei 
Auch ein Gedenckmal kriegt vom S&chfifchen Confect, 
Ein jeder jäckt mich an: Mein Kerl, wie hats gefchmeckt? 
Was feum' ich aber mich, ich folte fchneller eilen. 
Hilff Gott, wie hat es doch in MeifCen fawre Meilen. 
Wie mühfam gehn fie fich. befonders wer wie ich, 
So eine böfe Poft vnd Schäden hat bej fich. 
Ich war, wie vbel ich auch fonften bin zufchlagen, 
Doch der GefUndfte noch, die jhre Beine tragen 
Auff Halle zu vermocht, da war wol keiner nicht, 
Der ärger nicht, als ich, gewefen zugericht. 
Er felbft, der General, wie muff er feyn zupuffet , 
Wie kröchft er doch fo fehr. Er war wol abgekuffet. 
Wer weis, ift er fchon tod. In deffen fehn' ich mich. 
Wie man zu Pranckfurt doch wird meiner frewen fich. 



12. 

I^nifc^cr 9laißanQ \ SSon FAMA au^gcfprcngct, onb c^= 

lenb« auffg ?ßappicr bracht, | 5)urc^ | SBcit ?ßoftrcutern. | | 

©cbrucft im Sa^r, | M.DC.XXXI. 6 Blätter. 4^. 

Anfang: MVß dann das Venus-Werck vnd füffe Gifft zu lieben. 
Des Tylli hohen Sinn vnd Helden-Hertz betrüben 
Muß dann Cupido nu mit blinder Zauber-Kunft 
An Lift vnd Witzes ftatt entzünden wilde brunft? 

Am Rande folgende Inhaltsangabe: Der vmbgekehrte Tylli. 
Erft war er (1.) Caftus. (2.) Sobrius. (3.) Fortunatus et invietus. 
Jam vero Eft ilamma meduUas. Et Eft Infus Fortunae. Die 
Tillifehe Braut ift I. Eine Edle Helden Br. Ante obfidionem 
Magdeburgicam. Tylli frift den Narren an Magdeburg. Tylli- 



Tilly nach der Schlacht bei ßreitenfeld. 85 

fcher Wanckelmuth. II. Eine betrübte Jammer Braut. In 
oblidione ipfa. III. Eine nackte Toden Braut Poft obfidionem. 
IV. Eine erwachte Zauber-Braut. Vita, quam Hecates (!) penfae 
infpirat, eft Religio Papiftica, ubi nimirum Miffas inftituunt 
& templa membris Antichrifti reftaurant. Da wird die todte 
Braut lebendig. Tylli hat die naw durch Zauberey erweckte 
Antichriftifche braut lieber als die recht Lutherifche. Sponfa 
rediviva e[ft] ad apoftafiam prona. V. Eine trunckene Baals 
Braut. Sie hinckt. Vor Werben da dem Tylli feine Renterey (!) 
geklopflFk wurde. Der tag Regina ward zur Tillifchen Heim- 
fahrt emant. Tyllifche Obriften, fo die Stadt Leipzig ein- 
genommen. Konig in Schweden klimmt vber die Elbe bey 
Wittenberg. Hier geht die Schlacht an vor Podelwitz. Tylli- 
fche Hochzeit auf welcher er Blut fpeifet. Tyllifcher Zugk 
vnd Plug. Tylli kan von der Liebe feiner Braut nicht laffen. 
Fama malum, &c. Tylli gebirt einen feil. Vierfarbigtes Braut- 
kleid. VI. Eine fchamrote fchimpffirte Braut. Die Braut re- 
poftulirt mit Tylli. Ehodum, bone vir, quid agis. VH. Eine 
rafende Helden -Braut. Caetera defiderantur, quia Tilli eft 
nomen | defectivum | jam | Audendum eft dexträ: nunc ipfa 
vocat res. Virg. Aen. lib. XI. 

Tilly findet an Magdeburg eine nackte TodenBraut, sie 
wird von Hekate neu belebt: 

, Noch konte Hecate das Bild voll Seele machen 
Voll Seele vnd voll Geift der Weifchen Baals-Trachen, 
Daß es üch regen kont, daß es dem Simpel-Mann 
Kont freimdlich reden zu, kout freundlich lachen an. 
Da brandte erft die Flamm ins alten Tylli Hertzen, 
Cupido voller Lift erweckte newen Schmertzen, 
Daß er die nackte Braut zu zieren (ich verpflicht 
Mit Gold vnd güldnem Schmuck, fehr köftlich zugericht. 
ChurSachfen folte jhm den Trawplatz willig reichen, 
Den Zierath, vnd den Schmuck, vnd den Confect deßgleicheu, 
Da würde feiner Braut ein wunderzierlich Kleid 
Zu Leipzig, in der Cronn des Landes feyn bereit, 2C. IC. 



Von nnd über Bodmer. 

Mitgethcilt 
Von 

Jacob Baechtold. 

1. 
Ein Brief Bodmers au Samuel Henzi. 



Monsieur mon tres eher ami. 

Ohne Zweifel sind sie nunmehr in Bern wieder völlig ein- 
gesessen; und haben ihren ehemaligen Train de v^ie wieder gefun- 
den. Ich ^^iß nicht, ob ich wünschen soll, daß unser Hr. Samuel 
König* bey Ihnen wäre. Ich furchte schier daß er in Bern 
allzu vil Objecte seines Hasses antreffen würde. Indessen sind 
die Ansichten von seinem frißländischen Aufenthalt auch nicht 
kostlich. Ich bin seiner Freundschaft gegen mir so gut ver- 
sichert, daß ich nicht die wenigsten Zweifel in diselbe setze, 
ob er gleich kein Zeichen von Leben von sich giebt; ungeachtet 
ich ihm durch sichere Gelegenheiten etliche mahl zugeschrieben 
habe. Ich bin nur desto mehr besorgt, daß das Leben ihm 
schwer und sauer geworden sey. — Es ist sehr gut, daß sie, 
mein Herr, die Ehre .der Schweitzer gegen Deutschland und 
gegen Frankreich zu retten die ^eder gespitzet haben. Sie 
sollten doch ihre Misodemen nicht unterbrochen haben. Ich 
erwartete sie wenigstens in der Messagerie du pindus zum 



* Samuel König von Bern, Mathematiker, Rechtsgelehrter und 
Philosoph 1712 — 67. Wurde 1744 mit Henzi verbannt und vom Prinz- 
statthalter von Holland zum Bibliothecar und Professor der Philosophie 
an der Ritterakademie im Haag ernannt. 



Baechtold, Von und über Bodmer. 87 

theil neu aufgelegt^ und zum theil fortgesetzet. Seitdem hat 
doch der deutsche Parnaß eine gantz neue Welt gewonnen. 
Sie sollen davon Proben sehen, wenn ich mit -meinen neuen 
Crüisclien Briefen hervorrucken werde, welches vermuthlich 
künftige Ostern geschehen kann*. In dem folgenden Monat 
deceniber des Journal helvetique de neufchqtel sollen Extraits du 
Messky poeme gennanique de M. Khpstök eingetragen werden. 
^Dieser Klopstok** ist mein Vertrauter und ein junger Pin- 
daruSy seine poesie ist sehr orientalisch und prophetisch. Ich 
interessire mich stark für sein Gedicht auf den Messias y und 
habe die Extraits übersetzen lassen. Ich hätte sie aber lieber 
in einem geschiktem frantzosischen Journal gegeben, wenn 
ich eins an der Hand gehabt hätte. Sie werden 3 Bücher 
des Messias im vierten Band der Beyträge zum Vergnügen des 
Witzes antreffen***. Sie werden mich und den Poeten und 
die Musen verbinden, wenn sie in ihrer Messagerie dißes Ge- 
dichtes gedenken werden. Ich habe Oden von Klopstok, die 
wahrhaftig pindarisch sind. 

Welches phaenomenon daß Misodem, daß der beissende 
Epigrammdichter eine Tragoedie schreibet! Ist er denn in alle 
sättel zu springen geschickt! Was vor ein Sprung vom Homere 
iravesti auf Guillaume Teil und Gesler. Teil ist glüklich, daß 
die Poeten und die Historici conspiriren ihn zu einem Helden 
zu machen. Ich habe niemahls vil auf seinen wahren Charakter 
gehalten. Er dünkte mich stets ein Etourdi, der durch seinen 
unzeitigen Eifer die Conjuration beynahe vor der Zeit verrathen 
hätte. Wy dem sey, so haben sie hier Gelegenheit, schöne 
sentiniens von Freiheit, Gerechtigkeit und Großmuth anzu- 
bringen, ohne daß sie darüber in Gefahr gerathen proscribirt 
zu werden. Ich sehe ihrer Arbeit mit Ungeduld entgegen. 
Ich habe bey Hr. Orell die Commission abgelegt, daß er 
ihnen ein deutsches Reimlexicon schike, wy auch Richelets 
frantzösisches. Damahls aber schien er mit keinem von bey- 
den versehen; wenn er sie seitdem aufgejagt hat, so wird 



* Neue critische Briefe. Zürich 1749. 
"*"" Elopstock war zu dieser Zeit in Langensalza. 
.*** Bremer Beiträge 1748. 



88 Baechtold, Von und über Bodmer. 

ers ilinen wol geschikt haben. Er ist nicht so stark mit 
Büchern versehen; und in den Commissionen die man ihm 
aufträgt ein wenig langsam. 

Weil ich meine Critischen Briefe drucken lasse ^ so habe 
ich desto weniger nöthig, meinen Freunden mit der Feder zu 
schreiben. Ich schreibe aber oder schreibe nicht ^ so können 
sie sich darauf verlassen, daß ich sie beständig hochschätze, 
ehre, liebe und verbleibe 

Zürich den 18. decenib. 1748. 

Ihr gehorsamster Diener 

Joh. Jac. Bodmer. 

Aufschrift: A Motisieur Monsieur le Capitaine Henzy ä 
Benie, Daneben von Henzis Hand: Beantw. den 1 Jenner 
1749. 

Der vorstehende (jetzt im Besitz von Herrn Fürsprech 
Moser in Ki^l) interessante Brief Bodmers an den unglück- 
licken Berner ist mir im Original von Dettloffs Antiqua- 
riat in Basel aus einem Convolut Henzi- Acten freundlichst 
zur Einsicht überlassen worden und bedarf nur weniger 
erläuternder Worte. Der Eingang bezieht sich auf Henzis 
Rückkehr aus der Verbannung, die er in Neuenburg abgesessen. 
Bodmer mochte sich längst des talentvollen Schriftstellers an- 
genommen haben, dessen Messagerie du Finde (3 Stücke er- 
schienen), Misodem und Epigramme in jener Zeit viel Auf- 
sehen erregten. Bezeichnend für Henzis damalige Lage ist 
sein litterarischer Plan, einen Teil zu dichten, der wol nicht 
ausgeführt wurde: nach einem halben Jahre fiel sein Haupt 
unter dem Schwert des Henkers. In Lessing aber erstand 
ihm ein Rächer. 

2. 

An obiges dürfte sich eine liebevolle, aber im allgemeinen 
gerechte Charakteristik Bodmers schliessen, die von einem 
uns unbekannten Freunde des Altmeisters, jedesfalls einem 
Mitglied der deutschen Gesellschaft in Zürich, etwa von J. C. 
Hirzel oder Pfenninger, nur wenige Tage nach Bodmers 
Tod geschrieben wurde und vom 9. Januar 1783 datiert. An 
wen der Brief gerichtet ist, kann ebenfalls nur vermuthet wer- 



Baechtold, Von und über Bodmer. 89 

den. Aus dem Ende desselben wird man kaum den Schluss 
ziehen dürfen, dass er an den Herausgeber des „Deutschen 
Museums^ Boie geht, der übrigens mit Bodmer in Berührung 
stand (Weinhold, Boie S. 140). — Eine Abschrift des Originals 
stammt aus dem reichen litterarischen Nachlass von Joseph 
Lüthy aus Solothum (1765—1837), Praesident des helvetischen 
Senats, Geschichtsforscher und Dichter, und befindet sich jetzt 
im Besitz des Herrn Dompropst Fiala in Solothum. (Treff- 
liche Biographie Lüthys von Fiala im ürkundio I, 125 u. ff.) 

« 

Zürich den 9. des Eismonds 1783. 

Mein verehrenswürdigster Herr, 

Zu einem neuen Correspondenten will ich mich Ihnen 
nicht aufdringen. Sie mögen ohne diß damit überschwemt 
seyn. — Nur für dißmahl will ich Ihnen einiges sagen, das 
Ihnen vielleicht einigermassen iutereßant seyn mag. 

Den zweyten des Eismonds starb hier Bodmer in 
seinem funfundachtzigsten Jahr. Ruhig, schmerzenlos, bey- 
nahe ohne Ea*anckheit entschlummerte Er. Ich sah Ihn im 
Sarge, und so, bis auf die geringste Muskel unverzerrt, so 
heiter kann nur im Tod der Weise liegen, der für Gegenwart 
und Zukunft unbekümmert aus der Welt geht, als gieng Er 
schlafen. Nur wenige Tage vor seinem Ende verließ Ihn 
seine immer heitere Laune und eine Thätigkeit, die mit seinen 
Kräften nicht immer gleichen Schrittes gieng, und Ihm vor 
dem Tribunal unbärtiger Zensoren manchen Seitenhieb zuzog. 
Noch las Er die meisten neuesten Schriften. Aber das nerven- 
lose Gequäcke der deutschen Mode - Dichterlinge (und imter 
diese zählte Er beynahe Alles, was jetzt unsere Lesewelt an- 
staunt) war seinem Ohr unausstehlich, das an Milton und 
Homer gewöhnt war. Er machte gegen sie seinem Herzen 
Luft, wo Er konnte; empfahl dagegen jedem Jünglinge 
Rousseaus Schriften, die Er als Handbuch der Poesie, der 
Philosophie und der Politik anpries. Gegen seine Gegner 
und Nebenbuhler war Er streng, daher ergriflf Er noch mit 
welcker Hand die Geißel der Personal -Satire, um sich an 
seinem Vaterlande zu rächen, das sich auf seine Trümmer 



90 Baechtold, Von und über Bödmet. 

stellte; um einigen Gözen zu räuchern, die Bodmern nicht 
das Wasser reichten. Sein Haus war Jedem oflfen, der be- 
lehrende Unterhaltung suchte^ und von Leuten aus allen Stan- 
den besucht. Jünglinge liebte Er als Vater und Freund; und 
sein Umgang verbreitete unter diese eine praktische Welt- 
Philosophie ; die man in Schulen nicht lehrt. Er lebte unab- 
hängig auf einem Landgut ausser der Stadt. Erst 1775 legte 
Er seine Stelle als Professor der Schweizer - Geschichte und 
der Politik nieder. Deßwegen waren immer seine Politischen 
Schauspiele seine Lieblings - Geburten, die gewis noch kein 
Sterblicher ganz durchlas und durchlesen konnte. Von seinen 
Schriften zöge Bodmer gewis unter allen deutschen Vielschrei- 
bern den wenigsten Nuzen. Selbst sein Homer fand nur aus 
Gefälligkeit einen Verleger*. Er beklagte sich öfters darüber: 
;, Hätte Er einen Roman geschrieben, der die Köpfe unserer 
deutschen Mädchen vollends gar verwirrt hätte, so würden 
sich Buchhändler um Ihn geschlagen haben. Aber wer liest 
Homer?" Seine neuesten Gedichte und ein Theil seines wich- 
tigsten Briefwechsels aus den Zeiten der Geschmacks -Revolu- 
tion sind in Stuttgard unter der Presse**. Noch hoffte Er, 
seinen Homer einmahl umzuarbeiten, wozu Ihn seines Lieb- 
lings Tischbeins Versprechen, Zeichnungen dazu zu liefern, 
aufmunterte. . Wer Ihn sah, liebte Ihn. Noch ward Er in 
dem verflossenen Jahr von dem edeln Fürsten von Dessau 
besucht. Er hatte die Gabe, sich mit jedem nach seinem 
Talente zu unterhalten, daher liebt' Ihn der Schwachkopf, wie 
der große Greist, und der Christ wie der Freydenker. Daß 
Ihm seine lebhafte Fantasie noch immer die Gottschedische 
Fehde zu oft fü/s Gesicht zauberte, ist wohl wahr. Aber wer 
höhrt nicht gern einen alten Krieger von seinen Thaten 
sprechen, und hatte Bodmer nicht das Recht?, Er, der sprach 
zum Geschmack: Es werde Licht! und dem das Dunkel wich. — 
Unter den vielen Ungerechtigkeiten, mit welchen sich die 



* Homers Werke aus dem Griechisclien metrisch übersetzt. Zürich 
1778. — Zu dieser Stelle vgl. Weinhold, H. Chr, Boie S. 140. 

** Bodmers Apollinarien , herausgeg. von G. F. Stäudlin. Tübin- 
gen 1783. 



Baechtold, Von und über Bodmer. 91 

AUg. d. Biblioth.* zu Grabe läutet, ist gewis die Verachtung 
Bodmers keine der geringsten. Buhe seiner Asche, denn Er 
war uns Vater und Freund! 

Nun verehrenswürdigster Herr, muß ich Ihnen in La- 
vaters Namen noch ein Wort sagen, das Sie bey Gelegenheit 
im d. Musäum dem Publikum wiederkäuen mögen. 

(Auf der Rückseite des Briefes dieser recht Lavatersche 

Spruch: 

Wo Licht ist, ist Ruhe; 

Wo Ruhe ist, ist Kraft; 

Wo Kraft ist, ist Leben; 

Wo Leben ist, da ist Preyheit; 

Wo Preyheit ist, da Glückseligkeit.) 

* Nicolais Allg. deutsche Bibliothek 1765—91. 



Ein Brief Wielands, 

betreffend sein helvetisches Bürgerrecht. 

Mitgetheilt von 
Ludwig Hirzel. ^ 

Im dritten Bande dieser Zeitschrift, Seite 131 — 144, ist 
ausführlich über den Antrag gesprochen worden, welcher im 
Gesetzgebenden Rathe der helvetischen Republik zu Bern im 
Jahre 1801 die Bürgerrechtsertheilung an Christoph Martin 
Wieland bezweckte. Während es mir aber an jener Stelle 
unmöglich war, den üj)erschwänglichen Lobredner des deut- 
schen Dichters ausfindig zu machen, da ich lediglich auf eigene 
Vermuthungen angewiesen war, bin ich heute durch die Güte 
der Herren Professor Baechtold und Dompropst Fiala in 
Solothum in den Stand gesetzt, den Lesern dieses Archives 
nicht nur den Antragsteller zu nennen, sondern auch in dem 
unten folgenden Briefe Wielands einen Nachtrag zu meinem 
frühern Aufsatze zu liefern, welcher nicht ohne Interesse 
sein dürfte. 

Es war Urs Joseph-Lüthy von Solothum (1765—1837), 
welcher im Jahre 1801 „dem Dichter imd Schweizerfreund" 
Wieland jenes eigenthümliche „Denkmal" errichten wollte. 
Von Jugend auf für die in seiner Vaterstadt damals sehr 
wenig geachtete deutsche Dichtung begeistert und sich selbst 
an den Vorbildern der damals besonders gefeierten Dichter 
übend, gab Lüthy schon 1785 bei Schweighauser in Basel 
einen „schweizerischen Musenalmanach" heraus, in den er 
selbst eine grosse Anzahl von Beiträgen, Oden in Elopstocks 
und Ramlers Weise, Trink- und Liebeslieder nach der Art 



Hirzel, Wielands heWetiBcheB Bürgerrecht. 93 

Gleims und Jacobis^ Epigramme u. a. m. geliefert hat. Eben- 
so gehörte Lüthy zu den politisch aufstrebenden Jünglingen 
seiner Vaterstadt, und von ihm rührt der in Armbrusters 
„schwäbischem Museum^ (Band I, Kempten 1785) gedruckte 
Aufsatz her: „Theodorus Rabiosus über den schweizerischen 
Freistaat Solothum." In Folge dessen musste Lüthy, der den 
Aufsatz von Dijon aus an Armbruster gesendet hatte (er war 
unzufrieden mit den seine Ausbildung unmöglich machenden 
Solothumer Verhältnissen dorthin gegangen), in die Heimat 
zurückkehren und seinen Freimuth mit Zuchthausstrafe und 
Landesverweisung büssen, wie auch Armbruster in Zürich 
gefangen gesetzt und darauf aus dem Gebiete der Eidgenossen- 
schaft verbannt wurde. So gieng Lüthy 1786 nach Wien, 
um Rechtswissenschaft zu studieren. Er ist auch dort litte- 
rarisch thätig gewesen und hat einige dichterische Versuche 
in Druck gegeben: vier Bücher „Fabeln", Wien bei Kurzbeck, 
1787 und „Scherzhafte Gedichte", ebenda (1788). In Wien 
hat Mich. Denis besonders auf ihn eingewirkt, und folgende 
Worte Denis' blieben Lüthy unvergesslich: „Wenn Sie es je 
versuchen wollen, Ihrem Volke zu dichten, so studieren Sie 
zuerst vorhandene Lieder; fangen Sie damit an, dass Sie diese 
Lieder ausbessern, veredeln, ohne im Geringsten vom Sinne 
des Liedes abzuweichen. Das modernisieren der alten Volks- 
lieder ist vielleicht noch bis jetzt der einzige Weg, dem Volke 
zu dichten." Im Jahre 1789 kehrte Lüthy in die Schweiz 
zurück, man hatte die gegen ihn ausgesprochene Verbannung 
aus der Eidgenossenschaft aufgehoben, aber nach Solothurn 
selbst durfte er erst 1791 und blieb auch dann noch lange 
unter polizeilicher Aufsicht. Aber unterdessen hatte dort doch 
ein regeres geistiges Leben und eine freiere Richtung der 
Geister Wurzeln geschlagen, Lüthy betheiligte sich bei der 
Herausgabe des ersten publicistischen Versuches in seiner Vater- 
stadt, beim „ Solothurnischen Wochenblatt", sowie an Gass- 
manns „helvetischem Hudibras" 1797 und Müllers (in Luzem) 
„Taschenbuch fttr die helvetische Jugend" 1799. Eines seiner 
Lieder aus jener Zeit ist auf den Zug der Solothumer Trup- 
pen an die Grenze, nach Basel, im Jahre 1792 bezüglich; 
es ist wahrschoinlich das folgendermassen überschriebene, von 



94 Hirzel, Wielands helvetisches Bürgerrecht. 

dem ein Exemplar in meinem Besitz: „Lied der Solothumer 
Truppen bey ihrer Ankunft in Basel. Nach der Melodie: Auf, 
auf ihr Brüder etc. Solothurn 1792." 2 Bl. „Eröfne, Basel, 
uns das Thor" etc. 

Nachdem die Ideen der franzosischen Revolution in Solo- 
thurn immer mehr Eingang gefunden hatten, wurde auch Lüthy 
in den Strom der Bewegung hineingerissen. Er wurde General- 
secretar der neuen 1798 vom Greneral Schauenburg eingesetzten 
Solothumer Regierung, kurz darauf trat er in die neuen hel- 
vetischen Behörden ein, die sich im April 1798 zu Aarau 
constituierten. Von Anfang an der gemässigteren Partei in 
dem neuen schweizerischen Einheitsstaate angehörend, hat er 
hier, wie auch später wieder in seinem Heimatcanton, eine 
einflussreiche Thätigkeit ausgeübt, lieber diese und, was sonst 
in Ijüthys Leben von Interesse ist, hat der Neffe desselben, 
Hr. Dompropst F. Fiala in Solothurn, ausfährlichen Bericht 
erstattet in dem Organe des geschichtsforschenden Vereines 
des Kantons Solothurn: Urkundio, Erster Band. Solothurn, Sche- 
rer, 1857, S. 125 — 170. Diesem Aufsatze sind auch die vor- 
stehenden Notizen zum grossten Theil entnommen. Doch ist 
von Lüthys Antrag, Wieland zum helvetischen Ehrenbürger zu 
machen, dort nicht die Rede. Auf ihn aber bezieht sich der 
folgende, von Heinrich Gessner, dem Tochtermanne Wie- 
lands, an Lüthy abschriftlich mitgetheilte Brief des Dichters, 
den mir Hr. Fiala aus den Papieren seines Oheims freundlichst 
überlassen hat: 

An Heinrich Geßner. 

Oßmannftadt d. 20. Aprill 1801. 

L. Sohn! 

Die Motion des B. Lüthi in Euerm gefetzgebenden Rath, 
hat mich zwar fehr überrafcht, doch bekenne ich unverholen, 
daß ße mir einige fehr angenehme Augenblicke gemacht. 
Ich liebe fonft diefe Art von Weyrauch nicht fonderlich, zu- 
mal in fo ftarker Gabe: aber der gute Lüthi meynt es fo 
herzlich gut, und alles was er zu viel Tagt, kommt fo augen- 
fcheinlich aus der Fülle des Herzens und der innom Ueber- 



Hirzel, Wielands helvetisches Bürgerrecht. 95 

zeuguQg^ daß es mir ohnmöglich ift^ ihm feine Freude und 
feinen Enthufiafmus^ etwas Gutes gethan zu haben^ yerküm- 
mem zu wollen. Hätte fein Enthuliafmus das Wunder ge- 
than^ fich (wie der h, Geift am Pfingfttag) plötzlich allen 
Hörern mitzutheilen und wäre feine Motion durch eine all- 
gemeine Acclamation auf der Stelle angenohmen worden, fo 
hätte ich mich allerdings durch eine fo außerordentliche Be- 
gebenheit höchft geehrt finden müßen. Da dies aber nicht der 
Fall war und es, die Wahrheit zu fagen, ohne die Dazwifchen- 
kunft irgend eines Bei ex Machina, auch nicht fejn konnte, 
fo wäre meine unmaßgebliche Meynung, man ließe es bey der 
Motion und der Vertagung derfelben bewenden; und wenn die 
Majorität der Gefetzgebenden dem lieben Schwärmer Lüthi 
zu Gefallen, doch etwas zu Gefallen thun wollte, fo würde 
ich die Ertheilung des helvet. Bürgerrecht an meinen Sohn 
Ludwig eben fo dankbar aufnehmen, als ob fie mir felbft 
gefchehen wäre. Übrigens wäre in meinen hiefigen Verhält- 
nißen nichts gewefen, das mich im mindeften hätte bedenklich 
machen können, die mir von L. zugedachte Ehre anzunehmen. 
Nur fcheint mir in folchen Dingen Conditio Sine qua non zu 
feyn, daß das Ganze ein Impromptu feyn muß, weil es nur 
als ein folches fchmeichelhaft feyn kann. Sapimtibus pauca. — 

Auf der Aussenf eite die Adresse: 
An B. Lüthi 

Mitglied d. gefetzg. Raths 
Bern. 

Vom Siegel noch erkennbar ein Fascenbündel und Um- 
schrift (N)ATIO (NALBU)CHDRUCKEREL Innen: HELVET. 
REPUBLIK. 



Die handschriftliche Sammlung Goethescher Gedichte 

von Charlotte von Stein. 

Ein Beitrag zur Geschichte des Textes der 

Goetheschen Gedichte. 

Von 
Heinrich Düntzer. 

Schon in der Augsbui^er allgemeinen Zeitung 1870 Nr. 222 
machte ich auf diese in Eochberg aufbewahrte Sammlung auf- 
merksam, deren Inhalt ich damals angeben und zugleich ein 
noch unbekanntes Gedicht mittheilen konnte. Eine genauere 
Einsicht derselben, insonderheit die Vergleichung der auf- 
genommenen Gedichte mit den ersten Drucken^ war mir der 
Kürze der Zeit wegen nicht gestattet. Jetzt liegt durch die 
stets bereite Güte des Besitzers , des Freiherrn Felix von 
Stein Eochberg, die Sammlung mir zur genauen Durchsicht 
vor, welche mehrere anziehende Ergebnisse darbietet, besonders 
Aufschluss über Goethes ins Jahr 1777 fallende Durchsicht 
seiner Gedichte gibt. 

Es ist ein zierlicher Franzband in klein Quart von 
ursprünglich 92 Blättern. Auf dem 2. Blatte hatte Frau von 
Stein ein Tagebuch begonnen; leider sind diese Blätter (Blatf 
2 bis 25), ohne Zweifel von Frau von Stein selbst, aus- 
geschnitten worden. Aus den an den Seiten übrig gebliebenen 
Resten lässt sich, da auf dem 15. Blatte eine Eintragung vom 
5. October erfolgte (es ist hier noch „5t Oc" deutlich zu lesen) 
die Jahreszeit bestimmen, welcher diese Aufzeichnungen an- 
gehören. Das erste Datum, das der verheerenden Schere ent- 
gangen (nur auf der 'ersten Seite der Blätter konnten die 



Düntzer, handschriftliche Sommlang Goethescher GedicÜte. 97 

Datierungefl sich erhalten, da diese immer zu Anfang der 
Zeilen stehen) findet sich auf dem vierten Blatt; es ist der 
17., unzweifelhaft im August; dann folgen Blatt 5 der 21., 6 
der 22., 7 der 23^ 8 unten der 27., 9 unten der 30., 1 1 der 3. 
.4. und 5. (September), 12 der 10. und 11., 13 der 21., 14 der 
24. 25. 26., 15 der 5. und 9. October, 16 der 10—14., 
17 der 17. und 19., 18 der 27. 28. 29. 30. 31., 19 der 1. 2. 
3. 4. 5. 6. (November), 21 unten der 29.; Blatt 22 beginnt mit 
dem 3. (December), erst nach der Mitte von Blatt 23 steht 
der 4. und drei Zeilen vor dem Ende der Seite der 25. Ob 
der 22., womit Blatt 25 beginnt, der Januar des nächsten 
Jahres sei, bleibt zweifelhaft. Die sechste Zeile scheint mit 
einer Eintragung von einem 16. zu beginnen, und so könnten 
schon hier die zerstreuten in langem Zeiträumen gemachten 
Eintragungen beginnen, wie auf dem 25. Blatte, auf dem nur 
' zehn Zeilen stehen , eine grosse Theegesellschaft vom 29. 
November, unter dem 15. März 1794 der am vorigen 27. Decem- 
ber erfolgte Tod ihres Mannes nach vierjährigem leiden und 
am 17. December 1803 der Tod ihrer Sch^fesfer Imhof ver- 
zeichnet sind. Hiemach würden sich die ersten Eintragungen auf 
die fünf letzten Monate eines Jahres beziehen. Höchst wahr- 
scheinlich gehören sie in das Jahr 1777, so dass Charlotte 
nach ihrer Bückkehr von Pyrmont, die Anfangs August er- 
folgte, ihr Tagebuch begann. Leider hat die grausame Schere 
uns alle Nachrichten weggeschnitten, nur die Namen Goethe; 
Herder, Wieland, Schröter, ihres Sohnes Fritz, ihrer Schwester 
Louise, ihrer Schwägerin und der Herzogin lassen sich er- 
kennen, am 5. October auch, Lenge(feld). Fast wie ein Spott 
des Zufalls sieht es aus, dass sich gegen den 10. September 
am Rande die Bemerkung erhalten hat: ^mir ein Hanswurst- 
hut geschenkt.'^ Der Geschenkgeber war wol ihr jüngerer 
Bruder, der als komischer Tänzer im Liebhabertheater grossen 
Beifall fand und sich in Narrenrollen gefiel. Während der 
Zeit unseres Tagebuches kam Goethe am 27. August nach 
Eochberg, von wo er am andern Morgen wieder wegritt; zu 
Weimar sah er die geliebte erst am 24. October wieder. 
Den 29. November trat er seine Harzreise an, von welcher 
er erst am 16. December nach Weimar zurückkehrte. Es sind 

ABCHIV f. LXTT.-GXBCR. VI. 7 



98 Düntzer, handschriftliche Samiblung Goethescher Gedichte. 

also nur anderthalb Monate während dieser Zeit^^die sie mit 
Goethe zusammen verlebte. Demnach können es kaum die 
Beziehungen zu Goethe gewesen sein, die sie veranlassten, 
diese Blätter auszuschneiden; man mochte eher daran denken, 
freiere Aeusserungen über Familienverhältnisse hätten sie da- 
zu veranlasst, schiene sich nicht die Vertilgung dieser Auf- 
Zeichnungen schon daraus genügend zu erklären, dass Frau 
von Stein überhaupt solche leicht misszuverstehende abgerissene 
Aufzeichnungen, die sie eigentlich nur zu ihrer Erinnerung 
niedergeschrieben hatte, nicht auf die Nachwelt kommen 
lassen wollte, wenn sie auch einmal in ihren spätem Jahren 
bedauerte, keine Memoiren über ihr Leben abgefasst zu haben. 
Das vierte Blatt ist so dicht am Anfange ausgeschnitten, dass 
von der Schrift sich gar keine Reste erhalten haben; es be- 
zog sich dieses auf die Zeit kurz vor dem 17. August, wo 
Goethe in Weimar, Frau von Stein in Kochberg sich befand. 
Eine Spur von Goethes Namen hat sich nur am 26. September 
erhalten und vielleicht am 28. October, unter welchem sie von 
einer Fahrt nächf Jena mit ihrem Fritz berichtet haben dürfte; 
denn die Anfänge der Zeilen lauten: 28. Fuh(r) — Jena — 
Fritzen — te (?) G". 

Mit dem Ende des Jahres 1777 stellte sie ihre fortlaufen- 
den Tagebucheinzeichnungen ein; sie wandte nun das Buch 
um und fieng von hinten an Gedichte Goethes einzuschreiben, 
deren Anfang die Verse auf der Harzreise vom vorigen Novem- 
ber und December bilden. Dieselbe scheint sie so erfreut zu 
haben, dass sie, obgleich sie das Gedicht in Goethes eigen- 
händiger Sammlung besass, der diese, um es einzutragen, 
am 30. December 1777 von ihr sich erbeten hatte, in ihr 
Album schrieb imd beschloss, ihr andere Gedichte derselben 
Sammlung folgen zu lassen, um sie durch ihre eigene Ab- 
schrift sich gleichsam noch näher anzueignen. In diese Samm- 
lung hatte Goethe seine frühern Gedichte in verbesserter 
Fassung eingetragen, von welcher er sich natürlich auch selbst 
Abschrift zurückhielt, die er bei den späteren Ausgaben be- 
nutzte. Dass dies der Fall sei, wird die folgende Vergleichung 
beweisen. Was zunächst die Harzreise betriflFt, so stimmt die 
Abschrift der Frau von Stein mit der am 5. August 1778 an 



DüDtzer, handschriftliche Sammlung Goethescher Gedichte. T)l) 

Merck gesandten Handschrift^ nur dürfte der Herausgeber von 
Mercks Briefen bei der Angabe der abweichenden Lesarten 
einzelnes übersehen haben. Frau von Stein lässt V. 14 Er, 
15 Sich weg, schreibt 16 ehrnen, 79 verbessert sie das von 
ihr geschriebene schneebehangner, indem sie noch ein e 
vor der letzten Silbe oberhalb der Zeile schreibt; vor 77 („Und 
Altar ^) hat sie einen Absatz. Dagegen sind Schreibfehler 49 
den, 52 Jeden, 58 Den statt der Formen auf m, wie in 
dem ganzen Buche statt des schliesenden m häufig ein falsches 
n steht. 

An zweiter Stelle finden wir mit schwärzerer Tinte und 
zierlicher geschrieben auf der folgenden Seite das Gedicht 
„Freuden des jungen Werthers", das Frau von Stein noch in 
ihrem höchsten Alter auswendig herzusagen wusste. In der 
Sammlung „Der junge Goethe" (HI, 180) wird es nach dem 
sogenannten Drucke Lachmanns gegeben. Unsere Abschrift 
weicht in folgenden Stellen von dieser ab. V. 2 beginnt sie 
Starb einst, 3 hat sie denn, 6 Wie's denn so, 7 setzt 
nothdürftig sich aufs, 8 legte da sein, 9 Beschaute 
freundlich, 10 Ging wohl erathmet, 11 sprach, 12 f. 
Der gute Mensch, wie hat er sich doch verdorben. Be- 
kanntlich weicht die Fassung, die Boas aus Heims Nachlass 
gab, wesentlich von Lachmann ab; mit Frau von Stein stimmt 
sie überein V. 2 und 12 f. und 9 in freundlich. Nach Lach- 
mann wäre erathmend eine Correctur wol von Goethes 
Hand statt erathmet, aber ich sehe nicht, was gegen letzteres 
im Sinne „nachdem er aufgeathmet hat" zu sagen wäre. Goethe 
hatte wol die Verse Frau von Stein vordeclamiert und sie 
dann auf ihren Wunsch niedergeschrieben. Es ist bezeichnend 
für die geringe Scheu, die man damals vor der Bezeichnung 
natürlicher Dinge hatte, dass Frau von Stein in der vorletzten 
Zeile das jetzt so anstössige Wort ruhig ausgeschrieben hat. 

Bei dem auf der nächsten Seite beginnenden „Mahomets 
Gesang" ist nicht nur der ursprüngliche Wettgesang zwischen 
Ali und Fatima aufgegeben, sondern es findet sich hier schon 
der grösste Theil der 1788 in der ersten Ausgabe der Werke 
erscheinenden Aenderungen. Goethe hatte diese ohne Zweifel 
gemacht, als er seine Gedichte für Frau von Stein 1777 zu- 



100 Düntzer^ handschriftliche Sammlung Goethescher Gedichte. 

sammenschrieb. Abweichend von der ersten Fassung im Göt- 
tinger Musenalmanach lesen wir hier V. 7 als einen Vers 
„Zwischen Klippen im Gebüsch", 15 mit frühem (statt 
festem), 16 Bruderquellen; 21 beginnt Lebt von den 
Vers, statt den vorigen zu schliessen; 29 st^ht Sich gesellig 
an, 30 f. „Und nun tritt er In die Ebne silberprangend"; 
33 Bäche von Gebürgen, 34 Bruder! noch in diesem 
Verse, 37 ewgen, 38 weitverbreiten, 43 Gierger Sand 
und Die Sonne droben als zwei Verse, 47 Gebürgen; 51 
t&ngb mit Herrlicher an, 53 f. steht „Und in rollendem 
Triumphe Gibt er Ländern Namen; Städte", 56 f. „Unaufhalt- 
sam rauscht er über (Versehen statt^ weiter?) Lässt der 
Tüme Flammengipfel", 68 f. „Marmorhäuser, »eine Schöpfung 
Seiner Fülle hinter sich". 

Bei dem an vierter Stelle folgenden Wanderers Sturm- 
lied* finden sich fast alle Abweichungen, welche der erste 
Druck in der dritten Ausgabe der Gedichte von der ursprüng- 
lichen handschriftlichen Fassung zeigt, schon hier. Spätere 
Aenderungen sind nur V. 5 Begengewölk, wofür ursprüng- 
lich Regenwolke, in unserer Abschrift Regen wölk, 28 Um- 
schwebet, vielleicht Druckfehler statt Umschwebt, 46 alle 
(dessen Richtigkeit man wol bezweifeln kann) statt des hier 
beibehaltenen all, 79 Musigen statt müsigen, 97 Blumen- 
singenden, das vielleicht auf einem Druckfehler beruht, 107 
Gebirg' statt Gebürg. Blosse Versehen der Abschrift der 
Frau von Stein sind V. 15 den Ealions, 20 auf den Fel- 
sen, 25 warmumhüllen, 42 und 52 Bronius, 49 Um- 
gränzende, 56 Pindaren, die Verbindung von 69 f. (Die 
— harrt) in einen Vers, 94 Gebürges, wof&r der erste 
J)ruck Gebirgs hat. 

Zunächst kommt Künstlers Morgenlied, das schon 
einige Veränderungen hat, die es in der ersten Ausgabe der 
Werke zeigt: V. 13 hin statt hier, 19 Wagen statt Wägen,* 
21 denn statt dann, 28 Gotterhand statt Gottheit Hand 



* Von jetzt an stehen die Gedichte unmittelbar hintereinander, nnr 
durch ein kleines Abtheihingszeichen getrennt, während bisher jedes auf 
einer neuen Seite begann. 



• : 



•• '. 



Düntzer, handschriftliche Sammlung Goetheacher Gedichte. 101 

29 Ab statt 'ßab, 68 heiligs statt heilges. V. 29 hatte 
Goethe damals geändert den Todtenrogus stürzt. V. 25 
steht Flammesschwert, 67 Erstlingkind. Versehen 
der Abschrift sind 31 um statt nun^ 54 schmachtest statt 
schmachtetst; 75 um dich, 76 den Olymp. Die Verän- 
derungen von V. 1. 8. 17. 23. 29. 33 f. 36. 38. 40. 44. 46. 
54. 71 f. 80 gehören dem Jahre 1788 an. 

Höchst bedeutend sind die bisher unbekannten altern Les- 
arten in dem darauf folgenden Gedicht „An Schwager Kronos 
in der Postchaise den 10. October 1774". V. 5 findet sich 
Haudern statt Zaudern, im Sinne von säumen, wie auch 
imGotz haudern steht, V.6f. lauten hier: „Frisch den holpern- 
den I Stock, Wurzeln, Steine den Trott", wo über vor Stock 
ausgefallen sein könnte, und nach holpernden wol ein Komma 
zu denken ist. Nach wieder 9 steht ein Fragezeichen, das 
richtig sein dürfte, 13 hoffend an, 16 zweimal Gebürg, 17 
Aber statt Schwebet ohne vorhergehendes Komma. 24 steht 
Trunk, 25 Und den freundlichen Gesundheits Blick, 
26 Ab dann, frischer hinab, 28 f. eh mich fasst Greisen 
im, 31 schlockernde, 37 Schwager dein Hörn, 39 — 41 
„vernehme: ein Fürst kommt. Drunten von ihren Sitzen Sich 
die gewaltigen lüften". 

Das nun folgende Gedicht Prometheus zeigt meist die 
ursprüngliche Fassung, aber schon hier fehlt nach V. 7 der 
Absatz, 13 steht kenn' statt kenne, die zwei längern Verse 
„Von Opfersteuern (hier Opfersteuren) — wären" sind in 
vier kürzere getheilt. 20 steht Da statt Als, 21 wusst, alles 
Aenderungen, die Goethe 1788 aufuahm. Zweifelhaft bleibt, ob 
auch 41 mich nicht, das jedesfalls den Vorzug verdient, 
eine absichtliche Aenderung für nicht mich war, und ebenso 
14 Sonne statt Sonn'. Offenbare Verschreibungen sind 38 
in statt je, 48 Knabenmorgen statt Knabenmärchen. 

Für das Gedicht G a n y m e d erhalten wir durch die Aufnahme 
desselben in die Sammlung der Frau von St«in eine Zeitgrenze, 
der freilich diejenigen nicht bedürfen, die es kurzer Uand in die 
Frankfurter Zeit versetzen. Auch gewinnen wir zwei ältere 
Lesarten; denn V. 1 steht in unserer Abschrift Morgenroth 
statt Morgenglanze, 20 auch an erster . Stelle komme, 30 



102 Düntzer, himdschriftliche Sammlung Goethescher Gedichte. 

aufwärts als besonderer Vers iind zwaj: ausdrücklich als 
solcher durch Correctur bezeichnet. Auch fehlt mit Recht 
der Absatz nach 8. Nach Morgenwind 17 steht Ausrufungs- 
zeichen, wie auch 22 nach strebt's. Sonderbar ist das 24 
nicht nach abwärts, sondern nach dem zweiten die Wolken 
stehende Komma; auch hier fehlt das Ausrufungszeichein 26 
nach dem zweiten mir. 

Von den drei folgenden Gedichten Menschengefühl, 
Eislebenslied, Königlich Gebet, von denen nur das mitt- 
lere gedruckt war (im Februarstücke 1776 von Wielands 
Merkur), zeigt nur das letzte, erst in der dritten Ausgabe 
gedruckte ein paar Abweichungen. V. 1 fehlt mit Recht der 
vor Herr; sollte es eingefügt werden, wie es im ersten Drucke 
der Fall ist, so musste dies gleichfalls V. 3 geschehen; im 
letzten Verse findet sich Lieb statt Liebe. Das sich daran 
schliessende Gedicht Seefahrt stimmt fast ganz mit der an 
Lavater gesandten Handschrift überein, nur steht V. 1 Nacht, 
32 Streckt, das also kein blosser Druckfehler ist, wie Sauppe 
meinte, 47 männlich; die beiden letztem Lesarten bietet 
auch der Druck in der ersten Ausgabe, der aber V. 1 ver- 
ändert gibt. Auch dieses Gedicht kannte Frau von Stein aus 
Goethes eigener verbesserter Fassung. Die Formen Gedult 
und Ungedult und den statt dem V. 18 und 33 gehören 
der Abschreiberin an. Dass auch bei dem darauf folgenden 
prächtigen Gedicht der Wanderer nicht der Abdruck aus 
dem Göttinger Musenalmanach, sondern eine neue verbesserte 
Abschrift vorlag, zeigen die Abweichungen. Diese stimmen 
zum Theil mit der Fassung von 1788 überein, vor allem in 
der Verseintheilung; denn schon in unserer Abschrift endet 
V. 47 mit Linken, während früher „Gleich — hinan" einen 
Vers bildete, 54 mit Brunnen, nicht erst mit trinke, 58 mit 
dir, 59 mit zusammengestürzt (früher der erstere mit ist, 
der zweite mit Meisterstück), 65 mit emporstrebst (nicht 
erst mit Schutte), 157 mit Schutzort (statt erst mit ge- 
deckt), 159 mit Mittagsstrahl (nicht mit wehrt), 161 
mit dann (nicht mit heim). Sonst kommen beide überein 
in den Ausrufungszeichen nach 27, in wandle 156 statt 
wandele, 164 vergoldet statt verguldet. Sonstige Ab- 



Düntzer, handschriftliche Sammlung Goetheacher Gedichte. 103 

weichungen, die von Goethe herrühren müssen, sind 16 „Schwül 
ist, schwer (statt schwül) der Abend", wofür später „Kühl 
wird nun der Abend", 37 „ihr Gesellen" (statt „ihr Gespie- 
len"), später ihr allein, 69 „Wie ihr düstres — Haupt" als 
ein Vers, 88 „Dass ich Wasser schöpfen hinabgeh" (statt 
„dass ich hinabgeh, Wasser zu schöpfen"), jetzt „Dass ich 
Wasser schöpfen gehe", 93 Geborner statt geboren, 100 
„ Lieblichdämmernden Lenzes " (statt „Lieblich dämmernden 
Frühlingstags"), wofür seit 1788 „Des glänzenden Frühlings", 
auch wol das 148 statt Guma stehende Cumä. Zweifeln 
kann man, ob 12 Lande statt Land, 42 Steine statt Stein 
absichtlich eingeführt ist. 51 steht Trümmern statt Trüm- 
mer, wogegen 137 Trümmer geblieben ist. Schreibfehler 
sind zeugen statt zeigen 40 und Untern statt Unterm 86. 
Nun folgt das Gedicht Ein Gleichniss, das zuerst im 
Wandsbecker Boten erschien, in die Gedichte erst in der 
dritten Ausgabe unter der Üeberschrift Dilettant und Kri- 
tiker aufgenommen ward. Auch dieses ist hier offenbar nach 
einer Bearbeitung Goethes gegeben. Es fehlen V. 5 f., damit 
clas Gedicht, mit Ausnahme der schliessenden Moral, aus lauter 
vierzeiligen Strophen bestehe. 10 steht Wundern statt Wun- 
der, 13 „mein Täubchen so schön", 14 Tage und Täubchen 
15 „Geht wohl an", -16 „Aber es fehlt noch*', 17 „Die Federn 
zum Exempel sind zu kurz", 20 „schwingt nicht", 24 „für 
Füchsen". Von diesen Lesarten erscheinen die von V. 13 — 17 
.(mit Ausnahme von Tage) in dem ersten Druck in den Wer- 
ken wirklich, aber 20 steht dort schwinget. Unmittelbar 
darauf kommt die Legende, die gleichfalls erst in der dritten 
Ausgabe der Werke erschien; ihre frühere Entstehung wird 
durch unsere Sammlung bestätigt. Abweichend findet sich 
hier V. 6 „Zur seligen Freud, uns dürst' darnach", 8 „'s sieht". 
Dann kommen die in der Quartausgabe unter dem Titel 
„Ein Lutherischer Geistlicher spricht" gebrachten vier Verse 
und das Gespräch Catechisation. In letzterem finden sich 
schon hier die beiden Abweichungen des ersten Druckes in den 
Werken, in der dritten Ausgabe, von der Mittheilung im Wands- 
becker Boten (V. 4 woher und 5 Nicht doch! Woher 
statt von wem und Von wem). Auch das Gedicht Kenner 



104 Düntzer, handschriftliche Sammlung Goctheächer Gedichte. 

und Künstler weicht von der Gestalt ab, in welcher der 
Wandsbecker Bote die Verse brachte. Dort bildeten die 
Worte 7 f. „Und die Lippe nicht ganz Natur" zwei Verse, 
während in unserer Abschrift mit nicht ein zweiter Vers be- 
ginnt; 9 ist aus „Zu todt noch alles" geworden „Noch alles 
todt", 15 „empor" aus „hervor'^ Im Jahre 1788 traten meh- 
rere Aenderungen ein, von denen nur die Trennung von V. 7 f. 
mit unserer Abschrift übereinstimmt. Das darauf folgende 
Gedicht Ein Gleichniss (jetzt Autoren) weicht nur darin 
vom Wandsbecker Boten ab, dass V. 5 kommt statt 
kommt, 9 und 12 mein statt meine steht. Nur kommt hat 
Goethe später nicht verändert. Das einzige kleine Gredicht, 
das bisher ungedruckt war, habe ich bekannt gemacht % und 
so ist es in von Loepers Nachlese zu Goethes Gedichten bei 
Ilempel S. 252 übergegangen. Aber der letzte Vers beginnt 
nicht Drum, sondern Und drum. Das durch einen Strich 
angedeutete Wort ist ausgeschrieben. TTebrigens ist dieser 
Spruch so rasch hin und mit ganz anderer Tinte als das vor- 
hergehende und nachfolgende geschrieben, dass die Vermuthung 
nahe liegt, Frau von Stein habe hier ein Impromptu, das 
Goethe bei ihr gesprochen, aufzuzeichnen sich beeilt. 

Darauf folgt zunächst die Ballade Vor Gericht, für 
deren Entstehung wir durch die Aufnahme in unsere Samm- 
lung einen Anhaltspunct gewonnen haben. Das Gedicht zeigt 
hier nur vier unbedeutende Abweichungen: V. 1 ichs statt 
ich es, 7 goldne statt goldene, 14 bitt; statt bitte, 15 und 
bleibt statt es bleibt. Die Verse An Kenner und Lieb- 
haber (jetzt Monolog des Liebhabers) zeigen nur zwei 
Abweichungen von der Fassung im Merkur, V. 2 In (statt 
An) deinem Busen, 5 Schöpferkraft statt Schöpfungs- 
kraft. Ohne üeberschrifk folgt Der neue Amadis, ganz 
unverändert, nur ist durch Versehen der vorletzte Vers aus- 
gefallen. Goethe gab es in seiner Abschrift, nicht im Drucke 
aus Jacobis Iris, wo es die üeberschrift erhielt**. Richtig 



* Dass von mir gefundene Gedicht steht schon auf einem 
unpaginierten zu Berlin 1869 gedruckten Doppelblatt. 

.** In der Liedersammlung von Corona Schröter (1786) ist es „Jugend- 
lied** überschrieben. 



Döntzer, handschriftliche Sammlung Goetheächer Gedichte. 105 

steht 21 Hiinmelbrod. Daran schliessen sich die zuerst in 
der dritten Ausgabe gedruckten Verse Hypochonder, Hier 
steht richtiger V. 4 sehn statt sehen^ so dass nur ¥.2 und 
6 weiblich enden. Das Lied Christel, das, wie im Merkur, 
keine üeberschrift hat, zeigt keine wesentliche Abweichung; 
denn dummen statt dumpfen Y. 1, Braune statt Braue 
10, Wanglein statt Wänglein 14, luftgen statt lüftgen 
18, Ist statt 's ist 24, nicht statt nit dürften kaum Aen- 
derungen des Dichters sein. Der wol verdruckte V. 7 steht 
hier gerade wie im Merkur. Das sich anschliessende Ge- 
dicht, welches im Anhang zu Mercier Wahrhaftes Märchen, 
im Musenalmanach von Voss Der Kenner, jetzt Kenner 
und Enthusiast überschrieben ist, heisst hier Anekdote 
unsrer Tage und zeigt mehrere Abweichungen: V. 10 hin- 
über herüber (wol durch Versehen statt der umgekehrten 
Folge), 11 gar bald statt schon lang oder schon bald, 14 
Führt statt Zieht, 17 nehm statt nahm, meinem statt 
mein oder meim, 18 seh statt sah. Gar bald 11, Führt 
14 und meinem nahm Goethe später auf, schrieb 10 her- 
über hinüber statt rüber hinüber. 

In einer mittlem Fassung tritt uns das auf Ewalds Hoch- 
zeit im September 1775 gedichtete, dann wol mit wenigen 
Veränderungen .1776 im Februarstücke des Merkur gedruckte 
Bundeslied einem jungen Paar gesungen von vieren 
hier entgegen. Wenn wir bisher annehmen mussten, die all- 
gemeine Fassung als Bundeslied sei erst 1788 erfolgt, so 
zeigt die Sammlung der Frau von Stein, dass ein sehr grosser 
Theil der Veränderungen, mit denen es 1789 erschien, schon 
sehr frühe fallt. Es lautet hier:* 

Bundeslied. 

In allen guten Stunden, Von reinen ewgen Flammen 

Erhöht vonLieb' und Wein, Seid glücklich durchgefacht ! 
Soll dieses Lied verbunden So glühet fröhlich heute, 

Von uns gesungen sein. Seid recht von Herzen eins. 

Uns hält der Gott zusammen, Auf! trinkt der Dauer Freude 

Der uns zusanmien bracht! Ein Glas des echten Weins! 



* Die veränderten Stellen sind gesperrt gedruckt. 



106 Düutzer, haudschriftliche Sammlung Goetheschcr Gedichte. 

Auf! in der holden Stunde Und wie umher die Gegend, 

Stosst an und küsset treu So frisch sei unser Glück. 

Bei jedem neuen Bunde Durch Grillen nicht gedränget, 

Die Alten wieder neu. Verknickt sich keine Lust, 

Wer lebt in unserm Kreise P'f,'^'^ .^jf'^f^ "^<^^* «l^«f^ 
Und lebtnichtfröhlich*drinV ^*'"*»* ^^'^"^ ^'"^ ^''"^*- 

Geniesst der freien Weise ^it jedem Schritt wird weitei» 

Und unsem treuen Sinn. jjj^ ^^^e Lebensbahn, 

So bleib zu aUen Zeiten ^nd heiter, immer heiter 

Hei-z Herzen zugekehrt, g^^j^ ^^^^^ gy^^ ^j^ 

Durch kerne Kleinigkeiten ^^^ ^^^^ ^^ nimmer bange, 

Werd unser Bund gestört. ^^^^ ^„^g ^^^-^^ ^^^ j^m^ 

Uns hat ein Gott gesegnet Und bleiben lange, lange. 

Ringsum mit freiem Blick, Fort ewig so gesellt**. 

1788 änderte Goethe nur weniges an dieser Fassung. • Str. 1, 6 
schliesst seit da hierher gebracht, 7 f. heissen: „Erneuert 
unsre Flammen, Er hat sie angefacht'^ Str. 2, 3 ward er- 
neuter Freude geschrieben, Str. 3, 2 selig vorgezogen, 
3 die freie, 4 „Und treuen Brudersinn", 5 durch alle, 7 
Von keinen, 8 Wird geändert. Str. 4 musste der falsche 
Reim und die Beziehung auf die schone Umgegend wegge- 
scha£Ffc werden. V. 2 trat „Mit freiem Lebensblick ^' ein, 
3 „Und alles, was begegnet". Im Schlussverse des Gedichtes 
ward Fort durch Auf glücklich weggeschafft. 

Das sich anschliessende, gleichfalls im Merkur schon ge- 
druckte Jägers Nachtlied hat ausser stiller statt süsser 
V. 15 keine Veränderung erlitten-, auch steht noch jetzt statt 
itzt V. 5 und Nicht statt Nie 10. Ebenso das dufkige 
Lied Zu einem gemalten Band, ursprünglich Lied, das 
ein selbst gemaltes Band begleitete, jetzt Mit einem 
gemalten Band, blieb ohne Aenderung, nur dass hier V. 4 
luftig statt lüftig steht. Die Eintragung der Gedichte 
Goethes bricht mitten in der schon im Merkur erschienenen 
Erklärung eines alten Holzschnittes vorstellend Hans 



* üeber das unterstrichene fröhlich ist selig geschrieben. 
** Die letzten vier Verse stehen statt zwölf des ursprünglichen 
Liedes, in welchem die beiden letzten ursprünglich den fünften und 
sechsten Vers dieser Strophe bildeten. 



Düntzer, handschriftliche Sammluug Goetheacher Gedichte. 107 

Sachsens poetische Sendung ab, nämlich in dem Worte 
find(en,) dem Schlüsse von V. 125. Auch hier lag eine ver- 
besserte Abschrift Goethes zu Grunde, wie sich daraus ergibt, 
dass der Abdruck in Goethes Gedichten vom Jahre 1789 viel- 
fach gegen den Merkur mit unserer Sammlung übereinstimmt. 
V. 4 haben beide Einen statt Ein, 21 erfreun statt er- 
freuen, 22 Wollten statt Wollt'nund weihn statt weihen, 
28 Oder mit den Augen herum statt Noch mit'n Augen 
rüm, 30 gülden statt guldin, Absatz vor 35, 38 sie lang 
statt sie schon lang, 49 Frummkeit statt Frommkeit, 
55 Männlichkeit statt Männlichkeit, 56 Ihr (im Druck 
Ihre) innre Kraft statt Ihr inner Mass, 57 Der Natur 
Genius statt Der Natur-Genius, 68 Obs ihm mög' (im 
Druck möcht') eine für Obs ihnen möcht' zur, 72 seinen 
statt sein'n, 82 Eine statt Ein, 88 einem statt ein'm, 105 
war statt was, 114 gross statt grossen, 118 ein'n statt 
e'n, 122 nicht wollen weniger statt nie wöH'n minder. 
Aber auch einige später nicht aufgenommene Abweichungen 
•unserer Abschrift scheinen auf Goethes Aenderung zu beruhen : 
V. 7 siebten statt siebenten (Goethe Hess siebenten drucken), 
12 Hirne, statt Gehirne, 79 schrumpfet statt des falschen 
st rümpfet (im Drucke fiel dieser Vers mit dem folgenden 
aus), 86 Sodoms statt Sodom, 100 dienet statt dient, 
120 ihn'n statt ihnen. Schreibfehler sind 41 sollt, 42 ün- 
schicklichs, 66 ein, 95 gemalt, auch wol allen Din- 
gen statt allem Ding 48, Furm imd Wurm 119 f. 

Höchst unwahrscheinlich ist es, dass die eben angegebenen 
78 Seiten einnehmenden* Eintragungen Goethescher Gedichte 
der Zeit nach weit auseinander liegen. Frau von Stein er- 
getzte sich an der in ihrer Hand befindlichen Sammlung und 
schrieb sich daraus ab, was sie gerade besonders anmuthete, 
um es sich dadurch eben ganz zu eigen zu machen. Die Ab- 
schriften dürften nur einige Monate in Anspruch genommen 
haben; vielleicht war es eine äussere Veranlassung, etwa die 
Reise am 15. Juli oder am 8. September 1778 nach Koch- 
berg, welche die Schreiberin unterbrach, und nach ihrer Rück- 
kunft blieb dann das begonnene ganz liegen. Erst nach vielen 
Jahren, wol erst nach dem Bruche mit Goethe nahm sie das 



Düntzer, handachriftliclia Summlung Gocthescher Gedichte. 107 

öachaens poetische Sendung ab, uämlich in dem Worte 
fmd(eii,) dem Schlüsse von V. 125. Auch hier lag eine ver- 
besserte Abschrift Goethes zu Griiude, wie sich daraus ei^ibt, 
daas der Abdruck in Goethes Gedichten Tom Jahre 1789 viel- 
fach gegen den Merkur mit unserer Sammlung übereinstimmt. 
V. 4 haben beide Einen statt Ein, 21 erfreun statt er- 
freuen, 22 Wollten statt Wollfnund weihn statt weihen, 
■öS Oder mit den Augen herum statt Noch mit'n Augen 
rurn, 30 gülden statt guldin, Absatz vor 35, 38 sie lang 
statt sie schon lang, 49 Frümmkeit statt Frommkeit, 
55 Männlichkeit statt Männlichkeit, 56 Ihr (im Druck 
Ihre) innre Kraft statt Ihr inner Mass, 57 Der Natur 
Oenius statt Der Natur-Genius, 68 Obs ihm mög* (im 
Druck mochf) eine für Obs ihnen möcht' zur, 72 seinen 
statt sein'n, 82 Eine statt Ein, 88 einem statt ein'm, 105 
war statt was, 114 gross statt grossen, 118 ein'n statt 
.® u, 122 nicht wollen wen'ger statt nie wöll'n minder. 
-Aber auch einige später nicht aufgenommene Abweichungen 
-unserer Abschrift scheinen auf Goethes Aenderung zu beruhen : 
V. 7 siebten statt siebenten (Goethe Hess sieb'nten drucken), 
12 Hirne stnM ««!.;,.... 70 ..i.,..«,«f-.t statt des falschen 
lit dem folgenden 
net statt dient, 
41 sollt, 42 Un- 
wol allen Din- 
rm 119 f. 
eben angegebenen 
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sonders anmuthete, 
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1778 nach Koch- 
d nach ihrer Rück- 
. Erst nach vielen 
lethe nahm sie das 



108 Düntzer, handschriftliche Sammlung Goethescher Gedichte. 

Buch wieder zur Hand^ und trug Stellen aus den Schriften 
des Marquis Stanislas de Bouflers^ den sie auch personlich 
kennen lernte*, unmittelbar nach der Seite .ein, in deren Mitte 
sie das Gedicht auf Hans Sachs abgebrochen hatte. Sie be- 
ginnt mit dessen Bemerkungen: Sur Terreur, worauf Be- 
merkungen aus dem Discours sur la litter ature folgen. 
Daran schliesst sich das Gedicht: Heureux, qui voit chaque 
matin, dann die für ihr Yerhältniss zu Goethe bezeichnen- 
den Strophen: 

De ce destin j'aurais joui: 

La fortune pour mon partage 
Me donna tous biens du sage, 

J'avais plus, j'avais un ami. 

De Tamour j'ai senti la flamme \ 

Et les tourmens et les douleurs 
Ont aussitot rempli mon &me: 

J'6tais heureux, j'aimai, je meurs. 

Darauf folgt ein „Lied an das gestorbene Kind von einer 
Mutter am Ganges" in Prosa, das beginnt: „Ach! wie ist dir 
so wol in deiner kalten Brust, du mein liebstes Kind". Dann 
Sprüche über das Wesen der Weisheit, die zuletzt als Los- 
reissung von allem sinnlichen bestimmt wird, um durch das 
anschauen des unwandelbaren sich zur Vereinigung mit der 
Gottheit aufzuschwingen. Weiter die Verse der Deshoulieres: 

Tant qu'on est belle, on fait naltre 

Des d66irs^ des transports et des soins assidus. 

Mais on a peu de temps ä Tetre 
Et longtemps ä ne Tötre plus, 

der Spruch: „L'humanite est une vertu, la simplicite une qua- 
lite de Fäme et la bonte un charactfere" und eine längere 
französische Stelle, in welcher der Landmann für den grössten 
Wolthäter der Menschheit und das nützlichste Glied der Ge- 
sellschaft erklärt wird. Daran schliesst sich das Gedicht Erd- 
geister, mit der später hinzugefügten Bemerkung: „Von 



* Seine Oeuvres waren schon 1782 erschienen, wiederholt 1786, 
1792, 1795. 1792 bis 1800 brachte er in Deutschland zu. Nach Frank- 
reich zurückgekehrt trat er von neuem als Schriftsteller auf. 



Düntzer, handschriftliche Sammlung GoethCBcher Gedichte. 109 

« 

Fräulein von Günderode^ welche wegen einer unglücklichen 
Leidenschaft ihrem Leben selbst ein Ende machte '* * Darauf folgt 
ein Spruch aus Goethes neuestem morphologischem Hefte, über 
unser ewiges bestreben, die Kluft zwischen Idee und Erfahrung 
„mit Vemunfb, Verstand, Einbildungskraft, Glauben, Geftihl, 
Wahn und, wenn wir sonst nichts vermögen, mit Albernheit 
zu besiegen^', mit der Unterschrift „Goethe, den 20. April 1820." 
Aus Alfieri merkte sie sich das Wort an: „Je ne cherchais 
dans Tamitie que Tepanchement reciproque des faiblesses de 
Thumanite, afin que la raison et la bienveillance de Tami 
pussent attenuer ou ameliorer tout ce qu'il y a de mauvais 
dans rhomme et ennoblir tout ce qui s'y trouve de louable 
et dont il peut tirer utilite pour les autres et honneur pour 
lui". Dann den Spruch des Prinzen von Ligne: „II y a justice 
de severite et justice de bonte. II y a tant de nuances im- 
perceptibles ä suivre dont on ne peut pas rendre compte, et 
qui permettent cependant de justifier Taction ou d'addoucir la 
peine. II y a beaucoup d'esprit dans la bonte-, eile suppose 
meme plus de penetration que le blame, car ce qu^il y a de 
meilleur dans les hommes, est souvent cach^ au fond de leur 
äme". Endlich schliessen die Aufzeichnungen mit den wol 
eben daher stammenden Worten: „Je n'ai pas bonne opinion 
de ceux qui ne sont pas aimables dans leur famille: sans par- 
ier du mauvais coeur que cela suppose, il faut etre bien peu 
riebe pour se montrer si econome de Tesprit et de gräce". 
Die Auswahl dieser Sprüche dürfte für die Herzensgüte, den 
Edelmuth und die höhere Weltanschauung der neuerdings viel- 
geschmähten Frau bezeichnend sein. 

Zusatz. 

Diese Mittheilungen waren längst niedergeschrieben, ehe mir 
Suphans schöne Entdeckung von Abschriften Goethescher Gedichte 
in Herders Nachlass bekannt wurde, von weicher derselbe vorläufige 
Mittheilung in dem Vortrag „Goethesche Gedichte aus den siebziger 



* Ihres Todes gedenkt sie im Briefe an ihren Sohn Fritz vom 
10. August 1806. Ihre 1804 und 1806 erschienenen Schriften hatten sie 
HO sehr angezogen, dass sie ihr einmal unbekannter Weise hatte schreiben 
wollen. 



110 Dünizer, handschriftliche Sammlung Goethescher Gedichte. 

und achtziger Jahren in ältester Gestalt" in der „Zeitschrift för 
deutsche Philologie" VU, 2 gab. Für uns kommen zunächst nur 
die auf sechs lose Blättchen eines Oktavbogens sehr klein und eng 
geschViebenen 27 Gedichte in Betracht. Die daraus mitgetheilte 
Fassung des Gedichtes „An Schwager Kronos" stimmt mit der von 
uns S. 101 gegebenen überein, abgesehen von einigen Kleinigkeiten. 
Suphan gibt Y. 26 denü statt dann, i^ letzten Verse Gewal- 
tigen, nach V. 6 und nach Steine V. 7 Gedankenstrich, nach 
V. 16 Semikolon. Auch in „Jägers Nachtlied" (S. 106) trifft Herder 
mit der Abschrift der Frau von Stein überein, welche nur noch 
Nicht statt Nie hat. Welche andere Gedichte Goethes sich zu- 
gleich in beiden Sammlungen finden, lässt uns Süphans Bericht 
nicht errathen. Zu welcher Zeit auch die Abschrift erfolgt sein 
mag (die neun Gedichte eines siebenten Blättchens fallen später), 
jedesfalls fioss dieselbe aus der Abschrift der Gedichte, welche 
Goethe Frau von Stein gegeben hatte, aber auch zuweilen sich 
zurückerbat, so dass er sie sehr wol schon in frühem Jahren 
einmal Herder mitgetheilt haben konnte, der sich die ihn am meisten 
ansprechenden abschrieb. Zu dem Schlüsse Suphans, frühestens 
im Juni 1786 sei „die Herderische Sammlung der lyrischen Ge- 
dichte" Goethes ihrem grössten Theile nach angelegt worden, sehe 
ich keinen Grund; denn warimi sollte Herder erst zu dieser Ab- 
schrift veranlasst worden sein, als Goethe zum Drucke eine neue 
Sammlung seiner kleinem Gedichte veranstaltete? Ein bestinmiteres 
ürtheil dürfte sich erst aus der Kenntniss ergeben, welche Gedichte 
die Sammlung bilden. Vorab ist kein Grund zur Annahme vor- 
handen, dass Herder eine andere Sammlung vorgelegen als die der 
Frau von Stein, in welche Goethe auch seine spätem Gedichte, 
wie . die Epigramme, nach und nach eingetragen haben wird. Dass 
die Abschrift seiner ungedruckten Werke, deren Anfang Goethe 
Weihnachten 1781 Frau von Stein gab, auch seine Gedichte ent- 
halten habe, ist kaum glaublich, da sie diese schon in einer 
von ihm sorgfältig gemachten Handschrift besass. Beide scheint 
Frau von Stein später verbrannt zu haben, so dass wir in Bezug 
auf die Fassung, welche Goethe seinen altem Gedichten vor der 
ersten Ausgabe seiner Schriften gab, auf die sich ergänzenden Ab- 
schriften der Frau von Stein und Herders angewiesen sind. Dass 
sich in Herders Nachlass von dessen eigener Hand eine aus Italien' 
gesandte Strophe aus Goethes neubearbeiteter „Claudine" fand, habe 
ich im ersten Bande der Hempelschen Ausgabe Herders S. 1 1 bemerkt. 



Notizen ans dem Leben Klingers. 

Von 
• Hermann Dalton. 

Unter alten Papieren blätternd, stiess ich in diesen Tagen 
auch auf die nie veröffentlichte Handschrift der Grabrede, die 
bei der Beerdigung von Friedrich Maximilian Elinger am 

3 Mft^" 1831 gehalten wurde. Die Beerdigung fand in der 

deutsch-reformierten Kirche zu St. Petersburg statt. Klinger 
gehörte bei seiner Uebersiedelung nach Russland dem Luthe- 
rischen Bekenntniss an, das innige Freundschaftsverhältniss 
aber, das er seit 1810 mit dem damaligen Pastor der deutsch- 
reformierten Gemeinde, Johannes von Muralt, geknüpft, 
veranlasste ihn, sich dieser Gemeinde anzuschliessen. Bis zu 
seinem Tode blieb ungetrübt die Freimdschaft der beiden 
Männer-, wöchentlich einmal war der Pastor Tischgenosse des 
Dichters, der, fUr das gesellschaftliche Leben fast unzugäng- 
lich, an diesem Tage dann nur noch die beiden hochgestellten 
Männer und einstigen Lehrer von Kaiser Nikolaus, Geheim- 
rath Storch und Adelung bei sich sah*. Die Grabrede 
hielt Muralt. Damals war es noch in den deutschen Kirchen 
Petersburgs Brauch, der Leichenrede Notizen aus dem Leben 
des entschlafenen einzufügen; in der Regel wurden dieselben 
von der Familie selbst geliefert^ in diesem Falle hatte Muralt, 
dem auch die Ordnung der geistigen Hinterlassenschaft des 
bedeutenden Mannes anvertraut war, eine reiche Fundgrube 



* Vgl. das nähere in Dalton, Johannes von Muralt, eine Pädago- 
gen- nnd Pastorengestalt aus der ersten Hälfte des 19. Jabrh. in der 
Schweiz und in Russland. Wiesbaden, Niedner 1876. 



112 Dalton, Klinger. 

für die Skizze in den Erzählungen, die der Freund ihm im 
trauten Gespräche gemacht. .Diese Notizen weichen zum Theil 
ab von den herkömmlichen Angaben. Es scheint deshalb 
nicht uninteressant, aus der Grabrede den biographischen Theil 
herauszuheben und die abweichenden Angaben den Forschem 
zur Prüfung anzubieten, auf welcher Seite wol die Wahrheit 
ruht. Auch Hettner noch in seinem meisterhaften Bilde 
von Klinger* gibt dessen Frau einen Ursprung, für den ich 
in vielen vorliegenden auf die Dame bezüglichen Papieren 
keine bestätigende Andeutung finde, und doch stand Muralt 
der Witwe bis zu ihrem Tode (3/15. Aug. 1844) persönlich 
sehr nahe. Bekanntlich ist der Dichter auf dem Smolensker 
Fridhofe in Petersburg beerdigt. Freunde errichteten ihm da- 
mals ein schönes Denkmal mit der bezeichnenden Inschrift: 
Ingenio magniiSy virtute major, vir priscus. Ein genaues Ab- 
bild in verkleinertem Massstabe, aber in denselben Materialien 
ausgeführt, wie das Denkmal selbst, wurde dem Pastor und 
Freund des Dichters zum Andenken gegeben. Ich habe das- 
selbe im Jahre 1868 der Vaterstadt Elingers übermittelt, wo- 
selbst es im Deutschen Hochstift, im Geburtshause Goethes, 
aufgestellt ist 

Friedrich Maximilian Elinger war geboren zu Frankfurt 
a. M. im Februar 1753** von einer armen bürgerlichen Familie. 
Seinen Vater, einen Artilleristen im Dienste des Magistrats, 
verlor der Knabe schon im 5. Lebensjahre, die Mutter, eine 
sehr verständige und in strenger Frömmigkeit lebende Frau, 
blieb nach mit diesem Sohne und 3 Töchtern, unter denen 
die zärtlichste Liebe und gegenseitige herzliche Besorgung 
herrschte; von diesen 3 Schwestern ist keine mehr am Leben, 
wohl aber 4 Nichten, die Klinger in seinem Testament liebe- 
voll bedacht hat. Der junge Fr. M. besuchte als Armen- 
schüler die Bürgerschule und das Gymnasium von Frankfurt. 
Er zeichnete sich aus durch entschiedene natürliche Anlagen, 



* Vgl. Hettner, Gesch. d. deutschen Literatur. Braunschweig 1870. 
in, 376. 

** Vielmehr i. J. 1752. Vgl. Koborstein Bd. 4. ö. Aufl.; S. '52. 
Düntzer, Frauenbilder S. 289 Anm. 2. 



Dalton, Klinger. 113 

* 

durch leichte Fassungskraft; vortreffliches Gedächtniss und 
besass die Sprachengabe in hohem Grade. Er betrieb mit 
unermüdetem Fleisse das Selbsteriemen des Englischen und 
Franzosischen, nur mit Hülfe eines Wörterbuchs und einer 
Grammatik — so dass er tlie schwersten Schriftsteller in diesen 
beiden Sprachen mit Leichtigkeit lesen konnte. — Mit Vor- 
liebe studirte er den Pindar und Sophokles, den Horaz und 
Tacitus; in diesem las er bis zu seinem Lebensende täglich 
einige Capitel im Original. Sein Exemplar findet sich voll 
Randglossen von seiner Hand'*'. Ganze Nächte durch las er, 
ohne Wissen der Mutter, die es nicht zugegeben hätte, bei 
schwacher Lampe, Englische und Französische Schriften. 
Shakespeare und Rousseau machten den mächtigsten Eindruck 
auf ihn; er erwähnte besonders gern der Begeisterung, die er 
empfunden bei Lesung von Rousseaus Emile. — Dessen Worte: 
„Alles ist gut wie es aus den Händen der Natur kommt; aber 
Alles verschlimmert sich unter den Händen der Menschen'' 
wurden gleichsam der Text zu den philosophischen Schriften, 
die Klinger selbst erst 2 Decennien später in Petersburg ge- 
schrieben hat. Im 18. Jahr bezog er Giessen, wo er in die 
Juristen -Facultät trat. — Auf einem Besuche in Frankfurt 
machte er die erste Bekanntschaft mit — Goethe, mit dem er 
später — in freundschaftliche Verbindung gekommen. Noch 
Student, trat Elinger schon als Schriftsteller auf — besonders 
für die Bühne, da die. Liebhaberei an dramatischen Unter- 
haltungen in Deutschland eben erst zu erwachen anfing. Er 
lebte seit 1776 in Leipzig als Theaterdichter der Koch-Seyler- 
schen Schauspielergesellschaft. In seiner ersten schriftstelle- 
rischen Periode schloss sich Klinger durch seine Kraft — an 
diejenige Literatur-Period« an, die eben nach einem Klinger- 
schen Lustspiele die ,, Sturm- und Drang '^-Periode genannt 
wurde. — Klingers Jugendkraft setzte alle Leidenschaften in 
Bewegung — er erhielt Beifall und ward bewundert. Diese 
Richtung führte ihn aber auf Abwege, von denen er bald 
wieder einlenkte. Klinger hat den grossten Theil seiner 



* Die Bibliothek des Dichters wurde bekanntlich laut testamenta- 
rischer Verfügung der UniversitiltsbibHothok zu Dorpat tinverleibt. 

Abcbiv f. Litt.-Gescii. VI. 8 



114 Dalton, Elinger. 

• 

dramatischen Jugendversuche nicht in die Sammlung seiner 
sämmtlichen Werke aufgenommen; von vielleicht 50 drama- 
tischen Stücken hat er ihr nur 10 einverleibt. — Seit 1778 
erscheint er im Militär- Dienst. Durch wohlwollende Vermitt- 
lung des Herzogs von Würtemberg- zu Montbeliard — trat 
Klinger in östreichische Dienste — als Soldat in ein Frei- 
corps, hernach als Unterleutenant in das Regiment ^es Feld- 
zeugmeisters Fr. Riede zog er im Baierschen Erbfolgekrieg 
nach Sachsen. Nach der kurzen Campagne lebte er in Basel 
und Zürich, im vertrauten Umgang mit Burkhard, Landolt, 
Pfenninger, Lavater und Elopstock. Diese Zeit bezeich- 
nete er als eine der beglücktesten seines Lebens. Zu Frei- 
burg im Breisgau befreundete er sich mit G. Jacobi, in 
Enmiendingen mit G. Schlosser, in Düsseldorf mit Fr. 
Heinz Jacobi und mit Heinse und in Weimar mit Wie- 
land, Herder und Goethe; auch fand er wohlwollende Auf- 
nahme bei der Grossherzogin Amalie. — Der Herzog von 
Würtemberg schickte ihn 1780 mit 100 Ducaten Beisegeld 
nach Petersburg nebst einer speciellen Empfehlung sp. — Paul 
Petro witsch und dessen Gemahlin, seine Tochter. Der Ge- 
heimerath Baron Nicolai nahm ihn wohlwollend auf und 
blieb nachher stets sein Gönner und Freund. Klinger ward 
sogleich den 1. Februar bei der Person des Grossfürsten an- 
gestellt unter dem Titel eines Unterleutenants in einem Flot- 
ten-Bataillon und hatte das Glück, Ihre k. HH. nach Deutsch- 
land, der Schweiz, Italien und den Niederlanden zu begleiten. 
Nach der Rückkehr 1781 erbat sich Klinger den Eintritt in 
den eigentlichen Militärdienst — er hatte Lust, den bevor- 
stehenden Türkischen Feldzug mitzumachen. Er trat als 
Leutenant in das Petersburgische Infanterie -Regiment, mit 
welchem er 1783 und 1784 nach Polen zog, wo er das Un- 
glück hatte von einem wüthenden Hund gebissen zu werden. 
1785 ward er als Offizier in das adlige Land- jetzt erste 
Cadetten-Corps versetzt. Hier diente er bis zum Rang eines 
General -Majors, den er 1798 erhielt; 1801 am 10. Februar 
ward er zum Director dieses Corps so wie auch Oberdirector 
des Pagencorps ernannt, für welches er 1802 einen neuen Plan 
entwarf, der eingefiihrt ward. 1803 ward er mit Beibehaltung 



Dalton, Klinger. 115 

der früheren Posten zum Curator des ünterrichtsbezirks Dor- 
pat ernannt* — 1805 Mitglied in dem Conseil für die Mili- 
tär-Erziehungsanstalten. Unter seiner Curatel wurde der neue 
Plan für die Uniyersität, das Gymnasium und die Kreisschule 
eingeführt. 1811 avaneirte er zum General-Leutenant. — Aus 
den Oekonomie- Summen des Cadettencorps begründete er ein 
Capital von 100000 R.; um den unbemittelten Gadetten bei 
ihrem Eintritte in den Dienst eine Unterstützung zu ihrer 
ersten Einrichtung zu ertheilen. Hiefür so wie für eine Menge 
Ersparnisse und die wissenschaftlichen Fortschritte der Pagen 
hat er viele Belohnungen erhalten (S. Annen 1. Georgen 4. 
S. Wladimir 2. S. Alexander Nevski Orden, die Arende von 
Drukenhof 1831, öftere Gehaltzulagen und Geschenke.) 

1817 ward Klinger auf seine Bitte von dem Amte eines 
Curators und 1820 von der Direction des Pagen- und Cadetten- 
Corps, mit Beibehaltung der Uniform imd mit voller Pension 
entlassen. Wenig Männer sind in solchem Grade verkannt 
und schief beurtheilt worden. — Klingers aus Gemüth und 
Verstand gebildeter gerader und offener Charakter hat sich 
durch das Welt- und Geschäfbsleben stets gleich erhalten. 
Ein Mann ein Wort! Ohne Biegsamkeit und ohne Schmeiche- 
lei, ohne Neid und Intrigue hat sich dieser Mann selbst tüch- 
tig, fest und redlich zu so bedeutenden Posten erhoben, hat 
er sich, so lange die Kräfte es zuliessen, auf denselben zu be- 
haupten gewussi Niemand kann ihm den Buhm einer unbe- 
stechlichen Rechtschaffenheit und einer hohen Wahrheitsliebe 
rauben. — Öeit 1801 bis an seinen Tod war er auch ein höchst 
thätiges und nützliches Mitglied in dem Conseil der beiden 
k. Stifte für weibliche Erziehung, Smolnoe und S. Catharinen. 
Das hohe Vertrauen der Kaiserin Mutter hat die Oberauf- 
sicht der Oekonomie ihm übertragen. Darum brachte Klinger 
jeden Sommer auf die Einladung der Kaiserin einige Wochen 
in Pawlowsk zu, wo für denselben im Palais eine besondere 
Wohnung stets zubereitet war. In diesen 2 Erziehungsan- 
stalten lebte er mit wahrhaft väterlichem Sinn. Nach dem 



♦ Ueber ein Project Klingers bezüglich der Errichtung von Volks- 
schulen vergl. Schmid, Encycl. des gCR. Erziehungswesens. Gotha 1876, XI, 7. 

8* 



116 Dalton, Klinger. 

Ableben der Hochstseligen wurde ihm laut Testament eine 
kostbare Tabati^re mit dem Portrait der Kaiserin nebst 
10000 B. Übermacht Der Kaiser und die Kaiserin baten 
ihn 1830 die 2 Anstalten , in denen er so viele Liebe genos- 
sen, bis zu seinem Lebensende nicht zu verlassen: desshalb 
ist auch der Verewigte noch bis zuletzt alle Wochen einmal 
in diese Anstalten gefahren. — Auch S. K. H. der G.-P. Michael' 
und dessen Gemahlin Helena Pawlowna waren ihm sehr ge- 
wogen. — 1790 verheirathete er sich mit Fräulein Elisabeth 
Alexejew, Tochter des Obersten Alexejew, von 3 Söhnen 
lebt keiner mehr — 2 starben als Säuglinge, der dritte 
Alexander verlor als Capitän in der Garde und Adjutant 
des Feldmarschalls Barclay von Tolly in der Schlacht von 
Borodino sein Bein und starb bald nachher im Hospital an 
den Folgen der Amputation. ■— Die unglückliche Mutter weinte 
sich über den Verlust ihres Lieblings halb blind — der Schmerz 
des Vaters äusserte sich still und ernst — Ehrfurcht gebie- 
tend. — Es gewährte den Eltern einige Erquickung die rus- 
sische Krankenwärterin ihres Sohnes in Moskau aufgefunden 
zu haben. % 

Nach dem Tode ihres Sohnes hat er die Gattin theil- 
nehmend^ freundlich, herzlich -liebevoll gepflegt Die Lebens- 
weise Klingers war abgeschlossen und bestimmt. Seit seinem 
Ruhestand erschien er nirgends mehr öffentlich — lebte nur 
seinen Ideen und Büchern mit seiner Frau und einigen aus- 
erwählten Hausfreunden. Des Morgens machte er bei dem 
einen oder andern derselben einen Besuch und des Abends 
verplauderte er gern im Zimmer seiner Frau einige Stunden 
mit den ihn besuchenden Freunden. — Selten kam ein aus- 
gezeichneter Mann oder eine filrstliche Person nach P., die 
nicht Klingers Bekanntschaft gesucht hätten. — Als Major 
im Land -Cadetten- Corps unter der Oberleitung des Grafen 
Anhalt^ 1790, trat Klinger wieder als deutscher Schriftsteller 
auf mit ganz neuen Ansichten und Erfahrungen, mit edelu 
und grossen Gedanken, mit einer durch den Charakter be- 
stimmten Denkungsart. Er imtemahm die Ausfahrung von 
10 philosophischen Romanen, in denen er die grossen alle 
Menschengeister beschäftigenden Fragen zu losen versucht. 



Dalton, Klinger. 117 

Ueberall zeigt Klinger, wie es in der moralischen Welt her- 
gehn sollte, aber nicht hergeht — und spricht seine frommen 
Wünsche für die Veredlung der Menschheit aus. — Der starke 
hohe Geist, der uns diese Werke hinterlassen, hat in seinen 
Betrachtungen über Gegenstände der Welt und Literatur den 
Schlüssel gegeben, einen Commentar zu seinem Leben, die^ 
Endergebnisse seiner Erfahrungen und seines Nachdenkens.^ 



* Nicht überflüssig wird es sein, an dieser Stelle anf das inhalts- 
reiche Schreiben Elingers an Goethe d. d. Pawlofsky 26. Mai 1814 (ab- 
gedruckt in den Verhandlungen der achten Versammlung deutscher 
Philologen. Darmstadt, 1846. S. 45—49) zu verweisen, worin Klinger 
auf Goethes Wunsch diesem Beiträge zur Geschichte ihres Freundschafts- 
verhältnisses liefert. 



Zu Schillers Briefwechsel. 

Von 
Oskar Brosin. 

In. einem vom 6. März 1798 datierten Briefe Schillers 
an Goethe findet sich folgende Stelle: „Haben Sie noch keine 
Neugier gehabt^ die neue englische Tragödie von Wal pole 
tJic mysterioiis mother zu Gesicht zu bekommen? Sie wird als 
eine vollkommene Tragödie im Geschmack und Sinn des Oedi- 
piis rex gerühmt, mit dem sie dem Inhalt nach, davon ich 
einen Auszug gelesen, in einer gewissen Verwandtschaft steht. 
Vielleicht dass von dieser materiellen Aehnlichkeit auch das 
ganze Urtheil herrührt. Wäre dem so, so sollte man den 
englischen Kunstrichtem diese Leichtsinnigkeit nicht so hin- 
gehen lassen, und in jedem Falle scheint mir's nicht übel, 
ein solches vorübergehendes Interesse des Publikums zu er- 
greifen und, da einmal der Fall da ist, über das Gesetz und 
die Forderungen ein Wort zu sagen. Ich werde trachten, 
das Stück zu bekommen, ob es vielleicht zu einem Raisonne* 
ment über die Gattung Anlass geben kann." 

Ich hoflfe den Lesern der Schillerscheü Correspondenz 
einen Dienst zu erweisen, wenn ich im nachstehenden kurz 
mittheile, was ich zum Verständniss dieser meines Wissens 
noch nicht behandelten Stelle ermittelt habe. 

Horace Walpole (1717—1797), jüngster Sohn des be- 
kannten Staatsmannes, in der englischen Brief- und Memoiren- 
litteratur mit Auszeichnung genannt, hatte im Jahre 1768 
die oben erwähnte Tragoedie auf seinem Landsitze Strawberry- 
Hill in einer nur geringen Anzahl von JExemplaren drucken 
lassen. Zur Aufführung, auf welche selbst der Autor nach 



Brosin, zu Schillers Briefwechsel. 119 

eigenem Geständniss aus gewissen Gründen nicht gerechnet 
hatte, ist dies Werk nie gelangt. Ein Jahr vor Walpoles 
Tode wurde es, wir wissen nicht auf wessen Veranlassung, 
in London neu aufgelegt und nun erst durch den Buchhandel 
allgemeiner bekannt, so dass Schiller, der von dem ersten 
Druck nichts wusste, ein gewisses Recht hatte, von der „neuen" 
Tragoedie zu sprechen. 

Auch diese Ausgabe, welche übrigens Schiller schwerlich 
zu Gesicht bekommen hat, ist im Laufe der Zeit ein sehr 
seltenes Buch geworden. Das von mir benutzte Exemplar, ein 
kleines Bändchen, vom mit einem abscheulich ausgeführten 
Kupfer verunziert, befindet sich auf der Göttinger Bibliothek 
(Poet. Dram. 6546). 

Die Personen der in Blankversen verfassten fünfactigen 
Dichtung sind folgende: die Gräfin von Narbonne, Graf Ed- 
mund, ihr Sohn, Florian, sein Freund, Adeliza, eine Waise; 
die Mönche Benedict und Martin, der Pförtner Peter. Die 
Scene ist dauernd auf Schloss Narbonne. 

Hier lebten .einst in der Fülle des Glücks der Graf und 
seine Gemahlin mit ihrem einzigen Sohne Edmund. Ein jähes 
Schicksal änderte alles, als eines Abends der Graf, von seinem 
Weibe nach langer Trennung mit glühender Sehnsucht er- 
wartet, als Leiche heimgebracht wurde. In der Unglücksnacht 
schleicht sich Edmund, während er seine Mutter „mit ihren 
Thränen, Ohnmächten und Messen beschäftigt^' glaubt, in die 
Kammer seiner geliebten, Beatrice. Seitdem hat sich das 
Herz der Mutter völlig von ihm abgewandt," ja er ist auf 
immer von ihrem Angesichte verbannt worden. Sechzehn 
Jahre lang hat er fem vom Vaterlande versucht, durch 
tapfere Kriegsthaten das quälende Heimweh zu betäuben; da 
leidet es ihn nicht mehr in der Fremde, und er sieht, begleitet 
von seinem Waffenbruder Florian, den Stammsitz seiner Ahnen 
wieder. 

Schwer hat unterdessen der Zorn des Himmels auf der 
Grafschaft und ihrer Herrin gelegen: Misswachs hat die Mühe 
des Landmanns vereitelt; die Gräfin, von einem furchtbaren 
Geheimnisse gepeinigt, welches sie gegen jedermann ängstlich 
bewahrt, hat vergeblich durch Gebet, anhaltende Bussübungen 



120 Brosin, zu Schillers Briefwechsel. 

und aufopfernde Mildthätigkeit die unerträglichen Martern 
ihrer Seele zu lindern gesucht. Die einzigen Lichtblicke in 
dieser Nacht des Grames verdankt sie der hingebenden Liebe 
Adelizas^ ihres Lieblings unter den Waisen, deren Pflege ihre 
Sorge gewidmet ist. In Adelizas Erziehung theilt sich mit 
ihr die ehrwürdige Aebtissin eines nahe gelegenen Closters; 
dort hat Edmund, der nicht sogleich seiner Mutter vor Augen 
zu treten, wagte, das zur holden Jungfrau herangereifte Pflege- 
kind derselben kennen gelernt imd heisse Leidenschaft für sie 
gefasst. 

Die Handlung des Stückes beginnt mit einem Besuche 
Florians im Schlosse; der treue Freund ist gekommen, um 
zu erkunden, welcher Empfang Edmund dort erwartet. Un- 
erkannt begegnet er der Gräfin, die den fremden, von welchem 
Adeliza ihr erzählt hat, in ihm zu sehen glaubt und, von dem 
edeln Wesen des Ritters gewonnen, die Hand ihrer Pflege- 
tochter für ihn bestimmt. 

Ein grausiges Ungewitter mit Donner und Blitz, welcher 
das Monument des verstorbenen Grafen zerstört, begleitet den 
unheilvollen Eintritt Edmunds in sein Erbe. Ein tödtlicher 
Schreck befällt die Gräfin bei seinem Anblick und verräth 
Benedict, dem ränkevollen Beichtiger derselben, die erste Spur 
des bisher undurchdringlichen Geheimnisses. Damit hat der 
von Herrschsucht und Fanatismus erfüllte Mönch endlich ein 
Mittel gefunden, seine lange gehegten Pläne zu verwirklichen; 
um die Kirche zu bereichern und zugleich an der Gräfin, die 
stets seine bigotten Einflüsterungen schroff abgewiesen, Rache 
zu nehmen, will er Mutter und Sohn dem Verderben weihen. 
Die Gräfin selbst erleichtert durch ihre unselige Verwechselung 
der beiden Freunde sein teuflisches Spiel; so gelingt es ihm, 
Adelizas Einwilligung zur Verbindung mit Edmund zu er- 
pressen, und der Segen der Kirche vereinigt an heiliger Stätte 
— Bruder und Schwester, Vater und Tochter. Denn jetzt 
endlich lässt eine Anwandlung von Wahnsinn bei der unter 
Sorgen und Gewissensqualen zusammenbrechenden Gräfin das 
erste Dämmerlicht auf das grässliche Geheimniss fallen, und 
als sie vollends von dem geschlossenen Bunde vernimmt, hebt 
sie in rücksichtsloser Verzweiflung den Schleier von der nackten 



Brosiii, zu Schillers Briefwechsel. 121 

Wahrheit. Sie selbst hatte, von der rasenden Wallung ihres 
Blutes fortgerissen, in jener Nacht den Platz Beatrieens ein- 
genommen; Adeliza war die Frucht dieser gräuelvoUen Um- 
armung. Die schuldbeladene ersticht sich; ihre Tochter kehrt 
auf immer in das Closter zurück, und Edmund sucht das Ende 
seines zerstörten Lebens auf dem Schlachtfelde. 

Eine gewisse Verwandtschaft des Inhalts dieser Tragoedie 
mit dem des Oediptis rex konnte Schillern, wenn er auch oder 
vielmehr weil er nur einen Auszug vor sich hatte, nicht ent- 
gehen. Hier wie dort lange verborgene Blutschande zwischen 
Mutter und Sohn; wie Adeliza lernt Oedipus zu spät seine 
Eltern kennen, wie Edmund schliesst er ahnungslos einen ver- 
botenen Bund; bei beiden folgt Verzweiflung auf die Ent- 
deckung; die Gräfin todtet sich wie Jokaste mit eigener Hand. 
Der sechzehnjährige Misswachs in Narbonne entspricht der 
in Theben wüthenden Pest. Oedipus befragt in der Noth 
den Seher Teiresias, die Gräfin wendet sich unter der Last 
ihrer Seelenqualen um Rath und Fürbitte an den Mönch; als 
aber Seher und Mönch ihre Schranken zu überschreiten und 
ein falsches Spiel zu treiben scheinen, werden sie mit rück- 
sichtsloser Bitterkeit abgewiesen. 

Dagegen würde Schillers Vermuthung, dass einzig um 
dieser materiellen Aehnlichkeit ^willen Walpoles Tragoedie 
von den englischen Eunstrichtem mit Sophokles' Meister- 
werke zusammengestellt sei, entschieden zur Gewissheit ge- 
worden sein, wenn er das Stück selbst vor Augen bekommen 
hätte. Denn dass bei allen jenen äusserlichen Uebereinstim- 
mungen das englische Drama keineswegs eine Tragoedie im 
Geschmack und Sinn des Oedipus ist, liegt klar auf der Hand. 
Dort erfüllen sich die Orakel und rechtfertigen die Wahr- 
haftigkeit ihrer Verkünder trotz aller Zweifel, hier gehen die 
Prophezeiungen des "Mönches lediglich aus selbstsüchtigen 
Absichten hervor und erweisen sich als eitel Lüge und Trug. 
Die wesentlichen Momente im Oedipus, der auf dem Geschlechte 
der Labdakiden ruhende Fluch und die sichtbare Hand eines 
finstern Verhängnisses, fehlen in der mysterions mother. Hier 
gilt es nicht, neben eigener Verschuldung die Frevel der Ahnen 
zu büssen; alles geht hier durchaus natürlich zu. Das Unglück 



122 Broain, zu Schillers Briefwechsel. 

des Hauses ist einzig eine nothwendige Folge meusclüicher 
Leidenschaft und menschlicher Verirrung; nicht die Veran- 
staltung eines unbegreiflichen Schicksals, sondern die Stimme 
des Gewissens fährt die Katastrophe herbei und fremde Bos- 
heit befordert und beschleunigt sie. Und welche Verschieden- 
heit der Charaktere! Wie wäre es mogUch, den verächtlichen 
Intriganten Benedict mit der imposanten Greisei^estalt des 
Teiresias oder die tiefe und echte Religiosität der Gräfin mit 
der leichtfertigen Frivolität Jokastes zu vergleichen. 

Au£fallend und nur aus der Form des Schiller vorliegen- 
den Auszuges erklärlich ist es, dass er, der den Oedipus ge- 
rade wegen der Führung der Handlung bewunderte, der ana- 
logen Composition des englischen Dramas gar keine Erwähnung 
thut. Es ist ja bekannt und in einem Briefe an Goethe (vom 
2. October 1797) von Schiller klar ausgesprochen, wie viel 
ihm daran lag, einen Stoff zur Tragoedie aufzufinden, der dem 
Dichter die nämlichen Vortheile gewähre wie der des Oedipus. 
Er hebt besonders hervor, wie sehr es den Poeten begünstige, 
wenn die Handlung schon geschehen sei und ganz jenseits 
der Tragoedie falle, zumal da das geschehene als unabänderlich 
seiner Natur nach viel fürchterlicher sei und die Furcht, dass 
etwas geschehen sein mochte, das Gemüth ganz anders afficiere, 
als die Furcht, dass etwas geschehen möchte. >,Der Oedipus, 
sa^ er, ist gleichsam nur eine tragische Analysis. Alles ist 
schon da und es wird nur herausgewickelt. Das kann in der 
kleinsten Handlung und in einem sehr kleinen Zeitmoment 
geschehen." 

Diese Vortheile hat sich der Dichter der mysterious moiher 
nicht entgehen lassen, und wenn sein Werk irgend einen 
künstlerischen Werth besitzt, so liegt er auf diesem Gebiete. 
Es mag dahin gestellt bleiben, ob der Autor in dem seiner 
Tragoedie angehängten Postscriptum mit* Recht geltend macht, 
dass sein Gegenstand als eine Quelle von Schrecken und Mit- 
leid (terrar and pity) seine tn^sche Qualification beweise, 
dass der Stoff, so grausig er sei, nicht unnatürlich genannt 
werden dürfe, da eine ganz ähnliche Begebenheit in England 
sich wirklich ereignet habe, dass die Moral, nach welcher 
imbändige Leidenschaften zu Unheil und oft zur Vernichtung 



Broaiu, zu Schillers Briefwechsel. 123 

eines ganzen Geschlechtes führen, dem Zwecke der Tragoedie 
durchaus angemessen sei. Aber das durfte er der Kritik 
gegenüber mit Zuversicht und Genugthuung constatieren^ dass 
die Handlung, nicht durch die kleinste Episode gestört, den 
geraden Weg zum Ziele nie yerlässt, dass jede Scene der 
Katastropne näher bringt und dass die Lösung auf Noth- 
wendigkeit beruht. Diese Vorzüge verdankt aber das Stück 
hauptsächlich der analytischen Gomposition, welche sich eigent- 
lich nur auf die Darstellung der tragischen Katastrophe be- 
schränkt und die auch Schiller in seiner Maria Stuart, strenger 
und mit wahrer Meisterschaft in der Braut von Messina an- 
gewandt hat. Und in diesem Puncte treffen der Oedipus, 
die fnysterious tnother und die Braut von Messina offenbar 
zusammen. 

Dagegen erinnert in dem Drama des Engländers nichts 
an die charakteristischen Merkmale der sogenannten Schicksals- 
tragoedie, ausser «twa das eingeflickte Gewitter, bei welchem 
uns ein ähnlich verwendetes Phaenomen in Müllners König 
Yngurd einfällt, und der Umstand, dass gerade 16 Jahre nach 
dem Tode des Grafen an dem nämlichen Tage, dem 20. Se- 
ptember, die Katastrophe eintritt; eine ähnliche Rolle spielt 
bekanntlich bei Zacharias Werner der 24. Februar. 

Uebrigens verhinderte die Dürftigkeit des von Schiller 
benutzten Auszuges nicht, dass manche Analogie in Stoff und 
Charakteren aus Walpoles Tragoedie in die Braut von Messina 
übergieng, welche der Dichter anstatt des oben gedachten 
„Raisonnements über die Gattung^ solcher Tragoedien wenige 
Jahre nachher schrieb. 

Um nicht zu wiederholen, was schon aus der obigen 
Zusammenstellung der griechischen und englischen Tragoedie 
für die Aehnlichkeit mit der deutschen sich ergibt, will ich nur 
folgendes hervorheben. Isabella hat die unverkexmbarate Ver- 
wandtschaft mit der Gräfin, welche auf die Conception jenes 
Charakters kaum ohne Einfluss gewesen ist. Die gleiche Klar- 
heit und Hoheit des Sinnes, dieselbe innige Liebe zur Tochter, 
die nämliche Achtung gebietende Würde und Majestät des 
auftretens (vergl. the mysterious mother S. 47: why this is ma- 
jesty etc.). Beatrice ist bei gleicher Naturanlage nur so weit 



124 Brosin, zu Schillers Briefwechsel. 

von Walpoles Adeliza unterschieden, als es der Einfluss des 
südlicheren und nordlicheren Himmels bedingt. Dieselbe Zart- 
heit der Empfindung; aber während Beatrice , welche die 
Mutter nur ein Mal gesehen hat, zu dieser nicht zurückkehren 
mag, wenn sie sich deshalb vom geliebten trennen soll, will 
Adeliza, die in stetem innigem Verkehr mit ihrer vermeintlichen 
Pflegemutter geblieben ist, lieber den geliebten lassen, als von 
der Gräfin scheiden. Edmunds ruhiger und fester Sinn er- 
innert oft an Manuel, des Pförtners treue Ergebenheit fiir 
seine Herrin finden wir bei Diego wieder. 

Das streng bewahrte Geheimniss über die Abstammung 
der Töchter, deren Erziehung in einem Closter und ihr dort 
sich entspinnendes Verhältniss zu ihren Brüdern haben Schiller 
und Walpole gemein. Dass darum noch nicht von einer Ent* 
lehnung die Rede sein könne, springt bei den wesentlichen 
Unterschieden beider Dramen von selbst in die Augen. 

Ob nicht unserem Dichter auch bei seiner Maria Stuart 
die fremde Tragoedie vorgeschwebt hat? Der gleiche Kunst« 
griff, durch würdevolles ertragen tiefer Seelenleiden und durch 
die langjährige ernste Reue und Busse die Theilnahme des 
Zuschauers für die Verbrecherinnen von vom herein zu ge- 
winnen und die Abneigung gegen die schuldigen auf andere 
Personen, hier Elisabeth, dort Benedict, abzuleiten, könnte 
leicht auf diese Vermuthung führen. 



Miseellen. 

1. 

Ein Gedicht des Theodorus Prodromus als Beispiel 
fftr eine Erscheinung in der Volkspoesie. 

Es genügt auf August Eobersteins Aufsatz: „Ueber die in 
Sage und Dichtung gangbare Vorstellung von dem Fortleben ab- 
geschiedener menschlicher Seelen in der Pflanzenwelt"* zu ver- 
weisen, um daran zu erinnern, wie alt und wie häufig wieder^ 
kehrend in den Dichtimgen der verschiedensten Völker der Ge- 
danke ist, dass liebende, welche im Leben keine Gemeinschaft 
finden konnten, im Tode sich durch die ihren Körpern entspriessen- 
den Pfianzen vereinigen. Schon Koberstein hat die, wie mir scheint, 
richtige Ansicht ausgesprochen, dass die Entstehung dieses Ge- 
dankens auf eine mythologische Grundlage zurückzuftlhren sei. 
Dem hier mitzutheilenden Gedichte des Theodorus Prodromus will 
ich nur ein Beispiel aus der neugriechischen Volkspoesie voraus- 
gehen lassen. 

In verschiedenen Liedern wird berichtet, wie eine junge schöne 
sich rühmt den Charos nicht zu fürchten ; da kommt er und schiesst 
sie mit seinen Pfeilen todt. Und wie man nun das Leichenbe- 
gängniss feiert, kommt Konstantin — ihr junger Gatte, oder auch 
geliebter — und erfUhrt die Trauerkunde. Ich citiere eine bei 
Passow unter No. 414 veröffentlichte Version: 

T6 iqv<SoyM%€HQ ißyaXev iai tri XQvöri tri ^xij, 
'tf/ijA«, ^ifftila To arixaCB xal '? rri Ka^Sue x ifijtiJTts. 
itut^ Ttov ^ctilfcevB Tov vtov^ ißyijiie nvnaQlcöi, 
X ix€tj Ttov ^a^avs r^v vmt, ißyrJKS xaXafuavag, 
M otnag qwöccst b kvq ßoQiag^ cxvqnsi ro KxmaQlcci^ 



* „Vermischte Aufsätze." Leipzig, 1858. S. 31—62; vorher im 
Weimarischen Jahrbuch Bd. 1. 1864. S. 73 — 100 nebst Nachtrag von 
Reinhold Köhler ebd. S. 479—483. Vgl. a. A. von Perger, Deutsche 
Pflanzensagen. Stuttgart und Oehringen, 1864. S. 12 ff. 



126 MiBcellen. 

X£ owag q>v6au 6 ^itpvQog^ Xvyl^ o nalafu iivag^ 
Xvyl^ o Tucl&fuavag (t^cu) fptket xo nwtccQCaai, 

Da zog hervor den goldnen Dolch er aus der goldneu 

Scheide, 
Hoch hielt er ihn und senkt' ihn dann und stiess ihn 

in das Herz sich. 
Und ein Cypressenbaum erwuchs dort, wo sie ihn 

begruben, 
Und Schilfrohr sah man wachsen dort, wo man sie 

hin begraben; 
Und wenn der Boreas nun bläst, dann neigt sich die 

Cypresse, 
Und wenn des Zephyrs Hauch sich regt, dann neiget 

sich das Schilfrohr, 
Das Schilfrohr neigt sich nieder dann und küsset die 

Cypresse. 

In einer anderen Version bei Passow (No. 415) heisst es noch: 

ytic öig t« ^hyo^axx, tcc ^kiyot(otlfiiva' 

nov av 6ev tpikiovvtai ^(ovravccj fpikiovvrai ju^ufifiiva. 

Nun sieh nur diese Wesen an, die wenig Leben haben: 
Was sich nicht in dem Leben küsst, das küsst sich noch 

im Tode. 

(Vgl. die Variation zu Ende von No. 418). Sehr bezeichnend 
ist, dass diese Wendung in der von Fauriel 2, 112 veröffentlich- 
ten Version fehlt, wo die Erzählung mit einem kahlen 

toig ovo (laQ, xovg i^cnlfctVj'^xovg ovo 'g Fva (tvtifiovgi 

abschliessi 

Je seltener man in der byzantinischen Gelehrten -Litteratur 
Hindeutungen auf Volkspoesie begegnet, um so mehr verdienen 
die nachfolgenden Verse des gerade auch durch seine vulgärgrie- 
chischen Gedichte bekannten Theodorus Prodromus Beachtung, 
welche ich aus der Pariser Handschrift 1630, fol. 180, entnehme; 
so viel ich weiss, sind sie bis jetzt unbekannt; 

Tov ügoi^fiov %vq SsodtoQOv xov fpiXoo6q>ov. 

Elg dcmxvliov lj(ovxa iS<pQayi8a iQmvxag övoj tuxl ärcb xav 
CxIqvoüv avTCdv 6vo SiviQa ixTtBqyvMxa xal alg sva avyKOQvg>oviuva 

XOQVflßoV. 

^Ex Tcov no&ovvxav öivöga^ xolg öivÖQOig ya^iog, 
avxotg dh xoig no^ovöiv ovöaiwv yafwg. 



Miscellen. 127 

£x xor^dtfov To öivÖQoc xorl ^vvenlaKr^' 
'jEpog, "Egiog^ övvcnctE xal tag xciQÖlag. 
iga ra divSga xal tpikei wa lUywxai, 
igmiieVf ov g>iJiov(UVj ov [uyvvfLe&a. 
"EQCDg^ xa divÖQcc %al g>iXetg xal fu/yvvHgj 
ra arigva S* i^iQi^^ccg^ ov^l [uy wsig; 
elg öivdQov ovv xic divÖQa avfifceq>vii6ra^ 
SolrjftB naQjtoVf t&v igminav xov yafwv. 

Es ist dies eine byzantinische Verballhomung der volksthüm- 
lichen Idee, in der aber doch die Symbolik vollständig gerettet 
ist. Obendrein aber beweist dieses kleine Gedicht, dass man schon 
frühe genug diese Vorstellung für Zwecke der Kunst verwerthet 
hatte, indem ja nach Prodromus das ganze auf einem Siegelring 
dargestellt war. Freilich wäre es interessant zu erfahren, ob diese 
Darstellung ein Werk der antiken, oder der byzantinischen Kunst 
war; doch fehlen darüber weitere Andeutungen. Dem neugriechi- 
schen Yolksliede aber lässt sich aus anderen Gründen (welche 
auszuführen hier zu weitläufig sein würde) ein ziemliches Alter 
beilegen; vielleicht kannte Prodromus — der die %vöaUc ykaaaa 
liebte, bediente er sich ja derselben in Schriften, die an den Kaiser 
gerichtet waren! — das Volkslied schon: wenigstens ist immer- 
hin auffallend, dass er den auch im Liede gebrauchten Ausdruck 
xa öivÖQcc g>dst — die Bäume küssen sich — angewandt hat; 
einen Ausdruck, der von dem gewöhnlichen Gebrauche von tpiXsiv 
im classischen Griechisch abweicht. 

Wilhelm Wagner. 



2. 

Gottfried Finckelthaus. 

In dem Stammbuche eines Gottfried Cemitius, welches die 
K öff. Bibliothek zu Dresden aufbewahrt (Msc. C 477 = C 271 
bei K. Falkenstein S. 236), findet sich auch ein Blatt folgendes 
Inhalts: 

La felicit^ est la principale fin de Thomme, et la | vertu le 
vray moyen pour en avoir la jouyssance. | Symb: | wie Mir mein 
Glücke Fält! | 

Moribus etEruditione politifÜimo viro-Juveni domino | huius 

albi pors[efsori] talibus memoriam sui exhibebat | Lips: 

lö. Jun: annj ä Nato Christo 1639 | M. Gottfriedt 

Finckelthaus. 

Die Datierung: Lips. 1G39 fügt den spärlichen Nachrichten, 

welche wir von dem Leben des Dichters Finckelthaus haben, eine 

neue hinzu. 



128 Miscellen. 

3. 

Zu Goethes Hexen-Einmaleins. 

Leibniz, ed. Butens, V, S. 202: Alterom aenigma extat apud 
Basilium (Yalentinum) et bis versibus Germanicis continetur: 

Fünf Bucber bat uns zugericbt 

Moses allein durcb Gotts Gedicbt 

Die weniger Zabl sein'n Bucbem folgt 

Wie da geboten ist sein'm Volck 

Drey Patriareben stumm 

Erdäms in einer sunmi 

Ein Zeuge redt mit böcbster Stimm 

Wer gar nicbts gilt ist lebr im Sinn 

Fünfzig ist mebr denn Fünf die Zabl 

Und sind docb nur zween überal 

Tausend bescbliessens End zugleicb 

Wers verstebt der ist ganz reich. 

Fünf Ding im Leb'n solcbs offenbaren. 

Und fünf im Todt dabei aucb waren, 

Yiere sprechen das Urtbeil aus, 

Das ein allein riebt nur den Strauss.^' 
Dieses deutet Leibniz auf: Victiiolum (Vitriol), VICTRIO- 
LVM. Robert Boxberger. 

4. 

Zu Goethe. 

Zu Hempels National-Bibliotbek, 111, S. 198. 
Auf F. C. Nicolai. 

Mag jener dünkelhafte Mann 

Mich als gefährlich preisen, 

Der Plumpe, der nicht schwimmen kann, 

Er wilFs dem Wasser verweisen. 
Dazu heisst es in der Anmerkimg : „Sie (die Verse) sind nach 
Goethes Angabe, die sich auf Vers 3 und 4 beziehen möchte, Nach- 
ahmung eines alten Reimes.^* Ich weiss nicht, ob schon jemand 
bemerkt hat, dass sich in Eikes von Repgow poetischer Vorrede 
zu seinem „Sachsenspiegel", die ich Wagenseils Buch de civitate 
Norimbergensi entnehme, das Original dazu zu finden scheint. Es 
heisst da S. 671 f: 

Wer mein leer nicht vemimbt, 

Wil er mein Buch schelten dann. 

So thut er das ihm missezimpt. 

Wenn wer nicht schwimmen kan, 

Wil er dem wasser verweisen das. 

So ist er unversonnen. 

Robert Boxberger. 



Valentin Schnmann nnd Michael Lindener, 

zwei deutsche Humoristen des XVL Jahrhunderts. 

Von 
Felix Bobertag. 

Man kann das XVL Jahrhundert mit yollem Recht als die 
Blütezeit des volksthümlichen deutschen Humors bezeichnen. 
Schon die beiden hervorragenden Erscheinungen, Hans Sachs 
und Johann Fisch art, würden dieses Urtheil rechtfertigen. 
Aber auch ausser den allbekannten und bereits wol gewürdigten 
Vertretern jener echt deutschen Geistesrichtung; welche sich 
zu allen Zeiten geltend gemacht hat, da das innere Leben 
unseres Volkes lebhafter pulsierte und das nationale Selbst- 
bewusstsein stärker erregt wurde, findet jeder, der sich mit 
der Litteratur und Cultur des XV. und XVI. Jahrhunderts 
eingehender abgibt, den Humor, so zu sagen, auf Schritt und 
Tritt in seinen mannigfaltigsten Gestalten und Ausprägungen. 
Bildet der Humor doch einen Hauptcharakterzug in der Ge- 
stalt des gewaltigsten deutschen Mannes, den diese Zeit 
hervorgebracht hat, ich meine Martin Luther; und wie bei 
Luther, so gesellt sich bei vielen andern Männern, die mitten 
in dem wild bewegten Leben und den tobenden Kämpfen der 
Zeit standen, der Humor zu dem erhabenen, der „Schimpff^' 
zum Enist. Diese Worte „SchimpflF und Ernst", welche den 
Titel des beliebtesten und gediegensten aller Schwankbücher 
bilden, können in der That als das Motto des litterarischen 
Lebens in unserem Vaterlande gelten vom Ende des XV. Jahr- 
hunderts bis zu den Zeiten, in denen der Dreissigjährige Krieg 
und die anderen mit ihm zusammenhängenden Leiden der 
Nation den Tod zu drohen schienen und sie den „SchimpflF" 
vor dem furchtbareji Ernst fast ganz vergessen liessen. 

Akcuiv r. Litt.-CSkkch. VI. 9 



130 Bobertag, Val. Schumann and Mich. Lindener. 

Aber nicht allein da können wir im XV. und XVI. Jahr- 
hundert den Humor seine bunten und absonderlich duftenden 
Blüten treiben sehen^ wo er sich mit dem Ernst verbrüdert, 
wir finden ihn auch in seiner Besonderheit, als Humor an 
sich, um seiner selbst willen. Die grosse Anzahl der ver- 
schiedenen Schwank- oder Facetienbücher, welche in deutscher 
wie in lateinischer Sprache entstanden, und die überaus schnell 
aufeinander folgenden Auflagen derselben beweisen, wie stark 
sowol Nachfrage als auch Angebot in dem Artikel der humo- 
ristischen Litteratur war, und es kann als gewiss angenommen 
werden, dass uns nicht nur eine Anzahl von Ausgaben der 
berühmtesten derartigen Bücher noch unbekannt sind, sondern 
dass auch noch gar manche interessante Funde von bisher 
ganz unbekannten Werken und Werkchen in Bibliotheken und 
Archiven werden gemacht werden.* Es ist leider nicht zu 
verkennen, dass die gelehrten sich noch verhältnissmässig 
wenig mit der Jagd auf dieses kleinere Wildpret beschäftigt 
haben, wenn auch zugegeben werden muss, dass allerdings 
auf dem Gebiete unserer Litteraturgeschichte Aufgaben vor- 
gelegen und noch vorliegen, hinter denen das Interesse an 
den „schimpfflichen Büchern'' nicht ohne Grund zurücktritt 
Von einer bis zur gänzlichen Yerkennung gehenden und höchst 
ungerechten Missachtung des dem XYL Jahrhundert eigen- 
thümlichen Humors aber geben — um von anderen Stimmen 
zu schweigen — die einer doch noch nicht allzu lange hinter 
ims liegenden Vergangenheit angehörenden Auslassungen Zeug- 
niss, welche sich in den litteraturgeschichtlichen Zugaben zu 
Schlossers Weltgeschichte über Fischart finden. 

Freilich, von dem Humor, wie ihn das ausgehende XVHL 
und der Anfang des gegenwärtigen Jahrhunderts an den gleich- 
zeitigen Vertretern dieser Richtung kannte und bewunderte, ist 
der Humor des XVL von Grund aus verschieden, so verschie- 
den, dass meines erachtens sich der Geschmack für beide nicht 
verbinden lässt, so wenig, wie eine und dieselbe Persönlich- 



* Noch nicht aufgefunden sind meines wissens die ohne Z';^eifel 
hierher gehörenden Bücher, welche Fischart im Gargantua mit den 
Namen Jacob Wintors Wintermoyen und Marc^Rchiff bezeichnet. 



Bobertag, Val. Schumann und Hieb. Lindener. 131 

• 

keit bei einem aesthetischen Thee und einem ausgelassenen 
Zechgelage ihre Bechnung finden wird. Der von einem 
Lichtenbergs Hippel, Jean Paul producierte Humor ist 
der Ausdruck höchstgesteigerter Bildung, einer Feinfähligkeit, 
die an Raffinement nicht blods grenzt, sondern selber durch 
und durch Raffinement ist, allerdings andererseits bedeutsam 
als die Form, welche einen überreichen und hoch entwickelten 
Ideengehalt aufnehmen konnte. 

Es würde zu weit führen und uns in eine weitschichtige 
aesthetisch- philosophische Erörterung verwickeln, wenn wir 
auf die angedeuteten Unterschiede näher eingehen wollten. 
Wir würden auch von den beiden Erscheinungen, die uns zur 
Betrachtung vorliegen, abgelenkt werden, wenn wir uns an- 
schickten, ein ausführlich motiviertes Urtheil über den Gehalt 
und Werth jenes und dieses Humors zu gewinnen, denn weder 
Valentin Schumann noch Michael Lindener ist geeignet, 
die grossen und bedeutenden Seiten der humoristischen Litte- 
ratur des XVI. gegen die des XVHL und angehenden XIX. Jahr- 
hunderts zu vertreten. Sie sind kleinere, aber das Gesamlntbild 
ergänzende Figuren, interessant durch die Blicke, welche sie 
uns auf das kleine Leben des Schriftstellerthums ihrer Periode 
thun lassen, und so mag der angedeutete Gegensatz nur dazu 
dienen, an den allgemeineren Hintergrund, auf dem sie er- 
scheinen, zu erinnern. 

Valentin Schumann hat den mittleren Schichten des 
Bürgerstandes angehört, und zwar jener damals neu aufge- 
kommenen Glasse von Gewerbtreibenden, welche ein Mittel- 
glied zwischen dem Handwerkerstande und dem der gelehrten 
bildete. Denn seine Beschäftigung, die Schriftgiesserei, stand 
in Beziehung zu der Kunst, deren Erfindung auf die ganze 
Cultur der Neuzeit den tiefsten Einfluss gehabt hat. Seine 
Stellung war eine untergeordnete, es scheint ihm auch — 
wol nicht ohne eigene Schuld — noch besonders schlecht 
gegangen zu sein. Er war gebürtig von Leipzig, Sohn des 
dort 1542 verstorbenen Buchhändlers Valentin Schumami, 
muss aber eine Zeit lang vor 1558, wo er mit seinem Nacht- 
büchlein als Schriftsteller auftrat, in Nürnberg ansässig und 
in der Officin Gabriel Heyns des jüngeren, Bürgers und 

0* 



132 Bobertag, Val. Scliumann nnd Mich. Lindener. 

Buchhändlers zu Nürnberg, beschäftigt gewesen sein und sich 
auch früher weiter im Süden Deutschlands aufgehalten haben. 
Er erwähnt in der Dedication an Heyn, dass er dessen Tisch- 
genosse gewesen sei und sich oft lustig mit ihm unterhalten 
habe, und gedenkt an einer andern Stelle eines Aufenthalts 
in Basel. Gegen Ende des Jahres 1558 fielen Dinge Yor^ 
welche Schumann veranlassten, das weite zu suchen und seine 
Verbindung mit Gabriel Heyn zu lösen. Den Ausschlag gab 
das verhalten seiner Frau, die sich nach seinem Ausdrucke 
als sein ärgster Feind zeigte und als seine Anklägerin auftrat. 
Sie setzte es durch, dass er im November 1558 sein Haus 
und seine Kinder verlassen musste; erst als er schon fort war, 
im December, erfuhr er, dass sie hierbei eine so bedeutende 
Rolle gespielt hatte. Welcher Art diese Vorgänge waren, wird 
allerdings nicht ganz aufzuhellen sein, doch führt eine Be- 
merkung, welche Schumann in der Geschichte Nr. 10 des 
I. Theils seines Nachtbüchleins macht, ziemlich sicher auf die 
Vermuthung, dass er wegen Ehebruchs von seiner beleidigten 
Gattin verfolgt wurde, welcher Beden, die der leichtsinnige 
Mann in trunkener Gesellschaft; geführt, die Waffen gegen ihn 
in die Hand gaben*. Auch ist gewiss, dass Schumann, wenn 
er unschuldig gewesen, in der mehrerwähnten Dedication, die 
nicht bloss für seinen Gönner, ßondem für die Oeffentlich- 
keit geschrieben war, mehr gesagt und deutlicher sich aus- 
gedrückt haben würde. Wie es ihm nach jenem kritischen 
Winter 1558/59 weiter ergangen, darüber erhalten wir in der 
Dedication des U. Theils des Nachtbüchleins nur eine un- 
bestimmte Andeutung, indem er dem Erhart Hüller von Plawen, 
welchem der U. Theil gewidmet ist, mittheilt, er werde den 
3. April seinen (nicht genannten) Aufenthaltsort verlassen und 
an einem anderen Orte abwarten, „bisz mein sach besser oder 
gar böser werde^'. Auch an einigen anderen Stellen klagt er 
über sein Missgeschick und spricht den Vorsatz aus, es mit 
Ergebung zu tragen. Wir sehen, dass wir es mit einem armen 
Teufel zu thun haben, den offenbar auch die Noth zur Schrift- 
stellerei trieb, und der, weil ihm eine genaue Kenntniss der 



Yergl. aiicli den Schlusa der unten von uns mitgetheilten Geschichte. 



Bobertag, Val. Schumann und Mich. Lindener. 133 

Nachfrage auf buchhändlerischem Gebiete zu Gebote stand, 
sich der gesuchtesten Gattung, der komischen Erzählung, zu- 
wandte. Hierzu stimmte allerdings auch seine Neigung und, 
wie anerkannt werden muss, seine Begabung. 

Etwas mehr lässt sich über die Lebensverhältnisse Michael 
Lindeners sagen. Ob aus der Unterschrift der Vorrede seines 
Hauptwerkes Eatziporj, wo er sich Hans Compan von Schleu- 
sing nennt, zu schliessen sei, dass er in Schleusingen geboren 
war, muss ich dahingestellt sein lassen, gewiss ist aber, dass 
er in seiner Jugend sich eine gelehrte Bildung angeeignet hat, 
da er sich uns in mehreren Stellen als Leipziger Studenten 
vorführt. Er war als solcher bei einem geizigen und bigotten 
gelehrten^ Dr. Ochssenfart*, Famulus, was ihn, wie er sagt, 
sein Leben lang reute. Denn Dr. Ochssenfart ass in der Fasten 
nichts zu Abend und Hess sich nur ein halbes Mass Torgisch 
Bier holen. Nachdem er es dann in zwei Trünken ausgeleert, 
machte er Lindener darauf aufmerksam, dass noch viel Schaum 
in der Kanne sei, er solle Wasser darauf giessen, es auf dem 
Ofen zergehen lassen, so werde Bier daraus werden, so habe 
er auch zu trinken. Janker Michael aber, dem dies nicht 
anstand, half sich dadurch, dass er zwei Mass anstatt eines 
halben holte) denn er fürchtete das an diesem Ort namentlich 
in der Fastenzeit ungesunde Wasser. Ebenso originell übrigens, 
wie Dr. Ochssenfart für den Bierbedarf seines Famulus sorgte, 
flickte er seine Hosen, er nähete nämlich hinten am Gesäss 
mit Schusterdraht Pergament darauf, damit es besser hielte. 
Seinen Freunden vermachte der alte Geizhals nichts, sondern 
nur den Mönchen, Nonnen, Geistlichen. 

Doch auch die Lichtseiten des Stadentenlebens hat Lin- 
dener durch eigene Erfahrung kennen lernen. ^Vnd bin, sagt 
er, mein leben lang nit frolicher gewesen, dann do ich alle 
nacht mit der Lawtten gieng, vnd den Ouidium vnter dem 
Arm trug, ausz holtznen Kannen trunck, vnd Papyren fenster 
hetifC, vnd mein stublein mit einem alten Beltz gefütert war, 
do ich nit vil holtzes bedorfifte, allein ein brunn'en haller liecht 



* üeber ihn vgl. man Seidemann im Sächsischen Kirchen- and 
Schulblatt 1874 Nr. 18 nnd 19. 



134 Bobeitag, Yal. Schumann und Mich. Lindener. 

in Ofen setzet , vnud die Kacheln zei'schluge^ das man das 
grawsame fewr sehen kundt, oder sonst einen vergebenen 
raweh machet, das nyemandt bleyben kundte, sonderlich wan 
die zech vnnd räihe an mir war, das ich gest haben solt, 
vnnd ein Katz für ein Hasen briete, das die Kürszner verdrosz, 
vnnd nit leyden wolten, Es ist aber der Krieg ohne blütver- 
giessen gestillet worden, vnnd fein seüberlich hingelegt, darauff 
grosz gelt gangen ist, für Torgisch Bier vnd rostige Hariug, 
die nit vngesundt seind, Bey nachtlicher weyl, ein halb stundt 
zuuor ehe man schlaffen gehet-, ruhet einer trefflich sanfft 
dai'duff" etc. 

Nach vollendetem Studium scheint auch Lindener sich, 
wenigstens eine Zeit lang in dienenden Verhältnissen zu Buch- 
druckern oder Buchhändlern befunden zu haben. "Denn in einer 
Geschichte der Katziporj redet ihn ein Zechbruder als Oorrector 
an, und die Dedication des Buches an Hans Greüther, Bürger 
und Papyrer zu Landsberg, mit dessen Leuten er ein fröhliches 
Zechgelage durchgemacht hatte, sowie die an anderen Stellen 
des Buches noch angedeutete Bekanntschaft mit Männern ähn- 
lichen Gewerbes stimmen hierzu. Doch später scheint Lindener 
in bessere Verhältnisse gekommen zu sein und das Leben eines 
gelehrten oder Litteraten geführt zu haben, denn er brachte 
es zur Würde eines poeta laureatus, wie die Unterschrift der 
Widmung seines Kastbüchleins besagt. Ob er den Doctortitel 
erlangt hat, scheint mir zweifelhaft, da die Stelle, welche 
Ignaz Hub aus Katziporj Bl. Q. v. anführt, dies nicht beweist, 
und sich Lindener wol im bejaenden Falle den Titel ohne 
Zweifel würde beigelegt haben. . Uebrigens erwähnt er auch,, 
dass er sich gern Junker Michael von Lindener nennen höre, 
und einmal führt er selbst sich so an, indem er sagt: „Es war 
ein leyden guter Compan, mit nammen Jungkherr Michael 
von L., ein zimmlicher Poet Es sol sich nyemand selber 
loben.^ Aber es wird daran festzuhalten sein, dass Junker 
Michel mit der Unterschrift „Michael Lindener p. 1.^ alles gab, 
was ihm von Rechts wegen an irdischen Ehren zukam. 

Als chronologische Anhaltspuncte für das Leben Schu- 
manns und Lindeners haben wir nur die beiden Jahre 1558 
und 1559, denn auch alle Drucke. Lindenerscher Schriften haben, 



Bobcrtag, Val. Schumann und Mich. Lindener. 135 

wiefera sie überhaupt datiert sind, die Jahreszahl 1558. Da 
auch Lindener seiner selbst in den Katziporj als eines ver- 
heirateten Mannes gedenkt^ muss er mit Valentin Schumann 
ziemlich gleichaltrig gewesen und etwa in den zwanziger Jahren 
des Jahrhunderts geboren sein. 

Soviel von den Lebensumstanden unserer beiden Schrift- 
steller. Ihre Werke, soviel bis jetzt bekannt, sind folgende. 
Von Schumann haben wir nur den L und IL Theil des Nacht- 
büchleins o. 0. und J., dessen erscheinen sich jedoch durch 
das Datum der Dedication auf das Jahr 1559 feststellen lässt 
und welches jedesfalls bei Gabriel Heyn dem jüngeren in 
Nürnberg gedruckt ist. Der zweite Theil erschien unmittelbar 
nach dem ersten und in demselben Verlage. 

Lindeners Muse war fruchtbarer. Abgesehen von der ihm 
gewiss mit Recht von Goedeke zugeschriebenen deutscheu 
Uebersetzung der facetiae Heinrich Bebeis haben wir von 
ihm die schon erwähnten Katziporj, das crasseste aller Facetien- 
bücher, und das Rastbüchlein, welches jenem kaum nachsteht. 
Von ersterem ist nur die Ausgabe von 1558 bekannt '^. 

Es sind 200 Bll. 8., der Titelholzschnitt zeigt einen auf 
dem Rücken liegenden nackten Mann, der mit einem Wedel 
das ihn umsummende Geschmeiss verscheucht und sich zugleich 
seines Kothes entleert, ein des Inhalts würdiges Aushänge- 
schild. Ein zweiter Theil dieses Werkes ist nicht bekannt, 
obgleich sich das vorhandene als erster Theil praesentiert. 
Das Rastbüchlein kennen wir in einer Ausgabe o. 0. u. J., 
von der sich ein Exemplar zu WolfenbQttel findet, und in 
einer andern o. 0. 1558, von der die Berliner Bibliothek ein 
Exemplar besitzt. Nach der Vorrede des Rastbüchleins hat 
Lindener auch eine ^ Chronica für den gemeinen maü, vil ein- 
faltigen Laien, sehr kurtzweilig zülesen^ u. s. w. druckfertig ge- 
habt, er bemerkt aber, dass sie noch nicht aufgelegt und „etwad 
damit verzogen ist worden^. Wir wissen also nicht, ob dieses 
Werk, das seinem Titel nach manches Interesse bieten musste, 



* Das in Berlin befindliche Exemplar hat v. Meusebach vom Unter- 
gange gerettet, ob Bonst wo noch eins zu finden ist, weiss ich nicht, da 
Hab, der einzige, welcher bis jetzt Proben daraus hat abdrucken lassen, 
nicht angibt, woher er das von ihm benutzte hafte. 



136 Bobertag, Val. Schumann und Mich. Lindener. 

mag wirklich erschienen sein. Dasselbe gilt von des Verfassers 
Dieta und Methodus, welches Werk er in lateinischer Sprache 
geschrieben hatte und das nach seiner Angabe (ebenda) medi- 
cinische Vorschriften über essen und trinken enthalten haben 
dürfte. Ich will hieraus nicht schliessen, dass Lindener ein 
Arzt oder wenigstens etwas dergleichen gewesen sei, aber es 
mag bemerkt werden, dass er nach einer Anzahl voa Stelleu 
in seinen Büchern sich mit Untersuchungen über die Salubrität 
von Nahrungsmitteln und Getränken beschäftigt hat. Dieser 
Zug erinnert, wie vieles in seinem Stil und seiner Denkart, an 
sein grosses französisches Gegenbild Rabelais, aber leider ist 
es mir nicht möglich gewesen, genügende Beweismittel für 
eine Bekanntschaft unseres Mannes mit dem genialsten Possen- 
reisser des XVI. Jahrhunderts zu finden. 

Um den Charakter der Schriftstellerei Schumanns und 
Lindeners näher zu bezeichnen, können wir beide zunächst 
selbst reden lassen. Schumann sagt schon auf dem Titel, dass 
seine kurtzweiligen Hystorien zu Nacht nach dem Essen oder 
auf Weg und Strassen zu lesen oder zu recitieren seien. Aehn- 
lich spricht er sich auch in der Dedication des zweiten Theües 
des Nachtbüchleins aus, fügt aber noch eine Erklärung über 
den Inhalt desselben hinzu, welche nicht nur litterarhistorisches, 
sondern auch einiges culturhistorisches Interesse bietet. Im 
zweiten Theil, sagt er, seien enthalten 29 Historien, unter 
diesen drei von Kriegen und Untreu der Herrschaft und Diener, 
sieben von der Liebe und ihrem oft traurigen Ausgange, vier- 
zehn „guter Bossen vnnd Kurtzweiliger Schwenck ..." „Diese 
vier vnd zweintzig Historien, fährt er dann weiter fort, vii 
gute schwencke, mag eines, es sey jung oder alt, Maö od' 
Fraw junger gesel oder Jungfraw, wol lesen, vnd darausz etwz 
guts lernen vn böses vermeide . . ." Es sei ihm aber ein Brief 
„von einer WeflFtze" zugekommen, diese habe ihm vorgeworfen: 
„ich habe inn meinem ersten Theil des Nachtbuchleins gesetzt, 
Bossen vnnd grobe Schwencke, die sich nicht gezymen, Ehe- 
leütten zu Lesen, sondern sie seind zu grob, vnd vnfletig, 
gleich als sey dieselbe WeflFtze so züchtig vnnd subtil, ich 
bin oSt darbey gewesen, das kein gröberer vnfiat nicht ist 
inn der gantzen Zech gewesen, dann dasselbe Wefftzlein . . . 



Bobertag, Val. Schumann und Mich. Lindener. 137 



Dieselbe Wefftze hat mich bewegt, das ich habe in disen an- 
dem tail; auch fanff grober vnnd ynfiettiger bossen gesetzt. . . /' 
Diese eigenthümliche Erklärung erhält noch mehr Licht durch 
eine Stelle in der auf die Dedication folgenden Vorrede an den 
Leser, wo Schumann sagt: ,,ein GinafFe hat mich bezüchtiget, 
ich hab in dem vorigen, meinem Ersten theyl, die groben 
Bossen mit klugen worte verblumet, das leüget er mich an 
vn thut mir gewalt vn vnrecht, ob ich schon etliche worter 
habe verkehret. . ." Ob die „WeflPfcze" und der „Qinaflfe" die- 
selbe Person sind, scheint zu bezweifeln, da Schumann sich 
gegen erstere gerade mit der Wendung vertheidigt, er habe die 
Zoten des ersten Theils ein wenig beschnitten. Wie dem aber 
auch sei, und mag auch die sonderbare und widersprechende 
Polemik Schumanns nur als Gewandtheit im litterarischen 
Skandal anzusehen sein, so ist es doch nicht uninteressant, 
in der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts mit Skandal ebenso 
Reclame machen zu sehen, wie dies jetzt geschieht. Dass 
unser Mann nebenher äusserst sittlich thut, Bibelsprüche in 
Menge und das Gleichniss von der Biene, die das gute und 
nicht das böse aus den Blumen: nimmt, herbeizieht, gehört 
mit zum Handwerk und sojl ihm die Gunst der ernsteren 
Leser erwerben, während er für die Liebhaber „grober Bossen^ 
gleich in der Vorrede (des zweiten Theils) die Blätter angibt, 
wo diese zu finden sind. 

Noch ünverhüllter tritt Lindener auf. Er bezeichnet den 
Inhalt seiner Katzipori sowol als auch das Publicum, für das 
sie bestimmt sind, auf die derbste Weise. Seine Geschichten sind 
„neweMugken, sei tzame Grillen, vnerhorte Tauben, visierliche 
Zotten^, sein Publicum besteht aus „gutten frommen auszerlesenen 
bundten vnd rundten Schnudelbutzen*, welche man auf Welsch 
Kazipori nennet. Diese gute Schlucker haisset man auf teütsch 
vil vnser sprach Storchschnabel, entenfusz, genszkragen, Saw- 



* Ableitung und praeciser Sinn des Wortes Katzipori, welches 
Lindener auch im Singular in derselben Fonn braucht, sind mir un- 
erfindlich. Schudel bedeutet Nasenschleim, Rotz, Butz einen Klumpen 
oder Knoten. Uebrigens will ich nicht unterlassen auf die Achnlichkeit 
der oben citierten Stelle mit der Anrede im Gargantua aufmerksam zu 
machen. 



138 Bobertag, Val. Schumann und Mich. Lindencr. 



russel, Eselsohren, Bockshorner, Wolffszahn, Eatzenschwentz, 
Hundszagel, Ochsenkopff, Ealbsfusz.^ In diesem Tone, dem der 
Inhalt des Buches entspricht, ist die ganze Vorrede der Eatzi- 
porj abgefasst. Das Rastbüchlein stellt sich den Katziporj 
vollkommen ebenbürtig an die Seite, und zu grosses Unrecht 
geschieht beiden Producten nicht, wenn wir sagen, dass sie 
wenigstens hart an der Grenze der Schmutzlitteratur stehen. 
Doch würde es auch diesen litterarischen Thatsachen 
gegenüber falsch und unbillig sein, den Eindruck der zuerst 
ins Auge fallenden Eigenschaften zur Grundlage des Gesammt- 
urtheils machen zu wollen. Es ist wahr, dass uns die Rohheit 
der komischen Litteratur des XVI. und XVII. Jahrhunderts 
verletzt, es ist auch wahr, dass edlere Naturen wie Luther 
und Hans Sachs diese Rohheit missbilligten und ihr mit 
Erfolg entgegentraten. Aber man gebe sich nur einmal die 
Mühe, das nach Luthers und Hans Sachsens Grundsätzen zu- 
lässige und das nach ihnen unzulässige einigermassen zu son- 
dern, man begnüge sich hierbei nicht mit den Bemerkungen 
in Compendien der Litteraturgeschichte, und man wird finden, 
dass auch das nach den damaligen Auctoritäten unanstossige 
noch einen gewaltigen Gegensatz^ gegen das, was bei uns gilt, 
darstellt. Und ich glaube, dass man billigerweise diese 
Humoristen an Fischart messen muss, wobei ohne Zweifel 
noch mehr als im Vergleich mit Luther und Hans Sachs 
ihnen wird zu Gute zu halten sein. Zu bestreiten indess, dass 
gerade unsere beiden Leute nicht auch zu ihrer Zeit und nach 
der billigsten historischen Beurtheilung allzuviel obscoenes 
geliefert, darf uns nicht einfallen. Die zu ihren Gunsten ge- 
machten Bemerkungen können es uns nur leichter machen, 
einmal von diesem Makel abzusehen, um ihre Vorzüge ni an- 
deren Beziehungen zu erkennen. Es handelt sich hier natürlich 
in erster Reihe um solche Vorzüge, welche sie mit der Mehrzahl 
der Schriftsteller ihrer Gattung und ihrer Zeit gemein und vor 
denen anderer Zeiten, zunächst der unsrigen, voraus haben. 
Man vergisst jetzt nur allzuleicht, wie viel Vortheil allen 
Arten der Poesie eine sinnlich anschauliche Sprache bringt. 
Hieran sich zu erinnern, bieten aber die Leute, die wir eben 
betrachten, die beste Gelegenheit. Ihre Ueberlegenheit in dieser 



Bobertag, Yal. Schumaim und Mich. Lindener. 139 

Beziehung beruht auf denselben Verhältnissen, die den Reiz 
aller Volkspoesie gegenüber der Poesie der gebildeten, der 
Kunstpoesie bedingen. Es ist bekannt, wie fleissig Goethe 
das, was ihm von Schriftstellern jener Zeit erreichbar war, 
gelesen hat, und seine Werke aus der Sturm- und Drang- 
periode, vor allen Götz, beweisen, dass er viel aus ihnen ge- 
lernt. Die sinnlich-anschauliche Sprache, die ungesuchte und 
treffende Bildlichkeit des Ausdruckes, die Frische und Kraft 
des Stils sind Vorzüge, die zu erkennen man nicht Goethe zu 
sein braucht, und die> sich fast bei allen Vertretern der volks- 
thümlichen Litteratur des XVI. Jahrhunderts finden. 

Was Schumann und Lindener im besonderen anbetrifft, 
so hat schon Goedeke richtig gesagt: „Im allgemeinen erzählt 
Schumann schlank und kräftig, nur die durch wuchernde Lehre 
und Nutzanwendung stört ihn mitunter und wird widrig bei 
den unsaubern Geschichten, die er mit roher Unbefangenheit 
vorträgt; doch selbst hier steht er, weil er unbefangen ist, 
über dem witzhaschenden Katzipori und dem Rastbüchlein, 
die nur durch die älteren Fastnachtspiele überboten sind." 
Nur das haschen nach Witz möchte ich hier im Gegensatz 
zu Goedeke nicht sowol tadeln als aus der Art der Lindener- 
schen Geschichten erklären. Diese sind meist nur Anekdoten, 
oft gar keine Erzählungen und durchweg Kneipen witze, vorge- 
tragen und belacht von zechenden guten Gesellen. Allerdings 
zeigen eine Anzahl von Numem, dass bei Bier und Wein, 
wenn diese Getränke bereits ihre Wirkung gethan haben, 
manches belacht wird, was sonst keinen Eindruck macht. 
Dagegen aber ist der Stil Lindeners viel stärker komisch, bei 
ihm ist schon ein Ansatz zu jener übermüthigen Ueppigkeit 
und Tollheit des Humors, welche sich bei Fischart findet, 
vorhanden, und niemand kann bestreiten, dass Lindeners 
Ausdrucksweise häufig an die unsrer grössten deutschen Hu- 
moristen erinnert. Seine beiden Bücher und das allerdings 
in jeder Beziehung weit bessere Schiltbürgerbuch stehen in 
stilistischer Hinsicht Fischart unter allen Schriften der Zeit 
am nächsten. Es ist auch hervorzuheben, dass unter den 
Schriften, welche zu einem Fischart -Glossar herangezogen 
werden müssten, die Lindeners einen hervorragenden Platz 



140 Bobertag, Val. Schumann und Mich. Lindener. 

einnehmen würden, was namentlich in dem Umstände seiueu 
Grund hat, dass Lindener wie Pischart es liebt, Ausdrücke 
für eine Sache zusammenzuhäufen und dazu entlegene und 
provincielle odei^ nur gewissen Volksschichten angehörende 
herbeizuholen. 

Schliesslich haben wir unsere Aufmerksamkeit noch auf 
eine andere Seite der Schriftstellerei Schumanns und Lindeners 
zu lenken, nämlich auf die Herkunft ihres Stoffes. In dieser 
Hinsicht bietet Schumann das grossere Interesse, weil er we- 
niger blosse Anekdoten als Lindener vorführt. Seiner ausge- 
dehnten Leetüre gedenkt er selbst in der Vorrede zum ersten 
Theil des Nachtbüchleins. Er führt an Livium, Ovidium, 
Cento Novellam, Ritter Pontus, Ritter Galmy, Fortunatum, 
Tristrant, Peter von Provincia und Magelona, zwey liebhaben- 
den aus Franckreich und £ngelland, den Ritter im Thum, den 
grossen Alexander, Octauianus, vnd die 7 Weysen Mayster, 
femer Rollwagen, Schimpff und Ernst, Schertz mit der War- 
heit, Rast-Büchlein,* Wegkürtzer. 

Man sieht beim durchlesen des Nachtbüchleins, dass Schu- 
mann seine Leetüre stark benutzt hat. In erster Linie stehen 
unter den Entlehnungen die beiden grosseren Stücke Nr. 22 
im I. und Nr. 28 im H. Theil. Letzteres ist die Episode von 
der Liebe zwischen Florens (bei Schumann Florius) und Marce- 
bille aus dem in Salzmanns Uebersetzung verbreiteten franzö- 
sischen Romane vom Kaiser Octavianus, welcher damals in 
Deutschland noch den Reiz der Neuheit hatte; ersteres ist die 
Geschichte von der schonen Magelone, die dritte deutsche 
Recension dieses Stoffes mit Veränderung der Localität, der 
Namen und einer Anzahl von Nebenumstanden. Schumann 
behauptet, seine Vorlage 1548 in Basel kennen gelernt zu 
haben, und hat die Dreistigkeit, die Warbecksche Recension, 
das bekannte Magelone-Buch, nicht nur an der eben citierten 
Stelle der Dedication, sondern auch an einer Stelle seiner Be- 
arbeitung als ein ihm bekanntes, aber anderes Buch anzufüh- 
ren; die Dreistigkeit, sage ich, weil seine Geschichte von Chri- 



* Hierin dürfte der Beweis liegen, dass Lindeners Rastbüchlein'' 
friiher erschienen ist als die Eatzipori. 



Bobertag, YaL Schumann nnd Mich. Lindener. 141 

stoffel von Montpelgart und der schönen Fcronica der War- 
beckschen Recension so genau folgt, dass ihm die* Identität 
beider Geschichten klar sein musste. Ob das Verhältniss der 
Schumannschen Recension zu der ältesten deutschen^ der 
Historie von PhyloconiO; ein näheres oder entfernteres ist als 
das zu der Recension Veit Warbecks, kann ich nicht sagen, 
da ich die sehr seltene erste .Recension nicht kenne. Diese 
Frage ändert an der Beurtheilung von Schumanns verfahren 
nichts^ die Yermuthung aber ist sehr wahrscheinlich, dass 
Schumanns Vorlage keine andre als Warbecks Magelone war, 
eine treffliche üebertragung, welche, wie man aus äusseren 
bibliographischen Gründen schliessen kann, jene älteste Phylo- 
conius-Geschichte ganz inVergessenlieit scheint gestellt zu haben. 
Von den übrigen Geschichten — ich nenne nur die interes- 
santesten — sind zwei Schiltbürgererzählungen, vom Meusz- 
hund und vom abgeschlagenen Kopfe, hervorzuheben, deswegen 
interessant, weil sie dem Schiltbürgerbuche vorausgehen. Die 
Oertlichkeit wird Ganszlosen bei Göppingen genannt, die Ge- 
schichten sind Nr. 1 und 8 des ersten Theils. Nr. 9 und 19 
desselben Theils, von dem den Ehebruch verrathenden Vogel 
und den drei getödteten Liebhabern, gehören den sieben weisen 
Meistern ; Nr. 5 und 6 gehen auf die Uuibos-Sage zurück, die 
zweite weist durch den Namen des Helden, Einhym, noch 
deutlicher als die erste darauf hin. Legendarische Stoffe geben 
die Geschichten 3. 5. 22. 24 des H. Theils, Nr. 3 enthält 
einen ähnlichen Stoff wie . die berühmte Comedi des Hans 
Sachs von den ungleichen Kindern Evae, Nr. 5 eine Gregorius- 
Oedipus-Geschichte, Nr. 22 die Fabel von der Ehe des faulen. 
Knechtes mit der fleissigen Magd, Nr. 24 die Geschichte vom 
Köl0g im Bade. Einige Erzählungen stammen aus dem Älter- 
thume, allerdings in sehr weitgehender Umbildung, so die vom 
Stier des Phalaris, bei welcher Schumann sich in der Con- 
jectural-Kritik versucht und Valerius herausbekommt; andere 
sind aus Gedichten umgebildet und zwar sehr flüchtig, wie 
Nr. 29. Es bleiben im ganzen etwa 20 Erzählungen übrig, 
welche direct aus dem Leben oder mündlicher Tradition ge- 
schöpft sind und meist dem niedrig -komischen Genre der 
groben Bossen und visierlichen Zoten angehören. 



142 Bobertag, Val. Schumann und Mich. Lindener. 

Von Lindeners nachweisbaren Entlehnungen sind Nr. 23, 
24 und 25 des Rastbüchleins Novellen des Decameron^ das 
meiste Interesse bieten drei F au st geschieh ten in den Eatzipori, 
von denen aber nur zwei^ und nicht zum Yortheil verändert, 
in das Faustbuch aufgenommen worden sind. Wir haben in 
diesen Geschichten die originalere Gestalt, wie sie ein Menschen- 
alter vor Abfassung des Faustbuches und wol schon früher 
im Yolksmunde umlief. Der Held dieser Geschichten heisst 
bei Lindener auch nicht Faust, sondern Schrammhansz. Die 
Erzählung vom Krebs an der Deichsel, gleichfalls in den 
Katzipori, ist eine Schiltbürgerei, aber auch selbständig gegen- 
über der ihr nur ähnlichen im Schiltbürgerbuche. 

So sehen wir auch bei den Erscheinungen untergeordneter 
Art das, was ein Hauptmerkmal der gesammten epischen 
Unterhaltungslitteratur des XVI. Jahrhunderts war, die halbe 
Abhängigkeit von der mittelalterlichen Stofftradition, eine 
Eigenthümlichkeit, welche die volksmässige Prosadichtung bis 
ins XVII. und XVIII. Jahrhundert beibehält, während die 
sich bald trennende Unterhaltungslitteratur der höheren Stände 
diese Tradition verlässt, um- dafür vom^ modernen Auslande 
nur um so abhängiger zu werden, bis erst nach Mitte des 
XVni. Jahrhunderts auch für diese Gattung eine bessere Zeit 
kommt. 

Ich theile nun die zweite der Einhym- Geschichten aus 
dem Nachtbüchlein (Nr. 6.) und die von Ignaz Hub nicht ver- 
öffentlichte Schrammhans-Geschichte aus den Eatzipori, welche 
im Faustbuche zwei Numern ausmacht, mit. Die erste 
Einhym-Geschichte Schumanns habe ich in den Beilagen des 
vierten Capitels meiner „Geschichte des Romans u. s. w.^' ab- 
drucken lassen. Die ganze vorliegende Abhandlung soll\ur 
Ergänzung des erwähnten Abschnittes dienen, in welchem ich 
bereits darauf aufmerksam gemacht habe, dass die hier mit- 
getheilte Einhym-Geschichte die Vorlage zu der ist, welche 
Adolf Wolf in der Germania (1872. S. 322) aus einem Buche 
des achtzehnten Jahrhunderts veröffentlicht hat. 



Bobertagf Val. Schumann und Mich. Lindener. 143 

Katziporj. Bl. Jij. b. 

Ein vnerhorter Stumpf, von einem Zauberer, einem Bawren 

gerissen. 

ZV Saltsburg war ein Meszpfaff mit namen Scbraölhansz, 
der war ein grawsainer grosser vnerhorter Zauberer, der stellt 
sich einsmal als ein Bawr, vnd hett Sew feyl Wie nun ein 
Bawr daher kompt vnnd kaufft dem die Sew ab, so befilcht 
jm der Schramhansz, er soll sie bey leyb vnd leben in kein 
Wasser treiben. Der Bawr aber nimpt das mt acht, vnd kan 
es nit auch vmgehn, vnd treybt die Sew durch ein kleines 
Bachlein, vnd wie die Sew mitten in den Bach komen, wirdt 
dz Wasser vugestum, durch ein Wind, vnd werden die Sew 
durch Zauberey zu lauter strowischen. Der Bawr verthoret 
drüber, vn sihet was entlich ausz den strowischen werden 
wolle, die da hin schwimen, er keret wider um, vnd auf den 
Marckt zu, sucht den Schweintreiber der jm die Sew verkaufffc 
het, findt jn nit, wirdt aber in ein Wirdtshausz gewisen, da 
Schramhansz züschlemmen pflegt, Schramhansz wuszte wol 
wie es gehen wurde, das jn der Bawr suchen wurde, vnd 
zeyget es dem wirdt an, wie das er sich hinder den Offen 
legen wolle, vn sich stellen, gleich als schlieff er. Der Bawr 
kompt in dz Wirdtshausz vnnd findet den hinter dem Offen 
ligen, zu jm zu, vnd schreit: Hörest du, du Abentheürer, 
stehe auff, das dich Sanct Yeltin berühre, wie hast du mich 
mit den Sewen beschissen, der schnarcht, als schlieff er hart. 
Der Baur nimpt den bei einem beine vnnd zeühet, reiszt jm 
dasselbig ausz dem arschbacken, mit wurtzeln mit allem. Der 
schramhansz fehet jemmerlich an zu schreyen: Der Bawr er* 
schsickt, vnd wirfft jm das bein wider zu, vnnd laufft zur 
Statt hinausz, vnd dancket der Baur Gott, das er mit dem 
leben daruö kam. 

Nachtbuchlein. Bl. C. v. b. 

Ein Hystorj vonn eim Bauren, mit namen Einhyrn, vnd seinen 
Bauren im selben Dorff, bisz sie sich alle ertrenckten. 

Ein Bawr ist gesessen inn einem Dorff, des namen ist 
mir abgefallen, der hett einen Son, der war sehr mutwillicf. 



144 Bobertag, Val. Schumann und Mich. Lindener. 

Nun als der Valter starb; hüb der Son vil schaickheit an, 
vnnd thet den Bauren vil schaden, das sie verursachet wurden, 
£(iuch jhm schaden zu zufügen, ob sie jhn mochten ausz dem 
Dorff bringen, diser Son hiesz Einhim. Nun thete die baure 
auf ein nacht eins, Schäften an dz dem Einhyrn ward sein 
Bachofen eingeworffen, vermeinte er solt kein Brot mehr 
bachen, dieweyl er nicht vil vberiges het, jm auch keiner 
mehr bawen kundt, so wolt jm auch keiner vergunnen, das 
er inn seinem Ofen buche, wolten jn also vertreyben, so ge- 
scheyd waren sie. Nun der gut Einhirn gedacht ich hab ofiFt 
hören sagen, Was man gehn Augsburg bringet, das gilt alles 
Gelt, vnnd nam den roten leymen von dem Ofen, stiesz den 
auffs aller schonest yu kleinest, thet dz fein in ein liderlin 
secklin, zoch also auff Augspurg zu, vnd zoch zu Herberg bey 
einer Wiertin, die war ein Witfraw, het nur ein einige Tochter, 
mit d' hielt sie also hausz. Nun thet der gut Einhyrn eins, 
vnd sprach, zu der Wierfcin, mein liebe Wirtin hebt mir das 
secklin aufif, fein fleyssig, dz mir kein schad darzu widerfare, 
dan es stund mir sonst verderben darauff, vnn4 ich muszt 
entlauffen. Da sprach die Wiertin, Ey mein lieber freündt, 
jhr durfft kein sorg haben, vnnd wann das lauter schon ge- 
malen gold were, so solt euch kein steüblein daruon kommen, 
also thundt die frommen Wirtin alle, machen sich so gewisz 
vnnd fromb. Nun als der Einhyrn. schlaffen was, dachte die 
Tochter was hat er nur im sack, das ers so theür vnd wol 
befilcht, gieng hin vnd machet den Sack auff, fände den ley- 
men, mainet es wer lauter gemahlen gold, lieff hin vnd sprach 
zu der Mutter, Warlich der hat lauter gemahlen gold im sack, 
Die Muter besähe es auch maint es wer jm also, sprach: 
Halt ich wils auszlaren, vnnd will jhm schwartze pfennig 
darein thün. Er wirdt es morgen nicht mercken, mainten Gott 
hett sie berahten, da hett sie der Teuffei beschissen. Als am 
morgen der gutte Einhyrn aufstund, hiesz jhm sein Sack 
geben, da bracht sie jhm den Sack mit den schwartzen Pfen- 
ningen, er sach wol das er nicht wäre wie er vorhin gewesen 
wäre, schweyge still, dancket der Wirtin vmb jhr Herberg, 
zoch heymwertz. Als er für dz thor kam, band er sein sack 
auff, den er voller schwartzen pfeniiing fände, der war von 



Bobertag, Val. Schumann und Mich. Lindener. 145 

hertzen fro^ gi^ng heim, ynd sprach zu den Bauren, Botz 
hjrn wie habt jr mir ein schalckheit gethan, das jhr mir 
mein Bachofen eingeworffen, jetzt hab ich ein Sack voller 
Pfenning darausz geloszt, ich kan wol ein andern machen, 
das yerdrosz die Bawren, vnnd fragten jhn wa er sein Erdt 
oder leymen yerkau£Pi; hett, sprach er zu Augspurg loszt man 
ausz aller war Gelt, die Bauren giengen haim, vnnd schlugen 
all jhre Bachofen ein, fuhren mit grossen Wagen gen Augs- 
purg, meinten sie wolten vil Gelt herausz bringen, vnd hielten 
auff dem Berlach, es kam aber niemand ders failszte wil ge- 
schweigen zukauffen, sie hielten bisz nach mittage, loszten 
aber kein gelt, desz waren sie sehr zornig, vnd führen wider 
zur Statt hinausz, füren die gantze nacht, bisz sie heim kamen, 
hungerig yn durstig, auch die Rosz mudt vnd mat, da wurden 
sie dem Eynhym noch feinder, wolten jn gar vmbbringen, 
vnd sprachen der laur hat vns beschissen, wie solle wir jm 
nur thun, das wir jhn bezalen, vnd giengen zu rath. Nun 
het der gut Einhym ein Küe, die trib man ausz mit andern 
kue, die wolten sie jm erschlagen, als sie dan theten. Da 
der gutte Einhym die Küe fände, flucht er nichts, sähe wol 
wo es herkäme, Schand sein Eüe, vnnd nam die haut, zoch 
wider auff Augspurg zu, da geriet jhm aber ein beut. Als 
er auff dem Berlach stund, vnd sein haut faul (fail) het, da 
kam ein alter Lederer od' gerber, wie man sie dann heiszt, 
fragt wie er jm die haut wolt geben, vmb zwen gülden bot 
er sie, vnd wurden des Kauffs eins, das er jhme solt funff 
ynd zweintzig batzen darumb geben. Nun müst der Lederer 
noch etwas auszrichten, das er nit gleich heim gienge, sprach 
zum Einhyrn höre Baur, gehe vnnd frage auff dem Mittel- 
lech, nach einem Lederer, so wirdt man dir mein Haus zey- 
gen, das sieht also, gab jhm darmit alle warzeychen, wart 
mein ich will bald kommen, vnd dich zu friden stellen, da 
gieng der gut Einhym dahin, fand wie jhm der Mann saget. 
Der alt Lederer ein schon Jung Weib het, die hett vielleicht 
auch mangel an der kleinen Hauszarbeyt, als sie den Bauren 
sähe, das er Jung vnnd starck was, auch sich alleine bey 
jhm fände, fieng sie mit jhm an von der sach zureden, sprach, 
Lieber Baur was schied es, das jhr mir ein dienstlein theten, 

Archiv f. Liti.-Gmch. VI. 10 



146 Bobertag, Val. Schumann und Mich. Lindener. 

der Einhym verstund jhren willen, willig wäre, vnd sein sach 
machet. Als er fertig ward, sprach er, Fraw jetzt waii ewer 
Man kompt, so will ich jm sagen, das jhr so leichtfertig seyt, 
vnd so bald euch vnder ein frembden legt, Da sprach die 
Fraw, ach nein das thund nicht, jhr brecht mich von Heüsz- 
lichen Ehren, vnd inn ein grosse schand, vor meinen Freun- 
den, Ich will euch hundert Gulden geben, vnd kommet wider 
wann jhr wolt, nemet ein haut zum fürzügel, ich will alle 
zeit gar willig sein. Der gut Einhyrn nam das Gelt, wart 
bisz der Mann kam, der gab jhm auch fünff vnnd zweintzig 
batzen, also zoch er dahin. Wie vil meinet jhr, das der 
Weyber in allen stetten sein, die dz auch geren theten, wann 
sie nit jhrer freündschaffb daran schonten, oder sonst kondten 
haimlich zu wegen bringen. Als da der Einhym heym käme, 
sprach er zu seinen Nachbauren, Ey wie habt jr mir ein 
schalckheit gethan, das jr mir habt mein Kuh erschlagen, 
jetzt hab ich ausz der haut hundert gülden geloszt, zeyget 
jhnen hiemit das Gelt, das thet jhnen erst recht zoren, glaub- 
tcns vnd giengen haim, schlügen all jlire Kuh zu Todt, schan- 
dens, namen die Heüt, vnnd zogen wider auff Augspurg hinzu, 
hettens fail. Da kamen die Lederer wolten heüt kauflfen, wann 
sie dann ein Bauren fragten, wie theür die haut, sprach er 
vmb hundert gülden, vnd dann der ander auch also, bisz auflF 
den letzten, da sprachen die Lederer, Wir glauben die Bauren 
sein vnsinnig, oder sie meinen wir sein Narren, das sie ein 
haut vmb hundert gülden bieten, spotten jhrer, vn failszten 
nur desto offter, legten ye einem hundert funff hallerer darauflf, 
od' hundert Creützer, desz wurden die Bauren sehr zornig, 
\n wolten nur den Einhyrn gar auszroten, das sie erst auch 
het vmb jhre Kuh bracht. Nun hett der Einhyrn ein gute 
alte Mütter, da fielen die Bawren inn sein Hausz, wolten jhn 
vmbbringen, zu allem Gluck war er nicht daheymen, da schlü- 
gen sie jhm sein gute alte Mütter zu todt, giengen wider 
daruon. Als er heym kam, vnnd fand sein Mütter also Todt 
ligen, sähe er wol wer es gethan hette, nam sein Mutter also 
erstarret, vnd trüg sie weyt ausz dem DorflF, lainets an ein 
standen, da kam von weytem ein W^ein Fürman gefaren, der 
het vier starcker Geiil, vnd ein gut fuder wein, das het der 



Bobertag, Val. Schumann und Mich. Lindener. 147 

Einhym ersehen, n^rin sein Matter, stellet sie flux mitten inn 
weg, ehe sein der Fürman jnnen ward, versteckt sich wider 
hinder die standen, wolt sehen, wie es gehen wurd. Als der 
Fürman ilur daher fare, sach die Frawen im weg stehn, 
ynnd nicht weichen wolt, schrey er hola Fraw geht weck, 
oder ich fahre vber euch, aber die Fraw wolt nicht weichen, 
ihet eben sam hört sie es nicht, als dan auch war wäre, der 
Fürman ward auch zornig, sprach das dich Gott sehende, 
wilt du mich erst vexieren, vnnd mein spotten, hyb auff seine 
Geüle, vnnd für flux das todt Weib vmb, gleich vber sie hin, 
das sach der Einhym, wuscht hinder dem Zaun herfür, ey, 
du Schelm hast mir mein Müter zu ' todt gefaren, du müst 
auff eim Bad erfaulen, der Fürmann meint es weren jr mehr 
da, hyb seim Sattel gaul die streng ab, vnnd rit eylendts 
daruon, vn nam der Einhym sein Mütter, begrub sie, sasz 
auff das ein Pferdt, füret den Wagen mit wein in sein dorff, 
vexieret die Bauren sprechend, Ey der grossen schalckheit^ 
das jhr mir mein Mütt<er habt erschlagen, yetzundt hat man 
mir drey Rosz vnnd den Wagen vol Wein darumb gegeben, 
da weiten die Bauren gar toll werden, namen jhn gefangen, 
vnd Rathschlagten, wie sie doch sein nur abkemen, hielten jhn 
gefengklich, bisz an den Morgen, da giengen sie zu Rathe, vnnd 
wolten den guten Einhym ertrencken, schoben jhn in ein Sack, 
vnd trugen jhn auff die Brücken, dann der Lech flosz vor dem 
Dorff hin. Als sie nun also stünden, wolten jhn in das wasser 
werffen, fieng ein alter Baur an vnnd sprach, Ey sollen wir 
dann an dem morgen fru ein tod volbringen, vnnd haben noch 
kein Mesz gehöret, wir wollen vor inn die Kirchen gehen, 
vnnd ein Mesz hören, wollen den Einhym dieweil inn dem 
Sack lassen ligen. Als sie dahin giengen, vnnd der Einhyrn 
horte das keiner nicht mehr da ward, schrye er für vnnd für, 
ich mag es nicht lernen, ich will es nicht Lernen. Sich da 
mein lieber Landtsmann, ob das geluck nicht wunderbarlich 
ist, vnnd wem es wol will, dem kommet es mit hauffeu; 
GOTT gebe wann sich die Welt zerrisse, auch toll vnnd vn- 
sinnig wurde, so hilfft es doch nicht, vnd wann mancher das 
Gelt vnden zum Hausz hiüausz schlüge vii wurff, so fiel es 
oben zu dem Tach wider hinnein, dargegen, wann es einem 

10* 



148 Bobertag, Yal. Schumann nnd Mich. Lindener. 

ybel.wil^ so hilfft weder Erisum noch T^uff^ auch wann sich 
einer zerrisse^ vn mit vrlanb beschisse, so laszt es sich nicht 
noten. Als nun der gute Einhym also im Sack stacke, 
schicket es sich vngefehr^ das ein Sewtreyber einen hauffen 
Sew trybe^ der höret das schreyen, dacht was ist es doch^ das 
er nicht lernen will, gienge hinzu^ fniget, was wiltu nit lernen, 
antwort der Einhym, ey da will mein Yatter nur ein Gold- 
schmid ausz mir machen, so kan vn mag ichs nit lernen, 
sprach der Sewtreyber, wie wolt ichs so geren lernen, 
wann mans mich nur lernen liese, da sprach der Einhym, 
lieber kreuche du inn den Sack, wann dann mein Yatter 
kommet, wirdt er dich an mein statt das Goldschmidt handt- 
werck lernen lassen. Der einfeltige Sewtreiber liesz sich yber- 
reden, machet den Sack auff, vnd schloff hinnein, den liesz der 
Einhym also ligen, treyb die Sew den Lech hinab. Als nun 
die Bauwren von der Mesz kamen, wurffen sie den Sewtreyber 
inn das Wasser, ynnd ertrenckten jhn. Als es nun Abendt 
warde, kam mein guter Einhym wider mit den Sa wen, das 
nam die Bauren sehr wunder, mainten er trybe die Saw ausz 
dem Wasser, wurden zu rath, sie wolt^n einen inn das Wasser 
werffen, vnnd wann er am boden etwas sehe, solt er die hand 
ybersich werffen, so wolten sie alle mit einander hinein 
springen, auff dz ein yeder so vil Saw bekomme. Als der 
Baur hinein käme, sähe (verstehe inn das Wasser) nichts 
dann Wasser, vnd wolt ertrincken, warff er hsuid ybersich, 
vermainet sie solten jhm helffen, verstunden die Bauren er 
sehe ein hauffen Sew, sprangen alle in das Wasser, ersaufften 
sich selber, vnd brachten sich alle vmb Leib vn Leben. Also 
geschieht gemeinklich allen denen, die ander leQten ein graben 
graben, vnnd zu letst selber darein fallen, Sihe aber wie GOTt 
sogar seltzam vnnd langmutig ist mit seinen Werken, die 
Bauren vermainten so sie den Einhym ausz dem Dorff betten, 
80 weren sie gar aller sorgen frey, wuszten nicht das Er sie 
wurd vmb leib vnd leben bringen, also denckt die narrische 
Welt, vnd die Weltweysen, wan ich nur desz oder jenes ledig 
were, so hette ich schon gewunnen, wissen nicht das es Gott 
anders will haben, vnnd nach seinem willen machen. Wie 
dann auff ein zeyt auch ein Weib dachte, wann sie nur jhren 



Bobertag, Yal. Schumann nnd Mich. Lindener. 149 

Mann alle tag verklaget; so muszt er darnach thun was sie 
wolty wuszt nicht das es ein andern weg müszt gehn, yon 
dem genüg; darumb hab ich dise kleine Yerszlein daran ge- 
kenckt; wie ynden stehn. 

Wplgethan hat mich betrogen, 

Ich het recht vnd wart erlogen. 
Die Zntietler seind den Herrn Heb, 

Vnd Stelen mehr dun ander Dieb. 



Butlers Hndibras, 
ein echtes Zeit- und Sittengemälde. 

Von 
Rudolf Boxberge r. 

n. 

Während wir früher der beiden religiösen Secten der 
Presbyterianer und Independenten nur in so weit Erwähnung 
gethan haben, als in ihrem dasein in letzter Instanz sämmt- 
liehe historische Ereignisse jener Periode ihren Grund hatten, 
betrachten wir sie jetzt unabhängig von aller äussern Politik. 
Ihr gebahren im bürgerlichen Leben als niedrige Heuchelei 
zu entlarven ist die Tendenz unseres Gedichtes. Nicht un- 
passend versah daher der anonyme deutsche Uebersetzer des 
Hudibras sein Werk mit dem Motto: 

„Für seines Gottes Ruhm gilt Meineid und Verrath! 
Was Böses ist geschehen, das nicht ein Heuchler that?" 

Albrecht v. Haller. 

Was einem an den Sitten dieser Fanatiker sofort ins 
Auge springt, ist jenes dem weltlichen treiben abgekehrte 
Wesen, das die heitere Seite des Lebens als sündlich ver- 
dammt*. Der letzte Grund der Entstehung des Hudibras nun 
ist in der Auffassung dieses sauertöpfischen Weseus zu suchen; 



* „They proved as intolerant and as meddling as ever Land had 
been. They interdicted under heavy penalties the nse of the Book of 
Common Prayer, not only in churches, bat even in private honses. It 
was a crime in a child to read by the bedside of a «ick parcnt one of 
those beautiful collect» which had sopthed the griefs of forty generations 
of Christians. Severe punishments were denonnced against such as 
shonld presumc to blame the Calvinistic mode of worship. Clergymen 



Riid. Boxbejger, liutlers Hudibras. 151 

Hume vermuthet zuerst, dass Butler ein specielles Factum vor 
Augen gehabt habe*. Ausführlich gibt dasselbe Macaulay an, 
der einen Auszug aus einer Schrift, betitelt: „A perfect Diurnal 
of some passages of Parliament, and from other parts of the 
Kingdom, from Monday July 24*^ to Monday July 31«* 1643" 
mittheilt: „Upon the Queen's coming from Holland, she brought 
with her, besides a Company of savagelike ruffians, a Com- 
pany of savagelike bears, to what purpose you may judge by 
the sequel. Those bears were left about Newark and were 
brought into country-towns constantly on the Lord's day to 
be baited, such is the religion those here related would settle 
amoQgst us; and if any went about to hinder or but speak 
against their damnable profanations, they were presently 
noted as Roundheads and Puritans, and sure to be plundered 
for it. But some of Colonel CromwelFs forces coming by 
accident into Uppingham town, in ßutland, on the Lord's day, 
found these bears playing there in the usual manner, and, in 
the height of their sport, caused them to be seized upon, tied 



of respectable character were not only ejected from their benefices by 
thousands, but were frequently exposed to the outrages of a fanatical 
rabble. Churches and sepiilchrea, fine'works of arts and curious remains 
of antiquity, were brutally defaced. The Parliament resolved that all 
pictures in the royal coUection which contained representations of Jesus 
or of the Virgin mother should be bumed. Sculpture fared as ill as 
painting. Nymphs and Graces, the work of Jonian chisels, were de- 
livered over to Puritan stone-masons to be made decent. Against the 
lighter vices. the niling faction waged war with a zeal little tempered 
by humanity or by common sense. Sharp laws were passed against 
bettiog. It was enacted that adultery should be punished with death. 
The illicit intercourse of sexes, even where neither violence nor se- 
duction was imputed, where no public scandal was given, where no 
conjngal right was violated, was made a misdemeanour. Public amuse- 
ments, from the masqu*s which were exhibited at the mansions of the 
great down to the wrestling matches and grinning matches on yillage 
greens were rigoronsly attacked. One ordinance directed that all the 
Maypoles in England should be hewn down Another proscribed all 
the theatrical diversions. The play-houses were to be dismantled, the 
spectators fined, the actors whipped at the cart'a tail/* Macaulay a. a. 0., 
S. 158. 

* Hume a. a. 0., Vol. VII, S. 326. 



152 Rud. Boxberge r, Butlei;^ Hudibras. 

to a tree and shot*." Dies geschah auf Befehl des Colonel 
Hewson (andere: Hughson); und Colonel Pride, ein anderer 
von Cromwells blind ergebnen, liess in seiner Eigenschaft 
als Sheriff von Surrey die Bären in dem Park von Southwark 
todten. Ein loyaler Satiriker lässt ihn diesen Act so verthei- 
digen: „The first thing that is upon my spirits is the killing 
of bears, for which the people hate me, and call me all the 
names in the rainbow. But did not David kill a hear? Did 
not the Lord Deputy Ireton kill a bear? Did not another 
Lord of ours kill five bears?"** In Betreff der Bärenhetzen 
und anderer öffentlicher Vergnügungen macht Macaulay die 
zutreffende Bemerkung: „It is to be remarked that their unti- 
pathy to this Sport had nothing in common with the feeling 
which has, in our own time, induced the legislature to inter- 
fere for the purpose of protecting beasts against the wanton 
cruelty of men. The Puritan hated bear-baiting, not because 
it gave pain to the bear, but because it gave pleasure to the 
spectators. Indeed, he generally contrived to enjoy the double 
pleasure of tormentiug both spectators and bear".*** Dieser 
sich allenthalben offenbarende Fanatismus ist es, den die Satire 
geisselt: Hudibras, ein presbyterianischer Friedensrichter, macht 
sich in Begleitung seines Dinners, des Independenten Ralph, 
auf, um seinem frongnen Eifer Genüge zu thim, d. h. um alle 
öffentlichen Vergnügungen innerhalb seines Districts zu ver- 
hindern. Man kann mit Recht die Frage aufwerfen, warum 
der Dichter zwei Männer von verschiedenen Glaubensgrund- 
sätzen zusammenbringt? Darauf lässt sich erwidern, dass der 
Zweck, den beide verfolgen, derselbe ist, und dass, wenn sie auch 
in nebensächlichem nicht einig sind, sie doch ihre ^räfte zum 
Schaden der vom Staate eingesetzten Kirche verbinden. Diesen 
Meinungsverschiedenheiten der beiden Helden entspringen jene 
Disputationen über Synoden, Eide, Gewissem, die unstreitig einige 
der Hauptschonheiten unsres Gedichtes sind und einen tiefen 
Einblick in den Charakter dieser Zeiten verstatten. Sie stossen 



* Macaulay a. a , S. 169, Aom. 
»* Ebd. 
*** Macaulay a. a. , S. 159. 



Bad. Boiberger, Butlers Hudibras. 153 

zuerst auf jene schon mehrfach erwähnte Bärenhetze; ihr 
zweites Abenteuer bildet eine Art Volksfest^ das Hudibras 
mit einem römischen Triumphzug vergleicht: 

„A Paganish invention, 
Which Heathen writers ofben mention/' 

P. II, C. n, V. 667—8. 

Aus einigen Versen des 6. Gesanges geht hervor^ dass 
unser Held sich auch der Aufrichtung eines Maibaumes wider- 
setzt hat. Welche Erfahrungen er bei diesen Bethätigungen 
seines Glaubenseifers gemacht hat, hören wir zur Genüge: 

^^This scheme of th' haevena set 
Discovers how in figbt you met 
At Kingston with a May-pole idol, 
Aiid, that 7* were bang'd both back and side well; 
And, though you overcame the Bear, 
The dogs beat you at Bedford fair, 
Where sturdy butchers, broke yoor noddle, 
And handled you like a fop doodle." 991 — 8. 

Wie sehr die Fanatiker jener Zeit gegen Volksbelusti- 
gungen eingenommen waren, beweist , dass einer von ihnen, 
PrynnC; ein Advocat aus Lincoln's Inn, einen Quartband von 
1000 Seiten geschrieben hat, den er Histriomastix nannte, in 
der Absicht, Schauspiele, Eomoedien, Zwischenspiele, Musik, 
Tanz, Jagd, Volkslustbarkeiten, Weihnachtsfeier, Freudenfeuer 
und Maibäume zu verdammen. Sein Eifer gegen dergleichen 
Ausschweifungen, sagte er, sei aus der Wahrnehmung ent- 
sprungen, dass Schauspiele lieber gelesen würden als die besten 
Predigten, und dass sie häufig auf feineres Papier gedruckt 
seien als die Heilige Schrift selbst. Ausserdem seien die 
Schauspieler oft Papisten und gottlose. Die Theater sind 
nach seiner Versicherung Häuser des Satans; die Leute, die 
sie besuchen, seien wenig besser als eingefleischte Teufel; 
und jeder Schritt beim Tanze bringe den Tänzer um einen 
Schritt näher zur Hölle. Neros Hauptverbrechen habe in dem 
besuchen der Theater und seiner Mitwirkung als Schauspieler 
bestanden; und die Verschwörer gegen sein Leben seien haupt- 
sächlich durch ihren Unwillen über solche Ruchlosigkeiten zu 
ihrem vorhaben vermocht worden. In diesem Tone sind jene 



154 Rud. Boxberger, Butlers Hudibias. 

1000 Seiten gehalten*. Noch mehr, Prynne verwendet eine 
beträchtliche Anzahl von Seiten dazu, um seine Leser zum 
Puritanismus zu bekehren,. und behauptet sogar, Christus selbst 
sei ein Puritaner gewesen**. 

Im 1. Gesänge geht der Dichter auf die Glaubensgrund- 
sätze beider Secten näher ein. Was des Ritters Religion angeht, 

„It was Presbyterian true blue; 

For he was of that stubborn crew 

Of errant saints, whom all men grant 

To be the true church militant." 191—4. 

Man kann allerdings nicht in Abrede stellet), dass, wo 
immer der Presbyterianismus Eingang fand, dies nur durch 
Waffengewalt bewerkstelligt wurde; nicht mit Unrecht wird 
er daher in unserem Gedichte öfter mit dem Islam verglichen. 
Mit Waffengewalt wurde er in der Schweiz, Holland, Schott- 
land hergestellt und auf ähnliche Weise in Frankreich ein- 
gebürgert. Um ihn auch in England zur Staatsreligion zu 
erheben, wurde viel Blut vergossen, und während der grossen 
Revolution schien es fast, als solle er festen Boden gewinnen. 
Denn in den Jahren 1645 find 1646, als das Parlament und mit 
ihm der Presbyterianismus noch auf der Höhe ihrer Macht 
waren, wurden mehrere Beschlüsse in dieser Absicht gefasst***. 

* Hurae a. a. 0., Vol. VI, S. 234. In einer Note (S. 234) führt 
Hume eine Paragraphe aus dem Histriomastix an: „The music in the 
churches is not the noise of men, bat a bleating of brüte beastä; 
choiristers hello w the tenor, as it were oxen; bark a counter part as 
it were a kennel of dogs; roar oat a treble, as it were a sort of bulle; 
and grünt out a base, as it were a number of hogs. Christmas, as it 
is kept, is the devil's Christmas." Vgl. über Prynne oben S. 32. 
** Hume a. a. 0., Vol. VI, S. 234. 

*** „The Parliament, though they had early abolished episcopal 
authority, had not, during so long a time, substituted, any other Spiri- 
tual government in its place; and their committees of religion had 
hitherto assumed the whole ecclesiastical Jurisdiction. But they now 
established, by an ordinance, the Presbyterian modcl in all its forms 
of congregational , classical, and national assemblies. All the inhabitants 
of each parish were ordered to meet and choose eiders, on whom, to- 
gether with the minister, was bestowed the entire direction of all 
Spiritual concems within the congregation. A number oi neighbouring 



Bud. Boxbergcr, Butlers Hadibfas. 155 

V 

t 

Doch als sie executiert werden sollten, setzten die Indepen- 

denten, die mittlerweile das Uebergewicht erlangt hatten, dem 

ein unerwartetes Hinderniss entgegen. Die presbyterianische 

Eirchenordnung bildet oft die- Zielscheibe Ton Butlers Satire 

Ralph eifert dagegen, nnd in einem vom Dichter eigens zu 

diesem Zwecke eingeschobenen Dialog bemüht sich jener zu 

beweisen, dass 

,)Bear-baiting equal 
With Synods, orthodox and legal." 

P. I, C. m, V. 1085—6. 

Seinen Beweis tritt er so an: 

f, Synods are mystical Bear-gardens, 
Whei'e Eiders, Deputies, Church-wardens, 
And other members of the Court, 
Manage the Babylonish sport; 
For Prolocutor, Scribe, and Bear- ward, 
Do differ only in a mere word. 
• Both are bat sev'ral synagogues 
Of camal men, and Bears and Dogs: 
Both antichristian assemblies, 
To mischief beut as far 's in them lies: 
Both stave and tail, with fierce contests, 
The one witb men, the other beasts. 
The diffVence is, the one fights with 
The tongue, the other with the teeth; 
And that they bait bat Bears in this, 
In th'other Souls and Consciences." 1095 — 1110. 

In dieser drolligen Weise nimmt Ralphs Beweisführung 
ihren Verlauf; wie sehr sich der Ritter auch anstrengt, er 
kann seines Squires Gründe nicht widerlegen und sieht sich 
zuletzt so in die Enge getrieben, dass er die Disputation ge- 
waltsam abbricht. 



pariahes, commonly betwecn twelve and twenty, formed a claasis; and 
the court, which governed this division, was coinx>08ed of all the 
miuisters^ together with two, three, er four eiders chosen from each 
parish. The provincial assembly retained an inspection over several 
neighbouring classes and was composed entirely of clergymen. The 
national assembly was constitnted in the same manner; and its authority 
extended over the whole kingdom". Hume a. a. 0., Vol. Vll, S. 67. 



15G Brud. Bozberger, Bauen Hadibras. 

Besonders hart werden von unserm Dichter gewisse Mängel 
des Presbyterianismus mitgenommen: so macht er die Unwis- 
senheit und niedere Herkunft der presbyterianischen Beamten 
lächerlich. Unter andern hervorragenden Eigenschaften seines 
Helden zählt er die auf; dass derselbe ^^by force of argument'^ 
beweisen konnte^ dass 

„A calf an alderman, a goose a justice, 
And rooks committee-men and trustees." 

Die Aldermen belegt der Dichter mit dieser schmeichel- 
haften Titulatur^ weil sie durch ihr entschieden feindliches 
verhalten gegen den Hof und durch Bef&rwortung der Parla- 
mentsbeschlüsse seinen Unwillen erregt haben. Was die Rich- 
ter betrifiPt, so soll man oft Leute zu Friedensrichtern gemacht 
habeU; die kurz vorher Constablerdienste verrichtet hatten. 
Diese bildeten die rechte Hand des Parlaments, dem sie ja 
ihr Amt verdankten*. Oromwell folgte dem ihm vom Parla- 
ment vorgezeichneten Weg, insofern er die High Sheriffs mit 
Vorliebe aus dem Pächter- oder dem niedrigsten Handelsstande 
ernannte. Dass diese aus Dankbarkeit f&r ihren Wolthäter 
seine Befehle blind vollzogen, liegt auf der Hand. Die Com- 
mittee-men nennt der Dichter diebische Erahen, weil sie das 
Land auf eine höchst spitzbübische und willkürliche Weise 
aussogen**. Ueberhaupt war es nicht ungewöhnlich, den 



* Es ist gleichfaUs bestätigt, dass zu Anfang der Revolution die 
Stadt Chelmsford in Essex von einem Färber, zwei Schustern, zwei 
Schneidern und zwei Kr&mem verwaltet wurde. Compl. Ed. (Manchester 
1846), S. 4, Anm. 

** „But what excited the most universal complaint, was the nnlimited 
tyranny and despotic rule of the conntry-committees. During the war, 
the discretionaTy power of these courts was excnsed from the plea of 
necessity; but the nation was reduced to despair, when it saw neither 
end put to their anthority. These conld Sequester, fine, imprison, and 
corporally pnnish , withont law or remedy. They interposed in qnestions 
of private property. ünder colonr of malignancy, they exercised ven- 
geance against their private enemies. To the obnoxions, and sometimes 
to the innocent, they sold their protection. And instead of one star- 
chamber, which had been abolished, a great number were anew erected, 
fortified with better pretences and armed with more nnlimited anthority.** 
Hnme a. a. 0., VoL VII, S. 91. 



Rad. Boxberger, Butlers Hadibras. 157 

Teufel für den Erfinder dieser geistlichen Gerichtshöfe zu 
halten^ nnd Butler selbst drückt sich in dieser Weise aus: 

„Did no Committee sit, wbere he (der Teufel) 

Migbt cut out journey-work for thee, 

And set th* a task, with subomation, 

To stitch up aale and Sequestration; 

To cheat, with holiness and zeal, 

All parties and the common weal/' 

P. I, C. n, V. 721—6. 

In dem oben erwähnten Beweise Ralphs , Synoden seien 
identisch mit Barenheteen, werden noch andere presbyteriani- 
sehe Beamte genannt: 

ffSynods are whelps o* th' Inquisition, 
A mongrel breed of like pemicion, 
And, growing up, became the sires 
Of Scribes, Commissioners, and Triers: 
Whose business is, by cunning sleight, 
To cast a figure for men*s light; * 
To find, in lines of beard and face, 
The physiognomy of Grace; 
And by the sound and twang of nose, 
If all be sound within disclose, 
Free from a crack or flaw of sinning, 
As men try pipkins by the ringing.** 

P. I, C. m^ V. 1149—60. 

Die genannten Beamten wurden durch die beiden Häuser 
ernannt, um die zu Kirchenvorständen'zu wählenden Personen 
zu prüfen, ob sie im Puncte des Glaubens auch des ihnen 
übertragenen Amtes würdig seien*. 

* Dr. South sagt in einer seiner Predigten: „Tbat they were most 
properly called -CromweirB Inquisition, and that they would pretend to 
know men's hearts , and inward bent of their spirits by their yery looks : 
but the truth is, as the chief pretence of these triers was, to enquire 
into men's gifts, so if they found them to be well gifted in the band, 
they never looked any further; for a fiill and free band was with them 
an abundant demonstration of a gracions heart, a word in great request 
in those times.'* Die Fragen, die diese Triers ihren examinanden vor- 
zulegen pflegten, lauteten ungef&hr so: Wann wurdest du bekehrt? Wo 
fühltest du die Regungen des heiligen Geistes? In welchem Jahr, in 
welchem Monat? An welchem Tag, in welcher Stunde des Tags empfiengst 
du deine Berufung, oder, trieb dich der Geist an, ini Dienste des Herrn 



158 Rud. Boxberger, Butlers Hudibras. 

Die Independenten nahmen es mit den Fähigkeiten ihrer 
Beamten gleichfalls nicht genau: Die Officiere waren meist 
aus der Hefe des Volks hervorgegangen und zeichneten sich 
nur durch ihre Disciplin und die Zähigkeit, mit der sie die 
Grundsätze ihrer Religion und ihrer Politik verfochten, aus. 
Das bekannteste Beispiel eines pöbelhaften Emporkömmlings 
bildet der schon mehrfach erwähnte Oberst Pride, der als 
ein ausgesetztes Kind vor einer Kirchen thiir gefunden wurde, 
später das Gewerbe eines Hausierers betrieb, dann der Armee 
seine Dienste widmete und es schliesslich bis zu dem Rang eines 
Obersten und einem Sitz im Oberhaus brachte. Von dem 
Usurpator soll er mit einem Fiedelbogen zum Ritter geschla- 
gen und darauf in den Stand der Lords erhoben worden sein. 
Er starb noch vor der Restauration und entgieng somit der 
über die Königsmörder verhängten Strafe. Er war die ge- 
eignete Figur, auf die sich die satirischen Pfeile der Roya- 
listen richteten. Aqf ähnliche Weise gelangte John Hewson* 
zu seiner Würde; ebenfalls der untersten Schicht des Volks 
entsprossen vertauschte er das Schusterhandwerk mit dem 
Dienst in der Armee und brachte es bis zum Obersten. Gleich- 
falls von Cromwell zum Ritter geschlagen erhielt er Sitz und 
Stimme im Oberhaus. Später gab er seine politische Lauf- 
bahn auf, verliess das Königreich und starb in Amsterdam**. 

Die Unwissenheit der weltlichen Beamten hielt gleichen 
Schritt mit der der geistlichen. Sie findet sich gel)ührend in 
unserm Epos gegeisselt. So rühmt unser Dichter unter andern 
Eigenschaften Cerdons, eines der Führer der Bärenhetze, „That 
preaching was bis chiefest talent". In der That traten in 
jener Zeit Handwerker aller Art als Prediger auf, und manche 
standen beim Pöbel in hohem Ansehen***. Leicht ersichtlich 

ZQ arbeiten. Eine Menge anderer Fragen über die geistige Wiedergeburt, 
die Praedestination, nnd ähnliche schlössen sich in der Regel daran an. 
Vgl. anon. Ausg. (London 1812), P. I, C. III, Anm. z. V. 1152—6. 
* Vgl 8. 152. 

♦* üeber Pride und Hewson vgl. Compl. Ed. P. III, C. II, S. 42. 
*** Für diese Unsitte finden sich nahezu zahllose Belege bei gleich- 
zeitigen Schriftstellern und den Historikern, die sich an diese anlehnen. 
Vgl. anon. Ausg. (London 1812), P. I, C. II, Anm. iu V. 436; Compl. 
Ed., S. 46, Anm. 



Rud. Boxberger, Butlers Hudibras. 159 

ist es, dass solche Geistliche, denen jegliche Bildung mangelte, 
Verächter aller Bildung überhaupt waren: in ihrem religiösen 
Dünkel waren sie alles Ernstes überzeugt, derselben vollstän- 
dig entbehren zu können, da sie ja durch die Vorsehung, 
durch die Praedestination, oder inneres Licht und Gnadengaben 
in jeder Hinsicht geleitet würden; der letzteren JLehre hiengen 
besonders die Independenteu an*. Hinlänglich wird diese 
Doctrin von Butler verspottet bei Gelegenheit des Disputs 
über die Identität von presbyterianischen Synoden und Bären- 
hetzen. Der Independent Ralph erwidert auf den Schwall un- 
verdauter Gelehrsamkeit seines Herrn, womit dieser Ralphs 
frivole Behauptung in ihr nichts zurückschleudern will: 

„Nothing but th' abuse 
Of human learning you produce ; 
Learning, that cobweb of the brain, 
. Profane, erroneous, and vain; 
A ti-ade of knowledge, as replete 
As others are with fraud and cheat; 
An art t' enciimber Gifts and wit, 
And render both for nothing fit; 
Makes Light inactive, dull, and troubled, 
Like little David in SauVs doublet: 
A cheat that scholars put upon 
Other men's reason and their own, 



* Jonathan Swift in seinem berühmten Tendenzstück „The Tale of 
a Tab'\ das er nach Johnsons Ansicht in der Zeit seines Zusammen- 
lebens mit Temple, also in den Jahren 1696—9 verfasste, geisselt gleich- 
falls die Praedestinationstheorie, indem er von dem Presbyterianer Jack 
sagt: „He would shut his eyes as he walked along the streets, and if 
he happened to bounce his head against a post, or fall into a kennel, 
he would teil the gibing 'prentices that looked on, that he submitted 
with entire resignation aa to a trip or blow of fate, with which he found, 
by long experience, how vain it was either to wrestle or cuff : and who- 
ever durst undertake to do either would be sure to come ofif with a 
swinging fall or bloody nose: it was ordained (said he), some few days 
before the creation, that my nose and this very post should haye an 
encounter and therefore Providence thought fit to send us both into the 
world in the same age, and to make us countrymen and fellow Citizens. 
Now, had my eyes been open, it is very likely the business had been 
a great deal worse; for how many a confounded slip is daily got by a 
man with all his foresight about him." 



160 Rnd. Boxbergcr, Butlers Hndibras. 

A fort of error, to ensconce 

Absurdity and ignorance 

That renders all the avenues 

To tnith impervious and abstruse, 

By making piain things, in debate, 

By art perplex^d and intricate: 

For nothing goes for Sense or Light, 

That will not with old rnles jump right; 

As if rules were not in the schools 

Deriv'd from truth, but truth from rules. 

This Pagan, Heathenish, invention 

Is good for nothing but contention: 

For as in sword and buckler fight 

All blows do on the target light, 

So, when men argne, the great 'st part 

0' th' contest falls on terms of art, 

Until the fustian stuff be spent. 

And then thej fall to th' argument*^ 

P. I, C. m, V. 1337—66. 

Diese Ansicht von Mer Nichtigkeit und Unzweckmässig- 
keit alles menschlichen wissens war unter jenen Fanatikern 
allgemein verbreitet. Und kaum ist es zu glauben, was ein 
Herausgeber des Hudibras versichert*, dass Cromwell, als er 
in Durham zum besten der nördlich gelegenen Theile des 
Reichs eine Universität gründen wollte, auf so hartnackigen 
Widerstand von Seiten George Fox' und seiner Anhänger 
stiess, dass er seine Absicht aufgeben musste. Doch des 
mächtigen Protectors Einsicht und Energie muss es bald ge- 
lungen sein, diese Absurdität mit Stumpf und Stiel auszu- 
rotten; denn viele unparteiische Historiker vereinigen sich 
in dem Lobe von Cromwells Pflege der Künste und Wissen- 
schaften während seines Protectorats**. Die Providenz und 
die Praedestination vertraten eben die Stelle der Wissenschaft. 
Anspielungen auf diesen Glauben finden wir häufig sowol 



* Anon. Ausg. P. I, C. III, Anm. zu V. 1339. Vgl. aach Compl. 
Ed., S. 109, Anm 2: „It was the opinion of thoee tinkers, tailors etc., 
that governed Chelmeford at the beg^nning of the Rebellion, 'That lear- 
ning had always been an enemy to the Gospel, and that it were a happy 
thing, if there were no aniversities, and that all books were bumed 
except the Bible'.*' 

*• Vgl. S. 41. 



Rad. Boxberger, Butlers Hudibras. 161 

bei Butler als. bei andern gleichzeitigen Schriftstellern. So 
lässt ersterer seinen Helden, als er im BegriflF ist, gegen die 
Bärenhetze Einsprache zu erheben, sagen: 

„Whatsoe'er we perpetrate, 

We do but row, w' are steer'd by Fate, 

Which in success oft disinherits, 

For spurious causes, noblest merits. 

Great actions are Dot always true sons 

Of great and mightj resolutions; 

Nor do the bold'st attempts bring forth 

Events still equal to their worth; 

But sometimes fail, and in their stead 

Fortune and cowardice succeed." 

P. I, C. I, V. 881—90. 

Dieses alle Annehmlichkeiten des Lebens perhorrescierende, 
finstere Wesen des echten Puritaners, das mehr oder weniger 
den Grundzug seines Charakters ausmacht, ist durch wenige, 
jedoch inhaltsvolle Worte in folgenden Versen charakterisiert: 

„A sect whose chief devotion lies 
In odd perverse antipathies; 
In falling out with that or this, 
And finding somewfaat still amiss; 
More peevish, cross, and splenetic, 
Than dog distract, or monkey sick/^ 

P. I, C. I, V. 207—12. 

Als abgesagte Feinde der anglicanischen Kirche hassten 
und verfolgten die Puritaner sogar die unschuldigsten Ge- 
bräuche derselben, ,,to suppress the camisado of surplices^^ 
Macaulay* verbreitet sich ziemlich ausführlich über ihre aus 
Oppositionssucht eingeführten Gebräuche und Missbräuche. 
Ausdrücklich betont er ihre Vorliebe für das Alte Testament, 
die in allen ihren Sitten und religiösen Gewohnheiten deutlich 
hervortrat; daher zollten sie auch der hebräischen Sprache 
eine Achtung, die sie der Sprache des Urtextes des Neuen 
Testamentes versagten**. Auf diese letztere sonderbare Eigen- 



* A. a. 0. S. 79—81. 

** Vgl. Hume a. a. 0., Vol. VII, S. 226—7. Warburton (a. a. 0., 
S. tl3, Anm. 1) bemerkt sehr treffend: „The Puritan pulpits at this 
time rang with anathemas, and were filled by men whose popularity 

Abchiv f. Litt.-Gkbch. VI. 11 



162 ßud. Boxberger, Butlers Hadibras. 

thümlichkeit, die sich auch bei seinem Heldeu findet, spielt 
Butler in folgenden Versen an: 

„For Hebrew roots, although they 're found 

To flourish most in barren ground, 

He had such plenty, as suffic'd 

To make some think him circumcis'd." 

P. I,C. I, V. 69—62. 

Unter andern ferner von Macaulay* angeführten Eigen- 
thümlichkeiten dieser Secten, die aus ihrer Verehrung für das 
Alte Testament entsprangen, ist besonders eine hervorzuheben. 
Seine Worte lauten: 

„The extreme Puritan was at once -known firom other men 
by his gait, his garb, his lank hair, the sour solemnity of 
hi^ face, the upturned white of his eyes, the nasal twang 
with which he spoke, and, above all, by his pecuhar dialect. 
He employed on every occasion, the imagery and stile of 
Scripture. Hebraisms violently introduced into the English 
language, and metaphors borrowed fromthe boldest lyric 
poetry of a remote age and country, and applied to the com- 
mon concerns of English life, were the most striking pecu- 
liarities of this cant, which moved, not without caus.e, the 
derision both of prelatists and libertines." 

Für diese eigenthümliche Art der Ausdrucksweise erfand 
man auf royalistischer Seite ein neues Wort, das sich all- 
mählich einbürgerte und jetzt in der Bedeutung von „Kauder- 
welsch" gebraucht wird: the cant** Vortrefflich ist es nun 



and influence depended on their vehemence. These 'Boanerges', as they 
delighted to be called, preached largely from the Pentateuch, and in- 
deed many of their doctrines seem better snited for the other side of 
Jordan than for the banks of tke Thames, or for any people whom 
Christianity has blessed. — 

Those Roundhead saints of blessed memory 

Cut throats in godly pure sincerity; 

So they with lifled hands and eyes devout 

Said grace, and carv'd a slaughter'd monarch out. 

Oldham's Satyre." 
* Ebend. 

** Man ist sehr geneigt, dieses Wort mit dem Stamm des lat. 

canere^ cantare zusammenzubringen, und meines wissens bringen auch 

alle etymologischen Wörterbücher diese Ableitung. Doch Warburton 



Rad. Boxberger, Butlers Hndibras. 163 

Butler gelungen, diesen geschraubten, meist der Bibel ent- 
lehnten Stil in allen Dialogen Hudibras' und Ralphs und 
sonstiger Persönlichkeiten nachzuahmen. Beispielsweise sei 
nur folgende Stelle angefahrt: 

,,Shall precious Saints, and Secret ones, 
Break one another's* outward bones, 
And eat the flesh of Bretheren, 
Instead of kings and mighty men? 
When fiends agree among themselves, 
Shall they be found the greater elves? 
When Bei 's at union with the Dragon, 
And Baal-Peor fidends with Dagon;" etc. 

P. m, C. II, V. 697—704. 

Den alltäglichsten Handlungen wurde die biblische Phra- 
seologie angepasst; ja sie trieben diese Art von Fanatismus 
so weit, dass sie dafür hielten, die Heilige Schrift sei die 
Richtschnur alles menschlichen handelns, so dass sie zu allem, 
was sie thaten imd sprachen, ein Vorbild in der Bibel suchten. 
So lässt unser Dichter den Squire seine Scrupel über den 
Gebrauch des Wortes bear-baiting ausdrücken: 

„The word bear-baiting 
Is canial, and of man's creating, 
For certainlj there is no such word 
In all the Scripture on record; 
Therefore unlawful, and a sin." 
P. I, C. I, V. 805—9* 



(a. a. 0., S. 92, Anm. 1) gibt eine andere, die, wenn das Wort wirklich 
nicht vor der Rebellion existiert hat, unzweifelhaft die richtige ist: „This 
word was unknown, it seems to me, before the Civil Wars; one of the 
most hatefal in our vocabulary, it was the name of one of the Scotch 
Presbyterian divines, who visited London on a political and proselytizing 
mission. Andrew Gant and his son Alexandre made their names snf- 
ficiently notorions, I presume, to create the epithet. It is not nsed by 
Clarendon, Warwick, or, I believe by any writer of this date; but 
Hudibras, who has every thing, says: — 

„And tili they first began to cant 

And sprinkle down the covenant.*' 

Ausser dem Subst. und dem Verb, finden sich im Hudibras auch noch 

die Composita outcant (P. III, C. II, V. 151) und recant (P. II, C. II, V. 155). 

* Ein Pendant dazu bietet folgender Abschnitt aus einer in jener 

Zeit erschienenen Abhandhmg, betitelt: „Accommodation discommended. 



164 Had. Boxbcrger, Butlers Hiidibras. 

Kein Wunder, wenn infolge dieses gewaltsam eingeführ- 
ten Stiles sich eine Menge neuer Worte bildeten: je bewan- 
derter ein Puritaner in der biblischen Anschauung war, um 
so mehr standen ihm solche Worte zu Gebote. So wird Hudi- 
bras' Fertigkeit im Worte machen gerühmt: 

„He could coin or couifterfeit 
New words, witb little or no wit; 
Words so debas'd and hard, no stone 
Was hard enough to touch them on; 
And when with hastj noise he spoke 'hern, 
The ignorant for current took 'em." 

P. I, C. I, V. 109-14. 

Nicht weniger vortrefiFlich ist es unserem Dichter ge- 
lungen, solche neue Worte, „hard words", wie er sie nennt, 
in den entsprechenden Situationen anzubringen. Wir finden 
z. B.: Outgoings, Carryings-on, Nothingness, Workings-out, 
Gospel - Walking- times , Gospel - preaching, soul - saving. Eine 
andere Classe neu fabricierter Worte bilden femer die Benen- 
nungen, die sie sowol sich selbst als ihren religiösen und 
politischen Feinden beilegten. Sie selbst waren nur die Elect, 
Saints, Godly, Predestinate u. s. w. Die Anhänger der eng- 
lischen Kirche hingegen und die Royaüsten nannten sie Pa- 
pists, Prelatists, Malignants, Reprobates, Wicked, üngodly, 
Carnal minded. Mit den Ausdrücken Rag of Popedom, the 
Whore of Babylon's Smock, und the Smock of the Whore of 
Rome wurde der ihnen so verhasste Bischofsornat bezeichnet. 
Die Kleriker der englischen Hofkirche wurden Dogs, bisweilen 
Dumb Dogs und Greedy Dogs genannt, auch The blind whelps 
of an ignorant devotion. • 

Unter jenen „odd perverse antipathies" rief besonders das 
Verbot der Weihnachtsfeier, das von dem presbyterianiscten 
Parlament ausgieng, die grösste Entrüstung hervor. Butler 
sagt mit Beziehung hierauf, dass sie 



as incommodioua to the Commonwealth": „First, accommodation is not 
the language of Canaan, and therefore it cannot conduce to the peace 
of Jerusalem. 2. It is no Scriptnre word: now to vilify the ordinances 
which are in Scriptnre, nq, not so much as in the Apocrypha, is to 
relinqnish the word, and foUow the inventions of men, which is piain 
popery." Vgl. anon. Ausg., Anm. zu P. I, C. I, V. 807 — 8. 



Rud. Boxbergcr, Butlers Hudibras. 165 

„With more care keep holiday 
The wrong than others the right way." 

P. I, C. I, V. 213—4. 

Wirklich erliess das Parlament eine Verordnung, dasa 
die Feier dieses und andrer Feste wegfallen sollte; und um 
ilir bessern Nachdruck zu geben, sandte man um die Mittags- 
zeit Soldaten in die Häuser, die Fleisch und andere an diesen 
Tagen verbotene Gerichte wegnehmen soften *. In den fol- 
genden Versen: 

,,Ratber than fall, they will defy 

That which they love most tenderly; 

Quarrel with minc'd pies, and disparage 

Their best and dearest ftiend plumb-porridge; 

Fat pig and goose iiself oppose, 

And blaspheme custard through the nose/^ 

P. I, C. I, V. 225—30 

werden einige andere Eigenthümlichkeiten des Puritaners durch- 
gezogen. Das essen gewisser Speisen an gewissen Tagen galt 
ihnen als ein üeberbleibsel des Papstthums**; ihre Abneigung 
in diesem Puncte gieng so weit, dass sie einen Mann, welcher 
der alten Sitte treu blieb, nicht für fähig hielten, einen Sitz 
im Parlament einzunehmen. Mit vielem Witz ist diese Thor- 
heit von dem Verfasser des Gedichtes „Sir John Birkenhead 
revived'**** gegeisselt: 



?r 



„All plumbs the prophets^ sons despise, 

And spiee broths are too bot; 
Treason is in a Deoember pie, 

And death within the pot: 
Christmas farewell, thy day (I fear) 

And merry days are done; 
So they may keep feast all the year, 

Our Saviour shall have none. 
Gone are the golden days of yore 

When Christmas was an high day, 
Whose Sports we now shall see no more, 

'T is turn'd into Good Friday.*' 

* Macaulay a. a. 0., S. 160. 
** Hume a. a. 0., Vol. Vll, S. 31 Anm. 
*** Anon. AuBg. P. I, Anm. zu V. 227—8. 



166 Und. Boxberger, Butlers Hudibraa. 

Dielndependenten unterschieden sich von den Presbyterianem 
im wesentlichen dadurch, dass sie in ihren Ansichten über Politik 
und Religion noch radicaler als jene waren. Ihr Repraesentant 
in unserem Gedicht ist, wie schon oft erwähnt, Ralph. Butler 
charakterisiert ihn als Independenten kurz: 

„His knowledge was not far behind 
The Enight's, but of another kind, 
And he another way came by 't: 
Some call it gifts, and some new light/^ 

P. T, C. I, V. 479—82. 

Während die Presbyterianer ihre religiösen Principien nach 
den schon besprochnen und vom Dichter so sehr verspotteten 
Synoden regelten, verabscheuten die Independenten alle von 
Menschen aufgestellten Satzungen; und Butler deutet diesen 
Grundsatz an in jenem prächtigen Dialog, der sich an Balphs 
Behauptung, dass Synoden gleich Bärenhetzen seien, anschliesst. 
Ein strenger Independent verlies« sich vielmehr auf die Füh- 
rung seines innem Lichtes; jeder einzelne war somit in den 
Stand gesetzt, sich nicht bloss über alle möglichen Dinge seine 
eigne Meinung zu bilden, sondern sie auch mit schrankenloser 
WiUkür durchzuführen; wie verderblich dieser Grundsatz in 
einer dominierenden Partei wirkte, dafür ist der Verlauf der 
Rebellion ein trauriger Beweis*. Noch deutlicher in dieser 
Hinsicht drückt sich uns6r Dichter in den folgenden Versen aus: 

,4)isdain the pedantry o' th' letter, 
And since obedience is better 
(The Scripture says) than sacrifice, 
Presume the less on 't will suffice; 



* Dass Cromwell selbst weit über derartige thörichte Principien er- 
haben war, oder sie wenigstens im Verlauf seiner dreizehnjährigen politi- 
schen Thätigkeit abgestreift hatte, unterliegt woF keinem Zweifel; solche 
Grundsätze hätten ihn bald von seiner Höhe stürzen müssen. Und wenn 
er manches that, das ihn in den Augen der Mit- und Nachwelt ver- 
dammungswürdig erscheinen Hess, so lässt sich mit Recht der Einwand 
geltend machen, dass der Qeist der Masse^ den er allerdings selbst herauf- 
beschworen hatte, ihm über den Kopf wuchs und zeitweilig nicht von 
ihm in die gehörigen Fesseln geschlagen werden konnte. Vgl. Macaulay 
a. a. 0., S. 130. 



Rud. ßoxbergcr, Butlers Iludibras. 167 

And 8Com to have the moderat'st stiniH 

Prescrib'd their peremptory hints, 

Ol* any opinion, true or false, 

Declar'd as such, in Doctrinals; 

But lefir at large to make their best ou, 

Without b'ing called t'account or question". 

P. III, C. II, V. 609-18* 

Die Hauptdoctrin der Independenten, die vom innern Licht, 
nennt Butler: 

„A liberal art, that costs no pains 
Of study, industry, or brains"; .... 

und fahrt dann fort: 

t 
„For as of vagabonds we say 

That they are ne'er beside their way, 

Whate'er men speak by this new light, 

Still they are sure to be i th' right; 

'T is a dark lantem of the Spirit, 

Which none see by but those that bear it; 

A light that falls down from on high, 

For Spiritual trades to cozen by; 

An ignis fatuus, that bewitches, 

And leads men into pools or ditches, 

To make them dip themselves, and sound 

For Christendom in dirty pond; 

To dive like wild-fowl for salvation, 

And fish to catch regeneration. 

This light inspires and plays upon 

The nose of Saint, like bagpipe drone, 

And speaks through hoUow empty souI, 

As through a trunk or whisp'ring hole, 

Such language as no mortal ear 

But Spiritual eaves-droppers can hear: 

So Phoebua, or some friendly Muse 

Into small poets song infuse, 

Which they at second-hand rehearse, 

Through reed or bagpipe, verse for verse". 

P. I, C. I, V. 483—524. 



* Ueber die Unterschiede imd Uebereinstimmungen des Presbyteria- 
nisxnus und der Independenz^ auf die hier und da geeigneten Orts 
8chou aufmerksam gemacht worden ist, verbreitet sich am ausführlichsten 
Qume a. a. 0, Vol. VII, S. 17—19. 



168 Kad. Boxberger, Butlers Hudibras. 

Wie man sieht^ macht damit Butler den Independenten 
denselben Vorwurf der Unwissenheit wie den Presbyterianem. 
Die Beschreibung Ralphs setzt er in folgenden Versen fort: 

,37 means of this, with hem and cough, 
Prolongers to enlighten'd stuflf, 
He could deep mysteries unriddle, 
As easily as thread a needle", 

womit er auf die thörichte Gewohnheit jener Zeloten anspielt, 
die Mysterien des christlichen Glaubens in den Bereich ihrer 
Discussion zu ziehen; und das thaten sie mit eben so wenig 
Scheu und Zurückhaltung, als wenn sie von Gegenstanden des 
Gewerbes oder den trivialsten Angelegenheiten des Lebens sich 
unterhielten; demgemäss entlehnten sie ihre Metaphern bei 
Discussionen über religiöse Dinge den üblichen Ausdrücken 
des Handwerks, dem jeder angehörte*. Wenn daher der Dichter 
von Balph sagt, er könne Mysterien ebenso leicht enträthseln 
als eine Nadel einfädeln, so sind wir zu dem Schluss berech- 
tigt, dass der Squire ein Schneider gewesen ist. 

Eine Eigenheit der Fanatiker war es, solche Fragen zu 
erörtern, deren wissen in keiner Hinsicht fruchtet. Aus den 
angeführten Beispielen sei nur eins herausgegriffen: 

„He knew the seat of Paradise, 
Could teil in what degree it lies." 

P. I, C. I, V. 173—4. 

Der Herausgeber macht dazu die fast unglaublich klingende 
Bemerkung, dass eine Sammlung der verschiedenen Ansichten 
über diese eine Frage einen ganzen Band anfallen würde; und 
der deutsche Uebersetzer** sagt in einer Anmerkung zu dieser 
Stelle, dass der Ritter Walther Raleigh die verschiedenen 
Meinungen von der Lage des Paradieses gesammelt und zu 
Anfang seiner Weltgeschichte erzählt habe. 

„Thüs Kalph became infallible, 
As three or fom- legg'd oracle, 
The ancient cup, or modern cbair." 

P. I, C. I, V. 525—7. 

* Vgl. anon. Ausg., P. I, C. I, V. 499-500 Anm. 
** Dtscb. Uebers., S. 15, Anm. 



Rud. Boxberger, Butlers Hndibras. .169 

Diese Verse geissein die grenzenlose Anmassung der Puri- 
taner^ die nur ihrer Gestalt nach dem Menschengeschlechter 
infolge des innern Lichts und der Gnadengaben oder der Provi- 
denz und der Präedestination und der daraus resultierenden Weis- 
heit einer Gattung höherer Wesen anzugehören vermeinten*. 
Demgemäss stattet Butler den Squire mit allen möglichen und 
unmöglichen Kenntnissen aus. Er ist ein grosser Philosoph: 

„Deep sighted in intelligences, 
Ideas, atoms, influences," 533 — 4, 

er ist im Besitz der Geheimnisse der terra incognita, versteht 
die Sprache der Vögel, 

„As well as they themselves do words,*' 

hat die Fähigkeit, die Zukunft zu prophezeien. 

Angenommen, alle diese besprochenen Eigenthümlichkeiten 
beider Secten seien aus wahrer religiöser Ueberzeugung ge- 
flossen, so lässt sich doch nicht leugnen, dass die Masse der 
puritanischen Lehre folgte theils aus Furcht vor den mächti- 
gen Zeloten, theils um imter dem Deckmantel der Frömmig- 
keit selbstsüchtige Zwecke zu verfolgen. Und in diesem Lichte 
betrachtet die grosse Mehrzahl der Schriftsteller jenes Zeit- 
alters den Puritanismus. In diesem Lichte betrachtet ihn auch 
der beste englische Sittenlustspieldichter Ben Jonson in seiner 
berühmtesten Komoedie „Der Alchimist", in welcher der niedrige 
Egoismus eines äusserlich bigotten puritanischen Priesters ge- 
bührendermassen gezüchtigt wird; diese Figur ähnelt überhaupt 
in mehr als einer Beziehung unserm Hudibras. 

Am besten ist es unstreitig Butler gelungen, die puri- 
tanische Heuchelei zu brandmarken, in der Scene nämlich, 
wo Hudibras sich einzureden sucht, dass sein puritanisches Ge- 
wissen ihm verbiete, der Witwe jenen Eid, der ihn zu einer 
Selbstgeisselung verpflichtet, zu halten: er raisonniert so: 

„Whether it be direct infringing 

An oatb, if I should wave this swinging, 



* Auf diese Ansicht ist die Erklämng ihres Namens zurückzufahren: 
„Thus these sectaries were called, on account of their pretending to a 
Buperior purity of whorship and discipline." Hume a. a. 0., Vol., V, S. 150. 



168 Bad. Boiberger, Butlers Hudibras. 

Wie man sieht, macht damit Butler den Independenten 
denselben Vorwurf der Unwissenheit wie den Pi'eabyterianem. 
Die Beschreibung Ralphs setzt er in folgenden Versen fort: 

„By meaue of this, with hem and cough, 
Prolongers to enlighten'd BtufT, 
Hs could deep mysteries uoriddle, 
Aa easily aa thread a ueedle", 

womit er auf die thorichte Gewohnheit jener Zeloten anspielt, 
die Mysterien des christlichen Glaubens in den Bereich ihrer 
Discuasion zu ziehen; und das thaten sie mit eben so wenig 
Scheu und Zurückhaltung, als wenn sie Ton Gegenständen des 
Gewerbes oder den trivialsten Angelegenheiten des Lebens sich 
unterhielten: demcemäss entlehnten sie ihre Metaohem bei 



Rud. Boxberger, Butlers Hudibras. .169 

Diese Verse geissein die grenzenlose Anmassung der Puri- 
taner, die nur ihrer Gestalt nach dem Menschengeschlechter 
infolge des innem Lichts und der Gnadengaben oder der Provi- 
denz und der Präedestination und der daraus resultierenden Weis- 
heit einer Gattung höherer Wesen anzugehören vermeinten*. 
Demgemäss stattet Butler den Squire mit allen möglichen und 
unmöglichen Kenntnissen aus. Er ist ein grosser Philosoph: 

„Deep sighted in intelligences, 
Ideas, atoms, influences," 533 — 4, 

er ist im Besitz der Geheimnisse der terra incognita, versteht 
die Sprache der Vögel, 

„As well as they themselves do words/' 

hat die Fähigkeit, die Zukunft zu prophezeien. 

Angenommen, alle diese besprochenen Eigenthumlichkeiten 
beider Secten seien aus wahrer religiöser Ueberzeugung ge- 
flossen, so lässt sich doch nicht leugnen, dass die Masse der 
puritanischen Lehre folgte theils aus Furcht vor den mächti- 
gen Zeloten, theils um unter dem Deckmantel der Frömmig- 
keit selbstsüchtige Zwecke zu verfolgen. Und in diesem Lichte 
betrachtet die grosse Mehrzahl der Schriftsteller jenes Zeit- 
alters den Puritanismus. In diesem Lichte betrachtet ihn auch 
der beste englische Sittenlustspieldichter Ben Jonsonin seiner 
berühmtesten Komoedie „Der Alchimist", in welcher der niedrige 
Egoismus eines äusserlich bigotten puritanischen Priesters ge- 
bührendermassen gezüchtigt wird; diese Figur ähnelt überhaupt 
in mehr als einer Beziehung unserm Hudibras. 

Am besten ist es unstreitig Butler gelungen, die puri- 
tanische Heuchelei zu brandmarken, in der Scene nämlich, 
wo Hudibras sich einzureden sucht, dass sein puritanisches Ge- 
wissen ihm verbiete, der Witwe jenen Eid, der ihn zu einer 
Selbstgeisselung verpflichtet, zu halten: er raisonniert so: 

„Whether it be direct infringing 

An oath, if I should wave this swinging, 



diese Ansicht ist die Erklärung ihres Namens zurückzuführen: 
iectaries were called, on account of their pretending to a 
of whorship and discipline." Hume a. a. 0., Vol., V, S. 160. 



166 Bad. Boxberger, Butlers Hadibras. 

Die Independenten unterschieden sich von den Presbyterianem 
im wesentlichen dadurch^ dass sie in ihren Ansichten über Politik 
und Religion noch radicaler als jene waren. Ihr Bepraesentant 
in unserem Gedicht ist; wie schon oft erwähnt^ Ralph. Butler 
charakterisiert ihn als Independenten kurz: 

,,His knowledge was not far behlnd 
The Enight's, bat of another kind, 
And he another way came by 't: 
Some call it gifts, and some new light.'^ 

P. I, C. I, V. 479—82. 

Während die Presbyterianer ihre religiösen Principien nach 
den schon besprochnen und vom Dichter so sehr verspotteten 
Synoden regelten, verabscheuten die Independenten alle von 
Menschen aufgestellten Satzungen; und Butler deutet diesen 
Grundsatz an in jenem prächtigen Dialog, der sich an Ralphs 
Behauptung; dass Synoden gleich Bärenhetzen seien, anschliesst. 
Ein strenger Independent Verliese sich vielmehr auf die Füh- 
rung seines innern Lichtes; jeder einzelne war somit in den 
Stand gesetzt, sich nicht bloss über alle möglichen Dinge seine 
eigne Meinung zu bilden, sondern sie auch mit schrankenloser 
Willkür durchzuführen; wie verderblich dieser Grundsatz in 
einer dominierenden Partei wirkte, dafür ist der Verlauf der 
Rebellion ein trauriger Beweis*. Noch deutlicher in dieser 
Hinsicht drückt sich uns6r Dichter in den folgenden Versen aus: 

y^Disdain the pedantry o' th' letter, 
And since obedience is better 
(The Scripture says) than sacrifice, 
Presume the less on 't will suffice; 



* Dass Cromwell selbst weit über derartige thörichte Principien er- 
haben war, oder sie wenigstens im Verlauf seiner dreizehnjährigen politi- 
schen Thätigkeit abgestreift hatte, unterliegt woF keinem Zweifel; solche 
Grundsätze hätten ihn bald von seiner Höhe stürzen müssen. Und wenn 
er manches that, das ihn in den Augen der Mit- und Nachwelt ver- 
dammungswflrdig erscheinen Hess, so lässt sich mit Recht der Einwand 
geltend machen, dass der Geist der Masse^ den er allerdings selbst herauf- 
beschworen hatte, ihm über den Kopf wuchs und zeitweilig nicht von 
ihm in die gehörigen Fesseln geschlagen werden konnte. Vgl. Macaulay 
a. a. 0., S. 130. 



Kud. Boxbergcr, Butlers Hndibras. 167 

And scom to have the moderafst stintn 

Prescrib'd their peremptory hints, 

Or any opinion, true or false, 

Declard as such, in Doctrinals; 

But leftr at large to make their best ou, 

Without b'ing called t'account or question". 

P. III, C. II, V. 609-18*. 

Die Hauptdoctrin der Independenten, die vom inuern Licht, 
nennt Butler: 

„A liberal art, that costs no pains 
Of study, industry, or brains"; .... 

und fahrt dann fort: 

t 
„For as of vagabonds we say 

That they are ne'er beside their way, 

Whate'er men speak by this new light, 

Still they are sure to be i' th' right: 

'T is a dark lautem of the Spirit, 

Which none see by but those that bear it; 

A light that falls down from on high, 

For spmtual trades to cozen by; 

An ignis fatuus, that bewitches, 

And leads men into pools or ditches, 

To make them dip themselves, and sound 

For Christendom in dirty pond; 

To dive like wild-fowl for salvation, 

And fish to catch regeneration. 

This light inspires and plays upon 

The nose of saint, like bagpipe drone, 

And speaks through hollow empty souU 

As through a trunk or whisp'ring hole, 

Such language as no moi-tal ear 

But Spiritual eaves-droppers cau hear: 

So Phoebua, or some friendly Muse 

Into small poets song infuse, 

Which they at second-hand rehoarse, 

Through reed or bagpipe, verse for verse". 

P. I, C. I, V. 483 — 624. 



* üeber die Unterschiede und Uebereinstimmungen des Presbyteria- 
nismus und der Independenz, auf die hier und da geeigneten Orts 
schon aufmerksam gemacht worden ist, verbreitet sich am ausführlichsten 
Hume a. a. 0, Vol. VII, S. 17—19. 



168 Bnd. Boxberger, Butlers Hudibras. 

Wie man sieht, macht damit Butler den Independenten 
denselben Vorwurf der Unwissenheit wie den Presbyterianem. 
Die Beschreibung Ralphs setzt er in folgenden Versen fort: 

,,By means of this, with hem and cough, 

Prolongers to enlighten'd stuff, 

He could deep mysteries unriddle, 

As easily as thread a needle", , 

womit er auf die thörichte Gewohnheit jener Zeloten anspielt, 
die Mysterien des christlichen Glaubens in den Bereich ihrer 
DisGussion zu ziehen; und das thaten sie mit eben so wenig 
Scheu und Zurückhaltung, als wenn sie von Gegenständen des 
Gewerbes oder den trivialsten Angelegenheiten des Lebens sich 
unterhielten; demgemäss entlehnten sie ihre Metaphern bei 
Discussionen über religiöse Dinge den üblichen Ausdrücken 
des Handwerks, dem jeder angehörte*. Wenn daher der Dichter 
von Ealph sagt, er könne Mysterien ebenso leicht enträthseln 
als eine Nadel einfädeln, so sind wir zu dem Schluss berech- 
tigt, dass der Squire ein Schneider gewesen ist. 

Eine Eigenheit der Fanatiker war es, solche Fragen zu 
erörtern, deren wissen in keiner Hinsicht fruchtet. Aus den ! 

angeführten Beispielen sei nur eins herausgegriffen: 

„He knew the seat of Paradise, 
Could teil in what degree it lies." 

P. I, C. I, V. 173—4. 

Der Herausgeber macht dazu die fast unglaublich klingende 
Bemerkung, dass eine Sammlung der verschiedenen Ansichten 
über diese eine Frage einen ganzen Band anfüllen würde; und 
der deutsche üebersetzer** sagt in einer Anmerkung zu dieser 
Stelle, dass der Ritter Walther Raleigh die verschiedenen 
Meinungen von der Lage des Paradieses gesammelt und zu 
Anfang seiner Weltgeschichte erzählt habe. 

„Tbus Ralph became infallible, 
As three or foui* legg'd oracle, 
The ancient cup, or modern chair." 

P. I, C. I, V. 525—7. 



* Vgl. anon. Ausg., P. I, C. I, V. 499-500 Anm. 
♦* Dtsch. Uebers., S. 15, Anm. 



Rud. Boxberger, Butlers Hudibras. .169 

Diese Verse geissein die grenzenlose Anmassung der Puri- 
taner, die nur ihrer Qestalt nach dem Menschengeschlechter 
infolge des innern Lichts und der Gnadengaben oder der Provi- 
denz und der Präedestination und der daraus resultierenden Weis- 
heit einer Gattung höherer Wesen anzugehören vermeinten*. 
Demgemäss stattet Butler den Squire mit allen möglichen und 
unmöglichen Kenntnissen aus. Er ist ein grosser Philosoph: 

„Deep sighted in intelligences, 
Ideas, atoms, influences," 533 — 4, 

er ist im Besitz der Geheimnisse der terra incognita, versteht 
die Sprache der Vögel, 

„As well as they themselves do words/* 

hat die Fähigkeit, die Zukunft zu prophezeien. 

Angenommen, alle diese besprochenen Eigenthümlichkeiten 
beider Secten seien aus wahrer religiöser Ueberzeugung ge- 
flossen, so lässt sich doch nicht leugnen, dass die Masse der 
puritanischen Lehre folgte theils aus Furcht vor den mächti- 
gen Zeloten, theils um unter dem Deckmantel der Frömmig- 
keit selbstsüchtige Zwecke zu verfolgen. Und in diesem Lichte 
betrachtet die grosse Mehrzahl der Schriftsteller jenes "Zeit- 
alters den Puritanismus. In diesem Lichte betrachtet ihn auch 
der beste englische Sittenlustspieldichter Ben Jons on in seiner 
berühmtesten Komoedie „Der Alchimist'^, in welcher der niedrige 
Egoismus eines äusserlich bigotten puritanischen Priesters ge- 
bührendermassen gezüchtigt wird; diese Figur ähnelt überhaupt 
in mehr als einer Beziehung unserm Hudibras. 

Am besten ist es unstreitig Butler gelungen, die puri- 
tanische Heuchelei zu brandmarken, in der Scene nämlich, 
wo Hudibras sich einzureden sucht, dass sein puritanisches Ge- 
wissen ihm verbiete, der Witwe jenen Eid, der ihn zu einer 
Selbstgeisselung verpflichtet, zu halten: er raisonniert so: 

„Whether it be direct infr inging 

An oath, if I should wave this swinging, 



* Auf diese Ansicht ist die Erklärung ihres Namens zurückzuführen: 
„Thus these sectaries wäre called, on account of their pretending to a 
superior purity of whorship and discipline." Hume a. a. 0., Vol., V, S. 160. 



170 Rud. Boxberger, Butlers Hudibras. 

And what I Ve sworn to bear forbear, 
And so b' equivocation swear; 
Or whetber 't be a lesser sin 
To be forsworn than act the thing, 
' Are deep and subtle points, which must, 
T'inform my Conscience, be disciist". 

P. II, C. II, V. 55—62. 

Wie unser Dichter gelegentlich die Puritaner in Hinsicht 
auf Fanatismus mit den Muhamedanern^ von einem andern 
Standpunct aus mit den Juden verglich, so weist er bei dieser 
Gelegenheit nach, dass ihnen auch das jesuitische Princip der 
^ reservatio mentalis (equivocation) eigen ist*. Da unser „Honou- 
rable Knight" grosses Vertrauen zur dialektischen Gewandtheit 
seines Squires hat, die ihm gewöhnlich über seine Scrupel hinweg 
hilft, so appelliert er auch in diesem kritischen Falle an Ralphs 
Einsicht; nach verschiedenen Argumenten kommt dieser zu 
dem einem puritanischen oder jesuitischen Gewissen alle Ehre 
machenden Schluss: 

„Saints, whom oaths and vows oblige,' 

Know little of their Privilege; 

Farther (I mean) than carrying on 

Seme self-advantage of their own, 

For if the devil, to servo bis tum, 

Can teil truth, wby the saints should scoru, 

When it serves theirs, to swear and lie, 

I think there 's little reason why: 

Else he 'as a greater power than they. . . 



* In Petyts Visiona of the Reformation heisst es: „You will find, 
that thongh they have two faces that look different ways, yet they have 
both the same lineaments, the same principles, and the same practices, 
and both impudently deny it, like the two men that stole the piece of 
flesh from the butcher in the fable : he that took it swore he had it not, 
and he that had it swore he did not take it. ^Who took it, or who has 
it (quoth the butcher), I know not, but by Jove, you are a couple of 
knaves.' As in their Pharisaical disposition they symbolize with the 
Jew, 80 in some of their positions they jump pat with the Jesuit: for 
though they are both in the extremes, and as contrary one to the other 
as the scales of a diameter, yet their opinions and practices are con- 
centrio to depress regal power; both of them would bind their kings in 
chains, and their nobles in links of iron." Anon. Ausg. P. III, C. I, 
V. 499—600 Anm. 



Rud. Boxberger, Butlers Hudibras. l7l 

We 're not commanded to forbear 
Indefinitely at all to swear; 
But to swear idly, and in vain, 
Without self-interest or gain". 

P. II, C. n, V. 119—32. 

Ralph beweist nun, dass die puritanischen Behörden ihnen 
in diesem Puncte leuchtende Vorbilder sind; denn sobald es 
das Wol der guten Sache (Cause) erfordert hätte, hätten sie 
unbedenklich ihre Eide gebrochen. Besonders ist es hier wieder 
Crom well, den Butler mit andern gleichzeitigen Dichtem als 
den Typus eines vollendeten Heuchlers hinstellt: 

„For breaking of an oath, and lying, 
Is but a kind of self-denying, 
A saint-like virtue; and from hence 
Some have broke oaths by Providence". 

P. II, C. II, V. 133—6. 

Hume*, dem die Historiker jener Periode vorlagen, der 
auch ihren Ansichten über die damalige politische Lage huldigt, 
erzählt von Crom well: „In proportion to the enormity of the 
violences and usurpations, were augmented the pretences of 
sanctity, among those regicides. ^Should any one have volun- 
tarily proposed', said Cromwell in the House, Ho bring the 
King to punishment, I should have regarded him as the greatest 
traitor; but, since providence and necessity have cast us upon 
it, I will pray to God for a blessing on your counsels; though 
I am not prepared to give you any advise on this important 
occasion. Even I^ myself, when I was lately offering up 
petitions for his majesty's restoration, feit my tongue cleave 
to the roof of my mouth, and considered this preternatural 
movement as the answer which heaven, having rejected the 
King, had sent to my supplications'.*'** 



* a. a. 0., Vol. VII,. S. 132. 

** Dieser puritaniscbe Jesuitismus findet sich gleichfalls in Butlers 
Gedicht „On a hypocritical Nonconfonnisf* (The Poetical Works ot 
Samuel Butler, compl. ed. [Manchester 1845]) gezüchtigt. Dort heisst es: 
„His slipp'ry conscience has more tricks 
Than all the juggling empirics, 
All evVy one another contradicts; 
All laws of heav'n and earth can break, 



172 ß-ud. Boxberger, Butiers Hudibras. 

Im Verlauf der sophistischen Beweisführung Ralphs kommt 
der Dichter auf einen andern presbyterianischen Kniff zu 
sprechen: 

„Did they not swear, at first, to fight, 

For the King's safety, and his right; 

And after march'd to find him out, 

And charg'd him home with horse and foot; 

But yet still had the confidence 

To swear it was in his defence." 

Der deutsche Uebersetzer* bemerkt zu einer Parallel- 
stelle im 2. Gesang: „dies war ein merkwürdiger Kunstgriff der 
Presbyterianer, welche in offnem Krieg wider den König, doch 
für ihn zu streiten vorgaben: Sie unterschieden nämlich zwischen 
der politischen und physischen Person des Königs. Jene, sagten 
sie, ist mit seinem Parlament stets verbunden und kann nicht 
davon getrennt werden; diese kam nicht in Betrachtung: Im 
Covenant verbanden sie sich ausdrücklich, die Gewalt des Königs 
zu beschützen; Essex, ihr erster General, erhielt seine Be- 
stallung im Namen des Königs und des Parlaments; und ebenso 
legt Hudibras am Ende seiner Rede den streitenden Parteien 
den Frieden an; alles nämlich im Namen des politischen Königs. 
Dieses dauerte, bis die Independenten anfiengen, den Meister 
zu spielen, welche die Monarchie in eine ganz freie Republik 
umschmelzen wollten. Der General Fairfax erhielt seine Be- 
stallung allein im Namen des ■ Parlamentes, und der Artikel, 
zur Sicherheit der Person des Königs, ward ausgelassen"**. 



And swallow oaths, and blood, and rapine casy, 

And yet is so infirm and weak, 

T will not endure the gentlest check, 

But at the slightest nicety grows queasy.** 
* Dtsch. Uebers., S. 77. 

** Der anonyme englische Herausgeber des Hudibras citiert eine 
Parallelstelle aus einer „Parable of the Lion and Fox**, die er Butler 
zuschreibt; doch findet sie sich nicht in seinen „Qenuine Bemains^ in 
der Compl. Ed. (Manchester 1845). Sie lautet: 

„You know when civil broils grew high. 

And men feil out, they knew not why, 

That I was one of those that went, 

To fight for King and Parliament. 



Knd. Boxberger, Butlers Hiidibras. 173 

Butler ist an unsrer Stelle unerschöpflich in der Schilderung 
der Heuchelei und der damit verbundenen masslosen üeberhebung 
der Puritaner. Ralph stellt die Behauptung auf: 

,,Suppose the Scriptures are of force, 

They 're but commissions of course; 

And Saints haye freedom to digress, 

And Vary from 'em, as they please; 

Or misinterpret them by private 

Instructions, to all aims they drive, at". 211 — 6. 

Er raisonniert dann weiter: Die Witwe, der Hudibras die 
Selbstgeisselung versprochen hat, gehört der feindlichen, der 
Royalistenpartei; an: 

„She 's of the wicked, as I guess 

B'her looks, her language, and her dress". 261 — 2. 

Gewissensscrupel wegen des Bruchs eines Eides, der einem 
gottlosen geleistet ist, sind daher noch viel weniger am Platze: 

„All of US hold this for true, 

No faith is to the Wicked due; 

For truth is precious and divine, 

Too rieh a pearl for camal swine". 255 — 8. 

Diesen säubern Grundsatz stützt Ralph durch folgendes 
Argument: 

,/T is the temptation of the devil, 
That makes all human actions evil: 
For Saints may do the same things by 
The Spirit, in sincerity, 
Which other men are tempted to, 
And at the deviVs iustance do; 
And yet the actions be contrary, 
Just as the Saints and Wicked vary. 
For, as on land there is no beast, 
But iu some fish at sea 's exprest, 



When that was over, I was one 
Fought for the Parliament alone: 
And though to boast it argues not, 
Pure merit mc a halbert got; 
And as 9ir Samuel can teil, 
1 uscd the weapon passing well". 

P. I, C. II, Anm. zu V. 613. 



174 Und. Boxberger, Butlers Hadibras. 

So in the Wicked there 's no vice, 

Of which the Saints have not a spiee; 

And yet that thing that 's pious in 

The one, in th' other is a sin. 

Is 't not ridiculous and nonsense, 

A Saint shoiild be a slave to Conscience? 

That ought to be above such fancies, 

As far as above Ordinances". 233 — 50. 

Es bedarf wol kaum der Versicherung, dass diese Selbst- 
überhebung den grössten Widerwillen bei der Mit- und Nach- 
welt hervorrief, wie er sowol aus allen gleichzeitigen und 
nachfolgenden Historikern, als auch ganz besonders aus der 
Litteratur jener Periode, die fast ausschliesslich, meist mit 
wenig Witz und viel behagen, sich gerade diesen StofiF er- 
wählte, hervorleuchtet. 

Hudibras seinerseits lässt sich gern von den Gründen seines 
Squires überzeugen und kommt zu der Einsicht, dass 

„He that imposes an Oath, makes it; 

Not he that for Convenience takes it: 

Then how can any man be said 

To break an Oath he never made?" 377 — 80. 

Gleichwol kommen dem Ritter neue Zweifel: die Dame 
konnte sich doch wol nicht durch jene Scheingründe über- 
zeugen lassen; und da einmal eine Geisselung vollzogen 
werden soll, so meint er, diese konnte auch an einem Stell- 
vertreter executiert werden: 

„There maj a medium be found out 

To clear to all the world the doubt; 

And that is, if a man may do 't, 

By proxy whipt, or Substitute." 399 — 402. 

Als dieses Auskunftsmittel Ralphs Beifall erlangt, be- 
fiehlt ihm Hudibras, in diesem Puncte sein Stellvertreter zu 
sein. Der drollige Verlauf der ganzen Scene ist schon mit- 
getheilt. 

Nächst Unwissenheit und Heuchelei ist es besonders die 
Habsucht, die Butler an dem Repraesentanten des Presbyteriani- 
smus geisselt. Es wäre ein eitles bemühen, diesen Zug 
des von unserem Dichter geschilderten puritanischen Charak- 



Rüd. Boxberger, Batlers Hudibraa. 175 

ters aus einzelnen Stellen seines Epos belegen zu wollen. Dieser 
geht vielmehr vom 3. Gesang bis zum Ende desselben durch 
die Darstellung hindurch und erregt unsere Lachlust zugleich 
mit unserm Abscheu in allen Scenen, die darauf berechnet sind, 
Hudibras als unternehmenden Liebhaber zu schildern, "der, 
gleich den mittelalterlichen Rittern, keine Anstrengungen 
scheut, die Dame seines Herzens zu erringen; freilich äussert 
sich seine Unternehmungslust nur in Feigheit und Heuchelei, 
und seine Liebe gilt nicht sowol der Dame als deren Vermö- 
gen. Um dasselbe zu erobern, setzt er, wie wir gesehen haben, 
alle Hebel der Heuchelei und Unverschämtheit in Bewegung; 
und dadurch, dass Butler alle möglichen andern Laster Hudibras' 
sich aus diesem einen, der Habsucht, entwickeln lässt und 
somit das Bibelwort, „der Geiz ist die Wurzel alles üebels" 
bewahrheitet, hat er sich hoch über die Menge jener zeitge- 
nössischen Poetaster, deren ganze Satire in einer Fluth von 
Schmähungen gegen die puritanische Doctrin bestand, erhoben. 
Mit dieser moralischen Tendenz stellt sich unser Dichter den 
grössten dichterischen Genien seines Jahrhunderts ebenbürtig 
zur Seite. Was Shakespeare in der Tragoedie, Ben Jonson in der 
Komoedie, das leistete Samuel Butler in der Satire. 

Sehr lehrreich in Bezug auf die Laster und Ränke der 
Presbyterianer ist im 7. Gesang jenes scharfe Examen, das 
der vermeintliche Teufel mit Hudibras im Hause der Witwe 
anstellt. Dort muss er seine schmählichen Absichten auf die 
Dame bekennen. Der Teufel fragt ihn: 

„What made thee venture to betray 
And filch the Lady's heart away, 
To spirit her to matrimony? — '* 

Der Ritter antwortet: 

„That which contracts all matches, money. 
It was th^ inchantment of her riches, 
That made m'apply t' your crony witches; 
That in return would pay th'expense, 
The wear and tear of conscience, 
Which I could have patch'd up and tum'd 
For th' hundredth part of what I earn'd.** 

F. III, C. I, V. 1175—84. 



176 Rud. Boxberger, Butlers Hudibras. 

Im Verfolge des Examens bekemit sich jener im Namen 
sämmtlicher Teufel als sein Schüler, worauf denn Hudibras 
Muth fasst und, sich mit seinen Kenntnissen brüstend, in seinen 
Geständnissen fortfährt. Die Fragen beziehen sich nun nicht 
mehr auf die Affaire mit der Witwe, sondern werden allge- 
meiner. Sie laufen sammt und sonders darauf hinaus, die 
Gemeinheit puritanischer Denkweise in religiöser und politischer 
Beziehung recht anschaulich zu machen. 

So ist die Tendenz des Epos Hudibras, ein Bild von dem 
ganzen denken und handeln der Puritaner, sowol der Presbjterianer 
als Independenten, zu entwerfen; und dass diese beiden Secten 
schlecht genug dabei weggekommen sind, haben wir zur Ge- 
nüge gesehen. Von den gleichzeitigen Schriftstellern, sowol 
Geschichtsschreibern als Dichtem, war wol keiner, der die 
Lage der Dinge mit unparteiischem Äuge betrachtet hätte; 
selbst Hume, der doch schon um einen beträchtlichen Zeitraum 
später schrieb, bewahrte sich nicht, soweit es die besprochne 
Periode angeht, den vorurtheilsfreien historischen Blick. Doch 
je weiter man sich von dieser Aera entfernte, um so mehr 
klärten sich die Ansichten über dieselbe. Spätere Generationen 
genossen ihre segensreichen Früchte, wie sich die Zeitgenossen 
an ihren Stacheln verwundet hatten! Di« modernen Historiker 
haben begriffen, dass dieser Zeit, so reich an grossen Männern 
und grossen Ereignissen, und den patriotischen Bemühungen 
der damaligen Engländer, die mit wolgemeintem Eifer nach 
Kräften den königlichen ' Beeinträchtigungen ihrer alten Frei- 
heiten Widerstand leisteten, die jetzt lebenden diese wol- 
geregelte Monarchie, die den Stolz des heutigen Briten bildet, 
verdanken. 

Wie sehr die Ansichten über diese Periode der englische^ 
Geschichte von einander abweichen, beweist, dass das, was 
Butler als Heuchelei hinstellt, Macaulay z. B. ein wahres, 
religiöses Gefühl, das naturgemäss bei einzelnen Menschen in 
Heuchelei ausartet, nennt; dass ferner, während unser Satiriker 
Oliver Cromwell als den grössten Heuchler hinstellt, Macaulay 
ihn als einen klugen und gemässigten Mann aufgefasst wissen 
will, der, geeignet wie keiner, in jener schwierigen Zeit an 
der Spitze der Verwaltung zu stehen, und weit entfernt, eine 



Rad. Boxberger, Butlers Hudibraa. 177 

Macht zu missbrauchen^ die ihm nicht von Gebart, sondern 
durch seine von ihm selbst ins dasein gerufene Armee ver- 
liehen war, durch die Macht der Verhältnisse, die ihm über 
den Kopf wuchsen, nicht durch seine eigne freie Entschliessung, 
zur nothwendigen Begehung jenes Verbrechens getrieben wurde, 
über das sich das ganze damalige Europa entsetzte^. 

Wie dem Haupte, so hat man in unserm Jahrhundert auch 
den einzelnen Individuen des Puritanerthums, ich will nicht 
sagen Gerechtigkeit, aber doch die richtige Auffassung ihres 
Glaubenseifers und eine vorurtheilsfreie Zurückführung auf 
seine Quellen zu Theil werden lassen. B. T. M. Sträter** sagt 
bei Gelegenheit der Erwähnung der Briefe, die Oliver während 
seines Aufenthalts in St. Ives an seine Londoner Freunde 
schrieb***: „Namentlich geht aus diesen Briefen eins hervor, 
dass nämlich die seltsamen Manieren jener Puritaner in Bezug 
auf religiöse Dinge nicht ganz so unsinnig oder heuchlerisch 
waren, als es in manchen Darstellungen jener Zeit noch aussieht, 
dass es sich vielmehr um etwas sehr ernstes und tragisches 
und tief erschütterndes für alle handelte, die sich erfasst 
fühlten in tiefster Seele von dem Gericht, das durch die Welt 
hinzog, dass wieder einmal Ernst gemacht wurde mit dem Ge- 
setze des Geistes, wie es in den heiligen Büchern enthalten, 
dass eine Weltordnung praktisch gültig werden sollte, die seit 
Jahrtausenden den ernstesten Männern als Ideal vorschwebte, 
dass nicht die Lüge der Welt, sondern die Wahrheit Gottes, 
nicht die Frivolität der Zeit, sondern die männliche Tugend 
eines Willens, der sterben könne für seine Zwecke, herrschend 
werden sollte, — das sind so einige von den bestimmenden 
Motiven, die uns aus Olivers Briefen überraschend entgegen- 
leuchten." 

Sogar von dem langen Parlament, gegen das so viele 
Pfeile des Spottes und der Satire gerichtet waren, unter dessen 
Auspicien in der That alle jene Ungeheuerlichkeiten vor sich 
giengen, hat man eine bessere Ansicht gewonnen: „It was, in 

* Macaulay a. a. 0., S. 122—37. 
** Oliver Cromwell (Leipzig 1871), S. 36. 

*** Oliver Cromweirs Leiters and Speeches. With Elucidationa by 
Thom. Carlyle, 4 Vis. (London 1866 ff.). 

ABCHZT f. LITT.-GXSCH. VI. 12 



178 Bad. Bozberger, Butlers Hudibraa. 

spite of many errors and disasters, justly entiÜed to the 
reverence and gratitude of all who, in any part of the world, 
enjoy the blessings of constitutional govemmenf * Durch 
solche und ähnliche Raisonnements kommt Macaulay zu dem 
Schluss**: yjt would not be difficult to compose a lampoon 
or a panegyric on either of these renowned factions. For no 
man not utterly destitute of judgement and candour will deny 
that there are many deep stains on the fame of the party to 
which he belongs^ or that the party to which he is opposed 
may justly boast of many illustrious names, of many heroic 
actions, and of many great Services rendered to the State. 
The truth is that^ though both parties haye often seriously 
erred, England could have spared neither. If, in her institutions, 
freedom and order, the advantages arising from innovation 
and the advantages arising from prescription^ have been combined 
to an extent elsewhere unknown, we may attribute this happy 
peculiarity to the strenuous conflicts and altemate victories 
of two rival confederacies of statesmen, a confederacy zealous 
for liberty and progress/' 



* Macaulay a. a. 0.^ S. 95. 

* Ebd., S. 98. 99. 



Nachträge zu Hirzels „Neuestem Verzeichniss einer 
Goethe-BibUothek (1767 - 1874)". 

Von 
Woldemar Freiherm von Biedermann. * 

Wer öffentlich über das „Neueste Verzeichniss einer 
Goethe-Bibliothek^^ schreiben will, muss sich wol zunächst 
die Frage vorlegen: ist das erlaubt? Dieses Werk ist trotz 
seiner Bedeutung {är die Litteraturgeschichte denn doch nur 
ein gedrucktes Manuscript, zur Yertheilung an Freunde be- 
stimmt; und es gilt als Vorzug es vom Herrn Verfasser ge- 
schenkt zu erhalten, sodass es wie eine unschickliche Ver- 
letzung gebotner Verschwiegenheit aussehen konnte, wenn 
man damit auf den Markt tritt. Indessen hat der Herr Ver- 
fasser selbst anerkannt, dass es mit seiner Tarnkappe nichts 
ist. Macht er sich doch in seinem Vorwort, wenn auch mit 
einigermassen elegischer Resignation, darauf gefasst, dass 
manchmal ein Litterator bei Anf&hrung einer Schrift mit dem 
Zusatz grossthun werde: „Fehlt bei Hirzel." Und in der That 
lässt sich über das dasein dieses Verzeichnisses gar nicht mit 
augenzudrücken vorübergehn: es ist eben die Grundlage der 
Goethelitteratur geworden und geblieben. Man kann keinen 
Schritt in dieser thun, keine Hand zum Weiterbau derselben 
aufheben, ohne es als Codex zu Rathe zu ziehn. Man hat 
mit der Thatsache zu rechnen, dass dieses Verzeichniss jedem 
bekannt ist, der sich litterarisch gründlich mit Goethe be- 
schäftigt, und man kann deshalb die formelle Frage auf sich 
beruhen lassen, wie er in Besitz desselben gelangte und ob 
er ein gedrucktes Exemplar oder nur eine Abschrift zur Ver- 
fügung hat, wie dies ja vorkommt. Wenn daher in dieser 

12* 



180 V. Biedermann, zn Hirzels Goethe-Bibliothek. 

Zeitschrift ein Aufsatz an dasselbe anknüpft , so behandelt 
man nicht lediglich eine res domestica Hirzeliana. 

Das Verzeichniss unterscheidet sich von ähnlichen littera- 
rischen Hilfsmitteln hauptsächlich durch zweierlei: einmal 
dadurch^ dass es eben nur das Verzeichniss einer wirklichen 
Goethe-Bibliothek ist, und dann dadurch, dass es lediglich solche 
Schriften aufführt, in denen etwas von Goethe selbst ge- 
schriebenes gedruckt sich findet 

Jene erste Beschränkung gewährt auf der einen Seite den 
Vorzug der schlechthin zuverlässigen Gewissheit, dass der 
aufgeführte Druck vorhanden ist, aber auf der andern Seite 
ist auch davon ausgeschlossen, was der Zufall nicht in die 
Bibliothek kommen liess, obschon allerdings der Zufall -hier 
selten zur Geltung gekommen ist. Es hat sich aber daraus 
noch eine andre Folge ergeben. Jeder Sammler freut sich 
der Seltenheiten, und so hat auch die berühmte Goethe-Biblio- 
thek Separatabdrücke, die nur in geringer Zahl, wol gar 
nur in Einern Exemplar ausdrücklich für diese Bibliothek ab- 
gezogen worden sind. Der Litterator glaubt nun leicht, auf 
Benutzung solcher Schriften verzichten zu müssen, während 
es im Grunde nur darauf ankäme, an Stelle der Seltenheiten 
diejenige allgemein zugängliche Schrift zu setzen, welcher der 
besondere Abzug entstammt. Vervollständigen wir nun das 
Verzeichniss in dieser Richtung, so machen wir es manchem 
femer stehendem, der die den Uebelstand ausgleichende rühm- 
liche Gefälligkeit des Bibliotheksbesitzers in Anspruch zu neh- 
men sich nicht getraut, nutzbarer, obschon mit solchen Nach- 
trägen der Inhalt nicht bereichert wird. Dies geschieht femer 
nicht, wenn Schriften, die unter verschiednen Titeln erschie- 
nen sind, nach dem von Hirzel nicht angeführten nochmals 
aufgenommen werden; zum Theil sind solche doppelte Titel 
bereits im Verzeichniss angegeben, -zum Theil sind sie jedoch 
ausgelassen und somit nachholbar. 

Die Beschränkung des Verzeichnisses auf Drucke von 
Schriftstücken, die Goethe selbst verfasste, der Ausschluss alles 
dessen, was über ihn und seine Schriften von andern ge- 
schrieben worden ist, sowie dessen, wozu seine Schriften nur 
den Anlass gegeben haben, diese keusche Beschränkung also 



▼. BiedermaDD, zu Hirzels Ooethe-Bibliothek. 181 

auf das wesentlichste der Goethe-Forschung ist nicht minder 
ein Umstand, welcher dem Yerzeichniss seinen kanonischen 
Werth verleiht. Es ist damit auf einen klaren Zweck hin- 
gearbeitet, der kein anderer sein kann, als eine beziehungs- 
weise Yollständige Uebersicht aller authentischen Drucke 
Goethischer Erzeugnisse, ingleichen den Stoff zu Herstellung 
des wirklichen Textes derselben zu liefern. 

Zu Berichtigung des Textes der ersten Drucke wird aber 
jeder spätere Druck dienen, der irgendwie wieder durch die 
Hände des Verfassers gegangen oder aber ein abermaliger 
Abdruck aus einer Handschrift ist. 

Das „Neueste Verzeichnisse' enthält einige Drucke, die 
nach diesem Grundsatz wol hätten wegbleiben können, weil 
sie nur Abdrucke nach Drucken sind, wie z. B. 1773 der 
schweizerische Nachdruck des „Briefs des Pastors zu ****' etc., 
1775 „Rheinischer Most'', 1775—1779 „Goethens Schriften etc. 
Bei Ch. F. Himburg^', 1777 „Des Herrn Jacobi Allerley", 1778 
„Ausbund flüchtiger Poesien" und der Nachdruck der „Leiden 
des Jungen Werthers", 1779 „Auswahl der besten zerstreuten 
Aufsätze" u. a. insbesondere aus späterer Zeit, wie 1826 die 
in „Goethes Philosophie etc. von F. K. J. Schütz" aufgenom-' 
menen Schriften. Allerdings kann zu Rechtfertigung der Auf- 
nahme aller Drucke bis zu Goethes Tod geltend gemacht 
werden, dass die Möglichkeit eines Einflusses derselben auf 
Goethes eigne spätere Ausgaben nicht ausgeschlossen sei, wie 
es ja Bemays bezüglich der Abhängigkeit der späteren „Leiden 
des jungen Werthers" von Himburgs Nachdruck dargethan 
hat; allein zu diesem Zweck hätte dann auch eine noch gros- 
sere Zahl von Drucken nicht nur einzelner Dichtungen, son- 
dern auch von Sammlungen in dem Verzeichniss Platz finden 
müssen. Ich erinnere nur an 

J. W» Göthens Schriften. Erster [Zweiter — Dritter] 
Band. Mit allerhöchst gnädigst Eayserl. Priyilegio. Garls- 
ruhe, bey Christian Gottlieb Schmieder. 1778. [79. 80. und 
81. Theil der „Sammlung der besten deutschen prosaischen 
Schriftsteller und Dichter"]; 

ferner an 



182 ▼• Biedermann, zn Hirzels Goethe-Bibliothek. 

J. W. Goethens Schriften. Erster [Zweiter — Dritter] Band. 
Zweite Auflage. Frankfurt und Leipzig. 1778, 
von welcher Ausgabe ich die erste Auflage nicht gesehen habe. 
Ausserdem können allerdings auch Nachdrucke durch den 
Ort, an welchem sie besorgt wurden, die Gewähr grosserer 
Richtigkeit bieten, wie z. B. die ,, Sammlung zur Kenntniss 
der Gebirge von und. um Karlsbad'^ hinsichtlich der Recht- 
schreibung der geographischen Namen zuverlässiger sich 
findet im 

Taschenbuch fttr Carlsbads Gurgäste wie auch für Liebhaber 
von dessen Naturschönheiten. Eine vollständige Beschrei- 
bung alles desjenigen, was Curbrauchende sowohl als wiss- 
begierige Reisende von diesem Heilorte und seinen Um- 
gebungen in topographischer, pittoresker, naturhistorischer, 
geschichtlicher und medicinischer Hinsicht zu wissen wün- 
schen. Von Dr. Franz Sartori. Mit einer colorirten Ansicht, 
Vignette und Grundriss. Wien, Prag und Garlsbad, in der 
Carl Haas'schen Buchhandlung. 1817. 

Doch es ist gar nicht meine Absicht in dieser letzt- 
gedachten Richtung das „Verz. einer Goethe-Bibliothek" zu er- 
^ weitern, sondern nur ausser wirklich übergangenen ersten 
Drucken ausschliesslich solche nachzubringen, welche die Be- 
deutung von Originaldrucken haben, oder noch einen andern 
Titel führen, als den dort genannten. Nachträge dieser beiden 
Arten werden schon eine beträchtliche Zahl ausmachen, sodass 
sich getäuscht findet, wer aus der Menge der meinigen auf 
die Menge von Neuheiten schliessen wollte. Sie sind fast nur 
von bibliographischem, nicht sehr von litterarischem Werth. 

Uebergehen werde ich zu Vermeidung von Wieder- 
holungen diejenigen Beiträge, welche von Loeper üi diesem 
Archiv V, 93 S, zu den Jahren 1776, 1782, 1802, 1812, 1818, 
1828 (2), 1825 und 1830 des Verzeichnisses gegeben hat. 
Der genannte gründliche Kenner der Goethe-Litteratur, auch 
glücklicher Sammler, will jedesfalls noch weitere Nachträge 
bringen, da er jene ersten mit I. überschrieben hat; nachdem 
jedoch die H. bis heute auf sich hat warten lassen, halte ich 
mit meinen Nachträgen nicht langer zurück. 

Von den ersten Drucken Goethischer Gedichte wissen wir 



V. Biedermann, zn Hirzels Goethe-Bibliothek. 183 

nur zu sagen^ dass sie dagewesen sind, aber vielleicht hat sie 
kein jetzt lebender gesehen, niemand hat sie beschrieben, und 
so können wir nur Andeutungen über sie geben. Es sind dies 
namentlich die Drucke des Leichencarmens und des Hochzeit- 
gedichts von 1764, deren Erlös Goethe, wie er im V. Buch 
von „Dichtung und Wahrheit" erzählt, mit einer lustigen Ge- 
sellschaft verjubelte; sodann der Druck der „Höllenfahrt Christi" 
in der Frankfurter Zeitschrift „Der Sichtbare" von 1766, den 
Eckermann am 16. Februar 1826 bei Goethe gesehen zu haben 
versichert; ferner die Gedichte an Caroline Schulze und an 
Corona Schröter ton 1767, die Goethe, wie aus seiner Skizze 
„Leipziger Theater'^ hervorgeht, damals drucken liess; endlich 
der in Goethes Brief an Eäthchen Sehönkopf vom 30. December 
1768 erwähnte gleichzeitige Druck des „Neujahrsliedes". 
Festen Boden gewinnen wir erst 

1768, 
in welches Jahr wol zwei Radierungen Goethes nach Land- 
schaften von Alexander Thiele mit französischen Widmungen 
fallen, einer an seinen Vater und einer an Assessor Hermann. 

1775. 
Epigramme und Gedichte an Schauspieler. Leipzig, 1775. 
Gleditsch. [Der TiteJ ist nur nach Mittheilung gegeben; die 
Sammlung enthält ein achtzeiliges Gedicht an die Schau- 
spielerin Schulze, das nach Dr. Uhdes treffender Vermuthung 
ein Wiederabdruck des eben gedachten Gedichts von 1767 ist.] 

Hiemächst ist zu 

1776 

zu erwähnen, dass der „Musenalmanach für das Jahr 1776" 

auch unter dem Titel ausgegeben wurde: 

Poetische Blumenlese für das Jahr 1776. Von den Ver- 
fassern der bisherigen Göttinger Blumenlese, nebst einem 
Anhange, die Freymaurerey betreffend; herausgegeben von 
J. H. Voss. Lauenburg, gedruckt bey Johann Georg Beren- 

berg. 

1777. 

Das in Goethes Tagebuch unterm 22. und 23. October 

1777 erwähnte, auf Band gedruckte Gedicht an die Herzogin 

Amalia zum 24. October ist bis jetzt als verloren anzusehen, 



184 ▼• Biedennann, sa Hiraels Goethe-Bibliothek. 

and kanu daher etwas weiteres darüber nicht angegeben 
werden. 

Hieran reihen sich die Drucke zu Ausführungen am Wei- 
marer Hof, wovon Burkhardt in Nr. 27 der „Grenzboten" 
(1873; n.) Eenntniss gegeben hat; da ich sie nicht gesehen, 
kann ich sie nur, wie sie dort stehen, mit vielleicht nicht ganz 
genauer Angabe des Titels anfuhren: 

Gesänge zu dem Feenspiele Lila. [Gedruckt bei Glüsing; 13 

Seiten.] 

Dasselbe. [12 Seiten,- mit Abweichungen vom ersten Druck.] 

1778. 
Proserpina. [Gedruckt bei Glüsing; 1 Bogen 8.] 

1780. 

Gesänge zu Jery und Bätely. [Gedruckt bei Glüsing; 

2 Bogen 8.] 

1781. 

Aufzug des Winters. 

Dasselbe. [Verändert] 

1782. 

„Amor der den schönsten Segen" etc. [Schlussgedicht 
von „Der Geist der Jugend", gedruckt in Octav, Folio und 
auf Bändern.] 

Aufzug der vier Weltalter. [Gedruckt bei Glüsing; nach 

V. Loeper in der Hempelschen Goethe- Ausgabe IX, 291 in 

Folio.] 

1783. 

Das Horoskop der Elementargeister. [Besonderer Druck 
aus dem Festspiel „Das Opfer im Hain der Geister" in 
Dornbergers „Sammlung von Beden" etc. — vielleicht von 
Goethe.] 

Hiermit schliessen Burkhardts Mittheilungen. Goethes 
Gedicht im nächsten Stück hat Freiherr von Maltzahn er- 
mittelt und wieder abdrucken lassen in „Goethe an Lavater 
1775. Zur Feier des 28. August 1875. Weimar. Wendelin 

von Maltzahn:" 

1785. 

Erzählung von einer gesellschaftlichen Reise durch 

einen Theil der Schweiz und des obern Italiens nebst Aus- 



Y. Biedermaim, zu Hirzels Goethe-Bibliothek. 185 

Zügen aus Briefen über einige Gemälde herausgegeben von 
Samuel Gottlieb Bürde. — Quand on yoit le style naturel, 
on est tout etonne et ravi; car on s'attendait de yoir un 
auteur et on trouye un homme. Pensees de Pascal, l^eslau^ 
bey Gottlieb Löwe. 1785^ [S. 74. Gedicht an Lavater.J 

1786 
stand der im V. e. G.-B. S. 28 im ,, Journal von und für 
Deutschland'^^ sowie im ^^Deutschen Museum^' nachgewiesene 
Brief auch im 

Teutschen Merkur vom Jahre 1786. r— Anzeiger des Teut- 
schen Merkur August 1786. [S. CXVL] 

1791. 
Bergmännisches Journal. Vierter Jahrgang. Erster Band. 
Herausgegeben von A. W. Köhler. Freiberg und Annaberg 
1791. [8. 384-400 u. 483—502 sind die vierte und fünfte 
Nachricht von dem Fortgang des Ilmenauer Bergbaues wie- 
der abgedruckt.] 

Ueber Goethes Verfasserschaft hierbei s. „Goethes 
Werke etc. Berlin, Gustav Hempel". Th. XXVII. Abth. 2. S. 7 f. 
Dass Goethe aber auch bei diesem Wiederabdruck noch beson- 
ders mitgewirkt habe, scheiut daraus hervorzugehen, dass dabei 
ausser den Titulaturen des Herzogs von Weimar auch eine 
Stelle weggelassen ist, von welcher zu vermuthen war, dass 
sie das Oberbergamt zu Freiberg verletzen konnte. 

Jahrbücher des Brockens von 1753 bis 1790 oder 
Namenkunde aller Personen, welche in diesem Zeiträume 
sich in die Originalstammbücher dieses berühmten Berges 
eingezeichnet haben nebst ihren hinzugefügten Beischriften, 
physikalischen Beobachtungen und Nachrichten, Gedichten 
und theils witzigen imd launigen theils possier- und schnacki- 
schen Einfällen. Magdeburg 1791 bei Johann Adam Creutz. 
— Zweiter Theil. [S. 57. Goethes Eintrag.] 

1792. 
Zerstreute Blätter von J. G. Herder. Vierte Samm- 
lung. Gotha 1792 bey Carl Wilhelm Ettinger. [S.264. Das 
Gedicht „Sakontala'^ mit abweichender Lesart.] 



186 V, Biedennann, zu Hirzels Goethe-Bibliotfaek. 

1795. 
Nach „Briefwechsel zwischen Rahel und D. Veit'^ 1861, 
II, 143 findet sich der erste Druck des Liedes „Ich denke dein, 
wenn mir der Sonne Schimmer^ etc. eingelegt im 
Arienbuch zur Oper Claudine von Yillabella. 

Das V. e. G.-B. führt auch Schriften anderer Verfasser 
auf, sobald nur Goethes Mitwirkung dabei, wenn auch nur 
im allgemeinen, bekannt ist, so 1788 die Schrift von Moriz. 
Mit gleicher Berechtigung wird nachzutragen sein 

1798. 
Elegieen von Properz. — Ardua res est, vetustis novi- 
tatem dare. Plin. bist. nat. — Leipzig bey Georg Joachim 
Göschen. 1798, 

worüber zu vergleichen Knebels Brief, der dem Februar 1792 
zugewiesen ist, ingleichen Schillers Brief an A. W. Schlegel 
vom 10. December 1795. 

1799. 
Allgemeine Zeitung. Nr. 275. Mittwoch 2. October 1799. 
[S. 3012. Die auch im Intelligenzbl. d. AUg. Lit. Zeitung 
Nr. 123 stehende Anzeige.] 

Den ersten Druck der „Metamorphose der Pflanzen" hat 

Archiv für die Botanik. Herausgegeben von D. Johann 

Jacob Römer. Zweiten Bandes erstes Stück. Mit drey 

Kupfertafeln. Leipzig in der Schäferschen Buchhandlung 

1799. [S. 34.] 

1802. 

Allgemeine Zeitung. Nr. 283. Sonntag 10. October 1802. 
[Enthält eine Anzeige Goethes das Vorspiel „Was wir brin- 
gen" betr., worüber zu vergleichen „Briefwechsel zwischen 
Schiller und Gotta hggb. von W. Vollmer" S. 470.] 

Johann Kaspar Lavater's Lebensbeschreibung von seinem 
Tochtermann Georg Gessner. Zweyter Band. Winterthur 
in der Steinerischen Buchhandlung. 1802. [S. 135. Dictat 
Goethes zu einem Briefe Lavaters an seine Frau.] 

1805. 
Der im L Bande der Jenaischen Allgemeinen Literatur- 
zeitung abgedruckte Aufsatz „üeber Majolicagefasse" ist auf 



y. Biedermann, zu Hirzels Goeihe-Bibliotbek. 187 

Foliobogen abgezogen und mit coloriertem Kupfer ausgestattet 
worden. 

Intelligenzblatt der Jenaischen Allgemeinen Literaturzeit]ing. 
. Numero 60. Den 3. Junius 1805. [Sp. 513. Ankündigung 
von „Rameaus Nefifen^; yergl. Goethes Brief an Eichstädt 
vom 21. Mai 1805.] 

Ebenda. Numero 95. Den 26. August 1805. [Sp. 806. 
Ankündigung von Goethes Werken; vergl. Goethes Brief 
an Eichstädt vom 12. August 1805.] 

1806. 

Jenaische Allgemeine Literaturzeitung. Num. 25. Den 
29. Januar 1806. [Sp. 197 fg. Recension der „Kritischen 
Uebersicht der Linearperspective etc. von T. Gruber"; vergl. 
Goethes Brief an Eichstädt vom 24. Januar 1806.] 

Intelligenzblatt der Jenaischen Literaturzeitung. Numero 
97. Den 22. October 1806. [Sp. 997. Anmerkung zu Cottas 
Beobachtungen über den Saft in den Gewächsen; vergl. 
„Goethes Briefe an Eichstädt« S. XIX.] 

Der erste Druck der „ Schneidercourage« findet sich 

1810. 
Vaterländische Blätter. Herausgegeben von Heinrich 
von Kleist. Den 6. und 6. November 1810, 
die ich jedoch nicht selber sah. 

1812. 

Das Blumenchor. Zum 30. Januar 1812. [Foliostreifen; 

vergl. ^Goethes Werke. Berlin, Gustav Hempel". Bd. V. 

S. 261.] 

1815. 

Journal für Literatur, Kunst und Mode. Herausgegeben 
von Carl Bertuch. Dreissigster Band. Jahrgang 1815. Mit 
ausgemalten und schwarzen Kupfertafeln. Weimar im Ver- 
lage des H. S. privil. Landes- Industrie -Gomptoirs. 1815. 
[April. S. 221 ff. ^Aufführung des Trauerspiels Zenobia 
nach Galderon, und des Melodrama Proserpina, neu moti- 
virt von Goethe"; darin die nachher im „Morgenblatt" 1815, 
Nr. 136, wieder abgedruckte Stelle über Proserpina; vergl. 
Goetkes Brief an Graf Brühl vom 1. Mai 1815.] 



188 V. Biedennann, zu Hineis Goethe-Bibliothek. 

Morgenblatt für gebildete Stände. Nr. 115. Montag, 
15. Mai 1815. [S. 457. Stelle aus der Bühnenbearbeitung 
des „Götz von Berlichingen*^] 

1816- 
Neues Journal für Chemie und Physik. Herausgegeben 
von Dr. J. S. C. Schweigger. Band XVI. Heft 2. 1816. [S. 
157. Goethes Nachwort zu dem Aufsatz von Schultz über 
Physiologe Gesichts- und Farbenerscheinungen.] 

1817. 
Jenaische privilegirte Anzeigen. 14. Juni 1817. [Be- 
kanntmachungy die Thierarzneischule betr.; s. ,, Goethe in 
amtlichen Verhältnissen etc., von etc. Vogel". S. 31.] 

1818. 
Morgenblatt für gebildete Stände. Nr. 308. Freitag, 
25. December 1818. [Maskenzug in Weimar im December 
1818; Einleitung z. Th. anders als im Einzeldruck.] 

1820. 
Morgenblatt für gebildete Stände. Nr. 262. Mittwoch, 
1. November 1820. [Zahme Xenien „Aus dem zunächst aus- 
zugebenden Heft über Kunst und Alterthum von Goethe".] 

1821. 
Morgenblatt für gebildete Stände. Nr. 265. Montag, 
5. November 1821. [S 1060. „Beim alten Herrn v. Wan- 
zenau" etc. aus der Bahnenbearbeitung des „Götz", unab- 
hängig von dem Druck von 1805.] 

Nur nach der Hempelschen Ausgabe von Goethes Werken 
(XI. Th. 1. Abth. S. 253) führe ich an 

Berlinische Neue Monatsschrift. Herausgegeben von Fr. 
Förster. [Erster Druck des „Prologs zu Eröffnung des 

Berliner Theaters".] 

1824. 

Gespräche mit Lprd Byron. Ein Tagebuch geführt 
während eines Aufenthalts zu Pisa in den Jahren 1821 und 
1822, von Thomas Medwin Esq. vom 24. leichten Drag. 
Reg. Verfasser des „Ahasverus'^ Aus dem Englischen. 
Stuttgart und Tübingen in der J. G. Cotta'schen Buchhand- 
lung. 1824. [S. 333—339. „Goethe über Byron"; erschien 



Y. Biedermann, zu Hirzels Goethe-Bibliotliek. 189 

ziemlich gleichzeitig mit dem englischen Journal of Conver- 

sations of Lord Byron.] 

1825. 

Am siebenten November. [Sedezblatt^ Goethes Bildniss 

nach Rauchs Büste, gest. von Schwerdgeburth, darunter 

y,Meinen feierlich Bewegten^^ etc. unterzeichnet: 1825 Goethe.] 

1826. 

Goethes BildnisS; gemalt von Sebbers, gestochen von 
G. Wolf^ mit Goethes Facsimile: ^^Gruss und Heil! Goethe 
Weim. 28. Aug. 1826". 

Nr. 25. Intelligenz-Blatt. 1826. [Beilage zum „Morgen- 
blatt''; enthält die Anzeige von Goethes sämmtlichen^erken.] 

1828. 
Nach von Loepers Mittheilung im III. Theil der Hempel- 
schen Ausgabe von Goethes Werken, S. 307, findet sich der 
Beim „Was will von Quedlinburg heraus*' etc. schon 1828 in 
der Foreign Review — wol entnommen der mündlichen Mit- 
theilung in der 

Zeitung für die elegante Welt. 26. Dienstags' den 5. Februar 
1828. [Sp. 206.] 

Ebenda. 183. Donnerstags den 18. September 1828. [Sp. 
1460. Stelle aus Goethes Brief an v. Müller vom 28. (27?) 
August 1828.] 

Pius Alexander Wolffs letzte Lebenstage und feierliche 

Bestattung. Von P. Eckermann. [Separatabdruck aus der 

„Zeitung für die elegante Welt". — Die vorgedachte Briefstelle.] 

Abend-Zeitung. 258. Montag, am 27. October 1828. 

Dresden und Leipzig, in der Amoldischen Buchhandlung. 

Verantwortlicher Redacteur: C. G. Th. Winkler (Th. Hell). 

[S. 1032. Goethes Eintrag in Anthings Stammbuch. 1789.] 

Ohne den Druck selbst gesehen zu haben, erwähne ich 

Allgemeine Theaterzeitung. Herausgegeben von Ad. 

Bäuerle. Nr. 31, den 11. März 1828'. [Prolog zu „Hans 

Sachs" von Deinhardstein.] 

und 

L'Eco di Milano, giomale di scienze, lettere, arti, com- 

merzio e teatri. Nr. 73. [„Ein Gleichniss", au die Redaction 

von Goethe gesandt.] 



190 ▼• Biedermann, zu Hirzels Goethe-Bibliothek. 

1829. 
Nur nach der 1839 erschienenen zweiten Auflage, daher 
vielleicht nicht ganz genau, führe ich an 

Adam Oehlenschlägers Werke. Zum ersten Male ge- 
sammelt. Zweites Bändchen. Breslau, .im Verlage bei Josef 
Max und Komp. 1829. [3. Capitel: Goethes Eintrag in 
Oehlenschlägers Stammbuch.] 

Hans Sachs. Dramatisches Gedicht in vier Acten von 
Deinhardstein. Zum ersten Male aufgeführt im k. k. Hof- 
Theater nächst der Burg, den 4. October 1827. Wien 1829. 
In Carl Armbrusters Verlagsbuchhandlung. [S. 125 fg. Goe- 
thes l^olog.] 

Dreihundert und achtzehn Briefe berühmter und geist- 
reicher Männer und Frauen zur vielseitigen. Bildung des 
Stils, des Tones und des Geschmackes im brieflichen Um- 
gange. Herausgegeben von J. D. F. Rumpf, Königlich 
preussischem Hofrathe. Berlin, bei A. W. Hayn. 1829. 
[S. 322 ff. 2 Briefe Goethes an Mecklenburgische Stände 
— einer in Raumers Taschenbuch falsch datiert — und 
S. 324 f. Brief an Lesegesellschaft in Mainz vom 10. October 
1819.] 

Morgenblatt für gebildete Stände. Nr. 47. Dienstag, 
24. Februar 1829. [Goethes Brief an Schiller vom 19. April 
1797 „aus dem in Kurzem etc. erscheinenden 3. Theil des 
Briefwechsels zwischen Goethe und Schiller''.] 

Ebenda. Nr. 48. Mittwoch, 25. Februar 1829. [Goethes 
Brief an Schiller vom 17. August 1797.] 

Ebenda. Nr. 75. Sonnabend, 28. März 1829. [Ueber epi- 
sche und dramatische Dichtung von Goethe und Schiller.] 

Ebenda. Nr. 201. Sonnabend, 22. August 1829. [Goethes 
Brief an Schiller vom 6. Januar 1798 „aus dem nächstens 
erscheinenden 4. Theil des Briefwechsels''.] 

Ebenda. Nr. 208. Montag, 31. August 1829. [Goethes 
Brief an Schiller vom 29. Juli 1800 „aus dem in einiger 
Zeit erscheinenden 5. Theil des Briefwechsels".] 

Ebenda. Nr. 271. Donnerstag, 12. November 1829. 
[Goethes Brief an Schiller vom 23. Januar 1804 „aus dem 
nächstens etc. erscheinenden 6. Band des Briefwechsels etc.".] 



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▼. Biedermaim, zu Hirzels Goetbe-Biblioihek. 191 

1830. 
Abendzeitung. 149. Mittwoche, am 23. Junius 1830. 
Dresden und Leipzig, in der Amoldischen BucUiandlung. 
Verantw. ßedacteur C. G. Th. Winkler (TL Hell). [S. 596. 
Stammbucheintrag „Guter Adler'' etc. f&r die Schröder- 
Devrient] 

Die Nachtigall sie war entfernt etc. [Siigniert:] May 
1830. J. W. Goethe. 

Eines schickt sich nicht für alle etc. [Signiert:] 
Johanni 1830. J. W. Goethe. 

Schwer in Waldes Busch und Wüchse etc. [Si- 
gniert:] Johanni 1830. J. W. Goethe. 

Lass dich nur zu keiner Zeit etc. [Signiert:] Jo- 
hanni 1830. J. W. Goethe. 

Liegt dir gestern klar und ofiPen etc. [Signiert:] 
Johannis 1830. J. W. Goethe. 

EnoVst thou yesterday, its aim and reason etc. 
[Signiert:] June 1830. J. W. Goethe. 

Chaque jour. est un bien que du ciel je re^oi etc. 
[Signiert:] ce 24 Juin 1830. J. W. Goethe. 

Nun sieht man erst was Rose sey etc. [Signiert:] 
Juli 1830. J. W. Goethe. 

1832. 
Goethe an Zahn. [Briefe vom 24. Februar und 10. März 
1832. 8 Seiten 16. Lithographiert.] 
Von den beiden folgenden Schriften wären eigentlich auch 
die grösseren Werke, aus denen sie besonders abgedruckt 
«ind, anzuführen, doch haben mir dieselben nicht vorgelegen. 
Dies gilt von 

Notice sur Goethe. Tire de la Bibliotheque univer- 
selle, Juin et Juillet 1832. Gen^ve, Imprimerie de la Biblio- 
theque universelle 1832. [S. 49. Bruchstücke zweier Briefe 
Goethes an Soret] 

und 

Notice sur Goethe, lue ä la seance generale de TAca^ 

demie Imperiale des Sciences de St. Petersbourg, le 22 mars 

1833 par M. le President de TAcad^mie. — Amicus Plato 

— St. Petersbourg dans Tlmprimerie de TAcad^mie Impe- 



192 T. Biedermann, zu Hirzel» Goethe-Bibliothek. 

riale des Sciences 1833. [S. 15. Bruchstück eines Briefs 
von Goethe an Uwaroff.] 

Diese letzte Schrift ist das Original der im ^^Neuesten 
Verzeichnisse' Seite 106 angeführten Uehersetzung, die aber 
wahrscheinlich ebensowenig die ursprüngliche Fassung des 
Goethischen Briefes wiedergibt wie das französische Original. 
Die auf derselben Seite verzeichnete Schrift; ,^Die letzte Krank- 
heit Goethes^' etc. ist ein besonderer Abdruck aus dem 
Journal der practischen Heilkunde. Herausgegeben von 
G. W. Hufeland; Eönigl. Preuss, Staatsrath, Ritter des rothen 
Adler -Ordens zweiter Klasse, erstem Leibarzt, Prof. der 
Medicin auf der Universität zu Berlin, Mitglied der Academie 
der Wissenschaften etc. und E. Osann, ordentlichem Professor 
der Medicin an der Universität und der Medicinisch-Chirur- 
gischen Academie für das Militair zu Berlin, Ritter des 
rothen Adler-Ordens dritter Klasse und Mitglied mehrerer 
gelehrten Gesellschaften. 1833. LXXVI. Band. Berlin. Ge- 
druckt und verlegt bei G. Reimer. [Auch unter dem Titel: 
Neues Journal der practischen Ajrzneykunde und Wund- 
arzneykunst herausgegeben von etc. LXIX. Band. Berlin 

1833. Gedruckt und verlegt bei G. Reimer. H. Stück. 

Februar. 

Die folgenden sieben Numem des ,,Morgenblattes'' ent- 
halten Episoden aus „Faust, Zweiter Theil'^: 
Morgenblatt für gebildete Stände. Nr. 70. Freitag, 22. 
März 1833. 

Ebenda. Nr. 71. Sonnabend, 23. März 1833. 
„ Nr. 72. Montag, 25. März 1833. 

„ Nr. 73. Dienstag, 26. März 1833. 

„ Nr. 74. Mittwoch, 27. März 1833. 

„ Nr. 75. Donnerstag, 28. März 1833. 

„ Nr. 76. Freitag, 29. März 1833, 

während 

Ebenda. Nr. 159. Donnerstag, 4. Juli 1833 

und 

Ebenda. Nr. 160. Freitag, 5. Juli 1833 
einen Brief Goethes an Cornelius vom 26. September 1828 
mittheilen. 



Y. Biedermann, zu Hirzels Goethe-Bibliothek. 193 

1835. 
Das Seite 110 aufgefülirte Werk „Georg Wilhelm Fried- 
rich Hegel's vermischte Schriften" ist noch unter dem andern 
Titel nachzutragen: 

Georg Wilhelm Friedrich HegeFs Werke. Vollständige 
Ausgabe durch einen Verein von Freunden des Verewigten: 
D. Ph. Marheineke, D. J. Schulze, D. Ed. Gans, D. Lp. 
V. Hennig, D. H. Hotho, D. K. Michelet, D. F. Förster. 
Siebzehnter Band. Takrjd'ig äel Ttketötov iöxvei koyov. So- 
phocles. — Mit Königl. Württembergischem, Grossherzogl. 
Hessischem und der freien Stadt Frankfurt Privilegium ge- 
gen den Nachdruck und Nachdrucks- Verkauf. — Berlin 1835 
Verlag von Duncker und Humblot. 

1836. 
Der im „Neuesten Verzeichniss " stehende Briefwechsel 
zwischen Goethe und Schultz ist Abdruck aus 

Rheinisches Museum für Philologie. Herausgegeben von 
F. G. Welcker und A. F. Näke. Vierten Jahrgangs drittes 
Heft. Bonn bei Eduard Weber. 1836. [S. 309-354.] 

1837. 
Ohne selbst Einsicht davon genommen zu haben, rücke 
ich ein: 

Thalia. Herausgegeben von Karl Töpfer 1837. Nr. 38. 

[Sp. 297 f. 3 Briefe Goethes an den Schauspieler Schröder 

vom 6. April und 24. Mai 1791, sowie 7. October 1798.] 

Der unter diesem Jahr erwähnte" Druck des Spottgedichts 

„Herr Nicolai auf Werthers Grabe" mit der Unterschrift „J. 

W. G " ist von Henrik Steffens veranstaltet. 

1838. 
Das Leben und Wirken des Sir John Sinclair, darge- 
stellt von seinem Sohne. Nach dem Englischen bearbeitet 
von Dr. Boumann. In zwei Theilen. Zweiter Theil. Braim- 
schweig, Verlag von Georg Westermann. 1838. [S. 242 f. 
Brief Goethes an Vamhagen v. Ense vom 5. August 1831, 
nicht völlig gleichlautend mit dem Abdruck im Literarischen 

Zodiacus.] 

1839. 

Franz Passows Leben und Briefe. Eingeleitet von 

Abohit f. LITT.-OXSCH. VI. 13 



194 v> Biedermann, zu Hirzels Goethe-Bibliothek. 

Dr. Ludwig Wachler. Breslau^ Verlag von Ferdinand Hirt. 
1839. [S. 162. Stelle aus einem Briefe an Passow.] 

Adam Oehlenschlägers Selbstbiographie. Zweites Bänd- 
chen. Breslau im Verlage bei Josef Max und Komp. 1839. 
[Auch unter dem Titel: „Adam Oehlenschlägers Werke. 
•Zum zweiten Male gesammelt, vermehrt und verbessert. Zwei- 
tes Bändchen. Breslau etc.". S. 30 der schon 1829 gedruckte 
Stammbucheintrag.] 

1840. 
Die Seite 117 aufgeführten „Schriften von F. v. Gentz'' etc. 
haben auch den Titel: 

Ungedruckte Denkschriften Tagebücher und Briefe von Fried- 
rich von Gentz. Herausgegeben von Gustav Schlesier. Mann- 
heim. Verlag von Heinrich Hoflf. 1840. 

Goethe und Einer seiner Bewunderer. Ein Stück Lebens- 
geschichte von Friedrich Baron de la Motte Fouque. Berlin 
Verlag von Alexander Duncker. 1840. [S. 35. Goethes Wid- 
mung von Werthers Leiden an Fouque.] 

1841. 
Goethe als Naturforscher. Eine Skizze von A. Clemens' 
Doctor der Medicin und Chirurgie etc. Frankfurt am Main, 
Verlag von Karl Eüchler. 1841. [S. V. Stelle aus einem 
Briefe Goethes an Clemens in indirecter Rede.] 

1842. 
Die in dem Unicuin Seite 120 zu lesenden zwölf Briefe 
Goethes an Beichardt sind weiteren Kreisen zugänglich durch 
den Originaldruck in. 

Allgemeine musikalische Zeitung. Leipzig. Druck und Ver- 
lag von Breitkopf und Härtel. Bedigirt unter Verantwortlich- 
keit der Verlagshandlung. Nr. 2 und 3, den 12. und 19. 
Januar 1842. 

1843. 
Justus Moser's Sämmtliche Werke. Neu geordnet und 
gemehrt von B. R. Abeken. Zehnter Band. Berlin 1843. 
[S. 241 — 246. 5 Briefe Goethes an Frau von Voigts wieder 
abgedruckt — wie auch 1858 in der neuen Ausgabe dieser 
Werke.] 



y. Biedermann, zu Uirzels Goethe-Bibliothek. 195 

1845. 
Vierzig Jahre von Karl von Holtei. Vierter Band. -^ 
^Viel lieber, was Ihr each unsittlich nennt, Als was ich 
mir unedel nennen müsste.'' Goethe im Tasso. — Breslau, 
Verlag von Eduard Trewendt. 1845. [Stellen aus einem Briefe 
Goethes an eine Freundin nach seines Sohnes Tod.] 

1846. 
Verhandlungen der achten Versammlung deutscher 
Philologen und Schulmänner in Darmstadt den 1. 2. 3. und 

4. October 1845. Darmstadt, Verlag von Gustav Georg Lange, 
1846. [S. 43 f. Der 1852 in den „Hamburger Nachrichten" 
wieder abgedruckte Brief Goethes an Elinger.] 

1847. 
Schillers Briefwechsel mit Kömer. Von 1784 bis zum 
Tode Schillers. Dritter Theil. 1793 bis 1796. Berlin, Ver- 
lag von Veit und Comp. 1847. [S. 194. Stelle aus einem Briefe 

Goethes an Meyer.] 

1848. 

Neuer Nekrolog der Deutschen. — „Deine Todten wer- 
den leben", Jes. XXVI, 19. — Vierundzwanzigster Jahr- 
gang, 1846. Erster Theil. Weimar 1848. Druck und Ver- 
lag von Beruh. Friedr. Voigt. [S. 284 f. Stellen aus Goethes 
Briefen an Wilbrand von 1820 und 1822.] 

Der ursprüngliche Ort, an dem „Goethes Briefe aus dem 
Nachlass der Frau C. v. Wolzogen" erschienen, ist Seite 127 
des „Neuesten Verzeichnisses", wenn auch nur in Parenthese, 

angegeben. 

1849. 

Henr. Car. Abr. Eichstadii, Theol., jur. utr. et philos. 

Dr., Magni Ducis Sax. a consil. aul. intim., Acad. Jen. senioris, 

Ord. ducum Sax. Emestinae prosapiae praefecti, Ordd. regg. 

.Svec. astri borealis, Sax. virtutis civicae et magniduc. Vimar. 

falconis albi equitis, die IV. Mart. MDCCCXLVIII defuncti 

Opuscula oratoria. Orationes memoriae elogia, quorum duo 

inedita Schilleri et Ludenii memoriae dicata. ludices adjecit 

Weissenborn. Jenae prostat in librariaMaukianaMDCCCXLlX. . 

[S. 293. Brief Goethes an Eichstädt, S. 446, an v. Voigt; 

5. 500 f. Gedicht an Frh. v. Ziegesar.] 

13* 



196 V. Biedermann, zu Hirzels Goethe-Bibliothek. 

Die Neuausgabe dieses Werkes von 1851 ist nur Titel- 
ausgabe. 

Zeitung f&r die elegante Welt. Neunundvierzigster Jahr- 
gang. Bedacteur: Theodor Drobiseh. Verleger: Ernst Schäfer. 
Nr. 27. 1849. [S. 209. Widmungen Goethes an J. A. Stumpflf.] 

1853. 

Holzschnitte berühmter Meister. Eine Auswahl von 
schonen^ charakteristischen und seltenen Originalformschnitten 
oder Blättern, welche von den Erfindern^ Malern und Zeich- 
nern eigenhändig geschnitten worden sind. In treuen Copien 
von bewährten Künstlern unserer Zeit und als Bildwerk 
zur Geschichte der Holzschneidekunst herausgegeben von 
Rudolf Weigel. IX. Leipzig, Rudolf Weigel, 1853. [S. XXII. 
Facsimile von Goethes Widmung einer Münze an Weigel.] 

Freundesbilder aus Goethes Leben. Studien zum Leben 
des Dichters. Von H. Düntzer. — Ein edler Mensch zieht 
* edle Menschen an, Und weiss sie festzuhalten. — Leipzig, 
Dyk'sche Buchhandlung 1853. [Enthält Berichtigungen und 
Ergänzungen zu Guhrauers „Briefwechsel zwischen Goethe 
lind Knebel«; so: S. 507 f.*] 

1854. 
Goethes Prometheus und Pandora. Ein Versuch zur 
Erklärung und Ausdeutung dieser Dichtungen. Von Hein- 
rich Düntzer. — Wenn du hast, das ist wohl schön, Doch 
du musst es auch verstehn. — Neue mit einem Nachtrag 
vermehrte Ausgabe. Leipzig, Dyk'sche Buchhandlung. 1854. 
[S. 126. Stelle aus Goethes Tagebuch.] 

1855. 

Weimarer Sonntagsblatt etc. Nr. 45. 1855. 4. November. 

[Drei Briefe Goethes an Nicolovius, die dann 1856 gesammelt 

erschienen.] 

1856. 

Weimarer Sonntagsblatt etc. Nr. 12. 1856. 23. März. 

* Was aber Düntzer Seite 640 mit der angeblich weggefallnen Brief- 
steile in Brief 166 will, ist unverständlich, denn 1. spricht Düntzer von 
diesem Brief gar nicht an der Stelle, wohin er der Zeit nach gehört, 
2. ist derselbe namentlich nichts wie Düntzer sagt, vom 19. December 
1798 und 3. steht die Stelle im Brief 191 vom 7: December 1798. 



Y. Biedermaim, zu Hirzels Goethe-Bibliothek. 1^7 

[S. 93 f. Stelle aus Goethes Bericht an den Herzog,^ voll- 
ständig in „Goethes Briefen an Ch. G. v. Voigt" S. 505—511.] 

1857. 

Aus Herders Nachlass. Herausgegeben von H. Düntzer 
und F. G. y. Herder. Zweiter Band. Frankfurt a. M. Meidinger 
u. Comp. 1857. [S. 353. Stelle aus einem Briefe Goethes an 
Zimmermann yon 1775.] 

1858. 

Deutscher Volkskalender 1858. Herausgegeben von 
F. W. Gubitz. Mit vielen, zum Theil in Farbendruck um- 
rahmten Holzschnitten von demselben und unter dessen Lei- 
tung. Yierundzwanzigster Jahrgang etc. Zum Debit im 
Auslande. Verlag der Vereins - Buchhandlung in Berlin. 
Expedition für das Ausland: Leipzig. [Auch unter dem 
Titel: Jahrbuch des Nützlichen und Unterhaltenden. Heraus- 
gegeben etc. 1858. Berlin. Vereins-Buchhandlung. — S. 138. 
Angeblich von Goethe ins Brockenbuch eingetragner Reim.] 

1859. 

Grundriss zur Geschichte der deutschen Dichtung aus 
den Quellen von Karl Goedeke. Zweiter Band. Hannover. 
Verlag von L. Ehlermann. MDCCCLIX. [S. 874—878, 885, 
887, 890 f. und 896. Biographisches Schema von Goethe.] 

Herders Reise nach Italien. Herders Briefwechsel mit 
seiner Gattin vom August 1788 bis Juli 1789. Herausge- 
geben von H. Düntzer und F. G. von Herder. Giessen 1859. 
J. Ricker'sche Buchhandlung. [S. 138. Stelle aus einem Briefe 
Goethes an Angelica Eaufinann.] 

Schiller und Goethe. Uebersichten und Erläuterungen 
zum Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe. Von Hein- 
rich Düntzer. Stuttgart. J. G. Cotta'scher Verlag. 1859. 
[S. 318. Stelle aus einem Briefe Goethes an Meyer.] 

1861. 

Die Gartenlaube. Nr. 33. 1861. ülustrirtes Familien- 
blatt. Verantwortl. Redacteure F. Stolle und A. Diezmann. 
[S. 518. Stammbucheintra^ Goethes: ^^s regnet, wenn es 
regnen soll etc.".] 

Reisebriefe von Felix Mendelssohn - Bartholdy aus den 
Jahren 1830 bis 1832. Herausgegeben von Paul Mendelssohn- 



198 ▼• Biedermann, za Hirzels Goethe-Bibliothek. 

Bai;J,holdy. Leipzig, Verlag von Hermann Mendelssohn. 1861. 
[S. 12. Goethes Widmung eines Bogens des ,^au8t"] 
Hiemächst ist nicht abzusehen , warum von dem „Ver- 
zeichniss von Goethes Handschriften'' etc. Seite 147 nicht zu- 
nächst der erste Abdruck angeführt ist; die hervorgehobenen 
ungedruckten Verse und Stellen aus Briefen und Aufsätzen 
stehen übrigens auf denselben Seiten wie im zweiten Abdruck. 

1862. 
Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm. Dritter Band. 
E bis Forsche. Leipzig, Verlag von S. Hirzel. 1862. [Unter 
„Eilffce^^ Distichen aus einem ungedruckten Epigramm Goethes.] 
Gatalogue VH d'une belle coUection de lettres auto- 
graphes et documents. Siebentes Verzeichniss einer werth- 
vollen Sammlung von Autographen. Für beigefügte Preise 
zu beziehen von Richard Zeune, Antiquarium für Auto- 
graphen und Portraits in Berlin, Krausenstrasse 52. Berlin 
1862. Commissionair in Leipzig Herr Eduard Schmidt [S. 12. 
Stelle aus einem Briefe Goethes an Nees von Esenbeck.] 
Was das , Jfeueste Verzeichniss" in der nicht in den Buch- 
handel gekommenen Schrift „Goethes Beziehungen zum säch- 
sischen Erzgebirge" etc. suchen lässt, stand zuerst in der 
Wissenschaftlichen Beilage der Leipziger Zeitung. Nr. 85. 
Donnerstag, den 23. October 1862. 

Ebenda. Nr. 86. Sonntag, den 26. October 1862. 
Ebenda. Nr. 87. Donnerstag, den 30. October. 1862. 
Dass „Das Blücherdenkmal in Rostock" etc. entnommen 
ist aus dem 3. Jahrgang der IV. Folge des „Historischen Taschen- 
buchs, herausgegeben von F. v. Raumer", findet sich im „Neuesten 
Verzeichniss" nebenbei erwähnt. 

1863. 
Denkwürdigkeiten aus dem Leben von Jean Paul Fried- 
rich Richter. Zur Feier seines Hundertjährigen Geburts- 
tages herausgegeben von Ernst Förster. Erster Band. Mün- 
chen, 1863. E. A. Fleischmann's Buchhandlung (A. Rohsold). 
[S. XVL Billet Goethes an P. E. Thieriot] 

Beilage zu Nr. 279 der Deutschen Allgemeinen Zeitung 
vom 29. November 1863. [S. 2798 f. Brief Goethes an 
W. V. Humboldt vom 17. März 1832 -— neuer Abdruck 



▼. Biedermann, zu Bürzels Goethe-Bibliothek. 199 

nach der Urschrift des schon 1846 in Riemers ,,Briefen von 
und an Goethe'^ gedruckten Briefs.] 

1864. 
Goethe in Domburg. Gesehnes, Gehörtes und Erlebtes 
von Karl August Christian Sckell, Grossherzoglichem Hof- 
gärtner zu Domburg. Jena und Leipzig, Hermann Costenoble. 

1864. [S. 19. Pensterinschrift von Goethe.] 

1865. 
Lebenserinnerungen und Denkwürdigkeiten von Carl 
Gustav Carus. Zweiter Theil. Leipzig, F. A. Brockhaus. 

1865. [S. 244 f. und 288. Neuabdrack zweier Briefe Goethes 

an Cams.] 

1866. 

Catalogue XI d'une belle coUection de lettres auto- 

graphes et documents. Elftes Verzeichniss einer werthvoUen 

Sammlung von Autographen. Für beigefügte Preise zu 

beziehen von Richard Zeune, Antiquarium für Autographen 

und Portraits in Dresden, Priesnitzstrasse Nr. 16a. Dresden 

1866. (Commissionair in Leipzig Herr Eduard Schmidt). 
[S. 8. Stammbuchvers von Goethe von 1829.] 

1867. 

Catalogue XÜ etc. in Berlin, Yictoriastrasse 29a. Berlin 

1867 etc. [S. 11. Brachstücke von Briefen Goethes an Nees 

V. Esenbeck und von einem Aufsatz.] 

Der Drack von Goethes Stammbucheintrag fiir Wilhelmine 

Wolf im XX. Band der „Preussischen Jahrbücher*' ist ebenso, 

wie der der Briefe an F. A. Wolf im XXL Band, Seite 158 

des „Neuesten Verzeichnisses*' bei der betreffenden Schrift von 

Bemays 1868 erwähnt. 

1868. 

Catalogue d'une belle coUection de lettres autographes 
dont la vente aura lieu le 4 mai 1868 ä Leipzig par H. 
Härtung. — Verzeichniss der von Herm Dr. Job. Gottfir. 
Flügel, Consul der Vereinigten Staaten von Nord- Amerika 
zu Leipzig nachgelassenen bedeutenden Sammlung von Auto- 
graphen, welche vom 4. Mai an Vormittags von 9 Uhr, 
Nachmittags von 3 Uhr ab durch den verpflichteten Uni- 
versitäts-Proclamator H. Härtung in Leipzig, Goethestrasse 1, 



200 ▼• Biedermann, zu Hirzels Goethe-Bibliothek. 

öffentlich gegen baare Zahlung (in sächs. Courant) versteigert 
wird. Eingesandt von H. Härtung in Leipzig, der sich zu 
Besorgung von Aufträgen bestens empfiehlt. [S. 28. Variante 
,^as Kleinod und das Vergissmeinnicht".(?)*J . 

Leipziger Bücher- Auction, 26. October 1868. Yerzeichniss 
der Bibliothek des Herrn Dr. Aug. Diezmann in Leipzig u.s.w. 
welche nebst andern Büchern u. s. w. yon Montag, den 
26. October 1868 an u. s. w. durch den verpflichteten üni- 
versitats-Prodamator H. Härtung in Leipzig, Goethestrasse 7, 
öffentlich gegen baare Bezahlung versteigert werden soll. 
[S. 17. Bruchstück eines Goethischen Briefs.] 

Aus Goethes Freundeskreise. Darstellungen aus dem 
Leben des Dichters. Von Heinrich Düntzer. Braunschweig, 
Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn. 1868. 
[S. 448. Stelle aus Goethes Tagebuch; S. 535 f. Brief an 
Christian Schlosser.] 

Goethe's Briefe, worunter viele bisher ungedruckte. Mit 
geschichtlichen Einleitungen und Erläutenrngen. — Briefe 
gehören unter die wichtigsten Denkmäler, die der einzelne 
Mensch hinterlassen kann. Goethe. — Dritter Band. Erste 
Abtheilung. Berlin. Allgemeine Deutsche Verlags-Anstalt. 
[Ohne Jahr. Neu: S. 450 u. 1378. Briefe an Frau v. 
Heygendorff 1803 u. 1826; S. 713, an Karl August 1811; 
S. 751 f. u. 897 f. an Genast 1812 u. 1815; S. 1433, an 
Borchardt 1828.] 

Da,s Tagebuch. Bisher noch nicht gedrucktes Gedicht 
von Goethe. Berlin, Buchhandlung von Th. Lemke, Bitter- 
strasse 27. [Der Druck von 1861 ohne Lücke.] 

Westermann's lUustrirte Deutsche Monatshefte für das 
gesammte geistige Leben der Gegenwart. Nr. 51 Der zweiten 
Folge. — December 1868. — Der ganzen Reihe Nr. 147. 
— Braunschweig, Druck und Verlag von George Wester- 
mann. [S. 272. Von Goethe zu einigen Gedichten geschriebene 
Daten.] 

Cothensche Zeitung. Centralorgan für ganz Anhalt. 
Verantwortlicher Redacteur: Dr. med. Frankenberg in Cöthen. 

* S. 58 in des Verfassers „Zu Goethes Gedichten" wol irrig als 
,,Ueberscbrift". bezeichnet. 



▼. Biedennann, zn Hineis Goethe-Bibliothek. 201 

Druck und Verlag von Paul Schattier in Cöthen. Nr. 304. 
Dinstag, den 29. December 1868. [S. 1857. Englisches Ge- 
dicht angeblich von Goethe.] 

XII. Yenetianische Epigramme. [12 Correcturblätter^ ein 
im letzten Druck ausgelassenes Epigramm enthaltend] 
Die Darstellung von „Goethes Verkehr mit Gliedern des 
Hauses der Freiherm und Grafen von Fritsch^' stand vor Aus- 
gabe dieses Separatabdrucks in 

Wissenschaftliche Beilage der Leipziger Zeitung. Nr. 15. 
Donnerstag, den 20. Februar 1868. 

Ebenda. Nr. 16. Sonntag, den 23. Februar 1868. 
Ebenda. Nr. 17. Donnerstag, den 27. Februar 1868.. 

1869. 
Gatalogue XIV d'une belle coUection etc. zu beziehen 
von Richard Zeune, Antiquarium für Autographen und Por- 
traits in Berlin, Victoriastrasse Nr. 29 a. Berlin 1869 etc. 
[8. 12. Stelle aus einem Briefe Goethes an Kriegsrath Reinhard.] 
Aus dem Niedgau, zwangslose Beilagen zu den Frank- 
furter Familienblattern. 1869 zu Nr: 302. [S. 2. Brief Goethes 
an Textor von 1782.] 

Korrespondent von und fOr Deutschland. Nr. 598. Mor- 
genblatt. Nürnberg. Sonntag, den 21. November 1869. [S. 
2716. Brief Goethes an den Buchhändler Vieweg 1797.] 
Dass „Goethe und Suleika'^ zuvor in den „Preussischen 
Jahrbüchern" stand, ist im „Neuesten Verzeichniss" angegeben, 
nicht aber, dass der Inhalt der 1870 erschienenen Schrift „Zu 
Goethes Gedichten" (Seite 162) im wesentlichen sich schon 
findet in 

Wissenschaftliche Beilage der Leipziger Zeitung Nr. 88. 
Sonntag, den 31. October 1869. 

Ebenda. Nr. 89. Donnerstag, den 4. November 1869. 
Ebenda. Nr. 90. Sonntag, den 7. November 1869. 

1870. 
Archiv für Litteraturgeschicht«. Herausgegeben von 
Dr. Richard Gosche. I. Band. 2. u. 3. Heft. Leipzig, Druck 
und Verlag von B. G. Teubner. 1870. [S. 116— 119. „Bruch- 
stücke der geheimen Nachrichten von den letzten Stunden 



\ 



202 ▼. Biedermann, zu Hirzels Goethe-Biblioihek. 

Woldemars, eines berüchtigten Freigeistes'' etc. wahrschein- 
- lieh von Goethe.] 

Westermann's lUustrirte Deutsche Monatshefte für das 
gesammte gdstige Leben der Gegenwart. Nr. 66 der zweiten 
Folge. März 1870. Der ganzen Reihe Nr, 162. Brannschweig, 
Druck und Verlag von George Westermann. [S. 671. „Wenn 
Kranz auf Kranz den Tag umwindet'^ etc. aus dem Stamm- 
buch von Minna Herzlieb.] ' 

Beilage zur Allgemeinen Zeitung. Nr. 138. Mittwoch, 
18. Mai 1870. [Stellen aus dem „Briefwechsel zwischen 
Schiller und Goethe^', die auch in der 3. Ausgabe fehlen.] 

Ebenda. Nr. 139. Donnerstag, 19. Mai 1870. [Des- 
gleichen.] 

Index Scholarum publice -et privatim in Academia Geor- 
gia Augusta per semestre aestivum anni MDCCCLXX a. d. 
XX. M. Aprilis usque ad d. XX. M. Augusti habendarum. 
TnsuntHermanni SauppiiGoethiana. Goettingae, typis expressit 
officina academica Dieterichiana Guil. Fr. Kaestner. [Hand- 
schriftliche Lesarten zu: „Planetentanz" S. 11 f., „Trilogie 
der Leidenschaft" S. 13, „Von wem auf Lebens- und Wissens- 
bahnen" S. 14, „Hegire" S. 15 und „Faust" S. 17 f.] 

Catalogue XY d'une belle coUection de lettres autographes 
et documents etc. zu beziehen von Richard Zeune, Antiquarium 
für Autographen undPortraits inBerlin, Victoriastrasse Nr. 29a. 
Berlin 1870. [S. 10. Stelle aus Brief Goethes an B. A. v. Lin- 
denau, vollständig 1873 in der „Greizer Zeitung" gedruckt.] 

Zwei Polen in Weimar. (1829.) Ein Beitrag zur Goethe- 
literatur aus polnischen Briefen, übersetzt und eingeleitet 
von F. Th. Bratranek. Wien. Druck und Verlag von Carl 
Gerold's Sohn. 1870. [S. 102. Stelle aus einem Briefe Goethes 
an Mickiewicz und S. 147, die erste Strophe der 1. neugrie- 
chischen Liebesskolie mit Variante.] 

Diese Uebersetzung ist aus der in Warschau erscheinenden 
Zeitschrift Kronika Rodzinna Nr. 2, 4, 5, 8 und 11, die 
ich mir jedoch nicht zur Einsicht verschaffen konnte. — Die 
im „Neuesten Verzeichniss" aufgeführten Ausgaben von „Faust 
Zweiter Theil" und von „Goethes Sprüchen in Prosa'' konnten 
auch bezeichnet werden als: 



y. Biedermann, va Hirzels Goeihe-Bibliothek. 203 

Goethes Werke. Nach den vorzüglichsten Quellen revidirte 
Ausgabe. — Goethes Wappen. — Dreizehnter Th^l. Faust. 
Zweiter Theil. Herausgegeben und mit Anmerkungen be- 
gleitet von G. von Loeper. Berlin^ Gustav Hempel. 
und 

Dieselben. Neunzehnter Theil. Sprüche in Prosa etc. 

1871. 

Catalogue XVI d'une belle collection de lettres auto- 
graphes et documents etc. zu beziehen von Richard Zeune, 
Antiquarium für Autographen und Portraits in Berlin, Vic- 
toriastrasse Nr. 29a. Berlin 1871. [S. 11. Stelle aus einem 
Briefe Goethes vom 27. September 1830.] 

Catalogue de la precieuse et nombreuse collection de 
Lettres Autographes du feu Mr. le Professeur Abrahams, 
Conseiller d'etat ä Gopenhague, dont la vente publique aura 
Heu a Leipzig le 30 Janvier 1871 par le ministere de MM. 
List & Francke, Libraires, Rue de TUniversite, 15, au premier. 
Leipzig 1871. [S. 39. Goethes Datumunterschrift unter 
„Vorüber führt ein herrliches Geschick etc.".] 

Yerzeichniss der ausgewählten und werthvollen Auto- 
graphensammlung des vormal. Egl. Hannov. General-Consuls, 
Ritter etc, Herrn G. M. Clauss in Leipzig, welche durch die 
Herren List & Francke in Leipzig, Universitäts-Strasse Nr. 15, 
1 Treppe am 23. Januar 1872 gegen baare Zahlung öffent- 
lich versteigert werden soll. Leipzig 1871. [S. 82. Neuabdruck 
von „Freundlich werden neue Stunden etc.".] 

Allgemeine Encyklopädie der Wissenschaften und Künste 
in alphabetischer Folge von genannten Schriftstellern be- 
arbeitet und herausgegeben von J. S. Ersch und J. G. Gruber. 
Mit Kupfern und Karten. Erste Section. A — G. Heraus- 
gegeben von Hermann Brockhaüs. Einundneunzigster Theil. 
Grias — Grizio. Leipzig. F. A. Brockhaus. 1871. [S. 308. 
Stelle aus einem Briefe Goethes an Frau v. Arnim.] 

Goethe und Felix Mendelssohn-Bartholdy. Von Dr. Karl 
Mendelssohn -Bartholdy. Mit Mendelssohns Portrait aus 
seinem zwölften Lebensjahre. Leipzig, Verlag von S. Hirzel. 



'204 V. Biedermann, zu Hirzels Goethe>Bibliothek. 

1871. [S. 16. Lied; S. 30, Brief und S. 40, Widmungszeilen 
von Goethe.] 

Hamburger Nachrichten. Nr. 25. Hamburg, Sonntag, 
den 29. Januar 1871. [„Wer in die Welt kommt" etc. mit 
Variante und Datum.] 

Wissenschaftliche Beilage der Leipziger Zeitung. Nr. 103. 
Sonntag, den 24. Deceniber 1871. [S. 573. Data einiger Briefe 
Goethes an Bürger.] 

Die Grenzboten. XXX. Jahrgang. H. Semester. Zeit- 
schrift für Politik, Literatur und Kunst. Nr. 34. Ausgegeben 
am 18. August 1871. Inhalt: Das Tiefurter Journal (C. A. 
H. Burkhardt) Seite 281 etc. Leipzig 1871. Friedrich Lud- 
wig Herbig (Fr. Wilh. Grunow). [„Todeslied eines Gefan- 
genen" von Goethe.] 

Ein besonderer Druck dieses Aufsatzes führt den Titel: 
Das Tiefurter Journal. Literarhistorische Studie, von C. A. 
H. Burkhardt. (Separatabdruck aus Heft 34 der „Grenzboten'' 
1871.) Leipzig, Friedrich Ludwig Herbig (Fr. Wilh. Gru- 
now). 1871. 

1872. 

Zur Geschichte der Universität Strassbui^. Festschrift 
zur Eröffnung der Universität Strassburg am 1. Mai 1872 
von Dr. August Schricker, Senats-Secretär. — S. Academiae 
Reip. Argentinensis. — Strassburg, C. F. Schmidt's Uni- 
versitäts-Buchhandlung. Friedrich Bull 1872. [Goethes Ein- 
trag in die Universitätsmatrikel facsimiliert.] 

Melanges posthumes d'Adam Mickiewicz publies avec 
introduction, prefaces et notes par Ladislas Mickiewicz. 
Premiere s^rie. L Drames polonais: Les Confederes de Bar. 
— Jacques Jasinski. H. Roman militaire et roman prophe- 
tique: La Semaine de miel dW conscrit. — Le premier 
chapitre des gueres futures. HI. Critique literaire: Goethe 
et Byron. — Alexandre Puszkin. — Paris. Librairie du 
Luxembourg. 16, rue de Toumon, 16. 1872. [S. 210. Brief 
Goethes an Mickiewicz.] 

Dreihundert Briefe aus zwei Jahrhunderten. Heraus- 
gegeben von Karl von Holtei. (Die Originale befinden sich 
in der gemeinschaftlichen Autographensammlung des Herrn 



T. Biedermann, zu Hirzels Goethe-Bibliothek. 205 

Hob. Weigelt und des Herausgebers.) Erster Band. (Erster 
und zweiter Th'eil.) Hannover. Karl Rümpler. 1872. [I. Theil. 
S. 137. Briefe Goethes an Preiberm von Schuckmann — 
die schon 1835 und 1865 — sowie an Friedrich Tieck — 
die schon 1864 gedruckt erschienen — in Neudruck.] 

Die Grenzboten. XXXI. Jahrgang. H. Semester. Zeit- 
schrift für Politik, Literatur und Kunst. Nr. 27. Ausgegeben 
am 28. Juni 1872. Inhalt: Aus Weimars Culturgeschichte 

1800 bis 1832. I. C. A. H. Burkhardt Seite 1 etc. 

Leipzig 1872. Friedrich Ludwig Herbig (Fr. Wilh. Grunow). 
[S. 5. Stelle aus einem Briefe und S. 11 aus einem Prome- 
mona Goethes]. 

Spenersche Zeitung. Nr. 208. Morgenausgabe. Sonntag, 
28. Juli 1872 In der Haude- und Spenerschen Zeitungs- 
expedition, 94 Zimmerstrasse. Chefredacteur: Dr. Wehren- 
pfennig. Verlag und' Druck: Julius Gossmann in Berlin. 
[Zwei Briefe Goethes an Maler Müller, vollständiger als 1864.] 
Preussische Jahrbücher. Herausg. von H. v. Treitschke 
und W. Wehrenpfennig. Dreissigster Band. Drittes Heft. 
September 1872. Inhalt: etc. Notizen. (H. G.) Seite 339. 
[Briefe Goethes an Willemer von 1822 und an Karl August 
von 1820.] 

Dieselben. Fünftes Heft. November 1872. Inhalt: etc. 

Goethe, Minna Herzlieb und Bettina Brentano. Seite 591. 

[S. 593. Variante und Datum des 3onetts „Wachsthum".] 

Von jenen beiden Briefen an Willemer und an Karl 

August ist auch ein Separatabdruck ,,Zwei Briefe von Goethe'^ 

ausgegeben worden. — Ins Jahr 1872 gehört übrigens auch der 

Seite 165 des „Neuesten Verzeichnisses" aufgeführte Brief 

Goethes an A. W. Schlegel in dem 

Jahrbuch der Deutschen Shakespeare -Gesellschaft im Auf- 
trage des Vorstandes herausgegeben von Karl Elze. Siebenter 
Jahrgang. Berlin, Asher u. Comp. 1872. 

1873. 
Ungedruckte Briefe Goethe's. Nach der Zeitfolge ge- 
ordnet. Leipzig, Commissionsverlag von Ed. Wartig, 1873. 
[Von C. A. Diezel. Die Daten und grösstentheils auch 
Anfangsworte von 985 Briefen. Metallograph iert.] 



206 V. Biedermann, zu Hirzels Goethe-Bibliothek. 

Kunst und Leben. Aus Friedrich Forster's Nachlass« 
Herausgegeben von Hermann Eletke. Inhalt: Aus der Jugend- 
zeit. — Erinnerungen an Goethe. — Berlin. Verlag von 
Gebrüder Paetel. 1873. [S. 169. „Als an der Elb' ich die 
Waffen^' etc. mit Abweichungen.] 

Zwei Bekehrte. Zacharias Werner und Sophie vonSchardt. 
Von Heinrich Düntzer. Leipzig^ Hahnsche Verlagsbuchhand- 
lung. 1873. [S. 290 f. und 302. Drei Briefchen, darunter ein 
englisches, an Frau von Schardt.] 

Goethe in Tennstädt und mit Friedrich Krug yon Nidda. 
Theilnehmenden zum Wolfgangstag 1873 zugestellt von 
Woldemar Freiherm von Biedermann. Dresden, Druck von 
B. G. Teubner. 1873. [S. 8. Ungedruckter Brief Goethes an 
Krug von Nidda aus dem Jahre 1817.] 

XTX"^ Catalogue d'une excellente coUection de lettres 
autographes de celebres poetes et savants. — Neunzehntes 
Verzeichniss von Autographen enthaltend: Die bedeutendsten 
Dichter und Gelehrten des 18. und 19. Jahrhunderts. Für 
beigesetzte Preise zu haben bei Richard Zeune, Antiquarium 
für Autographen und Portraits in Weimar, B, 90. [S. 6. Entwurf 
von „Wilde Stürme, Kriegeswogen etc,".] 

Kölnische Zeitung. Nr. 51. Erstes Blatt. Donnerstag, 
20. Februar 1873. [Erste Gestalt des „Kölner Mummen- 
schanz'^] 

1874. 
Hier ist an erster Stelle die Schrift^ welcher diese Nach- 
träge gelten, selbst zu nennen, indem abweichend von seinen 
beiden Vorgängern 

Neuestes Verzeichniss einer Goethe-Bibliothek. (1767 — 1874.) 
August 1874. Gedruckt bei Breitkopf und Härtel in Leipzig, 
von Seite 175 an in einem Anhange die Fülle von Handschriften 
vorführt, welche die reiche Sammlung des Herausgebers bilden; 
die darunter befindlichen Gedichte und Briefe sind grossentheils 
vollständig oder bruchstückweise abgedruckt. 

Allgemeine Zeitung. Nr. 96 (ohne Beilage) Augsburg, 
Montag, 6. April 1874. [S. 1157. Brief Goethes an Geheimen 
Rath V. Gerning.] 

Beilage zur Allgemeinen Zeitung. Nr. 303. Freitag, 



Y. Biedermann, zu Hirzels Goethe-Bibliothek. 207 

30! October 1874. [S. 4699. Neudruck von „Du dem die 
Musen von den Actenstücken^' etc. mit Abweichungen.] 

Neue Freie Presse. Morgenblatt, Nr. 3650. Wien, 
Samstag, den 24. October 1874. [S. 2. Neudruck von „In 
einer Stadt einmal' etc. mit Abweichung in Text und Datum.] 

Annalen des Vereins für Nassauische Alterthumskunde 
und Geschichtsforschung. Dreizehnter Band. 1874. (Mit 11 
Tafein.) Wiesbaden. Auf Kosten des Vereins. (In Commission 
bei W. Roth.) [S. 42. Brief Goethes an Lorsbach von 1815.] 

Die Grenzboten. XXXIII. Jahrgang. II. Semester. Zeit- 
schrift für Politik^ Literatur und Kunst. Nr. 43. Ausgegeben 
am 23. October 1874. Inhalt: Goethe's Tagebücher. 1780. 
1781. J782. C. A. H. Burkhardt. Seite 121 etc. Leipzig, 
1874. Friedrich Ludwig Herbig (Fr. Wilh. Grunow). 

Zeitschrift für bildende Kunst. Mit dem Beiblatt: Künste 
Chronik. Herausgegeben von Prot Dr. Carl von Lützow, 
Bibliothekar der k. k. Kunst- Akademie in Wien. Berlin, 
L. Sachse & Co. — Leipzig, Verlag von E. A. Seemann. 
— Wien, P. Kaeser — Gerold & Co. 1874. Neunter Band. 
Heft 9. 11. 12. [„Goethe und der sächsische Kunstverein. 
Von Dr. H. Uhde." Mit Briefen Goethes.] 

Thüringer Hausfreund. Familienblatt für Stadt und Land. 
Nr. 5. 1874. [S. 80. Brief Goethes an die Gebrüder Ramann 
von 18250 

Cp6;^Hia. 1. H^ycmpoBaH ahcui 3a 3a6aBy h noyKy. *— 
To^Hua iipsa. — CeecRa npsa. yöci^y 26. 0Kino6pa 1874. — H3- 
Ahsa 15. CBa&or Mece^a. To«AHUiua ie ^leua 6 cj^op. hau 72 rp. 1^. 
[S. 18. Brief Goethes an Karadschitsch.] 

K. F. Köhler's Antiquarium in Leipzig. Poststrasse 17. 
Catalog Nr. 251. 1874. etc. Leipzig, Druck von G. Kreysing. 
1874. [S. 53. ;;Liegt Dir gestern klar^^ etc. mit Datum des 
15. Sept. 1830.] 

Anna Amalia, Karl August und Minister von Fritsch. 
Beitrag zur deutschen Cultur- und Literaturgeschichte des 
achtzehnten Jahrhunderts von Carl Freiherrn von Beaulieu- 
Marconnay. Weimar, Hermann Bohlau 1874. [S. 150. Cor- 
rectur Goethes in ein Rescript des Herzogs; S. 211—220. 
Briefe Goethes an Minister von Fritsch.] 



208 V. Biedermann, zu Hirzels Ooethe-Bibliothek. 

• 

Charlotte von Stein, Goethe's Freundin. Ein Lebens- 
bild , mit Benutzung der Familienpapiere entworfen von 
Heinrich Düntzer. Zweiter Band. 1794—1827. Mit einer 
Abbildung und einem Facsimile. Stuttgart. Verlag der J. G. 
Cotta^schen Buchhandlung. 1874. [S. 445. Brief Goethes an 
Frau V. Stein 1817.] 

Gottfried Hermann. Zu seinem hundertjährigen Geburts- 
tage von H. Köchly. Heidelberg, Carl Winter's Uiiiversitäts- 
buchhandlung. 1874. [S. 227 f Neudruck eines Briefes von 
Goethe an Hermann.] 

Jugendleben der Malerin Caroline Bardua. Nach einem 
Manuscript ihrer Schwester Wilhelmine Bardua von Walter 
Schwarz. Mit dem Bildniss der Caroline Bardua. Breslau, 
Verlag von Rud. Hofiinann 1874. [S. 60 und 53. Neudruck 
zweier, schon 1862 gedruckter Briefe Goethes an die Bardua.] 

Melchior Meyr. Biographisches. Briefe. Gedichte. Aus 
seinem Nachlasse und aus der Erinnerung herausgegeben 
von Max Graf von Bothmer und Moriz Carriere. — „Man 
wird wieder auf Gott kommen, wenn man sieht, dass die 
Widersprüche des Lebens und Denkens nur durch eine solche 
Macht gehoben werden können/' Melchior Meyr, Gedanken. — 
Leipzig: F. A. Brockhaus. 1874. [S. 13 f. Brief Goethes an Meyr.] 

Fünfzehn Essays von Herman Grimm. (Zweite ver- 
mehrte Auflage der Neuen Essays etc.) Berlin, Ferd, Dümm- 
ler's Verlagsbuchhandlung, Harrwitz und Gossmann. 1874. 
[Neudruck von „Goethe und Suleika'^ — 1869 — und „Goethe, 
Minna Herzlieb und Bettina Brentano". — 1872.] 

Die Seite 171 aufgeführte „Naturwissenschaftliche Cor- 
respondenz hat auch den Titel: 

Neue Mittheilungen aus Johann Wolfgang von Goethe's 
handschriftlichem Nachlasse. Erster Theil. Goethe's natur- 
wissenschaftliche Correspondenz. Erster Band. Leipzig: 
F. A. Brockhaus. 1874. 

Dieselben. Zweiter Band. 

Schon unterm Jahr 1874 finden hier sich einige Drucke 

aufgezählt, die sich nicht als Ergänzungen des „Neuesten 

Verzeichnisses'' geben können; denn da dieses im Sommer jenes 

Jahres abgeschlossen wurde, so konnten die später erschienenen 



y. Biedermann, zu Hirzels Goethe-Bibliothek. 209 

darin noch keinen Platz erhalten. Die folgenden aus dem 
Jahre 1875 und dem Anfang 1876 bilden nun aber lediglich 
die Fortsetzung des Verzeichnisses und liegen eigentlich ausser- 
halb des Zweckes dieser Nachträge; sie sind daher als ein 
Anhang zu den ergänzenden Nachträgen zu betrachten, und 
greifen nur dem vor, was der Verfasser der bisherigen Ver- 
zeichnisse einer Goethe-Bibliothek in dem „Allerneuesten Ver- 
zeichnisse^ ohnehin geboten haben würde. 

1875. 
Archiv für Litteraturgeschichte etc. IV. Band 3, Heft etc. 
[S. 398. Vers zum Maskenzug vom 29. Januar 1796; S. 339. 
Brief Goethes an Karl von Stein.] 

Dasselbe. V. Band 1. Heft etc. [S. 103. Neudruck des 
Gedichts an Cuno.] 

Preussische Jahrbücher. Herausgegeben von H. v. 
Treitschke und W. Wehrenpfennig. Fünfunddreissigster Band. 
Erstes Heft. Januar 1875. Inhalt: Brief Goethe's an den Fürsten 
Radziwill (Herman Grimm) Seite 1 etc. Berlin, 1875. Druck 
und Verlag von Georg Reimer. Ausgegeben den 16. Januar 
1875. [Ausser dem Briefe enthält das Heft den für Radzi- 
wills Faustoratorium von Goethe gedichteten Text und eine 
Ergänzung der Faustparalipomena.] 

Im neuen Reich. Wochenschrift für das Leben des 
deutschen Volkes in Staat, Wissenschaft und Kunst. Heraus- 
gegeben von Dr. Konrad Reichard. 1875. Nr. 3. Inhalt: etc. 
Drei noch ungedruckte Briefe von Goethe. Mitgetheilt von 
Rudolf Baier etc. Leipzig, Verlag von S. Hirzel. 1875. 

Dasselbe. Nr. 29. Inhalt: etc. Goethe über den Tod seines 
Sohnes. Von Hermann ühde etc. [S. 91 fif. Brief Goethes 
an Cattaneo.] 

Greizer Zeitung etc. Nr. 54. Sonnabend, den 6. März 
1875. 4. Jahrgang. [Fünf Briefe Goethes an Haide, Karl 
August und Lieber.] 

Beilage zum Hamburgischen Correspondenten. Kunst, 
Literatur und Wissenschaft: Nr. 79. Sonntag, den 4. April. 
[Erlass der F. S. Hoftheatercommission, unterzeichnet: v. 
Goethe, v. Luck.] 

Hamburger Correspondent. Morgen-Zeitung der Börsen- 

AjIOHIV f. LiTT.-GXBOH. VI. 14 



210 ▼. Biedermann, zu Hirzels Goethe-Biblioihek. 

Halle. Nr. 199. Donnerstag, den 26. August 1875. [Drei 
Briefe Goethes an Frommann, und ein vierter.] 

Derselbe. Nr. 200. Freitag, den 27. August 1875. [Brief 
Goethes an August y. Herder und Bichtigstellung der'Data 
der Briefe an Gries.] 

Derselbe. Nr. 261. Sonntag, den 7. November 1875. [Brief 
Goethes an Gebrüder Ramann 1800.] 

Die Grenzboten. XXXIV. Jahrgang I. Semester. Zeit- 
schrift für Politik, Literatur und Kunst. Nr. 13. Ausgegeben 
am 26. März 1875. Inhalt: Klassische Findlinge. C. A. H. 
Burkhardt. 1. Goethe's Verbindung mit Caroline von Pichler. 
— 2. SchüWs Adel. Seite 481 etc. Leipzig 1875. Friedrich 
Ludwig Herbig (Fr. Wilh. Grunow). 

Die Gegenwart. Wochenschrift für Literatur, Kunst 
und öffentliches Leben. Redacteur: Paul Lindau in Berlin. 
Nr. 19. Berlin, den 8. Mai 1875. Band VII. [S. 297. Brief 
an von Goens, 1794.] 

lUustrirte Zeitung. Nr. 1670. Leipzig, 3. Juli 1875. LXV. 
Band. Inhalt: etc. Thorwaldsen's Liebesleben etc. [S. 16. 
Goethes Gedicht an F. Caspers; kein Abdruck aus der „Neuen 
Freien Presse" von 1874.] 

Zeitschrift für deutsche Philologie. Herausgegeben von 
Dr. Ernst Hopfner, Provinzialschulrath in Koblenz, und 
Dr. Julius Zacher, Prof. a. d. Universität zu Halle. Sechster 
Band. Halle, Verlag der Buchhandlung des Waisenhauses. 
1875. [S. 449. „Drei Briefe von Goethe an J. G. Steinhäuser. 
Von S. HirzeL'T 

Deutsche Rundschau. Herausgegeben von Julius Roden- 
berg. Zweiter Jahrgang. Hefk 1. October 1875. Berlin. Ver- 
lag von Gebrüder Paetel. [S. 23 ff. „Hermann Hettner, Briefe 
Goethes an K. E. Schubarth" — vollständig.] 

Wissenschaftliche Beilage der Leipziger Zeitung. Nr. 1. 
Sonntag, den 3. Januar 1875. [S. 5 f. Zwei Briefe Goethes 
an d'Ideville, 1808 und 1809, nach einer Abschrift vom 
Original früher gedruckt, als im nächsten Werk.] 

Henry dldeville. Journal d'un diplomate en AUemagne 
et en Grece. Notes intimes, pouvant servir ä Thistoire du 
second empire. Dresde — Athenes 1867 — 1868. Paris, 



V. Biedermann, zu Hirzels Goethe- Bibliothek. 211 

Librairie Hachette et C*®. 79, Boulevard Saint -Germain. 
1875. [S. 109 f.l 

Briefe von Goethe, Schiller, Wieland, Kant, Böttiger, 
Dyk und Falk an Karl Morgenstern, herausgegeben von 
F. Sintenis. Dorpat. W. Gläsers Verlag 1875. [S. 7, 26 f. 
und 49 f. Neudrucke von Briefen Goethes an Morgenstern, 
Voigt, Döbereiner, Steinhäuser.] 

Briefe von Goethe an Johanna Fahimer. Herausgegeben 
von L. ürlichs. Mit Portrait und Facsimile. Leipzig, Verlag 
von S. Hirzel. 1875. 

Denkwürdigkeiten des Schauspielers, Schauspieldichters 
und Schauspieldirectors Friedrich Ludwig Schmidt (1772 — 
1841). Nach hinterlassenen Entwürfen zusammengestellt und 
herausgegeben von Hermann ühde. Zweiter Theil. Hamburg. 
W. Mauke Söhne, vormals Perthes, Besser & Mauke. 1875. 
[S. 159. Entwurf zu Goethes Brief an Klingemann*, S. 255. 
Brief an Schmidt, 1829.] 

Erinnerungen und Leben der Malerin Louise Seidler 
(geboren zu Jena 1786, gestorben zu Weimar 1866). Aus 
handschriftlichem Nachlass zusammengestellt und bearbeitet 
von Hermann ühde. Zweite umgearbeitete Auflage. Berlin, 
1875. Verlag von Wilhelm Hertz (Bessersche Buchhandlung). 
[Neudruck der meisten Briefe Goethes an die Seidler, zum 
ersten Mal vollständig gedruckte Briefe an die Seidler S. 131, 
337 f. und 350, an Frommanns S. 19, an Langer in Mün- 
chen 137 ff.] 

Vor hundert Jahren. Mittheilungen über Weimar, Goethe 
imd Corona Schröter aus den Tagen der Genie-Periode. 
Festgabe zur Säkularfeier von Goethe^s Eintritt in Weimar 
(7. November 1775) von Robert Keil. Erster Band. Mit 
dem Bildniss Goethe's. Leipzig, Verlag von Veit & Comp. 
1875. [S. 39—260. „Goethes Tagebuch vom 11. März 1776 
bis 5. März 1782" vollständiger als bisher; S. 72. „Christel" 
mit abweichender Lesart.] 

Dasselbe. Zweiter Band. Mit dem Bildnisse der Corona 
Schröter etc. [S. 207. „Nachtgedanken" abdeichend.] 

Der junge Goethe. Seine Briefe und Dichtungen von 
1764 — 1776. Mit einer Einleitung von Michael Bcrnays. 



212 ▼• Biedermann, zu Hirzels Goethe-Bibliothek. 

Erster, Zweiter, Dritter Theil. Leipzig, Verlag von S. Hirzel 

1875. [Diese 3 Bände enthalten zahlreiclie Neudrucke von 
Briefen und neue Redactionen von Dichtungen Goethes.] 

Goethe und Dresden. VonWoldemarFreiherm von Bieder- 
mann. Berlin. Gustav Hempel 1875. [Briefe Goethes an 
Körner, Charpentier und Kaaz und Bruchstück eines Briefes 
an Nees v. Esenbeck.] 

1876. 

Historisches Taschenbuch. Begründet von F. von Raumer. 
Herausgegeben von W. H. Riehl. Fünfte Folge. Fünfter 
Jahrgang 1876. [S. 271. Neudruck von Goethes Brief an 
Schröder von 1798 nach der Urschrift.] 

Die Gegenwart. Wochenschrift far Literatur, Kunst und 
Leben. Nr. 7. Berlin, den 12. Februar 1876. Band IX. 
Herausgeber: Paul Lindau in Berlin. Verleger: Georg Stilke 
in Berlin. [S. 111. Brief Goethes an Friedrich Sigmund Voigt] 

Neue Mittheilungen aus Johann Wolfgang von Goethe's 
handschriftlichem Nachlasse. Dritter Theil. Goethe's Brief- 
wechsel mit den Gebrüdem von Humboldt (1795 — 1832). 
Leipzig: F. A. Brockhaus. 1876. [Auch unter dem Titel: 
Goethe's Briefwechsel mit den Gebrüdem von Humboldt 
(1795 — 1832). Im Auftrage der von Goethe'schen Familie 
herausgegeben von F. Th. Bratranek. Leipzig etc.] 

Der literarische Verkehr. Literaturblatt. Nr. 1. Januar 

1876. VH. Jahrgang. Unter Mitwirkung von Graf Ulrich 
Baudissin etc. [folgen die Namen von noch 35 Schrift- 
stellern und 7 verstorbenen Mitbegründern. S.2. Brief Goethes 
an Mylius vom 14. Mai 1830.] 

Derselbe. Nr. 7. April 1876 etc. * [S. 50. Neudruck des 
bereits 1874 im „Archiv ftlr Litteraturgescliichte^ zu lesen- 
den Billets vom 11. März 1832.] 

Unsere Zeit. Deutsche Revue der Gegenwart. Heraus- 
gegeben von Rudolf Gottschall. Neue Folge. Zwölfter Jahr- 
gang. Sechstes Heft. (15. März 1876.) Leipzig: F. A. Brockhaus. 
1876. [S. 431. Stelle aus einem Briefe Goethes an Soret.] 

Goethe'» Werke. Nach den vorzüglichsten Quellen revi- 
dirte Ausgabe. (Goethes Wappen.) Zweiundzwanzigster Theil. 
Dichtung und Wahrheit. Mit Einleitung und Anmerkungen 



y. Biedermann, zu Hirzels (Goethe-Bibliothek. 213 

von G. von Loeper. Dritter Theil. Berlin. Gustav Hempel. 
[S. 3571, 360, 377, 380-384, 388, 393, 421, 425 u. 463. 
Bruchstücke von Briefen Goethes an Fr. von La Roche.] 

Dieselben. Siebenundzwanzigster Theil. Annalen. Biogra- 
phisches. Vortrage. Geistliches. Herausgegeben und mit An- 
merkungen begleitet von W. Frh. v. Biedermann. Berlin. 
Gustav Hempel. [Neu: S. 333 S. „Mein Verhältniss zur Wis- 
senschaft etc."; S. 340—351. „Notirtes und Gesammeltes auf 
der Reise vom 16. Juni bis zum 29. August 1822".] 

Archiv für Litteraturgeschichte etc. V. Band. [S. 620. 
Correcter . Abdruck von Goethes Brief an Weller vom 7. 
August 1828.] 

Charlotte von Stein und Corona Schroter. Eine Ver- 
theidigung. Von Heinrich Düntzer. Stuttgart. Verlag der 
J. G. Cotta'schen Buchhandlung. 1876. [S. 73. Vollständig 
der im „Neuesten Verzeichniss" S. 184 bruchstückweise 
gedruckte Brief an Steinauer.] 

Zeitschrift f&r Deutsche Philologie etc. Siebenter 
Band Heft H. Halle, Verlag der Buchhandlung des Waisen- 
hauses. 1876. [S. 209 — 233. Goethische Gedichte aus den 
siebziger und achtziger Jahren in ältester Gestalt, theils 
noch ganz ungedruckt.] 

Von* dem Aufsatze Suphans, in welchem diese Gedichte 
gegeben werden, ist auch ein Separatdruck verschickt worden. 

Westermann's illustrirte deutsche Monatshefte etc. Nr. 
45 der dritten Folge. Juni 1876. Der ganzen Reihe Nr. 237. 
Braunschweig etc. [S. 252—260. .12 Briefe an verschiedene 
und 7 andere Schriftstücke Goethes.] 

Im neuen Reich etc. 1876. Nr. 28. Inhalt: etc. Berliner 
Skizzen vom Jahre 1797. Von Carl von Beaulieu-Marconnay. 
[S. 74. Stelle aus einem Briefe Goethes an Sander,] 

Nr. LXXIV. Culturgeschichte und Curiositäten in Druck- 
schriften, fliegenden Blättern, Bildern, Autographen und 
Monumenten. Aus den Sammlungen von Heinrich Lempertz 
sen. und unter dessen Redaktion herausgegeben. Zu bei- 
gesetzten Preisen vorräthig auf dem Bücher- und Kunstlager 
von J. M. Heberle (H. Lempertz' Söhne) in Cöln. Abthei- 
lung etc. [S. 145. Stelle aus dem Briefe an Schlichtegroll, 



214 V. Biedennann, za Hirzels Goethe-Bibliothek. 

der im „Neuesten Verzeichnisse 8. 219 als in Abschrift 
vorhanden erwähnt ist.] 

Briefwechsel zwischen Schiller und Cotta etc. Stuttgart^ 
1876. [Enthält 60 Briefe Goethes an Cotta theils vollständig 
theils bruchstückweise sowie einen Brief an ReicheL] 
Ausser den bis hierher in bestimmte Jahre untergebrachten 
Publicationen sind aber noch einige Musikstücke von Zelter 
zu erwähnen, deren Erscheinungszeit nicht genau und nur 
soweit ermittelt werden konnte^ dass sie nicht später als ins 
Jahr 1840 fallt. Die darin enthaltenen Lieder Goethes weisen 
melirfach abweichende Lesarten auf, von denen freilich nicht 
unbedingt behauptet werden kann, dass sie vom Dichter her- 
rühren. Es sind dies: 

Sechs Deutsche Lieder für die Bass-Stimme mit Begleitung 
des Pianoforte in Musik gesetzt von C. Fr. Zelter. Eigen- 
thum des Verlegers. Berlin bei T. Trautwein, Breite Strasse 
Nr. 8. Pr. 25 Sgr. od. 20 Grgr. [Varianten im „Wschen 
Klagesang^.] 

Zehn Lieder von Carl Friedrich Zelter für 4 Männer- 
stimmen. Heft 1. Versus memoriales. Lob der Musik. Die 
Campanelle. Ergo bibamus. Der Zopf (Tragische Geschichte 
von A. V. Chamisso). Heft 1 etc. Eigenthum des Verlegers. 
T. Trautweinsche Buch- & Musikalienhandlung (J. Gnttentag) 
in Berlin. Breite Strasse Nr. 8. Lith. Anst. v. H. Delius. 

Dieselben. Heft 2. Ach, was soll der Mensch verlangen 
— Nimmer, das glaubt mir — Ein Musikant wollt' fröh- 
lich sein — Es war einmal ein König — Lob der Faulheit 
Eigenthum etc. 

Anmerkung. Ausser den Dichtungen, Briefen und sonstigen Schrif- 
ten Wolfgang Goethes haben alle Ausgaben des „Verzeichnisses einer 
Goethe- Bibliothek*^ auch die seiner Eltern aufgenommen, und in dieser 
Beziehung lässt sich noch die Disputationsschrifb von Goethes Vater 
nachtragen. Ihr Titel lautet: Q. D. B. V. Dissertatio inaugurahs de 
Aditione Hereditatis ex Jure Rom. et patrio iilustrata sistens. Quam 
Jove juvante ex decreto Magnifici ICtorum Ord. in illustri Academia 
Ludoviciana pro gradu doctorali rite consequendo D. Oct. MDCCXXXVIII 
publice Procerum Academiae examini submittit Jo. Casparus Goethe 
Moeno-Francofurt. Giessae^ typis Eb. H. Lammers, Acad. Typogr. 



Goethes 
„Lied, das ein selbst gemaMtes Band begleitete". 

Von 
Karl Goedeke. 

Goethe beriolitet in Dichtung und Wahrheit, im dritten 
Theile (1814. 3, 46) über sein Verhältniss zu Friederike 
Brion: ,,Entfemt von mir arbeitete sie für mich, und dachte 
auf irgend eine neue Unterhaltung, wenn ich zurück käme; 
entfernt von ihr beschäftigte ich mich für sie, um durch eine 
neue Gabe, einen neuen Einfall ihr wieder neu zu sein. Ge- 
malte Bänder waren damals eben erst Mode geworden; ich 
malte ihr gleich ein paar Stücke und sendete sie mit einem 
kleinen Gedicht voraus^ da ich diessmal länger als ich gedacht 
ausbleiben musste.'^ 

Der dritte Theil der Selbstbiographie wurde im Winter 
von 1813 bis 1814 verfasst und war im April 1814 druck- 
fertig abgeliefert und honoriert. Da jene Tage, deren Goethe 
gedenkt, in den Sommer 1771 fallen, so lag zwischen dem 
erlebten und der DarsteUung desselben ein Zeitraum von min- 
destens vollen 42 Jahren, in denen sich das Andenken an 
kleine Einzelheiten verwischt und verschoben haben konnte, 
so dass es erst an aufbewahrten Documenten aus jener Zeit 
aufgefrischt werden musste. Ein Beweisstück jener Art scheint 
in diesem Falle das kleine Lied „Mit einem gemalten Bande'^ 
gewesen zu sein, das uns in dreifacher Redaction bekannt ist. 

Zuerst wurde dasselbe in Jacobis Iris veröfiTentlicht. Von 
dieser, hauptsächlich für Frauen bestimmten Zeitschrift, die 
J. G. Jacobi und in seiner Abwesenheit Wilh. Heinse redi- 
gierte^ war der erste Band in drei Heften im Späigahre 1774, 



216 Goedeke, Goethes Lied mit einem gemalten Bande. 

nach der persönlichen Bekanntschaft Goethes mit den Jacobis 
.erschienen. 

Am 1. Dec. 1774 empfieng Goethe den ersten Band und 
schrieb unmittelbar nach Empfang an J. G. Jacobi^ den Cano- 
nicus: ^Einige Blicke, die ich hinein thue, wecken in mir das 
Geföhl vergangener Zeiten und zugleich die Erinnerung einiger 
Lieder, die es begleiteten. Ich nehme mir vor sie Ihnen zu 
schicken, und da ich heut nach Tisch zur lieben Tante [Jo- 
hanna Fahimer] komme, die den Einfall auch gut, und was 
ich ihr vorsage zum Tone Ihrer Sammlung passend findet, 
setz ich mich gleich zu ihr hin und schreibe das aus dem 
Gedächtniss auf, was Sie hier mit erhalten. Können Sie's 
brauchen, so setzen Sie verschiedene Buchstaben drunter, sagen 
niemand was davon, so haben die Hm. u. Damen was zu 
rathen." 

Im ersten Stück des zweiten Bandes der Iris, Jenner 
1775, erschienen am Schluss, S. 73 bis 80, drei Gedichte mit 
verschiedenen Buchstaben unterzeichnet, die in Goethes Werken 
stehen. Zunächst das hier zu erörternde „Lied, das ein selbst 
gemahltes Band begleitete", mit D. Z. unterzeichnet; darauf das 
„Mayfest", später „Maylied*' genannt (Wie herrlich leuchtet 
Mir die Natur), mit der Unterschrift P., und endlich „Der 
neue Amadis", mit der Signatur N. 

Th. Bergk (Acht Lieder von Goethe. Wetzlar 1857. S. 23) 
erklärte diese drei Lieder „offenbar" för die der Sendung an 
Jacobi. Daran ist freilich nicht zu zweifeln, und ebenso wenig 
daran, dass alle drei Lieder, wie jener Brief deutlich aus- 
spreche, einer früheren Zeit angehören. Wenn aber Bergk 
hinzufugt: „und zwar der Strassburger Periode", so ist das 
ein Schluss, welcher noch gar sehr der Prüfung bedarf, um 
für zuverlässig gelten zu können. Dass Goethe selbst in der 
angeführten Stelle aus Dichtung und Wahrheit wenigstens von 
dem ersten dieser Gedichte dieselbe Meinung hegte oder doch 
aussprach, hat, bei der grossen oft erwiesenen Unzuverlässig- 
keit dieser Lebensdichtung im einzelnen und besonders im 
chronologischen, keine absolute Beweiskraft. Und noch we- 
niger Verlass ist auf die den Werken Goethes angehängte 
Chronologie, die nicht von ihm ausgearbeitet ist, sondern von 



Goedeke, Goethes Lied mit einem gemalten Bande. 217 

seinen litterarisclien Gehilfen. In derselben wird das Gedicht 
mit einem gemalten Bande zuerst nach Goethes Tode erwähnt 
und in die Jahre 1770—1771 gesetzt^ offenbar nach Anleitung 
von Dichtung und Wahrheit. 

Für Goethes Angabe^ das Gedicht sei an Friederike 
gesandt; scheint der Umstand zu sprechen^ dass es sich unter 
den Blättern befand ^ welche Friederike von Goethe besass und 
die wir durch S. Hirzel in den Abschriften besitzen^ die 
H. Kruse im Jahre 1835 in Sesenheim oder Niederbrunn nach 
den Originalen (doch wol von Goethes Hand?) genommen hat. 
Da es aber noch keineswegs feststeht^ dass die elf Numeni 
dieser Sammlung ausschliesslich an Friederike gerichtet sind^ 
und da Goethe^ wie das Geschenk der Mitschuldigen beweist^ 
in Sesenheim auch andre Dichtungen als die dort entstandenen 
mittheiltC; so bleibt auch bei diesem Gedichte , das nach sei- 
nem Inhalte an eine bestimmte Persönlichkeit nicht gerichtet 
ist; zu ermitteln^ ob die mit dem gemalten Bande beschenkte 
nicht auch eine andre sein könne als Friederike Brion. Goethe 
weist es ihr allerdings zu; aber als er es that^ konnte er keine 
Ahnung davon haben, dass eine empfindsame Seele ihm aus 
dem Gedichte und der Uebersendung einen so schweren Vor- 
wurf machen werde^ wie es Rahel gethan hat. Um zu ver- 
stehen^ was die Frau so tief erregte , ist es erforderlich, das 
Gedicht selbst kennen zu lernen. Es möge hier zunächst in 
der Fassung folgen, in welcher Kruse es sechzig Jahre nach 
dem ersten Drucke copiert hat: 

Kleine Blumen, kleine Blätter 
Streuen mir mit leichter Hand 
Gute junge Prühlingsgötter 
Tändelnd auf ein luftig Band. 

Zephir nimm's auf deine Flügel, 
Schlings um meiner Liebsten Kleid! 
Und dann tritt sie für den Spiegel 
Mit zufriedner Munterkeit 

Sieht mit Rosen sich umgeben 
Sie, wie eine Rose jung. 
Einen Kuß! geliebtes Leben, 
Und ich bin belohnt genung. 



218 Goedeke^ Goethes Lied mit einem gemalten Bande. 

Schicksal segne diese Triebe 
Laß mich ihr und laß Sie mein 
Laß das Leben nnsrer Liebe 
Doch kein Bosenleben sein 

Mädchen das wie ich empfindet, 
Reich mir deine liebe Hand. 
Und das Bandj das uns verbindet, 
Sej kein schwaches Rosenband. 

Diese Form des Liedes kannte Rahel freilich so wenig, 
als die, welche Goethe am 1. Dec. 1774 aus dem Gedächtniss 
aufschrieb, und die in der Iris erschien. Sie lautet: 

Lied, 

das ein selbst gemahltes Band begleitete. 

Kleine Blumen, kleine Blätter 
Streuen mir mit leichter Hand 
Gute iunge Frühlingsgötter 
Tändelnd auf ein luftig Band. 

Zephir nimm's auf deine Flügel, 
Schlings um meiner Liebe Kleid! 
Und sie eilet vor den Spiegel 
All in ihrer Munterkeit. 

Sieht mit Rosen sich umgeben 
Sie, wie eine Rose iung. 
Einen Kuß! geliebtes L^ben, 
Und ich bin belohnt genung. 

Fühle was dies Herz empfindet, 

Reiche frey mir deine Hand. 

Und das Band, das uns verbindet, 

Sej kein schwaches Rosenband. D. Z. 

Hier ist die vierte Strophe weggeblieben, in der zweiten 
die liebste zur Liebe, auch das ruhigere treten vor den Spiegel 
zum hastigeren eilen geworden und die zufriedne Munterkeit, 
die das bespiegehi erweckte, als Munterkeit des Charakters 
im allgemeinen dargestellt Die beiden ersten Zeilen der letz- 
ten Strophe haben denselben Gedanken, nur in verschiedenem 
Ausdruck. Denn ob das Gefühl des liebenden in der be- 
schenkten hervorgerufen werden soll, um sie zu veranlassen, ihm 
frei ihre Hand zu reichen, oder ob die gleiche Empfindung bei 



Goedeke, Goethes Lied mit einem gemalten Bande. 219 

beiden schon vorhanden ist, um die Aufforderung zu begrün- 
den, dem bittenden frei die liebe Hanj zu reichen, macht in 
der Sache selbst keinen Unterschied, wenn man hier ein an- 
halten um die Hand der liebsten, der Liebe ausgesprochen 
sehen will. Daran hat Goethe gewiss nicht gedacht, als er 
das Lied aus der Iris nach seiner italienischen Beise im Jahre 
1789 für den achten Band seiner Schriften redigierte. Er 
hätte sonst die letzte Strophe wol nicht unverändert auf- 
genommen, die mit einer leichten Wendung zun Aufforderung 
zum Balle, zum Tanze zu machen war, wenn sie ursprünglich 
mehr als eine Galanterie hätte sein oder zum Gange durchs 
Leben auffordern sollen. Merkwürdig ist es, wie in dieser 
letzten Redaction sich Formen der ersten und zweiten finden, 
da doch Goethe, nach seinem Briefe an Jacobi, im J. 1774 
das Lied aus dem Gedächtniss aufschrieb und, wie es scheint^ 
keine Abschrift besass. Dass er das Band selbst gemalt hatte, 
verwischte er in der Ueberschrift und liess es aus dem Ge- 
dichte selbst errathen. Es lautet seit 1789: 

Mit einem gemahlten Band. 

Kleine Blumen, kleine Blätter 
Streuen mir mit leichter Hand 
Gute junge Frühlings-Götter 
Tändelnd auf ein luftig Band. 

Zephjr, nimm's auf deine Flügel, 
Schling's um meiner Liebsten Kleid; 
Und so tritt sie vor den Spiegel 
All in ihrer Munterkeit, 

Sieht mit Besen sich umgeben, 
Selbst wie eine Rose jung. ^ 

Einen Blick, geliebtes Leben, 
Und ich bin belohnt genung. 

Fühle was dieß Herz empfindet, 
Reiche frey mir deine Hand, 
Und das Band, das uns verbindet, 
Sey kein schwaches Rosenband! 

Die Forderung eines Kusses ist auf die eines Blicks be- 
schränkt, und die Bitte, die Hand zu reichen, sollte stehen 
gebUeben sein, wenn es Goethe jemals in den Sinn gekommen 



220 Goedeke, Goethes Lied mit einem gemalten Bande. 

wäre, er könne beschuldigt werden, einen Heirathsantrag ge- 
than zu haben, den er entweder zurückgenommen oder auf 
den er einen Korb bekommen haben müsste? Einer solchen 
Auslegung war er sicher nicht gewärtig, als er das Lied 
schrieb, als er es aus dem Gedächtniss wiederholte, als er es 
in diese definitive Form* brachte und als er es lange Jahre 
hernach auf Friederike Brion bezog. Diese Auslegung aber 
hat Rahel, die nur die Redaction der Schriften kannte, ge- 
macht. Sie schreibt in ihrer forcierten Weise: 

„Ich fühlte dieser Worte ewiges Umklammern um ihr 
Herz; ich fühlte, dass die sich nicht lebendig wieder losreissen, 
und wie des Mädchens Herz selbst, klappte meins krampfhaft 
zusammen, wurde ganz klein in den Rippen; dabei dacht' ich 
an solchen Plan, an solch Opfer des Schicksals; und laut 
schrie ich, ich musste, das Herz wäre mir sonst todt geblie- 
ben. Und zum erstenmal war Goethe feindlich für mich da. 
Solche Worte muss man nicht schreiben, er nicht. Er kannte 
ihre Süsse, ihre Bedeutung: hatte selbst schon geblutet. Ge- 
walt anthun ist nicht so arg.'' 

Also — vorausgesetzt, das Lied sei an Friederike gerichtet, 
vorausgesetzt, es enthalte einen formlichen Heirathsantrag, auf 
den vielleicht ein Korb gefolgt oder der hernach als nicht 
geschehen betrachtet wäre — so wäre das schlimmer oder 
wenigstens so arg gewesen, als Gewalt anthun? Ueber 
eine solche Denkungsart lässt sich keine Verständigung mit 
der leidenschaftlichen Frau herbeifuhren, die von derselben 
beherrscht wird. Für jeden unbefangenen ist dieser Aufschrei 
eine der vielen Monstfosii^ten, von denen Raheis Briefe und 
Aufzeichnungefl wimmeln. Dafür, dass sie das Lied auf Friede- 
rike Brion bezog, war sie nicht verantwortlich; Goethe selbst 
hatte es gesagt. Aber da dies fast vierzig Jahre später ge- 
schah, als er das Lied zum Druck in die Iris gab, ist seine 
Aeusserung nur als Interpretation zu betrachten, um dasselbe 



* Seit dem legitimierten Wiener Nachdruck von Goethes Werken 1816. 
I, 84 hat sich in die danach veranstaltete Separatansgabe von Goethes 
Gedichten in der zweiten Zeile, statt mir, das sinnlose wir ein- 
geschlichen. 



Goedeke, Goethes Lied mit einem gemalten Bande. 221 

aus einer Situation zu erklären^ die ihm nicht verfänglich und 
sicher nicht verantwortlich erschien. 

Die Gedichte ; die ihm beim Blick in Jacobis Iris in die 
Erinnerung kamen, hatten Gefühle vergangener Zeiten be- 
gleitet, gehorten also selbst einer früheren Zeit an. Goethe 
bestimmt diese Zeit nicht Aus seinen Worten ^^vergangener 
Zeiten'^ konnte gefolgert werden, dass hier nicht von einem 
bestimmten Zeitpuncte die Bede sei, sondern von verschiedenen 
Jahren« Da er aber von einem Gefühl, nicht von Gefühlen 
spricht, so ist es vorzuziehen, die übersandten Gedichte als 
von einem einheitlichen Gefühl erzeugt zu betrachten. Nun 
hat sich nur das Bandlied in Friederikens Besitz gefunden, 
nicht auch das Maifest^und der neue Amadis, deren Ent- 
stehungszeit nirgends angegeben ist, es sei denn, dass man 
die Zeitbestimmungen der neueren für zuverlässig halten 
wollte, von denen die einen, wie Bergk, das erstere in die 
Strassburger Zeit, die andern, wie Viehoff, das zweite in das 
Jahr 1774 setzen. Mir scheinen alle drei dem Frühling 1770 
anzugehören und durch das Yerhältniss Goethes zu Francisca 
Cr e spei veranlasst zu sein. Francisca war eine von den 
Freundinnen seiner Schwester, mit denen er nach seiner Heim- 
kehr von Leipzig und bis zu seinem Abgange nach Strassburg 
verkehrte. Es waren die drei Schwestern Gerok, Antoinettc, 
Charlotte und Katharina, die beiden Lisetten Runkel 
und Stockum, Katharina Fabricius und, neben einer 
Therese und Dorilis, Francisca Crespel, die Schwester von 
Goethes Altersgenossen Crespel, um deren Neigung er mit 
seinem Freunde Biese stritt, aber weniger glücklich war als 
dieser. Noch in späten Jahren, als er schon den dritten Band 
seiner Lebensdichtung vollendet hatte, in dem er zu Anfange 
des zwölften Buches (3, 140) des Freundes, wenn auch erst 
nach der Heimkehr von Strassburg gedenkt, erinnerte ihn ein 
Denkzeichen besonderer Art an dies Verhältniss. 

„Ich habe," schreibt er am 14. Februar 1814 an Biese, 
„ich habe bei Gelegenheit der lebhaften Erzählung meines 
Sohnes die Narbe an dem rechten Zeigefinger vorgewiesen, 
welche Sie mir schlugen, als ich mit demselben, unter einer 
Forsthauslaube, etwas schalkisch, auf ein herankommendes 



222 Goedeke, GoeibeB Lied mit einem gemalten Bande. 

Frauenzimmer deutete^ dem wir beide gewogen waren. Wir 
bereiteten uns eben, einen Teller Schinken zu verzehren, und 
Sie hatten das aufgehobne Messer in der Hand, welches zu 
meiner Bestrafung sich etwas eilig nfedersenkte/^ 

Riese erhielt zwar die Hand Franciscas nicht, aber seine 
Freundschaft zu ihr dauerte unverändert fort. Goethe fügt 
hinzu: „Solche lustige leichte Wunden schlägt das fortschrei- 
tende immer ernstere Leben nicht, und ich wünsche Ihnen 
Glück, dass Sie bey so grossem Wechsel der Dinge, als ein- 
zelner Mann, weniger Sorgen unterworfen, an Ihrer Stelle 
unverruckt geblieben. Grüssen Sie mir unser Fränzchen zum 
Schönsten, deren Heiterkeit sich gewiss erhalten hat. Eine 
so beständige Freundschaft deutet auf redliche, treue Gemüther 
und einen ruhigen, gleichen Lebenswandel.^' 

An Francisca Crespel ist das Gedicht „Der Abschied" 
gerichtet, das in den März 1770 föUt, als Goethe sich zur 
Reise ins Elsass anschickte. Es steht zuerst im 8. Bande der 
Schriften (1789. S. 112), obwol die Quartausgabe bemerkt^ 
es sei 1806 gedruckt. Da es lebhaft das Yerhältniss beider 
vergegenwärtigt, rücke ich es hier ein: 

Der Abschied. 

Laß mein Aug* den Abschied sogen, 
Den mein Mund nicht nehmen kaim! 
Schwer, wie schwer iet er zu tragen! 
Und ich bin doch sonst ein Mann. 

Traurig wird in dieser Stunde 
Selbst der Liebe süßtes Pfand, 
Kalt der Kuß von deinem Munde, 
Matt der Druck von deiner Hand. 

Sonst, ein leicht gestohlnes Mäulchen, 
wie hat es mich entzückt! 
So erfreuet uns ein Veilchen, 
Das man früh im ALärz gepflückt. 

Doch ich pflücke nun kein Kränzchen, 
Keine Rose mehr für dich. 
Frühling ist es, liebes Fränzchen, 
Aber leider Herbst für mich! 

An dies Fränzchen ist der Brief „an Mamsell F.^ aus 



Goedeke, Goethes Lied mit einem gemalten Bande. 223 

ätrassburg „am 14. October" 1770 gerichtet, geschrieben, nach- 
dem er „einige Tage auf dem Lande bei gar angenehmen 
Leuten zugebracht. Die Gesellschaft der liebenswürdigen 
Töchter vom Hause, die schöne Gegend und der freundlichste 
Himmel hatten in seinem Herzen jede schlafende Empfindung, 
jede Erinnerung an alles was er liebte, geweckt,^' so dass er, 
kaum wieder in Strassburg angelangt, schon da sass und an 
die Freundin schrieb, „und daraus können Sie sehen, in wie 
fem man seiner Freunde vergessen kann, wenn's einem wohl 
geht. Es ist nur das schwärmende, zu bedaurende Glück, das 
uns unser selbst vergessen macht, das auch das Andenken an 
Geliebte verdunkelt; aber wenn man sich ganz fühlt, und still 
ist und die reinen Freuden der Liebe und Freundschaft ge- 
niesst, dann ist durch eine besondere Sympathie jede unter- 
brochne Freundschaft, jede halb verschiedene Zärtlichkeit 
wieder auf einmal lebendig. Und Sie, meine liebe Freundin, 
die ich unter vielen vorzüglich so nennen kann, nehmen Sie 
diesen Brief als ein neues Zeugniss, dass ich Sie nie vergessen 
werde." 

Und an dieselbe Francisca Grespel ist der aus „Saarbrück, 
am 27. Juni" 1771 datierte Brief gerichtet, in dem neckisch 
von ihr wie von einer dritten die Rede ist. Dieser Brief 
enthält zugleich den Commentar zu dem schönen Gedichte 
„Willkommen und Abschied", das ohne üeberschrift 1775 
im Märzheft der Iris erschien: 

Mir schlag das Herz; geschwind zu Pferde, 
Und fort, wild, wie ein Held zur Schlacht! 
Der Abend wiegte schon die Erde, 
Und an den Bergen hieng die Nacht; 
Schon stund im Nebelkleid die Eiche, 
Ein aufgethürmter Biese, da, 
Wo Finstemiß aus dem Gesträuche 
Mit hundert schwarzen Augen sah u. s. w. 

„Wenn das alles aufgeschrieben wäre, liebe Freundin," 
lautet der Brief, „was ich an Sie gedacht habe, da ich diesen 
schönen Weg hierher machte und alle Abwechselungen eines 
herrlichen Sommertags in der süssesten Ruhe genoss; Sie 
würden mancherlei zu lesen haben und manchmal empfinden 



224 Goedeke, Goethes Lied mit einem gemalten Bande. 

und oft lachen. Heute regnet's, und in meiner Einsamkeit 
finde ich nichts reizenderes als an Sie zu denken; an Sie^ 
das heisst zugleich an alle die Sie lieben ^ die mich lieben, 
und auch sogar an Käthchen [Gerok], von der ich doch weiss, 
dass sie sich nicht verläugnen wird, dass sie gegen meine 
Briefe sein wird, was sie gegen mich war, und dass sie — 
Genug, wer sie auch nur aus der Silhouette gesehn hat; der 
kennt sie." 

„Gestern waren wir den ganzen Tag geritten, die Nacht 
kfim herbei und wir kamen eben aufs Lothringische Gebirg, 
da die Saar im lieblichen Thal unten vorbei fliesst. Wie ich 
so rechter Hand über die grüne Tiefe hinaussah und der Fluss 
in der Dämmerung so graulich und still floss und linker Hand 
die schwere Finstemiss des Buchenwalds vom Berg über mich 
herabhing, wie um die dunklen Felsen durch's Gebüsch die 
leuchtenden Vögelchen still und geheimnissvoll zogen; da 
wurd's in meinem Herzen so still wie in der Gegend und die 
ganze Beschwerlichkeit des Tags war vergessen wie ein Traum, 
man braucht Anstrengung, um ihn im Gedächtniss aufzu- 
suchen." 

„Welch Glück ist's, ein leichtes, ein freies Herz zu haben ! 
Muth treibt uns an Beschwerlichkeit, an Gefahren; aber grosse 
Freuden werden nur mit grosser Mühe erworben. Und das 
ist vielleicht das meiste was ich gegen die Liebe habe; man 
sagt, sie mache muthig; nimmermehr! Sobald imser Herz 
weich ist, ist es schwach. Wenn e^ so ganz warm an seine 
Brust schlägt, und die Kehle wie zugeschnürt ist, und man 
Thränen aus den Augen zu drücken sucht, und in einer un- 
begreiflichen Wonne dasitzt, wenn sie fliessen, o da sind wir 
so schwach, dass uns Blumenketten fesseln, nicht weil sie 
durch irgend eine Zauberkraft stark sind, sondern weil wir 
zittern, sie zu zerreissen.^ 

„Muthig wird .wohl der Liebhaber, der in Gefahr kommt^ 
sein Mädchen zu verlieren, aber das ist nicht mehr Liebe, 
das ist Neid. Wenn ich Liebe sage, so versteh ich die wie- 
gende Empfindung, in der unser Herz schwimmt, immer auf 
einem Fleck sich hin und her bewegt, wenn irgend ein Reiz 
es aus der gewohnlichen Bahn der Gleichgültigkeit gerückt 



Goedeke,^ Goethes Lied mit einem gemalten Bande. 225 

hat. Wir sind wie Kinder auf dem Schaukelpferde immer 
in Bewegung, immer in Arbeit und nimmer vom Fleck. Das 
ist das wahrste Bild eines Liebhabers. Wie traurig wird die 
Liebe, wenn man so schenirt ist, und doch können Verliebte 
nicht leben, ohne sich zu scheniren.^' 

„Sagen Sie meinem Fränzchen, dass ich noch immer ihr bin. 
Ich habe sie viel lieb, und ich ärgerte mich oft, dass sie mich 
so wenig schenirte; man will gebunden sein, wenn man liebf 

„Ich kenne einen guten Freund, dessen Mädchen oft die 
Gefälligkeit hatte, bei Tisch des Liebsten Füsse zum Schemel 
der ihrigen zu machen. Es geschah einen Abend, dass er 
aufstehen wollte, eh es ihr gelegen war; sie drückte ihren 
Fuss auf den seinigen, um ihn durch diese Schmeichelei fest- 
zuhalten; unglücklicher Weise kam sie mit dem Absatz auf 
seine Zehen, er stand viel Schmerzen aus, und doch kannte 
er den Werth emer Gunstbezeugung zu sehr, um seinen Fuss 
zurückzuziehen.'' 

Der gute Freund ist ohne Frage Goethe selbst, aber das 
Mädchen, dessen Gunstbezeugung ihm Schmerz bereitete, 
schwerlich Francisca, die ihn ja zu wenig schenirte. Dieser 
Brief, nach einer mehr als halbjährigen Bekanntschaft mit 
Friederike geschrieben, wenn auch vielleicht nicht abgesandt, 
denn wir kennen ihn nur aus Goethes Concepte, spricht aber, 
wenn man ihn, ohne sich von Dichtung und Wahrheit be- 
fangen zu lassen, so liest, wie er geschrieben ist, deutlich 
genug dafür, dass Goethes Neigung zu Friederike Brion durch- 
aus nicht leidenschaftlicher Natur und ebenso wenig andre Nei- 
gungen ausschliessend war. Es war ein herzlich jugendliches 
wolgefallen, eine zwischen Liebe und Freundschaft schwe- 
bende Lebensfreüdigkeit, die ihn an die Friederiken und die 
Fränzchen band, ohne andre Gedanken, als den, Freude zu 
geben und Freude zu nehmen, jedesfalls ohne einen Gedanken, 
den Bund für das Leben zu schliessen. Und schwerlich haben 
die Freundinnen die Sache anders genommen oder gar gemeint, 
der junge Mann, der ihnen zärtliche Briefe schrieb, ihnen 
schöne Dinge sagte, sie mit selbstgemalten Bändern beschenkte 
und das Geschenk mit schonen Liedern begleitete, halte um 
ihre Hand an, während er nur bittet, den freundlichen Verkehr 

Archiv f. Litt.-Gssob. VI. 15 



226 Gpedeke, Goethes Lied mit einem gemalten Bande. 

länger dauern zu lassen, als ein luftiges, bald verbrauchtes 
Band. Die Zeit, in welcher Goethe diese Verbindungen unter- 
hielt, und die, in welcher er sie als Würze seiner Lebens- 
dichtung darstellte, liegen weit auseinander, und die Periode 
der Wirklichkeit, in welche die Gedichte fallen, trug noch den 
Charakter, wo die Liebe der Jugend wie des Alters mit der 
Galanterie Hand in Hand gieng, und wo man verliebte Verse 
nicht gleich für einen förmlichen Heirathsantrag nahm. 

Selbst wenn auch jenes mit dem selbstgemalten Bande 
überschickte Lied an Friederike gerichtet wäre, hätte Frau 
Rahel sich doch ihren Aufschrei zur Erleichterung des zu- 
sammenklappenden Herzens ersparen können. Aber ich glaube 
nicht, dass es ursprünglich für Friederike bestimmt war, 
selbst wenn sie es in Goethes Handschrift besass. Das an 
Francisca gerichtete Gedicht konnte, mit einem ähnlichen 
Geschenke begleitet, auch an Friederike gesandt sein und dann 
mit der neuen Strophe vermehrt werden. 

Goethe that nur einige Blicke in die Iris, und diese ge- 
nügten, ihm das Gefühl vergangener Zeiten zu erwecken. Er 
muss also etwas gefanden haben, was mit jenem Gefühl eine 
Aehnlichkeit hatte. Die Anzeige neuer Bücher, unter denen 
auch sein Werther, die üebersetzung Heinses aus Tasso, 
Jacobis Abhandlungen über poetische Wahrheit, über die Elegie, 
über Erziehung der Töchter und drgl. können nichts anziehen- 
des für ihn gehabt haben. Es bleibt kaum etwas übrig als 
das Gedicht „An Chloe", das Jacobi dem Französischen 
nachbildete und das beim aufschlagen der Broschüre gleich 
in die Augen fiel, da es auf einer ofiEhen Seite beginnt. Es 
schildert eine unbefangen glückliche Liebe, die nur noch in 
der Erinnerung lebt: 

Holdes Mädchen! unser Leben 
War ein frohes Hirtenspiel: 
Kränze durften wir uns geben, 
Küsse, wenn es uns gefiel. 

Heerde, Stab, und Fest, und Freude, 
Lied und Kränze sind dahin! 
Dennoch reden Flur und Weide 
Mir von meiner Sohäferinn. 



Goedeke, Goethes Lied mit einem gemalten Bande. 227 

Engel oder Liebesgötter 
Mahlen dein getrenes Bild 
Auf die kleinsten Rosenblätter: 
Alles ist von dir erfüllt. 

Deinen Athem haucht die Nelke, 
Wenn ihr Balsamdufk sich hebt; 
Du erscheinst mir im ^ewölke, 
Das am blauen Himmel schwebt. 

Welch ein Lispeln auf den Höhen! 
Welch ein Säuseln um den Fluß! 
ich führ im sanften Wehen, 
ich ftthle deinen Kuß. 

Unter lockenden Schallmeyen, 
In der Nachtigall Gesang, 
Jm Geflüster junger Mayen 
Hör* ich deiner Stimme Klang. 

Ja! Du rufst mich aus der Ferne, 
Bauschest mir im finstern Hain, 
Blickst herab von iedem Sterne, 
Lachst mich an im Mondenschein; 

Kömmst in nahenden Gewittern; 
Denn es gleicht ihr banger Zug 
lenem Schweigen, ienem Zittern, 
Als mein Herz an deinem schlug. 

Das ganz deutsch gewordne Lied erinnert allerdings sehr 

an die Tonweise Goethes und hat einige Berührungen mit 

dem Bandgedichte, das dann wieder das Maifest ins Gedächt- 

niss rief^ diesen jubelnden Ausdruck voller Gesundheit nach 

längerem Siechthum. Ich setze es, obwol es sich Maifest nennt, 

in den März 1770, den Goethe auch in dem Abschiedsliede 

an Fränzchen Frühling nennt, und Frühling und Mai gelten 

häufig als gleichbedeutend. Will man aber wegen der aus jedem 

Zweige dringenden Blüten und wegen des Blütendampf^s, 

mit welchem die Liebe die volle Welt segnet, einen spätem 

Monat, den Mai selbst, festhalten, so bleibt doch der Frühling 

1770 wahrscheinlich, und das Mädchen, das ihn so liebt und 

Jugend und Muth zu neuen Liedern und Tänzen gibt, könnte 

dennoch eine der Frankfurter Freundinnen sein. Das Gedicht 

auf Friederike zu beziehen, zwingt nichts; sie war nicht 

16» 



228 Goedeko, Goethes Lied mit: einem gemalten Bande. 

im Besitz desselben. Ebenso wenig besass sie den „Neuen 
Aiuiidis". 

Eine befriedigende Deutung dieses satiriselien Gedichtes 
ist mir nicht bekannt. Eine Beziehung auf Wielands neuen 
Amadis^ der mit der Jahreszahl 1771 erschien^ ist nicht nach- 
zuweinen. Der Prinz Pipi; die Prinzessin Fisch, die rings 
ujut Sonnenschein emailliert war, sind mir unbekannte Wesen, 
Ui^ weder bei Wieland noch im alten Amadis von Gallien 
vorkommen. Man könnte denken^ der neue Amadis Goethes 
Mei die Antwort auf J. G. Jacobis neuen Simson, der die Genie- 
periode und ihre Eraftmänner verspottet (Werke. Bd. 3. Zürich 
1809. S. 186 f.), aber dies Gedicht erschien erst 1777 im 
Decemberstück von Wielands Merkur (S. 193 f.) und könnte 
demnach eher Folge als Veranlassung des Goethischen Scherzes 
sein, der, wenn er 9ich nicht direct auf Jacobis frühere süss- 
lich lakierte Manier bezieht, doch gegen die geleckte Poesie 
gerichtet ist, der auch Jacobi huldigte. Die directe üeber- 
sendung kann nicht befremden. Offen ausgesprochen ist keine 
Beziehung auf Jacobi, und wenn auch; sandte doch Goethe 
seinen Satjros, der sicher auf den Kreis in Pempelfort Bezug 
hat, an Fritz Jacobi, ohne Anstoss daran zu finden. Ich ge- 
stehe jedoch, dass mich selbst diese Deutung nicht völlig be- 
friedigt. Zusammenhang mit jenem „Gefühl vergangener Zei- 
ten^, das durch die Blicke in die Iris geweckt war, finde ich 
in dem Gedichte nicht, es müsste denn sein, dass der Scherz 
dem Geschmack der Freundin an Amadisischer Leetüre, wirk- 
licher oder nur so genannter, gegolten hätte. 

Von den drei Gedichten des Januarheftes der Iris hat der 
Buchhändler Himburgin seine Sammlung von Goethes Schrif- 
ten nur das Mayfest aufgenommen (4, 235), weil es mit P 
unterzeichnet war und weil dieser Buchstab in den späteren 
Heften gewöhnlich unter Goethischen Gedichten der Iris steht. 
Doch nahm Himburg (4, 245) 1779 auch das nicht unterzeich- 
nete Gedicht Jacobis „Im Sommer'' (Iris 7, 560) unter die 
Goethischen auf, das Goethes litterarische Gehilfen seit 1815, 
von Himburg verleitet, in Goethes Werke brachten. Dass 
dies Gedicht schon vor Himburgs Sammlung, schon 1778 in 
einem Nachdrucke als Goethes Eigenthum Aufnahme gefunden, 



Goedeke, Goethes Lied mit einem gemalten Bande. 229 

wie W. Scherer entdeckt haben soll, ist ein Ding der Un- 
möglichkeit. Der Irrthum kann nur daraus entstanden sein, 
dass jener Nachdruck der Gleichförmigkeit der Bände wegen 
den vierten Theil zurückdatiert hat. Die Yergleichung mit 
Himburg muss ergeben, dass dessen Anordnung und Reihen- 
folge der vermischten Gedichte in allen Nachdrucken dieselbe 
ist, und dass die Nachdrucker in Biel, Carlsruhe, Frankfurt 
und Reutlingen sklavisch von Himburg abhängen. 



Zu Goethes Tagebuch. 

(Nachträge zu H. Düntzers -Aufsatz „Archiv f. L." V, 377 flf.) 

Von 
Reinhold Köhler. 

1776, 7. Sept. „Conseil. Redeckers Affaire.'' 27. Sept. 
„Stadthalter wegen Redecker" 3. Nov. „Nach Erfurt mit 
dem Stadthalter üher Rödeckern." Nach dem Sachsen- 
Weimar- und Eisenachischen Hof- und Address -Calender auf 
das Jahr 1776 war ein Dr. Christian Ludwig Redecker Fürstl. 
Sachs, würkl. Land-Gammer-Rath und Ober-Gleitsmann bei dem 
Weimarischen Ober-Geleits- Amt Erfurt. Im Hof- imd Address- 
Calender für 1777 kömmt Redecker nicht mehr vor, und die 
ObergleitsmaHnsstelle ist als vacant aufgeführt. Wahrscheinlich 
verlor Redecker also in Folge der „Affaire" seine Stelle. Auf 
diese Affaire bezieht sich wol das folgende in K. A. Böttigers 
literarischen Zuständen 1, 55: „Der Kammerpräsident von Kalb 
wurde dem Herzoge .vorzüglich durch eine Spielgeschichte, die 
der Hofrath Redicker gegen ihn geltend machte (da er die 
Billets aus dem Ofen wieder hervor geholt hatte, die Kalb hinein- 
geworfen) verdächtig gemacht.^ Derartige Ungenauigkeiten 
wie „Hofrath Redicker^' statt „Landkammerrath Redecker" 
kommen in Böttigers Aufzeichnungen mehrfach vor. 

1777, 5. Juli. „Thors Heiligthum.'^ Goethe kann entweder 
den Hain bei Domburg, von welchem die Sage gieng, dass der 
Gott Thor in ihm verehrt worden sei, oder die kleine, metallene 
Figur, welche in Domburg bei dem Stadtrathe aufbewahrt und 
für Thors Bild gehalten wurde, gemeint haben. Vgl. J. S. 
G. Schwabe, Historisch-antiquarische Nachrichten von der 
ehemaligen kaiserl. Pfalzstadt Domburg an der Saale, Weimar 
1825, S. 5 S. und 18 S. 



Köhler, zu Goethes Tagebuch. 231 

1777, 26. Sept. „Gegen Abend ging [ich] mit Wen- 
zing pirschen^. In meiner an Düntzer brieflich gemachten 
Mittheilung, dass Anton Wilhelm Wenzing Pirschknectt auf der 
Hohen Sonne gewesen sei, muss ich den Namen Wenzing 
leider undeutlich geschrieben haben, so dass- Düntzer 
„Wenjing^^ gelesen und deshalb S. 415 bemerkt hat: „Wenzing, 
vielmehr Wenjing." 

1778, 3. Oct. „Bettgen überlegt mit Schinzel." Ein 
Joh. Martin Schünzel war nach dem Hof- und Address- 
Calender auf 1780 Hof- Tapezierer und nach dem auf 1781 
und folgenden SchlossYoigt zu Weimar. 

1779, 2. März. „Zu Paschau essen." Es wird Raschau 
zu lesen sein. Christian Friedrich von Baschau war Obrister 
bei der Jenaischen Garnison. 

1779, 10. März. „Nach Tisch den Weg nach dem 
Hange Eichen besehen." Statt Hange wird Haagen oder 
Hagen zu lesen sein, wie der Wald bei Alstedt heisst. 

1779, 26. Aug. 1780, 4. Juli, „unter den Aschen ge- 
gessen." Wie Düntzer S. 431 bemerkt, schreibt Goethe auch in 
einem Brief an den Herzog vom 24. Januar 1781, dass et 
einen Raben von den hohen „Aschen" herunter geschossen 
habe. In Weimar sagt man ganz gewöhnlich im Singular die 
Asche^ im Plural die Aschen = Esche, Plur. Eschen. Frisch 
1, 38* führt aus Colerus Hausbuch und Sanders 1, 376° aus 
Döbels Jägerpractica den Plural Aschen an. 

1780, 20. u. 22. Jan. „Schwabhäusers Sache." Es wird 
wol Johann Friedrich Schwabhäuser gemeint sein, der 
im Hof- und Address-Calender für 1780 als Geheime-Canzley- 
Secretar, Gammer-Gonsulent und Hofadvocatus extraordinarius, 
in dem für 1781 und folgenden aber nur in den beiden letzten 
Eigenschaften vorkömmt. 

1780, 14. Oct. „in den Grimmstein." Zu Düntzers Be- 
merkung S. 442 füge ich hinzu, 1) dass nach E. Gräbner, Die 
grossh. Haupt- und Residenzstadt Weimar, Weimar 1830, S. 80, 
der Grimmenstein in der grossen Gerbergasse zu einem Spinn- 
hause für arme benutzt wurde, bis es sich der Gürtlermeister 
Straube 1809 zu einem Wohnhause — jetzt C, Nr. 5 be- 



232 Köhler, zu Goethes Tagebuch. 

zeichnet — umschaffen Hess, 2) dass ich von alten Leuten so- 
wol Grimmenstein als Grimmstein habe sagen hören, 

1781; 15. Aug. „Seckendorf las die Baiersche Ein- 
derlehre.^ D. i. die in diesem Jahre anonym erschienene, 
binnen zwei Jahren viermal aufgelegte Satire Anton von 
Buchers „Eine Einderlehre auf dem Lande von einem Dorf- 
pfarrer". Man s. A. von Buchers sämmtliche Werke, gesammelt 
und herausgegeben von J. von Elessing, 6. Bd., München 1822, 
S. XVI— XXn und 399—448. 

1781, 21. August. „Bloods Geschichte*'. Vielleicht die 
merkwürdige „Lebensbeschreibung Thomas Bloods" (f 1680) 
in der „Samlung von merkwürdigen Lebensbeschreibungen 
grösten Theils aus der britannischen Biographie übersetzet, 
und unter der Aufsicht und mit einer Vorrede D. Siegmund 
Jacob Baumgartens herausgegeben ,'* 1. Thl., Halle 1754, 
S. 814-50. 



Nene ActensttLcke 
über Zftcliarias Werners Priesterweihe. 

Von 

Erich Schmidt. 

Keine andere Periode ist reicher an Convertiten^ als das 
erste Viertel des neunzehnten Jahrhunderts. Voss musste mit 
Ingrimmsehen, wie an der Schwelle desselben Fritz Stoiber^ ein 
unfreier ward. Aus den Kreisen der Romantiker verföllt eine ganze 
Reihe dem Zauberer von Rom. Unter den Brüdern Riepenhausen^ 
den Friedr. Schlegel; Gentz, Adam Müller^ Christian Schlosser 
(vgl. Frau Rath S. 345), Veit, Overbeck und wie sie alle 
heissen, ist Zacharias Werner einer der interessantesten. Jeder 
Renegat bietet uns ein psychologisches Problem. Es verlangt 
uns zu erforschen, welche äussere und innere Anlässe ihn 
aus dem alten Glauben in den neuen hineindrängten. Ist 
Winckelmanns Uebertritt (vgl. den vorzüglichen Abschnitt 
bei Justi), kurz gesagt, nur ein Greschäft, eine Abzahlung f&r 
das betreten des classischen Bodens, den er schon lange mit 
der Seele suchte, ein Handel, dessen freilich ein Charakter 
wie Lessing — ich erinnere nur an einige Briefe aus dem Jahre 
1769 — nie fähig gewesen wäre, so ist Werners Uebertritt inner- 
lich begründet und lange vorbereitet. Erschöpft durch die Stürme 
eines ausschweifenden Lebens, ohne feste Stellung, ohne Energie 
zu ruhiger, stählender Arbeit, von Reue erfasst, gibt er sich 
ganz dem alten Hange zum Mysticismus hin und rettet sein 
leckes Schifflein in den Hafen der allein selig machenden 
Kirche, um ganz ein ergebenes Werkzeug Roms zu werden, 
willenlos tamquam cadaver: 



234 Er. Schmidt, Zach. Werners Priesterweihe. 

Den Wollustbecher, ich haV ihn geleeret, 

Selbst das Gelüst nach Lorbeem ist geschieden 

Yen mir; und matt vom Hennen, Gaffen, Lärmen, 

Bitt' ich nur um ein Winkelchen mit Frieden; 

Wo die, wonach ich lechze, mir bescheeret, 

Die Drei mir würden: Ordnung, Stille, Wärme! (iT, 74 f.) 

Mit ernster Strenge sagt Goethe, dessen „Wahlverwandt- 
schaften'^ Wernem in Born ein eindringliches „ entsage '^ ins 
Ohr riefen (II, 24. 85), in der Schrift „Winckelmann" (Hem- 
pelsche Ausg. 28, 205); „es bleibt freilich ein Jeder, des die 
Religion verändert, mit einer Art von Makel bespritzt, von 
der es unmöglich scheint ihn zu reinigen .... Ausdauern soll 

man da, wo uns mehr das Geschick als die Wahl hingestellt 

Abfall bleibt verhasst, Wankelmuth wird lächerlich^^ Aber er 
fahrt fort: „Gewisse Zustande des Menschen, die wir keines- 
weges billigen, gewisse sittliche Flecken an dritten Personen 
haben für unsere Phantasie einen besondem Beiz. Will man 
uns ein. Gleichniss erlauben, so mochten wir sagen, es ist 
damit wie mit dem Wildpret, das dem feinen Gaumen mit 
einer kleinen Andeutung von Fäulniss weit besser als frisch- 
gebraten schmeckt. Eine geschiedene Frau, ein Benegat machen 
auf uns einen besonders reizenden Eindruck.'^ Dieses Interesse 
neben dem streng litterarhistorischen zieht uns auch zu Werner, 
so unsympathisch er dem unbefangenen Beschauer im übrigen 
sein mag. 

Wir sind über Werners Lebensgang durch seine Auto- 
biographie bei Waitzenegger, welche, Einzelheiten vertuschend 
und förbend, im ganzen würdevoll genannt werden darf, durch 
seine leider arg zerstreuten Briefe, seine fragmentarischen 
Tagebücher, dieses Bagout von Frömmelei, nebelhafter Symbolik 
und gemeinstem Cynismus, seine Gedichte, sowie durch die 
mehr oder weniger eingehenden Berichte von Hoffmann, Yam- 
hagen, Hitzig und Schütz leidlich unterrichtet. Eine sorg- 
fältige, zusammenfassende Darstellung, welche in vorurtheils- 
loser Weise Werner gerade als Gonvertiten schildert, hat in 
neuester Zeit Düntzer geliefert durch das Buch „Zwei Bekehrte. 
Zacharias Werner und Sophie von Schardf' Leipzig 1873. 

Die folgenden Mittheilungen bieten eine nicht unerheb- 



Er. Schmidt, Zach. Werners Priesterweihe. 235 

licfae Ergänzung des bisher bekannten Materials. Ich verdanke 
die Kenntniss und Benutzung des im Würzburger Archiv auf- 
bewahrteU; aus Aschaffenburg stammenden Actenfascikels der 
Güte^ meines Freundes^ des Archivvorstands Dr. Schaf fl er.* 
Eine lange Einleitung zu geben, liegt nicht in meiner Absicht 
(vgl. auch Goethes Briefe an Voigt 8. 264); der unterrichtete 
Leser bedarf einer solchen nicht. Wenige Worte nur mögen 
die neuen Ergebnisse unseres bescheidenen Hermaions be- 
leuchten. 

Am 22. Juli 1813 verliess Werner Rom** und kehrte, 
nicht ohne in Loretto Station zu machen, nach Deutschland 
zurück, mit der ausgesprochenen Absicht, durch Dalbergs 
Hilfe die ersehnte Priesterweihe zu erlangen und so seine Be- 
kehrung zu krönen. Dalberg, mit dem er schon länger in 
Verbindung stand, und der Weihbischof v. Eolborn nahmen 
ihn in Aschaffenburg entgegenkommend auf, die aufrichtige 
Heue, den unwiderstehlichen Drang des einstigen „Saulus'^ 
wol erkennend, der ihrer Hoffnung nach durch seine reichen 
Talente ein neuer „Paulus'^ werden sollte. Sein Beichtvater 
Ostini hatte ihm treffliche Zeugnisse über seinen „auferbäulichen 
Lebenswandel'^ ausgestellt. Freilich darf man bei dem Santo 
Wemero nur an den Werner in der zweiten Hälfte seines 
römischen Aufenthalts denken, denn von der ersten hat er selbst 
klagend bekannt (H, 84): 

Gehetzt der alten Sünde treu, 

Von Reu' zur Gier, von Gier zur Reu\ 



* Ich habe in der Vorrede zu meinem H. L. Wagner (1876) über die 
Unzulänglichkeit der Würzburger Universitätsbibliothek für litterarhisto- 
rische Arbeiten geklagt. Düntzer ist in seiner Becension darauf zurück- 
gekommen (Archiv V, 260). Ich erkenne dankbar an, dass die neue 
Verwaltung unter Hm. Oberbibl. Dr. Laubmann alles thut, die alten 
Schäden zu heilen. 

** Herr Hofrath Urlichs theilt mir folgende Stelle aus den un- 
gedruckten Briefen J. M. Wagners an Ludwig L von Baiem mit (Nr. 
72) Born 23. Mai 1812: „Der Dichter Werner ist nicht nur hier katholisch 
geworden, sondern treibt auch die Ausübung der Gebräuche derselben 
bis zur Karikatur, und thut es auch dem bigottesten Italiener darinn 
noch zuvor, Ministrirt selbst die Messe, marchirt auf den Knien die hl. 
Stige hinauf etc. 



236 Er. Schmidt, Zach. Werners Priesterweihe. 

Selbst auf den heiigen Bergen 
Hab ich gesündigt freventlich, 
Entwürdigt hab' ich Rom und ndch: 
Das will ich nicht verbergen. 

Schon im Spätsommer 1813 war die Erfüllung seiner flehent- 
lichen Bitte so gut als sicher; es handelte sich nur um die 
nöthigen Yorbereitungen imd Yorsichtsmassregeln. Man ver- 
langte von ihm Verlegung seines Aufenthalts in Dalbergs 
Dioecese; er zog nach Frankfurt und schrieb hier im Gewühle 
der Fürsten, Diplomaten und Truppen den geforderten Wider- 
ruf, die schmähliche „Weihe der Unkraff', welche die Erwar- 
tungen seiner geistlichen Gönner weit übertraf. Inzwischen er- 
folgte Dalbergs Sturz. Er zog sich Ende 1813 nach Regens- 
burg zurück. Die fernere Forderung, Werner solle in das 
Aschaffenburger Seminar eintreten, betrachtete dieser als eine 
Gnade, wie er das in seinem Gesuch an Dalberg ausspricht 
und wie Eolbom bezeugt. Der „älteste Einwohner*' Aschaffen- 
burgs, Herr Hofrath Kittel, weiss noch von Werners Seminar- 
zeit (vom Januar 1814 an) zu erzählen: er habe beim Subregens 
gewohnt, sei mit Windischmann besonders befreundet ge- 
wesen und täglich in dessen Haus gekommen (vgl. XIY, 86); 
auch Gedichte geistlichen Inhaltes, so eines auf den Charfrei- 
tag, seien damals entstanden. Sein Lebenswandel sei untadel- 
haft gewesen. Nach der Priesterweihe habe er noch kurze 
Zeit in Aschaffenburg zugebracht, doch kaum je Messe gelesen, 
„wie er denn überhaupt in geistlichen Dingen zu nichts brauch- 
bar gewesen." Wir erinnern dagegen an Werners spätere Er- 
folge in Wien. Eittel gedenkt seiner als eines „lebhaften, 
zusammengeschrumpften Mannes." 

Die Verhandlungen der geistlichen Behörden drehten sich 
hauptsächlich um zwei Puncte: um Werners Vermögen wegen 
des nöthigen titulus patrimonii oder ordinationis, und um 
.seine drei geschiedenen Ehen. Die erste Frage wurde mit 
aller Sorgfalt bis ins kleinste untersucht und befriedigend 
erledigt. Werner konnte nahezu 12000 Thlr. aufweisen (vgl. 
über die dem Grafen Dohna geliehene Summe Werners 
Testament XV, 180). Lässiger verfuhr man in dem zweiten 
Puncte. Werner brachte nämlich nur das Scheidungsdocument 



Er. Schmidt, Zach. Werners Priesterweihe. 237 

seiner dritten Ehe mit Matforzata Elisabeth Marchwia- 
tofska — so wird sie in der amtlichen Urkunde genannt, 
doch mag der Familienname statt Maschwiatowska yerschrie- 
ben sein — bei. Diese am 23. August 1801 geschlossene 
Ehe wurde am 20. Februar 1806 getrennt; Eunth trat an 
Werners Stelle. Ihn finden wir in unsem Acten als Werners 
Bechtsconsulenten. Da jedoch nach kanonischem Rechte nur 
die erste Ehe in Anschlag kam, die folgenden als blosse 
Goncubinate galten, musste jedesfalls die gerichtliche Lösung 
der ersten Verbindung in aller Form bezeugt werden. Werner 
behauptete das Document yerloren zu haben. Aber er konnte 
es ja von neuem ausstellen lassen. Man kann sich, auch wenn 
man Werners peinigende, scrupulose Unruhe, f&r welche das 
nachstehende neue Belege liefert, erwägt, des Verdachtes kaum 
erwehren, als sei in diesem Falle nicht alles in Ordnung ge- 
wesen. Wir erfahren, dass die unwürdige Person eine ge- 
borene Schultz war; des Vornamens, höchst wahrscheinlich 
Friederike, konnte sich Werner, als er die Trennung beschwören 
sollte, komischer Weise nicht mehr mit Bestimmtheit erinnern. 
Das Generalvicariat beruhigte sich bei einem schriftlichen Eide, 
sollte aber später wegen dieser Sorglosigkeit in Verwicklung 
mit dem päpstlichen Nuncius Graf Severoli gerathen, dessen 
Theilnahme för Werner aus seinen Schreiben klar hervortritt. 
So waren die nöthigen Schritte gethan. Dalberg und die 
Bäthe Chandelle und Scheidel (XIV, 86) befürworteten Werners 
Bitten. Des silberhaarigen Eolborns Neigung hatte er rasch 
gewonnen, wozu wol ein Sonett das seine beitrug U, 101 f. 
„S. Excellehz dem Hochwürdigsten Weihbischof Herrn von 
Kollberg '^. Zum Oeburtsfeste ehrfurchts- und dankvoll gewidmet 
von seinem geistlichen Sohne, dem Acolythen Werner. Aschaffen- 
burg, den 7. März 1814. Abends Oy, Uhr.^^ Die beiden letzten 
Strophen lauten: 

Ein Spiegel ist es (E.s Leben) mir, worin mit Beben 
Ich schaue meine früh verprassten Jahre, 
Dich späten Jüngling, mich den frühen Greisen. 



* So steht in der unvollständigen und leider vOllig unkritischen 
Grimmaer Ausgabe. 



238 Er. Schmidt, Zach. Werners Priesterweihe. 

Drum heut\ am Fest von deinem heiigen Leben 
Beschwör' ich dich den Bischof, Vater, Weisen, 
lass mich opfern bald am Sühnaltare! — 

Am 16. Juli 1814 wurde ihm das letzte anliegen erfällt 
(Juni bei Düntzer S. 249 ist wol Druckfehler; Goedeke Grundr. 
ni; 44 n^int irrthümlich den 14. Juni). Dieses Ereigniss be- 
geisterte den k. b. Appell. Hofs-Begistrator Philos. et art. 
liberal, magister Hoff mann zu folgenden Reimen (Äschaffenb. 
Ztg. Nr. 170. Mondtag, den 18. Juli 1814): „An den Dichter 
Herrn Werner an dem Tage seiner Priesterweihung den 16. 
Juli 1814": 

Du warst schon längst in Herrlichkeit 
Zum Priester des Apoll geweiht; 
Da wecktest du in warmer Brust 
Nach höhVer Würde heiFge Lust 
Und flehtest, dass der Wunsch gedeihe, 
In Dehmuth, um Jehovah's Weihe. 

Im übrigen lassen wir die Acten, welche nicht nur für 
Werner, sondern auch allgemein interessant sind, selbst reden. 
Der Abdruck erfolgt buchstäblich getreu. Die beiden Jura- 
mente sind von Werner selbst in ungefälligen Zügen geschrieben. 

Geistliche Sachen. Abtheilung n. Lit. W. Fase. I. 
Nachgesuchte Priesterweihe des convertirten Zacha- 
rias Werner (ehemal. Hofraihs etc., Schriftstellers etc.) in 
den Jahren 1814—1816. 

Bericht des Weihbischofs v. Eolborn: 
Der durch seine Schriften sowie durch seinen Uebertritt 
zu unserer Kirche bekannte Hofrath Friederich Ludwig Zacha- 
rias Werner hat schon im vorigen Sommer sein heissestes 
Verlangen die heiligsten Weihen zu erlangen Em"^ und mir 
geäussert. 

Sein Uebertritt geschah laut Anlage Nr. 1 am 19^*^ April 
1810 zu Rom, wo er sich seitdem noch 3 Jahre aufhielt, und^ 
sich durch einen so auferbäulichen Lebenswandel auszeichnete, 
dass er nach dem mir vorgelegten Zeugniss seines Beicht- . 
Vaters, des Professor Ostini sich die allgemeine Achtung er- 
warb, und von denen die ihn näher kannten il santo Wemero 
genannt wurde. 



Er. Schmidt, Zach. Werners Priesterweihe. 339 

Durch mehrere Unterredungen; die ich gleich bei seiner 
Ankunft mit ihm hatte ^ überzeugte ich mich von dem hohen 
Grade seiner Keligiositat^ von der Reinheit der Motiven seines 
Uebertrittes zu unserer Confession, und von der Erhabenheit 
seines Verlangens die heiligen Weihen zu erlangen^ überhaupt 
von der Wirkung einer ganz besondem göttlichen Genade, die 
aus diesem Saulus einen Paulus gemacht haben könnte. Er 
bekannte mir mit der reumüthigsten Selbstverläugnung die 
ehemahligen Yerirrungen seines Geistes und Ausschweifungen 
seines vorigen Lebens, ins besondere eröfhete er mir, dass er 
als Protestant mit drei Weibern nach vorhergegangener Schei- 
dung verehligt gewesen und auch von der dritten nach an- 
liegender Urkunde Nr. 2 seit dem 6**^ Febr. 1806 geschieden sei. 

Ich erklärte ihm hierauf, die vortheilhafte Meinung, die 
er mir von seiner Person und von seiner Absicht eiogeflösst 
hatte, könnte mich von der Nothwendigkeit nicht befreyen, 
die bei dieser so wichtigen Sache erforderlichen Yorsichts- 
massregeln vorzunehmen, und ihm die zweckmässigen Auflagen 
zu machen. Diese waren folgende: 

1) Fixirung seines Domicils in unserer Dioces. 

2) Die öffentliche Bekanntmachung seines Uebertritts zu 
unserer Kirche und der Widerruf der in seinen vorigen Schrif- 
ten enthaltenen Irrtümer. 

3) Beibringung der Scheidungen von seinen 3 Weibern. 
4)' Vorlegung seines Tituli ordinationis. 

5) Eintritt in das Erzbischofl. Seminarium, und Aufent- 
halt darinn so lang ich es für nöthig fände. 

6) Beibringung seines Taufscheines. 
Zur Erfüllung dieser Auflagen hat er 

ad 1 seinen Aufenthalt in Frankfurt genommen ^ und, da 
er eigentlich zu keiner Dioces gehörte, sich der unsrigen an- 
geschlossen. 

ad 2 die Nr. 3 anliegende Druckschrift: Weihe der 
Unkraft zu der Zeit herausgegeben, wo die Höfe von beinah 
ganz Europa in Frankfurt versammelt waren. In derselben 
hat er weit mehr geleistet, als ich gefodert hatte. 

ad 3 die oberwähnte Urkunde sub Nr. 2 vorgeleget. Die 
der beiden vorhergegangenen Ehescheidungen sind unnöthig. 



249 ^T^' Schmidt, Zach. Werners Priesterweihe. 

theils weil sie die der dritten voraussezt, theils weil nach catholi- 
sehen Grundsäzen nur die erste Frau sein Eheweib, die zwei lezten 
aber nichts als Concubinen waren. Hieraus ergiebt sich, dass 
er nicht einmal als Bigamus anzusehen ist. Zudem will er 
die Scheidung von den 2 ersten Weibern beschwohren. 

ad 4 versichert er ein baares Vermögen von beiläufig 
11/m rthl. zu besizen, legt eine Urkunde Nr. 4 über 6700 thl. 
bei, und ist erbiethig dieses sein Vermögen von 11/mfl. [rthl., 
vgl. u.] eidlich zu erhärten. 

ad 5 Um diese Au&ahme ins Seminar bittet er als um 
eine Genade. 

ad 6 Den Taufschein hat er aus Königsberg seiner Vater- 
stadt beschrieben. 

Ueber diesen so ungewöhnlichen Vorfall konnte das form- 
liche Gutachten des Erzbischöfl. Vicariats nicht sogleich ge- 
fodert werden, weil der Supplicant angelegenst bath, dass die 
Sache so lang als möglich das tiefeste Geheimniss bleiben 
möchte. Ich theilte also diesen Gegenstand mit den nöthigen 
Beilagen dem Hm. Staatsr. Chandelle und Hm. Geh. Rath 
Scheidel im engsten Vertrauen mit, und legte ihnen die hier 
sub Nr. 5 beikommenden Fragen zur Beantwortung vor. Auch 
diese liegt sub Nr. 6. 7 hier bei. 

Nun erstattete ich mit Beifügung dieser Gutachten meinen 
auf die Gewährung der Bitte des Supplicanten gerichteten 
Vortrag ad Jim""'". Höchst dieselben haben ihn durchaus ge- 
nehmigt, aber nach meinem Antrag auch befohlen, dass nun- 
mehro das ganze dem Erzbischöfl. Vicariate zum unbefangenen 
Gutachten, auf welches, der schon erfolgten Höchsten Ge- 
nehmigung ungeachtet, nach Mass der allenfallsigen Gegen- 
gründe, Rücksicht genommen werden solle, mitzutheilen sei. 
Dieses Gutachten wird baldmöglich erwartet. 

Aschbrg d. 18. Jenner 1814 

Ex Mdto spec Seren^ 

Eolborn. 

Nr. 1 [Oben gedruckte Ueberschrift, enthaltend Namen 
und Titel des Cardinais und General vicars Julius Maria de 
Somalia.] 

Uniyersis et singulis praesentes üras Testimoniales litteras 



Er. Schmidt, Zach. Werners Priesterweihe. 241 

inspecturis notum facimus^ atque testamur D. Fridericum Wer- 
ner [corrigiert aus V] annorum 40 cireiter [geb. 18. Nov. 
1768] de Eenisbergh ad hanc Almam Urbem venisse, de 
yeritate Fidei Catholicae instructum, et certum de Lutheranae 
sectae falsitate die 19. Aprilis 1810 in manibus B. D. Petri 
Ostini Presbyteri Bomani et Confessarii a Nobis approbati 
in privato sacello seminarj Bomani pntibus duobus testibus^ 
rite, ae devote Catholicae Fidei professionem emisisse, et abiurasse 
omnes erroreS; et baereses Lutheri in quibus natus et educätus 
fuerat; nee non detestasse et maledixisse omnes alios quos- 
cumque errores, et baereses sese quomodolibet extollen tes 
contra S. M. Oatholicam Apostolicam Ecclesiam, et a supra- 
dicto B. D. Petro Ostini auctoritate Sra ordinaria eidem tributa, 
et concessa in utroque foro absolutum fuisse in forma Eccliae 
consueta a sententia Excommunicationis, quam praemissorum 
causa incurrerat; et S. Matris Eccliae Catholicae Aplicae Bo- 
manae Unitati^ et Praemio et Sacramentorum participationi 
restitutum fuisse; prout Nobis ex legitimis documentis constare 
fuii Datum Bomae hac die 4 Maij 1810. 

Dom®.^* Athanasius ProVicarius. 

Nr, 2. In Sachen des Kammer Secretarii Friedrich Ludwig 
Zacharias Werner Kläger eines^ wider seine Ehefrau gebohme 
Matforzata Elisabeth Marchwiatofska Beklagte^ andern Theils 

Ertheilt der Instructions Senat des Konigl. Kammergerichts 
hiermit zum Bescheide: dass 

da beida Theile die Trennung ihrer seit dem 23>^^ August 
1801 kinderlos bestehenden Ehe nachsuchen ^ der Vater der 
Bekl. gleichfalls diesem Antrage beitritt, und nach den wechsel- 
seitigen Erklärungen derselben nicht zu besorgen ist; dass 
Leichtsinn oder Uebereilung, oder heimlicher Zwang von einer 
oder der andern Seit«, ihren Antrag leiten 

das zwischen beiden Theilen obschwebende Band der 
Ehe, wie hiermit geschiehet, auf dem Grund des Edicts vom 
IT^ Novbr 1782 §, und des A. L. B. Tbl. 2 Tit. 1 § 716. 
wiederum zu trennen, beiden Theilen die anderweitige Ver- 
heirathung in imverbothenen Graden, der Beklagten jedoch nur 

« 

erst nach Ablauf von 9 Monaten zu verstatten, keinen für 
den schuldigen Theil zu achten, und es übrigens bei dem 

Abcbit f. Litt.-Oxscb. VI. 16 



242 Er. Schmidt, Zach. Werners Priesterweihe. 

unterm 23**" Decbr. v. J. zwischen ihnen zu Stande gekommenen 
Vergleich zu belassen ^ und die Kosten des Processes beiden 
Theilen zur Hälfte aufzulegen. 

Urkundlich unter des Königl. Eammergerichts grosserem 
Insiegel und Unterschrift [unleserlich] Gegeben Berlin den 
20**»* Februar 1806. 

[Nr. 3. „Die Weihe der Unkraft" liegt nicht bei.] 

Nr. 4. In vidimierter Abschrift vom 28.Dec. 1807 Denstadt 
im Fürstenthum Weimar. Bekenntniss J. F. Zeines von Werner 
6700 Rthlr. zinsbar zu 57o in halbjährigen Katen anvertraut 
erhalten zu haben; Warschau, 2. Oct. 1804. 

Nr. 6. Fragen betreffend das Gesuch des Hrn. Hofrath 
Werner die heiligen Weihen zu erlangen. 

1) Ist er unser Diocesan? 

2) Ist es ein unübersteigliches Hinderniss, dass er vor 
seinem Uebertritt in unsre Kirche nach vorhergegangenen 
Scheidungen von Seiten der protestantischen Behörden die 
dritte Frau, von welcher er nun ebenfalls geschieden ist, ge- 
heurathet hat? [Daneben auf der rechten Seite des gebrochenen 
FUio von Dalbergs Hand: Vollkommen einverstanden. In 
ore trium stat omne verbum zumahlen solcher Männer (Kolborn, 
Ghandelle, Scheidel). Carl, Constanz den 6**"* Januar 1814.] 

3) Ist sein mit 11100 thl. angelegtes Capital, über dessen 
Existenz, und unabänderliche Erhaltung er ein Eid ablegen 
will, ein hinlänglicher Titulus ordinationis? 

4) Ist das von ihm in seiner neuesten Druckschrift: die 
Weihe der Unkraft der Welt vorgelegte Bekenntniss, dass 

. er zu unserer Kirche übergetretten sei, seine vorigen in Schrif- 
ten verbreiteten Irrthümer widerrufe, und die Ausschweifungen 
seines bis zu seinem Uebertritt geführten Lebenswandels be- 
reue, genügend? 

5) Ist an der Reinheit der Absicht, aus welcher er das 
Priesterthum so sehnlich verlangt, einiger Anstand? 

6) Ist auf die nachtheiligen Beurtheilungen dieser Erschein 
nung, [die] besonders von Seiten der Protestanten zu erwar- 
ten sind, einige Rücksicht zu nehmen? 

Kolborn. 



Er. Schmidt, Zach. Werners Priesterweihe. 243 

Nr. 6. Antwort von Staatsrath v. Chandelle. 

ad 1. affirmative^ wo der supplicant^ der nullius dioeceseos 
war^ den diesseitigen dioeces gewählt hat, und zu dem End 
in Frankfurt von dieser Zeit an domicellirt ist^ cum animo 
in hac dioecesi permanendi, wird ohne Anstand derselbe als 
wie ein wirklicher dioecesan zu betrachten seyn. 

ad 2 ist dieses meine Ansicht nach der auf die Entschei- 
dung des Pabstes und deren Ordinariaten gegründeten practischen 
Regel in Beurtheilung der protestantischen Ehen war die erste 
Ehe des supplicanten giltig und indissolubel. Diese practische 
Regel gilt' auch für den zur Catholischen Relligion überge- 
trettnen supplicanten. Folglich sind seine nachherigen Ehen 
als ungiltig zu betrachten, und er kein bigamus oder trigamus. 
Bekannt ist es nunfi dass auch ein Ehemann priester werden 
kann, wenn die Frau keinen Einspruch dagegen ermahnt — 
aber die Frau der ersteren Ehe (die Scheidung dieser Ehe 
möge mutuo conseusu, oder auf Klag der Frau culpa mariti, 
oder auf Klag des Mannes culpa der Frau richterlich geschehen 
seyn) hat keinen Anspruch auf den supplicanten. im ersten 
und zweiten Fall hat sie darauf verzichtet, und im dritten die 
richterliche Erkenntnis ihrer Obrigkeit diesen ihr benommen. 

Nun fehlt es aber an einem document dieser richterlichen 
Ehescheidung, aber die Vorstellung des supplicanten hat deut- 
lich das Gepräg einer unverhüllten, unaufgepüzten reinen Wahr- 
heit, über das, wo supplicant in einer öffentlichen Staats 
Stelle war, war es auch bekannt, dass er verheurathet war. 
Bekannt ist aber dass die protestantische pfarrer keinen ge- 
schiedenen Copuliren, ohne dass Ihnen die Ehescheidungs 
Urkund vorgelegt worden ist. Die beigebrachte Ehescheidungs- 
urkund der dritten Frau beweiset, dass er vorher mit dieser 
copulirt, mithin von den vorderen weibem geschieden worden 
seye. — all dieses macht nach meiner Abwiegung zum wenigsten 
semiplenam aus. — um den Beweis vollkommen zu- machen, 
und zur Sicherheit könnte dem supplicant das Juramentum 
suppletorium auferlegt, die Formel dazu vorgeschrieben, und 
das abgelegte Jurament von ihm unterschrieben und ad acta 
gelegt werden. 

ad 3 das nemliche gepräg der Wahrheit der Vorstellung, 

16* 



\ 



244 Er. Schmidt, Zach. Werners Priesterweihe. 

die beigebrachte Abschrift der ürkund und die hierüber in 
der Vorstellung gemachten Erzählungen beweisen auch zum 
wenigsten semiplenam^ dass er mehr^ als nach dioecesan Vor- 
schrift ad Titulum patrimonii erforderlich, besize. zu dem 
kommt noch sein Talent in Anschlag, wodurch er vieles ver- 
dienen kann, zur Sicherheit könnte ihm auch das Juramentum 
Suppletorium in Rücksicht des angegebnen Vermögens und 
zugleich promissorium, lebenslänglich das Capital nicht an- 
zugreifen, auferlegt, von ihm unterschrieben und in cista de- 
positorum verwahrt werden. 

ad 4 affirmative, in voller Maas. 

ad 5 negative, dafär bürget die Vorstellung, sein ganz 
besonderes und anhaltendes Bestreben um das priesterthum 
und seine Bereitwilligkeit zu allem, was Asfalls von ihm ge- 
fodert wird. 

ad 6 gar keine, wo mann alle Vorschriften und alle Vor- 
sicht (die dahier erwähnt worden) beobachtet hat, kann mann 
mit aller Gewissensberuhigung alle Critiken und raisonements 
geschehen lassen: Chandelle. 

Nr. 7« Ganz ähnlich, aber minder eingehend antwortet 
Geh. Rath Scheidel; seine letzten Erklärungen lauten: 

ad 4. Sowohl diese Druckschrift als seine ausfuhrliche 
Vorstellung beweiset eine Erkenntniss seiner Irrthümer, und 
ernste Reue über seine Ausschweifungen. Beides lässt sich 
nicht lebhafter ausdrücken. Hierzu kommen noch die günsti- 
gen Zeugnisse von Rom. 

ad 5. Ich kann nach dem Vorhergesagten keine finden. 
Bei ihm ist keine unedle Absicht gedenkbar: so heuchelt 
man nicht 

ad 6. Nicht die mindeste, da keine Proselytenmacherey 
dabei unterlief, sondern er der dringend bittende war. Den 
Schreyem Rede zu stehen, ist er selbst Mann genug. 

In dem Sitzungsprotokoll des erzbischöfl. G^neralvicariates 
vom 20. Januar finden wir die von Chandelle und Scheidel 
vorgeschlagenen Eide formuliert Man will „alle Vorsicht ge- 
brauchen". Eolbom verfügt am 27. die Abnahme durch Schei- 
del, was am Morgen des 4. Februars geschah, laut folgendem 



Er. Schmidt, Zach. Werners Priesterweihe. 24Ö 

Protokoll: ^^Praesentibus Domino Gonsiliario statuS; Officiali et 
Directore Yicariatus de Ghandelle Domino Consiliario intimo 
et Sigillifero Scheidel meque Actuario infra subscripto [ein 
anderer Chandelle] 

Vor der Hand wurde demselben die in erwähntem Con- 
cluso erwähnte Juramentsformel in Betrefif der Ehescheidung 
seiner ersteren Frau Friderica gebohme Schuls [sie] vorgelesen. 

Derselbe erklärte sich damit zufrieden, setzte jedoch die 
Bemerkung bei er habe zwar seine erstere Frau soviel er sich 
erinnere Friderica genennt, jedoch sey es schon eine geraume 
Zeit dass die Ehescheidung mit derselben vorgegangen und 
wünsche er desswegen dass dieser Vornahmen in dem Jurament 
ausgelassen werde. Femer bemerkte er, dass in dieser Ehe 
gar keine Ejnder gezeugt worden seyen. Es wurde demselben 
hierauf aufgegeben das Jurament selbst ab- und zu unter- 
schreiben, in welchem sodann der Vorname seiner ersten Frau, 
wie auch der passus der Formel <^die noch bei Leben seyen^ 
ausgelassen worden. 

Hierauf hat derselbe praevia convenienti avisatione de 
vitando perjurio et praevia stipulatione manus de dicenda 
veritate nach seinem von ihm geschriebenen und unterschrie- 
benen Jurament, dieses Jurament abgelegt.^' 

Von Werners Hand: „Ich schwohre zu Gott dem All- 
mächtigen dass meine Angabe, dass meine erstere mit einer 
gebohrenen Schultz, einer Protestantin, eingegangene Ehe 
richterlich von der dazu geeignet gewesenen protestantischen 
Obrigkeit geschieden worden sey, vollkommen in Wahrheit 
gegründet sey 

So wahr mir Gott helfe und sein heiliges Evangelium. 
Im Anfang war das Wort, und das Wort war bey Gott, und 
Gott war das Wort. 

Aschaffenburg den 4. Februarii 1814. 

Friedrich, Ludewig, Zacharias, Werner 
Grossherzoglich Hessisch Darmstädtischer Hof-Rath.'' 

Weiter handelt das Protokoll über die Vermögensfrage, 
und zwar sehr genau. Laut Ausweis des Staatsraths Eunth 
in Berlin (2. Nov. 1812) belaufen sich Gapitalien, Pfandbriefe 



246 Er. Schmidt, Zach. Werners Priesterweihe. 

und die angesammelten Interessen auf 11905 Preuss. Thaler, 
wovon 6000 gegen Wechsel an den Grafen zu Dohna geliehen 
sind. „Herr Hofrath versicherten dabei; dass^ wo sie sich 
nach erhaltenen Weihen in das Preussische begeben werden, 
um seine Vermögen zu arrangiren, derselbe sich eine legale 
Abschrift der Urkunde über das Kapital ad 6000 Thlr. aus- 
fertigen lassen werde." In einer am 6. April 1814 eingereich- 
ten Gopie von Werners Hand ist alles bis ins kleinste specifi- 
ciert: er hat 4000 plus 2000 Rthl. bei dem älteren Dohna 
stehen ; wofür dessen Bruder bürgt; Unterschrieben: „Friede- 
rich Ferdinand Alexander Burggraf und Graf zu Dohna^ kgl. 
Staatsminister ausser Diensten^ Wilhelm Heinrich Maximilian 
Burggraf und Graf zu Dohna^ kgl. Preussischer ausserordent- 
licher Gesandter und bevollmächtigter Minister beim kgl. 
Dänischen Hofe.^ 

2. Jurament: „Aus Ueberzeugung von der Rechtschaffen- 
heit meines Sachwalters im Preussischen, des Herrn Staats- 
rath Kunth zu Berlin schwöhre ich zu Gott dem AUifiächtigen, 
dass ich vollkommen glaube, dass ich das von meinem Sach- 
walter in seinem von mir produzirten Schreiben vom 2^^ No- 
vember 1812 unter anderen specificirten Capitalien angeführte 
Capital von = Sechstausend Thaler Preussisch in der Maasse, 
als es ad ProtocoUum genommen worden, besitze, wobej ich 
eidlich verspreche, dass ich lebenslänglich besagtes Capital 
von = Sechstausend Thaler Preussisch nicht angreifen, son- 
dern wenn die Erforderniss einer Abänderung dieses Capitals 
eintreten sollte, vor der Hand die ausdrückliche Genehmigung 
des Erzbischöflichen Generalvicariats einholen werde. 

So wahr" u. s. w., wie oben. Nach Ablegung des ersten 
Eides erbittet sich Werner eine Abschrift des Protokolls, die 
er auch erhält. 

Das Protokoll sammt Beilagen wird am 10. Februar von 
Chandelle und Scheidel exhibiert (am 11. von Eolborn appro- 
biert), mit dem Bemerk: „dass sie bezeugen müssen, dass 
Nebenbenannter [Werner] mit scrupulösester Ueberlegung und 
vollem geistlichen Gefühle von der Wichtigkeit der Handlung 
eines abgelegten Eides die Juramente abgelegt habe, 2. dags 
sie dafür halten, dass das zur Richtigstellung des Tituli patri- 



Er. Schmidt, Zach. Werners Priesterweihe. 247 

monii abgelegte Jurament unter Voraussetzung dessen ^ was in 
Bezug auf diesen Gegenstand in dem ProtocoUe enthalten ist, 
und in Hinsicht, dass das in Dioecesi hujate erf oderliche 
Quantum ad titulum patrimonii in 6000 fl. besteht^ hinreichend 
sey, somit von dieser Seite der Ertheilung der hl. Weihen 
nichts im Wege stehe." 

Soweit die Acten' vor der am 16. Juli 1814 vollzogenen 
Priesterweihe. Dazu folgendes Nachspiel aus den Jahren 1815 
und 1816: 

Schreiben des Wiener Nuncius Graf Severoli vom 28.. 
August 1815 in italienischer Sprache. Die beiliegende sehr 
ungelenke deutsche Uebersetzung lautet: „Es füget sich zu- 
weilen, mit dem Priester Friderich Werner zu sprechen und 
dessen zartes Gewissen zu beruhigen, um diesem dal^er ein 
für allemahl eine endliche beruhigende Antwort zu ertheilen^ 
finde vor nöthig mich an E . . . zu wenden, mit der Bitte mir 
über folgende Punkte gefällige Auskunft zu geben. 

jtena Abschrift jener bey dem Erzbischfl. Gen. Vicariat 
von Regensburg gepflogenen Unterhandlungen gemäss welchen 
Werner frey von jeder Ehlichen Verbindung gesprochen und 
somit zur Erhaltung der Priesterweihe befähiget worden. 

2ten» jj^jjg klare, und umständliche Darlegung jener bey 
diesen Verhandlungen, wie es allerdings seyu müssen, vor- 
gebrachten Documente, die drey von Werner eingegangenen 
Ehen betrefendt. Die Todten Scheine einer oder der anderen 
dieser seiner drey Ehefrauen, : und die Urkunde der Auflösung 
seiner ersten Ehe, voUzochen von, : und bey einem Protestanti- 
schen Consistorium, oder Curia. 

3teQg WTenn es möglich wäre, eine umständliche Beschrei- 
bung jener drey von Werner eingegangenen Ehlichen Ver- 
bindungen: der Oerter, wo diese eingegangen worden, der 
Feyerlichkeiten, die dabey statt hatten, : ob dieses geschähe 
in jenen Ländern, in welchen d. Concil : von Trient publicieret 
worden und auf Sie die Erklärung Papsts Benedict des 14*®** 
nicht anwendbahr, die auf die .Niederlande, und andere Gegen- 
den geschehen, so hin ungültig, weil Sie ohne Beystandt des 
eigentlichen . . . [ein Wort unleserlich] voUzochen worden. 



248 ^i'* Schmidt, Zach. Werners Priesterweihe. 

Diei>es ist, um welches bitte: ich schrieb diessmahl in 
Italiäui^cher Sprach da ich weiss d. [dass] mann dieser kündig. 
ich ergreife die Gelegenheit die alte Fremidschaft zu er- 
uouorn** u. s, w. 

Dazu Randbemerkung Kolborns ex Mandato £m!^ 
Aschaffeuburg 6. Sept. 1815: „ad Vicariatum AEplem um in 
.soiueui Nahmen dem Verlangen des Hm. Nuncius Genüge zu 
loisteu, woraus sich die Rechtfertigung des diesseitigen Be- 
nehmens ergeben wird. Der Aufsatz muss in lateinischer 
Sprache verfasst werden". In dem sehr langen Antwortschrei- 
ben mit Marginalnoten Eolboms, expediert am 4. Oct. 1815, 
heiust CH zunächst: ,,miramur, quod dictus sacerdos quasi diffi- 
düus nostre' in perquirenda et dijudicanda ejus causa scientia' 
et judicio vel authoritati, anxius in conscientia sit, aut postea 
demum anxius factus sit.^' Die einzelnen Antworten stimmen 
wesentlich mit den obigen Acten. Todtenscheine seien von 
Werner nicht beigebracht worden, auch nicht das Document 
der ersten Scheidung: „quod Werner se perdidisse ajebat" (Kol- 
born). Ferner: ,;in illa nimirum Regione in qua hoc matri- 
monium primum contractum fuit, decretum consilii Tridentini 
. . . non publicatum fuisse videtur. Si autem fuisset publica- 
tum, saltem longo temporis intervallo in desuetudinem abiit.^^ 

Am 5. Oct wurde noch ein kürzerer Entwurf Kolboms 
expediert; worin mit merklicher Empfindlichkeit gesagt ist, 
wenn dominus Werner über seine erste Ehe falsches angegeben 
hätte, „non de conscientiae scrupulis conqueri sed imposturae 
et perjurii criminis se accusare deberet-/' doch folge zum Tröste 
aus allem: „gratiam Dei solidam conversionem in hoc Saulo 
operatam esse.'' 

Der Nuncius, Kolboms Verstimmung wol fühlend, ant- 
wortet am 18. Oct. 1815, er habe durchaus keinen so genauen, 
feierlichen Bericht verlangt, sondern nur freundschaftlich an- 
gefragt; auch müsse man möglichst vermeiden, Werners Sache 
an die grosse Glocke zu hängen: „ne res in detrimentum Wer- 
nerii propaletur, qui, mutata religione, inimicis non caret, ac 
Philosophis praecipue ubique qxosus est!'' Severoli zeigt sich 
sehr eingenommen für seinen Schützling: „qui in cura anima- 
rum tantum boni praestitit Wernerus." 



Er. Schmidt, Zach. Weraera Priesterweihe. 249 

Gleich höflich erwidert Eolbom am 28. Oct., Werners 
anxietas sei ihm längst bekannt; „est hoc tranquillitatis ejus 
obstaculum vix non invincibile. Id Wemerius ipse tam evi- 
denter agnoscity ut mihi dicere soleret^ se, si opulentus esset, 
mercede conducturum esse quendam qui, quid in qualibet oc- 
casione agendum sit, sibi imperet.'^ Auch er habe rühmen 
hören ^^praeclara in vinea Domini opera Yiennae ab eo praestita.'^ 

Inzwischen wandern alle Berichte nach Rom. Der Nuncius 
meldet am 24. Jan. 1816, sie seien gebilligt worden, freilich 
nicht ohne eine Rüge: ,,id unum utique S. Congregationem 
offendit, quod dispensatione ad Irregularitate, qua ob bigamiam 
interpretatiyam irretitus homo reipsa erat, Roma antea e lege 
non petita, illius ad ordines promotio facta sit. sed et h^c 
sanata sunt jam omnia.^' Er versichert Eolbom zugleich der 
unauslöschlichen Dankbarkeit Werners. 

Ein Schreiben Eolboms vom 8. Febr. 1816 schliesst dieses 
Nachspiel. Die schwierigen Verhältnisse des Ende 1813 ge- 
radezu suspendierten hl. Stuhls müssten ihn entschuldigen: 
„dictaque dispensatio concedi ab ordinariatu eo magis potuit, 
quo ardentius homo iste annum aetatis quadragesimum quar- 
tum jam egressus zeloque plane singulari animatus sui ad 
sacros ordines ad promotionem anhelabat.'^ 



Ans der Xenienzeit 

Von 
Wilhelm Fielitz. 

Als in Schillers Musenalmanach für das Jahr 1797 das 
Xeniengewitter über schuldige und unschuldige Häupter der 
Litteratur daherbrauste^ da warf die Springfluth von Gegen- 
schriften ^ welche bekanntlich die Folge jenes Sturmes war, 
auch ein Heftchen an das litterarische Ufer Deutschlands, be- 
scheiden an Umfang und unbedeutend im Inhalt, betitelt: „An 
die Xeniophoren. Ein kleines Messpräsent. 1797." Auf ,16 
schlecht gedruckten Seiten enthält es zwei Gruppen von Gegen- 
xenien: ausser 31 Epigrammen noch eine „Zugabe" von 18 
weiteren Distichen. Der anonyme Verfasser der ersteren fühlte 
sich offenbar von dem Almanach in seinem Localpatriotismus 
gekränkt durch das Xenion der Weser: 

Leider von mir ist gar nichts zu sagen, auch zu dem kleinsten 
Epigramme bedenkt! geh' ich der Muse nicht Stoff; 

denn in seinem 31. und letzten Distichon lüftet er ein wenig 

das Visier: 

Saul unter den Propheten. 

Wer so verwegen euch neckt? rathet nicht länger vergebens! 
Die Epigramme — bedenkt! sendet die Weser euch zu! 

Die „Zugabe" beginnt dann mit dem Epigramm: 

Prologus. 

Merket! die Weser sandte die Gastgeschenke zur J , 

Und die J giebt nun auch das Dessert noch dazu. 

Der Geschichtschreiber des Xenienkrieges, Eduard Boas, 
kannte das Schriftchen und theilte es im Auszuge mit in 



Fielitz, ans der Xenienzeit. 251 

seinem Werke: „Schiller und Goethe im Xenienkampf" (Cotta 

1851, 2 Bde.); unter der Chiffre J yermuthete er die 

Jahde. In dem Nachtrage zu diesem Werke: „Schillers und 
Goethes Xenienmanuscript^ (Berlin 1856), der von dem Frei- 
herm W. v. Maltzahn herausgegeben wurde, konnte dieser 
den Bremer Johann Smid als Verfasser der 31 Distichen 
namhaft machen; im Allgemeinen Litterarischen Anzeiger, 
herausgegeben von Friedr. Hoch, Leipzig 1797 in der Beilage 
zu Nr. 82, war nämlich Smid als Verfasser und das Büchel- 
chen selbst mit übertriebenem Lobe eine der witzigsten Gegen- 
schriften der Xenien genannt, die der Aufmerksamkeit des 
Publicums nicht entgehen dürfte. Der Freiherr v. Maltzahn 
wandte sich um nähere Mittheilungen an die beste Quelle, 
nämlich an den Verfasser selbst, der niemand anders war, als 
der bekannte, um seine Vaterstadt nicht allein, sondern um 
die deutschen Handelsinteressen hochverdiente Bremer Raths- 
herr und seit 1821 Bürgermeister Johann Smidt (geb. 1773, 
gest. 1857). Der 83jährige Greis sandte zugleich mit einer 
von seinem Schreiber gefertigten Abschrift des Messpräsents 
die gewünschte Auskunft in einem langen, prächtigen Briefe 
vom 9 — 17. December 1856; er ist dictiert, aber mit eigen- 
händigen längeren Bandbemerkungen und einem ebensolchen 
Schluss von Smidt versehen. Der Brief scheint mir interessant 
genug, um, mit des Besitzers gütiger Erlaubniss, einiges 
daraus mitzutheilen, nicht bloss, weil er über die Entstehung 
jenes unbedeutenden Schriftchens völlige Gewissheit gibt, son- 
dern weil er auf die ganze Xenienzeit charakteristische Lichter 
fallen lässt, und endlich, weil er interessante Beziehungen des 
Verfassers zu Fichte und Goethe zeigt. 

Smidt studierte von Ostern 1792 bis Michaelis 1795 in 
Jena, „also in einem Zeitraum, wo Geist und Gemüth durch 
die Ergebnisse der franzosischen Revolution, durch die von 
Kant ausgegangene und von Reinhold '^ und Fichte weiter ent- 
wickelte kritische Philosophie, wie durch das Wiederaufleben 
der deutschen Dichtkunst unter Goethe und Schiller gleichzeitig 



* Wielands Schwiegersohn, Kantianer, Professor in Jena seit 1787. 
Bei seinem Abgange nach Kiel wurde 1794 Fichte sein Nachfolger. 



252 Fielitz, aus der Xenienzeit. 

angeregt und in Anspruch genommen wurden. Es gab damals 
fast keine gesellige Unterhaltung, welche sich nicht in diesen 
Regionen bewegte. Das war auch in einem Cirkel academi- 
scher Genossen der Fall, der selten über ein Dutzend Mitglieder 
zählend, sich jeden Mittwoch Nachmittag und Abend in einem 
gemeinschaftlich gemietheten Locale versammelte. Man nannte 
ihn die Gesellschaft der freien Männer, weil keiner, der 
zu einem academischen Orden gehörte, in dieselbe aufgenom- 
men wurde.^ Als Genossen in diesem Cirkel nennt Smidt u« a. 
den Philosophen Herbart (f 1841 in Göttingen), den Dänen 
von Berger (f als Professor in Eiel), den Curländer Lind- 
ner (später Redacteur eines Oppositionsblattes in Weimar^ 
t in Stuttgart), den Braunschweiger Friedr. Hörn, älteren 
Bruder des Litterarhistorikers Franz Hom (f 1844 als Senator 
in Bremen). Spätere Mitglieder waren der Tasso-Uebersetzer 
Gries (f in Hamburg 1842) und Clemens Brentano (f 1842 
kb Aschaffenburg). — Die Unterhaltung an jenen Mittwoch- 
Abenden bestand darin, „dass bei jeder Zusammenkunft ein 
Mitglied dieses Kreises einen von ihm selbst bearbeiteten Auf- 
satz oder Abhandlung, dessen Material in der Regel einer jener 
drei Regionen entnommen war, vorlas, worauf der Inhalt 
desselben dann von den Genossen weiter besprochen und 
critisirt wurde. Blieb Zeit übrig, so wurde diese auf Mitthei- 
lungen aus der neusten Litteratur verwendet, Dramen von 
Goethe und Schiller wurden mit vertheilten Rollen verlesen 
und Declamationsübungen angestellt, wozu namentlich die im 
8. Bande der ersten Göschenschen Ausgabe von Goethes Wer- 
ken enthaltenen lyrischen Erzeugnisse benutzt wurden.^ So 
war namentlich das kleine Gedicht: Herbstgefühl eine crux 
declamationis, und wenigstens ein Dutzend Mal wurde es ver- 
sucht, den passenden Ausdruck für den Inhalt zu ermitteln. 
„Auch übte man sich in dichterischen Versuchen, namentlich 
in der damals beUebten Distichonform. Ich erinnere mich, 
dass diese besonders zur Porträtirung der damaligen Coryphäen 
der französischen Revolution benutzt wurde, und selbst zur 
Darstellung der Quintessenz einzelner philosophischer Dogmen 
und Ansichten. — Beim Abendessen^ bei dem jedoch nichts 
von einem sogenannten commersartigen Verfahren zu erblicken 



Fielitz, aus der Xenienzeit. 253 

war, waltete ein fröhlicher Humor. — Man fand mitunter 
Vergnügen daran, sich im Hexameter zu unterhalten. Ueber- 
haupt war in diesem Cirkel ein durchaus ernster Ton vor- 
herrschend, keine academische Frivolität kam in demselben 
vor. Er stand in einer gewissen öffentlichen Achtung, und 
mitunter gastirten selbst Professoren bei diesen Zusammen- 
künften. Namentlich erinnere ich mich, dass Fichte und 
Paulus* mehrmals in demselben zugegen waren. ^ 

Deutlich klingt noch in diesem Berichte der Gegensatz 
nach, in welchen sich diese Gesellschaft zu den studentischen 
Orden oder Verbindungen stellte; aber völlig verblasst ist 
darin die Erinnerung an die aufgeregten Kämpfe, welche die 
Stiftung dieses Cirkels gekostet hat. Es ist mir nämlich un- 
zweifelhaft, dass wir in den obigen Mittheilungen Smidts einen 
zuverlässigen Commentar haben zu dem erregten Briefe Fichtes 
vom 16. Februar 1795 an den Curator, wenn ich so sagen 
soll, der Universität Jena, Geheimrath Voigt, der in Goethes 
Briefen an Voigt, herausgegeben von Otto Jahn, Leipzig 1868 
S. 471, veröffentlicht ist. Fichte eiferte bekanntlich in Vor- 
lesungen gegen die Orden, deren Roheit und wüste Renom- 
misterei Jena seit lange auf das übelste berüchtigte, von dem 
Senate aber als etwas gewohntes und berechtigtes ertragen 
wurde. Er erreichte auch, dass drei Orden sich zur Auflösung 
bereit erklärten; als aber eine Ordenscommission zur Leitung 
der Angelegenheit in das Jenaer Schloss einzog, trat einer 
von den dreien zurück und machte seiner Feindschaft gegen 
Fichte Luft durch nächtliche Musiken, Fenster einwerfen, ja 
Insulten auf der Strasse gegen ihn und seine Frau. Beim 
Senate fand Fichte weder Unterstützung noch Schutz, nur 
Paulus stellte sich energisch neben ihn (vgl. dessen Brief 
bei'O. Jahn a. a. 0.); da sandte Fichte den entrüsteten 
Brief an Voigt, in dem er dringend um die Hilfe des welt- 
lichen Armes bat. In demselben erwähnt er wiederholt 
eine ordensfeindliche „litterarische Gesellschaft", ohne Zwei- 
fel „die Gesellschaft der freien Männer", von der Smidt be- 



* Schillers Landsmann und Freund, aus Leonberg, Professor der 
Theologie in Jena, gieng 1803 nach Würzburg. 



254 Fielitz, aus der Xenienzeit. 

richtet*, und über deren Anfange wir in dem Fichteschen 
Briefe interessante Aufschlüsse erhalten. „Die Lage unserer 
Akademie ist jetzt folgende," schreibt Pichte. „Die Stim- 
mung der Majorität hat sich bei mehreren Gelegenheiten, da 
„„Bursche raus*'" und sogar „„Feuer''" gerufen worden, und 
niemand kam, sie hat sich besonders durch jenen Plan der 
litter arischen Gesellschaft, wo ohne alles Zuthun geschah, was 
wir mit den grössten Anstrengungen hätten befördern sollen, 
erklärt." Dagegen mache der Geist der Renommisterei, be- 
richtet er weiter, grosse Anstrengungen, um durch Herbei- 
ziehung neuer Kräfte die Orden wieder in Flor zu bringen; 
zwar werde er fortfahren, mit Vernunftgründen ihnen zu Leibe 
zu gehn, „aber ich siege dennoch nicht, wenn nicht der welt- 
liche Arm dazu kommt Wie der Senat sich gegen das Projekt 
der litterarischen Gesellschaft benommen, habe ich Ihnen im 
Allgemeinen geschrieben. In das Einzelne zu gehen, wäre 
eine widerliche Arbeit. — Ein sehr geschätzter Lehrer giesst 
neuerlich in seinen Vorlesungen — gewiss in aller Unschuld, 
weil er die Lage der Dinge nicht kennt — seinen Witz über 
das Projekt der litterarischen Gesellschaft. Die dagegen 
interessirten klopften ihm lauten Beifall zu ; die entschiedenste 
Majorität würde ihm ihr Missfallen zu erkennen gegeben 
haben, aber die gute Sache ist immer bescheiden, indess die 
böse lärmt; imd das ist zwar eine Ehre für die erstere, aber 
nicht immer ihr Vortheil. Kurz die allgemeine Stimme schien 
sich erklärt zu hab^n, und eine Menge schwacher Bürger 

* In den Xenien spricht die Saale: 

Kurz ist mein Lauf und begrüsst der Fflrsten, der Völker so viele, 
Aber die Fürsten sind gut, aber die Völker sind frey. 

Unter den „Völkern" verstand man damals und mit Recht (S. Letter. 
Spiessruthen S. 40) die Studenten, die allerdings aus vieler Herren Län- 
dern, auch ausserdeutschen, zusammenkamen. Smidt antwortet in seinem 

13. Distichon: 

Saalfreyheit. 

Lange zerbrach mir den Kopf das freye Völklein der Saale. 

Fabri nennt es uns nicht. Xeniophoren, ihr wisst's!? 

d. h. unter den Jenaischen Studenten kenne ich kein freies Völklein, 
ausser äinem — Xeniophoren, ihr kennt es ja wol — die „Gesellschaft 
der freien Männer". Fabri ist ein geographisches Handbuch. 



Fielitzy aus der Xenienzeit. 255 

traten zum Triumph des Renommistengeistes zurück. Das 
Projekt wird nur noch durch einige feste Charaktere gehalten." 
Unter diesen festen Charakteren kennen wir jetzt die Namen 
Herbart und Smidt. Natürh'ch, dass Fichte, wie Paulus, dieser 
Gesellschaft durch personliches erscheinen in ihren Versamm- 
lungen Ansehen zu verleihen suchten, natürlich auch, dass 
Smidt ein specieller Günstling Fichtes wurde. Als im Sommer 
1795 Fichte, so erzählt Smidt, wegen des Verbots seiner 
Sonntagsvorlesungen sich in das alte Schloss von Osmannstedt 
zurückzog, räumte der Philosoph dem jungen Studenten ein 
Zimmer daselbst ein, und dieser pflegte sich dort von Sonn- 
abend bis Montag bei ihm aufzuhalten. 

Doch kehren wir zu der Xenienangelegenheit zurück. Bei- 
Schiller hörte Smidt Aesthetik*; Goethe zu sehen und an seiner 
Unterhaltung Theil zu nehmen, hatte er sowol in geselligen 
Kreisen Jenas, als im Goetheschen Hause zu Weimar, wo er 
eingeführt war, Gelegenheii „Dass uns beide Heroen der 
deutschen Dichtkunst als Gegenstände der höchsten Verehrung, 
alä über jedem Makel erhaben erschienen, ergab sich von 
selbst." Michaelis 1795 verliess er mit Freund Hom die 
Universität. Im Anfange 1797 äusserte sich Hom in einem 
Briefe ausführlich gegen Smidt über die Xenien, die sich daraus 
ergebende Vermenschlichung der Göttergestalten und das da- 
durch verletzte Pietätsgefühl schmerzlich beklagend. Smidt gab 
ihm sein Einverständniss, wie er sagt, „in der Manier unsrer 
früheren Jenaischen Austauschungen" in den fraglichen 31 
Distichen zurück, von denen er nicht einmal eine Abschrift be- 
hielt. Die Pointe des Ergusses war die Ehrenrettung der Weser, 
mit deren Annihilisation durch Schiller Smidt von dem Freunde 
geneckt war. An Publication wurde im entferntesten nicht 
gedacht. 

Nach mehreren Monaten kehrt Smidt von einer Reise 
durch die Schweiz und Lombardei nach Deutschland zurück, 
tritt in Frankfurt am Main in einen Buchladen und erkundigt 
sich nach den inzwischen erschienenen litterarischen Novitäten. 
Da findet er zu seiner höchsten üeberraschung unter den 



* Schiller las dieselbe im Wintersemester 1792—93. 



256 Fielitz, ans der Xenienzeit. 

vorgelegten Flugscilriften seine eigenen 31 Distichen, mit einem 
Titelblatt und einer Zugabe, ~ deren Verfasser er sich nicht 
enträthseln konnte, abgedruckt. Freund Hörn gab denn die 
Aufklärung, dass die fraglichen 31 durch ihn nach Hildesheim 
an einen Freund und verwandten, Namens Himly, mitgetheilt 
seien, der bei dem preussischen Gesandten am dortigen nieder- 
sächsischen Kreistage, v. Dohm, Legationssecretär war: und 
das war der Missethäter, sowie der Verfasser ' der Zugabe. 

I ist die Immeich, ein Flüsschen bei Hildesheim '^. 

So ist die Entstehung des Schriftchens klar**. Aber 
Smidts Bericht dient uns noch zu andern Aufklärungen. Ich 
mache darauf aufmerksam, dass bereits vor Michaelis 1795, 
also ehe Goethe und Schiller an die Xenien dachten, ja ehe 
Goethes Venetianische Epigramme und Schillers erste Disticha 
im Musenalmanach (Januar 1796) und in den letzten Hören- 
heften 1795 erschienen, schon gleichzeitig mit dem erscheinen 
der Goetheschen Elegien im 6. Heft der Hören (Juli 1795), 
man in Jena die Form des Distichons gebrauchte, um politische, 
philosophische, vermuthlich auch aesthetische Urtheile kurz 
und scharf zu formulieren. Damit bringe ich in Zusammen- 
hang, was Goethe am 30. Januar 1796 über die Bedoute zur 
Geburtstagsfeier der Herzogin Louise dem Freunde meldet: 
„Da man jetzt bloss in Distichen spricht, so musste der 
türkische Hof selbst sein Compliment au die Herzogin in 
dieser Versart darbringen, wie Sie aus der Beilage*** sehen 
werden.'^ Scheint es da nicht, als habe die Distichondichtung 
bereits in der Weimar-Jenaischen Luft gelegen, als die beiden 
Dichter auf den Einfall kamen, in lauter Einzeldistichen nach 
Martials Vorbild Geschosse auf ihre Feinde zu werfen? Waren 



* So Smidt. Ob Immeich ein provincieller Name fdr die Innerste, 
oder ein Nebeniiüsschen derselben ist, weiss ich nicht. 

** Die im „Xenienmannscript" ausgesprochene Yermuthung, dass 
der Verfasser jener lobenden Anzeige im Litterar. Anzeiger 1797, die S. 
unterzeichnet ist, Smidt selbst sei, würde nach dieser Darstellung von 
selbst hinfallen, auch wenn der würdige Mann nicht ausdrücklich dem 
Frh. y. Maltzahn versicherte, er habe bis dahin nie gewusst, dass er 
irgendwo als Verfasser der 31 Disticha genannt sei. 

*** Diese Beilage hat H. Düntzer kürzlich wieder hergestellt ans 
einem Briefe der Amelie yon Imhof (Archiv lY S. 398). 



Fielitz, aus der Xenienzeit. 257 

jene metrischen Exercitien eine Wirkung der Goethisclien 
Elegien? oder des Vossischen Besuchs in Weimar, im Juni 
1794? Diese Liebhaberei verbreitete sich durch die Xenien 
wie ein Fieber über ganz Deutschland. Die Anwendung des 
Einzeldistichons zur Wahrung und scharfen Praecisierung des 
eignen Standpunctes anders denkenden gegenüber in aestheti- 
scheU; philosophischen, politischen Dingen war etwas neues; 
dass man aus diesem Holze auch Pfeile schnitzen könne, war 
eine Entdeckung der Xenienschützen, die in jener aesthetisch, 
philosophisch und politisch so erregten Zeit ebenso willkom- 
men wie bequem war; kein Wunder, dass mit der neu erfun- 
denen Schusswaffe die ganze waffenfähige Mannschaft Uebungen 
anstellte; Boas' „Xenienkampf" brachte schon zahlreiche Be- 
weise für das erregte treiben in dieser Beziehung, Smidt, 
Hörn und Himly sind uns neue Beispiele. Briefe und Taschen- 
bücher voll Distichen, die theils Freunde, theils Feinde, alle 
aber Nachahmungen der Xenien waren, wurden damals ge- 
schrieben, abgeschrieben und weiter colportiert, imd ein Glück, 
dass nicht alles gedruckt wurde, was gedruckt werden wollte. 

Auch von dem gedruckten ist nur ein geringer Theil 
der Reproduction werth; meistentheils genügt es, den Titel 
und allenfalls die Vorrede zu registrieren. Dies möge mir bei 
zwei Schriftchen gestattet sein, von denen mir, ebenfalls durch 
des Herrn v. Maltzahn Güte, Copien zugegangen sind und 
die bisher von den Darstellern des Xenienkampfes nicht ge- 
kannt waren. Von dem ersten, bisher völlig unbekannten, 
das auf einen Bogen in Octav gedruckt ist, hat sich ein 
Exemplar auf der Hamburger Stadtbibliothek erhalten. Der 
Titel lautet: 

Verschen | Nach dem neuesten Geschmack. | Für | Ham- 
burg und Altona 1 1797. | Kostet 4/^. | „Anstatt der Vorrede: 
Göthe und Schiller, zwey der besten Schriftsteller Deutsch- 
lands gaben Xenien oder Doppelverse heraus. Ihre Absicht 
war das deutsche Publikum auf den Stolz und die Menge Ben- 
der Autoren aufmerksam zu machen. Dies zu bewirken be- 
dienten sie sich satyrischer Verse. Und sieh da, ihr Endzweck 
war vollkommen erreicht! Sie trafen so gut, und ihre Hiebe 
drangen so tief, dass alles elende Scribenten-Gesindl nun in 

AncBXT f. Lxtt.-Obsch. VI. 17 




258 Fielitz, ans der Xenienzeit. 

das schrecklichste Zettergeschrey gegen sie ausbricht. Das 
unpartheyische Publikum ma^ entscheiden ob die Schuld an 
Göthen und Schiller liegt^ welche züchtigten^ was zu züch- 
tigen war^ oder an denen^ welche so viel Blosse hatten^ dass 
sie wund werden mussten?" 

Der Inhalt, bestehend in 23 spottschlechten Distichen, 
berührt meist Hamburgisch-Altonaische Localinteressen. Das 
zweite Schriftchen , von dessen Existenz Gervinus* wie Boas** 
wussten, scheint ihnen doch nicht zu Gesichte gekommen zu 
sein. Die mir vorliegende tiopie ist gefertigt nach dem Original- 
exemplar in der Eonigl. Bibliothek in Berlin, aus der von 
Meusebachschen Sammlung, Litt. germ. Ym. 7501. Der Titel 
ist in lateinischer Majuskelschrift gedruckt (wie das ganze 
Schriftchen lateinisch) und lautet: 

Xenien J Gleim, | dem Stifts- und Musenjubilar | an | sei- 
nem Geburtstage | gewidmet | Erstes Fünfzig. | Halberstadt 
den 2 April 1797. | Als Verfasser vermuthet Herder in einem 
Briefe an Böttiger (litterar. Zustande H. 190) mit Recht*** 
den Rector Fischer und den Dichter Elamer Schmidt, 
-Jaeite jnHalberstadt. Die Vorrede lautet: 

"""^^sJElrlaubniss zum Druck 

Wir können nicht uS^j^n^zu gestehn, dass uns etwas 
bange ward, als uns schon wieder^'rä^nien, erstes Fünfzig, 
zur Censur vorgelegt wurden-, in friscftv^ Erinnerung des Un- 
fugs, den ein gewisser Schüler und Gete- .neuerdings damit 
getrieben. Nachdem wir aber selbige durchgelesen, verwan- 
delte sich unsre Furcht in lebhaftes Vergnügen r denn wenn 
alle Xenien so sind, wie diese, so mögen ihrer in Gottes 
Namen so viel gedruckt werden, als da wollen; und wir er- 
theüen denselben also hierdurch mit dem frohesten Harzen 
unser Imprimatur. Halberstadt, den 1 April 1797. 



* Poetische Nationallitteratur IV. S. 254. 

** Xenienkampf II. S. 167; vgl. Xenien mannscript S. 262, welche. 
Stelle hiemach zu berichtigen ist. 

*** Man vergleiche das 2. Xenion: 
F. Sagt, wem bringen wir sie? El. Wem, als im Tempel der Musen 
Gleim „mit dem brennenden Dnrsi Freund seinen Freunden zu seyn**? 



Fielitz, ans der Xenienzeit. 259 

Zur allein yemttnftigen und rechtmässigen 
Selbstcensur allerhöchst verordnete, 

Die Wahrheit. 

Der gesunde Menschenverstand. 

Die Humanitftt. 

Die Freundschaft 

Die 50 Distichen sind ein Pflaster, von Freundes Hand 
dem Vater Gleim auf die Wunde gelegt, die ihm das Xenion 
geschlagen hatte, das auf die Frage der Unterwelt nach dem 
alten Peleus die Antwort gab: 

Ach! ihm mangelt leider die spannende Kraft und die Schnelle, 
Die einst des G(renadiers) herrliche Saiten belebt. 

Der Inhalt ist matt und voll überschwänglichen Lobes der 
Gleimschen Muse; polemische Spitze hat ausser der Vorrede 
nur das erste Distichon: 

Was sind Xenien? 

Xenien, wenn ihr mich fragt, sind liebe Geschenke der Freundschaft; 
Ob auch von Sündern entweiht, dennoch erfreulich und süss, 

und das 36ste: 

Peleus. 

Denkt wol, der junge Greis ist ein greiser Jüngling 1 Versucht es. 
Ob sein geworfener Pfeil Kraft noch und Schnelle verräthl 

Doch kehren wir noch einmal zu unserm jungen. Jenaer 
Studenten zurück. „Ich erinnere mich,^ f&gt er seinen Mit- 
theilungen, den Xenienkrieg betreffend, hinzu, „dass ich zu 
der Zeit, wie zuerst von dem Marionettenspiel, mit welchem 
Gothe sich in seiner Jugend vei^ügt, etwas verlautete (ich 
weiss nicht ob in den Hören etwas darüber vorgekommen 
war^ oder nur in einer Erzählung Göthes in einem geselligen 
Cirkel, dem ich beiwohnte) auf einige Tage nach Frankfurt 
am Main reiste, dort bei Gothes Mutter eingeführt ward, und 
auf ihre erste Frage, ob ich ihr nichts von ihrem Sohne zu 
erzählen wisse, — seiner Erinnenmg an dieses Puppenspiel 



* Nein, zuerst im ersten Buch von Wilhelm Meister, das im December 
1794 gedruckt war and im Januar 1796 ausgegeben wurde. Danach 
mÜBste die Reise wol 1794 schon stattgehabt haben, da die oben er- 
zählte Scene nur denkbar ist vor der Publication des Romans. 

17* 



260 Fielitz, ans der Xenienzeit. 

gedachte. — „„Wenn er einem doch vorher nur ein Wort 
gönnte darüber, wenn er etwas berühmt machen will,"" fuhr 
sie heraus. — „„Denken Sie, das Puppenspiel hat noch bis 
vor 4 Wochen auf dem Boden imsers Hauses gelegen, wo ich 
es, weil es mir im Wege war, an einige Kinder der Nachbar- 
schaft verschenkte. — Das hätte ich jetzt wohl bleiben las- 
sen!"" — Die Puppenspielscenen gehören also nicht zur Dich- 
tung, sondern zur Wahrheit"*. 

Und endlich zum Schluss die Notiz, dass wir auch aus 
Goethes späterem Leben vielleicht die Spur eines Verkehrs 
mit Smidt haben in der Angabe Eckermanns vom 10. Februar 
1829: „Ich fand Goethe umringt von Karten und Plänen in 
Bezug auf den Bremer Hafenbau, für welches grossartige 
Unternehmen er ein besonderes Interesse zeigte." Bremerhaven 
ist die gewaltige Schöpfung Smidts. 

* Die Ueberreste des Puppenspiels werden noch heute in Frankfurt 
auf der Stadtbibliothek aufbewahrt. S. Hempelsche Goethe • Ausgabe, 
Bd. 20 S. 237. 



Studien zn ScMUers Dramen. 

Von 

Wilhelm Fielitz. 

Leipzig. B. G. Tenbner 1876. 121 SS. S^. 

Herr Dr. Fielitz^ der sich bisher als gründlichen Special- 
forscher auf dem Gebiete der Schiller-Litteratur bewährt hat, 
tritt mit obigem Buche als aesthetischer Kritiker zum ersten 
Male auf und beweist^ dass er auch hierzu Talent und Beruf hat. 
Das kann freilich nur solche befremden, die auf alle Special- 
forschung vornehm herabsehen, während es bei mir Von vom- 
herein fest steht, dass keiner die. Mühe der Specialforschung 
über einen grossen Dichter übernimmt, der nicht zuvor von Liebe 
und Begeisterung für denselben beseelt, dem er nicht in seiner 
Ganzheit und Grösse aufgegangen und klar geworden wäre. 
Und gerade solchen mochte ich lieber ein aesthetisches Urtheil 
über unsere deutschen Dichterheroen anvertrauen als deneo, die 
ihre Litteraturgeschichten u. dgl. um ihres eigenen Ruhmes 
willen schreiben und es zu ihrem Kritikerberuf für unumgäng- 
lich erforderlich halten, Fehler, Mängel, Schwächen, Schief- 
heiten an Dichtern zu entdecken, von denen das geringste 
Werk die gefeiertste Litteraturgeschichte überdauern wird, an 
Dichtern, die dazu berufen sind, in Jahrtausenden einmal 
Lehrer der ganzen gebildeten Welt zu werden. 

Herr Dr. Fielitz hat, zufällig oder absichtlich, eine Stelle 
stehen lassen, aus der ich schliessen zu dürfen glaube, dass 
das Buch die Erweiterung eines Vortrages ist, und diese Art 
der Entstehung hat seinem Ausdruck, dem man die Lessingische 
Schule ansieht, Frische und Lebendigkeit gegeben. Auch 
scheint aus dieser Stelle hervorzugehen, dass er auch die noch 



262 B*ob. Boxberger, Anz. von Fielitz^ SchiUers Dramen. 

übrigen Meisterwerke des Dichters^ die Braut Ton Messina und 
Wilhelm Teil, vor sein kritisches Forum zu ziehen beabsich- 
tigt; auch Don Garlos wäre wol einer neuen aesthetischen 
Untersuchung nicht unwerth, zu der es mich freuen sollte, ihn 
durch diese Anzeige anzuregen, falls er sie nicht schon ins 
Auge gefasst hat. ,,Für heute", sagt er, habe er nur Wallen- 
stein, Maria Stuart und die Jungfrau von Orleans aesthetisch 
zu beleuchten sich yorgenommen. Bei der Besprechung des 
Wallenstein, zu der er die erste Anregung durch das Buch 
von Professor Süvem erhalten hat, bekämpft er mit Glück 
die aus der leidigen, und immer wieder spukenden, Yergleichung 
mit den alten hervorgegangene, durchaus verfehlte Ansicht, 
Schiller habe in seinen Dramen vom Wallenstein die Schick- 
salsidee der alten wieder einführen wollen. Mit dieser ver- 
fehlten Ansicht war zuerst Professor Süvem in Berlin in seinem 
Buche: „üeber Schillers Wallenstein in ELinsicht auf griechische 
Tragödie. Berlin 1800" aufgetreten. Natürlich, wenn man 
einem Dichter eine Absicht unterschiebt, die er nie gehabt 
hat, so kann man dann auch nur finden, er habe diese Absicht 
verfehlt, und daher stammen dann diese gewaltigen Missgriffe 
in unscm noch jetzt gefeiertsten Aesthetiken imd Litteratur- 
geschichten. Für einen Professor, wahrscheinlich des Griechi- 
schen, hatte übrigens Süvem noch Yerständniss und Achtung 
genug f[ir dieses unsterbliche Werk des deutschen Genius, und 
Schiller fand sich veranlasst ihm hoflich für die Zusendung 
des Buches zu danken, „aber, sagt Fielitz (S. 3), von einer 
Aeusserung, "ob der Verfasser des Dichters Grundgedanken 
getroffen, nichts! Das heisst doch wol: Mein Freund, Du 
hast vorbeigeschossen." Ich würde mich positiver so aus- 
gedrückt haben: Der ganze Brief ist ein energischer Protest 
gegen die grundfalsche Ansicht, man müsse jedes neuere 
Kunstwerk mit dem Massstabe der alten messen. Da man 
sich bisher so wenig bemüht hat, Schillers eigene Meinung 
darüber zu beherzigen, so kann es nichts schaden, wenn ich 
seine eigenen Worte aus jenem Briefe noch einmal hierher- 
setze, obgleich sie in drei Auflagen des Schiller-Goethischen 
Briefwechsels zu finden sind (3. Aufl. II, S. 285): „Ich theile 
mit Ihnen die unbedingte Verehrung der Sophokleischen Tra- 



Bob. Boxberger, Anz. yon Fielits, SchiUera Dramen. 263 

godie^ aber sie war eine Erscheinung ihrer Zeit^ die nicht wieder 
kommen kann, und das lebendige Product einer individuellen 
bestimmten Gegenwart einer ganz heterogenen Zeit zum Mass- 
stab und Muster aufdringen , hiesse die Kunst , die immer 
dynamisch und lebendig entstehen und wirken muss, eher tödten 
als beleben.^ Deutlicher kann man nicht sprechen; aber was 
hilft's? So lange ich noch die Feder führen kann, werde ich 
mich freilich bemühen, gegen diesen Unfug zu schreiben, aber 
nur zur Beruhigung meines Gewissens, nicht in der Hoffiiung 
gehört zu werden. Der Schluss scheint einmal fest zu stehen: 
weil Schiller die alten gelesen, ja übersetzt hat, darum hat 
er sie nachgeahmt; weil er sie aber nicht so oft gelesen hat 
. als Professor NN,, der sie Jahr aus Jahr ein mit derselben 
Gründlichkeit seinen Schulknaben vordooiert, darum hat er 
sie falsch nachgeahmt. Ein für alle Mal sei es hier gesagt 
(den Beweis werde ich an einem andern Orte gründlich führen): 
die Sprache der antiken Tragoedie ist bei Schiller, selbst in 
der Braut von Messina, nur poetischer Schmuck, äusserer 
Zierat, nichts weiter. „Es leben Gotter, die den Hochmuth 
rächen ! ^ sagt die streng katholische Maria. Schillers Dichtung 
ist sentimental, romantisch (auch die Braut von Messina), oder 
wie man sie sonst nennen will, aber romantisch nicht im Sinne 
der romantischen Schule, sie ist cl assisch, insofern man das 
Yorzüglichste seiner Gattung mit dem Ausdrucke bezeichnet, 
aber sie ist nicht classisch im Sinne der antiken Kunst; wäre 
sie dies, so würde ich ihm schlechten Dank dafür wissen. Doch 
— Herr Dr. Fielitz mag diese Abschweifung verzeihen. Er 
sieht daraus, dass ich den Fehler von Süvems Buche aller- 
dings in seinen Grundsätzen so wie in seiner Methode finde. 
Weil jene falsch sind, darum taugt auch diese nichts. 

Aus obigem ergibt sich, wie sehr ich mit Fielitz' Ansicht 
übereinstimme, dass alles, was man im Wallenstein für ein 
Aequivalent des antiken Schicksals hat ausgeben wollen, toto 
coelo von demselben verschieden ist. Die Schuld thut alles 
bei dem Falle des Helden, so muss es nach der neueren christ- 
lichen sittlichen Anschauung sein, und so ist es. Demnach 
wird Herr Dr. Fielitz sich selbst sagen, dass ich auf seine 
Auseinandersetzung von der kimstvoUen Führung der Hand- 



264 Brob. Boxberger, Anz. von Fielitz, Schillers Dramen. 

long, die er so ausführlieh wie schön in das Licht stellt, 
weniger Gewicht lege. Oberflächliche Leser könnten sogar 
dadurch auf den Gedanken kommen, als sei gar der Zufall 
im Grunde an Wallensteins Untergange Schuld. Denn wäre 
Max zur rechten Zeit vorgelassen worden, so hätte Wallenstein 
den yerhängnissvoUen Schritt nicht gethan. Sie bedenken 
über der schönen und ausführlichen Auseinandersetzung nicht, 
dass das Rad schon im rollen ist, dass Max' Verspätung bloss 
den yerhängnissvoUen Schritt beschleunigt, ihn aber nicht 
herbeiführt. Der verhängnissTolle Ruf „Er kommt zu spät" 
ertönt allerdings öfter in dem Stücke und immer mit erschüt- 
terndem Eindrucke auf den Zuschauer, ja man könnte zu Fielitz' 
vortrefflicher Darstellung auf S. 42 noch hinzufügen: er liegt 
auch ganz am Schluss in Octavios schmerzlichem Blick zum 
Himmel. Die Aufschrift des kaiserlichen Briefes „dem Fürsten 
Piccolomini" verkündet ihm, dass er das Ziel seines Ehr- 
geizes erreicht hat, aber — zu spät! Durch seine Schuld ist 
der Erbe dieser neuen Würde, ohne den sie nur ein leerer 
Schall ist, in den Tod gegangen. 

Mit gleichem Geschick weist Fielitz auch die beiden an- 
dern häufigsten Einwendungen gegen dieses Meisterwerk zu- 
rück. Auch hier darf wol Ref., hoffentlich im Sinne des Ver- 
fassers, aber nach eigner Anschauung kürzer die Entgegnung 
dahin zusammenfassen: Wallenstein ist ganz Held; der An- 
strich von altem Weibe, den ihm Wieland so freundlich im- 
putieren will, findet sich nur in Wielands eigenem Charakter. 
Wallensteins schwanken kommt bloss daher, dass er sich einer 
sittlichen Macht gegenüber befindet. War Caesar etwa, mit 
dem Wallenstein sich so gern vergleicht, kein Held? Und 
doch stand er zögernd am Rubicon, weil ihn der Gedanke er- 
schütterte : 

Den heiligen Heerd der Laren umzustürzen, 
Bewaffnest du die frevelhafte Hand. 

Wahrlich, wenn er sich in Ravenna und am Rubicon nicht 
ähnliche Fragen vorgelegt hat, wie Wallenstein in dem herr- 
lichen Monologe: „Und was ist dein Beginnen?^, o so war er 
nicht so gross wie Wallenstein, so fehlte ihm der sittliche 
Gehalt; den wir von einem Helden der neueren Tragoedie ver- 



Hob. Boxberger, Anz. von Fielitz, Schillers Dramen. 265 

langen, so muss ihm ein neuerer Dichter einen solchen Mono- 
log, gegen seinen historischen Charakter, erst in den Mund 
legen. So gewiss Caesar nicht weniger ein Held war am 
Bubicon als bei Pharsalus, so gewiss ist Wallenstein ein Held 
von Anfang bis zu Ende des Stückes, nicht minder ehrwürdig 
in seinem schwanken gegenüber dem Sittengesetz als in seinem 
handeln gegen bessere üeberzeugung. Ausserordentliche Men- 
schen dürfen eben nicht mit dem gewöhnlichen moralischen 
Massstabe gemessen werden. Aber Caesar siegte bei Pharsalus 
und rechtfertigte den Ausspruch der Gräfin Terzky; 

Und wenn es glückt^ so ist es auch verziehn, 
Denn aller Ausgang ist ein Gottesurthel. 

Wallenstein fiel durch Meuchelmord, und erst damit scheitert 
bei Schiller sein unternehmen, nicht durch den Verrath Octavios, 
nicht durch den Abfall der Truppen; denn so lange dieser 
Geist in diesem Körper lebt, ist Ferdinand auf seinem Throne 
nicht sicher. Nun, und waren etwa die Zustände des heiligen 
römischen Reiches deutscher Nation weniger morsch zur Zeit 
des Dreissigjährigen Krieges als die Zustände Roms zur Zeit 
des Bürgerkrieges? Hatte das Haus Habsburg seine Stellung 
an der Spitze Deutschlands etwa weniger gemissbraucht als 
Pompejus die seinige an der Spitze des römischen Senates? 
Es muss einmal ausdrücklich gesagt werden: der Meuchel- 
mord an Wallenstein, zu dem sich Ferdinand erniedrigte, war 
ein nationales Unglück für ganz Deutschland. Wallenstein 
vereinigte in seinem Charakter, in seiner Stellung, in seinen 
Geistesgaben alle Eigenschaften, um der Retter Deutschlands 
zu werden; das Schicksal drängte ihn dazu, Ferdinands Meuchel- 
mord durchschnitt den kühnen Plan. Aber in seinen Bahnen 
sind alle grossen deutschen Männer der folgenden Jahrhunderte 
gewandelt, und Friedrich der Grosse bei Leuthen und unser 
grosser Kaiser Wilhelm bei Königgrätz haben die blutige 
That von Eger gerächt, und aufs neue den Beweis geliefert, 
dass Meuchelmord den Gang der Geschichte zwar hemmen, 
aber nicht ändern kann. — Dass Wallensteins unternehmen 
vom Standpuncte der Weltgeschichte aus ein gerechtfertigtes 
war, das können wir freilich jetzt mit Bestimmtheit behaupten, 



260 Fielitz, ans der Xenienzeit. 

gedachte. — „„Wenn er einem doch vorher nur ein Wort 
gönnte darüber, wenn er etwas berühmt machen will,"" fuhr 
sie heraus. — „„Denken Sie, das Puppenspiel hat noch bis 
vor 4 Wochen auf dem Boden unsers Hauses gelegen, wo ich 
es, weil es mir im Wege war, an einige Kinder der Nachbar- 
schaft verschenkte. — Das hätte ich jetzt wohl bleiben las- 
sen!"" — Die Puppenspielscenen gehören also nicht zur Dich- 
tung, sondern zur Wahrheit"*. 

Und endlich zum Schluss die Notiz, dass wir auch aus 
Goethes späterem Leben vielleicht die Spur eines Verkehrs 
mit Smidt haben in der Angabe Eckermanns vom 10. Februar 
1829: „Ich fand Goethe umriugt von Karten und Plänen in 
Bezug auf den Bremer Hafenbau, fiir welches grossartige 
Unternehmen er ein besonderes Interesse zeigte." Bremerhaven 
ist die gewaltige Schöpfung Smidts. 

* Die Ueberreste des Puppenspiels werden noch heute in Frankfurt 
auf der Stadtbibliothek aufbewahrt. S. Hempelsche Goethe - Ausgabe, 
Bd. 20 S. 237. 



Studien zn ScMllers Dramen. 

Von 
Wilhelm Pielitz. 

Leipzig. B. G. Teubner 1876. 121 SS. 8<^. 

Herr Dr. Fielitz, der sich bisher als gründlichen Special- 
forscher auf dem Gebiete der Schiller-Litteratur bewährt hat, 
tritt mit obigem Buche als aesthetischer Kritiker zum ersten 
Male auf und beweist^ dass er auch hierzu Talent und Beruf hat. 
Das kann freilich nur solche befremden, die auf alle Special- 
forschung vornehm herabsehen, während es bei mir Von vorn- 
herein fest steht, dass keiner die. Mühe der Specialforschung 
über einen grossen Dichter übernimmt, der nicht zuvor von Liebe 
und Begeisterung für denselben beseelt, dem er nicht in seiner 
Ganzheit und Grösse aufgegangen und klar geworden wäre. 
Und gerade solchen möchte ich lieber ein aesthetisches Urtheil 
über unsere deutschen Dichterheroen anvertrauen als denen, die 
ihre Litteraturgeschichten u. dgl. um ihres eigenen Ruhmes 
willen schreiben und es zu ihrem Eritikerberuf für unumgäng- 
lich erforderlich halten, Fehler, Mängel, Schwächen, Schief- 
heiten an Dichtem zu entdecken, von denen das geringste 
Werk die gefeiertste Litteraturgeschichte überdauern wird, an 
Dichtern, die dazu berufen sind, in Jahrtausenden einmal 
Lehrer der ganzen gebildeten Welt zu werden. 

Herr Dr. Fielitz hat, zufällig oder absichtlich, eine Stelle 
stehen lassen, aus der ich schliessen zu dürfen glaube, dass 
das Buch die Erweiterung eines Vortrages ist, und diese Art 
der Entstehung hat seinem Ausdruck, dem man die Lessingische 
Schule ansieht, Frische und Lebendigkeit gegeben. Auch 
scheint aus dieser Stelle hervorzugehen, dass er auch die noch 



262 B.ob. Bozberger, Anz. von Fielitz, Schillers Dramen. 

übrigen Meisterwerke des DichterS; die Braut von Messina und 
Wilhelm Teil, vor sein kritisches Forum zu ziehen beabsich- 
tigt; auch Don Garlos wäre wol einer neuen aesthetischen 
Untersuchung nicht unwerth, zu der es mich freuen sollte, ihn 
durch diese Anzeige anzuregen, falls er sie nicht schon ins 
Auge gefasst hat. „Für heute", sagt er, habe er nur Wallen- 
stein, Maria Stuart und die Jungfrau von Orleans aesthetisch 
zu beleuchten sich vorgenommen. Bei der Besprechung des 
Wallenstein, zu der er die erste Anregung durch das Buch 
von Professor Süvem erhalten hat, bekämpft er mit Glück 
die aus der leidigen, und immer wieder spukenden, Yergleichung 
mit den alten hervorgegangene, durchaus verfehlte Ansicht, 
Schiller habe in seinen Dramen vom Wallenstein die Schick- 
salsidee der alten wieder einfahren wollen. Mit dieser ver- 
fehlten Ansicht war zuerst Professor Süvem in Berlin in seinem 
Buche: „Ueber Schillers Wallenstein in Hinsicht auf griechische 
Tragödie. Berlin 1800" aufgetreten. Natürlich, wenn man 
einem Dichter eine Absicht unterschiebt, die er nie gehabt 
hat, so kann man dann auch nur finden, er habe diese Absicht 
verfehlt, und daher stammen dann diese gewaltigen Missgriffe 
in unsem noch jetzt gefeiertsten Aesthetiken und Litteratur- 
geschichten. Für einen Professor, wahrscheinlich des Griechi- 
schen, hatte übrigens Süvem noch Verständniss und Achtung 
genug für dieses unsterbliche Werk des deutschen Genius, und 
Schiller fand sich veranlasst ihm hoflich für die Zusendung 
des Buches zu danken, „aber, sagt Fielitz (S. 3), von einer 
Aeusserung, '^ob der Verfasser des Dichters Grundgedanken 
getroffen, nichts! Das heisst doch wol: Mein Freund, Du 
hast vorbeigeschossen." Ich würde mich positiver so aus- 
gedrückt haben: Der ganze Brief ist ein energischer Protest 
gegen die grundfalsche Ansicht, man müsse jedes neuere 
Kunstwerk mit dem Massstabe der alten messen. Da man 
sich bisher so wenig bemüht hat, Schillers eigene Meinung 
darüber zu beherzigen, so kann es nichts schaden, wenn ich 
seine eigenen Worte aus jenem Briefe noch einmal hierher- 
setze, obgleich sie in drei Auflagen des Schiller-Goethischen 
Briefwechsels zu finden sind (3. Aufl. II, S. 285): „Ich theile 
mit Ihnen die unbedingte Verehrung der Sophokleischen Tra- 



Bob. Boxberger, Anz. Tön Fielitz, Schillers Dramen. 263 

godie, aber sie war eine Erscheinung ihrer Zeit; die nicht wieder 
kommen kann, und das lebendige Product einer individuellen 
bestimmten Gegenwart einer ganz heterogenen Zeit zum Mass- 
stab und Muster aufdringen, hiesse die Kunst, die immer 
dynamisch und lebendig entstehen und wirken muss, eher tödten 
als beleben. '^ Deutlicher kann man nicht sprechen; aber was 
hilft's? So lange ich noch die Feder führen kann, werde ich 
mich freilich bemühen, gegen diesen Unfug zu schreiben, aber 
nur zur Beruhigung meines Gewissens, nicht in der Hoffnung 
gehört zu werden. Der Schluss scheint einmal fest zu stehen: 
weil Schiller die alten gelesen, ja übersetzt hat, darum hat 
er sie nachgeahmt; weil er sie aber nicht so oft gelesen hat 
als Professor NN«, der sie Jahr aus Jahr ein mit derselben 
Gründlichkeit seinen Schulknaben Yordooiert, darum hat er 
sie falsch nachgeahmt. Ein für alle Mal sei es hier gesagt 
(den Beweis werde ich an einem andern Orte gründlich führen): 
die Sprache der antiken Tragoedie ist bei Schiller, selbst in 
der Braut von Messina, nur poetischer Schmuck, äusserer 
Zierat, nichts weiter. „Es leben Gotter, die den Hochmuth 
rächen!^ sagt die streng katholische Maria. Schillers Dichtung 
ist sentimental, romantisch (auch die Braut von Messina), oder 
wie man sie sonst nennen will, aber romantisch nicht im Sinne 
der romantischen Schule, sie ist classisch, insofern man das 
Yorzüglichste seiner Gattung mit dem Ausdrucke bezeichnet, 
aber sie ist nicht classisch im Sinne der antiken Kunst; wäre 
sie dies, so würde ich ihm schlechten Dank dafür wissen. Doch 
— Herr Dr. Pielitz mag diese Abschweifung yerzeihen. Er 
sieht daraus, dass ich den Fehler von Süverns Buche aller- 
dings in seinen Grundsätzen so wie in seiner Methode finde. 
Weil jene falsch sind, darum taugt auch diese nichts. 

Aus obigem ergibt sich, wie sehr ich mit Fielitz' Ansicht 
übereinstimme, dass alles, was man im Wallenstein ftir ein 
Aequivalent des antiken Schicksals hat ausgeben wollen, toto 
coelo von demselben verschieden ist. Die Schuld thut alles 
bei dem Falle des Helden, so muss es nach der neueren christ- 
lichen sittlichen Anschauung sein, und so ist es. Demnach 
wird Herr Dr. Fielitz sich selbst sagen, dass ich auf seine 
Auseinandersetzung von der kimstvollen Führung der Hand- 



264 I^ob. Bozberger, Anz. von Fielitz, Schillers Dramen. 

lung, die er so ausführlich wie schön in das Licht stellt, 
weniger Gewicht lege. Oberflächliche Leser könnten sogar 
dadurch auf den Gedanken kommen , als sei gar der Zufall 
im Grunde an Wallensteins Untergange Schuld. Denn wäre 
Max zur rechten Zeit vorgelassen worden, so hätte Wallenstein 
den verhängnissvollen Schritt nicht gethan. Sie bedenken 
über der schönen und ausführlichen Auseinandersetzung nicht, 
dass das Rad schon im rollen ist, dass Max' Verspätung bloss 
den verhängnissvollen Schritt beschleunigt, ihn aber nicht 
herbeiführt. Der verhängnissvolle Ruf „Er kommt zu spät^ 
ertönt allerdings öfter in dem Stücke und immer mit erschüt- 
terndem Eindrucke auf den Zuschauer, ja man könnte zu Fielitz' 
vortrefflicher Darstellung auf S. 42 noch hinzufügen: er liegt 
auch ganz am Schluss in Octavios schmerzlichem Blick zum 
Himmel. Die Aufschrift des kaiserlichen Briefes „dem Fürsten 
Piccolomini" verkündet ihm, dass er das Ziel seines Ehr- 
geizes erreicht hat, aber — zu spät! Durch seine Schuld ist 
der Erbe dieser neuen Würde, ohne den sie nur ein leerer 
Schall ist, in den Tod gegangen. 

Mit gleichem Geschick weist Fielitz auch die beiden an- 
dern häufigsten Einwendungen gegen dieses Meisterwerk zu- 
rück. Auch hier darf wol Ref., hoffentlich im Sinne des Ver- 
fassers, aber nach eigner Anschauung kürzer die Entgegnung 
dahin zusammenfassen: Wallenstein ist ganz Held; der An- 
strich von altem Weibe, den ihm Wieland so freundlich im- 
putieren will, findet sich nur in Wielands eigenem Charakter. 
Wallensteins schwanken kommt bloss daher, dass er sich einer 
sittlichen Macht gegenüber befindet. War Caesar etwa, mit 
dem Wallenstein sich so gern vergleicht, kein Held? Und 
doch stand er zögernd am Rubicon, weil ihn der Gedanke er- 
schütterte: 

Den heü'gen Heerd der Laren umzustürzen, 
Bewaf&iest du die frevelhafte Hand. 

Wahrlich, wenn er sich in Raveima und am Rubicon nicht 
ähnliche Fragen vorgelegt hat, wie Wallenstein in dem herr- 
lichen Monologe: „Und was ist dein Beginnen?'', o so war er 
nicht so gross wie Wallenstein, so fehlte ihm der sittliche 
Gehalt, den wir von einem Helden der neueren Tragoedie ver- 



Rob. Boxberger, Anz. von Fielitz, Schillers Dramen. 265 

langen^ so muss ihm ein neuerer Dichter einen solchen Mono- 
log, gegen seinen historischen Charakter , erst in den Mund 
legen. So gewiss Caesar nicht weniger ein Held war am 
ßubicon als bei PharsaluS; so gewiss ist Wallenstein ein Held 
von Anfang bis zu Ende des Stückes^ nicht minder ehrwürdig 
in seinem schwanken gegenüber dem Sitten gesetz als in seinem 
handeln gegen bessere Ueberzeugung. Ausserordentliche Men- 
schen dürfen eben nicht mit dem gewöhnlichen moralischen 
Massstabe gemessen werden. Aber Caesar siegte bei Pharsalus 
und rechtfertigte den Ausspruch der Gräfin Terzky: 

Und wenn es glückt, so ist es auch verziehn, 
Denn aller Ausgang ist ein Gottesurthel. 

Wallenstein fiel durch Meuchelmord, und erst damit scheitert 
bei Schiller sein unternehmen, nicht durch den Verrath Octavios, 
nicht durch den Abfall der Truppen; denn so lange dieser 
Geist in diesem Körper lebt, ist Ferdinand auf seinem Throne 
nicht sicher. Nun, und waren etwa die Zustände des heiligen 
römischen Reiches deutscher Nation weniger morsch zur Zeit 
des Dreissigj ährigen Krieges als die Zustände ßoms zur Zeit 
des Bürgerkrieges? Hatte das Haus Habs bürg seine Stellung 
an der Spitze Deutschlands etwa weniger gemissbraucht als 
Pompejus die seinige an der Spitze des römischen Senates? 
Es muss einmal ausdrücklich gesagt werden: der Meuchel- 
mord an Wallenstein, zu dem sich Ferdinand erniedrigte, war 
ein nationales Unglück für ganz Deutschland. Wallenstein 
vereinigte in seinem Charakter, in seiner Stellung, in seinen 
Geistesgaben alle Eigenschaften, um der Retter Deutschlands 
zu werden; das Schicksal drängte ihn dazu, Ferdinands Meuchel- 
mord durchschnitt den kühnen Plan. Aber in seinen Bahnen 
sind alle grossen deutschen Männer der folgenden Jahrhunderte 
gewandelt, und Friedrich der Grosse bei Leuthen und unser 
grosser Kaiser Wilhelm bei Königgrätz haben die blutige 
That von Eger gerächt, und aufs neue den Beweis geliefert, 
dass Meuchelmord den Gang der Geschichte zwar hemmen, 
aber nicht ändern kann. — Dass Wallensteins unternehmen 
vom Standpuncte der Weltgeschichte aus ein gerechtfertigtes 
war, das können wir freilich jetzt mit Bestimmtheit behaupten, 



266 Bob. Boxberger, Anz. von Fielitz, Schillers Dramen. 

und darin liegt für mich gerade der höchste tragische Ge- 
halt des Stückes. Denn, wie Schiller in der Geschichte des 
Dreissigjährigen Krieges sagt, im Begriff, selbst ein. Beispiel 
des ungeheuerlichsten Undanks aufzustellen, den die Weltge- 
schichte kennt; rechnet er auf den Dank derer, die ihm rer- 
pflichtet sind. Das ist wahr, und es ist tragisch, dass dasselbe 
Verbrechen, von dem er ein so schreckliches Beispiel gibt, 
ihn stürzt, dass seine eigenen Greaturen ihn verlassen und 
tödten; aber es ist unendlich tragischer, dass der, an dem er 
diesen schwarzen Undank ausübte, selbst ein noch viel schwärzeres 
Verbrechen durch ihn bisher an Deutschland verübt hatte; 
Wallenstein wollte den Kaiser nur um eine Armee bestehlen, 
aber der Kaiser bestahl die eine Hälfte seiner Unterthanen 
zu Gunsten der andern und diese wieder zu seinen Gunsten. 
Dies muss man sich recht klar machen, um zu würdigen, wie 
sehr Wallenstein Becht hat, wenn er sagt: 

Es übte dieser Kaiser 
Durch meinen Arm im Reiche Thaten aus, 
Die nach der Ordnung nie geschehen sollten. 
Und selbst den Fürstenmantel, den ich trage, 
Verdank* ich Diensten, die Verbrechen sind. 

Und femer: 

War* ich dem Ferdinand gewesen, was 
Octavio mir war — ich h&tt' ihm nie 
Krieg angekündigt — nie hätt* ich*s vermocht. 
Er war mein strenger Herr nur, nicht mein Freund. 
Nicht meiner Treu* vertraute sich der Kaiser. 
Krieg war schon zwischen mir und ihm, als er 
^ Den Feldherrnstab in meine Hände legte, 

Denn Krieg ist ewig zwischen List und Argwohn, 
Nur zwischen Glauben und Vertraun ist Friede. 

Aber diese Rechtfertigung Wallensteins vor dem Forum der 
Weltgeschichte konnte ihn damals noch nicht vor der Stimme 
des Gewissens in seiner Brust rechtfertigen, und dadurch wird 
er, mir wenigstens, um so ehrwürdiger, weil er meine Achtung 
vor dem Sittengesetz erhöht. 

Ein dritter Vorwurf, gegen den Fielitz sich wendet, ist 
die Liebesepisode zwischen Max und Thekla. Mit diesem 



Bob. Bozberger, Anz. von Fielitz, Schillers Dramen. 267 

Namen „Episode" hat man nämlich schon einen Vorwurf be- 
gründen wollen. Nun ist wol nicht zu leugnen ^ dass der 
Wallenstein schon äusserlich^ schon durch seine Länge etwas 
Yom Epos hat; was auch Schiller ja selbst eingesteht; nur 
halte ich dies nicht für einen Fehler^ sondern für einen Vor- 
zug des Stückes mehr. Schiller hatte sich vorgenommen in 
diesem Drama ein Bild des ganzen Dreissigjährigen Krieges 
zu geben bis zu Wallensteins Tode^ und dies hat er, wie jeder 
zugibt, vortrefflich erreicht. Aber dies konnte er nur auf 
epischem Wege durch Episoden. In diesem Sinne nenne ich 
also die Audienzscene und die Scene zwischen Neumann 
und dem Kellermeister epische Episoden. Je mehr sie zugleich 
in die dramatische Handlung eingreifen, desto besser. Dies kön- 
nen nun freilich die Liebesscenen weniger, durch die Natur 
ihres Inhalts, wie Schiller schon einsah, und Fielitz S. 28 
weiter ausführt. Aber Schiller erachtete diesen Gegensatz 
für nothwendig, um einmal einen Act hindurch den Pulver- 
rauch des Stückes sich verziehen und in ein schönes, mensch- 
liches Verhältniss blicken zu lassen, und eine Kritik, die ihm 
dies zum Vorwurf macht, kommt mir vor, wie Molieres geiziger, 
der den Hafer seiner eigenen Pferde stiehlt. Ich denke, am 
kürzesten wird diese Kritik mit Isolanis Worten abgefertigt: 

Desto besser! 
Erwartet' ich doch schon von Nichts als Märschen 
und Batterien zu hören und Attaken, 
Und siehe da! der Herzog sorgt dafür, 
Dsiss auch was Holdes uns das Aug' ergötze. 

Eine Herrn Dr. Fielitz ganz eigenthümliche Auffassung 
ist die Identificierung des Max mit Wallensteins Segenssternen, 
Jupiter und Venus, wozu ihn besonders die Stelle bewogen 
hat, wo ihn Wallenstein selbst mit Venus vergleicht (S. 33). 
So gewagt diese Auffassung ist, nehme ich sie doch an, unter 
dem Vorbehalt, dass der Dichter nicht nothwendig dieser 
Identification sich Tl)ewusst gewesen sein muss, und in folgender 
Fassung: So wie Illo dem Wallenstein das berühmte Wort 
zuruft: „In deiner Brust sind deines Schicksals Sterne", möch- 
ten wir ihm gern zurufen: Um dich herum sind deines Schick- 
sals Sterne; deine wahren Freunde sind deine Venus, deine 



268 Rob. Boxberger, Anz, von Fielitz, Schillere Dramen. 

falschen dein Maleficus; „von falschen Freunden stammt dein 
ganzes Unglück." Ja das Stück bietet uns noch andere Ver- 
gleichungspuncte, um lUo mit Saturn, Octavio mit Mars zu 
identificieren. Besonders aber ist mir diese Vergleichung lieb 
wegen der Scene Wallensteins mit der Gräfin, wo er sich 
nach dem Anblick des Jupiter sehnt, weil dadurch auf. die 
Verwechselung des Jupiter mit Max ein neues Licht fällt. 
Indessen kann ich mich doch der Furcht nicht erwehren, dass 
hier einmal nicht aus-, sondern untergelegt worden sei. 

Wollte nun Herr Dr. Fielitz das punctum saliens im Wallen- 
stein in der kunstvollen Führung der Handlung finden, die mir 
immer bloss zur dramatischen JTechnik, nicht zu dem geistigen Ge- 
halte des Stückes zu gehören scheint, so habe ich um so jv^eniger 
dagegen einzuwenden, dass er als die Grundidee der Maria Stuart 
„Erhebung der Seele der Heldin zu vollster Selbsterkenntniss" 
(S. 59) und Busse ihrer Sünden durch Ergebenheit in den über sie 
verfügtenToderkenntWenigeristesabernachmeinemGeschmack, 
dass er alles historische und politische des Stückes möglichst 
bei Seite schiebt, ja am liebsten das Stück gar nicht für ein 
„historisches Drama in grossem Stil" (S. 53) erkennen möchte. 
Darin thut er Schiller gewiss Unrecht. Weil Teil den Land- 
vogt zunächst nur erschiesst, um „die armen Kindlein, die un- 
schuldigen, vor seiner Wuth zu schützen", ist er darum nicht 
minder Befreier der Schweiz und weiss, dass er es ist; weil 
Maria ihre (Tegnerin schwer gekränkt hat und zunächst als Opfer 
ihrer Rachsucht fallt, fällt sie darum nicht minder dem Staats- 
interesse Englands zum Opfer und als Märtyrin ihres Glaubens, 
und es ist ganz in der Ordnung, dass sie sich dessen auch 
bewusst ist. Die Rachsucht der Elisabeth ist die Veran- 
lassung, das Staatsinteresse Englands und der protestan- 
tischen Christenheit ist die Ursache ihres Todes. Nur wenn 
man diesen breiten Hintergrund recht lebhaft ausmalt, erscheint 
das Stück in seiner vollen Grösse. Eine „Staatsaction" als 
solche erschien Schillern für den poetischen Gebrauch mit 
Recht nicht geeignet; seine Hauptoperation bei jedem neuen 
dramatischen Stoff war, die Handlung so lang herumzuwerfen, 
bis sich die politischen Motive in rein menschliche verwan- 
delt hatten; darum blieb aber die Handlung doch immer 



r 



Rob. Boxberger, Anz. von Fielitz, Schillers Dramen. 269 

eine Staatsaction, und was die ^kunstvolle Führung^ derselben 
betri£Fti^ so ist Maria Stuart das vollkommenste aller seiner 
Meisterwerke. 

Wir gehen zu dem letzten der besprochenen Stücke über. 
Auch über dieses ist viel schönes und beherzigenswerthes ge- 
sagt^ doch muss ich mich darauf beschränken, den Leser auf 
das Buch selbst zu verweisen. Was aber die Katastrophe des 
Stückes, die erste Scene zwischen Johanna und Lionel betrifiFfc, 
so habe ich darüber eine ganz eigene Ansicht, die ich mög- 
lichst kurz erörtern will. Fielitz hat sehr scharfsinnig nach- 
gewiesen (S. 102), dass die ,5 Situation", von der Schiller Goethen 
(Nr. 438) meldet, er sei froh, sie „hinter sich zu haben, wo 
die Aufgabe war, das ganz gemeine moralische Urtheil über 
das Wallensteinische Verbrechen auszusprechen", nicht, wie 
Düntzer sagt und wie ich früher glaubte, Wallensteins Ge- 
spräch mit Max (W. T. II, 2), sondern Buttlers mit Gordon 
(IV, 2) ist; an Iffland schreibt Schiller: „Gordon spricht die 
Empfindung, ich möchte sagen, die Moral des Stückes aus". 
Und allerdings hat sie für mich schon längst in den Worten 
Gordons gelegen: 

Verräther an dem Kaiser — solch ein Herr! 

So hochbegabt! was ist Menschengrösse! 

Ich sagt' es oft: das kann nicht glücklich enden; 

Zum Fallstrick ward ihm seine Gross' und Macht 

Und diese dunkelschwankende Gewalt. 

Denn um sich greift der Mensch, nicht darf man ihn 

Der eignen Mässigung vertraun. Ihn hält 

In Schranken nur das deutliche Gesetz 

Und der Gebräuche tiefgetretne Spur. 

Doch unnatürlich war und fremder Art 

Die Kriegsgewalt in dieses Mannes Händen; 

Dem Kaiser selber stellte sie ihn gleich, 

Der stolze Geist verlernte sich zu beugen. 

Schad' um solchen Mann! denn keiner möchte 

Da feste stehen, mein' ich, wo er fieL 

So „unnatürlich und fremder Art", meine ich nun, ja 
noch viel unnatürlicher und fremder ist „die Kriegsgewalt in 
dieses Weibes Händen", in den Händen der Jungfrau von 
Orleans. «lohanna scheitert an der unnatürlichen, weil wider- 



270 Rob. Boxberger, Adz. von Fielitz, Schillers Dramen. 

natürlichen; Hoheit ihres Berufes. Ihre Schuld ist keine wirk- 
lichc; sie ist nur eine Versuchung, der auch der heiligste nicht 
fem ist; eine Gedankenschuld; die sie sich erst durch grübeln zu 
einer wirklichen ausmalt. So ist denn auch ihre Sühne eine 
Gedankensühne; der Sturm in der Natur ; in den sie hinaus- 
gestossen ist; fuhrt den Frieden in ihre Brust zurück. Wie 
es auch um die ^^Bemerkungen über die J. y. 0. aus Schillers 
Munde" beschaffen sein mag*; darin hat Fielitz ganz gewiss Recht 
(S. 83); ^maUrSoU das Eind nicht mit dem Bade ausschütten". 
Ein Fälscher war Böttiger nicht; aber er war zu eitel; und 
da er; wie nun wol; zum Theil auch durch Fielitz' gründliche 
Untersuchung; fest steht; wol wusstC; dass er so wie so den 
Schillerschen Wortlaut nicht vor sich hatte ; so liess er; um 
ihr nach seiner Meinung das Siegel der Vollendung aufzuprägen; 
seine Vorlage erst durch den Schmelzofen seines eigenen 
„classischen" Stiles ; mit den nothigen gelehrten Schnörkeln 
versehen; durchgehen, wie dies Fielitz zu meiner nunmehrigen 
gründlichen üeberzeugung auch an dem sogenannten Schiller- 
schen ;, Briefe über die Maria Stuart" nachgewiesen hat (S. 
113). So scheint mir der Ausspruch; womit diese „Bemerkungen" 
schliesseU; wirklich echt: ;,Am Ende ist doch der ganze Han- 
del mit der Verliebung nur eine Prüfung. Nur die geprüfte 
Tugend erhält zuletzt die kanonisirende Palme." Mir kommt 
es vor; als habe Schillern bei dem Plane seines Stückes etwas 
ähnliches vorgeschwebt wie der Plan des Wielandischen Meister- 
werkes ;,Oberon". Hier sündigt das Liebespaar zwar noch mate- 
rieller als Johanna; aber doch nur gegen conventionelle Gesetze; 
es behauptet die ewigen Rechte der Natur; aber wunderbar schön 
ist es an diesem Plane, dass Oberon selbst diese Schuld vor- 
hergesehen; dass sie in seinem Plane ist; um das trotz der 
vermeintlichen Schuld unschuldige Paar durch das Feuer der 
Prüfung; aus dem es dann von allen Schlacken gereinigt her- 
vorgeht, durchzuführen. Es ist das uralte Problem, was so 
erhaben auch in dem von Fielitz mit Recht zur Vergleichung 
herbeigezogenen Goethischen Faust gelöst wird, das Problem 



* Ich hoffe Herrn Dr. Fielitz in einem besonderen ausführlichen 
Aufsatz darüber bald Rechenschaft geben zu können. 



Eob. Bozberger, Anz. von Fielitz, Schillers Dramen. 271 

vom Sündenfall. Und so schauen wir denn auch hier wieder 
in eine unendliche Tiefe des Menschenherzens und göttlicher 
Fahrung und Weltregierung hinein. Wallenstein musste fallen, 
weil eben da keiner fest stehen konnte, wo er stand; Jo- 
hanna musste fallen, oder sie hätte das wirklich sein müssen, 
woför KarlVII. sie. zweifelnd hält, ein vom Himmel hernieder 
gestiegener Engel, ohne menschliche Regung, einer von denen, 
„die nicht f&hlen, die nicht weinen", keine menschliche Seherin 
imd Prophetin. So geht sie denn, wie jener gottliche Held 
des griechischen Alterthums, in göttlichem Auftrage „des Lebens 
schwere Bahn", 

Bis ihr Lauf geendet ist; 

Bis der Gott, des Irdischen entkleidet, 
Flammend sich yom Menschen scheidet 
Und des Aethers leichte Lüfte trinkt. 
Froh des neuen, ungewohnten Schwebens 
Fliesst er aufwärts, und des Erdenlebens 
Schweres Traumbild sinkt, und sinkt, und sinkt. 

Ganz gewiss aber ist es Einfluss des Wielandischen Oberon, 
dass sie, nachdem sie die schwerste Prüfung, das zusammen- 
treffen mit Lionel siegreich bestanden hat, die Prophetenkraft 
wieder in ihren Adern, den wunderbaren göttlichen Beistand 
wieder in ihrer Nähe fQhlt, wovon sie sogleich eine Probe 
ablegt, indem sie die Ketten zerreisst. So fühlt Hüon im ent- 
scheidenden Augenblick Oberons Zauberhorn wieder an seiner 
Seite. 

Dass Schiller, wie er in den „Bemerkungen" sagt, wenig- 
stens zwei yerschiedene Pläne mit der Jungfrau von Orleans 
gehabt hat, die er sogar hinter einander ausführen wollte, ist 
jetzt bekanntlich durch einen Brief Göschens an Schiller mit 
Evidenz erwiesen. In dem vorliegenden Stücke fasst er Jo- 
hanna als gottgesandte Prophetin auf; und nach diesem Plane 
muss ihre Versuchung vor aller dramatischen Handlung schon 
im Rathe der Vorsehung beschlossen sein; sie muss fallen, 
denn es ist Gottes Wille so, so gewiss es Gottes Wille war, 
dass das erste Menschenpaar vom Baum der Erkenntniss kosten 
musste. Dies kann sie nun freilich und soll sie auch im Drange 
des Augenblicks nicht wissen, aber nachdem der Sturm in 



272 Rob. Boxberger, Anz. yon Fielits, Schillers Dramen. 

ihrer Brust ausgetobt hat, kommt ihr auch die Einsicht, ver- 
möge ihrer Prophetengabe, in dieses göttliche Geheimniss, und 
so sagt sie zu Baimond die herrlichen Worte: 

Du siehst nur das Natürliche der Dinge, 

Denn deinen Blick umhüllt das irdische Band. 

Ich habe das Unsterbliche mit Augen 

Gesehen — Ohne Götter Mit kein Haar 

Vom Haupt des Menschei^ — Siehst du dort die Sonne 

Am Himmel niedergehen? — So gewiss 

Sie morgen wiederkehrt in ihrer Klarheit, 

So unausbleiblich kommt der Tag der Wahrheit! 

Nach dem zweiten Plane würde die Jungfrau in Ronen ver- 
brannt worden sein, dieser würde uns also mehr die patriotische 
Heldin gezeigt haben; es heisst doch wirklich dem dichterischen 
Geiste Schillers zu wenig zutrauen, wenn man ihm, wie Pal- 
leske thut, geradezu die Fähigkeit abspricht, noch eine zweite 
dramatische Jungfrau von Orleans zu schaffen, ohne dass da- 
durch die erste beeinträchtigt worden wäre. Man sollte sich 
mehr in die Werkstatt des Künstlers als in seine Gemälde- 
ausstellung begeben, um einen tieferen Einblick in die wun- 
derbare Reichhaltigkeit dieses dramatischen Universalgenies 
zu gewinnen; ich meine, man sollte mehr, als man bisher ge- 
than hat, seine dramatischen Entwürfe und Fragmente studieren. 
Was die Erscheinung des schwarzen Ritters* betrifft, so 
stimme ich im ganzen mit Fielitz' Auffassung überein und halte 
auch die darauf bezügliche Stelle aus den „Bemerkungen** für 
echt. Zu dem Wesen eines Gespenstes gehört eben, dass man 
nicht recht weiss, was es ist, und deshalb ist Schillers ver- 
halten der Identificierung desselben mit Talbot gegenüber 
durchaus vernünftig und glaublich. Ein echtes Gespenst muss 
ein Räthsel bleiben ohne Auflösung. Selbst Hamlet, dem das 
Gespenst sich direct als den Geist seines Vaters ankündigt, 
zweifelt sehr vernünftiger Weise daran und will erst des Königs 
eigenes Geständniss seiner Schuld haben, ehe er zur Rache 
schreitet 

Stutzt er, so weiss ich meinen Weg. Der Geist, 
Den ich gesehen, kann ein Teufel sein; 
Der Teufel hat Gewalt sich zu verkleiden 



Rob. Boxberger, Anz. von Fielitz, Schillers Dramen. 273 

In lockende Gestalt; ja, und yielleicbt, 
Bei meiner Schwachheit und Melancholie 
(Da er sehr mächtig ist bei solchen Geistern), 
Täuscht er mich zum Verderben; ich will Grund, 
Der sichrer ist. Das Schauspiel sei die Schlinge, 
In die den König sein Gewissen bringe. 

Durch meinen, von Fielitz unbeachtet gebliebenen Nachweis 
(in diesem „Archiv" II, S. 265 ff.), dass diese Scene, ebenso 
wie die Montgomery-Scenen, eine Nachahmung der Ilias ist*, 
glaube ich alles geleistet zu haben, was zur Erklärung dieser 
Scene vernünftiger Weise gefordert werden kann. 

In den Anmerkungen (S. 95 ff.) ist Fielitz auf einem 
ihm vertrauten Gebiete, auf dem er sich mit bewährter Meister- 
schaft bewegt. Das eine möchte zu erinnern sein, dass er in 
der nicht ganz verhehlten Freude, dem um unsere ganze deutsche 
Litteraturwissenschaft und besonders um das Studium Schillers 
hochverdienten Goedeke einen kleinen Hieb wegen eines klei- 
nen Mangels in seiner kritischen Schiller-Ausgabe versetzen 
zu können, übersehen hat, dass schon Kurz in seiner kritischen 
Ausgabe die, ziemlich wßrthlosen, Süvernschen Varianten 
beigebracht hat, dass sie also schon „Aufnahme unter die 
Quellen des Schillerschen Textes" gefunden, sonst würde er 
sie wol nicht mitgetheilt haben. Freilich wird nun dadurch 
wol Goedekes (oder vielmehr Oesterleys, des Herausgebers 
des 12. Bandes, der sich auch sonst in dieser kritischen Aus- 
gabe nicht gerade als Virtuosen gezeigt hat) Verseilen eine 
„Sünde zu dem ew'gen Tod?'^ Ich kann nicht helfen. Der 
Druckfehler, den Fielitz S. 104 rügt, „Kühn" statt „Kühl", der 
gerade den Sinn in das Gegentheil verkehrt, und den ich mir 
auch schon aus Kurz^ Ausgabe notiert hatte, ist allerdings 
stark. Oder sollte es vielleicht gar kein Druckfehler sein, 
sondern eine weise Conjectur Oesterleys? Solche wollten wir 
uns doch in Zukunft verbitten. Zu dem vorhergehenden Verse 
„Sol ist das Herz, Luna das Hirn des Himmels" kann ich 
beibringen, dass er aus jenem astrologischen Buche stammt, 
welches ein Gespräch zwischen Sophia und Philo enthält, das 



* PeppmüUer hat dies gleichzeitig mit mir ausgesprochen. Ebd. 
S. 190 ff. 

AbGBZT f. LiTT.-OSBCB. VI. 18 



274 Hob. Boxberger, Anz. von Fielitz, Schillers Dramen. 

Schiller aus der Jenaer Bibliothek lieh^ und das Düntzer am 
Schlüsse seiner Erläuterungen zu Schillers und Goethes Brief- 
wechsel im Auszug mittheilt: Sol est cor, Luna est cere- 
brum coeli. 

Zum Danke aber für das viele schöne, was ich aus dem 
Buche und seinen Anmerkungen gelernt habe, habe ich eine 
Mittheilung bis zuletzt aufgespart, die, ich weiss es, seinem 
wackeren Verfasser Freude machen und zu manchem guten 
Gedanken Anregung geben wird. Da er es mit Recht liebt, 
möglichst den urkundlichen Wortlaut vor sich zu haben, und 
dies bei Urkunden, die durch Böttigersche Hände gegangen 
sind, doppelt wünschenswerth ist, so bereite ich ihm und mir 
ein Vergnügen damit, den Brief des Schauspielers Hai de, 
den Fielitz aus der Minerva 1813 (S. 68) mittheilt, hier seinem 
Wortlaute nach folgen zu lassen. Herrn Dr. Fielitz wird es 
vielleicht einiges nachdenken verursachen, wenn er die S. 69 
gesperrt gedruckten Worte nicht darin findet. Aber auch 
sonst ist dieselr Brief sehr lehrreich, um Einsicht zu gewinnen 
in die Art des Böttigerschen Verfahrens, über die ich näch- 
stens noch mehreres mitzutheilen hoffe. Auch Fielitz hat 
(S. 99, Anm. 6.) schon einen schönen Einblick gethan. Er 
ist an Böttiger gerichtet, befindet sich auf der Dresdner 
Bibliothek und lautet: 

„Töplitz, den 22. Juni 1812. 

In Ermanglung meines Tagebuchs* bemerke ich über 
Maria Stuart nur einiges. Schiller las das Stück mehreren 
Kunstfreunden vor: nur die Mitglieder der Gesellschaft, denen 
bedeutende Rollen zu Theil wurden, waren gegenwärtig. Ich 
bekam den Melvil, und obendrein, da Vohs bald erkrankte, 
den Mortimer, so dass ich nun in diesem Stücke, wie 's mir 
in Wallensteins Tod widerfuhr, ebenfalls zwei Rollen zu 
spielen hatte. So lange Mdme Vohs die Stuart spielte, blieb 
in der kecken Angriffsscene auf Mariens Schönheit im 3. Akt, 
keine Zeile weg. Schiller sah da keine Indezenz — das bessere 
Gefühl rechtfertigte ihn bei der Aufführung. Als Dmlle. Jage- 

* AafgepaB8t,^err Dr. Fielitz! Bekommen Sie jetzt eine Ahnung, 
woraus jene „Bemerkungen über die J. y. 0/* entstanden sein mögen? 



Hob. Boxberger, Anz. von Fielitz, Schillers Dramen. 275 

mann die Rolle bekam, bat sie mich, aus eigener gewissen- 
hafter Delikatesse die eindringlichsten Redensarten wegzu- 
lassen; ich hielt mich an mein: scripta manent und sagte, 
was da stand. Seit meiner Wiener Excursion spielte Oels 
diese Rolle, und nun ist vieles gestrichen. 

Mit warmer Vorliebe legte mu^chiller die Scene im 5. 
Akte ans Herz. Als Katholik i^^^ ich ihm den ganzen 
kirchlichen Ritus der Ohrenbeichtermd des Abendmahls mit- 
theilen. Er gab mir auf, so weit es mit den Worten über- 
einstimme, die übliche Priestermanier bei Administration beider 
äacramente genau darzustellen, die Absolution mit dem ein 
dreifaches Kreuz bildenden Gest deutlich zu bezeichnen und 
das Abendmahl unter zweierlei Gestalt zu reichen, indem zu 
dem Kelche — dem Vorzug der katholischen Priester, auch 
die Könige berechtigt seien. Nach einer Vorprobe wurde der 
Herzog von dieser — Profanation nanntens einige, unterrichtet; 
er schrieb Schillern einen ausnehmend artigen eigenhändigen 
Brief, und bat ihn: die öffentliche Feier einer religiösen Weihe 
vom Theater wegzulassen, indem er und die besseren wohl 
mit ihm einverstanden seien, allein die gemeine Masse dürfte 
daran wohl Anstoss nehmen. Schiller liess mich rufen: er 
war so aufgebracht, dass er leidenschaftlich ausfiel: Ich will 
ein Stück schreiben, worin eine genothzüchtigt wird und — 
sie müssen zusehen. Allein er änderte meine Rolle: Ciborium 
und Kelch blieben weg, und er schloss mit der Absolution, 
Im 2. Akte fiel die Beschreibung einer Hoffete weg, und jetzt 
schliesst das Stück bei uns mit Lesters Monolog im Gefäng- 
niss, die Scene mit der Elisabeth wird weggelassen, ohne dass 
ich begreife warum. — Madame Bethmann spielt noch immer 
die Marie; Iffland hat einigemal den Lester gespielt — den 
er jetzt abgegeben.^' 

Soweit Haide — und ich. Mir bleibt nur noch übrig mit 
einem warmen Händedruck in die Ferne für den braven Ver- 
fasser und mit einem Glück auf! zu ferneren Stu4ien zu schliessen. 

Strchlen bei Dresden. 

Dr. Robert Boxberger. 



18* 



Alexander Pope. Ein Be^^ zur Litteraturgeschichtc des acht- 
zehnten Jahrhundei^^B[)st Proben Popescher Dichtungen 
von Dr. Albrecht Deera; Leipzig 1876. A..Mentzers Verlag. 

Bei der Abfassung dieses Buches ist Verf. offenbar von der 
Ansicht ausgegangen, dass man bisher in Deutschland den Dichtungen 
Popes zu ausschliesslich ein litterarhistorisches und zu wenig aesthe- 
tisches Interesse entgegengebracht habe. Demgemftss tritt auch die 
p]rzähluDg des Lebens- und Bildungsganges Popes, sowie die Dar- 
legung seines Einflusses auf die auswärtigen Litteraturen gegenüber 
den aesthetischen Auseinandersetzungen des Verf. sehr zurück. Den 
grössten Baum nehmen die üebersetzungen ein, durch die der Verf. 
dem Publicum die Schönheiten Popes ad oculos demonstrieren will. 
Aber durch diese üebersetzungen erreicht der Verf. gerade das Gegen- 
theil von dem, was er anstrebt; es zeigt sich in ihnen deutlich, dass 
der Inhalt der Popeschen Dichtungen heutzutage nur sehr wenig 
unmittelbares Interesse zu erregen vermag und dass mit den zier- 
lichen Versen und der fliessenden Sprache des Originals der Haupt- 
reiz geschwunden ^ist. Die Epistel an eine Dame sowie der Locken- 
raub und der Brief von Heloise an Abälard könnten allerdings «in 
einer gewandteren Uebersetzung, als die hier gebotene ist, zu einer 
genussreichen Leetüre werden; jedoch der Essay on Criticism imd 
der Essay on Man mit ihren veralteten aesthetischen und philoso- 
phischen Anschauungen vermögen kein Interesse zu erregen, wenn 
dem Leser nicht auch ihre Bedeutung für die Zeit, in welcher sie 
geschrieben wurden, ausführlich dargelegt wird. In dieser Beziehung 
hat der Verf. sehr wenig gethan, und gerade darin hätte er viel von 
Hettner lernen können, den er sehr heftig angreift. 

Breslau. 

Wilhelm Creizenach. 



lieber Klans Narr und M. Wolfgang Bütner. 

Von 
Franz Schnorr von Carolsfeld. 

L 

Wie wol bekannt und viel genannt der Ho&arr Klaus 
Narr zu seiner Zeit gewesen ist, davon legt unter anderm 
auch die bei volksthümlichen Berühmtheiten sich so häufig 
wiederholende Thatsache Zeugniss ab, dass seine Lebens- 
zeit von der Sage über ihre wahre Dauer hinaus verlängert 
und insbesondere die Zeit seiner Jugend von späteren Be- 
richterstattern näher an die Gegenwart gerückt worden ist, 
als der Wahrheit entsprach. In dem Buche der „Historien 
von Claus Narr", dessen Verfasser seine Erzählungen „an- 
sehnlichen, Adelichen, Wirdigen, Erbam, Ersamen, vnd Nam- 
hafiFten, im Herrn seligen. Mann vn Weibs Personen, die 
Glausen wol gekennet, zu seiner zeit gelebet, vnnd sonst 
in den Chur vnd Fürstlichen Häusern zu Sachsen ab vn zu- 
gangen, auch zu Kirchenämptern, vn Hoffräthen sind ge- 
brauchet, . . . nachgeschrieben hat", wird berichtet, „Clausen, 
den man durch Teutschlandt also nennet", habe Kurfürst Fried- 
rich der Weise (geb. 1463, f 1525) und dessen Bruder Johann 
der Beständige (geb. 1467, f 1532) zu Wittenberg, Torgau, 
Weimar und Altenburg und an anderen Orten „gehalten und 
genehret", Friedrich habe ihn auf einem Ritte durch das Land 
zu Meissen als Gänsehirten zuerst angetroffen und für sein 
Hofamt auserwählt. Eine ältere Quelle* sagt: „Die Fürsten 
von Sachsen, Hertzog Ernst (geb. 1441, f 1486) vnd Albrecht 
(geb. 1443, t 1600), haben einen narren bey sich gehabt, Claus 



* Job. Agricola, 800 gemeyner Sprichwörter. Erffurd, 1629. Nr. 68. 
Bl. 26 f. 

Abcbit f. Litt.-Gesch. VI. 19 



278 Schnorr, über Klaus Narr und Bütner. 

narr geheysseii; der viel zukünfftiger ding, auch so an andern 
orten geschehen sind, verkündiget hat, wie den Döringen vnd 
Meyssen wol bewust. Dieser Claus narr ist hernach zu Bischoffen 
Ernst Hertzog Ernsten son. Bischoffen zu Magdeburg ynd Halber- 
stadt, kommen". Weder diese letztere Angabe jedoch noch 
die der „Historien" gewährt Klaus Narr sein volles Alter, 
sondern beide machen ihn jünger als er war. Und ganz irrig 
ist vollends die ü eberlief erung, welcher M. Wolfgang Bütner, 
der Verfasser der angeführten „Historien", folgt, indem er 
seinem Helden Aeusserungen über Luther in den Mund legt. 
Denn aus dem im folgenden abgedruckten von Peter Acker- 
mann verfassten Schriftstücke, welches das £[önigliche Haupt- 
Staatsarchiv zu Dresden in Loc. 9604 aufbewahrt, ersehen wir, 
dass Klaus Narr 1515 fast 90 Jahre alt starb.* Da derselbe 
wol schon in jungen Jahren an den Hof der kursächsischen 
Fürstenfamilie kam, so entspricht es nur der Wahrscheinlich- 
keit, wenn nach desselben Ackermann Bericht bereits Herzog 
Ernsts Vater, Friedrichs des Weisen Grossvater (Friedrich der 
Sanftmüthige, geb. 1412, f 1464) den Hirtensohn holen liess 
und als Hofharren anstellte. 

Der Ackermannsche Bericht ist, wie es scheint, in- der 
Originalniederschrift auf uns gekommen. Das Schriftstück 
trägt am unteren Rande der ersten Seite von zweiter Hand 
die Bemerkung: Scripta sunt haec Ao. 1536 und lautet 
folgendermassen : 

Von clawes narren. 

Mir haben die pauren zum rode hie dift ofter- 
felt bey wickelsdorff [dabei von zweiter Hand: 
zwischen Naumburgk vnd Zeitzs] gelegen ror 
warhaufftig gefaget, Es fey vorczeitten ein gutter 

* Auf die Unrichtigkeit der Angaben neuerer über seine Lebenszeit 
genügt es kurz hinzuweisen. Nach Aug. Schumanns Lexikon von Sachsen 
Bd. 1. Zwickau, 1824. S. 99 wäre er am 12. Jan. 1630 zu Torgau ge- 
storben. Diesem Todesdatum widerspricht auch die Thatsache, dass in 
seinem Testamente vom J. 1626 Friedrich der Weise nur „Albrechten 
seinen Narren*' erwähnt (Schöttgen und Ereysig, Nachlese. .Th. 11. 
Dr. u. Lpz. 1733. S. 73.). 



% 



Schnorr, über Klaus Narr und ßütner. 279 



Einfeldiger man, ir hirte gewefeii, yud habe den 
narren bey ohn geczeuget mit feinen Eheweybe, 
der fo balde von vier iaren an nerrifcli3 gewefen, 
vihe vnd genfe erfchlagen, darezu gehennget vnd 
gefprochen ile feint diebe vnde wollen fich an ge- 
meiner weyde nicht begenugen laffen thun fehaden 
darumbe ich lie gehennget. 

Vnde do felbeft habe ohn feine mutter, die 
weyle er fo tolpifchs vil mala an ein ftropant, an 
ein geringers gebunden, daran er vnauffgelofet 
So lannge fie widder kommen geftanden. 

Do folches Herczog Ernefti vater, feiiger ge- 
dechtnuß, erfaren, habe er ohn holen laffen, vnd 
wen er gefraget, wo er fo lannge gewefen, hat er 
geantwort, mein mutter die aide Hure, hat mich 
neun iar in einem laugen facke vnder der pangk 
hanngen laffen, bis das pant vorfaulete vnd errab 
fiU do wart ich loß, vnd will nimermeher zu ir 
komnm. 

Andere fprechen Er fey zu Baniß bey purgeln 
vnter den vom brandtftein geboren, darvon weif ich 
keine weittere kuntfchafft [Von zweiter Hand: Alii 
zu Banftad fed falfo]. 
^'iraiä!*i* 1- Vnde balde do er zun herczogen von fachsfen 

Bruder, kommcn, hat man feinen bruder im diebftall be- 
griffen, vnd ohn gefraget was mit dem diebe zw 
handeln, hat er geanttwort immer an galgen: do 
man ohn aber aufgefurt, ohn zuuorfuchen dozu 
geftellet, als er am galgen folt fteigen, hat er 
clawes angefangen zw weynen, dorumbe man auch 
feinen bruder wie befohlen .loß gelaffen 
"^m^LT"' 2. Inder teilunge** haben on beide furften 

vmb III taufent gülden angefchlagen: welcher ohn 
behilde, der Summa weniger zu nemen. 



* Diese und die folgenden Bandbemerkungen sind von zweiter Hand 
hinzugefügt. 

** Die Haupttheilung zwischen Euifürst Ernst und Herzog Albrecht 
geschah im Jahre 1485. 

19* 



280 Schnorr, über Klaus Narr und Bütner. 

t 

'^"Ä.^"' 3. Vnde hat auch bey erftlicher vorgenommener 

teylunge den hoffen geriffen: alleine in ein gemach 
gangen, vnd ein Sammet fchaube vom fchlicze auflf 
in II teyll geriffen, dornach Ein teill mit einen 
Ermel angeczogen, vnde wen es hin gehangen ge- 
faget: Teyle in hundert taufent teuflfel nan teile, 
wen fie noch gancz hette fie ein iglicher ein mall 
angeczogen, Nun ift fie wenig nucze, daran He 
verftanden, das baffer, das landt bey^ fammen 
blibe etc. 

J?rt oMtum 4. Darnach noch abfterben feins vatern ift 

T^atüam!* f®"^ muttcr kommcu vnd als ein aide vnuormogene 
per föne gebetten Er wolde vor fie bitten, das Sie 
auch vorf eben vnd nicht betteln dorfifte : ift er zun 
herczoge ganngen vnd gefaget Lieber vater, mein 
mutter die alt hure ift hie, hat wenig, verforge 
fie auch: darauff ehr zugeben ierlich VIII fcheflFel 
kom 4 gülden befohlen. 

^^mnVeren!**^ 5- Noch dcmc hat er fich vmber mit wunder- 

lichen hoffen beweifet, vnd do er zur Zceit gehört 
wie man Schloff er außhungerte, hat er fich au£P 
einen heimlichen orth gelagert nichtes gefreffen in 
vill tagen, vnd gemeinet er wolde fie alle auffem 
fchloffe hunngem, dorczu fich auch vber eyre gefaczt 
^ - wie eine ganß doroU geczoffchet, vnd andere wun- 
derliche zotten geriffen. 

**lung ?uii«n.° 6» Di« weile nun das hoffgefinde gefehenn, das 

er fo gut zum narrenberg*, haben fie yhme ein fullein 
zu feinem pffherde, das dan Ein henngeft, geftellet, 
vnd gefaget clawes Sein hengeft ift zur huren 
worden vnd hat ein gunnges: do ift er im grim 
in ftall gelauffen vnd do ers fo befunden, hat er 
das pffherdt vber die maffe mit einer ftreugobel 
gefchlagen vnd do das arme Fullein vmbher ge- 
lauffen. Seine mutter do vonn es entfurt zu fuchen, 



* Narrenberg. vgl. Seb. Brant, NarrenBchifP. cap. 28, 6 u. Zarncke 
zu d. St. 



Schnorr, über Klaus Narr und Bütner. 281 

hat clawes gpfaget, ach du armes tirlein furchte 
dich nicht ich will dir nichtes thun, was magftu 
fein, das dein mutter Ein hure ift. 
Apad Ernertum 7. Bev dem furftcn zu Sachsfen vnd bifchoffe 

Magdeborgicam. '' 

Hio Ao. 1477. ZW mcideworg* der helle jrewonne, vnd do felbft 
oam esset 13 ein Naw fchloß pawhete** wie noch Torauffen, mit 

aDuorum quo ^ ^ o / 

anno qnetii- koftlichcn cfemelde vnd ofiFen do er aber, vnd feine 

burgam expu- ... 

gnavit. redte von krigen in Einer Gollacion vill geredt, 
^sdTiag^n^' kam claues zu morgens frühe in ein ftuben do ein 
offen gemacht; von landtsknechten die puxen vnd 
armbruft in henden: Sagette ir huren föne feyt ir 
geraid im lande: trocz fcheuftu vnd einen preckel 
genomeU; den koftlichen Offen in einen hauffeu 
gefchlagen: wert euch nun ir bofchebichte weret 
euch ia do liget ir nun, puff puff habe dirs etc. 
[Von zweiter Hand: Ao. 1478 hat er halleinge- 
nhommen'Aö. 1513 obiii] 
*frn«treiettor. 8. Vnde das habe ich von yhme felbft gehört 
Als man fchreibe M, 5, vnd XIIII, läge das hoffe- 
1514. lager zw weyda vnd liß vnfer genedigfter herre 
herczog fridreich loblicher vnd feiiger gedechtnuß 
Eine ftechpan zurichten in eins purgers gerten, 
Sampt einem häufe, darnach zcoge er gen Zwicka 
zur faßnacht vnd lif claufen narren alhie: wart ein 
edel man zum heuptman gefaczt mit nomen jobft 
lohme, der fchoffer mit dem zunamen proceller 
genennet, lüde mich zur fafenacht, do hübe clawes 
an, her heuptman von hillperg, wie er dan das 
fchloffz weyda pfflegette zu nennen: loft hergehen 
einen gutten trunck: vnde do mau yhme nicht wein 



* ErDst, Sohn des Kurfürsten Ernst, geb. 1466. 
** Joh. Seb. Müller, Annales. Weymar, 1700. fol. S. 46. „1478. 
28. Jul. Dienstags hat Hertzog Ernst zu Sachsen, Ertzbischoff zu Magde- 
burgs sich der Stadt Halla, wegen der Bürger daselbst entstandenen 
AufFruhrs, bemächtiget." * „1479. 20. Jan. hat Ertzbischoff Erubt zu 
Magdeburg, Hertzog zu Sachsen, -uff einem zu Gibichenstein gehaltenen 
Landtag beschlossen, die Fürstliche Residentz Moritzburg zu Halla zn 
bauen, um daselbst Hoff und die Stadt in Zwang halten zu kennen /* 



2^2 SchnoiT, ober Klaa» Xarr and Bötoer. 

wie dan Torpotten, feins gefallcos geben woUde 

Sagette er Her heaptman Ton hilperg ir habt ein 

from weiby md doch tüI huren in der Hat, die 

die wti c« m wejie znm tevle daran, hub Höh ein groß gelechter. 

9. Wie er za bdunen mit den girOcken* than 
win ir fineilieh,: den foffe ich Tnd bliebe ein 
Jceczer** etc. 
1Ö13. 10. Als man fchreibe taufent fimffhnndert vnd 

15 Tor pfingeflen die weyle er fere kräng, wart 
ich ohn zu ölen erfordert, vnd do ich, wie do ge- 
achtet Tonn heiligen Ole fagette, antworte er was 
kan da vom ole Tagen ich pin yhme nie holt ge- 
wefen : Ich erfcrack, do anttworte der Edelman, fein 
meifter Clawes es muß fein wir haben alle lejkoff 
getnmken Sagette clawes wo: Antworte difer iczo 
zu gote anff dem landttage: Clawes troncke ich 
auch mitte do difer ia: Claues gefeine mirs der 
teuffell: fing an zu weynen Tnd fprach fo laß her- 
gehen, md do ich nmi anfing zw ölen fagette Er, 
haftu auch dregk darinne wie ftinckt es, wolde 
auch die togelein nicht leiden dan quer vber die 
handt, vnd do ich fchire fertig: kam Heinrieh 
fchuman Tnfer icziger burgemeifter do den clawes 
fahe: fprach woU her her fchichtfchreiber was gelden 
die teyle im raffelt, Anttwort fchoman: alle gutte 
iuncker clawes wir wollen reich werden***: Sprach 



* Georg Podiebiad (f 1471", Schwiegervater Henog Albrechte nnd 
Katharinas, der Tochter des Herzogs Wilhelm tob Sachsen. 

** Zincgref, Apophth^^ata Th. 3 von J. L. Weidner. Amsterd. 
1653 8. 342: „Hertzog Ludwigs von Landshnt Narr. Der sagt com König 
in Bohemen, da man ihm ein gaten Wein so trincken gab: Ick trinck 

solchen gaten Wein, vnd blieb mein leben lang ein Ketzer Avent. 

[inus] lib. 3*\ 

*** Die Worte teyle (» Kuxe) nnd schichtschreiber lassen 
darauf schlieasen, dass an dieser Stelle von einem Bergwerksontemehmen 
die Bede ist, nnd znr Bestätigung dieser Annahme dient, was A. Schu- 
manns Lexikon von Sachsen Bd. 12. Zwickau 1825. S. 753 berichtet: 
^Jni J. 1511 gerieth man auch auf den sonderbaren Einiall hier, (in 
Weyda) Gold zu graben; man legte auf dem Sauanger ein Groldseifen- 



Schnorr, über Klaue Narr und Bütner. 283 

clawes Herricze es leyt ein Eyhe inder kachel das 
left mir vill gutter nacht Tagen: So reichet yhme 
Schuman das eyhe gefchelet, beiß er einen biffzen 
vnd warflFs hin: fchrihe noch einen weyne etc. Do 
quamen II parfaffe monche meinten ouch etwas 
zu vberkomen: do hübe claues an es ift kein fpill 
etc. quam potentes funt monachi actu venerio, 
vidi enim femel monachum agere, mirum quod fuper 
viuebat mulier: hec almanice inpublico loquebatur 
etc. abeuntibus monachis et ego abire volebam 
etc. do fragete der Edelman her was gepurt euch^ 
do antworte, Emuefter iuncker inder ftat gibt man 
II g. 'Als gebe er mir einen fchreckenperger: 
reichet ich den fcirchner in feinen anfehen einen g. 
wie yhme der dritte teill gepurte: do ich nun ginge 
fprach claues haftu yhme gelonet: Sprach er ia 
clawes : do fagette clawes ift es mer werdt fo gibe 
übitua. yhme merh, als folde er Tagen es iTt des nicht 
wert Wie ich Sider ofiffce betrachtet etc. 



ITt geTtorben das Telbige iar 
vmb trinitatis zu alden- 
bürg begraben etc. 
FaTt Neunczig Jeryg. 



Petrus ackerman 
Weydanus Diaconus 
atque Vicarius. 



werk an, baute es in Kuxen, Hess es aber natürlich bald wieder ins 
Freie fallen. '^ Ausser Stande bin ich jedoch^ die Bedeutung des Wortes 
raffelt zu erklären^ wenn schon die Yermuthung nahe liegt, dass es 
eine Weidaer Localität bezeichne und vielleicht ein anderer Name für 
„Sauanger" sei. Das Ergebniss meiner Erkundigungen in Weida und 
Umgegend hat indessen diese Yermuthung bisher nicht bewährt. Herr 
Br. med. Walbaum in Weida hat bei Gelegenheit einer mir gütigst 
ertheilten brieflichen Auskunft darauf hingewiesen, dass Rafe eine Wald- 
Iflcke bedeute, welche als Trift benutzt werde. Man könnte daher 
raffelt für die Zusammensetzung von Rafe und Feld halten. Der 
„Sauanger *' war, wie ich aus derselben Quelle weiss, eine an dem 
AumaflusB gelegene Wiese. 



282 Scboorr, über Klaus Narr und Bütaer. 

wie dan vorpotten, feins gefalleiiH geben woUde 

Sagette er Her heuptman von hilperg ir habt ein 

from weib, vnd doch vill huren in der ftat, die 

die weil es w»r wcjle zum tejle daran, hub fich ein groß gelechter. 

9. Wie er zu behmen mit den girlicken* than 
wift ir freilich,: den foflfe ich vnd bliebe ein 
keczer** etc. 
1516. 10. Als man fchreibe taufent funfifhundert vnd 

iEgrotut. 15 vor pfingeften die weyle er fere kräng, wart 
ich ohn zu ölen erfordert, vnd do ich, wie do ge- 
achtet vonn heiligen Ole fagette, antworte er was 
kan du vom ole Tagen ich pin yhme nie holt ge- 
wefen : Ich erfcrack, do anttworte der Edelman, fein 
meifter Glawes es muß fein wir haben alle leykoff 
getrunken Sagette clawes wo: Antworte difer iczo 
zu gote auff dem landttage: Clawes truncke ich 
auch mitte do difer ia: Glaues gefeine mirs der 
teuffell: fing an zu weynen vnd fprach fo laß her- 
gehen, vnd do ich nun anfing zw ölen fagette Er, 
haftu auch dregk darinne wie ftinckt es, wolde 
auch die tugelein nicht leiden dan quer vber die 
handt, vnd do ich fchire fertig: kam Heinrich 
fchuman vnfer ibziger burgemeifter do den clawes 
fahe: fprach woU her her fchichtfchreiber was gelden 
die teyle im raffelt, Anttwort fchuman: alle gutte 
iuncker clawes wir wollen reich werden***: Sprach 



* Georg Podiebrad (f 1471), Schwiegervater Herzog Albrechts und 
Katharinas, der Tochter des Herzogs Wilhelm von Sachsen. 

** Zinegref, Apophthegmata Th. 3 von J. L. Weidner. Amsterd. 
1663 S. 842 : „Hertzog Ludwigs von Landshut Narr. Der sagt zum König 
in Bohemen, da man ihm ein guten Wein zu trincken gab: Ick trinck 

solchen guten Wein, vnd blieb mein leben lang ein Ketzer Avent. 

[inus] Üb. 3". 

*** Die Worte teyle (=« Kuxe) und schichtschreiber lassen 
darauf schliessen, dass an dieser SteUe von einem Bergwerksuntemehmen 
die Bede ist, und zur Bestätigung dieser Annahme dient, was A. Schu- 
manns Lexikon von Sachsen Bd. 12. Zwickau 1826. S. 763 berichtet: 
„Im J. 1611 gerieth man auch auf den sonderbaren Einfall hier, (in 
Wejda) Gold zu graben; man legte auf dem Saoanger ein Goldseifen- 



Schnorr, über Klaus Narr und Bütner. 283 

clawes Herricze es leyt ein Eyhe inder kachel das 
left mir vill gutter nacht Tagen: So reichet yhme 
Schuman das eyhe gefchelet, beiß er einen biffzen 
vnd warffs hin: fchrihe noch einen weyne etc. Do 
quamen II parfuffe monche meinten ouch etwas 
zu vberkomen: do habe claues an es ift kein fpill 
etc. quam potentes funt monachi actu venerio, 
vidi enim femel monachum agere^ mirum quod fuper 
viuebat mulier: hec almanice inpublico loquebatur 
etc. abeuntibus monachis et ego abire volebam 
etc. do fragete der Edelman her was gepurt euch, 
do antworte, Emuefter iuncker inder ftat gibt man 
II g. "Als gebe er mir einen fchreckenperger: 
reichet ich den kirchner in feinen anfehen einen g. 
wie yhme der dritte teil! gepurte: do ich nun ginge 
fprach claues haftu yhme gelonet: Sprach er ia 
clawes: do fagette clawes ift es mer werdtfogibe 
übiiuM. yhme merh, als folde er Tagen es iTt des nicht 
wert Wie ich Sider offte betrachtet etc. 

ITt geTtorben das Telbige iar ^ . , 

, , . ., ^. ,, ^ Petrus ackerman 

vmb tnnitatis zu alden- ,,,. , t^. 

, . , . Weydanus Diaconus 

bürg begraben etc. , ^r- 

TT ^r xT . T atque Vicanus. 

l^aTt Neunczig Jeryg. 



werk an, baute es in Kuxen, liess es aber natürlich bald wieder ins 
Freie fallen.'* Ausser Stande bin ich jedoch, die Bedeutung des Wortes 
raffelt zu erklären, wenn schon die Yermuthung nahe liegt, dass es 
eine Weidaer Localität bezeichne und vielleicht ein anderer Name für 
„ Sauanger*' sei. Das Ergebniss meiner Erkundigungen in Weida und 
Umgegend hat indessen diese Yermuthung bisher nicht bewährt. Herr 
Dr. med. Walbaum in Weida hat bei Gelegenheit eijaer mir gütigst 
ertheilten brieflichen Auskunft darauf hingewiesen, dass Raf e eine Wald- 
lücke bedeute, welche als Trift benutzt werde. Man könnte daher 
raffelt für die Zusammensetzung von Rafe und Feld halten. Der 
„Sauanger '* war, wie ich aus derselben Quelle weiss, eine an dem 
AumafluBB gelegene Wiese. 



284 Schnorr, über Elaufi Narr und Bütner. 

Für wen der vorstehende Bericht bestimmt war und wen 
derselbe mit ihr (in Nr. 9) anredet, ist nicht zu ersehen. Dass 
er geraume Zeit nach Klaus Narrs Tode niedergeschrieben 
ward, geht auch daraus hervor, dass er von Kurfürst Friedrich 
(in Nr. 8) als einem verstorbenen spricht. 

Leider gewährt der Aufsatz keinen Anhalt, um zu ent- 
scheiden, ob eine am S. Hieronymus-Tag des heil. Beichtigers 
1509 ausgestellte Urkunde*, durch welche „Clauß Narr zu 
Dollstädt (bei Gotha) wonhafftig, Lena, seine Haußfrau zu 
einem ewigen Testament einen Erfurtischen Malter Korn und 
einen Erfurtischen Malter Gersten jährliche Erbzinsen an und 
auf eine Hufen Landes zu Rinckleben an der Gera gelegen für 
das Closter und Kirche hier zu Dülstädt' stiften, davor zu 
halten zwei Begängnisse, das eine mit Seelmeße für unsere 
Eltern, Peter Naren und seine Hausfrau Cafcharina, und alle, 
die aus dem Geschlechte sind gestorben^, ob diese Urkunde 
auf unsem Klaus zu beziehen sei. 

Unter den Schwänken, welche Ackermanns Bericht von 
Klaus erzählt, geben viele Anlass zur Vergleichung mit den 
zuerst im Jahre 1572 erschienenen „Historien" Bütners. Vor 
Bütner bringen meines wissens Anekdoten, die sich ähnlich 
auch bei Ackermann finden, nur Hans Sachs, Bebel und 
Kirch hoff. Sachs handelt im zweiten seiner drei Schwanke 
von Klaus Narr (Bd. 2. Nürnberg, 1591. fol. Th. 4 Bl. 95. 
„1560. 7. Jan." vgl. sein elftes handschriftl. Meistergesangbuch 
in Zwickau Bl. 269) davon, wie er sich benahm, als sein 
männlicher Esel ein Füllen geboren haben sollte. KirchhoiF 
(Wendunmuth I 412 ff. Opsterleys Ausgabe Bd. 1. S. 427) 
leitet seine „Historien von Claus Narren" mit den Worten 
ein: „Angeregts narren hab ich von denen, so in gesehen ge- 
dencken hören, daß der löbliche Churfurst zu Sachsen, der in 
damals erhalten, im hab müssen zu seinem gar kleinen Pferd- 
lein ein eigenen stall zu Weimnar im schlosß bau wen lassen" 
und lässt darauf eben diese Erzählung folgen, wie sein Hengst 
zur Hure ward und ein Füllen gebar und der Narr ein Straf- 
gericht hielt. Bebel (facetiae, lib. HL Tvbing. 1542. Bl. 106) 

* Bei Hanß Basilius von Gleichenstein, Burgelinensis abbatiae primi- 
tiae oder Beschreibung etc. Jena^ 1729. Documenta S. 105 — 108 Anm. 



Schnorr, über Klaus Narr und Bütner. 285 

nennt zwar Klaus nicht mit Namen, spricht aber offenbar von 
ihm an der Stelle, die mit den Worten: „Donatus quidam fa- 
tuus seu morio cuidam Principi electori in Germania" beginnt 
und mit dem Satz: ,,Multa alia facetißima de illo extant, quae 
nondum audire potui*' schliesst. Eine Burg, von der es hiess, 
sie würde nur durch Hunger zur Uebergabe genothigt werden 
können, wollte der Narr, von dem Bebel erzählt, durch sein 
^eigenes hungern bezwingen* und: „idem cum semel anserem 
incubantem interemisset, mox ipse, ne oua deperirent, incu- 
bationis officium assumpsit. Quem cum alius inclamaret, ex- 
pressit primum sibilum anseris atque altero saepius clamante, 
Noli, inquit, clamare, ne terrore afficias mihi oua, quo minus 
pullos producant." 

Manche von den Geschichten, die von Klaus überliefert 
werden, sind auf diesen offenbar nur übertragene Erzählungen 
älteren Ursprungs. Dies gilt insbesondere von den beiden 
folgenden Anekdoten. Dem Fürsten, der ihn gefragt, wie er 
es anzufangen habe, damit er immer mit Geld versehen sei 
habe er geantwortet: werd ein Schösser.** Und, statt Krieg 
zu führen, habe er gerathen, lieber vorher Frieden zu machen, 
ehe der Krieg Land und Leuten Schaden zugefügt habe.*** Die 
Entstehung zahlreicher anderer Geschichten ist aber ebenso ge- 
wiss auf Klaus selbst zurückzuführen. Noch ehe Bütner seine 



* Von einem pfalzgräfischen Narren Namens Pocher berichtet das 
gleiche Schertz mit der Warheyt. Fkf. 1563. Bl. 54. 

** Vgl. Luther, colloquia ed. Bindseil 1 S. 340. Tischreden Cap. 45 
§ 68, hggb. von Förstemann 4 S. 223. B. Sastrowen Herkommen hggb. 
von Mohnike Th. 2. Greifswald, 1824. S. 623. Agricola, 300 Sprich- 
wörter. ErflFard, lf.29. Nr. 291 Bl. 130'. 500 Sprichwörter. 1548. Bl. 67 f. 
Bütner, Historien 1602 S. 83 „der Fürst sol ein Schreiber werden". — 
Hütten im Misaulus (opera ed. Böcking tom. 4 S. 55). Eurici Cordi opera 
poetica. Franc. 1564. Bl. 214'. Apophthegma Morionis. „Tum sie morio: 
Magnus uspiam Abbas Fias, aut tuus esto tnte quaestor." Eiselein, 
Sprichwörter. Freiburg, 1840. S. 27. Wander, Sprichwörter - Lexikon 
Bd. 1. Sp. 1498 Nr. 721. 

*'*'''' Luther in A. Lauterbachs Tagebuch auf das Jahr 1538. Dresden, 
1872. S. 152. — Vgl. Pauli, Schimpf und Ernst, hggb. von Oesterley. 
Stuttgart, 1866. S. 477, wo auf Petrarcha epp. famil. 13, 17, tom. 2. 
S. 930 verwiesen ist. Schertz mit der Warheyt. Bl. 54'. Bütner S. 67 
gibt die Historie als eine von fremdem Ursprünge. 



286 Schnorr, über Klaus Narr und Bütner. 

Schwanke gesammelt, hatte die deutsche Litteratur schon für 
die Erhaltung seinbs Andenkens gesorgt. Luther erwähnt 
seiner an folgenden Stellen (ausser den soeben in den An- 
merkungen angeführten): Tischreden Cap. 37 § 133 (Förste- 
manns Ausgabe Bd. 3. S. 422). ^^Erasmus hält Christum wie 
ich Claus Narren''; Antwortt deutsch auf E. Henrichs 
von Engelland buch. ^^Es ist woU ßo eyn feyn bößlin von 
konig heyntzen Wens gleych Claus Narr gesagt hette'' (ygl. 
Murner, Ob der Eünig yß engelland ein lügner sey oder der 
Luther, in Scheibles Kloster Bd. 4. S. 947); Colloquia ed. 
Bindseil 1 S. 175. „Ideo Claus narre apte fertur respondisse 
principi lapides pretiosos ementi .... so teuer vnd wirdig ist 
sie, so hoch sie ein reicher narre achten ynd betzalen darff^^ 
(vgl. Tischreden Cap. 4 §59, Förstemann 1 S. 239); ebenda 
S. 250. „Sicut Claus Narr fuisse dicitur, der dem fdrsten in 
die stiffel hoffiret, apud consiliarium Pfefßngerum se excusans 
paricem* auiculam fecisse'^ (vgl. Tischreden Cap. 3 § 44, 
Förstemann 1 S. 195. Hnr. Bebel, facetiae lib. III. Tvbing. 1542. 
Bl. 106); Tischreden Cap. 3 § 36, Förstemann 1 S. 191. 
(Adams Apfelbiß.) „Darum sagte Claus Narr: das Unglück 
schütte mein Maul, daß es so genäschig ist gewest^' (vgl. Eri- 
ceus Sylvula Bl. 9' f. „ADAM. De morsu Adae perniciosissimo. 
D. Martinus Lutherus. Wir haben alle den weinkauff zum Tode 
getruncken. Idcirco dixit Claus Narr. Das vnglück schüt mein 
maul, daß es so näßlig gewesen^^.** Paulis Schimpf und 
Ernst bringt von ihm zuerst in der Strassburger Ausgabe 
von 1533 (vgl. Oesterleys Ausgabe. Anhang. S. 388 ff. und 
Schertz mit der Warheyt. .Fkf. 1563. Bl. 55' f.) drei Ge- 



* Das unlateinische Wort paricem darf man nicht etwa in parum 
verbessern wollen. Herr J. K. Seidemann macht mich auf fönende 
zwei Stellen aufmerksam: Luther, opera lat. exeg. Erlang. Tom. VlI 
S. 157 (zu Genesis 28, 14). „Et inde orta est appellatio aviculae: päriz 
[litter. hebr.] ein Maisen, quia est crudelis avis'* und Melanchthon, Cor- 
pus Reform, vol. XIX Sp. 415. „item parrae, parra ein Meyse, alias parix". 
** Diese Stelle erinnert an Ackermanns Erzählung unter Nr. 10. 
Eine Anekdote von einem Bauern, der seinem Pfarrherm auf die Frage, 
ob er die Oelung haben woUte, antwortete: „Nein, lieber Herr, ein 
Bauer stirbt wol ohn Oelivig*^ führt Luther in der Auslegung des 
15. Cap. der 1. Epistel an die Eorinther (ErL LI S. 78) an. 



Schnorr, über Klaus Narr nnd Bütner. 287 

schichten^ die mit folgenden Worten eingeleitet werden: „Fvr- 
war hab ich hören sagen: das der hoch geborn Fürst von 
Sachssen hab gehabt ein narren: der hat geheyssen Clauß 
narr, von dem viel zu schreiben were". Als bei einer Ausfahrt 
mit dem Fürsten einer sich der Gesellschaft durch üblen Ge- 
ruch bemerkbar gemacht und der Fürst dazu gesagt habe^ er 
möcht« wetten, der Narr sei es gewesen, habe Claus gesprochen: 
Wet Fritz, wet, du gewinst.* Sein Pferdchen, das sich un- 
anständig benahm, während er es ritt, habe er zur Strafe zu 
Fuss laufen lassen, indem er ihm den Sattel abgethan und den 
auf seinen Kopf genommen habe.** Und als er einmal durch 
los lassen eines Bären viel Unheil angerichtet und Strafe an 
seinen Ohren zu fürchten genaht, habe er zu seinem Hunde 
Lepisch als dem einzigen Augenzeugen, der bei Ausführung 
des Streiches dabei gewesen war, gesagt: Lepisch halt reinen 
mundt, das ich nit vmb mein oren kumm.*** Dieses letzte 
Narrenwort ist in der Fassung: „Lepsch lass nicht schnappen'^ 
zum Sprichwort geworden, wie Agricola (300 Sprichwörter. 
Erflfurd 1529. nr. 58 Bl. 26 f. vgl. Wander, Sprichwörter-Lexikon 
Bd. 3. Sp. 35) bezeugt, der indessen die Erzählung vom Bären 
nicht kennt, sondern das Wort entstanden sein lässt, als Klaus 
einmal einen sammtnen Pfül aufgetrennt und die Federn in 
der ganzen Stube für Rosen herumgestreut habe, während nur 
der Hund des Bischofs Ernst, Lepsch genannt, bei ihm gewesen 
sei. Hans Sachs hat in seine Gedichtbücher zur selben Zeit, 
als er die drei Klaus-Narr-Geschichten, für welche uns Paulis 
Schimpf und Ernst die älteste Quelle ist, bearbeitete (vgl. die 
drei letzten Anmm.), auch ein Lied imter dem Titel: „Glas 
Narr hinter dem offen" (8**' Mgsngbuch Bl. 10' „1545. 12. Dec.'O 
eingetragen I dessen Inhalt sich bei Pauli nicht erzählt findet. 



* Dieselbe Erzählung findet sich mit dem Datum 1545. 12. Dec. 

im achten handschriftlichen Meistergesangbuch des H. Sachs Bl. 10. 

Die Eenntniss von den Stellen, welche ich aus den Zwickauer Hand- 

Schriften des Hans Sachs anflhre, verdanke ich Herrn Edmund Goetzc 

in Dresden. 

** „Klas narr mit seim pferd'^ bei H. Sachs ebd. Bl. 11. ,,1545. 

12. Dec.** (vgl. Dresdner Hds. M 6 Bl. 36.) 

**"* „Klas narr mit dem peren** bei H. Sachs, Ü^ Mgsngbuch bl. 14, 

„1545, 16. Dec." 



288 Schnorr, über KlauB Narr und Bätner. 

Woher er diese letzte Anekdote (sie ist bei Bütner S. 56 
unter der Ueberschrift: Der Fürst lässt ein Windlein zu lesen-, 
in „Schertz mit der Warheyt" Bl. 56' wird sie ähnlich, aber 
nicht von Klaus Narr erzählt) entnahm und welches seine 
Quelle für die drei anderen war, wenn dies nicht Pauli ge- 
wesen ist, bin ich nicht im Stande nachzuweisen. Ebenso 
wenig weiss ich, wem er die drei Schwanke von Klaus (Bd. 2. 
Nürnberg, 1591. fol. Th. 4. Bl. 95. „1560. 7. Jan.'O und seine 
drei Verwunderungen in Leipzig (Bd. 4,3 Bl. 77. „1563. 29. Jan.") 
nacherzählt. Von den Schwänken handelt der erste davon^ wie 
es Klaus gieng, als sein Esel mit ihm in die zur Hälfte ver- 
schlossene Stallthüre lief und sich auf zureden des Reiters 
nicht bücken wollte, der zweite, wie er denselben Esel als 
Ehebrecherin strafte, der dritte, wie er zu seinem Ersatz, um 
nicht zu Fuss gehen zu müssen, auf einem Stecken ritt.* Die 
drei Verwunderungen, welche er aussprach, als einmal Hertzog 
Fridrich zu Sachßen auff eim Landtag zu Leyptzig lag, bezogen 
sich darauf, dass die Mönche bauten ohne Geld, Getreide ver- 
kauften, ohne zu ackern, und Kinder hatten ohne Weiber.** 
Drei von den vier Historietten, welche Bebel (a. a. 0.) von Klaus 
berichtet^ ohne, wie gesagt^ seinen Namen zu nennen, sind be- 
reits im Anschluss an Äckermanns Aufsatz und eine Stelle in 
Luthers Tischreden erwähnt. Die vierte lautet, am Ufer der 
Säle sei Klaus einmal von einem Reiter, der sich am anderen 
Ufer befand, gefragt worden, an welcher Stelle man über den 
Fluss setzen könne, und er habe geantwortet, überall; als dann 
aber der Reiter bei dem übersetzen in tiefe Stellen gerathen 
sei und nur mit Lebensgefahr das Ufer erreicht habe, habe 
sich Klaus darauf berufen, was Enten, so schwache Thiere, 

* Vgl. Bütner.S. 200. „Clauß hatt lang neben dem Fürbten auff 
einem Stecken geritten** u. s. w. 

** Zincgref, Apophthegmata Th. 1. 1626. S. 148. ,,Al8 auff ein zeit 
bey einem Gastmahl andere sich berühmeten, wegen Ihrer Keichthumb 
vnd Güter, sagte der Fürst (Hertzog Albrecht von Sachsen, Churfürst 
Augasti Altvater): Er hab eine Statt, darin wehren drey Wanderwe rck: 
nemblich drey Klöster. 1. Ein Prediger Kloster, das hette viel Früchten, 
vnd keine äcker. 2. ein Barfüsser Kloster, das hatte viel par Gelt, vnd 
keine Renten. 3. zu S. Thomas München, die hetten viel Kinder, vnd 
doch keine Weiber." 



Schnorr, über Klaus Narr und Bütner. ' 289 

könnten, müsste doch vielmehr ein Pferd zu leisten im Stande 
sein. Kirchhoff, den wir gleichfalls als Quelle bereits an- 
geführt haben, überliefert im Wendunmuth von Klaus auch 
noch, dass er Geld, damit es sich vermehre, als Samen in der 
Erde vergraben habe. Dass er aus Käsen Kälber ausbrüten 
wollte imd als Mittel gegen Katzenjammer erneutes betrinken 
empfohlen haben soll, erzählt Kirchhofif ebenfalls von ihm, 
Hans Sachs schreibt das erstere einem ungenannten Narren, 
andere das zweite Peter Bärenhaut, Hofnarren des Landgrafen 
Philipp des Grossmüthigen zu.* Ayrers Singspiel „von 
etlichen närrischen Reden des Claus Narm vnd anderer mit 
sechs Personen, im Thon: Last vns ein weil bey einander 
bleiben" (Adelb. v. Kellers Ausgabe Bd. 5. Stuttg. 1865. S. 3125 
— 3138) folgt, soweit es nicht auf eigener Erfindung beruht, 
den Bütnerschen „Historien^ als Quelle und braucht daher nur 
erwähnt zu werden. Ohne Werth sind uns ihres Verhältnisses 
zu Bütner wegen auch die hier in Betracht kommenden Ab- 
schnitte in Zincgrefs Apophthegmata (Th. 1. Amsterd. 1653. 
S. 269—276), während sich bei seinem Portsetzer J. L. Weid- 
ner (Th. 3. 1653. S. 323-326.336. vgl. Chph. Lehmann, flori- 
legium politicum. Lübeck, 1639. S. 436) ein paar Geschichten 
finden, von denen ich nicht weiss, woher sie stammen. Die 
nachstehende möge als Beispiel dienen: „Clauß Narr sagt, was 
einer Isset, das werde er auch, wer ein Kalb Isset, der werd 
ein Kuh, vnd wer ein Schwein Isset, der werd ein Saw. Er 
hett von einem Narren gessen, darumb were er ein Narr 
worden: der ßab isset Diebs Fleisch, drumb ist er Diebisch." 
So schliesse ich denn hieran nur noch die beiden folgenden 
wortlichen Anführungen aus Manlius, locorum communium 
collectanea, Basil. 1563. U S. 313. „Morio ducis Friderici 
Claus narr, stetit ad mensam, et omnes cibos quos habebat 
canibus proiecit. Interrogatus tandem, cur id faceret? Re- 
spondit: Date, et dabitur uobis" und Fi schart, Geschichtklitte- 
rung Cap. 45 (wie der Mönch seltzam am Ast behieng).** 

* Vgl. Oesterley zu Eirchhoff in Bd. 6 seiner Ausgabe S. 62 f. Hans 
Sachs II 4, 61'. FlOgel, Hofharren S. 261. 

** Bl. 258 der Ausgabe von 1594. In der Ausgabe von 1575 fehlt 
die Stelle. 



290 Schnorr, über Elans Narr und Bütner. 

„Oho, solt nit einer auch da wünschen, wie Clauß Narr, daß 
einer ein Mönch wer, auflf daß er auch ein Kleid trüg wie eyn 
Narr", um damit die Zahl der hierher gehörigen Stellennach- 
weisungen, die ohne die oft bewährte Güte des Herrn J. E. 
Seidemann in Dresden eine geringere geblieben sein würde, 
zu beschliessen. Bloss das eine habe ich als in diesen Zu- 
sammenhang passend noch hinzuzufügen, was ich durch freund- 
liche Mittheilung des Herrn Reinhold Köhler weiss, dass 
Klaus Narr auch in Dänemark bekanni ist und gewesen ist. 
R. N y e r u p ( Almindelig Morskabs-laesning i Danmarke og Norge, 
Kjöbenh. 1816, 8. 249) sagt, um deti Inhalt einer dänischen 
Uebersetzung von „Schimpf und Ernst" zu bezeichnen: „Denne 
Bog er en Sämling af sBsopiske Fahler, Claus Nars-Streger, 
sande Anecdoter, og Fortaellinger." Nach Svend Grundtvigs 
Gamle danske Minder i Folkemunde, Ny Sämling, Kjöbenhavn 
1857, S. 271—273 wäre „Klavs Nar" in Marslev bei Odense 
geboren. Als der „ König '^ einmal bei Marslev vorüberreiste, 
während Klavs Gänse hütete, hätte dieser (ganz so, wie das 
deutsche Original), um den Fürsten zu sehen und doch nicht 
seine Schutzbefohlenen zu verlassen, sich seine Gänse um den 
Hals gebunden, der König aber ihn bemerkt und mit Ein- 
willigung seiner Mutter als seinen Hofnarren mit sich genom- 
men. Von dem, was er als solcher leistete, erzählt Grundtvig 
nur eine Probe in einer Geschichte, welche er in zweifacher 
Fassung mittheilt: 1) wie Klaus dem „König Valdemar'' räth, 
er solle die Yilstrupper Bauern, die um die Ermässigung ihrer 
Grundsteuer bitten, weil ihre hügeligen Aecker schwer zu pflügen 
seien, für den bergan gehenden Theil der Aecker halbe, für 
den bergab gehenden Theil doppelte Steuern bezahlen lassen, 
und 2) bezüglich eiües gleichen ähnlich begründeten Gesuches 
der Munkeboer den Ausspruch thut, wenn ihre Aecker auf 
einem Hügel lägen, so gehe es schwer aufwärts, aber auch 
leicht abwärts, sodass sie doch für ebenes Land zu rechnen 
seien. 

Von den Reden und Handlungen, durch welche Klaus 
Narrs Gedächtniss in der älteren deutschen Litteratur verewigt 
ist, mögen manche direct mündlicher Ueberlieferung entnom- 
men sein; einige von den beigebrachten Stellen, besonders von 



Sobnorr, über KlaoB Narr und Bütner. 291 

denen aus Haus Sachs ^ weisen jedoch ziemlich unverkennbar 
auf gedruckte Quellen hin^ welche uns nicht erhalten, oder 
doch bisher unbekannt geblieben sind. Als Beispiel einer 
ganzen Gattung von Litteraturproducten, an welche hierbei 
zu denken wäre, ist von Interesse ein Bilderbogen, von wel- 
chem die Dresdner Handschrift H 5^ ein Bruchstück, den un- 
teren Theil, mit der Bezeichnung: Straßburg bei Jacob 
von der Heyden* (ohne Jahr) darbietet Der vorhandene 
Theil enthält neben einander gedruckt deutsche und lateinische 
Verse auf Claus Narrs Bild („in effigiem Nicolai Morionis, 
vulgo Claus Narren"); das Bild selbst fehlt; dass es der obere 
abgetrennte Theil aufzeigte, beweist aber deutlich der latei- 
nische Vers: „Hie tibi quem sculptum designat nostra tabella''. 
Der Inhalt der Verse ist durch nichts als etwa dadurch merk- 
würdig, dass auch sie, wie Agricola (nicht aber Bütner, der 
hierin mehr Theolog ist als der erstere), des Narren prophe- 
tische Gabe erwähnen und dass sie ihm eine Lebensdauer von 
sechzig Jahren geben. Trotzdem will ich den deutschen Text 
hierher setzen. 

BLeib stehn, vnd sieh Claus Narren an, 
Der offt Weißbeit bracht auff die bahn, 
Zu Ranstätt in Meissen gebom, 
Ob Bunst all Narren ausserkorn, 
Wie dann Gott einmal hat versehn, 
Da ich die Gänß solt hüten gehn, 
AufF einer Wiessn, vnd vngefehr, 
Viel Beuter sah kommen daher, 
Ergreiff ich die Gänß jung vnd alt, 
Vnd stäckts vnder mein Gürtel baldt, 
Als ein Hirt fromm, gieng damit fort, 
Biß der Churfürst zu Sachsen dort, 
Friedrich genandt, deß Landes Herr, 
Kam lachend, fragte wer ich wehr, 
Alß er hört das ich Claus Narr hieß, 
Mein Vatter zu sich kommen ließ, 



* Nagler, Eünstlerlexicon Bd. 6. 8. 169 gibt an, dass der Eupfer- 
stecher Jacob van der Heyden um 1670 zu Strassburg geboren sei, 
und nennt unter den von ihm herausgegebenen Blättern auch : „Der be- 
rahmte Narr Claus''. S. a. Archiv Bd. 5. S. 3G1 Amn. 2. 



292 Schnorr, über Klaus Narr und Bütner. 

Begehrt meiner, ynd ward jhm geben, 
Bej dem ich blieb, weil er thet leben, 
Vnd ihn, ob andern, lustig macht, 
Offt weisen raht ich herfür bracht, 
In Schimpff vnd Ernst, nach glegenheit: 
Hab auch bißweüen Propheceyt, 
Ja das, von meiner Wunderthat 
Man ein gantz Buch gesammelt hat: 
Starb zu Weyda, als ich war alt, 
Sechtzig Jahr, wie zeigt mein gestalt. 



IL 

Bütner s Buch^ dessen am Schluss der soeben mitgetheilten 
Verse Erwähnung zu geschehen scheint, wurde, soviel wir wis- 
sen, zum ersten Male im Jahre 1572 unter dem Titel: „Sechs 
hundert sieben vnd zwantzig Historien von Claus Narren. Feine 
schimpfliche wort vnd Reden, die Erbare Ehrenleut Glauseu 
abgemerckt haben. Mit lustigen Reimen gedeutet und erklärt^' 
zu Eisleben bei Urban Gaubisch gedruckt.* Dass der Druck, 
den Gaubisch besorgte, der erste war, passt sehr wol zu der 
Freundschaft, welche, wie wir sehen werden, zwischen ihm 
und dem Verfasser bestand. Unwahrscheinlich ist' dagegen, 
dass es eine ältere Ausgabe von 1551 oder 1552 gegeben 
haben sollte, welche man angeführt findet, aber bisher noch . 
nicht als wirklich vorhanden nachgewiesen hat. Die vermuth- 
lich einen Druckfehler enthaltende Stelle in Lipenii bibliotheca 
realis philosophica. Tom. 2. Fcf. ad M. 1682. fol. S. 1433. 
„Clauß Narren Historien. Franckf. 8. 1602. 1551. Magdeb. 8. 
1605" scheint der bisher unbewährt gebliebenen Anführung 
zu Grunde zu liegen. Bütners Name als der des Verfassers** 
ist in der am Schluss der „Historien" (in der Ausgabe von 
1572 unverstümmelt) abgedruckten „Oratio autoris" akrosti- 
chisch, wie folgt, gegeben: „Magister Wolfgang Bvttner, Pf[a]rrer 
zu Volfferstet"; daneben finden sich in der Ausgabe von 1572 



* F. H. V. d. Hagens Bücherschntz. Berlin, 1867. S. 28 nr. 660. 
** Vgl. Thomas Murnera ülenspiegel hgb. von J. M. Lappenberg. 
Leipzig 1864. S. 382 f. 



Schnorr, über Klaue Narr und Bütner. 293 

unter der Vorrede die Zeichen: „M. v. 13. p. vol.'* (d. i. M. V. 
B. parochus Volferstetensis), in dem mir vorliegenden Drucke 
von 1602 die Worte: „Author: Malis vndique Lonipque patet: 
volens", die sich von selbst erklären. 

Von dem Inhalte und Werthe'des Buches ist zu sagen^ 
dass Bütner die derben Spässe seines Helden^ die einem ver- 
feinerten Geschmacke freilich grossentheils nicht zusagen kön- 
nen , zwar in einer echt volksthümlichen Weise mit. treffender 
Kürze zu erzählen versteht^ dass aber die beigefügten etwas 
holprigen deutschen VersC; welche den Anekdoten häufig eine 
allzu tiefsinnige Deutung geben^ mehr durch ihre moralisierende 
Tendenz als durch die Wahl der Ausdrücke von ihrer Umgebung 
unangenehm abstechen. In dem historischen Theil seiner Aufgabe 
beweist der Verfasser viel Gewissenhaftigkeit. Was er schreibt^ 
ausgenommen etliche und wenig Pösslein^ die er mit Buch- 
staben bezeichnet^ alles das, so betheuert er auf sein Gewissen, 
ist wahr und wahrhaftig; und dass er es mit dieser Betheuerung 
ernst meint, ergibt sich aus seinen übrigen Schriften.« Denn 
er ist in seinem Charakter als Schriftsteller einfach und schlicht 
genug, um sich in einigen wenigen Haupteigenschaften, und 
auch Aeusserlichkeiten des ^Stiles, überall zu wiederholen. Zu 
jenen Haupteigei^schaften aber gehört Genauigkeit in der 
Wiedergabe von Thatsachen, bei denen er aus eigenem wissen 
schöpft, wie zu den Eigenthümlichkeiten seines Stiles die Nei- 
gung, deutsche Verse eigener Erfindung einfliessen zu lassen. 
Das einstreuen lateinischer Sätze beschränkt er hier und in 
anderen seiner Schriften auf Fälle, wo er etwas seinem Texte 
in Form einer Anmerkung hinzuzufügen hat oder wo er, z. B. 
aus Gründen der Schamhaftigkeit, für einen Theil seiner Leser 
unverständlich sein will. 

Ungeachtet der subjectiven Glaubwürdigkeit des Verfassers, 
die wir anerkennen müssen, ist aber Bütne^ Buch für^die 
Geschichte Klaus Narrs der Zeit seiner Entstehung wegen doch 
nur eine Quelle zweiten Banges. Dass Banstädt** sein Ge- 



* Vgl. Epitome Bl. 270'. „man werde an meinem berichten, als der 
ich ein Christ, vnd der lügen, vermöge meiner heiligen Tauff, abgesag- 
ter Feind vnd Wideretreber, keinen zweiffei haben , noch ein mißtrawen." 

** Vgl. Logau, Sinngedichte hggb. von Eitner. Stuttg. 1872. S. 455. 

Abchiv f. Litt.-Gsscr. VI. 20 



294 Schnorr, über Klaus Narr und Bütner. 

burtsort gewesen sei, ist eine Angabe, welche der ursprüng- 
liche Ackermannsche Bericht gar nicht kennt und ein dem- 
selben hinzugefügter Zusatz von zweiter Hand als falsch ver- 
wirft. In Betreff des Ortes, wo er starb, weiss Bütner nur, 
dass Klaus nach Weida begeret habe und daselbst gestorben 
und begraben sein solle; wie alt er geworden, darüber gibt 
er nichts an. Und dass man die Schrift auch nicht für eine 
vollständige Sammlung aller von Klaus cursierender Erzählun- 
gen ansehen dürfe, sagt der Verfasser selbst. Ihn bedünkt, 
dass er mit seinem Buche kaum den Anfang von Klaus zu 
schreiben gemacht habe, und er glaubt sicherlich, dass es 
nach kurzer Zeit zu herrlicher Procerität oder Grösse steigen 
und von Kur- und Fürstlichen Dienern mit lustiger Jucundität 
werde gemehrt und gebessert werden. Wir finden daher auch 
nicht alle die Geschichten, die wir aus Ackermanns Aufsatz 
und den übrigen angeführten Quellen kennen, bei Bütner wie- 
der. Welche unter ihnen er gekannt und seinem Buche ein- 
verleibt hat, das haben zum Theil meine gelegentlichen An- 
merkungen ergeben und wird zum andern Theil die folgende 
kurze Zusammenstellung zeigen, in der ich mit einer Verglei- 
chung zwischen Bütners und Ackermanns Erzählungen be- 
ginne. 

Die berühmt gewordene Sage, dass Klaus bei seiner er- 
sten Begegnung mit dem Kurfürsten Gänse mit den Hälsen 
unter seinen Gürtel gesteckt habe, ist vielleicht an die Stelle 
der in Ackermanns Berichte vorkommenden üeberlieferung ge- 
treten, dass er als Hirt Vieh und Gänse wegen Diebstahls 
erschlagen und gehenkt habe. Zu Ackermanns Erzählungen 
unter Nr. 3 („Teilung des Landes"), 5 („Schlösser aushungern"), 
6 („Hengst hat ein jung füllen") und 9 („den söffe ich und 
bliebe ein Ketzer") ist kürzlich auf die entsprechenden Stellen 
bei Bütner (S. 78. 79. 372 f. 249 der Ausgabe von 1602) zu 
verweisen. Mit wenigen Worten erwähnt Ackermann (in Nr. 5), 
Klaus habe sich über Eier gesetzt und wie eine Gans gezischt; 
in den „Historien" liest mau (S. 210 f.): „Clauß satzte sich 



t^Eine Ranstat ist die Welt, drinnen fast ein iedes Haus | Heimlich doch, 
wo wilMich nicht, bat und heget einen Clans." 



Schnorr, über Klaus Narr und Bütner. 295 

vber Pferds Eyer, vnd wolte junge Pferdlein gewinnen, vnnd 
wer m jm gieng, denn zischt er aber, wie ein Ganß thut, 
ynd kam nit vom Nest^ u. d. w. Aehnlich sagt Kirchhoff 
ihm nach, er habe aus Käsen Kälber ausbrüten wollen. Von 
seinem verhalten bei Empfang der letzten Oelung weiss merk- 
würdiger Weise auch Bütner, wie folgt, zu berichten: „Als 
Clauß sterben wolt, fraget jhn ein Mönch, oder ein ander 
Oeler: Ob er das heilige Oele begerte? Clauß antwortet: Ja, 
schmiere mich da mirs noth thut, vn an der statte da es mich 
helffe. HilJEFt es mir nicht, so wirdt es dir helffen, denn man 
sol dir Schmierlohn geben, das wärmet sich dort in der Ofen- 
kachel." 

Den drei bei Pauli vorkommenden Anekdoten entsprechen 
bei Bütner die Stellen S. 71 („Wette, mein lieber Herr Fri- 
derich, wette getrost"), 201 (Das Pferd muss zu Fuss laufen) 
und 205 (Klaus löst den Bären von der Kette). Zu einer der 
vier von Bebel erzählten Historietten ist zu verweisen auf 
S. 148 S. („Einsmals hett Clauß Narr einen dicken Wolffs- 
beltz angethan, vnnd gieng au einem Wasser, die Moll ge- 
nannt, spaciren auff vnnd ab. Es ksLjn aber ein Postbote mit 
ernstlichen Brieffen an das ander Yfer deß Wassers, vnd solt 
die Brieffe auffs förderlichste dem Churfürsten vberantworten" 
u. s. w. u. s. w.). Zwei Geschichten, deren Kirchhoff gedenkt, 
findet man S. 85 („Geltsame") und 84 („D^r Durch. Ch. F. 
hatte an einem abend zuviel gezechet, vnd klaget am Morgen 
sein Haupt. Clauß sprach: Wider an, Herr Friderich, wider 
an" u. s. w.). Zu der Stelle Fischarts endlich könnte bei- 
gebracht werden, was Bütner S. 401 f. unter der üeberschrift 
„Chorröcke" mit der Schlussbemerkung: „Secus haec recito, 
quam dicta sunt" aufgenommen hat. 

Nachträge zu seinem Buche von Klaus Narr ergeben sich 
aus Bütners übrigen Schriften fast gar nicht. Seine „Epitome 
historiarum" bietet nur folgendes: Bl. 26. „Maximilianus 1. 
hatte einen leutseligen vnd schimptfreichen Menschen, Curt 
von der Rosen mit Namen, wie dann auch die Fürsten zu 
Sachsen, Clausen von Ranstet, an seinem vnd an jren 
Höfen genehret"; Bl. 37'. „Ich hab an einem Durchleuchtigen 
Fürstenhofe, ein nackend Mansbild in der Hofeatuben, aus 

20* 



296 Schnoir, über Klaus Narr und Bütner. 

eineiD grossen Stein gehawen, auff solche form, wie dieser 
Schandgott (Priapus), stehen, vnd an der wand nahe bey der 
Thür angelehnet gesehen, vnd wie ich fraget, wozu man solch 
ynsauber Bild an einem solchen ersamen ort duldet vnd auff- 
gesetzet? Sagte man mir, man müste damit Frawen vnd 
Jungfrawen aus der HofiPstuben gewehnen, vnd furchtsam 
machen, Vnd weil mir diese vrsach lecherlich zu hören, sprach 
derselbe redliche Mann diese Lateinische wort: Bides Vuol£f- 
gange, quia sentis hac imagine non pelli sed incitari libidi- 
nem. Vnd hats der fromme Mann, was ich gelachet vnd ge- 
dachtet (!), troffen vnd errathen"*; Bl. 192'. „Es hatte der 
Durchleuchtige Fürst zu Sachsen, vmb einen Türcks oder Edlen- 
stein lang gekramet, vnd wolt jn der Edlesteinkremer, dem 
Fürsten nicht zu komen lassen. Der Fürst fraget Claus Narren: 
Wie bedünckt dich Cleuslein? Wie tewer ist dieser Stein?" 
u. s. w. (vgl. S. 286 die Stelle aus Luthers CoUoquia Bd. 1. S. 

175); Bl. 237. „Der Teufel vexiret einen Melancolicum 

der wolte keinen bissen essen, noch tröplein trincken, ward 
er zur Speise vennanet, vnd jm Speise vorgetragen, sprach 
er: Was seid jr vor wunderliche vnd seltzame Leute? solle 
ich essen vnd trincken, vnd sehet das ich tod vnd gestorben 
.... Also bereitet man vor jm einen Tisch, vnd trug auff 
Wildpret vnd Fisch, gut Bier vnd Wein, darzu weis Brod, 
vnd must ein Mönch weidlich essen vnd trincken. Der trawrige 
Melancolicus sähe den Mönch essen, vnd finget: Wer bistu? 
Ich bin ein todter Mönch. Bistu tod, wie kanstu denn essen? 
Ich bin tod vnd gestorben, wie du, vnd kan wol essen. Wolan 
sprach der Trawrige, ich wil warlich mit essen, vnd trincken 
.... Ich habe diese Geschieht von Claus Narren hören 
sagen, wird auch in seinem Schwangk vnd Schimpffbüch- 
lein gelesen etc. Parum sensu mutato"**; BL 367. „Claus 
Narr hatte auch an einem Fenster ein Weib, die sich seuber- 



* Vgl. Cl. N. S. 64. „Clauß sähe einen nackenden Mann, der war 
ein steinern Bildt (dachte aber es were ein Mensch) in der Hofstnben, 
vnd sprach" u. s. w. 

♦* Vgl. Cl. N. S. 486 f.: „Clanß kam in die Phantasiam, daß er 
gäntzlich glaubte, er wehre gestorben, wolte nicht essen noch trincken" 
u. 8. w. 



Schnorr, über Klaus Narr und Bütner. . 297 

lieh anlegete ; ynd herab auff den Marckt ynter die jungen 
Gesellen schawete, vernommen, vnd sprach zu jr: Weiblein, 
schmückestu dich deinem Manne also zu liebe vnd zu ehren, 
so trit ab vom Fenster, Denn auff dem Marckt sind auch Men- 
ner, die lust haben zu jungen Prawen".* Ob Hans Weser, 
von dem Bl. 258 berichtet wird, er sei zu Er£Furd vom höch- 
sten Thurm durch das Dach am Beinhause gefallen, ohne im 
geringsten Schaden zu nehmen, und derjenige desselben Na- 
mens, der Gl. N. S. 480 f. vorkommt, identisch sind, muss da- 
hingestellt bleiben. 

Die soeben angeführten Stellen befinden sich nun aber in 
einem Werke Bütners, das nicht nur wegen seines litterar- 
historisch merkwürdigen Stoffes, sondern auch um seines 
schriftstellerischen Werthes willen unser Interesse in vollem 
Masse verdient und viel dazu beiträgt, dem Verfasser eine 
gerechte Würdigung zu sichern. Denn, wenn derjenige, der 
nur seinen „Claus Narr^' kennt, in die Gefahr gerath, ihm die 
Wahl seines Themas zu Ungunsten anzurechnen, so zeigt jenes 
Werk unverkennbar, dass es nicht das gemeine und rohe ist, 
was ihn anzieht, sondern das volksthümliche, und dass seine 
schriftstellerische Art nicht sowol durch das Mass seiner Bil- 
dung und Beföhigung als durch freie Wahl und Neigung be- 
stimmt wird. Er gehört zu denjenigen protestantischen Theo- 
logen des sechzehnten Jahrhunderts, die ihrem grossen Vor- 
bilde Luther auch darin nachfolgen, dass sie offenen Sinn für 
deutsche Sprache und Litteratur bewähren und um die För- 
derung beider sich verdient machen. 

Ueber Wolfgang Bütners** Lebensverhältnisse erfahren 
wir folgendes. Seine Heimat war das Voigtland, sein Geburts- 
ort, wie es scheint, Oelsnitz. Eine Geschichte von einem 



* Vgl. a. N. S. 106 f. „Ein lustige Frauw . . . kleidet eich täglich 
schön an, vn ließ sich die Vorgänger beschawen. Clauß sprach zu jr: 
. . . . wann die Bürger nach dir sehen, möchten sie vber einen stein 
fallen, vnd den Hals brechen.** 

** Bütner ist die Schreibung des Namens auf dem Titelblatt der 
„Epitome'* und der „Dialectica". Unter der Vorrede der „Epitome" und 
auf dem Titelblatt des „Catechismus** steht Büttner, wie wir deu Na« 
men auch akrostichisch gegeben fanden. 



298 ■ Schnorr, über Klaus Narr und Büiner. 

Bauern aus dem Jahre 1544, die ^nicht weit herab vom Hofe 
ergangen sein mag'^^ hat er „^^^ seinen Eltern im Voitlaude 
gehöret" (Epitome Historiarum Bl. 47'). Seih ^ Großuater 
Hans Behem, ein geweiheter ThumpfafiP, hatte zu Ardorff 
(Adorf) einen Meßpfaff geben sollen" (Bl. 280'). Eine teuf- 
lische Berückung^ die „in seinem Heimet seiner Mutter Bruder^ 
Peter Behem, zugestanden isf , erzählt er, wie folgt: „In 
genanter Stad Olßnitz ist ein ort vor dem Thor^ den nennet 
man- den Platz auff dem Graben, daselbst hatt meine Mutter 
an einem Garten, nicht ferr vom Stadgraben, vnd yofl einem 
Teich, vnten am Bei^e, mit jrem Bruder Petem jre wohnungi», 
Diesem rieff in acht tagen ein mal in der nacht eine Mensch- 
liche stimme, wie jm seine Mutter (welche vor jaren gestorben) 
ruffte vnd auffweckte, vnd fuhr aus dem Bette, vnd ward jrre 
im Hauß, oder in der Kammer, die er am abend vnbesperret 
offen gelassen, kam aus der Kammer in die Haußthür, reiß 
die auff, vnd gieng vor sich als in die Stuben, vnd feilet et- 
liche klafitern hinab in den Graben, dauon erschrickt meine 
Mutter auch im schlaffe, laufit dem wintzlen hinnach, vnd 
meinet der Bruder klage in der Stuben, vnd feilt hinab in 
den Graben. Es wohnete auch ein Haußgenossin in meiner 
Mutter Heußlin, die hörete das getöß vnd wintzlen, eilet vnd 
leufft, vnd feilet auch in den Graben '^ (BL 56' f.). Bütner 
hat ferner „selbst auff der Kutten heyde (jetzt Kottenhaide, 
im Schonecker Wald gelegen) viel von Teuflischer blendunge, 
vnd lesterunge Göttliches Namens, in seiner Jugend hören die 
Leute reden" (Bl. 46' vgl. Bl. 60. „am Behemer Walde vmb 
die Kutten Heyde, vnd vmb den Kuttenberg auff der Platten, 
nicht ferr herab von Zeeslaw bey der Glasehütten, hinüber 
vber die schöne ecken". B. 60'. „nicht ferr von der Heinrichs 
grüne, da ich selbst viel hohe Thannen und Bechforen, aber 
weder Golt noch Bratwurst gesehen"). Von der Zauberei eines 
Cantors Quirinus hat ihm dessen „Schwester die hockerichte, 
vnd der alte Pieckenwirt ein Schneider zum Voitsberge vor 
30. jaren erzelet" (BL 64). Von einer anderen Sache endlich 
weiss er, von der „vor drey vnd zwentzig jaren, vmb den 
Eherlebach vnd Schilnpach viel sagen ward" (BL 90'). Die 
Zeit seiner Geburt fallt eher vor als nach 1524. Er sagt 



Schnorr, über Klaus Narr und Bütner. 299 

(Bl. 199): „Die Schelmen vnd Mörder, welche die Freyheit 
auff der Naumb. angelegt, vnd wie ich erachten kan, vor 50. 
jaren% lenger vnd neher wird es nicht sein, denn ich bin 
vmb diesen Brandt geboren vnd getauffet, verderbet, seind 
auch balde ausgespehet^ vnd begrififen'^; und in den Versen 
am Ende seiner ,,Dialectica'^ liest man: 

Kömstu nicht heut HErr Christ, so kom 
Wenns dir geliebt du weist die stund, 
Allein im Glauben mich erhalt 
Verlas mich nicht, ich bin nun alt, 
Bey fanfftsdg Jar, .... 

Von einem Spuk, der sich im Closter Waldsachsen neben 
Egra zugetragen haben soll, hat er sagen hören, als er ^,nocli 
ein Knabe war, von 8. oder 9. jaren"; „in der Schule zu 
Egra" hat er die Erzählung „von Knaben offt gehöret" Epi- 
tome BL 261 (vgl. BL 29'. „Zu Egra habe ich grosse Bilder 
von wachse, wie Mann vnd Frawen, auff den Altaren stehen 
vnd hangen sehen, dafür knieten die Weiber, mit jren Liecht- 
lein vnd Paterlein, das ich mein maul auffsperrete, vnd die 
Wachßmenner oder Wachßgötter anschawete, vnd mich für 
jnen entsatzte vnd dauon lieffe"). Ein anderer böhmischer Ort, 
den er erwähnt, ist noch Ellbogen (Bl. 60'. „Recitauit Lau- 
rentius N. Prediger zum Einbogen, circiter annum 39." BL 275, 
„Diese Historia sol man mir wol gleuben, denn ich habe sie 
in der Jugend von frommen Leuten zum Einbogen hören sagen."). 
Ausser in Eger war er aber auch in Magdeburg auf der 
Schule und zwar „legte vnd fassete er fundamenta suorum 
studiorum von Reuer. Doct. [Georg.] Maior" (BL 55), der 
1529 von Luther als Rector nach Magdeburg an Caspar Cru- 
cigers Stelle geschickt ward imd der Schule daselbst sieben 



* Diese '50 Jahre sind wol nicht von 1576, dem Jahre, wo die „^pi- 
tome" in Druck erschien, abzuziehen. Vgl. BL 24'. „Anno 1399. das 
ist für 173. jaren." Bl. 31'. „Anno 1476. das ist vor 98. jaren." Bl. 61. 
„vor zwey vnd funfftzig jaren, das- ist Anno 1522." BL 174. „dieses 
1574. jars." Bl. 279'. „Alhie in diesem Dorff, Anno 1665. fluchet . . . . 
ein Vater seinem Son .... Der Mann lebet noch, aber in acht jaren 
hat kein Mensch diesen- Fluch von jm gehöret, " 



300 Schnorr, über Klaus Narr und Bütaier. 

und ein halbes Jahr vorgestanden haben soll.* Die Frage, 
wo Bütner alsdann das theologische Studium betrieb und Ma- 
gister ward, muss unbeantwortet bleiben. Zwar in Witten-- 
berg hat er sich aufgehalten (Bl. 149'. „Ein Wunder habe 
ich von diesem Methodio, zu Wittenbergk in Rauhen hausunge 
vber dem Tisch, die Gelarten cotbmemoriren vnd erzelen hören." 
Bl. 297'. „Zu Wittenbergk gieng es also zu in der Burgkmühle: 
Ein Eseltreiber, oder Mühlknecht, Heinrich ist mir recht mit 
Namen, denn ich habe jhn wol gekennet, hatte in der Mühle 
etliche jähre gedienet, vnd hielte sich wol vnd rein, das er 
ofiFI; von den Studenten vnd Handwercks Gesellen, zur Zeche 
ward geladen '' u. s. w.). Dass er aber dort als Student iii- 
scribiert gewesen sei, kann ich nicht nachweisen, wenn man 
nicht die Erwähnung von Melanchthon als „praeceptor noster 
benemeritiß-" (Dialectica Bl. Fvm) als Beweis anzusehen hat. 
Für die spätere Zeit seines Lebens enthalten ein Stückchen 
Selbstbiographie die Worte in der Vorrede seiner „Epitome", 
in denen er als Grund dafür, dass er das Buch „Regierenden 
Bürgemeistern, Rath vnd Kemmem der Sechsischen Fürst- 
lichen Stad Weymar" dediciert, folgendes anführt: „Dieweil 
ich auch neben ewer Achtbar Weisheit vnd Gunsten Stad, vor 
zwey vnd dreissig Jahren zum Newen Marckt mein liebes 
Weib in die Ehe gefreihet, von der Weymarischen Kirchen 
zum Dienst des Euangelij beruffen, vnd darinnen ordiniret bin, 
habe auch offt darinnen gepredigt, vnd die Sacrament ausge- 
teilet, auch in der Weymarischen Kirchen neun vnd zwantzig 
Jahr, auff zweien Pfardiensten geherberget, vnd mich darinnen 
genehret, vnd bey der Gemeine zu Ompffersted vnd bey den 
Wolfferstedtern, viel trüeber vnd heller Sonnen Glentze 
vnd Stralen vberstanden, meine Kinderlein in der Weymarischen 
Diocoesi rasten vnd schlaffen, Ich auch gedencke mit gnaden 
vnd Ehren in der Erkentnis vnd Bekentnis Jhesu Christi in 
Thüringen abzuscheiden, vnd beygelegt, auch aus der Thüringi- 

* Vgl. Baltb. Mencius, elogia doctorum ac profeseomm theol. in 
acad. Witeberg. Witeberg. 1606. S. 130. G. A. Will, NümbergischeB 
GelehrienLezicon Th. 2. Nbg. 1766. S. 537. Nach Godofr. Ludoyici 
Schul-Hiatorie Pars lY. 1714. S. 73 wurde erst 1640 als Majors Nach- 
folger Woltersdorff zu Magdeburg Bector. 



Schnorr, über Klaus Narr und Bütner. 301 

sehen Erden widerumb auffznerstehen, vnd vnuerweslich herfiir 
zu gehen^ Also hab ich in der Welt niergend hin gewolt, noch 
gewust, denn bey euch Fürsichtige Herren" u. s. w. Die 29 
Jahre, welche er zu der Zeit, als er die Vorrede seiner „Epi- 
tome" schrieb, in zwei Pfarrstellen, zu Ompflfersted (Umpfer- 
stedt, bei Weimar) und Wolffersted (im Amte Allstedt) zuge- 
bracht hatte*, vertheilen sich auf beide Orte so, dass 16, etwa 
die Jahre 1548 — 1563** auf den ersteren kommen. Denn an 
einer Stelle (Bl. 49) erwähnt er ein Filialdorf von Umpferstedt, 
Wiegendorff, als einen Ort, „darinnen er sechszehen jar das Euan- 
gelion gepredigt". Von einer ünglücksperiode in seinem Leben 
spricht er in nachstehenden Worten (BL 203): „Anno 1566. am 
tage Ascensionis Dom. haglet der Himmel Schlössen vnd Wasser- 
steine, die zerschlugen vnd zerbrachen, im Ampt Aisted, vnd 
beuor in den Eomfluhren Wolffers ted, Newendorff, Winckel, 
Mittelhausen, Einsdorff, vnd Entian, allen Rockenhalm, ynd 
ist auff diß jar keine Winterfruchte verkomen noch tüchtig 
worden. Anno 1567. Hat ein Reiff vnd kalter frost, abermal 
in gemeltem Ampt, gleich am tage Ascensionis Dom. wie im 
fordern jare, die edle Wintersaat, im schoßbalge, hingenommen 
vnd verderbet. Also von diesen zweyen Vngewittern, vnd alijs 
infortunijs, bin ich zum teglichen Brodt, das ist, ad despe- 
ctissimam paupertatem, gerathen, GOtt wende noch, was Teufel 
vnd ehrlose Conuicianten, vnd Priesterfeinde vnd Verfolger sich 
bemühen, vnd bearbeiten, ac rumpat vires fanatice stolidorum, 
qui sie audiri (!) volunt Theologorum. Vnd vor diesen zweyen 
Vngewittern, ist das grausame Sterben in der Pfaltz Aisted 
angangen, darnach durch gantz Deutschland gesteubet vnd ge- 
fahren, vnd nicht ein Landsterben, sondern eine Weltpestilentz, 
ein gantz jar angehalten, vnd still gestanden/' In seiner Noth 



* Iq dem Pfarrarchive za Umpferstedt beginnen die Nachrichten 
über dortige ffarrer erst mit d. J. 1607; in Betreff des Wolferstedter 
Pfarrarchivs habe ich eine Auskunft nicht empfangen. 

*♦ In der vom ,, abend Bartholomei, Anno 1674" datierten Vorrede 
der j^Dialectica" liest man Bl. Avm: ,, demnach vor 12. jaren Ewer 
Ehmuhf'st vnd Gestrenge, Adelich Gunst, ewren günstigen vnd geneigten 
willen zu Ompffersted gegönnet, dieses ausgelassenen künstlichen Buch, 
leins halben." 



302 Schnorr, über Klaus Narr und Bfltner. 

haben ihn ^^seine bejde hende negst dem HErm, auff seinem 
Pferrlein, mit der Schreibfeder yber eilflf jar emehret" (Bl. 343'). 

Als seine Kinder macht die Vorrede des ,,Catechismas^' 
vom Jahre 1572 zwei Sohne und drei Töchter namhaft. Die 
hier in Betracht kommenden Worte in der S. 300 mitgetheilten 
Stelle aus der Vorrede der ^^Epitome^' sind wol nicht noth- 
wendiger Weise so zu verstehen^ als hätte er diese Kinder 
sämmtlich überlebt. Dass er vor 1596 starb, geht daraus 
hervor, dass ihn der Titel der in diesem Jahre erschienenen 
Steiuhartschen ,,£pitome Historiarum^' ^^weyland Pfarherm 
in der Graffschafft Manßfeld^^ nennt 

Von seinen Schriften ist eine bereits ausf&hrlich von 
uns besprochen worden. Vom Jahre 1572, dem die erste 
bekannte Ausgabe seiner ,,Historien von Claus Narr'^ angehört, 
stammt auch die uns erhaltene Ausgabe eines Büchleins, wel- 
ches betitelt ist: 

33er Äleine 6atccl)ifinu^; in furfec önb S^riftUc^c Sieber, 
für bie S33anberteute, auff ber ©traffe, ünb ^Qnbwercf« 
®cfellen auff ber SBerdftat, gefegt, t>vb ju fingen. 3"= 
gerieft, ^nxä). 3». SBoIff SBüttner, ?ßfarrl(erm ju 
SBoIfferftebt. (3 Bogen kl. 8^ Auf der letzten Seite 
ein grob ausgeführtes Portrait mit der Umschrift: 
„VRBANVS. KAVBISCH. 0RTRAVIEN8IS. AETA- 
TIS. SVAE. 33", darunter die Jahreszahl 1572).* 

Darin ist die das Datum „Eisleben, am Palmsontage, Aiuio 
1572" und die Unterschrift „Vrban Gaubisch" tragende Vor- 
rede an die Gottfürchtigen und Ehrliebenden Kinder, Vtmar 
vnd Georg Bütner, Judith, Margarethe vnd Enleiu 
Bütners, „alle Geschwister vnd Erben des Ehrwirdigen vnd 
Wolgelarten Ehm M. WolflF Bütners" gerichtet, und werden 
die genannten in dieser Vorrede folgendennassen angeredet: 
„ERsame vnd Tugendreiche Gesellen, Frawen vnd Jungfrew- 
lein, Ir habt oflFt von ewrem lieben Vater gehoft, wie viel 
daran gelegen, das man den lieben Catechismum vleissig 



* Vgl. Phil. Wackemagels Bibliographie sur Geschichte des deutschen 
Kirchenliedes. Fkf. a. M. 1865. S. 273 und desselben dentsches Kirchen- 
lied Bd. 4. Lps. 1874 S. 799 f. 



Scbnorr, über Klaus Nurr iiud Bütner. 303 

handeln^ vnd von Jugend aaff, jm ein jeder denselben gemein 
vnd bekand mache, aus dieser grosswichtigen Vrsach, das 
darin all vnser Heil vnd Seligkeit stecke. Vnd damit solcher 
Catechismus desto vleissiger getrieben möchte werden^ so hat 
er jn in feine liebliche vnd kurtze Reimen durch aus gefasset^ 
das jhn die Wandersieute auff der Strassen, vnd die Hand- 
wercks Gesellen auflf der Werckstat singen können, Vnd wie- 
wol er für etlichen jaren ist in Druck ausgangen, vnd 
von jung vnd alt gekaufft worden, nichts desto weniger sind 
die Exemplar dermassen verruckt vnd beseits komen, das der- 
selbigen nu nicht mehr verbanden. Nach dem ich aber mit 
ewrem lieben Vater in kundschaflFt komen, vnd mir solch 
Exemplar zugestelt, mit freundlicher bit, ich wolte es wider- 
umb für die hand nemen, vö in meiner Druckerey vernewen, 
Dieweil mir aber durch seine Ehrwirden, vnd euch semptlichen 
viel guts vnd forderung geschehen, vnd mir es zuuerschulden 
vnmöglich, hab ich solcher Christlichen bitt billich-stat vnd 
räum gegeben. Vnd die weil es die zeit gab, das man von 
dem bitter leiden vnd sterben, vnsers HErrn Jhesu Christi 
predigte, vnd seine Wirden ein gar schönes Lied von der 
Passion Jhesu Christi gemacht, hab ich dasselbige binden an 
gesetzt, samp etlichen schönen Gebetlein, so ich aus Hoch- 
gelarter Leute Betbuchlein gezogen, auch hinzu gethan.^ 

Wenn es wahr ist, dass die frommen kleinen Lieder, aus 
denen das Büchlein besteht, bei dem Publicum, für welches 
sie der Verfasser bestimmte. Anklang fanden, so ist das wol 
alles, was zu ihrem Lobe gesagt werden kann und gesagt zu 
werden braucht. Die Töne, auf welche dieselben gedichtet 
sind, sind die nachstehend verzeichneten: 

Ach Gott von Himmel sich darein (Hl). 

Allein nach dir HErr Jesu Christ (XII). 

Ein newes Lied wir heben an (X). 

Erhalt vns HEn« be^ deinem Wort (XXI. XXII). 

Es ist das Heil vns komen her (IV. XXIII). 

Es wolt vns Gott genedig sein (XHI — XIX). 

HErr Christ der einig Gottes Son (Yll. VIII). 

Hüfif Gott wie geht das jmmer zu (VI). 

Lobt GOTT jr fromen Christen (IX). 

Thon des heiligen Vater vnsers (U). 



304 Bchnorr, über Klaus Narr und Bütner. 

Vater vnser im Uimmelreich (XX). 

Wer Gott nicht mit vns diese zeit (I). 

Wo Gott der HEit nicht bey vns helt (V. XI). 

Ein in Form von Frage und Antwort und, was bemerkens- 
werth ist, in deutscher Sprache* geschriebenes Lehrbuch der 
Logik ist: 

2)ialectica beutid^. ®ag ift, ©ifputicrtunft. SBic man 
tjernünfftige önb redete S^agcn, mit öcrnunfft önb mit 
fünft entf (Reiben, tjnb tjcrantoortcn \oüt. Durd^ 9R. 
aOSoIffgang »ütncrn, ?ßfar^errn ju aSoIffcrftcb. ANNO 
M. D. LXXVL (19 Bogen kl. 8^ Auf der vorletzten 
Seite: ,, Gedruckt zu Leipzig, Durch Jacob Berwaldä 
Erben. Anno M. D. LXXVL") 

Die vom „abend Bartholomei, Anno 1574" datierte Vor- 
rede dieser Schrift ist „Den Edlen, Gestrengen vnd Ehmuhesten, 
Dieterichen, Petern, vnd Eckharden Gensen, Gebrüdern, 
Junckern vnnd Erbsassen auff Densted in Düringen bey Weymar" 
zugeschrieben und einer Darlegung des Wesens und Verherr- 
lichung der Philosophia gewidmet. „Es pfleget freilich, sagt 
darin der Verfasser, der Sathan, vnter die Pürwitzigen vnd 
Scharffsinnigen, seine verdamliche vnd streffliche lester vnd 
fluche Studia, das ist, wie man warsagen, zaubern, in der 
lufft fahren, Butter vnd Käse machen, grausame Wetter herfür 
bringen, die fruchte auflf dem Felde hinnemen, vnd verderben, 
die Leute vnd das vliuemünfFtige Viehe lehmen, mit gifft tödten 
vnd ausrotten, die Weyde vnd Bronnen, mit Teufflischer schalck- 
heit corrumpirn vnd verderben [möge], auszustrewen, vnd er- 
schrecklichen Jammer damit in der Gemeine des HErm, vnd 
im Menschlichen Geschlecht anzurichten, vnd diese seine leste- 
runge vnd verblendunge, mit dem Edlen vnnd Ehrwirdigeu 
Namen der Philosophia zu bementehi vnd vnter zuhüllen. So 
findet man auch Inter Ecclesiae Mmistros tam delicatas aures 



* Vgl. Mv'. „Sihe doch die vngelarten Grarrienten, vnd Vorsprachen 
an, die sich mit Latein behengen, wie ein Betler mit Körben vnd mit 
Secken, daher Ziegeunem, Aber von der Lateinischen Sprache »o viel 
wissen, vnd erfaren, wie meine Schreibefeder vnd mein Dintenfeßlein.^ 



Schnorr, über Klaus Narr und Bütner. 305 

& delic[i]osos animos; vt malint pro nomine Philosophiae audire 
Piatonis [Plutonis] aut Cerberi appellationem. Vnd solchs 
daher, Dum Philpsophiae tantam peritiam habeant, quantam 
Asinus habere dicitur, quando in fidibus Cytharae ludit". Ge- 
legentlich gibt sich Bütner in diesem Buche auch als einen 
Liebhaber der Mathematik zu erkennen. Als einen Theil der 
philosophischen Künste nennt er „Die scharffe vnd tieffsinnige 
kunst Ar ithmetica, Vnnd sonderlich die Meister vnd kunstrech- 
nunge der Deutschen Goß, dauon ich schlimmer DorflFrechner 
einen besondern A[l]gorithmum, vnd 203. Cossisti- 
scher fragen, gestellet" (Bl. Ay. vgl. Bl. Sj. „Es wird 
auch ein Oraculum, oder eine Weissagunge von der duplation 

Cubi recitiret, Dauon ich in meiner grossen Deutschen 

Goß, viel schöner Exempla mit der zal zu verfertigen ge- 
stellet habe."). Das Werk „Arbor virtutum et vitiorum", 
'von dem er wiederholt spricht (Bl. Ayn! „Dis liebliche Stu- 
dium [der Ethica], welches ich ,nach meiner mügligkeit, auff 
einen bäum ex predicamento quaKtatis gepflantzet, vnd mit 
dem Namen Arboris virtutum & vitiorum benennet, leret Landt 
vnd Leute, Stad vnd Dorff regieren" u. s. w. Bl. Eij. „Hieher 

bringet man, alle schentliche laster die ich mit dem 

willen Gottes, vnd mit seiner Göttlichen verleihunge, in meinem 
Tugend vnd Lasterbaume, menniglich zu lesen, vnd zuerkennen, 
gerne wil mittheilen, vnd zureichen"), ist möglicher Weise 
identisch mit seiner „Epitome". Möglich ist aber auch, dass 
es ein Werk für sich war und ein gedrucktes Exemplar noch 
einmal zum Vorschein kommt. Für jetzt muss ich mich be- 
züglich des „Tugend- und Lasterbaums", wie auch in Betreff 
eines „Index" und eines „Libellus infantis mei", die er 
citiert, damit begnügen die Titel anzuführen. (Vgl. BL Fvm. 
„dauon [von den natürlichen krefften, den Actiones vitales et 
animales] hat man in der Phisica, vnd beuor in dem edlen 
Büchlein de Anima, praeceptoris nostri benemeritiß. Philip. 
Melanth. herrliche, subtile vnd liebliche disputationen, 
dauon, wie mein Index gesaget, meine Lucubration vnd 
arbeit, mit der zeit sol auch an das Liecht kommen, vnd 
der Jugend zu keinem vngedeien an jrem studio gerahten 
noch gereichen." Bl. Rj'. „Ein Man »o\ der Kindlein 



306 Schnorr, über Klanfi Narr und Bütner. 

Natur, ynd nicht jre Mores, oder jhre kindliche sitten "imitiren. 
Besihe libellum Infantis mei."). 

Das umfänglichste Werk Bütners ist das oft angeführte : 

Epitome Hiftoriarum Sf)riftli(i^er Äujgdefcncr §iftorien 
ünb ®cj^icf)ten; ?fuö alten önb bciüctirten ©cribenten. 
Snb bie fic^ auä) ju önfern jeitcn jugetragcn. Drbcnt= 
lid^cr önb fur^cr ÄuSjug. 3n Sünff S3üd)cr 3ta6) orb= 
nung t)nb 3)er Acre in bcn jet)en ©eboten (SotteS, S5nb 
bcr ficbcn Sitten in t)njemt ^eiligen SJater önfer, ®e= 
rietet. 2)arinnen abjunemeii, wie bie fiinber ®otte^ in 
bcm @t\tij beg $@rm red^t ünb idoI getpanblet, ®ott ge- 
bienet önb angeruffen, SSnb barumb üon ®ott mit ®naben 
Dnb ®{(ren, jeittici^e S3eIol(nung enH)fangen. S)ie SBeIt= 
finbct aber, fo batüiber geftrebet, ®ott öerac^tet önb ge= 
leftert, öon jm aud^ gretulic^ g^ftrafft önb getilget finb., 
3u gutem ünb reid^em 2;ro[t, ben betrübten mb ©lenben 
ß^riften, bie in be^ SBett üeroc^t önb uer^affet. ®en 
©i^ern aber önb ro^em SQSeltpöbel, jum fc^recfen önb 
abfc^eme. ßwf^wi^^J^ getragen burc^ 9W. SQSoIffgangum 
aSütner. ^falm. 86. HERR, St^ue ein äeic^en an mir, 
3)ag mir« tDoIgelje. 1576. (425 Blätter, fol. - o. 0. 
und Drucker). 

Im Jahre 1596 gab Georgius Steinhart, Pfarherr zu 
Dürrweitzschen, in Verlegung Jacob Apels in Leipzig eine 
„Epitome Historiarum, Das ist Christliche vnd kurtze beschrei- 
bung vieler denckwirdiger Historien vnd Exempel, beydes der 
heyligen Schrifft, sowol auch anderer alten ynd newen Lehrern 
Tnd Scribenten, vnd sonderlich derer, so sich mehrer teils 
jnnerhalb achtzig Jaren zugetragen vnd begeben'' heraus, die 
er auf dem Titel als „erstlich durch WolfPgangum Bütnern 
nach den Zehen Geboten vnd sieben Bitten zusammen getragen", 
durch ihn selbst aber „auffs Newe vbersehen, lAit vielen nütz- 
lichen Historien vermehret, nach Ordnung der fünff Hauptstück 
des Gatechismi D. Luth. vnd derselben nützlichen Außlegung 
gerichtet vnd gebessert" bezeichnet. Dieses Buch unters '^heidet 
sich aber durch Umfang imd Anordnung so sehr von dem 
Bütnerschen Werke, dass es kaum als eine andere Ausgabe 



Schnorr, über Klaus Narr und ßütner. 307 

desselben gelten kann. Bütners Werk reiht sieh vielmehr in 
eine Ordnung mit den übrigen von Steinhart benutzten Quellen 
ein und wird darin in derselben Weise citiert, wie viele andere 
Schriften. Ob eine Ausgabe von Bütners „Epitome histo- 
riarum" zu Leipzig 1615 in fol. wirklich erschienen, und ob, 
falls diese Titelangabe, die sich in Georgis Bücher -Lexicon 
Th. 1. Lpz. 1742 S. 229 findet, richtig ist, dieselbe etwas 
anderes war als eine Titelausgabe des ursprünglichen Büt- 
nerschen oder Steinhartschen Buches, weiss ich nicht zu 
entscheiden. 

Vorgänger Bütners in der Litteraturgattung, zu welcher 
seine „Epitome" gehört, waren, wie er selbst angibt, Hon- 
dorff, Manlius, Lycosthenes, Fincelius „vnd sonst viel 
andere mehr "; Steinhart nennt als Vertreter der Gattung Hon- 
dorff, Bütner, Rivander und die beiden Sturmii, Vater 
und Sohn zu Bitterfeld. Welcher Art der Stoff ist, den Bütner 
in seinem „Historienbuche" bietet, und in welcher Weise er 
denselben gesammelt und verarbeitet hat, können die zahl- 
reichen Stellen, die ich daraus mitgetheilt habe und sogleich 
mittheilen werde, zeigen. Und doch wird bei der Beschränkung, 
die ich mir immerhin in diesen Mittheilungen auferlegen musste, 
die allgemeine Bemerkung nicht überflüssig sein, dass das Werk 
für Sittengeschichte und Sprichwörterkunde, wie auch für thü- 
ringische Ortsgeschichte eine recht beachtenswerthe Quelle ist. 

Folgendes sind die Stellen, welche ich behufs näherer 
Kenntniss der Beziehungen Bütners zu Orten und Personen 
oder zur Charakterisierung seiner Schreibweise oder um ihres 
litterarhistorisch interessanten Inhaltes willen wörtlich hier an- 
führen will. 

Epitome 1576 Bl. 49. „Ich habe zu Jhena offk gedencken 
hören, wie vor jaren vber die 24. Personen, (vnter denen am mei- 
sten theil gewachsene Megde) zum Stadthore am früen morgen aus- 
geeilet, vnd in den Weinbergen arbeiten selten, vnd weil sie nicht 
vber die Brücke gehen, sondern im SchifPlein vberfahren, haben sie 
dem Schiffer, sie vber zubringen, lange angelegen. Aber wie sie 
fahren, vnd die junge Leute der lecker sticht, vnd wider GOTTES 
Gebot vnd ehre, mit leichtfertigkeit jr anders beginnen dann sich 
ziemet, vnd dem HERRN lieb ist, schwencket der Sathan das Schiff- 
lein, vnd ertrencket sie alle in der Sala, das nicht eine vberbleibe. 



308 Schnorr, über Klaus Narr und Bütner. 

Der alte Enderlein, vnd Sebastian Nodler, vnd M. Valent. 
Diaconus mihi retulerunt." 

Bl. 54. „Denn mit wündschen hat sich der Sathan auch in die 
Area Noe (wie die Mönche vor zeiten gepredigt, vnd ich selbst zu 
Erffurd von D. C. K. auflF dem Berge zu vnser lieben Frawen, ge- 
höret) das Menschliche geschlecht zu erseuffen vorschlichen, Das 
solle also geschehen sein, wie Noe alle Thierlein ein pärlein zu jm 
in die Area beruffen, hatte der Sathan sein Weib zuuor vnterrichtet, 
das sie in der thür sich sperrete vnd verdrehete, vnd nicht eilend 
in die Area eingienge, Solchs thete Noe Weib, vnd seumet sich mit 
willen in der thür der Area, Dauon ward Noe fertig, vnd sprach: 
Woleinher in des Teufelsnamen. Also ward der Teufel auch, wie 
alle lebendige Thiere, genennet, vnd kam in den Kasten, Er brach 
aber ein loch hindurch, das wasser einzulassen, vnd die Leute zu- 
erseuffen, dafür vnd darein kroch eine Schildkröte, vnd wehrete dem 
wasser, vnd rettet den Noe, mit den seinen." 

Bl. 55. „Magdeburgk. In dieser weitbekanten Stad Germa- 
niae, hat bej meiner zeit, als ich daselbst in die Schule gieng, vnd 
von Reuer. Doct. Maior. fundamenta meorum studiorum legte vnd 
fassete, Doct. Niclas von Ambs: Sanct Ylderico gepredigt, vnd 
dem Luthero diß Teuflisch Gespenst, welchs jm begegnet, angesagt: 
Ich lag vnd schliefiT, vnd wie es sich begab, hört ich ein gezische 
vnd gethöne, wie zwene Kerle mit einander ernstlich vnd tapffer 
redeten, vnd wie ich hörete, Sihe da kommen Adelicher Personen 
zwo anzusehen, mit zweyen seuberlichen E[naben begleitet, die an 
jren henden brennende Fackeln trugen, in meine Kammere, die ruf- 
fen mir von meinem schlaffe, vnd sprachen: Fürchtet euch nicht 
Herr AmbsdorfiF, schreibet einen BriefiF, wie wir euch sagen, denn 
es seind alle ding richtig, vnd one jrrunge. Ambsdorfif hat diese 
Edlen wol gekennet, auch wol gewust, das sie vor etlicher zeit ge- 
storben vnd begraben, Ob aber Ambsdorff dem Teufel nachgeschrie- 
ben, vnd seine Dictata verzeichnet, hat M. Joan: Stolsius Hoff- 
Prediger zu Weymar, etlichen Pfarherrn, als Johan Gengel- 
bachen zu Krombsdorff, vnd M. Wolff Buttnero, der noch am 
leben ist vnd schreibet, vnd die es von jm gebeten vnd gesuchet, 
dem Herrn Ambsdorff abzufragen zugesagt, Ist aber Stolsio aus- 
gefallen, vnd hernach auch von gemelten zweyen Predicanten nicht 
mehr gesuchet, vnd M. Stolsius kürtzlich darauff im HErrn seliglich 
verschieden," 

Bl. 62. George Bauman, war von Oelßnitz aus dem Voit- 
lande, den ich dann wol gekennet, ein Ertzmeister vnd ausbündiger 
Künstler, zauberey vnd gauckeley zu treiben, darzu ein mechtiger 
vnd starcker Dieb, der kauffbe zum Hofe, zu Egra, zu Zwickaw, zu 
Leipzig, vnd anders wo, auff freyen Mftrckten, sammat vnd seiden, 
vnd bezalets baar, aber das gelt fand er daheim in seinem Kasten 



Schnorr, über Klaus Narr und Biltner. 309 

wider. Er gab einem Bawer zum Voitsberge einen ZwölflPer, das er 
jm sein Fferdlein, am gemachten vnd zusamen geschobertem haw 
auff seiner Wiesen, füttern Hesse, Solches dtincket den Bawer zu 
viel, vnd dachte ein Pferd möchte nicht für ein groschen haw auff 
einmal in sich hinein zu fressen, Aber das Pferd fraß dem Bawer 
mehr dann zwey fuder haw in einer viertel stunde. Als man jn zu 
N. hat wollen hengen, wie denn geschähe, sprach er durch seine 
nase, denn er redet vbel vnd bößlich: Jr Herrn, wenn jr mich nun 
am Galgen erhenget, vnd wider zu rück in die Stad reitet, so kom- 
met zu mir auff den Rathskeller, das wir ein känlein Wein zechen. 
Das Gericht sprach:* Fahre hin George, vnd vergiß solche schertze- 
rey etc. Er ward gehenget, vnd wie der Richter mit seinen Schop- 
pen auff den Trunckkeller gehet, hat jm Georg Bauman allbereit 
ein maß mit Wein einzapffen, dauon gab er dem Richter zu trincken, 
aber er entranne mit seinem Führer aus aller henden. Vnd auff 
ein ander fahrt, verkauffte er einem sein Pferd, der reitt damit 
durch die Eltester, vnd ward zum bund Stroh, Er suchte seinen 
Verkeuffer, jm sein vnglück zu klagen, der hatte sich in der Stuben, 
als schlieffe er, auff ein Ruhebettlein gestrecket, der Keuffer nam 
jn bey einem fuß, vnd rüttlet den Schelm auff zu wecken, aber er 
wolte nicht erwachen. Er rüttlet fester vnd stercker. Da fiel der 
schenckel auff die erde, vnd blutet als were er jm mit einer Holtz- 
axt hinweg gehawen, Dauon erschrack der Bawer, vergaß des Pferds 
vnd seines geldes, vnd bleib der Zauberer wie er war, des Teufels. 
Zur Naumburg ist er gefangen, vnd jm mit besondern listen seine 
kunst abgeteuschet, Man hat jn müssen an seinem gantzen leibe 
bescheren, vnd mit keinem fuß dürffen lassen die erden berüren, 
vnd in einem langen Frawenmantel an den Galgen gehenget. Vnd 
also hat das spiel sein Recht gewonnen«*^ 

Vgl. Bobertags Aufsatz oben S. 142 f. 
Ebd. „Ein Graffe. Im Bißthumb Straßburgk, hat ein Graffe 
mit einer jungen Huren gebulet, vnd sie wol an seinem Hofe ge- 
halten. Er ward aber anders, vnd verendert seine vnzucht, in Ehe- 
lich vnd ersam leben. Die junge Braut schaffte, das man die Hure 
muste vom Hofe hinweg jagen. Weil aber solchs der vnzüchtigen 
Mehren verschmahete, gab jr eine Zauberinne in einem Topffe aller- 
ley vnd seltzam gespenste , das versenckte sie in den Burckbronn'en, 
vnd war darzu angerichtet, das der Graffe seine liebe Braut, mit 
Ehelichem schimpffen, in drey jaren nicht vermochte noch kondte 
erkennen. Es begab sich aber, als er in die Stad Metze verritte, 
darinnen seine alte Bulschafft jre niderlasse vnd wohnunge hatte, 
die fraget, wie er sich vnd sein Gemahl vertrügen, vnd ob sie auch 
Kindlein vnd Erben in der Ehe gewonnen? Er sprach : Ja liebe Alte, 
wir dürffen nicht klagen, vnd haben keinen gebrechen, Aber dafür 
wir GOTT dancken, hat er vns drey junge Sönlein bescheret, die 

Archiv f. Litt.-Gxsoh. VI. 21 



310 Schnorr, über Elans Narr nnd Bütner. 

mir vnd meinem Gemahl fast lieb sein, vnd viel frewde an jnen 
haben. Von dieser rede erschrack die Fraw, vnd entferbet sich in 
jren aügen, vnd sprach: Nun muß der Teufel die alte Hure hinweg 
führen, die mir einen Topff, in ewren Bronnen zu werffen, zurichtet, 
euch an ewrem schimpff mit ewrem Gemahl e zu verseumen, vnd 
jren Leib zu verspenen, Den Topff werdet jr finden, wenn jr darzn 
reumet. Der Graffe lachte, vnd sprach: GOTT hat der Huren vnd 
des Teufels schalckheit verhindert, ward fro, vnd suchet die Ge- 
spenste, vnd verbrants mit fewer, Damach fieng er an, mit seinem 
Gemahl ein frölich vnd Ehelich wesen, vnd zeugte Söne vnd Töchter/^ 
Ygl. Liebrecht in Pfeiffers Germania Bd. 14 S. 404 f. 

Bl. 62\ „Gratius ein Knabe, fand auff dem wege ein Messer 
zum Schwanesee, hab ich vom Fischmeister daselbst Fried: oder 
Heinrichen mir zur Naumburgk in der Herberge sagen lassen, lieff 
auff dem Thamme vber eine Brücke, stösset an, vnd feilet das 
Messer in seinen Leib, das er von stundan bleibt vnd stirbt. 

BL 63' f. „Wilden walde oder der Wilden berg, Ist in Deut- 
schen Landen nicht weit von dem namhafften ort Sälen feit, ein 
sehr lustiger bergk, mit schönen Eichen vnd grünen Buchen bewach- 
sen, ob er aber diesen Namen sonst auch hat, kan ich nicht für- 
war sagen, Ich bin aber eine fahrt zu einer ehrlichen CoUation, mit 
Ehrn Jacob Pfarherm zu Ichbaßdorff, in der Edlen vnd Gestrengen 
von Gensen Herrschafften, vnd sonst mit einem Nickeln Meh- 
lern vber den bergk gereiset, vnd vns daran also abgemartert vnd 
vermüdet, das wir vns gentzlich auff der stet zu bleiben ergaben. 
Da aber wir den bergk hinder vns gebracht, vnd in der Herberg 
dauon zu reden anfiengen, ward vns angezeigt, das vber diesen 
bergk one besondere anfechtunge vnd verschmachtunge, niemals ein 
Mensch gestiegen noch geritten. Ich dachte, weil vmb dieselbe zeit 
der Römische KeyserCarolus, daselbst mit seinen Spaniolen durch- 
komen, der Sathan würde ein Spanisch Fehnlein vei'zettlet, vnd da- 
mit weil etwa daselbst etliche Spaniolen gestorben, ein gedechtnis 
hinder jnen in Deutschlanden, für Heilthumb anzubeten, verlassen 
haben. Aber man sagt, so viel als ich mercken kondte, der Teufel 
müste seine Helle heran vom Grimmenthaie, vnd vom Morgenthale, 
an diesen ort versetzet haben vnd verrücket/^ 

^ Bl. 64. „Zobern, Ist ein Stedlein da hat der Teufel 

auch ein gedechtnis seiner schalckheit angegossen, stehet im Malleo 
wie Hohndorff nachweiset. Aber ich habs zu Gelhausen, von 
Wolffgang blawen einem Prediger, also hören hersagen: Eine 
Fraw hatte einen grossen Leib, vnd verschmehete eine thörichte 
Obstetricem oder Eindsfraw " . 

Bl. 69. „Also mag ich auch der Wolgebomen vnd Edlen Graf- 
fen zu Schwartzburgk Liberey zu gedencken alhier nicht vbergehen, 
noch vnberhümbt lassen, Denn diese löbliche Herrn vnd Graffen in 



Schnorr, über Klaus Narr und Bütuer. 311 

der Kirchen zu Sanderßhausen, darein mich Herr Christoph: 
Helmreich, dieselbe zubeschawen, gelassen, eine rhümliche vnd 
wolerzeugte Liberej oder Buchkammer gestifftet '^ 

Ebd. „Von einem Abt,' habe ich von Vito Dieterich zu Nörn- 
bergk hören predigen, vnd dazumal in mein Schreibebüchlein ein- 
geschrieben, vnd vber 28.jar behalten, der solte vielGolt vnd Silber 
eingesamlet, vnd dem Closter einen reichen Goltschatz zusammen 
geheuffet haben, vnd wie jn der Landsfürst in Baiem vmb denselben 
Schatz angelegen, vnd zu sehen begeret, zog der Mönch das Euan- 
geliumbuch der Euangelisten aus seinem Bösen, mit Silber vnd Golt 
beschrieben, vnd sprach: Diß ist mein Schatz, die weil ich lebe, Hat 
aber das Closter golt vnd silber, so gehöret es den Armen vnd den 
Dürfftigen aus zutheilen ^ 

Bl. 79. „D. Maior sagt zu Magdeburgk, welchs ich nicht 
von jm, sondern von Christiano Friesen gehört: Ich kandte 
einen, dem schmackte die Speise vngebetet, nicht böser noch besser, 
als dem der da viel gebetet vnd Pfafferey gemachet hatte, gieng in 
die Gahrküche, vnd ließ jm eine Suppen vber eine Semmel giessen, 
vnd erwürget sich, .da er den ersten löffel voll einschluckte." 

Bl. 83. „Di^ Lacedemonier haben rund vnd gerade bey jnen 

keinen Sonnenbrater, noch Pantoffelklitzscher geheget Wenn 

heut die Lacedemonier, vnsere Junckern in diesem Lande, die Nacht- 
raben, die Bier vnd Meinmeister [Weinm.], die reubischen Spieler, 
vnd die Hurenfehnrich , selten sehen, vnd die Teuflische ignauiam, 
tregheit vnd faulheit straffen, Hilff Gott, wo würde vnser Pfarherr, 
vnd vnser Caplan zu S. Joannes Münster, en campo flore & vacca 
del porta, jre zopffichte Barte vnd quergeschritte, vnd hohen trette, 
hin dchürgen vnd hin setzen." 

Bl. 86' f. „Eberlein war ein vberaus böser Bube zu Berbaw 
in der Marck, von leibe groß, vnd fürchteten sich in der Schule 
vor jm nicht alleine die andern vnd kleinen Knaben, sondern auch 

der Schulmeister Erasmus Becke von Blawen Recitauit 

Hiero: N. der Schule zu Stendel Rector vnd Prgceptor." 

Bl. 89'. „Item, Lud: Quensel ein alter Schneider, hancke an 
einem Stabe in die Kirchen, vnd wider heraus. Einer sprach: Warum 
hincket jr in die Kirchen? Antwortet Quensel: Ich hincke hinein 
vnd wider heraus, ob ich auch möchte, wie der Pfaff predigt, von 
lahmen, gesund werden. Auff diese rede erstummet der Mann, vnd 
redet oder vermochte kein wort dieweil er lebt. M. Magnus zur 
Naumburgk, Prediger auff dem Stifft, fragt jn, wie das er seiner 
sprach vnd zungen nicht brauchet? Da fieng er an, Vnd weinet, 
gieng dahin legt sich drey tage, vnd nicht so lange als man ein 
Vater vnser ausbeten möchte, verschiede er mit einem wort, das er 
selbst redet: Nun bin ich selig. Diß ist geschehen mit dem Quenßle. 
Vnd wenn Agneta Grewin, welche M. Milhern zu jm freyete, 

21* 



312 Schnorr, über Klaus Narr und Bütner. 

vmbsuchte, würde sie dieser Geschichten Deutscl^e vnd Lateinische 
Carmina o4er Versus (die von zweyen Pfarherm, M. Caspare 
Müllern zn Orlemud, vnd M. Wolffgang [Bütner], gesetzet, 
vnd Laurentio von Meissen N. zugeschrieben, vnd in die Pfarr 
Weymar in verwarung genomen) antreffen vnd finden." 

Bl. 110\ „Man lieset in einem schimpfflichen Gedichte, 
von zweyen Brüdern, also: Einer war from vnd Gottfürchtig, gieng 
wenn man anfieng zu leuten, in die Kirche, betet vnd sänge mit 
andern Christen .... frisch vnd frölich, Damach fände er sein 
Hauß bestellet, vnd begattet, als hette ers selbst so ordentlich zu- 
sammen gepacket, vnd auff sein örtlein ein jedes gestellet, Nam zn 
in seiner Nahrung, vnd ward reich. Der ander war auch reich, vnd 
gieng jm in seiner Nahrung glücklich, aber er spottet vnd lachet 
seines Bruders, vnd sprach: Was thustu in der Kirchen, du seumest 
deine Nahrung, vnd wirst verarmen. Nicht lang hernach, verdarb 
dieser mit Brand vnd Fewer, vnd gieng darnach mit dem Bruder 
auch in die Kirchen, lernet beten, vnd GOTT anruffen. Vnd wie 
er an seiner Nahrung wider stiege, vnd zimlich gesamlet hatte, ward 
er in der- Haußhaltung trSg, vnd schlefferig, wolte seinen Beruff 
nicht embsig treiben, sondern meinet, wenn er das Reich Gottes am 
ersten suchte, als dürffte er nicht mehr sorgen, oder arbeiten, des 
HERRN Engel würds alles recht machen, vnd wol ausrichten, ward 
wider arm vnd zum Bettler, vnd sprach zum Bruder: Sihe, ich thue 
wie du auch thust, höre Gottes Wort, vnd bin aber arm worden, 
wie ich ward, da ich Gottes Wort nicht achtet. Woran wird nun 
der mangel sein? Der Bruder vmbwunde einen trockenen Hunds- 
koth mit einem seiden tüchlein, vnd sprach: Diß ist Heilthumb, von 
Jerusalem, das henge an deinen halß, vnd gehe vor der Predigf, am 
früen morgen, ehe man leutet, damit in deine Ställe, Schewre, 
Küchen, Kellere, vnd auff deine Bödem, auch hinaus auff den Acker, 
vnd in deinen Weinbergk, Nach der Predigt, thue jm etliche Tage 
nach einander aber also, vnd mercke was daraus werden »wil " 

Vgl. Burch. Waldis, Esopus Buch 3 Nr. 94. Kurz, 

deutsche Bibliothek Bd. 1. S. 396 ff. Bd. 2. S. 141. 

Hans Sachs, Spruchgedicht von 1553, Gedichte 1,441. 

Meisterlied in Goedekes Dichtem d. 16. Jahrh. Bd. 4. 

Lpz. 1870, S. 295 f. 
Bl. 114. „Vmb Wittenbergk haben die Edlen auch eine Hasen- 
kirmesse beschrieben, jagen vnd schrecken bis sie nicht ein Häßlein 
sehen, noch ein Eichhömlein fahen. Also reiten sie abe, vber die 
zugefrorene Elbe, vnd vor jnen auff dem eyse, vnd auff dem schnee 
lauffet ein Hase, die Edlen vnd die Junckherm setzen hinnach. Aber 
der HERR vnd Wechter, der die Frommen behütet, brachte sie alle 
vber die Elbe, wie sie nun hinüber, erschrecken die Leute, vnd wis- 
sen nicht, das sie auff dem eyse mit jren schweren Rossen, dem 



Schnorr, über Klaus Narr und Bütner. 313 

Hasen nacbgejaget, dancken dem HEEBN vor seinen schirm, vnd 
vberfahren, Darauff gehet das eyß aus einander, vnd wird ein solch 
gekrach vnd praßle, das sie alle sterben vnd verderben müssen, 
Nisi Dominus lustorum viam seruasset, & Leporinas insidias, id est, 
Diabolicas pr^stigias & technas amouisset. Actum Anno 72. ex past. 
Christ: Sf. Dresdano." 

Bl. 114/ „Conrad Ruthard schwur einen Eyd, er hette S. 
Fetrum im Oelberge, auff den grünen Donnerstag, hören schnarcken 
vnd im schlaffe schnauben. Am vierden tage in den Ostern, er- 
warff er mit einer Zimmeraxt einen weidlichen Bürger, Vnd sprach 
Andres Brcich der Pfarherr zu Newenkirchen am Walde: mein 
Enderlein, hettestu die Ostern, wie S. Peter im Oelberge, geschlaf- 
fen, wie du nun im Thorn must schlaffen. Buthard sprach: Petrus 
schlieff, vnd mich dauchte, da ich meine Axt von mir warff, ich 
stopffte Petrum vom schlaff zuerwecken in seine Seiten. Der Mensch 
ist nicht gerechtfertigt noch gerichtet, doch hat er sich von einer 
Meisenhütten, herab von zweyen Tannen, in alte stiffte dameben 
gespiesset, vnd sein leib nicht können abgelöset werden, die alten 
stiffte hat man müssen vmbhawen, vnd also in seinem Cörper 
steckend mit jm begraben. Diß habe ich zur Naumburgk in D. 
Mediers hause gelesen, der von mir dauon bericht sein wolte, Aber 
wie er sagt, ynd von Casparo Lichnero [Druckfehler für Loh- 
nero] Pfarherrn zu Olßnitz also berichtet, warhafftig auch also er- 
gangen.^^ 

Bl. 115'. „Zu Poplitz im Fürstenthumb Anhaldt, Anno 68. 
schmiret ein Weib jren Wagen, das ist, einen alten Besen, oder jre 
Hinckkaucke, vnd ward von jrem Stallmeister, Lorentio N. behauchet 
vnd verhochet. Die Fraw fasset den Besen zwischen jre beine, vnd 
sprach: Eile bald. Von stimden ward sie, dahin sie begerete. Der 
Knecht funde jre Büchsen, schmieret seine Strawgabel, nicht das er 
hinnach reiten, oder der Frawen nachfahren wolte, satzte sich drüber, 
vnd sprach: Eile bald, vnd kam dahin, da alle Zauberer des orts 
versamlet. Die Frawen erschracken seiner gegen wart, vnd richteten 
jn mit guten Worten, auff seiner Strawgabel wider an abzureiten, 
vnd sprachen: Sihe, weil du dich so weit vergriffnen, so hüte dich, 
das du kein wort redest, biß du in das Hauß kommest, Vnd wie er 
vber die Säle sprengen, vnd zu seinem Pferdlein, war eine Muster 
oder Strawgabel, meinet aber nicht anders, er ritte auff einem järi- 
gen Kalbe, sprach er: Hoy Pferdlein hoy, vnd eile bald, warff jn 
das Pferd vber die Säle, vnd verschwand. Der gute Mensch sprach: 
Hammerleyhe hoia, das ist ein weidlicher sprung, von einem järigen 
Kalbe, bleib auff dem platz ligen, ward lahm vnd ein Krüpel biß 
auff diese stunde. Diese geschieht wird an gedachtem ende von 
viel Leuten nachgesagt, vnd ein gemein leufftig Sprichwort draus 
worden: Vom järigen Kalbssprunge." 



314 Schnorr, über Klaus Narr und Bütner. 

Bl. 180. „Man sihet zu Nömberg, Leiptzig, ErflPurd, vnd in 
andern berhümpten Stedten, wunder lust, vnd kurtzweile, d:i sitzen 
die Kindlein von 5. vnd 6. jaren, die machen netiein, pflücken wol- 
len, winden seyden, spinnen, neben, machen beutlein vnd täschlein 
zusammen, schnitzen Töcklein, vnd treiben jre arbeit^ also, das kein 
Kneblein noch Jungfrewlein , ein bißlein brot in sein mündlein 
scheubet, welchen es nicht selbst mit seinem hendlein zuuor zwie- 
fach verdienet vnd erworben. Da ich zu Nörnberg solchen vleis 
vnd arbeit der Kindlein sähe, lieff ich dauon, vnd trollet mich, vnd 
•fürchtet mich, ich müste auch etwas lernen, vnd arbeiten. Wolan, 
Dominus Egenum Obed, intra ignauos habere me voluit, non Artifi- 
ciosum Artificem. Anno 1538." 

BL 181'. „Ich habe auch von Meister Petern Maler zu 
Weymar gehöret, der sprach, das er zu Colin vor wenig jaren 
einen Maler gekennet, der hatte die Churfürstliche Stad Colin am 
Rhein dermassen abgerissen, vnd abcontrafeyet, das eine Flige das- 
selbe gemeide, mit jren ausgebreiteten flüglen, hat gantz vnd gar 
einhüllen vnd bedecken können.'* 

Bl. 187. „Der Mensch ist vnter allen Thieren auff 
Erden, Das elendest vnd vnglückhafftigste. Es ist kein 
Creatürlein auff Erden, das vom Gruten oder Bösen zu sagen wüste. 
Es nehret des HERRN Hand, Laub vnd Qraß, vnd schafft Futter 
dem Adler, vnd gibt Brot vnd Wein dem Menschen. Der Mensch 
kriegt das Kalte, den Stein, die Schwere not, die Wasser v5 Gel- 
sucht, jn plagt der Schwindel, das Zittern, an Henden vnd Füssen. 
Er ist Rotzig, Reudig, Kretzig, jn würgt Hunger vnd durst, er wird 
erstochen, er feit sich Tod, jn frist die Pestilentz, Er verblind, er- 
lamet. Er wird Rasend vnd Wahnsinnig, Zornig, Trawrig, Frölich, 
sorghafftig. Er kan nicht schlaffen, noch Natürliche werck vegeta- 
tiuae & generatiu^, exercim. Er wird verhasset, geneidet, gelestert, 
geschmehet, vnd biß in den tod verfolget, Verrathen, Belogen vnd 
betrogen. Dem Menschen ist zuwider der Himel, der tödtet jn mit 
Plitz vnd Donner, Es zömet mit dem Menschen, die Erde, drümb 
frisset sie jn im Grabe, mit Haut vnd Haer. Das Fe wer gönnet jm 
nicht guts, verbrennet vnd versenget jn. Im Wasser muß er er- 
sauffen, im Walde zerreissen jn die Wölffe, vnd fressen jn die Füchse, 
die Hunde, die Raben, vnd andere Vögel die spotten sein, vnd war- 
ten biß sie jm die Augen am Galgen aushacken (Welchs denn auch 
auff eine zeit geschehen vnd ergangen, da viel Raben teglich vmb 
eines. Bawren hoff geflogen, vnd alle grausam geschrien vnd geruffen, 
sprach der Bawer in einem Schimpff, Wie thut jr schwartzen Raben? 
Tr werdet mich aus dem Hause nicht tragen, harret doch, werd ich 
euch hie nicht gegeben, so werdet jr mich oder meinen Son am Gal- 
gen finden. Dem Son ist solchs wie der Vater gesagt, widerfahren, 
Vnd der alte Bawer, welcher nach einem Raben mit einem Stein 



Schnorr, über Elaos Narr und Bütner. 315 

warff, glüdschte auff der stete mit seinen Füssen, vnd brach den 
Hals. Johan: Stigelius narrauit in Episcopatu constantiensi acci- 
disse.) du elender Mensch, du armer vnd geplagter Mensch, wil 
dich doch der Winter fressen , vnd must dich für jm hindter den 
Kachelofifen verkrichen, Der Sommer sticht dich, vnd plagen dich 
die Fliegen, wie ein stinckend Aß auff dem Boßanger, Im Lentzen 
wirstu siech vnd kranck. Im Herbst erwürgt dich der stinckend 
Brodem vnd Nebelstanck, Von dir weichen vnd lauffen die Hündlein, 
die Scheflein, für dir fürchtet sich der Ochse vnd der Esel, Der 
Hund kennet deine Ynart, die bekleppert vnd bebellert er mit seinem 
Maule. Es wil auch dein Kleid, dein Hudt, deine Kappe vnd deine 
Schawbe dir keinen dienst noch Ehre erzeigen, Das Kleid veraltet, 
Der Hudt zerreisset, Die Kappe zerbricht, die Motten fressen deine 
Schawbe, Yd ist nicht ein Meuslein in deinem Hause, Es plagt vnd 
vexiret dich, Die Heymen^ Der Kancker, Die Frösche, Die Kröten, 
Die Schlangen, Die Ottern, Die Blindschleich, Der bündle Molch, 
vnd andere giefftige Insecta, suchen deinen Jammer vnd dein Vn- 
glücke. du elender, du jemmerlicher Mensch, Was ist dein Leben, 
vnd wie hoch kömpt dein Leben? Auff 60. 70. vnd 80. Jar. Ja 
wenn geschieht solchs? Du stirbst in drej Stunden, in drey Tagen, 
in drey wochen, in drey Monden^ in drey Jaren Vnd kommest frey- 
lich selten dahin du gedenckest vnd hoffest. Man schreibet, Vide 
Plinium lib. 7. cap.4d. Cornicula, Ein schwartz klein Eeblein bleibt 
neunmal lenger am Leben, denn du. Bistu denn nicht ein armer 
Mensch, dieweil der Todt dir neunmal gehessiger, denn einem jungen 
Raben. Der Tod gönnet dem Hieirsse sein Leben 36. vnd dem Baben 
108. mal lenger vnd lieber, denn dir das deine, vnd wenn er 180000: 
Menschen erwürget vnd vmbbringet, lest er nicht einen Baben vmb- 
fallen, verstehe, Viuacitate naturali, non qui iaculantur, aut telis 
pereunt. Vnd du stirbst dahin, ehr man es mercket vnd erfahren 
hat, Fuisti tu apud nos? Bistu auch bey vns auff Erden, vnd vnter 
vns aus vnd eiugangen? Wir haben nicht von dir gewust noch ge- 
höret, vnd da wir dich nu höreten nennen, vnd deiner wol gedencken, 
da fragten wir nach dir, vnd sihe du wärest dahin gangen. Es ist 
ja aus dieser Querela, die Miseria humanae vitae, zu spüren vnd zu 
mercken, darumb dem Menschen hoch von nöten, vnd jm für allen 
dingen sol angelegen sein, zu bitten vnd zu sprechen: Vnser teglich 
Brot gib vns etc." 

Bl. 189. „Poetische Fabel, wie das Glück mit einem An- 
dolosia sein Narren arbeit vbet vnd treibet, vnd am ende jn jem- 
merlich erwürget.*^ Folgt die Erzählung von Andolosia, Sohne des 
Fort Unat US (vgl. Bl. 389'. „Vide Poeticam fortunati"). 

Bl. 198. „An. 1532. glückt dem Deutschen Kriegsuolck, bey 
der Newstad in Osterreich wider den Türeken ein Sieglein, vnd 
schlugen jm etliche 1000. abe, dauon ward in Deutschland ein solch 



316 Schnorr^ über Klaus Narr und Bütaier. 

^ gescbrey vad jubiliren, als bette der Türcke niemals einen Christen 

oder Deutschen vmbgebracht Zu derselben Zeit sang 

man von diesem Schlechtlein vnd Türckischem rauffen: Auff 
einen Freitag, da das geschach, die Fehnlein steiff man fliegen sag, 
zu Wien wol auff der Mauren, solten wir dem Türeken die Stad 
auffgeben, wer vns ein ewig schände, etc.*' 

Die entsprechenden Verse finden sich stark abweichend 
in dem Liede bei J. GöiTes (Altteutsche Volks- und 
Meisterlieder aus den Hdss. der Heidelberger Bibl. Fkf. 
a.M. 1817 S. 255—257), welches anfängt: „Ihr Juristen, 
last euch zu Herzen gan. Wie sich der Türck hat uu- 
derstan." 
Bl. 199'. „Anno 1512. Haben die Frantzosen, durch den 
Hauptman Namursi, die Stad Bressam vberkommen, . . . Vmb diese 
zeit, ist auch Pauia im Thiergarten erobert vnd gewonnen, vnd eine 
löbliche vnd ersame Bitterliche Schlacht, den Burgundiern, vnd an- 
dern geliefifert, vnd dauon der meisterliche Gesang, in 4. stim- 
men, von der Schlacht zu Pauia Signori etc. zu singen ab- 
gesetzet.*' 

Bl. 202. „Die [Der] Hertzogin von Britannia, wie du im Poe- 
tischen deutschem gedieht befindest, ist in jrem schlaff ein harter 
vnd schwerer Traum zugestanden . . . . jr treumet also: Sie war 
von jrer Menschlichen gestalt, in ein vnuernünfftig, vnd schnell Ein- 
horn verendert vnd verkeret Das Einhorn bleib bej einem 

Wolffe, vnd bey einem Beeren, .... der Wolff .... fiel in einen 
Stellstricky ward gefangen, vnd starb, Das Einhorn wolt dem Beeren 
'entweichen, vnd sihe, ein brennender Wald stund vor dem Einhörn- 
lein .... in seinen höchsten nöten, begegnet jm ein zorniger Lawe, 
mit einer frembden haut bedecket, der warff den Beeren in den 
brennenden Wald .... Den La wen wüste niemand, wohin er 
schiede^ oder sich verbarg. Zu letzt ^v^rd dieser Lawe ein Edler 
vnd schöner Jüngling .... Dieser träum ist der Hertzogin also, 
effectu, zugestanden, denn man schreibet von jr, wie sie eine züchtige, 
milde, vnd fromme Fürstin, von einem Gottlosen Buben, vnd grim- 
migen Beeren, verrathen, vnd in das fewer, oder brennenden Wald 
verdammet .... Aber sie ward von einem freudigen Lawen, vnd 
weidlichem Ritter, errettet. Der Verrether verbrennet, vnd dem 
Ritter das edle Einhörnlein vermählet.^ ^ 

Bl. 209. „Man sagt^ in Deutschen Landen, sollen vmb die jare 
1391. hab ich die jarzal, wie sie zu Schmidested, vor Erffurd, 
an einer Eirchethür gehawen, recht gelesen, vn behalten, die men- 
schen vor Hunger vnd vor Pestilentz erschrecklich sein vmbgefallen, 
vnd aus der Stad sehr viel tausend todte Menschen gefühi'et, vnd 
neben diß Feldkirchlein begraben." 

Bl. 227. „NIcticorax, Nachteule. Dieser arme vnd scheusliche 



Schnorr, über Klaus Narr und Bütner. 317 

Vogel, darff sich für andern Vögelein am tage nicht sehen lassen, 
denn sie fallen jn an, treiben jn zurück in sein Nest, oder stobsen 
vnd zwacken jn, das er stirbt. Beget sich ein stiller vn friedlicher 
Bürger, oder erhebet sich ein Dorffpfarherr, vnd schreittet in 4. 
Wochen mit einem fuß für die Pfarpforte^ oder thut am Soniage das 
Maul zu weit auflf, vnd krehet die Zauberer, Wucherer, Hurer vnd 
Ehebrecher zu vnfreundlich an, so weis, vnd hat solches der Ampt- 
man auff eine Meile oder eine halbe herab am Montage gehöret, 
vnd fahen gleich an, in dem Pretorio mit dem Amptman, der Thor- 
wahrt, Hescher, Keilener, Koch, Becker, Schneider, Schreiber, Stall 
vnd Küchenjunge, Die Dienst vnd Viehemagd, Die Eichter, Schuld- 
heissen, Voiete, Hofemeistere, Purstere, Scheflfere vnd Verrethere, 
wider den Pfarherr zu Rathschlagen, Was thut der Pfaffe? Weis 
er sonst nichts zu predigen? Er solte den Bawren das Euangelium 
vor sagen, so kömpt er, vnd leret oder schmettert, von Wucher, 
Ehebruch, vnd wie die Huren zaubern, vnd auff dem Siebe reitten, 
vnd mit der Schaffscheren, als mit einem Sporn, in die Löcher 
stoppen. Morgen sol vns der Pfaff dafür gerecht werden. Wir 
müssen die Leute nicht lassen also anzannen, denn sie können vns 
in einer Stunde mehr dienen ^ denn die Pfaffen in Thüringen in 
zwantzig jaren, mir vnd meinem Herrn nützen, vnd frommen bringen. 
Man erfahret wunder, wie die Geistlichen vnd die Predicanten, in 
Stedten darzu rathen vnd helffen. Das, wo sie ja seine Person, Ampt 
vnd Leren nicht anfeinden, sie seinen Namen, vnd seine Christliche, 
löbliche vnd nütze Arbeit vnwerd vnd vorhast machen, Vnd also ist 
vnd mus der Pfarherr allen Schlosschlüsseln vnd Hofe Vögeln im 
ßachen stecken, vnd sie in den Augen jrren, Wie die elende Nacht- 
eule, der kein Vogel geneiget, vnd dieselbige hindert vnd vexiret. 
Also suchet vnd bricht man mit gewalt, fug vnd vrsachen, sich zum 
Pfarherrer zu dringen vnd zu nötigen." 

BL 236. „An einem ort, neben der Stad Weyda im Voigt- 
lande pochte alle abend, oder doch zum wenigsten am Donnerstage, 

etwas an eines Bürgers thür Heinricus Mostelius, & 

Gregorius Bohemus, recitarunt ac testabantur, habere se ex ab- 
bate seu priore Vueydano." 

Bl. 241. „Einem Bawer hatte des Schuldessen Kühe seine 
Kühe gestossen, das klaget der Bawer, Der Schuld ts fand das Vr- 
theil: Vnser Nachtbar sol euch die Kühe bezalen. Nein saget der 
Bawer: Ewre Kühe hat meine verderbet. Wie saget der Schuldts: 
Meine Kühe? So gehet jr nur heim, es ist ein ander handel, der 
euch noch mich angehöret." 

Vgl. Büchmann, geflügelte Worte. 9. Aufl. 1876. S. 67 f. 

Bl. 245. „Im Voidlande hat man auch also die Passio gespielet, 
vnd gieng ein wenig ab^ des Pfarherrs Bruder daselbst, Baphun 
[BebhunJ were am Creutz auch erstochen." 



318 Schnorr, über Klaus Narr und Bütner. 

BL 260^ „Zu Wejmar, ist auch ein solcher yerbrennet, der 
solte yber die Yinda gewandert, vnd an einem stabe wie ein Bettel- 
man gegangen, vnd ein Hirtte, das ist der Teufel, auff jn gestossen, 

vnd jm ein stück Brod zugereichet haben Eins saget er 

zu mir vnd Fabiano Kein [vgl. Bl. 295], vnd sprach: Ich habe 
nie lust zu diesem Gespenst gehabt, dann sint der zeit ich auff die- 
sen weg des Teufels gerathen, hat mich jmerdar vnd teglich bedaucht, 

ich ritte auff einem bundten Pferde, mit fünff beinen Die 

wort erzelten wir Johan Grauen, vnd Laurentio von Meissen, 

die sprachen: Das Pferd ist der Sathan Er ward im fewer 

nicht lang gequelet, auff der leiter daran man jn bände, vnd dar- 
nach vber den holtzhauffen schöbe, sprach er: Du solt den Namen 
GOttes nicht vnnützlich fU.hren. Auff diese wort, weiten wir mit jm 
geredt haben, aber der Diebhencker eilet mit jm in das fewer '^ 

Bl. 269'. „Eine liebliche vnd trawrige Geschieht, ist es sonst 
nicht ein Poetisch Gedicht, lieset man von Gabriotto, vnd von seinem 

Edlen Vater Es ist diese Historia oder Poeterey zu lesen 

rein vnd sauber, vnd hat der Schreiber warlich das sechste vnd 
vierde Gebot, mit diesem einigen Exemplo, gnugsam illuminiret vnd 
ausgestrichen." 

Vgl. Histori von Gabriotto und Reinhart im Buch der 
Liebe. Fkf. a. M. 1587. fol. Cap. LXL 

Bl. 275. „Er suchet vnd findet einen Strang, daran ward er 
gehenget, vnd wiewol jm solches die Mutter offt verkündiget, vnd 
wahrgesaget^ auch mit jm zum Galgen nachfolget«, jammerte sie jr 
Blut vnd Fleisch bitterlich vnd sehr, ward vnter dem Galgen mit 
dem Sacrament berichtet, fiel vmb vnd starb, vnd mit der Kir- 
chen vnd Schulen zum Kirchoff Christlich beschicket, den Son hat 
man auch nicht vber zwo stunden lassen hangen, sondern abgenomen 
vnd vnter den Galgen begraben. Diese Historia hab ich von D. 
Meldlero [lies Medlero] vnd Paulo Kephun gehöret, aber wo 
sie ist geschehen, kan ich sie nicht eigentlich nachsagen, Wiewol 
mich bedünckt, sie ist zum Hoff oder zur Naumburgk also er- 
gangen," 

Bl. 280. „In Franckreich zu Orliens, saget ein Frantzösischer 
Trabant am Fürstenhoffe zu Sachsen, hat sich mit seinem 
Vater vnd seinem Bruder ein solches zugetragen: Der Vater wolte 
nicht Wein lesen, der Son gieng in den Bergk, mit Butten vnd mit 
Arbeitern, schnidte Trauben, vnd keltert Most, vnd ließ den Vater 
zömen vnd brommen wie fast er mochte. Am abend sprach der 
Vater: Wie das du nach deinem willen, vnd nicht nach meinem 
lebest? GOTT wird dich straffen. Der Son sprach: Hette ich heute 
nicht Beere gepresset, du würdest auff das Fest keinen Most zu 
sauffen haben. Wolan sprach der Vater, in GOTTES Namen, es 
ist geschehen. Aber GOTT gebe^ das du nicht erlebest, das ich von 



Schnorr, über Elans Narr und Bütner. 319 

deinem Most trincke. Wie, saget der Son, sol ich darumb sterben? 
das müste nicht sein, zog seinen Dolchen, vnd erstach den Vater 
in der stuben, Der Mörder ward gefangen, ynd mit dem Vater in 
ein Grab begraben. Solle im ersten Zuge geschehen sein, da Johan 
Wilhelm etc. seliger gedechtnis, dem Frantzosen Beuter vnd Volck 
zuftihrete." 

Bl. 280'. „Die Söne wurden beyde aussetzig, vnd Verstössen. 
Vnd ich habe gehöret, als sie in einer nacht vnter einem Dach ge- 
legen, sollen sie die Hunde zerrissen, vnd das fleisch heraus vor das 
Thor bey dem Babenstein, vnd vnter den Galgen geschleppet haben. 
Camerarius recitauit, Anno 1549." 

BL 281. „IN dem Büchlein der weisen Meister, schreibet 
der Dichter, Das ein Römischer Fürst seinen Son hat sieben mal zum 
tode vnd Galgen führen lassen, ward aber so offt loß geredet vnd 
entschuldiget, vnd bleib bey seinem leben " 

Bl. 282. „An der Sahle, hatte auch eine Stieffmutter jhre 
Stiefftochter hin&us an das wasser gesendet, da wüschten die zwene 
bestelten vnd gedingten Schelmen von der Stieffmutter herfür, vnd 

w ölten das Megdlein erwürgen, vnd darnach in die Sahl werffen 

Es gedenckts D. Conradus Hertz, Pfarherr zu Cunitz.^' 

Bl. 286. „Liebstedt, ist j ein Deutscher Hoff in Düringen, da- 
selbst hat ein verretherischer vnd vndanckbarer Küster, seinen Pfarrer, 

Em Cyriacus Brandt . . . auch also abgedancket vnd abgelohnet 

Der Mörder kam dauon, vnd wie ich von seinen Kindern, Her man, 
Brosius, vnd Johan Brandt, jtem Knoblauchen dem Wey- 
marischen Hofebecken gehöret, solle er im Lande zu Francken, nahe 
bey Schweinfurt, in einem Schneegraben sein tod fanden, sein 
pantsch auffgerissen, vnd jm lunge vnd leber sind heraus gefressen 
gewest.*' 

Bl. 295'. „Zu Rassenburgk, Nicht ferr von Weymar, hatte 
George Weyse , einer vom Adel, vnd ein wol versuchter Kriegsmanu, 
seinen Sitz vnd Wohnunge, vnd wiewol er der Kriegsfahnen nachzöge, 
hat doch sein Ersamer vnd gezwiefachter Ehegemahel, wie ichs von 
Em Niclas Gap. zu Weymar one gefehrde vor zwentzig jaren ge- 
höret, denn Genus supplitij hab ich selbst gesehen, vnd den armen 
Menschen zum seligen absterben helffen (nach der Weymarischen 
Kirchen befehlen) vnterrichten, die gantze Haußsorge fursichtiglich, 
in jhre's Junckern abwesen, getragen, vnd alles heußlich abgewartet, 
Vnd wie man in der Haußhalt pfleget, hatte sie viel Flachß ge- 
sponnen, vnd das garn zu einem Leynweber N. Bauch, zu verwircken 
gesendet. Da nun die Leynwad fertig, sendet der Bürger mit dem 
Sone dieselbe der Edelfrawen, vnd fordert seinen Lohn. Die Fraw 
sprach: Andres, du jrrest in der rechnunge, gehe vnd rechne mit 
deinem Vater, vnd komme wider, dir sol deine arbeit verlohnet, vnd 



320 Schnorr, über Klaus Narr und ^ütner. 

ein gut Trinckgeld darzu werden. Andres gienge hin zum Vater, 
vnd saget jm, daran fehle es. Der Vater sprach: Gehe, vnd lasse 
dir geben, wie ichs gerechnet habe, wil sie dir also viel nicht geben, 
so hawe jr die Barte in den halß, vnd triff die Vindacha. Er gienge 
also hin, die Fraw sprach wie vor, da hiebe sie der elende 
Schalck, mit seiner heckischen Barten, zum Haubt hinein, das sie 
vmbfiel vnd starb im augenblick. Er wolte nach der That die 
Vindacha einnemen, vnd dauon lauffen aber der wegk ward jm ver- 
hawen " 

Bl. 314'. „Es müssen heute die Deutschen Fürsten, Grauen 
vnd Edelleute, mit jren Püchssen platzen, vnd jre Stechschwerdter 
glentzen vnd schimmern lassen, Darumb zeuhet man zu den Frantz- 
hosen, zur [zu] der Pestilentz, vnd zu S. Veltens Leiden, Holet vnd 
verdienet Kronen, das daheime am Tische vnd am Fewerherde, Weib 
vnd Kind, weder zu nagen noch zu beissen haben, Vnd ersame Frawen, 
vom Stam vnd Geschlechte hoch geborn so erbermlich leben, das dem 
der es sihet, sein Hertz im Leibe brechen vnd krachen möchte. Solches 
bedencken die Blutamseln nicht, so wehren auch die Fürsten nicht, las- 
sen die Edelleut aus jrem Fürstenthumb den Frantzhosen vnd S. Vel- 
tens wunden, dem Duca von Alba vber 100. Meilen nachziehen, vnd 
bleibet daheime in Düringen, vnd in Sachssen, in Meissen, vnd in Hessen, 
die Küche kalt, der Keller wüst, der Bodem lehr, Vnd wenn ein Deut- 
scher Printz oder Duca, die Frantzhosen Fresser, zu eigener Landes not 
bedürfftig, ist keiner verbanden, Vnd sprechen darzu: Was machen 
wir bey vnserm Fürsten, er ist kein Kriegesmann, er sitzet wie ein 
Pfeiffer, der den Tantzreien nicht recht gemacht hat Warumb solte 
der Herr solcher verwegte vnd Landflüchtige Bösewichter, nicht 
lassen an Frantzhosen sterben, erfrieren, erhungern, erstechen vnd 
daheim in jren Landen, Herrschafften, vnd Emptem, dahin i*appen, 
vnd lassen verschwinden, grosse vnd mechtige Ströme, das ist, Reich- 
thumb, Gewalt, Macht vnd Ehre, eintrocknen, vnd wenn sie aus 
dem Frantzhosen Lande widerkommen, so bringen sie zwene oder 
drey Frantzhosen Esel, mit Kronen oder Frantzhosen beladen, das 
ist, mit vnschüldigem Blut eingenetzet vnd betauchet, vnd einen 
Frantzhosen Koch, oder Kretzigen, Frantzhösischen Fiedler vnd 
Pfeiffer, vnd sie etwa vmb 100. oder 1000. Gülden willen, also viel 
vnschüldiger Christen erstochen, vnd ermordet, vnd die Frantzhosen, 
Hellisch Fewer vnd Pestilentz, Hunger vnd armuth, Verachtung vnd 
Spot, gewonnen vnd dauon gebracht haben." 

Bl. 319. „Vnd das Pofe'tische wort, der Edlen Königin N. zu 
jrem Ritter Ponto, ist nicht zu verwerffen, denn sie sprach zu jm: 
Rüstet vnd wapnet euch, wider die gewaltigen Feinde, vnd wider 
die Stareken, mit macht, stercke, vnd mit wehre. Aber den schwachen 
vnd kleinen Feind, vnd vomemlich nach Catonis Lei^e, Exigui corporis 
hostem, solt jr nicht verachten. Denn 



Schnorr, über Klaus Narr und Bütner. 321 

Der mit dem Schwerd nicht kan stechen, 
Vnd mit dem Speer durchbrechen, 
Ist lahm vnd höckricht, keucht vnd hinckt, 
Der ist mit klugem anschlag schwind.** 

Bl. 319' f. „Galmien, Ein Schottlender (begreifft die gedichte 
vnd Poetische Historia) hatte eine liebe vnd trewe Freundin, die 
ward von einem ehrlosen Verrether, in abwesen Galmien, vmb 
jhre ehre angesonnen, vnd hat das ehrliche Weib der Schelm mit 
glatten vnd guten werten zu seinem sünd liehen willen brauchen, 
vnd vnehren woUeij, Solchs versaget die redliche Fraw dem vnztich- 
tigen Vnflat *' 

Bl. 328' f. „Pyramus (Ist eine Poetische vnd gedichte Hi- 
storia, die man im 4. Buch Ouidij Metamorph, beschrieben, vnd 
dauon vnter den Deutschen ein kleglich vnd trawrig Liedlein 
gesungen wird) liebet die edle Jungfraw Thysbe, vnd vermochte 
mit jr von seiner liebe, auch sie nicht mit jm von jrer, vmb grosser 
hutt vnd wacht willen, zu reden komen " 

Vgl. das Ambraser Liederbuch vom Jahre 1582. Hggb. 
von . Joseph Bergmann. Bibl. des Literar. Vöreins XII. 
Stuttgart, 1845 S. XII und 3G3— 367: „KUnd ich von 
hertzen singen ein hübsche tageweis von liebe und 
bittem schmertzen, nun mercket aufF mit fleis, wie es 
eins königs tochter ergieng mit einem jungen graffen.** 
Herr Beinhold Köhler verweist mich auf Uhland, 
Schriften Bd. 4. S. 92 ff. und Bartsch, Albrecht von 
Halberstadt und Ovid im MA. S. LX — LXVI und 
CCL — CCLIL 

Bl. 333'. „Man singet auch, vnd lieset in einem deutschen 
Hofegesange, von der erbam vnd züchtigen liebe Trinumitatis, 
eins Edlen Ritters aus der Stewrmarck, vnd der Hochgebomen Jung- 
frawen Floredebellen, Königin in Denemarck. Diesem Ritter ward 
die Edle Jungfraw vermahlet, vnd liebten sich bestendig, Doch ward 
der Ritter, da er in einem' Frantzösischen Zuge, von einer Fränlzö- 
sischen Huren angefochten vnd betrogen " 

Vgl. Goedeke, Grundriss Bd. 1. S. 230 Nr. 6. Am- 
braser Liederbuch S. 309 — 322. „0 reicher Gott im 
höchsten saal, hilff mir probieren maß vnd zahl". 

Bl. .334. „An einem ort lebt eine hübsche vnd seuberliche 
Jungfraw, die suchten vnd begerteq viel ehrliche Knaben, vnd weiten 
mit jr Ehelich zu hauß sitzen, vnd züchtig leben, welchem sie von 
Gott bescheret, vnd von jren Freunden gegönnet were. Aber sie ver- 
schmehet sie alle, vnd wagts zu letzt mit einem alten Pfaffen, der 
hatte viel Goldgüldeu, vnd Friderichsthaler. Solchs höret Lutherus 



322 Schnorr, über ElauR Narr and Bütner. 

recitiren, vnd spraeh: webe, Begina das geld, hat Reginam die 
Jungfraw vberwnnden. Drumb singet man: 

Der Knab stund an der wende, 
Ynd hört der red ein ende, 
Hilff mir Herr Christ vom Himmel hoch, 
Zu welcher sol ich mich wenden? 

Wend ich mich zu der Reichen, 
So weint die Seuberleiche , 
Ich wil die Reiche fahren lan, 
Wil nemen die fihreifreiche. 

Wenn nun das geld zerrinnet, 
Alle lieb vnd frewd verschwindet, 
Die seuberlich, die from, vnd fein, 
Meim heftzen viel lust bringet. 

Es schmollt vnd zannt die Reiche, 
Spricht ich sey nicht jrs gleiche. 
Ich acht kein Geld, darzu kein Gut, 
Ich frey nach meines gleichen. 

Vgl. Bütner-Steinhart Bl. 231' f. Ambraser Liederbuch 
S. 4G — 48. „£S giengen sich aus zwo gespiele.^^ Uhland, 
Volkslieder 1, 1 S. 260—263. Eine niederländische 
Fassung im Weimarischen Jahrbuch. Bd. 1. S. 116 f. 

Bl. 336. „Recitauit Johan Voit Pastor etSup. zum Eckarts- 
berge." 

Bl. 337'. „Hubertus Hertzog in Beyern. Ich habs von Georgen 
Taschen S.[eliger] G.[ed&chtniss] (vgl. Bl. 417'. „Dominus Geor- 
gius Tassius commemorauit ^^) etliche mal gehöret. Auch wers 
lesen wil, der thue auff das Cronicon Auentini [Buch DI, Bl. 276 
der deutsch. Ausgabe Fkf. 1580. foL], er wirds also finden. In 
einem Dorff Teigen, im Land zu Beyein, war ein Storchen Nest 
auff einem Hause .... Der Storch (das Menlein) flog offt abe , vnd 
bleib die Störchin vber den Eyem, Es fand sich aber ein ander 
Storch . . . vnd bekündet sich mit der Störchin *'*' 

Vgl. Btttner-Steinhart BL 237'. 
Bl. 339 f. „Frawen art vnd sitten .... 

So wird im Hause fnede sein, 
Wenn Mann vnd Weib ist nicht daheim. 
Denn dis sol sein der Frawen art. 
Doch aller nicht, es wer zu hart. 



Schnorr, Über Elans Narr nnd Bütner. 323 

Stoltz seind die Frawen in gemein, 
Auch sollen sie rachgierig sein, 
Kein Becht nicht. achten, kein Gesetz, 
Eenst du kein Weib, ein mal sie letz, 
Erzöme sie einmal, vnd ein, 
Sie machet dir das Land zu klein, 



Wer mehr hieuon wil sein bericht, 
Der lese S. Mantuan gdicht. 
Ich sag nicht mehr, ynd ftircht der haut, 
Vor bösen Frawen mir sehr grawt, etc." 

Bl. 341' f. „G raffe Babo. Diese lustige vnd liebliche 
Historia von Babone, einem Graffen von Scheyern, stehet lustig vnd 
fein auff einem Brie ff e abgemahlet, Sie ist .aber geschehen, 
bey Heinrico dem Gottfürchtigen oder dem heiligen, wie angezeiget 
wird: Graffe Babo hat von zweyen Eheweibern bekommen vnd ge- 
zeuget, 32. Söne vnd 8. Töchter .... Zu iliesem Babone sprach 
Heinricus: Rüste dich mit kleiner Gesellschafft, vnd kom auff den 
Tag N. mit mir in einen Forst jagen vnd hetzen zu reitten. Also 
kleidet der Graffe die 32. jungen Graffen seine Söne, gab jedem 
einen Knecht, vnd sasse er auff mit einem, vnd reitt mit 66. Pferden 

nach Regenspurg Solche Historia, wenn sie ist bey dem 

Keyser Heinrichen geschehen, der die zwölff Thumirartickel gefasset, 
vnd gestellet, mag sie bey 60. [600.] jaren alt sein etc." 

Vgl. Bütner -Steinhart Bl. 244' und dessen zahlreiche 
Citate. 

Bl. 345. „Ein gut vnd listig Megdlein, welchs der Sathan, vnd 
der furwitz anfachte, bäte die Mutter, das sie jr vergönnete, jre 
bettstat zu verendem, vnd an das Gartenfenster zu stellen, so köndte 
sie den kühlen lufft hftben, vnd am morgen hören die Vöglein singen, 
vnd fröHch sein. Die Mutter sagts dem Vater, der wolts nicht 
zugeben. Ey sprach die Mutter, was bedencket jr darinnen? 
last sie jr Bettlein setzen, wo jr sinn hin ist. Was sol jr solchs 
schaden? Also betteten sie an das Gartenfenster, In der ersten 
nacht aber, klettert 

Ein Zaunkönig zum fenster hinein, 
Vnd sang dem Megdlein süß vnd fein, 
Darnach sie schlieffen beyde ein, 
Das sie erschnapt der Sonnenschein, 
Vnd stund das Megdlein langsam auff. 
Der Vater marckt den Bubenkauff, 



t( 



324 Schnorr, über Klaus Narr und Bötner. 

Bl. 347. „Klage eines alten Ehemannes. 

Sechs jar, vnd funfftzig jar darzu, 

Ich haußgehalten hab, on'rhu, 

Mich plagt die Magd, darnach der Knecht, 

Ich thue mein Kindern nirgend recht, 

Heut stirbt ein Kuh, darnach ein Rind, 

Darnach ein ander vnrath kömpt. 

Den Wein das Wetter mir verderbt. 

Die Ackerfrücht der Mehltaw sterbt, 

Das Hauß feilt ein , die Küche kracht, 

Wenn ich ein loch hab zugemacht, 

So brechen zehen wider auff, 



u 



Bl. 350. „Von einem Römischen G raffen wird auch eine 
liebliche Geschieht gelesen vnd gesungen. Der Graffe hatte ein 
Weib, die wunder schön, züchtig vnd from, wiewol er sie auch von 
Hertzen liebet, vnd mit hohen Ehren versorget, stund doch sein Ge- 
müth frembde Land zu schawen, vnd wunder zu erfahren, zog der- 
halben mit vnwille seiner lieben Frawen, vber Meer zum heiligen 
Grabe, reisete auflf vnd ab, vnd ward vom Türckischen Keiser 
gefangen " 

Vgl. Bütner-Steinhart Bl. 259'— 2G2. „Diese Geschieht 
ist wie wol etwas weitleufftiger, vn mit mehr vmb- 
stenden, in folgendes Lied gefasset, vnd vor acht Jaren 
auffs newe gedruckt worden, das haben wir auch vmb 
der Jugend willen, die da gerne singet, hieb er setzen 
wollen. Ein schön newe Lied von dem Grafen von 
Rom, Im 1579. Jar zu Erffurd durch Johan Beck ge- 
druckt. Ich verkündige euch newe mehre*' u. s. w. 
Ambraser Liederbuch S. '282 — 289 mit den daselbst 
gegebenen Nachweisungen. Dsgl. Adelb. von Kellers 
Erzählungen aus altdeutschen Handschriften. Stuttg. 
1855. S. 168 — 172 mit dessen reichen Nachweisungen. 

Bl. 353'. „Im Stirn; Magdeburg (höret man singen vnd 
sagen) wolt vor andacht ein Thumbherr, eines Bildschnitzern Frew- 
lein anbeten, dem gab sie jre gunst, wenn er 300. Gülden mit- 
brechte. Er kam, die Fraw nam das Gelt, vnd trugs an einen ort, 
vnd lieffe zum Pfaffen in die Stube, weinet vnd warff jren Schleiher 
an die Erde, fluchte, vnd sprach: Der Teufel zerstöret vnsere frewde, 
mein Mann kömpt jtzt gegangen, verstecket euch in den! Winckel 
vnter die Heiligen, wenn er wider hinaus ist, so leben vnd thun 
wir,- was vns lüstet. Dem Pfaffen grawet, vnd wolt jm der Pos 
nicht gefallen. Kroch in einen finstern winckel, vnd verbarg sich. 



Schnorr, über Klaus Narr und Bütner. 325 

wie er wuste. Der Qildscbnitzer fragt: Ist der Pfaff verbanden, vnd 
hastn Gelt bekommen? Ja spracb die Fraw, das Gelt ligt in der 
Laden, aber der Pfaff stehet dort in einer ecken. Der BildBcbnitzer 
nam ein Beile, vnd tbat als wolt er arbeiten, vnd verzog lange. 
Sibe, da mnst der Pfaff husten, vnd ans der ecken sieb verratben. 
Der Mabler spracb: Beneueneritis Domine, wolt jr dauon vnd ewer 
Leben bebalten, so wil ich auch 300. Gülden von euch haben, wie 
jr meiner Frawen gegeben habt. Der Pfaff bracht dem Mahler auch 
so viel, vnd blieben die dinge heimlich, das niemand denn gantz 
Deutschland dauon singt vnd sagt.^^ 

Vgl. Liebrecht in Pfeiffers Germania Bd. 1. S. 270. 

Adelb. v.'Keller, Erzählungen aus altd. Hdss. S. 173— 1 76. 

Fastnacbtspiele 3, 1180 „Der moler zu wierczpurgk". 
Bl. 353' f. „Dem Cardinale zu Lotheringen ist ein frewdiger 
Schwanck begegnet, vnd (wie man aus dem ersten Dialogo Eusebij 
Pbiladelphi [d. i. Theod. Bezae], Anno 1574. zu Idenburg in 
Scbottenland gedruckt Lateinisch) zu 'gestanden*. Dieser Cardinal 
sol von hohem Stamme vndwirdigem Geschlecht in Franckreich ge- 
boren, vnd in der Kunst Amandi, zu bulen vnd zu lieben, in Europa 
der beste M. vnd Doct. sein. Der Bapst liesse einen künstlichen 
Mahler, Michaeln Engeln, eine Künstliche Tafel mahlen, vnd 
darein mit Golt vnd Silber, das Jungfrewliche Bild Marie mit jrem 

lieben Kindlein ** 

BL 354'. „Was sol vnd was mag man guts von den Frantzosen 
schreiben, dieweil sie nicht gut sein, vnd in aller weit vbel riechen 
vnd stincken? Vor wenig Jahren, haben die Mönche in einem Bar- 
fusser Closter, eine erbare Fraw eingesperret, vnd etliche monden 
vber Weiblich vermögen vnd ki*effte, genötigt vnd gemartert, dar- 
nach erwürgeten sie sie in der Kirchen, vnd man findet nicht, wo 
sie mit dem todten Cörper hinkommen. Doch ist die schände vnd 
der Mord verratben, das Closter in einen bauffen geschleiffet, vnd 
verbrennet, aber die Mönche, hat man vor das Closter erhenget, 
vnd jre Keuscheit jederman vor die äugen gestellet. Diese Ge- 
schieht ist in einem Gemeide auff einen Brieff gebracht, vnd 
in Deutschlanden feil getragen worden. 

Vgl. Bütner -Steinhart Bl. 267 (Hondorff fol. 309 b. 

Manl. lib. 2. pag. 293). 
Bl. S63. „Dauon ward (wie das Deutsche Liedlein von 
vnbestendigen Meiden singet) die Flanderische Hure Hemich- 
tilden müde vnd vberdrüssig, brewet ein Syrüplein, vnd schüttets 
jm in den Bachen, das er stürbe." 

Vgl. Ambraser Liederbuch S. 76 f. „MEin feins lieb 



* Vgl. Dialogi ab Evscbio Philadelpho compositi. Edisiburgi, ex 
typogr. Jacobi Jamaei, 1574. 8. S. 8 — 10. 

Abobxt f. Litt.-Obsch. VI. 22 



y^; ^ctowT, über Klaus Narr vuä Bütner. 

Ut vou Flandern, und hat einen wanteln wvf. ä> ^ii^t 
^imn umb den auileren , das thut <i> J^ "'*' ^"* ' . 

Kbd. ^l\ Steiuh^fer Saumb. recitaui^ ^ ^^"^ designamt, 
v|UMtt v>^» «k^>n v^b^^ruavL^ 

Hl. ;^iv^ vxAUWr belte ich woJ vrs^c^^ ^on den Pluderhosen 
MtvNv^^v*^^^ MivtV ^ ^o ^^ui vnnütz Teuflict vnd schendlicb ding ist, 
M^kv >vtv<ii^ ^^,^^ V*>^;WBi $<» e* machlen vnd die es trügen, billich selten 
<vvv 'wt\ >iiy<\iMu Woil aber Bflcher vnd Lieder derhalben im 
XV^v<<t ««^^^i^^^TMi^n« ob gleich wol die Obrigkeit hierüber solchs 
^s^^4 4^Nss:^d^>^ kan ich auch weitter darzu nichts thnn, denn das 
v«)^ V. oixut wil erinnert haben.** 

\U. 3t>$. .«Man findet vmb die Stad Eisleben, einen vngelarten 
tWWattdtea, vnd stoltsen Stemzeler, der schreibet ein 'Büchlein, 
>i^vttu man Ader lassen > ynd den Acker mit Samen begatten solle, 
IHeser ist so vermessen, stoltz, prechtig, hoffertig vnd gelart, das 
jn des Müllei*s Eselein vnd des Baders Strohütlein anlachet.^ 

BL 370. ,, Solche Weinpoeten sind in Gerihania gewest, Eo- 
banus Hessus, Johann Stigelius, der kondte potus, wenn er 
gerecht vnd reuschig, wie Ouidins , sonst nicht« reden noch sagen, 
denn i'eine vnd saubere Verslein, Quidquid conabar dicere versus/' 

Bl. 375'. „Zu Leiptzig ist auch ein reicher Bürger gewest, 
vnd des Silbers so viel in seiner band gebraucht, das man dauon 
^Ifaatx Meissen hette vnterhalten, vnd emehren können, Aber wie 
ich vom alten Wölner, vnd Herrn Gregorio Fontane gehöret, 
Fm^t derselbe reiche Bürger sein Gesinde: Ist die newe Lade, 
oder der newe Kaste schier voll gemüntzter Taler? Ist er nicht voll, 
so last vns sorgen, vnd samlen, das er voll werde '^ 

Ebd. „Ein deutscher Schweitzer hat Biogenis vitam, & Philo- 
sophiani, (wie ichs hab angesehen) aus den Apophteg. E ras.[mi] in 
Schweitzerisch deutsch, transferiret, vnd schreibet von jm also: 
Diogenem fordert ein geitziger Fraß, vnd vnersettlicher Wanst, mit 
jm zu essen. Diogenes sprach: Du darffst vnd kanst mich nicht 
laden, mit dir zu essen, denn ich wil zu dir nicht kommen *^ 

Bl. 381. „Ich habe mit D. Fincelio, von wegen dieses Wun- 
ders selbst geredt, denn er schreibet, es solle sich mit einer Edlen 
Frawen begeben. Aber ich, von einer reichen geitzigen Bewerin, 
sagen vnd recitiren hören. Ein armer TaglÖhner hatte kleine Kind- 
lein, vnd bäte eine reiche Bewrin, jm einen Scheffel körn zu ge- 
trawen, vnd vor zusetzen, Die Rülcldn sprach: Hastu geld, so hab 
ich kom? Der Arme brachte das Geld bis auff eben groschen zu- 
sammen. Die vnchristliche Hündin versagte jm den einigen groschen 
zu borgen " 

Bl. 383'. „Zu Erffurd hat sich ein verzweiffelter Bößwicht^ 
wie ich von Vito, einem Canonico im Stifft Beatae virginis, berichtet, 
(denn er hatte ein wenig Geld verloren) in dem Thurm, vber die 



■ 

I 



Schnorr, über KlauB Narr und Bütner. 327 

• 
grosse Glocke (etliche haben mir gesagt, hinein in die grosse Glocke) 
gehenget, Den Schelm hat man abgeworffen, vnd freilich, wie man 
pfleget, auff seinen sonderlichen Kirchhoff begraben , Oder im fewer 
verbrennet." 

Bl. 387'. „Von Herr Appeln zu Gellingen . . . werden 
mancherlej Historien gesagt vnd gesungen Schütte- 
same ist auch ein solcher Gast " 

Vgl. Uhland, Volkslieder 1, 1. S. 341 ff. u. 345 ff. 

Bl. 394. „Solchs lieset man in einem Apologo, der von Clau- 
dio Tyberio, welcher nicht gerne seine Empter vnd Herrschaffken 
verwechßlet, vnd mit newen Personen verenderte, solle seinen vr- 
sprung gebracht haben. Ein Bettler voller Schwären vnd Plattern 
sasse au der Strassen, vnd hatten sich viel Mücken vnd Fliegen zu 
jm gesamlet, vnd aus seinen Schweren vnd Wunden sich voll ge- 
sogen, vnd den armen Menschen sehr geplaget. Solches jammert 
einen Vorgenger, vnd wolte dem Armen die Fliegen wegjagen vnd 
wegschewen, Aber der Bettler sprach: Schone mein Freund, vnd 
spare deinen dienst, vnd lass die Fliegen jmmerdar nagen vnd 
stechen, sie machen mir nicht sondere pein noch schmertzen, denn 
sie sind nicht hungerig, noch geitzig, wie die andern, die, wenn du 
diese wegschmeissest, auff mich fallen, vnd jemmerlich vnd mit 
schmertzen mich stechen, vnd anfechten würden. 

Damit versteh, vnd recht vemim, 
Also steht vntrewr Schösser sinn, 
Die setzt man auff ein Ampt vnd Dienst, 
Die sehen dann auff jren gewinst, 



i( 



Vgl. Bütner-Steinhart Bl. 315' und die Gitate daselbst: 

„Teyl 3. Luth. fol. 202. b. 2. Teyl 6. fol. 614. a. Jacob 

Aenet. in Psal. 14. pag. 130. Similis apolog. extat in 

Tom. 6. Luth. fol. 725. a. Tischred. Luth. Teyl 2. foL 

282. a." Zincgref Apophth. 1626. S, 317 f. 

Bl. 403. „Fraw Isald, sagt das Poetische gedieh te, hatte 

etliche jar mit König Tristranten vnzüchtig gelebt ^^ 

Bl. 411. „BEn Schlomo, ist ein Jüdischer Name, vnd heist 
auff deutsch ein Son des Friedens. Dieser Ben Schlomo, hat zu 
Praga vnter den Juden das Gesetz Mose, vnd das Jüdische Xalmud 
profiiiret, Auch that er einem Eauffman fünffhundert gülden [leihen], 
auff einen gewissen tag wider zu erlegen, oder jm ein pfund fleisch, 
wo er fehlete vnd die zeit nicht inhielte, lassen aus seiner seiten 
zu schneiden. Der Kauffman willigte, vnd also brachte er dem Juden, 
drey tage nach angestimpter zeit, die geliehenen fünffhundert gülden 
wider in sein hauß. Der Jude sprach: Ich ueme das geld nicht, du 
must mir ein pfund fleisch aus deiner Seiten, wie du dann angelobt, 

22* 



328 Scbnorr, über Elans Narr und Bütner. 

geben. Dem Kauffman gefiel des Jüdens begierde vnd verlangen 
nicht, nach seinem fleische, vud kamen mit einander vor die Richter, 
Der Jude wolt stracks des Christen fleisch, vnd kein geld haben. 
Man läse die verschreibuug, vnd ward funden. Ein pfond fleisch 
ans meiner Seiten, wo ich mit der bezalunge den Juden seume vnd 
auffziehe. Darzn fände daß Gericht ein Vrtheil, vnd sprach: Wolan 
Jude, vnser Bürger solle dir aus seiner Seiten ein pfund fleisch 
geben, Sihe aber, vnd fehle nicht^ dann schneidest du zu viel, oder 
zu wenig, soltu mit fewer verbrennet werden. Der Jude durflte jm 
nicht getrawen, vnd muste das geld auch fahren lassen. 

Dann wer der Birnen wil zu viel, 
Billich wird dem dauon der stiel.*' 

Vgl Ambraser Liederbuch S. 167 — 170. 

Bl. 418^ „Als D. Medier zur Naumburgk gepredigt, haben 
die Bürger Christliche lust vnd begierde gehabt, arme hungerige 
Schüler zu speisen, vnd an jren Tischen zu nehren, Wie man aber 
jtzt speiset, vnd austheilet, habe ich vergessen zu schreiben.*' 

Hierzu füge ich schliesslich noch einige Stellen aus der „ Di a - 
lectica". 

§ 52. „Was ist ein selbst gewachsener Eoland? Er ist ein 
grosser Goliath, ex quantitate, oder aus dem zale vnd masse Register, 
der hat ein gros Schwerdt, vnnd einen grossen Eopff, das ist mit 
einem Sperlings heublein bedecket, Diese rede hat vier stücke, nem- 
lich, ein grosser Mann, ein gros Schwerdt, ein grosser Kopff, vnd 
auff dem Eopfle einen Sperlings treudel. Diese definition, gehöret 
in die Rhetorica^ die da aus, vnd von schönen Blumen liebliche 
Krentzlein machet, vnd FrewdeptLschlein zusammen bindet.** 

§ 79 im. „Also disputieret der Sophist, oder ein Verfürer, 
das er bewehre diese rede: Die stoltzen Eernirer Studenten, seind 
die Geiertesten im Lande. Bar Wer im lande die reichste Pfarre 
hat, der ist der geierteste Pfarherr. ba Viel stoltze Eernirer Stu- 
denten haben die reichsten Pfarren, ra Darumb, sind die stoltzen 
Eernirer Studenten die geiertesten, etc.** 

§ 83 XXVUI. „fallet nicht mit der Eernirers kunst in den 
dreck, sonst würdet jr ewre schöne Schaube verunreinigen.^* 

• Eernirer bedeutet Sack. Epitome Bl. 296\ „keuffet 
zwene EöpfTe von Eelbem , vnd fasset sie in seinen ge- 
strickten Eernirer sehet, dieser tregt in seinem 

Netze zwene Menschen köpffe.** Bl. 318^ „Xerxes 
schicket den Griechen einen Sack mit Mähen, vnd sprach: 
Mit so viel Eriegsheubtem wil ich eu&h angreiflen, als 
jr in diesem Eernirer Mähen Eömlein zelen köndtet.** 
Bl. 337; 



J. A. Gramers Ode anf Leipzig. 

Von 
Gustav Wustmann. 

Im Jahre 1787 erschien in einem stattlichen Separatdruck 
in Quart eine Ode: „Über Leipzig. An den Herrn Geheimen 
kriegsrath Müller von Johann Andreas Gramer^ Ganzler der 
Universität Kiel. Leipzig, aus der Breitkopfischen Buch- 
druckerey." 

4 Goedeke, der in den „Elf Büchern Deutscher Dichtung" 
(I, 568) und im „Grundriss" (11, 576) die besonderen 
Drucke von Gramers Oden auf Luther (Kopenhagen 1771) und 
auf Melanchthon (Lübeck 1772) anführt, kennt diese Ode 
auf Leipzig nicht. Da sie in Gramers „Sämmtlichen Gedichten", 
welche 1782—1783 in 3 Bänden bei Breitkopf erschienen, sich 
noch nicht findet, so ist anzunehmen, dass sie erst 1787 ent- 
standen ist. Ob sie in die „Hinterlassenen Gedichte" (= G. 
F. Gramers menschliches Leben St. 4 — 6), die nach J. A. 
Gramers Tode (f d. 12. Juni 1788 in Kiel) sein Sohn 1791 
ebenfalls bei Breitkopf herausgab, aufgenommen ist, kann ich 
nicht angeben. Weder die Universitätsbibliothek noch die 
Stadtbibliothek in Leipzig, weder die Dresdner Bibliothek noch 
auch die Buchhandlung von Breitkopf & Härtel besitzt ein 

Exemplar dieser „ Hinterlassenen Gedichte ". Die Ode lautet: 

« 

Immer breitet er noch, zu meines Vaterlands Ehre, 

(Ewig wird er es seyn!) 
Seine Schatten umher, der Baum des Segens, als wäre 

Er noch ein Jüngling im Hajn. 

Nicht hochprangend; allein, gleich Einem aus Edens Gefilden, 

Beizt sein lachendes Grün; 
Stolzer kann die Natur viel Bäum' und grausender bilden. 

Lieblicher keinen, als ihn. 



330 Wnstmann, Cramers Ode auf Leipzig. 

Lange durchsSuselten ihn die Hauche lispelnder Weste; 

Doch, von Misgunst entbrannt, 
Bauschte der feindliche Sturm dui*ch seine bebenden Aeste 

Tief an die Wurzeln — er stand! 

Tief im Sturme gebeugt, doch nicht entwurzelt vom Wetter; 

Vieler Plünderer Baub 
Stand und schoss er, entblösst fast aller ihn schmückenden Blätter, 

Neues, weitschattendes Laub; 

Dass der Wanderer staunt, von Domenwegen ermattet, 

und, erquicket durch um. 
Denkt und ruft: er ist so herrlich! wie lieblich umschattet 

Mich sein erneuertes Grün. 

Früchte locken den Fleiss an vollen hangenden Zweigen, 

Glück und Ueberfluss sind 
Seine Früchte. Wie sie den Sammlern entgegen sich neigen; 

Wer sie nur sammlet, gewinnt. 

Hier vereinigen sich die Töchter des Lichtes, und streuen 

Mit geföUiger Wahl 
Ihre Strahlen — dass auch sich ferne Völker dess freuen — 

üeber sein friedliches Thal. 

das reizende Thal, diess Tempe verschönernder Künste, 

Ihr Elysium, reich 
Durch der Geschäftigkeit Hand, durch ihres Gewerbes Gewinste 

Dir, Athenäen, so gleich! 

Hier, Germanien, sang dein Liebling, dein Geliert, der Gute, 

Hier, der mehr als Homer 
Dir ist, Klopstock, zuerst, der mit miltonischem Muthe 

Flog zu der Cherubim Heer. 

Heil euch, Pfleger des Thals, des Baumes voll Schatten und Früchte, 

Patriotisch bemüht, 
Dass kein feindlicher Sturm den Baum des Segens zernichte, 

Der schon Jahrhundei-te blüht! 

Einer der Pfleger bist Du; mit jedem erwachenden Morgen 

Freun voll Dankbarkeit sich 
Deiner der Baum und das Thal, und Deiner so zärtlichen Sorgen, 

Täglich verschönert durch Dich. 



Wustmann, Gramere Ode auf Leipzig. 331 

Schwesterlich leitete Dich die Muse, im Lenze der Jugend, 

Zu des Schönen GefUhl, 
Vom Gefühle zur That, zur vaterländischen Tugend , 

Deiner Begeisterung ZieL 

Dich, Geliebter, Dich wird der Nachwelt Eichenlaub krönen, 

Ihrer Liebe Beweis, 
und Deines Eifers für sie, und Deiner Liebe des Schönen 

Lauter und ewiger Preis! 



Das Yerständniss des Gedichtes bietet im wesentlichen 
keine Schwierigkeit. Leipzig wird zunächst mit einem schönen^ 
frQchtereichen mid schattenspendenden Baume verglichen, dann 
die Bedeutung der Stadt für Wissenschaft, Kunst und Gewerb- 
fleiss. in den üblichen antikisierenden Bildern gefeiert, und end- 
lich der danialige Bürgermeister Leipzigs, Carl Wilhelm 
Müller, an den die Ode gerichtet ist, wegen seiner Verdienste 
um die Stadt gepriesen. Dunkel bleibt nur die mehrmalige 
Erwähnung (vgl. Strophe 3, 4 und 10) eines „feindlichen 
Sturmes '^j der „von Misgunst entbrannt '^ die Aeste des Baumes 
durchrauscht und ihn zu entwurzeln gedroht habe, und, was 
wol dasselbe nur mit anderem Bilde sagen soll, <ler „vielen 
Plünderer^, die den Baum seines Blätterschmuckes beraubt 
haben. Hierbei etwa an die mannigfachen Kriegsdrangsale 
zu denken, die Leipzig im 16. und 17. Jahrhundert erdulden 
musste, verbietet der Zusammenhang gerade in jenen beiden 
Strophen, in denen der „feindliche Sturm" erwähnt wird: 
Strophe 3 heisst es, dass den Baum lange Zeit lispelnde 
Weste durchsäuselt haben, Strophe 10, dass der Baum schon 
Jahrhunderte blühe. Es kann sich also nur um einen „feind- 
lichen Sturm" handeln, der in der jüngsten Zeit) im Jahre 1787, 
über Leipzig hinwegbrauste, ja es wird der Gedanke nahe 
gelegt, dass dieser „feindliche Sturm" am Ende die eigent- 
liche Veranlassung zu Gramers Gedicht war. Ist aber diese 
Vermuthung richtig, dann kann unter den „vielen Plünderern", 
deren treiben der Dichter als erfolglos hinzustellen sucht, 
unmöglich ein Kriegsheer im offenen Felde zu verstehen sein, 
sondern nur heimtückische Gegner auf litterarischem Gebiete, 



332 WustmanD, Gramers Ode auf Leipzig. 

Pamphletisten^ Pasquillanten. Und nach diesen braucht man 
nicht eben weit zu suchen. Leipzig hat am Ende des vorigen 
Jahrhunderts eine Menge Spott- und Schmähschriften über sich 
ergehen lassen müssen*, aber niemals ein niederschmetternderes 
Pasquill; als das im Jahre 1787 (also in demselben Jahre 
wie Cramers Odft) erschienene Buch: „Djetlev Prasch, Ver- 
traute Briefe über den politischen und moralischen Zustand 
von Leipzig. London, bey Dodsley und Compagnie." Der 
wahre Verfasser dieses Buches, welches für die socialen Zustände 
Leipzigs am Ende des 18. Jahrhunderts eine wichtige, wenn 
auch mit Vorsicht zu benutzende Quelle bildet, und welchem 
selbst der anonyme Verfasser einer Gegenschrift („Kurze Be- 
merkungen über die Briefe etc. 1787") lediglich den Vorwurf 
der Uebertreibung, nicht den absoluter Unwahrheit machen 
kann, war Degenhard Pott; das Buch erschien in Stendal 
(vgl. Meusel, Gelehrtes Teutschland, 5. Ausg. Bd. 6. S. 162 
und Weller, Index pseudon. S. 120). 

Ueber allen Zweifel aber erhebt sich die Vermuthung, 
dass nur auf dieses Buch sich Gramers Ode beziehen und nur 
durch dieses veranlasst worden sein kann, durch einen Brief 
Müllers, den dieser im Januar 1787 von Dresden aus, wo er 
damals auf dem Landtage war, an den Kaufmann F. W. 
Kreuchauf in Leipzig richtete, an den bekannten Kunst- 
freund und Sammler, der seit Jahren schon zum Oeserschen 
Kreise gehorte, und den z. B. der junge Goethe in den 
Briefen, die er von Prankfurt aus 1768 und 1769 an Oeser 
richtete, stets an erster Stelle grüssen lässt. Dieser Brief, 
den die Leipziger Stadtbibliothek verwahrt, lautet folgender- 
massen: 



* Wir nennen z. B. Tablean von Leipzig, o. 0. 1784. Freye Be- 
merkungen über Berlin, Leipzig und Prag. o. 0. 1785. Freymütbige 
Gedanken über die wahren Ursachen der häufigen Bankerotte Leipzigs 
von Ch. F. ß****** Hamburg und Leipzig, o. J. (1790). Leipzig im 
Taumel, o. 0. 1799. Leipzig im Profil. Solothum 1799. Die „Freyen 
Bemerkungen '^ sind zum Theil abgeschrieben aus dem ,,Tablean", beide 
aber, sowie das zuletzt genannte „Profil**, NachahmuDgen von dem be- 
kannten Tablean de Paris. 



Wustmann, Cramers Ode auf Leipzig. 333 

Dresden am 29. Jänner 1787. 

Werthgeschäztester Freund. 

Dass ich an Sie, und alle wertheste Freunde aus unserm 
vertraulichen Zirkel, recht oft denke, und oft mich zu Ihnen 
zurückwünsche, das werden Sie mir ohne viele Versicherungen 
glauben. Wenn ich diesen 'Wunsch erfüllt sehen werde, weiss 
ich izt noch nicht zu bestimmen. Der vorige Landtag öeng 
sich, wie der itzige, den 7. Jänner an, ^ber ob er sich auch, 
wie jener, der keinen langsamen Schritt gieng, den 18. März 
endigen werde, das getraue ich mich nicht mit Gewisheit zu 
sagen. An der Verlängerung werde ich wenigstens nicht 
schuld seyn. 

Dass gerade bey der Versammlung der Landstände das 
unselige Geschmiere über Leipzig erschienen ist, darüber 
habe ich mich nicht wenig geärgert. Es ist hier seit acht 
Tagen in aller Händen. Aber wie im menschlichen Leben 
stets Leid und Freude abwechselt: also erfahre ich das auch 
in diesem Falle. Denn heute erhalte ich einen Brief von dem 
Kanzler Gramer in Eiel, in welchen er beyliegende Ode über 
Leipzig eingeschlossen hat Er schreibt mir, „dass er sie 
in den lezten Theil seiner Schriften einrücken lassen wolle." 
Sie ist an mich gerichtet, und er sagt mir darinnen weit mehr 
schmeichelhaftes, als ich verdiene. Das sehe ich gar wohl 
ein, und desto weniger sollte ich also einen Einfall mittheilen, 
den ich gehabt habe. Fänden Sie wohl für gut, Breitkopfen, 
der Gramers Schriften druckt, vorzuschlagen, dass er diese 
Ode, in Quart, auf sehr gutes Papier, mit grossem deutschen 
Lettern, sogleich besonders abdrucken lassen möchte? Sollte 
das nicht mit jenem Geschmiere gut contrastiren? Ich gebe 
diesen Einfall ganz Ihrer Prüfung anheim; aber ich bitte aufs 
inständigste, zu verschweigen, dass ich ihn gehabt habe. Da 
das Manuscript von meiner Hand ist: so bitte ich, es nicht 
aus Ihren Händen zu geben, sondern auf allen Fall es copiren 
zu lassen. Das Original ist von Gramers eigener Hand, und 
ich kan es Breitkopfen jeden Augenblick vorlegen. — Ver- 
zeihen Sie, werthester Freund, dass ich Ihnen mit diesem 
Ansinnen beschwerlich falle, und entschuldigen Sie mich mit 



326 Schnorr, über Klaus Narr und Bütner. 

ist yon Flandern, und hat einen wankein mut, Sie gibt 
einen umb den anderen, das thut die leng nit gui^. 

Ebd. „D. Steinhöfer Naumb. recitauit ac locum designauit, 
quem ego non obseruavL^^ 

Bl. 366. „AUhier bette ich wol vrsaehe von den Pluderhosen 
zuschreiben, weil es so ein vnnütz Teuflich vnd schendlich ding ist, 
das beide die jenigen so es machten vnd die es trügen^ billich solten 
gestrafft werden. Weil aber Bücher vnd Lieder derhalben im 
Drucke ausgegangen, ob gleich wol die Obrigkeit hierüber solchs 
nicht abschafft, kan ich auch weitter darzu nichts thun, denn das 
ichs hiemit wil erinnert haben/' 

Bl. 368. .,Man findet vmb die Stad Eisleben, einen vngelarten 
Bachandten, vnd stoltzen Sternzeler, der schreibet ein* Büchlein, 
wenn man Ader lassen, vnd den Acker mit Samen begatten solle. 
Dieser ist so vermessen, stoltz, prechtig, hoffertig vnd gelart, das 
jn des Müllers Eselein vnd des Baders Strohütlein anlachet.*' 

Bl. 370. „Solche Weinpoeten sind in Genhania gewest, Eo- 
banus Hessus, Johann Stigelius, der kondte potus, wenn er 
gezecht vnd reuschig, wie Ouidius , sonst nicht« reden noch sagen, 
denn reine vnd saubere Verslein, Quidquid conabar dicere versus.^' 

Bl. 375'. „Zu Leiptzig ist auch ein reicher Bürger gewest, 
vnd des Silbers so viel in seiner band gebraucht, das man dauon 
gantz Meissen hette vnterhalten, vnd em ehren können. Aber wie 
ich vom alten Wölner, vnd Herrn Gregorio Pontano gehöret, 
Fraget derselbe reiche Bürger sein Gesinde: Ist die newe Lade, 
oder der newe Kaste schier voll gemüntzter Taler? Ist er nicht voll, 
so last vns sorgen, vnd samlen, das er voll werde '' 

Ebd. „Ein deutscher Schweitzer hat Diogenis vitam, & Philo- 
sophiani, (wie ichs hab angesehen) aus den Apophteg. E ras.[mi] in 
Schweitzerisch deutsch, transferiret, vnd schreibet von jm also: 
Diogenem fordert ein geitziger Fraß, vnd vnersettlicher Wanst, mit 
jm zu essen. Diogenes sprach: Du darffst vnd kanst mich nicht 
laden, mit dir zu essen, denn ich wil zu dir nicht kommen ** 

Bl. 381. „Ich habe mit D. Fincelio, von wegen dieses Wun- 
ders selbst geredt, denn er schreibet, es solle sich mit einer Edlen 
Frawen begeben. Aber ich, von einer reichen geitzigen Bewerin, 
sagen vnd recitiren hören. Ein armer TaglÖhner hatte kleine Kind- 
lein, vnd bäte eine reiche Bewrin, jm einen Scheffel körn zu ge- 
trawen, vnd vor zusetzen, Die Rülckin sprach: Hastu geld, so hab 
ich kom? Der Arme brachte das Geld bis auff einen groschen zu- 
sanmien. Die vnchristliche Hündin versagte jm den einigen groschen 
zu borgen " 

Bl. 383'. „Zu Erffurd hat sich ein verzweiffelter Bößwicht, 
wie ich von Vito, einem Canonico im Stifft Beatae virginis, berichtet, 
(denn er hatte ein wenig Geld verloren) in dem Thurm, vber die 



Schnorr, über Klaus Narr und Bütaier. 327 

• 
grosse Glocke (etliche haben mir gesagt, hinein in die grosse Olocke) 
gehenget, Den Schelm hat man abgeworffen, vnd freilich, wie man 
pfleget, auff seinen sonderlichen Kirchhoff begraben , Oder im fewer 
verbrennet." 

Bl. 387'. „Von Herr Appeln zu Gellingen . . . werden 
manch erlej Historien gesagt vnd gesungen Schütte- 
same ist auch ein solcher Gast " 

Vgl. ühland, Volkslieder 1, 1. S. 341 ff. u. 345 ff. 

Bl. 394. „Solchs lieset man in einem Apologo, der von Clau- 
dio Tyberio, welcher nicht gerne seine Empter vnd Herrschafften 
verwechßlet, vnd mit newen Personen verenderte, solle seinen vr- 
sprung gebracht haben. Ein Bettler voller Schwären vnd Plattern 
sasse an der Strassen, vnd hatten sich viel Mücken vnd Fliegen zu 
jm gesamlet, vnd aus seinen Schweren vnd Wunden sich voll ge- 
sogen, vnd den armen Menschen sehr geplaget, Solches jammert 
einen Vorgenger, vnd wolte dem Armen die Fliegen wegjagen vnd 
wegschewen, Aber der Bettler sprach: Schone mein Freund, vnd 
spare deinen dienst, vnd lass die Fliegen jmmerdar nagen vnd 
stechen, sie machen mir nicht sondere pein noch schmertzen, denn 
sie sind nicht hungerig, noch geitzig, wie die andern, die, wenn du 
diese wegschmeissest, auff mich fallen, vnd jemmerlich vnd mit 
schmertzen mich stechen, vnd anfechten würden. 

Damit versteh, vnd recht vernim, 
Also steht vntrewr Schösser sinn, 
Die setzt man auff ein Ampt vnd Dienst, 
Die sehen dann auff jren gewinst. 



(( 



Vgl. Bütner-Steinhart Bl. 315' und dieCitate daselbst: 

„Teyl 3. Luth. fol. 202. b. 2. Teyl 6. fol. 614. a. Jacob 

Aenet. in Psal. 14. pag. 130. Similis apolog. extat in 

Tom. 6. Luth. fol. 725. a. Tischred. Luth. Teyl 2. foL 

282. a." Zincgref Apophth. 1626. S. 317 f. 

Bl. 403. „Fraw Isald, sagt das Poetische gedichte, hatte 

etliche jar mit König Tristranten vnzüchtig gelebt " 

Bl. 411. „BEn Schlomo, ist ein Jüdischer Name, vnd heist 
auff deutsch ein Son des Friedens. Dieser Ben Schlomo, hat zu 
Praga vnter den Juden das Gesetz Mose, vnd das Jüdische Xalmud 
proflüret, Auch that er einem Kauffman fünffhundert gülden [leihen], 
auff einen gewissen tag wider zu erlegen, oder jm ein pfund fleisch, 
wo er fehlete vnd die zeit nicht inhielte, lassen aus seiner Seiten 
zu schneiden. Der Kauffman willigte, vnd also brachte er dem Juden, 
drey tage nach angestimpter zeit, die geliehenen fünffhundert gülden 
wider in sein hauß. Der Jude sprach: Ich neme das geld nicht, du 
must mir ein pfund fleisch aus deiner selten, wie du dann angelobt, 

22* 



328 Scbnorr, über Klaus Narr und Bütner. 

geben. Dem Kauffman gefiel des Jttdens begierde vnd yerlangen 
nicht, nach seinem fleische, vnd kamen mit einander vor die Richter, 
Der Jude wolt stracks des Christen fleisch, vnd kein geld haben. 
Man läse die verschreibung, vnd ward funden, Ein pfund fleisch 
aus meiner Seiten, wo ich mit der bezalunge d^n Juden seume vnd 
anffziehe. Darzu fände da^ Gericht ein Vrtheil, vnd sprach: Wolan 
Jude, vnser Bürger solle dir aus seiner Seiten ein pfund fleisch 
geben, Sihe aber, vnd fehle nicht, dann schneidest du zu viel, oder 
zu wenig, soltu mit fewer verbrennet werden. Der Jude durffle jm 
nicht getrawen, vnd mnste das geld auch fahren lassen. 

Dann wer der Birnen wil zu viel, 
Billich wird dem dauon der stiel.'* 

Vgl. Ambraser Liederbuch S. 167 — 170. 

Bl. 418^ „Als D. M edler zur Naumburgk gepredigt, haben 
die Bürger Christliche lust vnd begierde gehabt, arme hungerige 
Schüler zu speisen, vnd an jren Tischen zu nehren, Wie man aber 
jtzt speiset, vnd austheilet, habe ich vergessen zu schreiben.*' 

Hierzu füge ich schliesslich noch einige Stellen aus der „Dia- 
lectica". 

§ 52. „Was ist ein selbst gewachsener Eoland? Er ist ein 
grosser Goliath, ex quantitate, oder aus dem zale vnd masse Register, 
der hat ein gros Schwerdt, vnnd einen grossen Eopff, das ist mit 
einem Sperlings heublein bedecket, Diese rede hat vier stücke, nem- 
lich, ein grosser Mann, ein gros Schwerdt, ein grosser Eopff, vnd 
auff dem Kopfe einen Sperlings treudel. Diese definition, gehöret 
in die Rhetorica^ die da aus, vnd von schönen Blumen liebliche 
Krentzlein machet, vnd Frewdepüschlein zusammen bindet.'* 

§ 79 lllJ. „Also disputieret der Sophist, oder ein Verfürer, 
das er bewehre diese rede: Die stoltzen Kernire r Studenten, seind 
die Geiertesten im Lande. Bar Wer im lande die reichste Pfarre 
hat, der ist der geierteste Pfarherr. ba Viel stoltze Kemirer Stu- 
denten haben die reichsten Pfarren, ra Darumb, sind die stoltzen 
Kemirer Studenten die geiertesten, etc.*' 

§ 83 XXVIII. „fallet nicht mit der Kernirers kunst in den 
dreck, sonst würdet jr ewre schöne Schaube verunreinigen.** 

• Kernirer bedeutet Sack. Epitome Bl. 296\ „keuffet 
zwene Köpffe von Kelbem, vnd fasset sie in seinen ge- 
strickten Kemirer sehet, dieser tregt in seinem 

Netze zwene Menschen köpffe.*' BL 318^ „Xerxes 
schicket den Griechen einen Sack mit Mähen, vnd sprach: 
Mit so viel Kriegsheubtem wil ich euöh angreiffen, als 
jr in diesem Kemirer Mähen Kömlein zelen köndtet." 
Bl. 337: 



J, A. Cramers Ode auf Leipzig. 

Von 

Gustav Wustmann. 

Im Jahre 1787 erschien in einem stattlichen Separatdruck 
in Quart eine Ode: „Über Leipzig. An den Herrn Geheimen 
kriegsrath Müller von Johann Andreas Gramer^ Canzler der 
Universität Kiel. Leipzigs aus der Breitkopfischen Buch- 
druckerey." 

j Goedeke, der in den „Elf Büchern Deutscher Dichtung^ 
(I, 568) und im „Grundriss" (II, 576) die besonderen 
Drucke von Cramers Oden auf Luther (Kopenhagen 1771) und 
auf Melanchthon (Lübeck 1772) anführt, kennt diese Ode 
auf Leipzig nicht. Da sie in Cramers „Sämmtlichen Gedichten'', 
welche 1782—1783 in 3 Bänden bei Breitkopf erschienen, sich, 
noch nicht findet, so ist anzunehmen, dass sie erst 1787 ent- 
standen ist. Ob sie in die „Hinterlassenen Gedichte^ (= C. 
F. Cramers menschliches Leben St. 4 — 6), die nach J. A. 
Cramers Tode (f d. 12. Juni 1788 in Kiel) sein Sohn 1791 
ebenfalls bei Breitkopf herausgab, aufgenommen ist, kann ich 
nicht angeben. Weder die Universitätsbibliothek noch die 
Stadtbibliothek in Leipzig, weder die Dresdner Bibliothek noch 
auch die Buchhandlung von Breitkopf & Härtel besitzt ein 
Exemplar dieser „ Hinterlassenen Gedichte ^. Die Ode lautet: 

Immer breitet er noch, zu meines Vaterlands Ehre, 

(Ewig wird er es seyn!) 
Seine Schatten umher, der Baum des Segens, als wäre 

Er noch ein Jüngling im Hajn. 

Nicht hochprangend; allein, gleich Einem aus Edens Gefilden, 

Beizt sein lachendes Grün; 
Stolzer kann die Natur viel Bäum' und grausender bilden. 

Lieblicher keinen, als ihn. 



330 WuBtmann, Cramers Ode auf Leipzig. 

Lange durchsSuselten ihn die Hauche lispelnder Weste; 

Doch, von Misgunst entbrannt, 
Bauschte der feindliche Sturm dui'ch seine bebenden Aeste 

Tief an die Wurzeln — er stand! 

Tief im Sturme gebeugt, doch nicht entwurzelt vom Wetter; 

Vieler Plünderer Baub 
Stand und schoss er, entblösst fast aller ihn schmückenden Blätter, 

Neues, weitschattendes Laub; 

Dass der Wanderer staunt, von Domenwegen ermattet, 

Und, erquicket durch ihn, 
Denkt und ruft: er ist so herrlich! wie lieblich umschattet 

Mich sein erneuertes Grün. 

Früchte locken den Fleiss an vollen hangenden Zweigen, 

Glück und Ueberfluss sind 
Seine Früchte. Wie sie den Sammlern entgegen sich neigen; 

Wer sie nur sammlet, gewinnt. 

Hier vereinigen sich die Töchter des Lichtes, und streuen 

Mit gefälliger Wahl 
Ihre Strahlen — dass auch sich ferne Völker dess freuen — 

üeber sein friedliches Thal. 

das reizende Thal, diess Tempe verschönernder Künste, 

Ihr Eljsium, reich 
Durch der Geschäftigkeit Hand, durch ihres Gewerbes Gewinste 

Dir, Athenäon, so gleich! 

Hier, Germanien, sang dein Liebling, dein Geliert, der Gute, 

Hier, der mehr als Homer 
Dir ist, Klopstock, zuerst, der mit miltonischem Muthe 

Flog zu der Cherubim Heer. 

• 

Heil euch, Pfleger des Thals, des Baumes voll Schatten und Früchte, 

Patriotisch bemüht, 

Dass kein feindlicher Sturm den Baum des Segens zernichte. 

Der schon Jahrhundei-te blüht! 

Einer der Pfleger bist Du; mit jedem erwachenden Morgen 

Freun voll Dankbarkeit sich 
Deiner der Baum und das Thal, und Deiner so zärtlichen Sorgen, 
~ Täglich verschönert durch Dich. 



Wustmann, Gramen Ode auf Leipzig. 331 

Schwesterlich leitete Dich die Muse, im Lenze der Jugend, 

Zu des Schönen Gefühl, 
Vom Gefühle zur That, zur vaterländischen Tugend , 

Deiner Begeisterung Ziel. 

Dich, Geliebter, Dich wird der Nachwelt Eichenlaub krönen, 

Ihrer Liebe Beweis, 
Und Deines Eifers für sie, und Deiner Liebe des Schönen 

Lauter und ewiger Preis! 



Das Verständniss des Gedichtes bietet im wesentlichen 
keine Schwierigkeit. Leipzig wird zunächst mit einem schönen, 
früchtereichen und schattenspendenden Baume yerglichen, dann 
die Bedeutung der Stadt für Wissenschaft, Kunst und Gewerb- 
fleiss. in den üblichen antikisierenden Bildern gefeiert, und end- 
lich der damalige Bürgermeister Leipzigs, Carl Wilhelm 
Müller, an den die Ode gerichtet ist, wegen seiner Verdienste 
um die Stadt gepriesen. Dunkel bleibt nur die mehrmalige 
Erwähnung (vgl. Strophe 3, 4 und 10) eines „feindlichen 
Sturmes", der „Yon Misgunst entbrannt" die Aeste des Baumes 
durchrauscht und ihn zu entwurzeln gedroht habe, imd, was 
wpl dasselbe nur mit anderem Bilde sagen soll, der „vielen 
Plünderer", die den Baum seines Blätterschmuckes beraubt 
haben. Hierbei etwa an die mannigfachen Eriegsdrangsale 
zu denken, die Leipzig im 16. und 17. Jahrhundert erdulden 
musste, verbietet der Zusammenhang gerade in jenen beiden 
Strophen, in denen der „feindliche Sturm" erwähnt wird: 
Strophe 3 heisst es, dass den Baum lange Zeit lispelnde 
Weste durchsäuselt haben, Strophe 10, dass der Baum schon 
Jahrhunderte blühe. Es kann sich also nur um einen „feind- 
lichen Sturm" handeln, der in der jüngsten Zeit, im Jahre 1787, 
über Leipzig hinwegbrauste, ja es wird der Gedanke nahe 
gelegt, dass dieser „feindliche Sturm" am Ende die eigent- 
liche Veranlassung zu Cramers Gedicht war. Ist aber diese 
Vermuthimg richtig, dann kann unter den „vielen Plünderern", 
deren treiben der Dichter als erfolglos hinzustellen sucht, 
unmöglich ein Eriegsheer im offenen Felde zu verstehen sein, 
sondern nur heimtückische Gegner auf litterarischem Gebiete, 



332 WusimanD, Gramers Ode auf Leipzig. 

Pamphletisteiiy Pasquillanten. Und nach diesen braucht man 
nicht eben weit zu suchen. Leipzig hat am Ende des vorigen 
Jahrhunderts eine Menge Spott- und Schmähschriften über sich 
ergehen lassen müssen*, aber niemals ein niederschmetternderes 
Pasquill, als das im Jahre 1787 (also in demselben Jahre 
wie Gramer s Odft) erschienene Buch: „Djetlev Prasch, Ver- 
traute Briefe über den politischen und moralischen Zustand 
von Leipzig. London, bey Dodsley und Compagnie." Der 
wahre Verfasser dieses Buches, welches für die socialen Zustände 
Leipzigs am Ende des 18. Jahrhunderts eine wichtige, wenn 
auch mit Vorsicht zu benutzende Quelle bildet, und welchem 
selbst der anonyme Verfasser einer Gegenschrift („Kurze Be- 
merkungen über die Briefe etc. 1787") lediglich den Vorwurf 
der Uebertreibung, nicht den absoluter Unwahrheit machen 
kann, war Degenhard Pott; das Buch erschien in Stendal 
(vgl. Meusel, Gelehrtes Teutschland, 5. Ausg. Bd. 6. S. 162 
und Weller, Index pseudon. S. 120). 

Ueber allen Zweifel aber erhebt sich die Vermuthung, 
dass nur auf dieses Buch sich Cramers Ode beziehen und nur 
durch dieses veranlasst worden sein kann, durch einen Brief 
Müllers, den dieser im Januar 1787 von Dresden aus, wo er 
damals auf dem Landtage war, an den Kaufmann F. W. 
Kreuchauf in Leipzig richtete, an den bekannten Kunst- 
freund und Sammler, der seit Jahren schon zum Oeserschen 
Kreise gehörte, und den z. B. der junge Goethe in den 
Briefen, die er von Frankfurt aus 1768 und 1769 an Oeser 
richtete, stets an erster Stelle grüssen lässt. Dieser Brief, 
den die Leipziger Stadtbibliothek verwahrt, lautet folgender- 
massen: 



* Wir nennen z. B. Tableau von Leipzig, o. 0. 1784. Freye Be- 
merkungen über Berlin, Leipzig und Prag. o. 0. 1785. Freymüthige 
Gedanken über die wahren Ursachen der häufigen Bankerotte Leipzigs 
von Ch. F. ß****** Hamburg und Leipzig, o. J. (1790). Leipzig im 
Taumel, o. 0. 1799. Leipzig im Profil. Solothum 1799. Die „Freyen 
Bemerkungen" sind zum Theil abgeschrieben aus dem ,,Tableau*\ beide 
aber, sowie das zuletzt genannte „Profil", Nachahmungen von dem be- 
kannten Tableau de Paris. 



Wustmann, Cramers Ode auf Leipzig. 333 

Dresden am 29. Jänner 1787. 

Werthgeschäztester Freund. 

Dass ich an Sie^ und alle wertheste Freunde aus unserin 
vertraulichen Zirkel, recht oft denke, und oft mich zu Ihnen 
zurückwünsche, das werden Sie mir ohne viele Versicherungen 
glauben. Wenn ich diesen AVunsch erfüllt sehen werde, weiss 
ich izt noch nicht zu bestimmen. Der vorige Landtag fieng 
sich, wie der itzige, den 7. Jänner an, über ob er sich auch, 
wie jener, der keinen langsamen Schritt gieng, den 18. März 
endigen werde, das getraue ich mich nicht mit Gewisheit zu 
sagen. An der Verlängerung werde ich wenigstens nicht 
schuld seyn. 

Dass gerade bey der Versammlung der Landstände das 
unselige Geschmiere über Leipzig erschienen ist, darüber 
habe ich mich nicht wenig geärgert. Es ist hier seit acht 
Tagen in aller Händen. Aber wie im menschlichen Leben 
stets Leid imd Freude abwechselt: also erfahre ich das auch 
in diesem Falle. Denn heute erhalte ich einen Brief von dem 
Kanzler Gramer in Kiel, in welchen er bey liegende Ode über 
Leipzig eingeschlossen hat. Er schreibt mir, „dass er sie 
in den lezten Theil seiner Schriften einrücken lassen wolle." 
Sie ist an mich gerichtet, und er sagt mir darinnen weit mehr 
schmeichelhaftes, als ich verdiene. Das sehe ich gar wohl 
ein, und desto weniger sollte ich also einen Einfall mittheilen, 
den ich gehabt habe. Fänden Sie wohl für gut, Breitkopfen, 
der Cramers Schriften druckt, vorzuschlagen, dass er diese 
Ode, in Quart, auf sehr gutes Papier, mit grossem deutschen 
Lettern, sogleich besonders abdrucken lassen möchte? Sollte 
das nicht mit jenem Geschmiere gut contrastiren? Ich gebe 
diesen Einfall ganz Ihrer Prüfung anheim; aber ich bitte aufs 
inständigste, zu verschweigen, dass ich ihn gehabt habe. Da 
das Manuscript von meiner Hand ist: so bitte ich, es nicht 
aus Ihren Händen zu geben, sondern auf allen Fall es copiren 
zu lassen. Das Original ist von Cramers eigener Hand, und 
ich kan es Breitkopfen jeden Augenblick vorlegen. — Ver- 
zeihen Sie, werthester Freund, dass ich Ihnen mit diesem 
Ansinnen beschwerlich falle, und entschuldigen Sie mich mit 



334 Wustmazm, Cramers Ode auf Leipzig. 

dem unbegränzten Vertranen auf Ihre Freundschaft. Em- 
pfehlen Sie mich dem würdigen H. Prof. Oeser und seinem 
ganzen werthen Hause, und allen Freunden und Freundinnen, 
die an mich denken. Ich bin mit wahrer uhd unveränderlicher 
Hochschätzung und Ergebenheit 

ganz der Ihrige 
Sollte Breitkopf zum Druck Carl Wilhelm Müller, 

sich entschliessen: so ^5nte un- 
ter Cramers Nahmen wohl 
gesezt werden: Kanzler der Uniyersit'ät Eiel. 

Wie pünctlich sich Kreuchauf seines Auftrags entledigte, 
lehrt ein Blick auf den Separatdruck der Ode. Aus Müllers 
Brief aber ergeben sich zwei sichere Data: 1) D. Prasch's 
„Vertraute Briefe" erschienen zur Neujahrsmesse 1787, 2) Cra- 
mers Ode ist im Januar 1787 gedichtet und bezieht sich auf 
das genannte Buch.' 



Zu Lessing. 

Von 

Alfred Schone in Gotha. 

1. 

Dem Aufsatze von Rob. Boxberger in dieser Zeitschrift 
Bd. 5 S. 483 f. danke ich den Hinweis auf das Buch von 
H. M. Richter: „Zeitstromungen" (1875), welches für Lessing- 
Studien mannigfache Anregung und Belehrung bietet. 

Richter theilt a. a. 0. S. 215 aus dem „Wiener Blättchen, 

Sonntag d. 23. Nov. 1783*' ein seines wissens noch nicht 

wieder abgedrucktes Impromptu Lessings mit, welches während 

Lessings Aufenthalt in Wien 1775 im heiteren Freundeskreise 

entstanden sein soll: 

Trinklied. 
Brüder, jauchzt und trinkt, bis wir zu Boden sinken, 
Doch betet auch dabei, dass Könige nicht trinken; 
Denn da sie unberauscbt die halbe Welt verkehren. 
Was würden sie nicht thun, wenn sie betrunken wären! 

Dagegen findet sich in der Zeitschrift: „Yoigtländisch 
Historisch -litterarisches Mancherlei, schriebs Gottlob Hacke. 
Im Verlag der Breitkopfischen Buchhandlung zu Leipzig, 1790" 
13. Stück 1788 Dienstag d. 1 Juli S. 112 folgendes: 

„Eine Gesundheit. 
Trinket Brüder, lasst uns trinken. 
Bis wir berauscht zu Boden sinken; 
Doch bittet Gott den Herren, 
Dass Könige nicht trinken. . 

Denn da sie unberauscht 
Die halbe Welt zerstöhren. 
Was würden sie nicht thun. 
Wenn sie betrunken wären? 



336 Schöne, zu Lessing. 

Dieses kleine Gedicht wurde gelegenheitlich aus dem Stegreif, 
vom seligen Lessing gemacht, und da ich mich nicht erinnere, 
es ie gedruckt gelesen zu haben, so habe ich es hieher ge- 
setzt/' — Ich habe es in meiner Ausgabe von Lessings Brief- 
wechsel mit seiner Frau, Leipzig S. Hirzel 1870 S. 521 f. ab- 
gedruckt und, von der berechtigten Voraussetzung ausgehend, 
dass Lessiug das Gedicht nicht selbst niedergeschrieben habe, 
und es somit nur in mündlicher Tradition überliefert worden sei, 
a. du 0. vermuthungsweise eine Version geboten, aus der die 
groben metrischen Unregelmässigkeiten entfernt waren, der-* 
gleichen sich Leesing schwerlich auch bei einem Impromptu 
erlaubt haben dürfte. 

Nun liegt die Bichtersche Version vor und zeigt von der 
mir bisher allein bekannten so erhebliche Abweichungen, dass 
eine kleine Vergleichung nicht ohne Interesse erscheint. 

Ob das kleine Gedicht besser „Trinklied" oder „eine Ge- 
sundheit" überschrieben wird, möge dahingestellt sein. Mir ist 
am wahrscheinlichsten, dass der Titel lauten müsste: „Trink- 
spruch'^ Denn offenbar hat Lessing die Verse laut vorgetragen, 
gesungen wird er sie schwerlich haben. Andrerseits erscheinen 
sie docl)i nicht sonderlich geeignet, als Einleitung fUr eine „Ge- 
sundheit" etwa auf Joseph IL oder Friedrich den Grossen zu 
dienen. 

In der zweiten Hälfte bietet sich nur die Eine Differenz 
zwischen „verkehren" und „zerstohren". Der Reim ist hier wie 
da schlecht. Wenn, wie mir scheint, „zerstören'^ der Lessing- 
schen Ausdrucksweise besser entspricht, so wird es durch das 
„Wiener Blättchen'' vielleicht aus Rücksicht auf die k. k. Censur- 
behorde mit dem schwächeren, aber darum auch minder guten 
„verkehren" vertauscht worden sein. 

Bedeutender sind die Abweichungen in der ersten Hälfte. 

Die Wiener Fassung lässt sich am leichtesten in metrische 
Regelmässigkeit bringen, wenn man aus der Hackeschen Version 
das erste „trinket" voranstellt, aber natürlich in „trinkt" ver- 
ändert, um den durchaus jambischen Charakter des ganzen zu 
wahren. Dann würde der Anfang lauten: „Trinkt Brüder, 
jauchzt und trinkt, bis wir zu Boden sinken," und das ganze 
Gedicht aus zwei metrisch correcten Vierzeilern bestehen. Aber 



Schöne, zu Leasing. 337 

ob Lessing der Gleichheit des metrischen Schemas beider 
Strophen zu Liebe gesagt haben wird: ,, Trinkt Brüder jauchzt 
und trinkt Bis wir zu Boden sinken^? Lessingischer scheint 
mir zu sein: „Trinkt Brüder lasst uns trinken Bis wir zu 
Boden sinken ^y wie Hackes Version bietet Freilich erhält da- 
durch der erste Vierzeiler ein vom zweiten abweichendes 
metrisches Schema. Wie häufig aber das in Lessingscher 
Lyrik vorkommt, setze ich als bekannt voraus.* Endlich ist 
zu wählen zwischen „doch betet auch dabei^^ und „doch bittet 
Gott den Herren" (vielleicht in „Herrn" zu verbessern). Auch 
hier will nur die letztere (Hackes) Fassung vorzüglicher er- 
scheinen, und auch hier hat man vielleicht in Wien der Censur 
zu Liebe „Gott" aus einem so weltlichen Carmen entfernen 
wollen. 

Alles erwogen glaube ich in der Hackeschen obgleich 
späteren Version das Original ungetrübter bewahrt erkennen 
und an der folgenden versuchsweisen Wiederherstellung fürs 
erste festhalten zu sollen: 

Trinkspruch. 

Trinkt Brüder, lasst uns trinken, 
Bis wir zu Boden sinken; 
Doch bittet Gott den Herrn [Herren?], 
Dass Könige nicht trinken. 

Denn da sie unberauscht 
Die halbe Welt zerstören. 
Was würden sie nicht thun, 
Wenn sie betrunken wären? 

Uebrigens, mag das Gedicht im Wiener Freundeskreise 
oder in Norddeutschland entstanden sein — unverkennbar ist, 
glaube ich, seine Beziehung auf Friedrich den Grossen, an 
dessen kriegerischen Ruhm und allbekannte Massigkeit es, und 
zwar doch wol absichtlich, erinnert.** 



* Ich führe nur Ein Beispiel an: den vorletzten (siebenten) Vers 

verglichen mit Vs. 1. 8. 6 von dem Gedichte ,,Die BetrQbniss'^ Lessings 

Werke Lachm. 1 S. 42. Vgl. Koberstein, Grundriss Bd. 3^ S. 276 Anm. 60. 

** [Im Anschlnss hieran findet folgende „Miscelle", welche dem 



338 Schöne, zu Lessing. 

2. 

Habent sua fata libelli. Das „Wiener Blättcheb'^ vom 
Jahre 1783 blieb dem alten Voigtländer Hacke unbekannt^ der 
5 Jahre darnach „sich nicht erinnert, jene Verse je gedruckt ge- 
lesen zu haben", was man ihm aufs Wort glauben wird. Dasselbe 
Schicksal hat auch meine obenerwähnte 1870 erschienene Aus- 
gabe von Lessings Briefwechsel in Wien gehabt, Herr Richter 
wenigstens hat sie augenscheinlich nicht gekannt^ als er sein 
1875 veröffentlichtes Buch schrieb. Und doch hätte er meine 
Separatausgabe der auch von ihm vielfach und mit Erfolg^ 
benutzten Briefe von Lessing und Eva Konig an manchen 
Stellen nicht ohne Nutzen zu Bathe ziehen können. So hat 
z. B. Karl Lessing die in den Briefen vorkommenden Namen 
zumeist nur durch den Anfangsbuchstaben bezeichnet, was 
Lachmann und Maltzahn unverändert Hessen. Da ich auf die 
Wiederherstellung der echten Namen möglichste Sorgfalt ver- 
wandt habe, so hätte Richter bei mir manche Ergänzung finden 
können. Und wenn er z. B. S. 204 Anm. 3 und S. 217 Anm. 1 
den Namen van Swieten durch Conjectur einsetzt, so habe 
ich an denselben Stellen S. 129. 315 und 403 bereits dieselbe 
Ergänzung gegeben. Beiläufig sei bemerkt^ dass Richter in 
Karl Lessings Brief Lachm. 13^ 348 das Graf K. als Graf 
Chotek ergänzt und damit jedesfalls das richtige trifft 
Höchst wahrscheinlich ist dieselbe Besserung vorzunehmen in 
dem „Graf K.*^ meiner Ausgabe (die ich der Kürze wegen mit 
AS bezeichne) S. 283 med., wo die von mir fragweise vor- 
geschlagene Ausfüllung Graf K[aunitz] sicher irrig ist. Lessing 
wird also, wie sein Bruder, Kotek statt Chotek geschrieben 
haben. 



Herausgeber dieser Zeitschrift von Herrn Robert Boxberger über- 
geben worden ist, die passendste Verwerthung: 

„Das Lesaingsche Gedicht ist nach den Sprüchen Salomonis 31, 4 — 6 
gemacht: ^0, nicht den Königen, Lamuel, gib den Königen nicht 
Wein zn trinken, noch den Fürsten stark Getränk! Sie möchten 
trinken und der Rechte vergessen, und verfindem die Sache irgend der 
elenden Leute'. Vgl. Lessings Lied „Salomon** (Grotesche Ausgabe, I, 
S. 112)."] 



Schöne, zu Lessing. 339 

Von grosserem Gewicht ist ein anderer Punct, bei dem 
Richter aus meiner Ausgabe hätte Nutzen ziehen können. 
Richter hält die Datierung des Lessingschen Briefes (Lachni. 

12, 379; AS. 129) vom 15. Novbr. 1772 für richtig, wogegen 
ich (a. a. 0.) Herrn F. A. Cropp die Erkenntniss verdanke, 
dass dieser Brief vielmehr vom 15. Novbr. 1771 ist. Den 
Beweis dafür liefert Evas Brief vom 20. Novbr. 1771 (Lachm. 

13, 325; AS. 134), welcher ganz unverkennbar jenen Brief 
beantwortet. Ueberdies schreibt Lessing a. a. 0. an Eva, 
„man lasse sich über Berlin — bei ihm erkundigen^, ob er 
einen Posten in Wien annehmen wolle. „Näher will man sich 
darüber nicht auslassen^ etc. Dies bezieht sich nun ganz klar 
auf einen Brief Karl Lessings aus Berlin vom 9. Novbr. 1771 
(Lachm. 13, 323 oben), in dem sogar die Worte „Er wollte 
sich aber nicht eher herauslassen^ etc. mit der eben angeführten 
Mittheiluug an Eva stimmen. 

Darnach ist Guhrauers (2, 2 S. 247) Aeusserung zu ver- 
bessern: „er [Lessing] beeilte sich natürlich, sie [näml. Eva] 
(in einem verloren gegangenen Briefe) von Sulzers Vor- 
schlag in Eenntniss zu setzen.^' Der Brief ist vorhanden und 
nur falsch datiert. 

Aber ebenso irrig ist es, wenn Richter, lediglich auf 
jenen falsch datierten Brief gestützt, S. 204 med. erzählt: ,Jetzt 

[nämlich im November 1772] trat mit einemmale das todt- 

• ___ 

geglaubte Project [Lessing nach Wien zu berufen] wieder auf, 
und zwar diesmal recht ernsthaft." Im Gegentheile: Im No- 
vember 1772 war das Project todt, nicht nur todtgeglaubt, 
wie denn auch Richter selbst S. 207 sagen muss: „Von Wien 
kamen indess keine weiteren Anträge und das gewisse stets 
wiederkehrende Project schien jetzt endlicji zur ewigen Ruhe 
bestattet zu sein." Jener Brief aber gibt Bericht, nicht von 
einem letzten, sondern gerade von den allerersten Schritten, 
die man im November 1771 von Wien aus auf dem ümwßg 
über Berlin bei Lessing gethan hatte. 

Wenn ich auch glaube, dass das letzte Wort in dieser 
Frage noch nicht gesprochen ist — durch Herstellung mög- 
lichst genauer Regesten an der Hand der Briefe und sonstiger 
Quellen z. B. wäre auch hier, wie überhaupt für Lessings 



340 Schöne, zu LessiDg. 

Biographie noch manches zu erreichen — so ist doch der 
ganze Abschnitt bei Richter, der direct oder indirect zu Lessing 
in Beziehung steht (S. 141 — 264), sehr anziehend geschrieben, 
voll interessanten Materiales, vielfach aus bisher wenig oder 
gar nicht bekannten Quellen geschöpft und von durchaus 
würdiger Haltung in der Beurtheilung Lessings gegenüber der 
von einheimischen ,,Grössen^^ der Theresianisch- Josephinischen 
Periode, z. B. von Sonnenfels. Es liegt nahe hier einer 
anderen Schrift zu gedenken: „Briefe von Sonnenfels, heraus- 
gegeben von Hermann BoUett. Wien Braumüller 1874." An und 
für sich freilich wäre diesem Machwerk gegenüber schweigen 
die gerechteste, jedesfalls die mildeste Kritik. Aber dass so 
ungemeine Unkenntniss zugleich so dreist sein will, eine Per- 
sönlichkeit wie Lessing herabzusetzen, um dagegen Erschei- 
nungen wie Klotz und Sonnenfels auf den Schild zu heben, 
soll wenigstens in aller Kürze hiermit, gerügt werden. 

3. 

Als ich jenen Briefwechsel vor sechs Jahren neu bearbeitet 
herausgab, glaubte ich hoffen zu dürfen, dass damit nicht nur 
den speciellen Forschem, deren Arbeitsfeld die deutsche Litte- 
raturgeschichte des 18. Jahrhunderts ist, sondern auch weiteren 
Kreisen eine willkommene Gabe gereicht werde, und, da nach 
dem bekannten Worte seines Fleisses sich jed^r rühmen darf, 
so füge ich hinzu, dass ich nach Kräften bemüht gewesen bin, 
nichts zu unterlassen, was zum Verständnisse und der Brauch- 
barkeit des Buches beitragen konnte. 

Nun ich aber sehen muss, dass es selbst Männern wie 
H. M. Richter, für dessen aufrichtige Verehrung und ver- 
ständnissvolle Kenntniss Lessings sein oben besprochnes Buch 
voUgiltiges Zeugniss ablegt, nach mehreren Lebensjahren unbe- 
kannt geblieben ist, schwindet mir die Hoffnung, dass je eine 
Neubearbeitung meiner Ausgabe nothwendig sein werde. 

Und so benutze ich die Gelegenheit, um etliche Nachträge 
und Verbesserungen zu meiner Ausgabe hier anzuschliessen. 

In der Einleitung (S. XI oben) musste ich noch sagen, 
dass das Geburtsjahr von Eva Konig geb. Hahn unbekannt 
sei. Inzwischen habe ich dem seitdem verstorbenen Stadt- 



Schöne, zu Lessing. 341 

pfarrer Decan Dr. K. Zittel in Heidelberg die.Erlaubniss zu 
danken^ in den Acten nachzusuchen und habe im Taufregister 
der Lutherischen Kirche bei St. Peter und Providenz zu Heidel- 
berg folgendes gefunden: 

„1736, Mart. 22 nat., Mart. 24 renai, Herrn Heinrich 
Caspar Hahn^ Kauf- und Handelsherr, auch Kirch- Vorsteher 5 
Eva Katharina geb. Gaubin, uxor eius. Kind: Eva Catharina. 
Pathen: Herr Johann Conrad Kaltschmid, Müntz-Rath; Frau 
Catharina, uxor eius, geb. Gaubin." 

Demnach war Eva geboren den 22. März, getauft den 
24. März 1736. Sie war mithin bei ihrer Verheiratung i. J. 
1756 gerade 20, bei dem Tode ihres Mannes (i. J. 1769) 33 Jahr 
alt. In ihrem vierzigsten Lebensjahre 1776 verheiratete sie 
sich mit dem damals 47jährigen Lessing und starb im zweiten 
Jahre darauf (1778) 42 Jahre alt. 

Dass Eva mit der Familie Gaub in Heidelberg verwandt 
war, hatte ich schon früher (S. 531 u. d. Art. Gaubius) aus 
S. 459 geschlossen. Jetzt erhellt aus dem Taufregister, dass 
Evas Mutter eine geborne Gaub war. 

S. 35 letzte Zeile ist das im Originaldruck stehende Winzek 
in Wilczek zu verbessern, wie ich einer handschriftlichen 
Notiz des Herrn Prof. A. Springer entnehme, und Richter 
a. a. 0. S. 189 Anm. 2 ebenfalls vermuthet. 

S. 53 erste Zeile bedeutet das Gäbeier natürlich Gebier, 

S. 133, Z. 3 V. o. das Snoim natürlich Znaim, und 

S. 265, Z. 5 V. 0. ist Hänselinn gleich Frau Hensel. 

S. 352, Z. 9 V. o. und 355, Z. 7 v. o. ist statt M[eyer] 
zu schreiben M[ayer]. 

S. 356, Z. 12 V. o. ist zu lesen K[ammerherr] K[untschl. 

S. 391 Anm.* ist hinzuzufügen: vgl. Leisewitz' Schriften. 
Braunschweig, 1838. S. 270 med. 282 med. 

S. 494 und 510. Die beiden Briefe Nr. 6 und 18 an 
Weisse waren bereits veröflfentlicht in den Grenzboten 1862, 
2. Sem. 2. Bd. S. 235 ff. 

S. 512 med. Zu den Worten: „wohin ihre Mutter, aus 
sehr guten Gründen, so ungern zurück wollte" ist zu ver- 
gleichen S. 146 und Einleitung S. IX Anmerkung ***. 'Bei 
dieser Gelegenheit kann ich nicht unterlassen, der Frage nach 

Abchiv f. LiTT.-GKRcn, VI. 23 



342 Schöne, zu Lessing. 

der Echtheit; beziehentlich Zuverlässigkeit des durch Watten- 
bach mitgetheilten Briefwechsels von Elise Reimarus und 
Hennings zu gedenken. Abgeschlossen ist sie noch nicht, 
und die hierauf bezüglichen Aufsätze des verstorbenen August 
Boden; so oft sie über das Ziel hinausschiessen, scheinen mir 
doch ein anderes Schicksal zu verdienen ; als todi^eschwiegen 
zu werden. 

Schliesslich erwähne ich noch ein jüngst erschienenes 
Werk; das alle, welche sich mit Lessing beschäftigen; mit 
Freuden begrüssen werden: ;;For8chungen überLessings Sprache 
von Prof. Dr. Aug. Lehmann. Braunschweig; Westermami; 
1875.'^ Eine eingehende Prüfung und Würdigung wird ihm 
nicht entstehen % und so will ich hier nur dem aufrichtigen 
bedauern Ausdruck geben ; dass der Verfasser; obschon er 
natürlich Lachmanns Ausgabe zu Bathe zieht und häufig an- 
führt; doch seine sämmtlichen Citate principiell nach der 
gräulichen Berliner Duodezausgabe 1825—1828 (in 32 Bänden) 
gibt Warum in aller Welt erschwert der verdienstvolle ge- 
lehrte den Gebrauch seiner Arbeit in so unnöthiger Weise?** 



* Eine solche hat sie seit dem niederschreiben dieser Zeilen gefunden : 
s. die treffliche Kritik von Erich Schmidt in der Zeitschrift filr deutsches 
Alterthum. N. F. Bd. 8 (1876) S. 38 ff. 

** Denn in der Benutzung jener Dnodezausgabe wird ihm niemand 
folgen mögen; zu seinem eigenen Schaden hat sich der Verfasser allzu- 
oft auf sie verlassen. So schreibt er S. 249: „die Form ohnerachtet 
oder ohngeachtet begegnet nirgend.'* Allein z. B. Antiquar. Briefe 
Orig. Druck 2 S. 9 steht ,^alle dem ohngeachtet" (in der Duodezausgabe 
^^dessenungeachtet"). Ebenso schreibt Lehmann S. 203 Anm. 1 : „Einmal 
(32, 131) sagt Lessing spöttischer Weise nach Volksart: der Herr 
Geheimderath." Das Wort kommt aber in den Antiquar. Briefen, 
wenn ich nichts übersehen habe, achtmal vor, und achtmal gibt der 
Originaldruck die jetzt veraltete Form, welche zu Lessings Zeit in Druck 
und Schrift, besonders im Curialstil allverbreitet war und keineswegs 
nur im Munde des niederen Volkes lebte. 



Beiträge zur Eenntiiiss Chr. F. D. Schnbarts. 

Von 
Adolf Wohlwill. 

Uoter den geistigen Erzeugnissen Schubarts ist es nur 
eine yerhältnissmässig kleine Zahl seiner Gedichte^ welche, 
gleichmässig anziehend durch Form und Inhalt, vorzugsweise 
um ihres poetischen Werthes willen die Beachtung der Nach- 
welt verdient. Die meisten seiner litterarischen Schöpfungen 
interessieren uns entweder wegen der Beziehung, in welcher 
sie zu den Lebensschicksaleu des Verfassers stehen, oder in- 
sofern sie fiir das Zeitalter, welchem derselbe angehörte, 
charakteristisch sind. Vor allem in letzterer Hinsicht vermag 
eine eingehendere Beschäftigung mit diesem Dichter uns überaus 
reiche Belehrung darzubieten. Schubart ist einer der bedeutend- 
sten Repraesentanten der Sturm- und Drangperiode; er ver- 
anschaulicht alle Mängel und Vorzüge derselben um so voll- 
kommener, weil er sie nicht nur in litterarischer, sondern auch 
in socialer und politischer Beziehung, in Versen und Prosa, 
als SchuUehrer und als Journalist, in seinem Verkehr mit den 
unteren Volksclassen nicht weniger, als in seinem Verhältniss 
zu den Machthabern des damaligen Deutschlands bekundet 
und auch in vorgerücktem Lebensalter die Eigenthümlichkeiten 
dieser Entwickelungsstufe des deutschen Geisteslebens nicht 
gänzlich überwunden hat. Es dürften deswegen auch kleinere 
Ergänzungen der bisherigen Kenntniss von seinem leben und 
wirken, aus handschriftlichem Material oder seltener gewor- 
denen Druckwerken geschöpft,* als Beiträge zum Verständniss 
der Sturm- und Drangperiode der Berücksichtigung werth er- 
scheinen. 

* Bisher unbenutztes Material verdanke ich insbesondere der Qüte 
der Frau Director Bertheau in Hamburg, des Herrn Director von Halm 

28* 



344 Wohlwill, Ch. F. D. Schubart. 

I. 

Sohnbart in Gteisslingen. 

Den obigen Bemerkungen gegenüber mochte das Bedenken 
ausgesprochen werden, ob eine Persönlichkeit, wie Schubart, 
der ohne charaktervolle Einheit in seiner Haltung als Mensch 
und Schriftsteller, in seinem ganzen Leben nicht durch Grund- 
sätze, sondern durch Stimmungen, Laune und Leidenschaft ge- 
leitet wurde, überhaupt geeignet sein könne, als Repraesentant 
einer bestimmten Zeitrichtung betrachtet zu werden. Solchen 
Einwendungen zuvorzukommen, mag betont werden, dass trotz 
aller Schwäche luid Haltlosigkeit ein gewisser idealer Zug in 
Schubarts Wesen sich nie verleugnet hat. Wenn von irgend 
einem, gilt von Schubart das Wort, dass „das erscheinende 
Leben des Menschen zwischen seinem Urbild und seinem Zerr- 
bild schwanke'^ Mochte er sich auch noch so oft dem letzteren 
nähern, so ist doch zu keiner Zeit das erstere seinem geistigen 
Auge völlig entschwunden. Fragen wir, wie beschaffen denn 
das Urbild seines strebens und handelns gewesen, so wird 
uns die Antwort in einer kleinen Dichtung „der Zauberhain"* 
zu Theil, welche zu dem anziehendsten der in Geisslingen ver- 
fassten und im Jahre 1766 in Ulm erschienenen Sammlung 
„Zaubereien" gehört. Es werden uns hier die Schicksale des 
Apollo vorgeführt, welcher ein Land betritt, auf dessen Gefilden 
aegyptische Finsteniiss liegt, und das von einer barbarischen 
Bevölkerung bewohnt wird. Er beschliesst „Priester zu werden, 
um von dieser Seite die erste Ritze zu finden, durch die ein 
Strahl des himmlischen Lichts in das verfinsterte Herz des 



in München, des Herrn Ereisgerichtsrath Kern in Ellwangen und des 
Herrn Postdirector von Scholl in Stuttgart, ferner dem Augsburger 
Stadtarchiv und seinen Beamten, den Herren Chr. Meyer und Adolf 
Buff. Die Herbeischaffung mehrerer nur noch in vereinzelten Exemplaren 
erhaltener Publicationen Schubarts und auf ihn bezüglicher Schriften ist 
mir durch die gefällige Unterstützung der K. Hof- und Staatsbibl. in 
München, der*E. Öff. Bibl. in Stuttgart, der Kreis- und Stadtbibl. in 
Augsburg und der Stadtbibl. in Ulm ermöglicht worden. 

* C. F. D. Schubarts, des Patrioten gesammelte Schriften und Schick* 
sale (Stuttgart 1839) 6. Band S. 12 ff. Die hier folgende Inhaltsangabe 
schliesst sich an den ursprünglichen Text vom Jahre 1766 an. 



Wohlwill, Ch. F. D. Schubart. 345 

dummgläubigen Pöbels fallen könnte;^ — doch in einem An- 
fall von bestialischer Wuth reisst ihn dieser vom Redner- 
stuhle herab. — Apollo yerwandelt sich nunmehr in den 
Solon dieser Nation, er 8cha£Pt bessere Gesetze und wendet 
dem Ackerbau und der Handlung seine segenbringende Für- 
sorge zu. Aber die Chicane hebt ihr Hjdrahaupt empor und 
ruft mit wüthender Stimme: ^Neuerung, Neuerung, Umsturz 
der Fundamentalgesetze unseres blühenden Vaterlands!'' Als- 
bald schleppt ein Haufe hündischer Lictoren ihn ins Geföng- 
niss: noch heute in gesittetem Staaten der Lohn des Patrioten! 

— Jetzt sucht er als ein neuer Aesculap den physischen 
Leiden der Menschen Heilung zu bringen; aber eine Rotte 
von Quacksalbern und Marktschreiern tobt wider ihn — und der 
Wunderthäter Apoll wird als ungraduierter Arzt ausgepeitscht. 

— Nun ergreift er die Leier, die er einst Orpheus geliehen 
hatte, um diesen Barbaren Menschlichkeit zu lehren. Sein 
Gesang ertönt zu dem Klang der goldenen Saiten: aus den 
Wurzeln gerissene Bäume hüpfen die Gebirge herab, wilde 
Thiere verlieren ihr trotziges Ansehen und horchen. Nur seine 
Doloper und Myrmidonen, härter noch als Felsen, gaffen dem 
göttlichen Sänger dummdreist ins Gesicht und sprechen mit 
wieherndem Stolze: „Und du willst allein rasen in einem 
Lande, wo alles Vernunft hat?'^ Sie schleppen ihn in ein 
Tollhaus. — Schliesslich verwandelt sich Apollo in einen 
Autor. Bald fliegt die Geissei der Satire auf den fleischichten 
Rücken seiner Tartaren*, bald spricht denkender Ernst, bald 
schmelzende Wehmuth aus seinen Blättern. Doch der arme 
Apoll wird als Pasquillant, Aufrührer und Majestatsschänder 
vor den Richterstuhl geschleppt und zum Tode verurtheilt. 

Sicherlich haben wir in dem Apollo dieser Erzählung das 
idealisierte Bild des Dichters vor uns. Auf seine Mitmenschen 
aufklärend und veredelnd einzuwirken, ihre Wolfahrt wenigstens 
durch die Macht des Wortes zu fördern, Thorheiten zu geissein, 
Missstände zu rügen, Begeisterung für die höchsten Güter zu 
erwecken und zu nähren: das waren die Ziele, welche Schubart 
sein ganzes Leben hindurch fast unausgesetzt im Auge behielt, 

* So in der Ausgabe von 1766, wofür in den Ges. Schriften der 
minder kräftige Ausdruck ,,Bdotier'* gesetzt wurde. 



346 Wohlwül, Ch. F. D. Schubart. 

und zu deren Verfolgung er sich stets aufs neue aufiraffte^ 
wenn auch yorübergehend minder lautere Triebe die Idealität 
seines woUens beeinträchtigt hatten. 

Unter den lichtfeindlichen, unbildsamen Bewohnern jenes 
Landes, welche der zürnende Apollo schliesslich in Klötze ver- 
wandelt, verstand Schubart unzweifelhaft die Menschen, die 
ihn zur Zeit der Abfassung jener Dichtung zunächst umgaben, 
d. h. insbesondere die Bewohner Geisslingens. Wiewol in der 
Mitte des vorigen Jahrhunderts die Schriftsteller und Dichter 
Schwabens ihr Heimatland — in Vergleich mit dem nord- 
lichen und mittleren Deutschland — als ein barbarisches zu be- 
zeichnen liebten, und obgleich Oberschwaben unstreitig zu jener 
Zeit in vieler Hinsicht noch weit mehr zurück war, als Württem- 
berg, so dürfte doch die polemische Seite der besprochenen 
Dichtung Schubarts nicht zum wenigsten auf das personliche 
missbehagen desselben in seinen Geisslinger Verhältnissen 
zurückzuführen sein. Er war auf den Wunsch seines Vaters 
in ein Amt getreten, das weder seinen Neigungen noch seinem 
unruhigen Temperament entsprach.* Das Thema der „algieri- 

* Der Aunassimg von Strauss (Schubarts Leben in s^nen Briefen 
I. 39) : „Hastig griff Schubart nach dem Praeceptor- Stabe des Ülmischen 
Städtchens Geisslingen" muss nach einem Briefe Schubarts, welchen der- 
selbe am 22. Sept. 1763 an den Geisslinger Diaconus Abelen geschrieben, 
berichtigt werden. Da heisst es unter anderem: ,,Ich will es Ihnen als 
einem rechtschaffenen Theologen nur gestehen, dass die Umstände, unter 
welchen hiesige Stelle angenommen werden soll, mir wenig Lust in- 
spiriren würden, wenn ich nicht glaubte, dass sie abgeändert werden 
könnten. Damit aber meine Eltern nicht glauben, als wenn ich in An- 
sehung der Gründung meines Glükes etwas verabsäumte und ihnen die 
Umstände hiesiger offenen Stelle mit FIciss so klein und unvollkommen 
vor Augen stellte; so bitte Euer Hochehrwürden gehorsamst, m]f nur 
wenige Zeilen entweder an den Herrn Stadtpfarrer oder meinen Vater 
mitzugeben, worin die Beschaffenheit der erledigten Adiunctur vrürklich 
so vorgestellt wird, vde sie sich gegenwärtig befindet. Euer Hochehr- 
v^ürden werden sich einen iung Freund der Wissenschaften zeitlebens ver- 
binden, wenn Sie sub fide theologica sagen, in wie ferne die hiesige 
Stelle mit meinen eigenen wenigen Fähigkeiten und dem eininal er- 
griffenen Studio verhältnissmässig ist — femer, ob ich als ein ehrlicher 
Mann bestehen und wegen meines ferneren Glükes, das ich niemalen in 
Schulmeistergränzen einzuschrenken gedenke, nicht Gefahr laufe. Das 
verlange ich hiermit gehorsamst von einem Theologen, der so viel 



WohlwiU, Ch. F. B. Schubart. 347 

sehen Sklaverei'^ seines Praeceptorats und der mit demselben 
verbundenen, entehrenden Nebenbeschäftigungen hat er in den 
Briefen an seine Freunde mit zahlreichen Variationen und doch 
mit der stets gleichmässig melancholischen Grundmelodie vor- 
geführt. Dazu kam häuslicher Unfriede^ Missstimmung gegen 
die Familie seiner Frau und gegen seine vorgesetzten. Gewiss 
mag manche Klage sowol der letzteren gegen den Dichter^ 
wie des Dichters gegen jene berechtigt gewesen sein. Der 
genialische Stürmer und Dränger passte eben nicht in eine 
Gemeinschaft ehrbarer, aber etwas philisterhafter Kleinstädter. 
Es darf femer nicht übersehen werden, dass Schubart es mit 
einer von der eigenen wesentlich verschiedenen deutschen 
Stammesart zu thun hatte. Er ist zwar von den Schwaben 
stets als zu ihnen gehörig betrachtet worden, und das mit 
scheinbarem Rechte, wenn man die dialektischen Anklänge 
seiner Sprache, das localpatriotische Element in seinen Ge- 
sinnungen berücksichtigt und darauf Gewicht legt^ dass er in 
dem echtschwäbischen Aalen aufgewachsen, während seiner 
ganzen Lebenszeit stets nur vorübergehend über die Grenzen 
des schwäbischen Gebiets herausgekommen ist. Hinsichtlich 
seiner Abkunft aber dürfte er jenem Stamme nicht ohne wei- 
teres beizurechnen sein. Er selbst nennt ganz im allgemeinen 
die Lausitz als das Land, von welchem sämmtliche Schubarte 
stammen, eine Behauptung, über deren Richtigkeit wir uns 
bei dem fehlen ausreichender genealogischer Angaben eines 
bestimmteren Urtheils begeben müssen. In näherem Sinne be- 
zeichnet er mehrfach Nürnberg als die Stadt seiner Vorfahren* 
und berichtet uns, dass sein Vater in Altdorf geboren**. Von 

Rechtschaffenheit, Menschenlieb und zugleich Einsicht, als Euer Hoch- 
ehrwürden besizt. Ich werde meinen Eltern dieses Zengniss Yorlegen, 
damit sie hernach urtheilen können, in wie ferne ich die Sache weiter 
betreiben soll oder nicht. Das Zeugniss eines einsichtsvollen Mannes ist 
mir gewichtiger, als der Lerm des Pöbels, der mich zu etwas verleiten 
will, das mir in der Folge schädlich seyn könnte." (Aus der Autographen- 
sammlung des Herrn W. Eünzel in Leipzig.) 

* Ges. Schriften I. S. 29—31, Vaterlandschronik 1787 S. 362. 
** Nach Mittheilung des Herrn Decan Lippert zu Altdorf, welcher 
die Güte hatte, für meinen Zweck in den dortigen Kirchenbüchern Nach- 
forschungen zu veranstalten, wurde der Vater des Dichters Jobann 



348 Wohlwill, Ch. F. D. Schubart. 

mütterliclier Seite stammte Schabart aus Sulzbach am Kocher 
in der Herrschaft Limpurg*, welche nach der alten Einthei- 
lung des Reichs zum fränkischen Kreis gehörte^ und in deren 
Bevölkerung neben dem schwäbischen auch ein sehr erheb- 
licher fränkischer Bestandtheil vorhanden war. Sollte des- 
wegen Schubart mit Rücksicht auf seine Herkunft in der 
Rubrik eines deutschen Stammes untergebracht werden, so 
würde er eher unter die Franken als unter die Schwaben ge- 
hören. Unzweifelhaft ist, dass sich in seinem Naturell, in seinem 
lebhaften, unruliigen, zu mündlicher Mittheilung drängenden, 
übersprudelnden Wesen weit mehr die Eigenart des ersteren 
als des letztgenannten Stammes äusserte. So mag denn auch 
dieser Umstand nicht zum geringsten den Gegensatz zwischen 
Schubart und seiner Umgebung verschärft und in ihm das 
(jefühl der Vereinsamung hervorgerufen haben. Trotzdem war 
die Zeit seines Geisslinger Aufenthaltes nicht die mindest er- 
gibige Periode seines vielbewegten Lebens. Es ist von ihm 
in seiner Selbstbiographie darauf hingewiesen worden — und 
wird durch seine Briefe bestätigt — , wie emsig er damals 
seine Kenntnisse auf dem Gebiete aller Wissenschaften zu 
fordern und sich mit der Litteratur alter und neuer Zeiten 
vertraut zu .machen bemüht gewesen. 

Seine eigene Productivität stand zunächst mit seiner 
paedagogischen Thätigkeit in Zusammenhang. J. G. Fischer 
hat bereits auf eine uns erhaltene Sammlung von Schubart 
dictierter Schulhefte hingewiesen und einige Auszüge aus den- 
selben mii^etheili^'^ Hier tritt für uns in mannigfach wechseln- 
den Weisen, in Liedern, Erzählungen und Briefen das bestreben 
hervor, bald das religiöse Gefühl der Kinder anzuregen und 
zu läutern, bald sie über Dinge des praktischen Lebens auf- 
zuklären, bald auch ihren Blick über den engen Horizont ihrer 



Jakob Schubart am 13. Mai 1711 in Altdorf geboren. Dessen Vater 
Walther Bartholomäus Schubart war Cantor an dei protestanti- 
schen Kirche und Stadtschullehrer in Altdorf. 

* Schubarts Mutter war die Tochter des Forstmeisters Georg 
Friedrich Hörner in Sulzbach am Kocher. 

** J. Gr. Fischer, Mittheilungen aus Schubarts Lehrerzeit, im Morgen- 
blatt von 1859 S. 49—64 und 84—89. 



Wohlwill, Ch. F. D. Schubart. 349 

nächsten Umgebung hinaus auf die allgemeinen Interessen, 
selbst des politischen Lebens hinzuweisen« Nicht selten findet 
sich in diesen, wol meist improvisierten Ergüssen des Schubart- 
schen Geistes Anlass, den eigenartigen dichterischen Schwung 
desselben zu bewundem, häufiger noch erfreuen wir uns an 
seinem Witz, seiner unerschöpflichen Laune, die sich freilich 
in der Regel der didaktischen Tendenz untergeordnet hat; 
doch ist bisweilen auch wol der Humor mit ihm durchgegangen, 
und es werden den Kindern Erzählungen in Versen oder in 
Briefform dictiert, bei welchen man nach dem fabula docet 
vergeblich fragen mochte. 

Zu den mindestens halbwegs lehrhaften Dictaten dürfen 
wir folgende Briefe rechnen, welche bestimmt waren, den 
Schülern den Unterschied der vier Temperamente anschaulich 
zu machen. 

Schreiben eines sanguinischen Knabens*. 

Mein lieber, lustiger, runder Vetter! 

Was machst du mein Schaz? Springst du noch, wie ein Hirsch 
und hüpfest wie ein itinger Bok? Was macht dein Schlitten? Das 
ist doch heuer ein vortrefliches Schlittenwetter. Es geht einen Berg 
hinunter, dass kein Adler uns nachfliegen könnte. Nichts ist lustiger, 
als wann unsere Schlitten zuweilen Über einen Hügel hinüber 
hopseln. Ha, ha, ha, ha, ich mnss noch lachen. Gestern ist der 
Peter Langbein über den Schlitten herunter geflogen, als wie ein 
Lufftspnnger. — Es ist halt eine Freud iung und froh zu seyn. 
Juhe Bruder, wann nur unser alter Graubart nicht wäre, du kennest 
ihn schon, und unsem Präceptor, den ewigen Zuchthaussmeister kan 
ich auch nicht leiden. Da soll man immer lernen, immer sein Eöpff- 
lein henken, immer Brief schreiben, und die närrische Sportographie 
oder Dortographie treiben — Gehorsamer Diener Herr Präceptor. 
Wollen Sie mich zu einer Nachteule machen? Ei mein schöner 
Herr, sind Sie doch so gut und guken Sie zum Fenster hinaus, wann 
ich heute mit meinem Schlitten vor ihrer Nase vorbeystechen werde 
— Hopsa liebes Brüderlein, lustig müssen Buben seyn. Was lernen ! 
unsere Schul ist ia so finster, wie eine Wachtstub — wir werden 
dennoch was wir werdön sollen — man muss unserem Präceptor 



* Dieser Brief ist, wie die folgenden, der im Besitz der Frau Di- 
rector Berthe au in Hamburg befindlichen Sammlung von Schulheften 
Joseph Fischers aus Gteisslingen entnommen. 



350 Wohlwill, Ch. F. D. Schubart. 

etwas blasen. — Aber letzt fahr ich Schlitten. Komm her du lieber 

Stachel. — Hola Bruder, Michel, Stoffel, Martin, Heinrich, Hanss, und 

wer ihr alle seyd, fahrd mit! steht zu! Juhe Bruder Friz, das Ding 

geht wie der Bliz! — Gute nacht kleines 6. Pfenning Häfelein. Ich 

bin voller Freuden 

dein lustiger Freund 

Hansswurstburg d. l'**^ Aprill. ^, . . tt 

Martin Hopsasa. 

Schreiben eines cholerischen Knabens. 

Kamerad! 

Du sagst imer, ich soll an dich schreiben, aber meinst dann 
du, ich habe sonst nichts zu thun als mit dir umzugehen. Sey froh, 
dass du diesen Brief kriegst und ein andersmal kann der Herr war- 
ten, biss es mir einfält, einen Brief zu schreiben. Unter uns pasiert 
eben nichts neues auser dass ich fast alle Tag mit meinen lieder- 
lichen Kameraden Händel habe. Ich prügle sie zusamen dass sie 
Oel geben möchten. Gestern habe ich den Christoph Flink bey der 
Gurgel angepakt, dass er gequäkt hat Den Michel Haasenfuss 
hab ich erst heute früh beym Schopff genommen und ihn geschüt- 
telt, dass ihm die Zähne gewakelt haben. — Die Hundsfütter! Die 
Tropffen! Wollen einen ehrlichen Kerl scheren. He! Beym Henker. 
Ich peitsche diese Lumpenkerls noch zusamen, dass sie durchsichtig 
werden möchten! — Glaub mir Bruder, ein ehrlicher Kerl lässt sich 
nichts thun, er schlägt, er stosst, er beisst, er haut um sich, wie 
ein wilder Eber. Haasenseelen sind das. Tropffen sind das, alte auss- 
gemergelte Spittalweiber sind das, die sich von einem iedweden 
Scherenschleiffer, der Überzwerg daher kommt coujonieren lassen. 
Wann ich nur ein Preusischer schwarzer Husar wäre, ich wollte 
mit meinem scharf geschliffenen Söbel mitten unter alle Hundsfütter 
hinein rennen und ihre Dummen Schedel wie KrautskÖpffe, hinweg- 
schlagen. — Ha! Courage muss man haben, sonst ist man aller 
Tropffen Bruder. — Ich arbeite iezo Tag und Kacht, wie ein Pferd, 
damit ich einmal ein rechtschaffener Kerl werde. Aut Caesar, aut 
nihil. Entweder alles, oder nichts, entweder Burgermeister oder 
Amtsknecht. — Meine Kameraden sollen mich gewiss nicht einholen. 
Die Gänsköpffe kriechen im Lernen so langsam, wie Schneken. — 
Ei hast dus auch gehört dass die Polaken so wurmicht seyn sollen? 
Wann sie nur einander zusamen banden, dass ihr6 Köpffe wie 
Spazen, in der Lufft herum Tanzten. — Aber ich habe genug ge> 
schwäzt. Lebe wohl wenn du kanst. Ich heise 

TT r. -. rt^ T .««« Hanss Tollkopf£ 

Husaarenburg d. 26. Jenner 1767. 

N. N. 



WohlwiU, Ch. P. D. Schubart. 351 

Schreiben eines melancholischen Knaben. 

Mein theurester, mein liebster Freund 

Mitten in meiner Einsamkeit, in der ich wie eine Nachteule 
size und mich den schwarzen Grillen überlasse, vernehme ich die 
traurige Nachricht, dass dich Oott mit einer seh wehren Krankheit 
heimgesucht hat. Ach mein Bruder, mein Freund, mein Geliebter, 
wie viel tausend Thränen hab ich schon tun deinetwillen vergossen ! 
so soll ich dich verliehren? Nimmermehr dein holdes Angesicht 
sehen? Nimmermehr vor Freuden an deinem Halse weinen? Nim- 
mermehr mit dir durch Blumen gehn, am rieselenden Bach stehen 
bleiben, und gen Himmel hinauf sehen und Gott danken, dass Er 
uns beede erschaffen hat! o mein Bruder Jonathan, wie beugst du 
mich, mein Bruder Jonathan wie beugst du mich! — Vieleucht schon 
iezo bist du gestorben. Ich sehe den Todesschweis auf deiner Stime, 
dein gestandenes Aug, deine eingefallene und Todbleiche Wangen, 
deine blauen Lippen, dein zugespiztes Kinn, dein versteltes Ge- 
sicht, deine abgestorbene Hände, deine verschrenkte Fttsse, dieser 
schrökliche, dieser fürchterliche Anblik ist beständig vor meinen 
Augen. — Gestern bin ich beim Mondschein über die Mauren des 
Kirchhofs geklettert, habe mich auf ein verfallenes Grab gesezt, 
einen blinden Todenkopff in meine Hand genommen , diesen gelben, 
haarichten Schädel geküsst und dem Tod, dem Ende alles meines 
Jammers gerufen: komm süsser Tod, wische mit deiner dirren Hand 
die Thrähnen vom AnÜiz! bringe mich zu meinem Bruder! ach zu 
meinem.Bruder! und mich dauchte, ich hörte auf dem ganzen Kirch- 
hof ein tiefes, hohles, murmlendes Ach! Ach! Ach! erschallen. — 
Aber der Tod kommt noch nicht. Und die ganze Welt ist mir ver- 
hasst, meine Kameraden sind mir verhasst, alle Freuden sind mir 
verhasst. Soll ich dann Selbsten mein Leben endigen? Ach, ich 
wünsche mir nichts mehr in der Welt, als in der schröklichsten 
Wüste, wo ewig kein wanderer hinkommen wird, in der Höhle eines 
schröklichen Felsen, einer still rauschenden Quelle mein Leben zu 
zubringen. Mit Nägeln wolte ich die Wurzlen aus der Erde schan-en 
und mich so lange damit nähren, biss der Tod mein schwindst^chtiges 
Gerüppe in das Grab werfen würde. Lebe wohl. — Lebe ewig wohl 
Bruder. Ich werde dich nimmer sehen. Aber mein toder Staub soll 
sich noch nennen 

Deinen 

• getreuen Freund und Bruder 
Mittemacht d. 28. Jenner 1767. 

Franz Einsüdler. 



352 Wohlwill, Cb. F. D. Schubart 

Schreiben eines phlegmattischen Knaben. 

Hochgeehrtester Herr Vetter, 

Sind Sie doch nicht böse, dass ich schon 3. viertel Jahr nicht 
an Sie geschrieben habe. Aber es hat warlich nicht seyn kOunen; 
ich habe schon bald ein Jahr keine Feder mehr angeregt. Ich be- 
komme gleich das Kopfweh, wann ich mich so lange auf das Papier 
hinbüken muss. Mein Vatter und meine Muter ist wohl auf. Ich 
muss alle Tag zweymal in die Schul gehen, welches mich entsezlich 
sauer ankommt. Dann denken Sie nur, Herr Vetter, Es sind 25 
Schritt von meinem Hause in die Schule. Ich bin offt steinmttde 
biss ich hinkomme. In der Schule seze ich mich auf meinen Bank, 
rege keine Ader und schlafe allgemach ein. Mein Pr&ceptor wekt 
mich wohl manchmal sehr unfreundlich auf: aber es thut nichts, ich 
schlafe gleich wider. Ich weiss nicht nicht, wie es kommt: sobald* 
ich schwarz auf weiss seh, so bekomme ich den Schwindel, und wann 
ich bethen soll, so geht alles mit mir im Ring herum. Mein Prft- 
ceptor nennt mich wohl manchmal einen EselskopfF, aber was thut 
das! Die Esel sind doch auch artige Thierlein. Ich bin doch auch 
so Dum nicht, als man meint. Ich kan bald das erste HauptstUk 
und das Sprüchlein; Also hat Gott die Welt geliebet, kan ich auch 
schier auswendig, und werde doch erst auf die Kirchwejh, wils Gott^ 
16. Jahr alt Ach wann ich doch einmal, ein recht ruhiges Leben 
kriegte, als wie mein Vetter, der Franz Schmerbauch. Dieser sizt 
den ganzen Tag in einem -Grossvatter- Sessel und in einem alten 
p\)hlni8chen Pelz hinter dem Ofen; raucht eine Pfeife Lauswenzel, 
trinkt des Morgens 16. Schaalen Cofee isst des Mittags 3 Pfund 
Ochsenfleisch, trinkt 2. Maass Braunsbier dazu, verrichtet sein Mit- 
tags-Schläflein, biss Abends um 5 ühr, nimmt noch ein Pfund Kftss, 
4 Maass Braunsbier und anderthalb Schoppen Brantewein zu sich 
imd Ittsst sich allgemach ins Bett führen. Er erzürnt sich nicht, er 
erfreut sich nicht, er lacht nicht, er weint nicht; sondern er bleibt 
in einer ewigen Ruhe. Ach wann mir doch Gott auch ein solches 
Leben gebe! Ich wolte lieber im Spittal in Ruhe, als in einem 
fürstlichen Pallast in Arbeit leben. . Gott wird auch meine Wünsche 
erfüllen, dann ich bin so fromm wie ein Lamm. In der Kirch size ich 
so steif (Correctur: sinnig), das ich wie der Perpendikul an der Ühr 
hin und her wakle, wann man an mich stosst. Gestern hat mir der 
iunge Courage eine Maulschelle gegeben, aber ich habe ihm einen 
Halbbazen geschenkt, dass er mir nichts mehr thun soll. — Schlitten- 
fahren und Springen mag ich auch nicht, wie meine Cameraden, den 
es frührt mich sogleich und ich könnte ia auch einmal eine Hand oder 
einen Fuss abbrechen. — Die Tischlade, der Ofen und mein Bett 
sind meine 3. liebste Stüke in der Welt! mein Bett! — Ja, ia 



WohlwiU, Ch. F. D. Schubart. 353 

— Herr Vetter — acb lieber Gott — Gutenacht Herr Vetter — 
meine liebe Tischlad! o wie gut — - Hutsch! Hutsch. 

Faulberg d. 3 Febr. 1767. Franz Schlafhaub. 

Mein Herr! 
Sie haben recht, wann Sie behaupten, dass derienige Mensch 
glüklich sey dessen Blut ordentlich gemischt ist und der also ein 
gesundes und glükliches Temperament hat. Es sind mir nemlich 
4 ^efe zn Gesicht gekommen, welche mein Herz mit einem wahren 
Mittleiden angeTült haben. Welch ein frecher, ziegelloser und leucht- 
sinniger Mensch ist nicht Martin Hopsasa! £r hat keinen flblen 
Kopff, aber er ist viel zu flüchtig, als dass er etwas emsthafts be- 
greifen könnte. In der Schule und in der Kirche ist er in einer be - 
ständigen Unruhe, wie Queksilber. Bald rutscht er hin, bald rutscht 
er her bald zupft er seine Kameraden, bald nagt er an seinem Huth. 
Wann er lernen soll, so pfeift er, wann er bethen soll so lacht er, 
wann er gehen soll, so hüpft er und kurz Martin Hopsasa ist ein 
iunger Narr, der niemals etwas rechtschaffenes werden wird, als biss 
er gescheid ist. Hanss Tollkopff hat zwar vortrefliche Gaben, er 
lernt gut und führt sich in verschiedenen Dingen vortreflich auf. 
Aber er thut nichts Gottes halber sondern alles seinethalber. Man 
darf ihn nicht grum ansehen so bekommt mann entweder ein grobes 
Wort, oder eine Maulschelle. Mit seinem Raufen und schlagen wird 
er sich allenthalben bey iedermann verhasst machen und Öfters Ge- 
fahr laufen entweder zu einem Krüppel öder gar tod' geschlagen zu 
werden. Wer mit seinem tollenkopff wie ein Stier mit seinen Hör- 
nern durch die Welt rennen will prellt öfters so gewaltig an, dass 
er seinen Kopff zerstösst. Der gute zärtliche Franz Einsüdler 
danrt mich er hat das beste Herz von der Welt. Aber er weint 
immer er traurt immer, er sizt immer im Winkel wie ein Käuzlein 
in verstöhrteh Stätten und thut, als wann ihm Gott nimmer gnädig 
wäre. Ein solcher Winsler und Heuler taugt zu nichts, als zu sol- 
chen Klagweibem, die um das Geld ieden Toden beklagen. Er 
stelt sich inmier das ärgste vor und wan er eine kleine Röthe am 
Himmel sieht, so glaubt er schon ganz Ulm stehe im Feuer. — 
Aber was solte ich von Franz Schlafhaub sagen? Er ist von 
einem Perükenstok in nichts unterschieden, als dass er sich ein biss- 
chen regt. Ein solcher Mensch ist in der Welt immer das 5^ Bad 
am Wagen, und er ist weder zum guten noch zum bösen aufgelegt 
Wohl demnach demienigen, welcher weder zu leuchtsinnig noch zu 
hizig, noch zu traurig, noch zu trag und Phlegmattisch ist, sondern 
in allen Stüken die weise Mittelstrase zu erwählen weiss. Ich ver- 
harre mit aller Hochachtung jj^^^ 

ergebenster Diener 

Weissheitsiadt d. 6*«» Febr. 1767. , , ^, 

Jacob Klug. 



350 Wohlwill, Ch. F. D. Schubart. 

etwas blasen. — Aber letzt fahr ich Schlitten. Komm her du lieber 

Stachel. — Hola Bruder, Michel, Stoifel, Martin, Heinrich, Hanss, und 

wer ihr alle seyd, fahrd mit! steht zu! Juhe Bruder Friz, das Ding 

geht wie der Bliz! — Gute nacht kleines 6. Pfenning Häfelein. Ich 

bin voller Freuden 

dein lustiger Freund 

Hansswurstburg d. l"***^ Aprill. ^, , . ^^ 

Martin Hopsasa. 

Schreiben eines cholerischen Knabens. 

Kamerad! 

Du sagst imer, ich soll an dich schreiben, aber meinst dann 
du, ich habe sonst nichts zu thun als mit dir umzugehen. Sey froh, 
dass du diesen Brief kriegst und ein andersmal kann der Herr war- 
ten, biss es mir einfölt, einen Brief 'zu schreiben, unter uns pasiert 
eben nichts neues auser dass ich fast alle Tag mit meinen lieder- 
lichen Kameraden Händel habe. Ich prügle sie zusamen dass sie 
Oel geben möchten. Gestern habe ich den Chiistoph Flink bey der 
Gurgel angepakt, dass er gequäkt hat Den Michel Haasenfuss 
hab ich erst heute früh beym Schopf genommen und ihn geschüt- 
telt, dass ihm die Zähne gewakelt haben. — Die Hundsfütter! Die 
Tropffen! Wollen einen ehrlichen Kerl scheren. He! Beym Henker. 
Ich peitsche diese Lumpenkerls noch zusamen, dass sie durchsichtig 
werden möchten! — Glaub mir Bruder, ein ehrlicher Kerl lässt sich 
nichts thun, er schlägt, er stosst, er beisst, er haut um sich, wie 
ein wilder Eber. Haasenseelen sind das. Tropffen sind das, alte auss- 
gemergelte Spittalw eiber sind das, die sich von einem iedweden 
Scherenschleiffer, der überzwerg daher kommt coujonieren lassen. 
Wann ich nur ein Preusischer schwarzer Husar wäre, ich wollte 
mit meinem scharf geschliffenen Söbel mitten unter alle Hundsfütter 
hinein rennen und ihre Dummen Schedel wie Krautsköpffe, hinweg- 
schlagen. — Ha! Courage muss man haben, sonst ist man aller 
Tropffen Bruder. — Ich arbeite iezo Tag und Nacht, wie ein Pferd, 
damit ich einmal ein rechtschaffener Kerl werde. Aut Caesar, aut 
nihil. Entweder alles, oder nichts, entweder Burgermeister oder 
Amtsknecht. — Meine Kameraden sollen mich gewiss nicht einholen. 
Die Gänsköpffe kriechen im Lernen so langsam, wie Schneken. — 
Ei hast dus auch gehört dass die Polaken so wurmicht seyn sollen? 
Wann sie nur einander zusamen banden , dass ihrö Köpffe wie 
Spazen, in der Lufft herum Tanzten. — Aber ich habe genug go* 
schwäzt. Lebe wohl wenn du kanst. Ich heise 

TT 1- j rt/. T ^«/»« Hanss ToUkopff. 

Husaarenburg d. 26. Jenner 1767. 

N. N. 



Wohlwill, Ch. F. D. Schubart. 351 

Schreiben eines melancholischen Knaben. 

Mein theurester, mein liebster Freund 

Mitten in meiner Einsamkeit, in der ich wie eine Nachteule 
size und mich den schwarzen Grillen überlasse, vernehme ich die 
traurige Nachricht, dass dich Gott mit einer seh wehren Krankheit 
heimgesucht hat. Ach mein Bruder, mein Freund, mein Geliebter, 
wie viel tausend Thrttnen hab ich schon um deinetwillen vergossen ! 
so soll ich dich verliehren? Nimmermehr dein holdes Angesicht 
sehen? Nimmermehr vor Freuden an deinem Halse weinen? Nim- 
mermehr mit dir durch Blumen gehn, am rieselenden Bach stehen 
bleiben, und gen Himmel hinauf sehen und Gott danken, dass Er 
uns beede erschaffen hat! o mein Bruder Jonathan, wie beugst du 
mich, mein Bruder Jonathan wie beugst du mich! — Yieleucht schon 
iezo bist du gestorben« Ich sehe den Todesschweis auf deiner Stime, 
dein gestandenes Aug, deine eingefallene und Todbleiche Wangen, 
deine blauen Lippen, dein zugespiztes Kinn, dein versteltes Ge- 
sicht, deine abgestorbene Hände, deine verschrenkte Füsse, dieser 
schrökliche, dieser fürchterliche Anblik ist beständig vor meinen 
Augen. — Gestern bin ich beim Mondschein über die Mauren des 
Kirchhofs geklettert, habe mich auf ein verfallenes Grab gesezt, 
einen blinden Todenkopff in meine Hand genommen , diesen gelben, 
haarichten Schädel geküsst und dem Tod, dem Ende alles meines 
Jammers gerufen: komm süsser Tod, wische mit deiner dirren Hand 
die Thrähnen vom Antliz! bringe mich zu meinem Bruder! ach zu 
meinem. Bruder! und mich dauchte, ich hörte auf dem ganzen Kirch- 
hof ein tiefes, hohles, murmlendes Ach! Ach! Ach! erschallen. — 
Aber der Tod kommt noch nicht. Und die ganze Welt ist mir ver- 
hasst, meine Kameraden sind mir verhasst, alle Freuden sind mir 
verhasst. Soll ich dann Selbsten mein Leben endigen? Ach, ich 
wünsche mir nichts mehr in der Welt, als in der schröklichsten 
Wüste, wo ewig kein wanderer hinkommen wird, in der Höhle eines 
schröklichen Felsen, einer still rauschenden Quelle mein Leben zu 
zubringen. Mit Nägeln wolte ich die Wurzlen aus der Erde schanen 
und mich so lange damit nähren, biss der Tod mein schwindst^chtiges 
Gerüppe in das Grab werfen würde. Lebe wohl. — Lebe ewig wohl 
Bruder. Ich werde dich nimmer sehen. Aber mein toder Staub soll 
sich noch nennen 

Deinen 

• getreuen Freund und Bruder 
Mitternacht d. 28. Jenuer 1767. 

Franz Einsüdler. 



350 Wohlwill, Ch. F. D. Schubart. 

etwas blasen. — Aber ietzt fahr ich Schlitten. Komm her du lieber 

Stachel. — Hola Bruder, Michel, Stoffel, Martin, Heinrich, Hanss, imd 

wer ihr alle seyd, fahrd mit! steht zu! Juhe Bruder Friz, das Ding 

geht wie der Bliz! — Gute nacht kleines 6. Pfenning Häfelein. Ich 

bin voller Freuden 

dein lustiger Freund 

Hansswurstburg d. l"**^ Aprill. __ ^. ^t 

Martin Hopsasa. 

Schreiben eines cholerischen Knabens. 

Kamerad! 

Du sagst imer, ich soll an dich schreiben, aber meinst dann 
du, ich habe sonst nichts zu thun als mit dir umzugehen. Sey froh, 
dass du diesen Brief kriegst und ein andersmal kann der Herr war- 
ten, biss es mir einfUlt, einen Brief 'zu schreiben. Unter uns pasiert 
eben nichts neues auser dass ich fast alle Tag mit meinen lieder- 
lichen Kameraden Händel habe. Ich prügle sie zusamen dass sie 
Oel geben möchten. Gestern habe ich den Christoph Flink bey der 
Gurgel angepakt, dass er gequSkt hat Den Michel Haasenfuss 
hab ich erst heute früh beym Schopff genommen und ihn geschüt- 
telt, dass ihm die Zähne gewakelt haben. — Die Hundsfütter! Die 
Tropffen! Wollen einen ehrlichen Kerl scheren. He! Beym Henker. 
Ich peitsche diese Lumpenkerls noch zusamen, dass sie durchsichtig 
werden möchten! — Glaub mir Bruder, ein ehrlicher Kerl lässt sich 
nichts thun, er schlägt, er stosst, er beisst, er haut um sich, wie 
ein wilder Eber. Haasenseelen sind das. Tropffen sind das, alte auss- 
gemergelte Spittalweiber sind das, die sich von einem iedweden 
Scherenschleiffer, der Überzwerg daher kommt coujonieren lassen. 
Wann ich nur ein Preusischer schwarzer Husar wäre, ich wollte 
mit meinem scharf geschliffenen Söbel mitten unter alle Hundsfütter 
hinein rennen und ihre Dummen Schedel wie Krautsköpffe, hinweg- 
schlagen. — Ha! Courage muss man haben, sonst ist man aller 
Tropffen Bruder. — Ich arbeite iezo Tag und Nacht, wie ein Pferd, 
damit ich einmal ein rechtschaffener Kerl werde. Aut Caesar, aut 
nihil. Entweder alles, oder nichts, entweder Burgermeister oder 
Amtsknecht. — Meine Kameraden sollen mich gewiss nicht einholen. 
Die Gänsköpffe kriechen im Lernen so langsam, wie Schneken. — 
Ei hast dus auch gehört dass die Polaken so wurmicht seyn sollen? 
Wann sie nur einander zusamen banden, dass ihrö Köpffe wie 
Spazen, in der Lufft herum Tanzten. — Aber ich habe genug ge* 
schwäzt. Lebe wohl wenn du kanet. Ich heise 

TT y 1 r.« T -«/,- Hanss Tollkopft 

Husaarenburg d. 26. Jenner 1767. 

N. N. 



Wohlwül, Ch. F. D. Sohubart, 351 

Schreiben eines melancholischen Knaben. 

Mein theurester, mein liebster Freund 

Mitten in meiner Einsamkeit, in der ich wie eine Nachteule 
size und mich den schwarzen Grillen überlasse, vernehme ich die 
traurige Nachricht, dass dich Gott mit einer seh wehren Krankheit 
heimgesucht hat. Ach mein Bruder, mein Freund, mein Geliebter, 
wie viel tausend Thränen hab ich schon um deinetwillen vergossen ! 
so soll ich dich verliehren? Nimmermehr dein holdes Angesicht 
sehen? Nimmermehr vor Freuden an deinem Halse weinen? Nim- 
mermehr mit dir durch Blumen gehn, am rieselenden Bach stehen 
bleiben, imd gen Himmel hinauf sehen und Gott danken, dass Er 
uns beede erscha£Pen hat! o mein Bruder Jonathan, wie beugst du 
mich, mein Bruder Jonathan wie beugst du mich! — Vieleucht schon 
iezo bist du gestorben. Ich sehe den Todesschweis auf deiner Stime, 
dein gestandenes Aug, deine eingefallene und Todbleiche Wangen, 
deine blauen Lippen, dein zugespiztes Kinn, dein versteltes Ge- 
sicht, deine abgestorbene Hände, deine verschrenkte Füsse, dieser 
schrökliche, dieser fürchterliche Anblik ist beständig vor meinen 
Augen. — Gestern bin ich beim Mondschein über die Mauren des 
Kirchhofs geklettert, iiabe mich auf ein verfallenes Grab gesezt, 
einen blinden Todenkopff in meine Hand genommen , diesen gelben, 
haarichten Schädel geküsst und dem Tod, dem Ende alles meines 
Jammers gerufen: komm süsser Tod, wische mit deiner dirren Hand 
die Thrähnen vom Antliz! bringe mich zu meinem Bruder! ach zu 
meinem. Bruder! und mich dauchte, ich hörte auf dem ganzen Kirch- 
hof ein tiefes, hohles, murmlendes Ach! Ach! Ach! erschallen. — 
Aber der Tod kommt noch nicht. Und die ganze Welt ist mir ver- 
hasst, meine Kameraden sind mir verhasst, alle Freuden sind mir 
verhasst. Soll ich dann selbsten mein Leben endigen? Ach, ich 
wünsche mir nichts mehr in der Welt, als in der schröklichsten 
Wüste, wo ewig kein wanderer hinkommen wird, in der Höhle eines 
schröklichen Felsen, einer still rauschenden Quelle mein Leben zu 
zubringen. Mit Nägeln wolte ich die Wurzlen aus der Erde schanen 
und mich so lange damit nähren, biss der Tod mein schwindsttchtiges 
Gerüppe in das Grab werfen würde. Lebe wohl. — Lebe ewig wohl 
Bruder. Ich werde dich nimmer sehen. Aber mein toder Staub soll 
sich noch nennen 

Deinen 

• getreuen Freund und Bruder 
Mitternacht d. 28. Jemier 1767. 

Franz Einsüdler. 



352 Wohlwill, Cb. F. D. Schubari 

Schreiben eines phlegmattischen Knaben. 

Hochgeehrtester Herr Vetter, 

Sind Sie doch nicht böse, dass ich schon 3. viertel Jahr nicht 
an Sie geschrieben habe. Aber es hat warlich nicht sejn können; 
ich habe schon bald ein Jahr keine Feder mehr angeregt Ich be- 
komme gleich das Kopfweh, wann ich mich so lange auf das Papier 
hinbüken mnss. Mein Yatter und meine Muter ist wohl auf. Ich 
muss alle Tag zwejmal in die Schul gehen, welches mich entsezlich 
sauer ankommt. Dann denken Sie nur, Herr Vetter, Es sind 25 
Schritt Yon meinem Hause in die Schule. Ich bin offt steinmüde 
biss ich hinkomme. In der Schule seze ich mich auf meinen Bank, 
rege keine Ader und schlafe allgemach ein. Mein Präceptor wekt 
mich wohl manchmal sehr unfreundlich auf: aber es thut nichts, ich 
schlafe gleich wider. Ich weiss nicht nicht, wie es kommt: sobald* 
ich schwarz auf weiss seh, so bekomme ich den Schwindel, und wann 
ich bethen soll, so geht alles mit mir im Ring herum. Mein PrS- 
ceptor nennt mich wohl manchmal einen Eselskopff, aber was thut 
das! Die Esel sind doch auch artige Thierlein. Ich bin doch auch 
so Dum nicht, als man meint. Ich kan bald das erste Hauptstük 
und das Sprüchlein; Also hat Gott die Welt geliebet, kan ich auch 
schier auswendig, und werde doch erst auf die Kirchweyh, wils Gott, 
16. Jahr alt Ach wann ich doch einmal, ein recht ruhiges Leben 
kriegte, als wie mein Vetter, der Franz Schmerbauch. Dieser sizt 
den ganzen Tag in einem -Grossvatter- Sessel und in einem alten 
pV)hlni8chen Pelz hinter dem Ofen; raucht eine Pfeife Lauswenzel, 
trinkt des Morgens 16. Schaalen Cofee isst des Mittags 3 Pfund 
Ochsenfleisch, trinkt 2. Maass Braunsbier dazu, verrichtet sein Mit- 
tags-Schlftflein, biss Abends um 5 ühr, nimmt noch ein Pfund KSss, 
4 Maass Braunsbier und anderthalb Schoppen Brantewein zu sich 
und iSsst sich allgemach ins Bett führen. Er erzürnt sich nicht, er 
erfreut sich nicht, er lacht nicht, er weint nicht; sondern er bleibt 
in einer ewigen Buhe. Ach wann mir doch Gott auch ein solches 
Leben gebe! Ich wolte lieber im Spittal in Ruhe, als in einem 
fürstlichen Pallast in Arbeit leben. Gott wird auch meine Wünsche 
erfüllen, dann ich bin so fromm wie ein Lamm. In der Kirch size ich 
so steif (Correctur: sinnig), das ich wie der Perpendikul an der Ühr 
hin und her wakle, wann man an mich stosst. Gestern hat mir der 
iunge Courage eine Maulschelle gegeben, aber ich habe ihm einen 
Hsklbbazen geschenkt, dass er mir nichts mehr thun soll. — Schlitten- 
fahren und Springen mag ich auch nicht, wie meine Cameraden, den 
es frührt mich sogleich und ich könnte ia auch einmal eine Hand oder 
einen Fuss abbrechen. — Die Tischlade, der Ofen und mein Bett 
sind meine 3. liebste Stüke in der Welt! mein Bett! — Ja, ia 



Wohlwill, Ch. F. D. Schubart. 353 

— Herr Vetter — ach lieber Gott — Gutenacht Herr Vetter — 
meine liebe Tischlad! o wie gut — - Hutsch! Hutsch. 

Faulberg d. 3 Febr. 1767. Franz Schlafhaub. 

Mein Herr! 
Sie haben recht, wann Sie behaupten, dass derienige Mensch 
glüklich sey dessen Blut ordentlich gemischt ist und der also ein 
gesundes und glükliches Temperament hat. Es sind mir nemlich 
4 lU'iefe zu Gesicht gekommen, welche mein Herz mit einem wahren 
Mittleiden angetült haben. Welch ein frecher, ziegelloser und leucht- 
sinniger Mensch ist nicht Martin Hopsasa! Er hat keinen üblen 
Kopff, aber er ist viel zu flüchtig, als dass er etwas emsthafts be- 
greifen könnte. In der Schule und in der Kirche ist er in einer be- 
ständigen Unruhe, wie Queksilber. Bald rutscht er hin, bald rutscht 
er her bald zupft er seine Kameraden, bald nagt er an seinem Huth. 
Wann er lernen soll, so pfeift er, wann er bethen soll so lacht er, 
wann er gehen soll, so hüpft er und kurz Martin Hopsasa ist ein 
iunger Narr, der niemals etwas rechtschaffenes werden wird, als biss 
er gescheid ist. Hanss Tollkopff hat zwar vortrefliche Gaben, er 
lernt gut und führt sich in verschiedenen Dingen vortreflich auf. 
Aber er thut nichts Gottes halber sondern alles seinethalber. Man 
darf ihn nicht grum ansehen so bekommt mann entweder ein grobes 
Wort, oder eine Maulschelle. Mit seinem Raufen und schlagen wird 
er sich allenthalben bey iedermann verhasst machen und Öfters Ge- 
fahr laufen entweder zu einem Krüppel oder gar tod' geschlagen zu 
werden. Wer mit seinem toUenkopff wie ein Stier mit seinen Hör- 
nern durch die Welt rennen will prellt öfters so gewaltig an, dass 
er seinen Kopff zerstösst. Der gute zärtliche Franz Einsüdler 
daurt mich er hat das beste Herz von der Welt. Aber er weint 
inmier er traurt immer, er sizt immer im Winkel wie ein Käuzlein 
in verstöhrteh Stätten und thut, als wann ihm Gott nimmer gnädig 
wäre. Ein solcher Winsler und Heuler taugt zu nichts, als zu sol- 
chen Klagweibem, die um das Geld ieden Toden beklagen. Er 
stelt sich immer das ärgste vor und wan er eine kleine Böthe am 
Himmel sieht, so glaubt er schon ganz Ulm stehe im Feuer. — 
Aber was solte ich von Franz Schlafhaub sagen? Er ist von 
einem Perükenstok in nichts unterschieden, als dass er sich ein biss- 
chen regt. Ein solcher Mensch ist in der Welt immer das 5^ Bad 
am Wagen. Und er ist weder zum guten noch zum bösen aufgelegt. 
Wohl demnach demienigen, welcher weder zu leuchtsinnig noch zu 
hizig, noch zu tniurig, noch zu trag und Phlegmattisch ist, sondern 
in allen Stüken die weise Mittelstrase zu erwählen weiss. Ich ver- 
harre mit aller Hochachtung Dero 

ergebenster Diener 

Weissheitstadt d. 6**° Febr. 1767. 

Jacob Klug. 



354 Wohlwill, Ch. P. D. SchuWt. 

Auch folgendes Dictat dürfte ein allgemeineres Interesse 
in Anspruch nehmen. 

Qeisslingen d. 10**" November 1768. 

Mein Herr, 

Sie haben die Oütigkeit, mich zum Schreiben aufzumuDtem 
und mit meinen Schwachheiten vorlieb zu nehmen. Sie werden es 
also auch erlauben, wann ich Ihnen heute eine artige Geschichte 
erzehle, die sich erst kürzlich zugetragen hat: ^ 

Nicht weit von Craasheim wohnte ein vornehmer und ungemein 
reicher Anspachischer Beamter, mit Nahmen Herr von Buttwiz. 
Dieser hatte zwei Söhne, wovon der älteste Wilhelm, der iüngste 
aber Louis hiess. 

Wilhelm war von Jugend auf still, seinen Eltern und Lehrern 
gehorsam und der unversöhnlichste Feind aller lasterhaften Jünglinge. 
Dabei war er in allen seinen Handlungen so langsam und bedScht- 
lich, dass er niemahls einen Fehltritt that. üeberdiess war er un- 
gemein hausshältrisch und seine Eltern konnten ihm die ganze 
Oekonomie anvertrauen. 

Louis aber war just das Gegentheil von seinem Bruder Wjl- 
helm. Er hatte ein feuriges Temperament, war leichtsinnig, ver- 
schwindrisch und stak voller bosshaftiger Streiche. Wann er Geld 
hatte; so war er den Augenblik damit fertig. Was er nicht ver- 
thun konnte, das schenkte er seinen armen Kameraden. Man kan 
sich vorstellen, dass man den guten Louis oft übel vor seinen 
Muthwillen züchtigte. 

Doch Louis sezt den Huth aufs Ohr 
und blieb der Louis wie zuvor. 

Doch weil er schön war, einen guten Kopf und ein zärtliches Herz 
hatte; so konnte ihn doch jedermann wohl leiden. Nur sein Bruder 
hasste ihn^ weil er vor allem Muthwillen einen Abscheu hatte. Als 
man die beiden Brüder auf die Universität' schikte; so brachte Wil- 
helm den Ruhm eines geschikten und tugendhaften jungen Herrn 
mit nach Hauss« Ja, er hatte sogar 1000 fl. Geld bei sich, welches 
er sich von seinen Wechsels erspahrte. 

Mit unserm Louis aber sah es ganz änderst aus. Er studierte 
wenig, liebte starke Qesellschaften , legte sich aufs Reuten, Fechten 
und Tanzen, spielte, trank und hatte alle Tag Musik. Mehr als 20. 
arme Studenten auf der Universität zehrten aus seinem Beutel. Mann 
warnte ihn; aber da war alles verlohren. Der böse Louis Hess sich 
nun auch mit niederträchtigen Weibsbildern ein und hatte sogar das 
Unglük einen vornehmen Studenten zu erstechen. Der Vatter ent- 
erbte ihn, und Louis wurde ein Preusse. Im lezteiii Krieg wohnte 
er fast allen Schlachten bei und hielt sich als ein tapferer Soldat. 



Wohlwill , Cb. F. D. Schubart. 355 

In der Schlacht bei Freiberg wurde er gefährlich verwundet und 
kam ins Lazareth. Hier dachte er das erste mahl an seinen bisshe- 
rigen liederlichen Lebenswandel. Ach sagte er zu sich selber: Was 
wird mein Yatter sagen ! Wie wird meine liebe Mutter meinethalben 
in Thränen schwimmen! — Ach liebste Eltern, dürfte ich mich zu 
euren Füsen werfen, euch um Verzeihung bitten und sterben! — 

Ein ganzer Thrftnenstrohm rollte hierauf seine Wangen herab 
und Louis entschloss sich von ganzem Herzen, in sich zu gehen. 
Er schrieb einen beweglichen Brief an seine EÜtem; aber Wilhelm 
mahlte seinen Bruder Louis so hässlich ab, dass man ihm nicht 
einmahl antwortete. — Der Friede wurde indessen geschlossen und 
man dankte das Regiment ab unter welchem Louis war. Diesem 
gab die Verzweiflung einen ganz besondem Gedanken ein. Er ver- 
tauschte seine Monteur mit einem Zwilchkittel, liess sein Haar bäu- 
risch wachsen und gieng zu einem Bauren, anderthalb Stimd von 
der Wohnung seines Vatters, als Knecht in Diensten. Hier war er 
der treueste Arbeiter, führte das beste Leben und nahm sich der 
Güter seines Bauren dergestalt an, dass er zusehends reicher wurde. 

Ueberal war er als der kluge und fleisige Hanss bekannt. Selber 
sein Vater, der oft in dieses Doif kam, bewunderte den Fleiss des 
Hansen und liess sich oft von ihm im Garten herum führen, den 
der fleisige Hanss so yortreflich eingerichtet hatte, dass sich dess- 
selbigen kein Edelmann hätte schämen dürfen. Einstmahl kam der 
Bauer nach Hause und sagt«: Hanss, unsere Frau Amtmannin ist 
gestorben. Das gute Weib hat noch in ihrer lezten Stunde ihren 
Lips geseegnet und Gott gebetten, dass er sich seiner erbarmen 
möchte. — Hanss lief wütend zur Thür hinaus, gieng in seine Kammer, 
wälzte sich auf dem Boden und that, wie ein verzweifelter Mensch 
und vergoss eine ganze Fluth von Thränen. Der Bauer, welcher 
seinen Hansen wie ein Kind liebte, wusste nicht, was er von dieser 
auserordentlichen Traurigkeit denken sollte. Er tröstete seinen Hansen 
so lange, biss er wieder etwas ruhig wurde. Als Hanss einmahl im 
Walde war und vor seinen Bauren Holz machte ;4m> hörte er von 
ferne ein groses und ungewöhnliches Geräusch. Er schliech mit 

seinem Holzbeil ganz sachte hinzu und Welch ein Anblik 

vor unsem zäiiJichen Hansen! — sähe hier seinen Vater von 4. Mör- 
dern umgeben die ihn aus der Kutsche riesen und ihm eben den 
Dolch an die Brust sezten. Hanss trat wütend aus dem Gebüsch her- 
vor und machte mit seinem Holzbeil so gute Arbeit, dass in wenig 
Augenbliken 3. Mörder gestrekt dalagen. Den 4.^^ aber band er 
an einem Baume vest. Der Herr von Buttwiz welcher schon ver- 
wundet war, schrie hierauf: Gott, welchem Engel habe ich m^ein 
Leben zu danken? Gnädiger Herr, sagte hierauf Hanss, ich habe 
meine Schuldigkeit gethan und Sie sind mir also keinen Dank schul- 
dige Ich danke Gott, dass er mich zum Werkzeug gemacht hat, 



356 Wohlwill, Ch. R D. Schubart. 

ein so koBtbares Leben zu retten. — Hanss trug hierauf den 
verwundeten Herrn in die Kutsche, und weil der Kutscher 
erschossen war; sezte er sich selber auf den Bok und fuhr dem 
Schlosse zu. Des andern Tages fragte i^an den noch lebenden 
Mörder aus, und man fand mit £ntsezen, dass der Urheber dieser 

yerfluchten Yerschwöhrung niemand anders was als — 

Wilhelm^ der bisshero sein teuflisches Herze unter der Larve der 
Heuchele j verbarg, weil er nicht warten konnte, bis er durch den 
Tod seines Yatters sAim Besize seiner grosen Güter gelangte; so 
wollte er auf eine so verfluchte Art seinen Durst nach Beichthum 
stillen. Der arme Herr von Buttwiz starb schier auf diese 
schrökliche Nachricht und behielt niemand bei sich, als seinen Er- 
retter Haussen. 0, schrie er einmahl in der Verzweiflung: Nun bin 
ich aller meiner Kinder beraubt. Louis ist verlohren und Wil- 
helm — diese Brut des Teufels mag ich gar nicht mehr nennen. 
Als er den Hansen vor Weinen schluchzen hörte; so sagte er: 
Hanss, zärtlicher Hanss! wollte Gott, du wärest mein Sohn! — Und 
nun konnte sich Hanss nicht mehr enthalten; er stürzte zu den 
Füsen seines Vaters nieder und sagte lautweinend: Ja ich bin es! Ich 
bin Louis Ihr Sohn! Ach Vater, Vatter, lassen Sie mich zu Ihren 
Füsen sterben! — Als er hierauf alle seine Schiksale kürzlich erzehlt 
hatte; So hob ihn der Vatter von der Erde auf, drükte ihn vest an 
sein Herz und sagte mit Seufzen und Thränen: mein Sohn, mein 
Sohn! Meine Freude, meine Wonne und mein Glük! Hierauf bath 
Louis mit den zärtlichsten Worten vor seinen Bruder Wilhelm 
und brachte es dahin, dass ihn der Vatter unter sehr erträglichen 
Umständen in ein Zuchthauss schikte, und der gute Louis soll 
nicht aufhören, seinem gottlosen Bruder heimlich viel gutes zu thun. 
Seit dem hat sich der alte Herr von Buttwiz zur Buhe gesezt und 
seinem Sohne die Verwaltung der Güter überlassen und noch Überal 
redet man von dem Gnädigen Herrn unter dem Nahmen des weisen, 
gütigen und rechtschaffenen Hansen. 

Dass Menschen schwehr zu kennen sind 

ist ohne allen Zweifel, 
ein nach dem Ansehn frommes Kind 

ist ofb der ärgste Teufel. 

Wir sehen an dem Jüngling oft 

nur Fehler und nur Mängel 
auf einmahl sehn wir unverhoft, 

er sei ein wahrer Engel. 

Nun leben Sie wohl. Auf diesen langen Brief wird Ihnen und 
mir das Essen wohl schmeken. Ich verbleibe 

Dero ergebenster Diener 

Jakob Federfuchs. 



Woblwill, Ch. F. D. Schubart. 357 

Unzweifelhaft haben wir in diesem Briefe eine ältere 
Fassung j^ier Erzählung: ^Zur Geschichte des mensch- 
lichen Herzens", welche von Schubart in dem ersten Stück 
Ton Haugs schwäbischem Magazin veröfiPentlicht* und durch 
die Verwerthung, welche sie in Schillers Räubern gefunden, 
ein Gegenstand allgemeiner Beachtung geworden ist. Die 
Gegenüberstellung eines scheinbar gut gearteten, fromm 
gesinnten, thatsächlich aber bis zur äussersten Niederträchtig- 
keit selbstsüchtigen Menschen und andrerseits eines leicht- 
sinnigen, ja selbst ausschweifenden, doch im tiefsten Grunde 
braven und der edelsten Handlungen fähigen Charakters muss 
überhaupt für Schubart einen ganz besonderen Reiz besessen 
haben. Denn auch von einer dritten und ausführlicheren Bc: 
arbeitung desselben Themas hat er im Ulmischen Intelligenzblatt 
vom Jahre 1775 (sieh unten) wenigstens den Anfang mitgetheilt. 

In der Figur des Louis, d'er in der zweiten und dritten 
Fassung der Erzählung Carl genannt wird, hat der Dichter 
sich selbst gezeichnet oder vielmehr eine Apologie seines bis- 
herigen, oft über die Stränge schlagenden, die Regeln der 
Sitte verletzenden und dennoch nie dem besseren streben sich 
völlig entfremdenden lebens und treibens dargeboten. In jeder 
späteren Behandlung hat Schubart diesem Charakter neue Züge 
beigelegt, welche seinem eigenen Wesen entnommen waren. 
Weit weniger gelungen ist die Figur des Wilhelm, welcher 
dem Schillerschen Franz entspricht« Dass der ursprünglich 
nur als Duckmäuser imd Philister geschilderte Knabe und 
Jüngling nachmals sich zu einem ausgemachten Bösewicht 
entwickelt, wird zwar als Thatsache mitgetheilt, aber in keiner 
Weise erklärt. Es begreift sich, dass, je breiter Schubart 
seine Erzählung anlegte, um so mehr auch der Mangel einer 
ausreichenden Motivierung fühlbar werden musste. 

Unter den Dichtungen Schubarts fallen die Zaubereien, 
die Todesgesänge, sowie einige Oden und odenartige Ge- 
legenheitsgedichte in die Periode des Geisslinger Aufenthalts. 

Die Zaubereien, die unzweifelhaft zu den originellsten 



* Schwäbisches Magazin von gelehrten Sachen anf das Jahr 1775 
S. 30—37, Schubarts Ges. Schriften VI. S. 82—89. 

AECHIV f. LiTT.-GXBCH. VI. 24 



358 WohlwiU, Ch. P. D. Schubart. 

Erzeugnissen der Schubartschen Muse geboren^ sind zum grosse- 
ren Theil — freilieb mit mancherlei Modificationen — in die 
Gesammtausgabe aufgenommen worden. Unter den daselbst 
abgedruckten Abschnitten ist der vom „Ixion^^^ welcher zum 
Schulmeisterthum begnadigt^ sehnsüchtig, wie Orpheus nach 
seiner Eurydice, nach seinem Rade in der Unterwelt verlangt^ 
wegen der nahe liegenden Anspielung auf Schubarts eigene 
paedagogische Erfahrungen am häufigsten hervorgezogen worden. 
Des „Zauberhains" wurde oben bereits gedacht. Diebeiden 
erwähnten Stücke und die poetische Vorrede zur ganzen Samm- 
lung beziehen sich auf Schubarts persönliches Schicksal. Nicht 
minder beachtenswerth ist der Schlussabschnitt „Spencer", 
welcher das tragische Erdenlos und die Apotheose des Dichters 
im allgemeinen behandelt „Die entzauberte Eifersucht*' 
war mit einigen Abweichungen ursprünglich einem Briefe 
Schubarts an seinen j.ungen Ulmer Freund Wölb ach einge- 
fügt; um diesem auf wirksame Weise den Rath zu ertheilen, 
dass er sich von einer unglücklichen und seiner imwürdigen 
Leidenschaft frei mache.* „Die Bache einer Napee" und 
der harmlose Schwank „Die Macht des Plutus" bieten 
keinerlei biographisches und wenig allgemeines Interesse dar. 
Nicht in die Gesammtausgabe der Schubartschen Werke 
aufgenommen sind: 

1) Die Widmungsverse ^^An den grossen Caramussal 
auf dem Berge Atlas'^ Mit Anspielung auf eine Episode 
aus den Abenteuern des Don Sylvio von Rosalva (6. Buch 
1. Capitel) bringt Schubart hier dem von ihm mit jugendlicher 
Begeisterung verehrten Wieland seine Huldigung dar als dem 
Zauberer auf dem Gebiete der Dichtkunst. 

2) Der „Ps endo kl eist" ein wenig geschmackvoller Scherz 
über die ungeschickten imd allzu realistischen Nachahmer der 
Naturmalerei eines Thomson und E. Chr. von Kleist. 

3) „Die belohnte Wohlweisheit", d. i. die Geschichte 
eines zum Esel metamorphosierten Rathsherrn, eine Satire auf 
die selbsl^efällige Beschränktheit der Regenten jener winzigen 



* VgL Briefe Schubarts an einen jungen Ulmer, herausgegeben von 
Fr. Pressel, Morgenblatt von 1861, S. 844 fi'. 



Wohlwill, Ch. F. D. Schubart. 359 

detitschen Reichsstädte^ welche Schubart selbst häufig genug 
beobachtet haben mochte. 

4) „Chil der Verderber und Gonkutsch der Glücks- 
bote". Der Zauberer Abusamma hatte in dem gewaltigen 
Streite mit dem grossen Caramussal zwei seiner ersten und 
furchtbarsten Gehilfen verloren : Chil, der den Boden versengte, 
wie mit Feuerpfeilen, dessen Odem verderblich war, wie die Pest, 
den Zerstörung, Hunger und Ungewitter umgaben, und andrer- 
seits Gonkutsch, der Segen und Fruchtbarkeit um sich aus- 
breitete. Abusamma suchte Ersatz unter den Menschen, und 
er fand einen neuen Chil in einem weithin als fromm und 
tugendhaft gepriesenen, in Wirklichkeit aber heuchlerischen 
und fanatischen Brahminen, einen neuen Gonkutsch in einem 
von jenem Zeloten verwünschten, dem ausgelassenen Lebens- 
genüsse, der Poesie und Musik ergebenen, dabei aber menschen- 
freundlich und barmherzig gesinnten Schöngeist. 

Ein Jahr später(1767)erschienenSchubartsTodesgesänge. 
Dieselben waren zum Theil angeregt durch eine schwere Krank- 
heit, welche ihn nah an den Rand des Grabes gebracht hatte, 
theils durch die ihm in Geisslingen berufsmässig obliegende 
Pflicht, Leichenreden zu halten. Schubart gibt in seiner Lebens- 
beschreibung zu, dass er diese Lieder mit seiner gewöhnlichen 
leidigen Eilfertigkeit geschrieben habe. Dieselben sind daher 
von sehr verschiedenem poetischem Werth. Doch wird das 
scheinbar wenig ergibige Thema, das bald an biblische Sprüche 
und Erzählungen sich anlehnende, bald durch den Klang der 
Todtenglocke, den Anblick eines Kirchhofs, das plötzliche' 
hinscheiden eines Kindes, eines Jünglings oder Greisen dem 
Dichter ins bewusstsein gerufene Memento mori in den mannig- 
faltigsten Variationen vorgeführt. In dem Lied „ auf die 
Leiche eines Regenten^^ wird dasselbe Motiv behandelt, wie 
später in der „Fürstengruft"; freilich sind in dem früheren 
Gedichte die Farben sehr viel milder, auch wird das Idealbild 
des guten Herrschers kräftiger hervorgehoben, während der 
furchtbaren Verantwortung, die den pflichtvergessenen Tyran- 
nen im Tode erwartet, nur andeutungsweise Erwähnung ge- 
schieht. Einige der Todesgesänge, wie z. B. „Das jüngsteGe- 
richt", erregen unsre Bewunderung gleichmässig durch den 

24* 



360 Wohlwill, Ch. F. D. Schubart. 

Schwung der Phantasie und die Kraft der Darstellung; in an- 
deren fehlt jegliche Originalität, und der Ausdruck wird häufig 
matt, alltäglich, hie und da selbst geschmacklos. 

Für den Gesang in der Gemeinde möchten sich die wenig- 
sten jener Lieder geeignet haben. Denn der Werth gerade 
der besseren unter ihnen beruht darauf, dass sie aus den in- 
dividuellsten Empfindungen und Gemüthsbewegungen des Dich- 
ters hervorgegangen sind. Sie gewähren uns daher mehrfach einen 
tieferen Einblick in das Seelenleben .desselben. Wir sehen ihn auf 
dem Krankenlager, von Schmerz und Todesangst gepeinigt sich 
zu andachtsvollem Gebet aufraffen, wir erfahren von seinem 
ringen mit der Welt und ihren Versuchungen, von seiner Sehn- 
sucht nach Reinheit des Herzens und nach innerer Erleuchtung. 

Ein grösserer Theil der Todesgesänge ist von Schubß.rt 
der auf dem Asperg veranstalteten Sammlung seiner Gedichte 
und nach dieser auch den späteren Ausgaben eingefügt worden. 
Doch haben dieselben dureh die Veränderungen, welche der 
Dichter in der Gefangenschaft mit ihnen vornahm, nicht an 
Gehalt gewonnen, wol aber an der Kraft des Ausdrucks viel- 
fach noch eingebüsst. Auch wurden unzweifelhaft manche 
Lieder weggelassen, welche hinter den wieder abgedruckten nicht 
wesentlich zurückstehen, z.B. Todesgedanken im Sommer, 
im Herbst, in einer Winternacht, am Geburtstage; 
bei der Leiche des Jünglings; die sterbende Mutter; 
das Trauergeläute. 

Als Anhang finden sich in der Ausgabe von 1767 die 
vier Gedichte: die Barmherzigkeit, die Dankbarkeit, 
die Würde der Gotteshäuser und der gute Bürger. 
Inhalt und Tonart derselben machen es im höchsten Grade 
wahrscheinlich, dass sie den didaktischen Ziv^ecken Schubarts 
als Geisslinger Praeceptors ihren Ursprung verdanken. 

Schliesslich sind die odenartigen Poesien Schubarts ins 
Auge zu fassen. Wenn zwei wichtige Erfordernisse der Ode 
und des Hymnus, Gedankenfülle und Meisterschaft in der Be- 
herrschung der Sprache Schubart zu keiner Zeit in hervor- 
ragendem Masse eigen waren (vgl. Strauss, Schubarts Leben 
in seinen Briefen U. S. 458), so bewirkte doch die Macht der 
Leidenschaft und der Begeisterung, mit welcher manche spätere 



Wohlwül, Ch. F. D. gchubart. 361 

Dichtungen jener Art, wie z. B. die Pürstengrufk, das Gedicht 
an die deutsche Freiheit und selbst der Hymnus auf Fried- 
rich den Grossen kühn und feurig hingeworfen waren, dass 
in denselben die erwähnten Mängel weit weniger hervortreten 
als in den verwandten Erzeugnissen früherer Zeit. Unter den 
letzteren ist die Ode auf den Tod Franciscus des Ersten 
aus der Gesammtausgabe hinlänglich bekannt. In der Ode auf 
Abbt entschädigen einige Strophen, in welchen die Entwick- 
lung und die Verdienste des besungenen in kräftigen und 
charakteristischen Zügen hervorgehoben werden, für die Ge- 
spreiztheit und Gehaltlosigkeit des übrigen. Die Gedichte 
„Badcur" und „Auf die Geburt des Herrn Grafen von 
Degenfeld -Schomburg" (1766 in einem Heft zusammen 
abgedruckt) haben lediglich biographisches Interesse, indem er- 
steres von der Freundschaft des Dichters zu dem Ulmischen 
Stadtamman Haeckel*, dem Gevatter seines Sohnes Ludwig^ 
das letztere von seinen Beziehungen zu dem in der Nähe 
Geisslingens in Eybach heimischen Gräfenhause Zeugniss gibt. 

II. • 
Sohubart in Augsburg. 

Schubarts Augsburger Aufenthalt im Jahre 1774 bildet 
den Uebergang von der Zeit seines abenteuernden Wander- 
lebens zu der Periode ruhiger und gedeihlicher Wirksamkeit, 
welche ihm in Ulm beschieden war. Schon in Ludwigsburg, 
wo bis dahin französischer und italienischer Geschmack vor- 
gewaltet, und von den deutschen Dichtern höchstens Wie- 
land Beachtung gefunden hatte, war Schubart bemüht gewesen, 
Sinn und Verständniss für die deutsche Litteratur zu wecken. 
Mehr noch als in der damaligen Residenz des Herzogs von 
Württemberg gelang es ihm eine Zeitlang in Augsburg, ein 
anregender Mittelpunct allen denjenigen zu werden, welche für 
Litteratur und Kunst Interesse hegten. 

Ein Zeugniss seiner Bestrebungen liegt uns in seinem 
„kurzgefassten Lehrbuch der schönen Wissenschaf- 

* Vgl. über diesen Wey ermann, „Neue historisch - biographisch - 
artistische Nachrichten von Gelehrten und Künstlern der vormaligen 
Reichsstadt Ulm'* S. 161 ff. 



362 Wohlwill, Ch. F. D. Schubart. 

ten'^ vor, dem Versucli eines dankbaren ZuhorerB, den Inhalt 
Schubartscher Vorlesungen auf Grund nachgeschriebener Hefte 
wiederzugeben. Schubart hat diese Fublication freilich nicht 
als sein geistiges Eigenthum anerkennen wollen. ,Jch hielt 
es für eine wahre Kreuzigung meines Fleisches, als ich dies 
Todtengerippe in meinem Kerker zu Gesichte bekam'', so schreibt 
er in seiner Selbstbiographie (Ges. Schriften I. S. 238).* Den- 
noch tragen eine Fülle einzelner Bemerkungen und Urtheile 
so unverkennbar das Gepräge seiner Denk- und Darstellungs- 
weise, dass an ihrer unverfälschten Echtheit nicht gezweifelt 
werden kann. Charakteristisch sind z. B. seine abfälligen Aus- 
lassungen nicht nur über Gottsched, sondern auch über 
Geliert und Rabener, dessen Satire bloss Pedanten und 
arme Gratulanten züchtige', nicht aber Leute, die ihm trutzen 
oder schaden könnten, ebenso seine Aeusserungen über Wie- 
land, dessen Neigung, andern Autoren nachzuahmen und von 
ihnen zu entlehnen, dessen Armuth an eigener Erfindungsgabe 
— trotz der auch jetzt noch diesem Dichter bekundeten Ver- 
ehrung — rücksichtslos dargelegt wird. Nicht minder bezeich- 
nend ist die wiederholt zum Ausdruck gelangende Vorliebe für 
die Vertreter der Sturm- und Drangperiode, deren Werke von 
Schubart zum Theil über Gebühr gepriesen werden, wie er 
denn z. B. Gerstenbergs Ugolino geradezu als ^ines der 
ersten Trauerspiele der Welt bezeichnet.** Auch sonst begeg- 
nen uns manche Spuren der unserem Dichter auf aesthetischem 
Gebiet eigenen Befangenheit des Urtheils, wenn er z. B. Klop- 
stock über Homer zu stellen geneigt ist und unmittelbar 
nach dem Messias Bodmers Noachide aufführt, von welcher 



* Als Fortsetzung des ,, Eurzgefassten Lehrbuchs der schönen Wis- 
senschafben för ünstudierte" erschienen noch im selben Jahre (1777) 
„Vorlesungen über Mahlerey, Kupferstecherkunst, Bildhauerkunst, Stein- 
schneidekunst und Tanzkunst von Herrn Professor Schubart Heraus- 
gegeben von einem seiner ehmaligen Zuhörer/* Vorzugsweise auf diese 
letzteren bezogen, erscheinen die Aeusserungen Schubarts sehr viel ge- 
rechtfertigter als hinsichtlich der ersten Publication. 

** In ähnlichem Sinne äussert sich Schubart über Gerstenbergs 
Ugolino in dem Vorwort zu dem Trauerspiel „Der Aufruhr zu Pisa" (Ulm, 
1776) S. 3 und 4. 



Wohlwill, Ch. P. D. Schubart. 363 

er griechische und patriarchalische Simplicität zu rühmen weiss. 
Neben solchen lieber- und Unterschätzungen finden sich jedoch 
auch manche Stellen, in welchen d^i anerkannt hervorragend- 
sten Genien aller Zeiten, einem Shakespeare, Cervantes, 
Goethe, mit Begeisterung und Ehrfurcht gehuldigt wird. In 
manchen Bemerkungen bekundet sich der Einfiuss, welchen 
die Jugendwerke Herders auf Schubart ausgeübt hatten. So 
finden wir z. B. in einem Einleitungacapitel (S. 7) die Weisung: 
„Wer recht kerndeutsch lernen will, der lese die Minnesinger, 
die alten deutschen Gedichte, Luthers Bibelübersetzung und 
andere kraftvolle Schriften dieses Mannes.'^ Auch auf Hans 
Sachs wird gelegentlich aufmerksam gemacht; und von Luther 
heisst es an einer späteren Stelle: „wenn er nicht zu polemisch 
hätte sein müssen, so würd' er gewiss einer der grössten Dich- 
ter gewesen sein, die jemals gelebt haben.'^ 

Einen wie unvollkommenen Abriss das Lehrbuch der 
schönen Wissenschaften uns auch von den lebensvollen Vor- 
trägen des Dichters darbietet, der von sich selbst versicherte, 
dass er das beste in [seinem Leben gesagt und nicht ge- 
schrieben habe, so gibt uns doch jene dürftige Skizze eine 
ungeföhre Vorstellung von der Mannigfaltigkeit der Anregung, 
welche Schubart seinen Augsburger Zuhörern gewährt haben 
mochte. 

Einen sehr viel weiteren Wirkungskreis erlangte Schubart 
durch die Herausgabe seiner „deutschen Chronik". Einige 
Worte zur Würdigung der litterarischen und culturhistorischen 
Bedeutung dieser verdienstvollsten Leistung Schubarts mögen 
weiter unten folgen. Hier sei nur auf die verschiedenartigen 
Hemmnisse und Angriffe hingewiesen, welche der Dichter zu 
Augsburg in der Ausübung seiner freimüthigen publicistischen 
Thätigkeit erfahren hat. Zunächst wandte sich gegen ihn der 
Brodneid der privilegierten Zeitungs Verleger Augsburgs; die- 
selben beschwerten sich über Eingriff in ihre Rechte, und 
Schubart war nach wenigen Wochen genöthigt, die Chronik 
in Ulm drucken zu lassen.* 



* Nach dem Raths-Decretenbuch vom Apr. 1774 (im Angab. Stadt- 
Archiv) osd einem Briefe Schnbarts an seine Frau bei Preesel, Schnbart 



364 Wohlwül, Ch. F. D. Schubart. 

Bedenklicher war, dass er durch verschiedene Auslassun- 
gen den religiösen Fanatismus gegen sich rege machte. Er 
selbst hat sich darüber in seiner Lebensbeschreibung (Ges. 
Schriften I. S. 244 flf.) folgendermassen geäussert: „Ich beging 
gleich Anfangs die Unvorsichtigkeit (eine Furie, die mich immer 
geisselte) den gefallenen Jesuiter -Orden anzugreifen, der nichts 
weniger als todt, sondern nur ein gefallener Riese war, der 
alles, was sich ihm zu dreist näherte, mit der Faust nieder- 
riss und nicht selten in freier Luft zermalmte. Ein Stein zu 
meinem Kerkergewölbe! — Gleich darauf mischte ich mich 
in Gassners Sache; der zweite Stein zu meinem Eerker- 
gewölbel" — 

Den auch an einer anderen Stelle der Selbstbiographie 
(a. a. 0. S. 295) angedeuteten Zusammenhang des Zorns der 
Jesuiten imd der Anhänger Gttssners wider Schubart mit der 
nachmaligen Gefangenschaft desselben im einzelnen nachzu- 
weisen, wird nicht leicht möglich sein. Dagegen ist es aus 
mannigfachen Gründen höchst wahrscheinlich, dass der erbitterte 
Groll jener Widersacher zu seiner Vertreibung aus Augsburg in er- 
heblicher Weise beigetragen hat. Der von Schubart selbst citierte 
Artikel (a. a. 0. S. 244 flP.), welcher ihm^ach deiner Angabe von 
den Jesuiten besonders verübelt wurde, ist freilich erst in Ulm 
entstanden. Doch finden sich auch unter den unzweifelhaft in 
Augsburg geschriebenen Theilen der Chronik zahlreiche Stel- 
len, welche bei Mitgliedern und Anhängern des Ordens Aerger- 
niss zu erregen geeignet waren. Die Verdienste von Cle- 
mens XIV. wurden wiederholt in enthusiastischer Weise ge- 
priesen, imd bereits am 28. April 1774 ward der Umsturz des 
Jesuitenordens unter diejenigen Ereignisse seiner Regierung 
gezählt, welche „in der Eirchengeschichte eine sehr rühmliche 
Epoche machen und einen Glanz auf den Charakter Clemens XI V. 
werfen, in dem noch wenige Päbste gestrahlt haben." In 
einem Artikel über Portugal vom 24. October desselben Jahres 
hiess es, dass durch die Vertreibung der Jesuiten eine heil- 
same Verbesserung im Erziehungswesen veranlasst worden sei. 



in Ulm S. 15. Die erste Numer der Chronik war am 31. März 1774 er- 
schienen, bereits am 2. Mai finden wir Ulm als Dnickort angegeben. 



Wohlwill, Ch. F. D. Schubart. 365 

Am 27. October (im 61. Stück) Hess sich Schubart mit unver- 
kennbarem Spott über die Prophezeiungen eines „ekstatischen 
Müssiggangers'^ aus, welche besagten^ „dass alle Verfolger der 
Jesuiten noch dieses Jahr sterben und 1775 der Jesuitcr- 
Orden, dieser Atlas für die Kirche wieder aufleben, seinen 
Glanz in der ganzen Welt verbreiten und bis ans Ende der 
Tage dauern werde.'^ Zum Schluss des Abschnittes erlaubte sich 
der Chronist überdies noch anzumerken, dass die Paedagogik 
das schlechteste Verdienst der Jesuiten sei. Wenn man sich 
vergegenwärtigt, dass der Orden auch zu jener Zeit noch in dem 
paritätischen Augsburg einen bedeutsamen Einfluss ausübte, 
und dass daselbst die Bekanntmachung der Aufhebungs-Bulle 
bis zum Jahre 1776 verzögert wurde*, so begreift man, dass 
die erwähnten Auslassungen der deutschen Chronik ausreichend 
waren, um ein obrigkeitliches einschreiten hervorzurufen. Zeug- 
niss davon gibt eine Notiz aus den Protokollen des Geheimen 
Raths im Augsburger Archiv, welche folgendermassen lautet: 

Nachdem der Professor Schubart in dem 61. Stück seiner 
deutschen Chronik sich auf eine ärgerliche Art [über] die Ab- 
schaffung des Jessuiter Ordens herausgelassen, als wird beyden 
Herren Amts Burgermeistern aufgetragen, denselben vorzufor- 
dem, ihm seine Ungebühr ernstlich zu verweisen, und aufzu- 
tragen, gebührend zu widerrufen. 

Decretum in senatu secreto extraordinario. 

Den 2*««^ Novembris 1772.** 

Es scheint, dass Schubart eine befriedigende Erklärung gab. 
Darüber belehrt uns ein Protokoll vom 15. November 1774: 

Actum, Dienstags den 15. Nov. 1774. 
Der beeden Herren Amts Bürgermeistern gehorsame Be- 
richt auf das Hochvenerir: Decr: Sen: Seen extraord. d: 2. 
currentis die dem Professor Schubart beschehene Publication 



* Vgl. Placidus Braun, Geschichte der Bischöfe von Augsburg IV. 
(Augsb. 1816) S. 566 ff. Die Aufhebungs- Bulle wurde erst am 20. Mai 
1776 verkündet) nachdem der Kurfürst von Bayern die von ihm in Be- 
schlag genommenen Güter des Collegiums zurückgegeben und dem ka- 
tholischen Mag^trat Augsburgs als Schulfonds überlassen hatte. 

*♦ Unzweifelhaft verschrieben für 1774. 



366 WohlwiU, Ch. F. I). Schubart 

* 

belobten Decreti, und dessen hierüber abgegebene Erklärung 

betr: beruht ob sich. 

Wenigfe Wochen später begann Schubarts Fehde mit 
Gassner.* Nicht um eine systematische Widerlegung und 
Bekämpfung von Gassners Theorie und Praxis, wie sie von 
dem hochverdienten Theatiner Sterzinger geübt wurde, war 
es dem Chronisten zu thun, sondern er begnügte sich, durch 
Spott und Ironie seinen Unmuth über den aufs neue eingeris- 
senen Aberglauben und seine Beförderer zu äussern. 

Am 12. December 1774 erschien der vielberufene Artikel, 
der mit den Worten begann: „Der Pfarrer zu Klösterle Gass- 
ner fahrt fort den dummen Schwabenpöbel zu blenden. Er 
heilt Hocker, Kröpfe, Epilepsien — nicht durch Arzneien; son- 
dern bloss durchs Auflegen seiner hohepriesterlichen Hand.^ 

Die erste Entgegnung fanden diese Bemerkungen in der 
Schrift: „Joseph Gassners, Pfarrers zu Clösterl, Antwort auf 
die Anmerkungen, welche in dem Münchnerischen Intelligenz- 
blat vom 12. Nov. wider seine Gründe und Weise zu exorci- 
ren, wie auch von der deutschen Chronik, und andern Zeitungs- 
schreibern gemacht worden." Der Nachtrag vom 17. December 
wendet sich in seiner ersten Hälfte speciell gegen Schubart. 
Da heisst es unter anderem: „Die Satire, welche dieser schon 
bekannte Spötter über die priesterliche Handauflegung in 
seinem Wochenstücke gemacht hat, hätte einem Pharisäer und 
Sadducäer auch einfallen, und auf die Apostel gleichfalls an- 
wenden können. Weil dann dieser Mann über 

dergleichen Dinge, die in dem Evangelio so klar gegründet 
sind, seine Spasse treibt, so muss er sichs selbst zuschreiben, 
wenn man ihn nicht den protestantischen Christen; sondern 
den Freygeistei'n beyzählet. Aergerliche Liebesgedichte, Liebs- 
geschichten, und Liebesspiele weis er auf die nachdrücklichste 
Weise anzuempfehlen. Jenes aber, von dem die apostolischen 



* Das reichhaltigste Material zur Eenntniss Gassners findet sich in 
zwanzig Bänden anf ihn bezüglicher Fingschriften in der Münchner 
Hof- und Staatsbibliothek. Vgl. über Gassner femer: Engen Sierke, 
Schwärmer nnd Schwindler zu Ende des achtzehnten Jahrhunderts 
(Leipzig, 1874) S. 222-287. 



Wohlwill, Ch. F. D. Schubart. 367 

Geschichten eiBe ganz klare Meldung machen^ nennet er Possen^ 
Narrheiten u. s. w. Ist diess Christlich? Ich lasse mir ohne 
hin ftr gewiss sagen, dass ihm schon in verschiedenen Orten 
das Consilium abeundi sey gegeben worden. Sey diesem so, 
oder nicht, so wird mich doch niemand verdenken können, 
wenn ich eine Erbärmniss mit jener Gemeinde trage, welche 
einen Religionsspötter in ihrem Schoosse hat. Verächter der 
evangelischen Gründe sind Verächter der Religion, Verächter 
der Religion sind eine Pest in einem Lande. Solche Leute 
müssen auch aufrichtige Protestanten selbst verabscheuen. 
Die es nicht thun, müssen eben so wenig Religion, als Sie, 
mein Herr Schubart! besitzen, und um das Geld eine jede Re- 
ligion, wie Sie, entweder zu verfechten, oder zu bestreiten be- 
reitet seyn."* 

Unschwer erkennt man in diesen Zeilen die Absicht, Schubart 
aus seinem Augsburger Asyl zu verjagen; manches spricht dafür, 
dass dieselben seine Vertreibung mindestens beschleunigt haben. 
Mehrere der zu Gassners Vertheidigung verfassten Flugschriften 
verkündigten balddarauf die Ausweisung Schubarts in triumphie- 
rendem Tone.** Die allgemeine deutsche Bibliothek (Berlin, 



* Zu vergleichen ist auch das vom 23. December 1774 datierte „Send- 
schreiben des Herrn H. R. von «= ss an den Herrn H. R. «» ss, Mit- 
glied der Churbayrischen Akademie in München über einige von dem 
Herrn Gassner, Pfarrer in Elösterle^ während seines Aufenthalts in Ell- 
wangen unternommene Operationen". Dasselbe enthält gleich im Anfang 
liefbige Schmähungen gegen Schnbart. Unter anderem wird gesagt : „Mei- 
nes Erachtens ist der Inhalt dieser blödsinnigen Critik von Menschen 
angezettelt, welche vielleicht auch nnsers Glaubens sind, jedoch von sol- 
chen, die ihres Eigennutzes, dringender Yortheile, eitler Ehre und Ruhm- 
begierde halber sich nicht entblöden, sogar Gott die Ehre abzuläugnen, 
und jenes lächerlich zu machen , was seit geraumer Zeit mit grösstem 
Erstaunen sichtbar geworden/^ 

** In der dem Eigesuiten Zeil er zugeschriebenen Schrifts „die Sym- 
pathie, ein Universalmittel wider alle Teufeleyen, zum Behufe der neuen 
Philosophie und der alten Religion (Sterzingen im Tyrol 1776)" heisst 
es 8.88: „Wir wissen, dass eben seine Kritik dem Chronikschreiber aus 
Augsburg hinausgeholfen hat." In seinem ebenfalls 1775 erschienenen 
Pasquill : „Hannswurst und Schubart" erläuterte der Verfasser der „Sym- 
pathie" jene Stelle freilich so, als ob nach seiner Ansicht der Gesammt- 
charakter der von Schubart in der deutschen Chronik geübten Kritik 



368 WohlwiU, Ch. F. D. Schubaxt. 

1775, 24. Band S. 630) brachte die Notiz: „ein Brief aus 
Oberdeutschland will uns versichern, dass der Verfasser der 
deutschen Chronik wirklich von dem Magistrat aus Augsburg 
vertrieben worden, und zwar auf Veranlassung des zweiten 
ungereimten Werkchens des Herrn Gassners ^', d. h. der oben 
erwähnten „Antwort auf die Anmerkungen etc.". Und wenn 
auch Schubart in der deutschen Chronik vom 9. März 1775 
einem seiner Widersacher gegenüber in Abrede stellt^ dass ihn 
die Gassnersche Angelegenheit aus Augsburg gescheucht habe, 
und er in Bezug auf diese und andere Behauptungen dem- 
selben zuruft: „Sie sind so lange ein öffentlicher Lästerer, bis 
Sie mir es gerichtlich beweisen, was Sie hier mit krauser 
Stime in die Welt hineingeschrieben haben", so veranlassen 
uns seine eigenen in der Selbstbiographie gebotenen Mitihei- 
lungen*, auf jene früheren, in der Leidenschaft der litterari- 
schen Fehde geäusserten Worte kein übergrosses Gewicht zu 
legen. Jesuiten bezeichnet er in seiner Lebensbeschreibung 
als die Urheber der in Augsburg erlittenen Verfolgungen. 
Die Jesuiten aber hatten sich in Süddeutschland der Sache 
Gassners als ihrer eigenen angenommen. Als Verfasser einer 
sehr grossen Zahl von Apologien Gassners werden Mitglieder 
des aufgehobenen Ordens genannt. Unter ihnen war Pater 
Merz, der Domprediger in Augsburg, unzweifelhaft ein er- 
bitterter Feind Schubarts. Eine Reihe der zur Zeit jenes 



die Ursache seiner Verweisung gewesen ; doch war das nur eine Abwehr 
des Artikels, welchen die Chronik am 9. März 1775 gebracht hatte, und 
zugleich eine neue Wendung, um den gehassten Schriftsteller in der 
öffentlichen Meinung herabzusetzen. Aus dem Zusammenhang ergibt 
sich , dass der Verfasser der „Sympathie" mit seinen oben citierten Wor- 
ten speciell die Kritik über Gassner vom Dec. 1774 hatte bezeichnen 
wollen. — Ebenso wird z. B. der Vertreibung Schubarts aus Augsburg 
auf höhnisohe Weise gedacht in der Flugschrift: „Der Entlarfte Lügner 
durch Anmerkungen über Prüfende Anmerkungen zu dem Sendschreiben 
der H. Hr. tou — an H. Hr. etc." S. 7. 

* Ges. Schriften I. 246. Auch in der 1778 in Mannheim erschienenen 
Schrift: „Chr. Fr. D. Schubarts Leben und Karakter von einem Freund 
desselben" liest man S. 16, Schubart habe sich bald wieder aus Augs- 
burg entfernt „wegen einiger verdrüsslichen Vorfälle, die ihm sein Ur- 
theil über die Gassnerischen Wunderkuren zuzog". 



Wohlwill, Ch. P. B. Schubart. 369 

Kampfes erschieneneu Schriften, und zwar solcher, in denen 
es nicht an heftigen Ausfallen gegen den Verfasser der Chro- 
nik fehlt*, werden ihm zugeschrieben. Insbesondere wird jene 
angeblich vom Pfarrer Gassner selbst stammende „Antwort 
auf die Anmerkungen etc.", von der schon die im Jahre 1776 
erschienene „Zauberbibliothek"** bemerkt, dass sie schwerlich 
von Gassner selbst herrühre, durch eine handschriftliche Notiz 
auf dem Exemplar der Münchner Hof- und Staatsbibliothek 
als ein Werk des Pater Merz bezeichnet. 

Es ist kaum anzunehmen, dass derselbe nicht auch ab- 
gesehen von jenem Artikel seinen Einfluss aufgeboten haben 
sollte, um wider Schubart Argwohn und Fanatismus der Re- 
gierung und der Yolksmasse Augsburgs zu entzünden. Der 
^Magistrat dieser Stadt hatte eine schwierige Stellung. Die in 
jenen Tagen verübten Excesse der Jesuitenzöglinge missbilligte 
er aufs entschiedenste.*** Andrerseits scheint es, dass er in 
einer Zeit der erregten öffentlichen Meinung es für geboten 
hielt, auch gegen Schubart als einen Störer des confessionellen 
Friedens energisch vorzugehen. Schubart berichtet in seiner 
Selbstbiographie (Ges. Schriften I. S. 248) ausföhrlicher von 
seiner Verhaftung und Gefangensetzung, in Bezug auf welche 
Vorgänge bisher keine Actenstücke aufgefunden worden sind. 
Weiter erzählt der Dichter, dass die protestantische Partei in 
Augsburg sich der an ihm verübten Vergewaltigung wider- 
setzt und seine Befreiung herbeigeführt habe. Unmittelbar 
darauf aber wurde ihm angekündigt, dass er die Stadt sogleich 
verlassen müsse. Ein solcher Ausweisungsbefehl, gegen einen 
heimatlosen Litteraten gerichtet, bedurfte keiner weiteren for- 
mellen Begründung. Bereits im Herbste des Jahres 1774, als 
der Notar Georg Wilhelm Zapf um die Erlaubniss nachgesucht, 
Schubart in seine Wohnung aufnehmen zu dürfen, und in Folge 
dessen die Amtsbürgermeister den Auftrag erhalten hatten, 



* Vgl. unter anderem die Flugschrift: ,,Der nach aller Möglichkeit 
entschuldigte Herr P. Don Ferdinand Sterzinger in Betreff der aufgedeck- 
ten gassnerischen Wunderkuren 1776", S. 33, 43, 73 ff. 

**. (Zapf;, Zauberbibliothek S. 28 und 29 Anmerkung. 
*** Dies ergibt sich aus dem Eaths-Decreteubuch im Augsburger 
Stadt-Archiv vom Jahre 1776. 



370 Wohlwill, Ch. F. D. Schiibart. 

^über des Professor Schubarts Bezeugen und Lebensart Kund- 
schaft einzuziehen und den Beftind zu berichten ^^ war dem 
Dichter der Aufenthalt in Augsburg ^zwar bis zu Ende des 
Jahres bewilliget, dergestalt jedoch, dass er innerhalb dieser 
Zeit seine Passiva gänzlichen, berichtigen, und nach Yerfluss 
des Jahres anderwärts seinen Aufenthalt nehmen solle'^* Es 
ist kein Material vorhanden, um festzustellen, ob schon auf 
diesen Beschluss — abgesehen von den ungünstigen Gerüchten, 
die sich über Schubart« Lebenswandel und seine oekonomischen 
Verhältnisse verbreitet haben mochten — auch politische und 
religiöse Motive eingewirkt haben. Dass die thatsächlich er- 
folgte Ausweisung in wesentlichem Zusammenhang stand mit 
den Feindseligkeiten, welche sich der Autor durch seine publi-^ 
cistische Wirksamkeit zugezogen, dürfte nach allen uns über- 
lieferten Zeugnissen nicht zu bezweifeln sein, obwol Schubart 
selbst auf sein befragen nach der Ursache des wider ihn ge- 
richteten Verfahrens keinerlei Auskunft erhalten hat.** 

Bei dem fehlen von Documenten und Briefen Schubarts 
aus jener Zeit ist auch eine genaue chronologische Feststel- 
lung der erwähnten Vorgänge nicht möglich. Einen gewissen 
Anhalt bietet die letzte Numer des ersten Jahrgangs der deut- 
schen Chronik (vom 29. Dec. 1774). Hier heisst es: „Näch- 
stens wird ein Register nebst den noch restirenden Beylagen 
zur deutschen Chronik ausgegeben werden. Weder ich, noch 
mein Verleger, sondern Umstände, die niemand träumen sollte, 
haben's bisher verhindert. Bald werd' ich das Vergnügen 
haben, trauter Leser, in freyerer Lufft mit dir zu sprechen!*' 
Diese Bemerkung deutet bereits auf die beabsichtigte Ueber- 



* Raths - Decretenbach vom 10. und 13. September und vom 11. 
October 1774 (im Augsburger Stadt- Archiv). 

*'^ In der Schmähschrift: Hannswurst und Schubart (S. 39) 
findet man, ein Augsburger Freund des Dichters, der um ein auf Schubarts 
Ausweisung bezügliches Document angehalten, habe den mündlichen Be> 
scheid empfajigen: „Man hätte hierinn&Us kein Formular, nach dem 
man sich richten kOnnte. Schubart mOchte dann zum Gefallen den 
schriftlichen Abschied von Stuttgart und München vorweisen, dass sich 
Augsburg nach diesen Vorschriften regnliren möchte.** 



Wohlwill, Ch. F. D. Schubart. 37 1 

siedelung nach Ulm, welche im Anfange des Jahres 1775 er- 
folgt ist.* 

III. 

Schubart in Ulm. 

Mit Recht bezeichnet Strauss den Ulm er Aufenthalt als 
den Zeitraum, in welchen der Höhepunct von Schubarts sitt- 
licher und schriftstellerischer Entwicklung fiel,** Die Re- 
gierung einer protestantischen Reichsstadt gewährte ihm zwei 
Jahre lang Schutz gegen die Nachstellungen, welche ihm seine 
Widersacher zu bereiten suchten; und er war hier in der 
glücklichen Lage, die zahlreichen gegen ihn gerichteten Schmäh- 
schriften vorzugsweise von der humoristischen Seite auffassen 
und in seiner Chronik dem lachenden Publicum preisgeben zu 
können *** Die Herstellung des Einvernehmens mit den sei- 
nigen, der Verkehr mit einem Freunde wie Miller, der, wenn 
auch von anders geartetem Charakter, doch ihm in so vieler 
Hinsicht gleich gesinnt und gleich gestimmt waiy die Freude an 
der landschaftlichen Schönheit der Donauufer f, die Anregung, 



* In der Selbstbiographie fehlt jede genauere Angabe. In ,,Chr. Fr. 
D. Schubarts Leben und Karakter von einem Freunde desselben" wird 
nur S. 17 berichtet, dass Schubart im Jahre 1776 nach Ulm übergesie- 
delt sei. Die von ihm selbst geschriebene Vorrede zu dem „Kurzgefass- 
ten Lehrbuch der schönen Wissenschaften'^ ist „Augsburg, im Jeuner 
1775'* datiert. Schon am 2. Februar des Jahres aber brachte das Ul- 
roische Wochenblatt unter dem neuen Titel : „Intelligenzblatt'' den ersten 
Artikel von Schubart. Es ist daher anzunehmen, dass er Augsburg im 
Laufe des Januars 177& verlassen hat. 

** Vgl. auch Schubart in Ulm. Ein Vortrag von Dr. Fr. Pressel. 
Uhu 1861. 

*** Vgl z. B. die deutsche Chronik vom 16. Februar, 9. März und 
10. April 1775, vom 8. Januar 1776. 

t Von Schubarts Vorliebe für die landschaftliche Umgebung Ulms, 
welche er von der Höhe des Münsters zu überschauen oder mit seinem 
Freimde Miller dichterisch schwärmend zu durchstreifen liebte, zeugen 
mehrere Stellen in der Selbstbiographie (Ges. Schriften 1. 132 u. 276 ff.). 
Charakteristisch ist auch die folgende Wendung in einem Empfehlungs- 
brief, welchen Schubart vom Asperg aus (am 5. Sept. 1785) an Miller 
richtete: „Führ ihn (den empfohlenen) aufs stattliche Münster und zeig 



372 Wohlwill, Ch- P, D. Schubart. 

welche das wenigstens zeitweilig reich belebte treiben der 
schwäbischen Kreishauptstadt darbot^ der sichtliche Erfolg 
seines bedeutendsten litterarischeu Unternehmens: alles das 
trug dazu bei, Frieden und Freudigkeit seinem inneren zu ge- 
währen und ihn zu rührigem schaffen zu ermuthigen. 

In keiner anderen Periode hat Schubart seine Gaben so 
vielseitig bethätigt. Freilich dürften einige seiner damaligen 
Publicationen ausschliesslich auf den buchhändlerischen Auf- 
trag zurückzufuhren sein, doch auch in solchen bekundet sich 
die geistige Eigenart des Dichters und das bestreben desselben, 
sein Talent nur den besseren Tendenzen des Zeitalters dienst- 
bar zu machen. So theilte er z. B. auch seiner „Neuesten 
Geschichte der Welt auf das Jahr 1775", der Fortsetzung 
eines Werks des Vielschreibers Chr. H. Korn, etwas von dem 
Schwung und dem politischen Enthusiasmus der deutschen 
Chronik mit. Das gleiche gilt von den rasch hingeworfenen 
Skizzen über Clemens XIV. und Ick statt.* Ja selbst da, 
wo Schubart sich begnügte, die Werke anderer durch Vor- 
reden einzulei&n, verleugnet sich nicht das charakteristische 
seiner Persönlichkeit und seiner Gesinnungen. Beide treten 
uns ebenso achtungswerth wie liebenswürdig entgegen in der 
Art, mit welcher Schubart bald die hinterlassene Schrift eines 
Theologen: „Der wahre Priester", in welcher das Idealbild eines 

ihm da Gottes weite Welt im Ulmer Thal so schön abstralend, als in 
Vanclnsens Thalen, wo Petrarka schlummert" (Aus der Autographen- 
Sammlung des Herrn Director von Halm.) 

* Leben des Frejherrn von Ikstadt Churfürstl. Bairischen Gehelmden 
Raths von Magister Schubart Ulm 1776. Auf die Mängel dieser durch 
frische und enthusiastische Schreibweise anziehenden Biographie hat be- 
reits A. Eluckhohn (der Freiherr von Ickstatt und das Unterrichts- 
wesen in Bayern unter dem Churfürsten Maximilian Joseph S. 31 ff) 
hingewiesen. Als ein Beweis für die Eilfertigkeit, mit welcher Schubart 
derartige Werke verfasste, möge hier noch angeführt werden, dass er 
S. 71 ff. Ickstatts politischen Standpunct — wie es scheint, ohne die 
betreffenden Schriften seines Helden zu kennen — halbwegs in Schutz 
nimmt, während er sich — vermuthlich inzwischen eines anderen be- 
lehrt — in den Anmerkungen S. 114 — 119 im entgegengesetzten Sinne 
ausspricht und es ganz natürlich findet, „dass solche Gesinnungen ihm 
öffentliche und heimliche Feinde unter einem Volke machen mussten, 
das sein Freyheitsgefühl bey weitem noch nicht ganz verloren hat^S 



Wohlwill, Ch. F. D. Schübart. S?3 

allseitig gebildeten und zugleich werkthatigen evangelischen 
Geistlichen aufgestellt wird, bald das dramatische Erstlings- 
werk eines jung^ Dichters: „Der Aufruhr der Pisaner" mit 
warmen, empfehlenden Worten beim lesenden Publicum ein- 
führte. 

Ein besonderes Verdienst erwarb sich Schubart durch 
sein eifriges bemühen^ auf das gesammte sociale, litterarische 
und künstlerische Leben Ulms in anregender Weise einzuwirken. 
In letzterer Hinsicht ist, abgesehen yon seinen musicalischen 
Vorführungen, der lebhaften Theilnahme zu gedenken, welche 
er dem gedeihen der dramatischen Kunst zuwandte. Sein 
sehnlichster Wunsch gieng dahin, dass die wälschen Triller- 
schläger und luftigen Franzosen auf der deutschen Bühne 
durch heimische Schauspieler ersetzt, und dass von solchen 
die Dramen eines Klopstock, Goethe, Lenz, Lessing, 
Leisewitz etc. dargestellt werden möchten. Diesen Gesin- 
nungen gab er u. a. in den Gelegenheitsgedichten Ausdruck, 
welche er für die in den Jahren 1775 und 1776 in Ulm an- 
wesenden Schauspielergesellschaften verfertigte.* 

Unmittelbar nach seiner üebersiedelung in die schwäbische 
Donaustadt hatte auch seine Betheiligung an dem ,, Ulmischen 
Intelligenzblatt" begonnen, in welchem fortan die trockenen 
Notizen über gestohlene und gefundene Sachen, Fruchtpreise 
und Fleischtaxen „mit moralischen und poetischen Guirlanden" 
verziert werden sollten. Schubarts Beiträge waren anfangs 
sehr zahlreich. Namentlich Hess er sich in einer Reihe von 
Artikeln über den Werth einer ungezwungenen, gehaltvollen, 
anregenden Geselligkeit aus. Da heisst es z.B. am 9. Febr. 1775: 

„Wenn ich eine ganze lange Tafel voll Leute erblicke, die 
alle mit gravitätischer Steifigkeit auf ihren Stühlen sitzen. 



* Für die im Sommer 1776 in Ulm auftretende Bernersche Schau- 
äpielergesellschaft dichtete Schubart einen Epilog (vgl. Deutsche Chronik 
vom 6. Juli 1775), für die Reinhardsche Truppe, welche im Sommer 
1776 während der Dauer der Kreisversammlung und der Schwörtags- 
festlichkeiten in Ulm weilte, einen (von Demoiselle Reichard vorgetragenen) 
Prolog zur Emilia Galotti (vgl. Deutsche Chronik vom 4. Juli 1776) 
und aller Wahrscheinlichkeit nach auch das Vorspiel: „Thalias 
Opfer". 

AkGHIV f. LiTT.-OSBCH. VI. 2Ö 



374 Wohlwill, Ch. F. D. Schubart. 

fürchterlich stumm; wie Marmor um Gräber; die, wenn sie 
auch sprechen; mit furchtsamer Mine, als waren sie Frevler, 
ihren Nachbarn narkotisches Zeug zuflüstern:. dann klopft mein 
menschenfreundliches Herz, imd ich seufze drüber,- dass die 
Menschen den Werth der Stunden und den trostenden Umgang 
mit Menschen nicht besser zu benutzen wissen. Geselligkeit, 
sanfte Gesprächigkeit, liebliche Freundlichkeit, die, wie Morgen- 
roth auf allen Gesichtern glänzt, lachender Wiz, der die Er- 
zählungen ausm gemeinen Leben mit dem anmuthigsten Colorit 
vorzutragen weiss, und endlich das Wölkchen Laune, das auf der 
Stime dämmert: ja, göttlicher Plato, diss macht die Gesellschaften 
zum Elysium und die Gesellschafter zu Engeln^ u. s. w. 

Dem altfränkischen, ceremoniösen Wesen der Reichsstädter 
gegenüber erscheint Schubart auch in gesellschaftlicher Be- 
ziehung als der Stürmer und Dränger. Er geisselt die Steif- 
heit im Gange, in den Gebärden und Reden, den Schweif von 
Complimenten imd Titulaturen, die als Höflichkeit ausgegeben 
werden, endlich die Formalitäten des Gesundheit trinkens, bei 
welchem Standesgebühr und Rangordnung aufs genaueste be- 
obachtet werden mussten. 

Abgesehen von solchen der Kritik des geselligen Lebens 
gewidmeten Abschnitten erregt unter den prosaischen Auf- 
sätzen des Intelligenzblattes der oben erwähnte „Beitrag 
zur Geschichte des menschlichen Herzens^ imsere Auf- 
merksamkeit.* 

Schubart motiviert seine erneute Bearbeitung der im 
schwäbischen Magazin abgedruckten Erzählung' durch die Be- 
merkung, dass er bei jener weder Müsse noch Gelegenheit 
gehabt, die letzte Hand anzulegen, ^s seine Absicht be- 
zeichnet er es auch hier, das irrige der Auffassung zu er- 
weisen, dass sich in Deutschland gar kein Stoff zu interessanten 
Anekdoten finde, ähnlich denen, welche in den Wochenblättern 
der Ausländer, vorzüglich der Engländer und Franzosen, mit- 
getheilt würden. „Unsere Zeitungen sind so leer von teutschen 
Anekdoten, dass man glauben sollte, wir Teutsche könnten 
nichts, als essen und trinken, im Lehnstuhl verdauen, uns 



* übnisches Intelligenzblatt von 1776, 10—16. Stück. 



WohlwÜl, Ch. F. D. Schubai-t. 375 

zwischen Wachen und Schlaf fortpflanzen^ die Ochsenstime zum 
Jochkissen herleihen, gähnen und schlummern. Aber, dem 
Vater Teut seys gedankt! wir Teutsche vegetiren nicht 
bloss, wie jüngst ein franzosisch Lufkvögelein träumte, wir 
leben. Thu nur die Augen auf, Philosoph, schau frisch und 
forschend um dich her, wirst Charaktere genug' bemerken, die 
von einem Cervantes, Richardson, Fielding, Voltaire, Amaud, 
oder — was brauchts fremden Plunders? von unserm Wieland, 
Hermes, Nikolai, Mad. la Roche, Schmit, und dem Goldmann 
Göthe bearbeitet zu werden verdienten." 

Die grossere Breite, in der Anlage der Erzählung tritt 
bereits im ersten Capitel hervor. Wilhelm und Carl werden 
als Halbbrüder eingeführt, und der Gegensatz ihrer Charaktere 
erscheint schon in der Verschiedenheit ihrer Mütter vorgebildet. 
In ausführlicher Weise wird die Jugendentwickelung beider 
dargestellt. Bei Carl zeigen sich frühzeitig alle Merkmale des 
sich entfaltenden Kraftgenies. Er wohnte den Lehrstunden des 
Pastors mit äusserstem Widerwillen bei und hatte sogar die 
Verwegenheit, über seinen Lehrer zu spotten, als er ihm in 
der Karwoche das Lied: „0 Mensch bewein dein' Sünde 
gross" etc. aufgab. Dagegen waren der Kutscher und der 
Jäger des Vaters seine vertrauten. Er setzte sich auf die 
wildesten Pferde, und im ganzen Porst war kein Baum, kein 
Busch, kein Bügel, den er nicht kannte, — selten that er, 
wenn er auf dem Anstände war, einen Fehlschuss. Er war 
rasch, feurig, setzte über Hecken und Zäune und verstand sich 
so vortrefflich auf Faustschläge, dass er zu den Zeiten der 
Götze und Sickingen für einen jeden streitbaren Ritter eineD 
trefflichen Buben abgegeben hätte. Während Wilhelm, dem 
Wunsche seines orthodoxen Lehrers entsprechend, schon im 
zehnten Jahre das ganze Gesangbuch auswendig wusste, über 
tausend Sprüche und alle Psalmen im Kopfe hatte, erfreute 
sich Carl der Belehrung eines benachbarten Pfarrvicars, der 
als Student in Halle bei Semler gehört hatte, Spalding imd 
Jerusalem lobte und sogar beschuldigt wurde, ein Mitarbeiter 
der Allgemeinen deutschen Bibliothek zu sein. Derselbe übte 
auf die Gesinnungen des Knaben einen massgebenden Einfluss, 
unterrichtete ihn in den Wissenschaften und machte ihn 

25* 



376 WohlwiU, Ch. F. D. Schubart. 

mit den yerschiedensten Zweigen der schönen Litteratur 
vertraut. 

Auch auf dem Gymnasium in Coburg war Wilhelm das 
entzücken seiner Lehrer, während Carls ungestümer Geist die 
Fesseln der Schule unerträglich fand. Er befolgte deswegen 
in seinen Studien wie in seinen Ergetzlichkeiten einen selb- 
ständigen Plan. Dabei entwickelte sich freilich der schou 
früher hervorgetretene Hang zu leichtfertiger Lebensweise. 
Der Gegensatz zwischen beiden verschärfte sich auf der Uni- 
versität. Wilhelm erscheint als voUeüdeter Frömmler und 
Duckmäuser, der sich mit seinem Hofmeister verbündet, um 
seinen „irdisch gesinnten" Bruder beim Vater zu verklagen. 
Id der Charakteristik Carls treten in dieser Bearbeitung der 
jugendliche Muthwille und Hang zur Liederlichkeit hinter 
seinem gebaren als litterarischer Neuerer zurück. „Ganz Leipzig 
nennt ihn einen Freigeist — heisst es — , weil er die abscheu- 
lichen Gedanken äusserte: Geliert wäre nur ein rectificirter 
Gottsched, Wieland verkaufe den Deutschen Tomback für 
Gold, Elopstock sei der Mann unserer Nation, die Sachsen 
seien Deutschfranzosen, und die komischen Operetten verdürben 
den Geschmack.^' Es ist bezeichnend, dass das Duell mit tödt- 
lichem Ausgang in dieser Fassung der Schubartschen Erzäh- 
lung durch die Angabe motiviert wird, dass Carls Gegner sehr 
ernsthaft behauptet hatte, Weissens komische Opern wären 
dem Theater der Griechen, dem Shakespeare und Lessings 
sämmtlichen Schauspielen weit vorzuziehen. 

Um der drohenden Strafe zu entgehen, und zugleich ver- 
anlasst durch einen Brief seines Vaters, der ihm in herben 
Worten die Entziehung seiner Unterstützung angekündigt hatte, 
entschloss sich Carl, ein preussischer Soldat zu werden. Er 
kam unter die grünen Husaren. Sein Muth und seine Geistes- 
gaben erwarben ihm allgemeine Anerkennung in seinem Regi- 
ment. Eines Tages fand er Gelegenheit, sich bei der Ver- 
ji^ung österreichischer Reiterei von einem Landedelsitz im 
Erzgebirge hervorzuthun. Während des Kampfes, erhielt er 
selbst eine erhebliche Verletzung, welche ihn veranlasste, auf 
jenem Edelhof zu übernachten und seiner Wunde zu pflegen. 

Am andern Morgen erschien das Fräulein des Hauses vor 



Wohlwill, Ch. F. D. Schubart. 377 

seinem Lager, um unter einem Strom von Thränen ihm zu 
danken, dass er das Leben ihres Vaters und ihre eigene Un- 
schuld gerettet habe. „Carl und Leonore (so liest man gegen 
Ende des Capitels), diese zwey liebenswürdige Seelen, die ein- 
ander auf den Flügeln der Sympathie zu begegnen schienen, 
stimmten bald den Ton der Freundschaft zur Vertraulichkeit, 
und diesen zur Lieb' hinauf. Wie der sanfte, melancholische 
Glaston der Harmonika, und wie der noch sanftere, noch zärt- 
lichere Flötenton der Melodika; so harmonierte das Spiel dieser 
zwey jugendlichen Herzen. Himmel und Erde schwanden nun 
vor Carl, und er schien wie die verklärten Seelen bloss vom 
Anschauen der Schönheit und Vollkommenheit zu leben. Die 
Liebe heilte seine Wunde, und er schwamm in diesem glück- 
lichen Aufenthalt in- einem Uebermaase von Wonne." 

Es scheint, dass der Dichter hier einen Anlauf nehmen 
wollte, seiner Erzählung ein mehr romanhaftes Interesse zu 
verleihen. Aber es ist bei dem Anlauf geblieben, wie es denn 
Schubart, überhaupt für die planmässige Ausführung eines 
epischen Entwurfs, sei es in Versen, sei es in Prosa, sowol 
an Talent wie in der Regel auch an Ausdauer gefehlt hat. 
Das Capitel schliesst mit den Worten: „Der Vater segnete ihn 
als seinen Retter, und Leonore belohnte ihn mit ihrer Liebe. 

* 

Aber nun rief ihn Pflicht und Ehre wieder ins Feld.*^ — Die 
versprochene Fortsetzung ist weder in der folgenden noch in 
irgend einer späteren Numer des Blattes erschienen. 

IV. 
Zur Charakteristik der deutschen Chronik.* 

In Schubarts deutscher Chronik (vom 20. Juli 1775) findet 
sich bei Gelegenheit einer Besprechung des zweiten Theils von 
Nicolais Sebaldus Nothanker die folgende Aeusserung: „Die 

* Eine vollständige Ausbeutung sämmtlicher Bände der Schubartschen 
Chronik im Interesse der Gultur- und Litteratnrgeschichte darf als ein 
überaus dankbares Thema bezeichnet werden. Die im folgenden ge- 
botene Skizze will einer solchen nicht vorgreifen, sondern bezweckt nur, 
im Anschluss an eine Würdigung von Schubarts publicistischer Thätig- 
keit denselben als Stürmer und Dränger auch auf politischem Gebiete 
zu charakterisieren. Demgemäss sind vorzugsweise die Jahrgänge der 



\ 

\ 



\ 

37« Wohlwxii, Ck. F. D. Sckul>^ ^ 

Ruhe des philoeophiachen Geacbicbtschreihers Mit immer limger 
an, ab der Sturm, unter dem das eigentliche Geuie schreiU, 
Lass einen Feuerkopf abgekflW*^ seyn, er wird dir das scblecWeste 
Zeug 'rausschwatzen; heias aber schreibt er, wie 'n Engel. 
Daher k5uunt die erstounungswürdige Ungleichheit in den Pro- 
dukten des Genies. Der philosophische Kopf aber ist immer 
heiter und ruhig; die Gedanken gleiten auf seiner Seele so 
sauft ^ wie ein Nachen auf der Donau im schönsten Sommer- 
tage, Freylich scheitert er im Sturme." Es bleibe hier un- 
erortert^ wie weit die Charakteristik Nicolais als eines philo- 
sophischen Kopfes u. s. w. für zutreffend gelten darf*, uu- \ 
ftweifelhaft richtig hat Schubart, indem er der Darstellungsart 
des letzteren die eines genialen Feuerkopfes gegenüberstellt^ \ 
seine eigne Schreibweise, wie sie uns . namentlich in der \ 
deutschen Chronik entgegentritt, gekennzeichnet. Vielfach 
finden sich in derselben Abschnitte, die durch die Alltäglich- 
keit ihres Inhalts und die Plattheit ihres Stils an die aller- 
untergeordnetsten Zeitungsschreiber des vorigen Jahrhunderts 
eriimem; andere Partien wiederum gehören zu dem anziehend- 
sten und werthy ollsten, was die periodische Presse jener Zeit 
überhaupt hervorgebracht hat. Die Bestandtheile der ersteren 
Art haben wir deshalb bei einer Würdigung der journalistischen 
Verdienste Schubarts auszuscheiden und nur diejenigen in Be- 
tracht zu ziehen, bei denen wir es thatsächlich mit Schubarts 
Genie und nicht nur mit seiner Feder zu thun haben. 

Wie Schubart als Dichter ato schwungvollsten erscheint, 
wo seinem Liede politische und patriotische Motive zu Grunde 
liegen, so zeigt er als publicistischer Schriftsteller sich auf 
dem Hohepunct seiner Beföhigung, sobald der darzustellende 
Gegenstand der Tagesgeschichte seine poetische Empfindung 
angeregt hat. Der stets aufs neue hervorbrechende dichterische 
•Geist des Verfassers, der freilich den Werth der Chronik als 
einer Geschichtsquelle für unsere und spätere Tage verringert, 
erhöhte unzweifelhaft in der Zeit des erscheinens ihre Bedeu- 
tung auf das* erheblichste. Denn gerade wegen jener Bei- 
deutschen Chronik von 1774 bis Januar 1777 in Betracht gezog^en 
worden, die nach der Gefangenschaft geschriebenen Bände der Chronik 
nur da, wo dies ausdrücklich bemerkt ist. ' 



WohlwiU, Ch. F. D. Schubart. 379 

mischung des poetischen Elements war die Schubartsche Zeit- 
schrift vorzüglich dazu geeignet, in einer Generation, bei welcher 
die litterarische Bildung der politischen vorausgeeilt war, den 
Sinn für öffentliches Leben zu wecken und rege zu erhalten. 

Schubart begnügt sich in der Regel nicht, die Vorgänge 
der Zeit; sei es in kurzen abgerissenen Notizen, sei es in aus- 
führlicher Erzählung, mitzutheilen oder eine politische Tages- 
frage in nüchterner, sachgemässer Weise zu erörtern, sondern, 
sobald die Ereignisse ihn selbst zu Freude oder Schmerz ge- 
stimmt haben, je nachdem er von edeln Unternehmungen 
grosser Männer, der Erhebung freiheitsbegeisterter Völker, den 
Errungenschaften der fortschreitenden Cultur oder andrerseits 
von einer schreienden Verletzung der Humanität, von den 
Leiden und Bedrängnissen unterdrückter Nationen redet, sucht 
er die eigenen Empfindungen auch in dem Gemüth seiner 
Leser zu entzünden. Bald fügt er einer historischen Notiz 
nur ein kurzes Wort des Jubels oder der Entrüstung, gleich- 
sam als eine nachdrucksvollere Interjection hinzu, bald legt er 
in schwungvoller Rhetorik seine Ansichten ausführlicher dar. 
Mit dem von ihm behandelten Gegenstande zugleich in seiner 
Darstellung wechselnd, belehrend und aufklärend, schalkhaft 
scherzend oder satirisch geisselnd, zürnend und klagend 
oder voll jauchzender Begeisterung, weiss er alle Saiten des 
menschlichen Herzens anklingen zu lassen. Mitunter geht die 
Prosa wie von selbst in gebundene Rede über, und lyrische 
Ergüäse unterbrechen die Erzählung der politischen Ereignisse; 
wiederholt stellt Schubart seine politischen und insbesondere 
seine patriotischen Ideen und Hoffnungen- in der Form von 
Phantasie vollen Träumen und Visionen dar; und einigemal 
nimmt die Darstellung geradezu einen dramatischen Charakter 
an, insofern lebende oder auch der geschichtlichen Vorzeit 
angehörige Helden, Staatsmänner u. s. w. oder auch wol erfun- 
dene Personen als Repraesentanten verschiedener Bestrebungen, 
Ansichten und Parteien mit einander disputierend vorgeführt 
werden. 

In der angedeuteten Ungebundenheit der Form, bei wel- 
cher die geniale Laune des Autors als einzige Regel gilt, eben- 
so wie in dem namentlich in den ersten Jahrgängen sich 



SSO „■^..m.o-.".-'.^-^ 1 

äoMernden .tobe» »"''"., ^„J Orisioalitil d«, i„A«l,. \ 

Starm- und Drangperiode entgeg ■ 

Das gleiche gilt von dem Inhalt der Chromlt, NichU U- . , 

zeichnet jene EntwickeSungsstate des deutschen GeUteslAens , 

pO sehr als die Neigung, sich ein Ideal von kräftiget Mäim\icli- 
Iteit, Heldenthum und Freiheitsliebe zu bilden, dem, wie man 
glaubte, die Heroen der antiken oder mittelalterliclieii Voraeit 
entsprochen hatten, in Vergleich zu welchem aber die lebende 
Generation als eine erbärmlich herabgekommene erscheinen 
iQUsate. So ist es ungemein charakteristisch, wenn Schubart, 
veranlasst durch eine neu erschienene üeberaetzung der 
Biographien des Plutarch, dieselben als das beste Uiitel 
gegen die allgemeine EntkmftuQg empfiehlt und zugleich aua- 
malt, „wie wir staunen würden, wenn Theseus und Romulus, 
wenn Cäsar, Brutus, Hermann , Siegmar in der tönenden 
Rüstung durch uns hinschritten! und wie diese Riesen sich 
entsetzen würden, wenn sie uns ausgeartetes Geschmeiss um 
die Schenkel aumsen hörten!"* Derselben kraftgeniali sehen 
Weltanschauung entspricht es, wenn Schubart bei der Ankündi- 
gung einer neuen Auflage der Lebensbeschreibung des Götz 
von Berlichingen den alten fränkischen Ritter jenen jungeu 
Uerrlein der Neuzeit gegenüberstellt, die mit dem Pariaer 
Degelein an der Seite, in balbfranzösischer Sprache von ihren 
Kriegsthaten am Putztische, in Kaffehäusem und Tomebmeii 
Versammlungen prahlen. „Was würde der alte Götz sagen, 
wenn er ans'm Grabe erwachte, mit Schild, Scbwerdt und 
Koller angethan, mit^m eisernen Helm aufm Haupt und dem 
wehenden Federbusche !"•• — Immer aufs neue äussern sich 
Hohn und Unwille über das weichliche, herabgekommene Ge- 
schlecht, welches sich selbstgefällig preist, dass seine Ta^e in 
dies aufgeklärte, philosophische Jahrhundert fallen, über die 
stubenhockenden gelehrten, die von ihren Studierzimmern aus 
Staatsbeobachtungen machen, über das erstarrtsein des politi- 
schen Lebens, die Entfremdung von der Natur, das versiegen 

• Deutsche ChroDik vom 25. Dcc. 1776. 
** DeaUcbe Chrgnik von 1771, Beilage S. Cl. 



Wohlwill, Ch. F. D. Schubart. 381 

der Empfindung, das frostige klügeln der eiskalten Vernunft, 
über die Rechenmeister, welche Sphaerengesang mit Algebra 
richten, über die Litteratur in Taschenbuchformat und in Al- 
manachen, üeberall finden wir Variationen derselben Empfin- 
dung, welcher Schiller in den unmuthsvoUen Worten Karl 
Moors über das tintenklecksende Saeculum classischen Ausdruck 
gegeben hat.* 

Doch unterscheidet sich Schubart von den meisten Ver- 
tretern 'der Sturm- und Drangperiode dadurch, dass er nicht 
nur ganz im allgemeinen sein missbehagen über die bestehen- 
den Verhältnisse ausspricht, sondern auf das einzelne eingehend, 
namentlich die politischen Zustände einer scharfen Kritik unter- 
wirft, dass er andrerseits nicht ausschliesslich in der Vergangen- 
heit, in den Helden und. Weltweisen des Alterthums, in den 
Zeiten des Faustrechts oder gar in dem Rousseauschen Ur- 
zustände sein Ideal erblickt, sondern auch mit jubelnder Be- 
geisterung anerkennt, was die lebende Welt grosses vollbracht 
oder an hofiiiungsreichen neuen Unternehmungen begonnen hat. 
Dieser auch auf die Gegenwart sich erstreckende Enthusiasmus 
Schubarts, der freilich nicht minder als Zorn und Tadel, dem 
Charakter der Sturm- und Drangperiode gemäss, oft über das 
Mass des berechtigten hinausgieng, war gerade in jener Zeit 
von besonders heilsamer und anregender Wirkung. Vor allem 
in nationaler Beziehung. Wenn Schubart bisweilen mit 
staunender Bewunderung zurückblickte auf das Heldenzeitalter 
Armins oder auch wol auf die Tage des Mittelalters, so 
waren andrerseits die Thaten des grossen Friedrich ausreichend, 
um den Glauben an die un versiegte Lebenskraft des deutschen 
Volkes und ein baldiges auferstehen desselben zu neuer Herr- 
lichkeit in ihm lebendig zu erhalten. Dass Schubart in seiner 
Chronik mit unablässigem Eifer und mit seiner feurigsten 
Beredsamkeit die patriotischen Gesinnungen des deutschen 
Volkes zu erwecken bemüht war, ist unzweifelhaft sein hervor- 
ragendstes und unvergänglichstes Verdienst.** 



* Vgl. z. B. Deutsche Chronik vom 14. April 1774, 28. Dec. 1775, 
29. April 1776; Vaterlandschronik vom 23. Mai und 14. Nov. 1788 
(S. 336 u. 763). 

'^* Ueber diese Seite von Schubarts publicisti scher Thätigkeit h^be 



382 Wohlwill, Ch. F. D. Schubart. 

Nächst der Liebe zum Vaterlande ist es der Preis der 
Freiheit und ihrer Helden, welcher durch alle Theile der 
Chronik hindurehklingt. Jedem Volke, das um seine Unab- 
hängigkeit ringt, widmet Schubart seine sympathische Theil* 
nähme: den aufständischen Corsicas*, in denen das litterarische 
achtzehnte Jahrhundert gewissermassen die auflebenden Ver- 
treter des antiken Freiheitsgeistes feierte, den noch im erliegen 
heldenmüthigen Polen, über deren unglückliches Schicksal er 
wehmüthige Klagen anstimmt, „wie Scipio auf den Trümmern 
von Karthago",** und vor allem den Nordamericanem, deren 
Erhebung gegen England er mit Jubel begrüsst und über 
deren kriegerische und politische Erfolge er seinen Lesern mit 
möglichster Ausführlichkeit und steigendem Enthusiasmus Be- 
richt erstattet.*** 

Von dem republicanischen Ideal, das Schubart in America 
verwirklicht zu sehen hoffte, erschienen freilich die meisten 
Freistaaten Europas unendlich weit entfernt. Nur den Mit- 
theilungen aus der Schweiz werden von ihm in der Regel be- 
geisterte Zusätze und Lobeserhebungen des Landes und seiner 
Bewohner hinzugefügt., f Auch Holland zählt er im Anfang 
der Chronik noch unter die glücklichsten und blühendsten 
.Staaten der Welt;tt später aber wird „das europäische Tyrus" 
wiederholt wegen seiner kaufmännischen und gewinnsüchtigen 
Politik gegeisselt, und.^er nahe bevorstehende Verfall desselben 
voraus verkündet .fff Und nicht glänzendere Zukunft weisssagt 
Schubart den einst so stolzen Städterepubliken Italiens. ^^Genua 



ich ausführlicher geredet in meiner Schrift: „Weltbürgerthum und Vater- 
landsliebe der Schwaben, insbesondere von 1789—1815** (Hamburg 1876) 
S. 18-21. 

* Vgl. Deutsche Chronik vom 1. August 1774. 
** Vgl. z. B. Deutsche Chronik vom 7. April und 19. Mai 1774. 
*♦* Vglz. B. Deutsche Chronik vom 10. und 20. Oct. 1774, 17. April 
1775, 1. Jan., 29. April, 20. Mai und 13. Juni 1776. Die gleiche Auf- 
fassung findet sich in Schubarts Geschichtswerk: „Neueste Greschichte der 
Welt auf das Jahr 1775" S. 80—93. 

t Vgl. 2. B. Deutsche Chronik vom 4. Juli 1774 und 23. März 1775. 
tt Deutsche Chronik vom 7. Juli 1774. 

ttt Deutsche Chronik vom 24. August 1775 und 10. Oct. 1776; 
Vaterlandschronik 1787, S. 12, 313, 361. 



Wohlwill, Ch. F. D. Schubari: 383 

im Todtenkittel der hinsterbenden Freiheit liegt in Staub ge- 
bückt vor Victor Amadeus' Macht*^;* „Venedig greift u^h 
den Wafifen seiner alten Grösse, und — sie sind morsch, von 
Wurm und Rost zerfressen, und ihrer spottet die eherne Fürsten- 
gewalt."** — Auch den deutschen Reichsstädten, in welchen 
Schubart die ältesten Sitze deutscher Bildung verehrte, für 
welche er persönlich stets, die wärmste Sympathie und. An- 
hänglichkeit bewahrte, prophezeite er — wenn auch im Tone 
schmerzlichen bedauerns — einen baldigen Untergang. 

Angesichts so trüber Aussichten für die europäischen Frei- 
staaten ist es begreiflich, dass Schubart der monarchischen 
Staatsform vor der republicanischen den Vorzug gab. Das 
Studium von Montesquieu hatte in ihm das Verständniss 
für die constitutionelle Verfassung geweckt: er sprach in den 
ersten Jahrgängen der Chronik seine Bewunderung für die 
politischen Institutionen Englands aus, wie später für die Neu- 
gestaltung Frankreichs seit dem Jahre 1789. Aus den ge- 
•schichtlichen Verhältnissen sowie speciell aus Schubarts Denk- 
weise erklärt es sich jedoch leicht, dass derselbe namentlich 
in den vor der französischen Revolution erschienenen Theilen 
der Chronik weit davon entfernt war, in der Mitwirkung 
ständischer und parlamentarischer f^actoren eine wesentliche 
Bedingung für das Heil der Staaten zu erblicken. Wie ihm 
von seinen Knabenjahren an eine schwärmerische Vorliebe für 
Friedrich den Grossen eigen geblieben, so hat er auch jenen 
andern Monarchen und Staatsmännern, welche gleichzeitig be- 
müht waren, die ihnen untergebenen Länder und Völker durch 
wolthätige Massregeln und Reformen zu fördern, seine Theil- 
nahme und Verehrung gewidmet, unzweifelhaft besteht eine 
innere Verwandtschaft zwischen den Utterarischen Tendenzen 
der Sturm- und Drangperiode und den politischen Bestrebungen 
des aufgeklärten Absolutismus: auf beiden Seiten die Werth- 
schätzung und Ueberschätzung der einzelnen Persönlichkeit, 
der Glaube, dass dem genialen Menschen — wenn er der Ein- 
gebung seines Genius folge — alles erlaubt und alles erreich- 
bar sei, auf beiden Seiten das leidenschaftliche verlangen, mit 

* Deutsche Chronik vom 10. Oct. 1776. 
** Vaterlandschronik 1787, S. 313. 



3.'^4 Wohlwill, Ch. F. D. Schubart. 

dem alten zu brechen, durch die Macht des Geistes wie mit 
einem Zauberstabe ein besseres und gesünderes, freies und 
glückliches Zeitalter heraufzubeschwören. So ist es denn ein 
besonderes Verdienst der Schübartschen Chronik, die Seg- 
nungen und Einseitigkeiten der monarchischen Bestrebungen 
j^ner Jahre in anschaulicher Weise dargestellt zu haben. Wie er 
den Epoche machenden Unternehmungen auswärtiger Regenten 
und Minister seine Aufmerksamkeit zuwandte, der Aufhebung 
der Inquisition unter Karl III. in Spanien, der Jesuitenverfolgung 
Pombals in Portugal, den milden und einsichtsvollen Institu- 
tionen, welche der Grossherzog Leopold von Toscana geschaffen^ 
so hat er namentlich jeder edlen und humanen Bestrebung der 
deutschen Fürsten sein begeistertes Lob gezollt. Ist ihm vor 
allen Friedrich der Grosse das Ideal eines weisen Monarchen, 
dessen bedachtsam fortschreitende Gesetzgebung er mit Be- 
wunderung, fast möchte man sagen, mit zunehmender Andacht 
verfolgt, so preist er doch auch Josephs II. rastlos betriebene 
Staatsreformen, sein unermüdliches streben, Licht und Auf-* 
klärung zu verbreiten. Und auch der bescheidneren Thätigkeit 
kleinerer deutscher Fürsten wird in der Chronik die verdiente 
Beachtung zu Theil, insbesondere dem arbeitsamen pflicht- 
getreuen Regentenleben eines Karl Friedrich von Baden, 
der, dem Studium philosophischer und staatswirthschaftlicher 
Schriften ergeben, was immer „der speculative Weise bei der 
nächtlichen Lampe wünschte und niederschrieb," in seinem 
Ländchen zu realisieren trachtete und dasselbe dadurch zu 
einem Musterstaat für ganz Deutschland umgestaltete.* Ueber- 
haupt ist Schubart keiner der zahlreichen, dem Zeitalter eigen- 
thümlichen Reform versuche entgangen; sein Blick war nicht 
minder auf die Justizverbesserung im Sinne Beccarias wie auf 
die Verwirklichung der physiokratischen Lehren gerichtet, er 
würdigte die in jener Periode aller Orten hervortretenden 
Schöpfungen auf dem Gebiete der Polizei, die Löschordnungen- 
und Wegebesserungen, die Wolthätigkeitsinstitute, Waisen- 
anstalten und Wittwencassen und andrerseits die Massregeln 
zur Besserung des Erziehungswesens und zur Hebung der 

* Deutsche Chronik vom 10. Oct. 1774. Vgl. auch „Neueste Ge- 
schichte der Welt auf das Jahr 1776", S. 40. 



Wohlwill, Ch. F. D. Sehubart. 385 

geistigen Bildung. Mitunter freilich hat Schubart das allzu 
unvermittelte und sich überstürzende der angestrebten Neue- 
rungen erkannt. Das zeigt sich, wenn er z. B. über manche 
paedagogische Experimente seiner Zeitgenossen hin und wider 
skeptische Bemerkungen äussert* und wenn er — wenigstens 
später — über Joseph II. zu der^ Ansicht gelangt, derselbe 
habe die schwarzen Wände einer Pulvermühle mit einer Wachs- 
fackel zu erleuchten versucht.** Wenn auch in anderer Be- 
ziehung vielfach selbst^in den Illusionen seiner Zeitgenossen 
befangen, hat Schubart doch gerade hinsichtlich der politischen 
und socialen Reformbestrebungen das unverkennbare Verdienst, 
dass er die Ansichten geklärt, die Herzen befeuert, jedes echte 
streben für die Begründung wahren Volksglückes ermuthigt 
imd demselben durch Bekämpfung entgegenstehender Vorurtheile 
den Weg gebahnt hat 

Wie die Leistungen der mit patriarchalischem WolwoUen 
schaltenden Regierungen, so hat Schubart andrerseits auch die 
Kehrseite im politischen Leben Deutschlands, das treiben der 
sultanisch über Land und Unterthanen gebietenden Despoten 
zur Darstellung gebracht. Keiner hat mit kräftigeren Farben 
das schmachvolle Bild jener kleinen deutschen Territorien ge- 
zeichnet, in denen Höflinge und Cameralisten sich bereichem, 
während Handel und Gewerbe darniederliegen und die Bauern 
stölmend am Pflug verhungern, wo das Eigenthum der Landes- 
kinder nur von einer Schatzverordnung zur andern sicher ist, 
ihr Blut eine Landes- und Domainenwaare, gut genug, um 
für den Krieg nach America verhandelt zu werden, wo schmei- 
chelnde Hohlkopfe zu den höchsten Ehren gelangen, während 
dem Genie und dem Manne von Charakter höchstens die Frei- 
heit bleibt, mit einem Seufzer aus der Welt zu scheiden. Mit- 
unter äussert Schubart auch in der Chronik seine Erbitterung 
über solche Zustände in Versen und Prosa mit einer schwung- 
vollen Leidenschaft, die wenig hinter dem gluthvollen Zorn 
seiner „Fürstengruft" zurückbleibt, mitunter verbirgt er seinen 



* Vgl. z. B. Deutsche Chronik vom 28. April 1774 und 24. Oc- 
tober 1776. 

** Chronik vom 16. Juni Ji790 (S. 408). 



386 Wohlwill, Ch. F. D. Schubart. 

ünmuth in dem Gb wände scherzhafter und doch nicht minder 
treflfender Satire. 

Angeblich einer morgenländischen Zeitung entnimmt er 
seine Mittheilungen über die Launen despotischer Herrscher 
des Orients, und wir erkennen leicht, dass hier nicht nur die 
dichterische Phantasie ihr freies Spiel treibt, sondern dass 
es zugleich gilt — wenngleich in absichtlichen üebertrei- 
bungen — an das thun imd treiben deutscher Duodezdespoten 
zu erinnern. 

„Seine Sultanische Hoheit sind seit einigen Tagen in 
tiefer'Traur. Sie haben ihren besten arabischen Hengst durch 
einen frühzeitigen Tod verlohren . . . Der Sultan Hess diesen 
Gaul prächtig begraben • . . 

An den Ufern des Meers starb gestern in einer armseeligeu 
Fischerhütte der grosse weise Hemir. Er erstickte an einem 
garten Zwieback, den sein ausgetrockneter Hals nicht mehr 
hinunterbringen konnte. Seine Sultanische Hoheit haben in 
Gnaden geruht, den Leichnam des weisen Hemirs ins Meer 
werfen zu lassen. 

Der König in Persien lässt sich das Wohl seiner Unter- 
thanen ausserordentlich angelegen seyn. Ein Franzos, der sich 
seit einigen Jahren in Ispahan aufhält, lehrte ihn das Filet- 
stricken. Ganz Ispahan staunt über das grosse Genie des 
Schachs, der es in kurzer Zeit so weit brachte, dass er seiner 
liebsten Beyschläferinn ein Halstuch stricken konnte. Man 
behauptet, dass dieser weise Monarch die grosse Summe, 
welche sonst unnöthiger Weise für die Armen, Wittwen, 
Waisen, Unterstützung verfallner Handelshäuser, Belohnung 
der Gelehrten, und Anbauung des Landes bestimmt war, zur 
Errichtung eines prächtigen Hauses für Gaukler und Taschen- 
spieler verwenden werde. 

Von Deli geht die Nachricht ein, dass sich der grosse 
Mogul die Aufnahme der Handlung äusserst angelegen seyn 
lasse. Er hat desswegen die weise Verordnung gemacht, dass 
, alle Waaren, die ins Land gehen, einen kleinen Zoll etwan 
50. vom 100. entrichten. Den innländischen Manufakturisten 
und Eaufleuten' aber ist es bey schwerer Strafe verboten, ihre 
Produkte ans Ausland zu verhandeln.. Dadurch haben die 



Wohlwill, Ch. P. D. Schubart. 387 

Kaafleute den ausserordentlichen Vortheil, dass sie ihre Waaren 
selbst behalten dürfen u. s. w."* 

Schubart war trotz des ihm eigenen Freimuths veranlasst, 
um nicht durch die Ungunst der grossen den Boden für seine 
Wirksamkeit zu verlieren, in seiner Kritik eine gewisse Vor- 
sicht zu beobachten. Er musste seinen Schilderungen der ver- 
kommenen politischen Zustände einen möglichst allgemeinen 
Charakter geben^ ohne die Länder und Persönlichkeiten, welche 
er dabei im Auge hatte, ausdrücklich zu nennen. Er war ge- 
nöthigt, seine Ansichten oft nur in einzelnen sarkastischen 
Worten und abgebrochenen Sätzen zu äussern und durch 
Gedankenstriche und Ausrufungszeichen den Leser aufzu- 
fordern, das nur in zaghafter Weise angedeutete Urtheil zu 
ergänzen. 

Erblickte eine grosse Anzahl der damaligen Journalisten 
ihre Hauptaufgabe darin, den Lesern Schilderungen von präch- 
tigen Festen und Paraden in der Residenz oder von Zusammen- 
künften der Fürsten darzubieten, so hat Schubart über solclie 
höfische Lohnschriftstellerei häufig genug seinen Spott ausge- 
lassen. Doch auch er glaubte von der Mittheilung solcher 
Vorgänge nicht, gänzlich absehen zu dürfen. Mitunter sogar 
erscheint er bei der Beschreibung fürstlicher Prunkaufzüge 
und Festivitäten von einem gewissen aesthetischen wolgefallen 
beseelt, mitunter aber auch haben derartige Berichte bei ihm 
einen ironischen Beigeschmack. Einmal erzählt er im Tone 
eines officiellen Bulletins von der Reise des Herzogs von Glou- 
cester durch das südliche Deutschland; unmittelbar daran knüpft 
er eine Notiz über einen schlichten Bürgersmann von Ulm, 
der unerkannt gutes thut und an den Ufern der Donau spazie- 
rend mit Thränen im Auge seine Gedanken zu Gott richtet; 
und der ganze Artikel endet mit den Worten: „Befehl mich, 
Ihr Hoheit, ich geh mit dem Mann im grauen Rock und den 
Stahlknöpfen".** Auch stellt Schubart gern der Aristokratie 
der Geburt die Aristokratie des Geistes gegenüber, z. B. 
wenn er der Meldung des Zusammentreffens von Lavater und 



* Deutsche Chronik vom 18. Sept. 1775. 
♦* Deutsche Chronik vom 7. Sept. 1776. 



388 Wohlwill, Ch. F. D. Sctubart. 

Basedow im Bade Ems die Worte hinzufügt: ^^ Mochte doch 
wissen, was sie miteinander sprächen! Lieber wollt ich da ein 
Mäusgeu seyn, als wenn zween grosse Fürsten, mit dem ganzen 
stralenden Pompe ihrer Hoheit umgeben, bey einander Besuche 
abstatten."* 

Neben den Ereignissen der Politik werden von Schubart 
überhaupt auch die wichtigeren Vorgänge und Erscheinungen 
auf dem Gebiete des religiösen Lebens, der Kunst, der Litte- 
ratur und Wissenschaft, sowie manche der öffentlichen Be- 
achtung würdige Züge aus dem Privatleben geschildert, sodass 
er uns thatsächlich ein Gemälde der ganzen damaligen Welt, 
wie sie sich seinem geistigen Auge darstellte, in seiner Chronik 
hinterlassen hat. In der Regel verweilt er nur bei einzelneu 
Partien und Figuren, häufig aber — namentlich beim Jahres- 
wechsel — sucht er sich selbst und seinen Lesern ein Gesammt- 
bild des Zeitalters zu entwerfen, bei welchem, je nach seiner 
Stimmung oder der Art der jüngst empfangenen Eindrücke, 
die heitere oder dunkle Färbung vorherrscht. Bisweilen auch, 
erhebt er sich — gleich fern von Freude imd Leid — zu den 
lichten Höhen des Humors, wo er nur aus der Feme die 
Erdkugel schwimmen sieht, die mit Bergen, Hügeln, Seen, 
Flüssen lieblich bemalt erscheint und auf welcher das possier- 
liche Gemisch der Geschöpfe herumkriecht. „Dort sitzt einer 
auf einem Erdenklos, nennt ihn Thron, und sagt den Ge- 
schöpfchen, die vor ihm kriechen: Er sey König. Der Andere 
setzt sich auf eine Nussschäle, äfft die burleske Gravität des 
Königleins nach, und sagt den Würmlein, die vor ihm kriechen 
(man nennt sie Höflinge): Ich bin euer Fürst. Dort wimmelt's 
zwischen den Mauren von Menschen mit Fesseln an Händen 
und Füssen, beissen in ihren Rettich, und jauchzen empor: 
Wir sind Republikaner! Es lebe die Freyheit! Dort stürzt 
ein Krämer, und sein Fall hebt den andern: — Jener Bonze 
2)redigt seiner unwissenden Gemeinde Unsinn vor, und ruft 
über alle, die diesen Unsinn nicht für Prophetengeist halten, 
das Anathema aus. Der reitet auf Elias Sonnenpferden in 
Himmel, und erzehlt der gaffenden Menge Feenmährgen — 



* Deutsche Chronik vom 21. Juli 1774. 



Wohlwill, Ch. F. D. Schubart. 389 

Feurio! — dort brennfs! — Lerm! Lerm! — Dort braust 
die Wasserfluth und schwemmt Greise und Kinder auf Kranken- 
lagern und in Wiegen mit weg. — Ach! es bebt die Erde! — 
Ha! wie schrecklich sind die Minen der Angst und der Ver- 
zweiflung im Angesichte ihrer Bewohner. — Dort wandelt ein 
Weiser im Eichenhaine, und schaut vom Wipfel der ältesten 
Wodanseiche zufrieden gen Himmel. Auf weichem Sofa 
schlummert dort ein nordischer Dümmling in den Armen 
einer Sirene ein, und — dort schneidt sich ein Dichter die 
Kehle ab, weil ihn sein Yaterland hungern Hess."* — 



Anhang. 

Schubart an seine Tochter.** 

Asperg den 30*«° Juli 1785. . 

■ 

Ich muss meinem Herzensiulchen am Ende dieses seel. 
Monds, wo ich sie — und ihre Mutter — imd ihren Bruder — 
nach 9. Jahren wiedersah und den nahen Himmel ahndete, auch 
noch einen Geisteskuss auf die Lippen drüken. So viel ich 
auch denke und fantasire und schreibe; so mischt sich doch 
dein holdes Bild in Alles. Immer scheint mein Julchen an 
mir hinauf zu krebsein und mir küssend zu sagen: Lieber 
Vater, was machen Sie? — Drum hab ich dich auch so lieb — 
o du mein Ebenbild in schneller Empfänglichkeit, im raschen 
Ergüsse! — 

Was thust du dann, Julchen? Singst du? Liessst du? 
Arbeitest du? Betest du? — Schwebt dir mein Bild noch 
manchmal vor der Stirne, wie ein Geist, der im freundlichen 
Mondstrale erscheint, nicht schreken, nur lieben und 
trösten will? 

Noch sind wir eben nicht bei einander, liebs Julchen! — 
Noch gähnt die Kluft der Entfernung zwischen uns beeden. 
Jenseits der Gruft steht der einsame Vater — disseits die 



* Deutsche Chronik vom 29. August 1774. . 
"'* Dieser Brief befindet sich im Besitz des Herrn Kreisgerichtsrath 

■ 

Kern in Ellwangen, eines Urenkels von Schubart. 

AbOHXT f. LZTT.-GSBCH. VI. 26 



390 Wohlwill, Ch. F. D. Schubart. 

liebende Tochter; beide die Arme der Sehnsucht nach einander 
verbreitend. — Gott der Liebe, wann unterbrichst Du einmal 
diese lange, grässliche Pause?? — 

Doch wir wollen nicht immer klagen; wir wollen auch 
hoffen und danken lernen. Vielleicht dass in kurzem unsers 
Fürsten Herz bricht und er den Götterausspruch hinstürmt: 

Dein Vater frei!! 

Dann komst du auch zu mir, speissest an meiner und deiner 
treuen Mutter Seite, dann begleit' ich deinen Gesang, lenke 
den Strom deiner Gefühle, spreche viel mit dir von Gott und 
unserm lieben Heilande — du aber kräuselst mir davor die 
im Elend ergraute Loke, füllst mir die PfeifiFe, mit der ich 
die Grillen verdampfe, fütterst mein Täublein und fühlst das 
Entzüken, die hochgeliebte Tochter eines Vaters zu seyn, 
dem Gott für iedes Grose, Gute und Schöne das Herz öfnete. 

Amen, der Herr thu es!! — 

Und nun muss ich schon wieder von dir scheiden, Julchen. 
Aber mein Herz hat dich so fest in sich verschlossen, dass 
du ihm wohl nimmer entschlüpfen wirst — und wenn du so 
schlau und schlank und schlüpfrig, wie eine Grundel wärst. 
Küsse und grüsse mir deine liebe Balletti und deine Freun- 
dinnen alle. 

wie warm — wie glühend bin ich 

Meines Julchens 
Vater!! 

Schubart 

Vaterseegen 

Des Vaters Seegen baut den Kindern Häuser — 
Dir, Julchen, eilt mein Vaterseegen zu! ' — 

Nun hat, o glaub es mir, Josef, der deutsche Kaiser, 
kein grösres Haus als du. 

Abends um 9. Uhr. 

Schreib mir bald, • 
Julchen! 

Von der in diesem Briefe angedeuteten VV^esensähnlichkeit 
zwischen Vater und Tochter ist ausführlicher in dem Anfang 



Wohlwill, Ch. F. I>. Schubart. 391 

eines Briefs vom Jahre 1783 die Rede, der als Ergänzung 
des vorigen und als fernerer Beitrag zur Charakteristik des 
Dichters hier einen Platz" finden möge.* 

Asperg den 2ten September 1783. 
Herzenstochter, 

Ich höre so viel Liebs und Guts, von dir, dass ich vor 
Freuden weinen möchte, wenn man nur deinen Nahmen nennt. 
Ach, liebes Julchen, glaube ia nicht, dass ich weniger an dich 
denke, wenn ich selten an dich schreibe. Mein ganzes Leben 
ist ein Brief an dich. Du hast nach Leib und Seele so viel 
von deinem Vater, dass ich dich lieben müsste, wenn du auch 
nicht meine Tochter wärest. Empfänglichkeit für iedes Schöne 
und Gute, Reizbarkeit für Schmerz und Freude, Stimmung 
zur Freundschaft und Liebe, Ungestüm in der Traurigkeit und 
Ungestüm in der Freude, Offenherzigkeit gegen alle Welt und 
Simpathie mit allem, was um uns her ist, sind so ungefähr 
die Grundzüge eines solchen Earakters. Ach, liebs Julchen, 
wenns auf 4er Welt lauter Engel gäbe, so kämen solche 
Herzen ohne Anstos fort. Aber dein Vater hats erfahren, dass 
man mit solchem Karakter all Augenblick anrenne, wenn 
man nicht auf seiner Huth ist. Ich hielt mich selber für 
schlimmer als ich war, und die Menschen um mich her, für 
Engel — und doch wurd' ich betrogen. 

Doch hoff' ich zu Gott, er werde dich bewahren, gutes 
Kind, und dich hier und dort glüklich machen u. s. w. 



* Der Brief befindet sich im Besitz des Herrn von Scholl zu 
Stuttgart. 



26* 



Briefe toh Goethe. 

Mitgetheilt von • 

Robert Boxberger und Hermann Uhde. 

1. 

An Thouret in Stuttgart. 

Das Packet, werthester Herr Professor, das Sie an uns 
abgelassen haben, ist glücklich angekommen, und ich danke 
Ihnen dafür hiermit nur im Allgemeinen, indem wegen Ab- 
wesenheit Durchl. des Hei:^ogs über die verschiedenen in Ihrem 
|)4'o Memoria enthaltenen Anfragen vorerst keine Entschliessung 
erfolgen kann, die ich aber baldmöglichst beschleunigen will. 

Dasjenige, worum ich Sie nun ersuchen wollte, sind die 
Profiele zu dem zweyten Vorzimmer indem der Quadrator mit 
dem Audienzzimmer fertig ist. 

Herrn Isopi bitte ich* für seine gefallige Zuschrift zu 
danken. — 

Was das Audienzzimmer betrifft, so kann wohl darüber 
die Entschliessung nicht eher gefasst werden, als bis die Ar- 
beit zum runden Zimmer hier angelangt und aufgestellt ist. 

Und was die Modelle zum runden Zimmer selbst belangt, 
so wünschte ich, dass solche nicht in gebrannter Erde gemacht 
würden, indem uns an einem ausgearbeiteten Modell in Gyps 
genügen kann, und dadurch, wie Herr Isopi schreibt, die 
Kosten um ein Ansehnliches vermindert würden, welches ich 
um so mehr wünsche, damit sie nicht den Maassstab über- 
schreiten, der bey unsem Verhältnissen gilt, und für die Zu- 
kunft nicht abschrecken. 

Ich habe auf beyliegendem Blatt was Herrn Isopi be- 
triflFt besonders geschrieben, damit Sie es vorweise» können. 



Briefe von Goethe. 393 

Ich wünschte gar sehr^ dass^ indem wir die Modelle in ge- 
brannter Erde weglassen, die Kosten für das runde Zimmer 
vermindert würden, damit nicht gleich anfangs sowohl Durchl. 
dem Herzog, als meinen Herrn Mitcommissarien ein Unwille 
gegen diese Arbeit erregt werde. Wegen des Audienzzimmers 
hat es Zeit, bis wir Sie wieder bey uns sehen. 

Zum Schluss noch eine Frage, welche ich baldmöglichst 
beantwortet wünsche. Wann glauben Sie dieses Jahr zu uns 
kommen zu können? Es entsteht so mancher Zweifel, welcher 
ohne Ihre Gegenwart schwer zu lösen ist. Herr Professor 
Meyer «steht uns zwar mit seinen Einsichten eifrig bey, allein 
es kommt doch manches vor, wozu man Ihre Einstimmung 
wünschte. Man hat diesen Sommer vor, bey dem Baue leb- 
hafte Schritte zu thun, wobey denn freylich Ihre Gegenwart 
zu schneller Ausführung nicht wenig beytragen würde. 

Das übrige nächstens. Der ich indess recht wohl zu 
leben wünsche und mich Herrn Rapp, Herrn Prof. Dannecker 
und Herrn Isopi bestens zu empfehlen bitte. 

Jena am 18 Febr. 1799. 

J. W. V. Goethe. 

2. 

Verzeih' mir wenn ich Deine Einladung ablehne, ich muss 
mich gar zu sehr in Acht nehmen und thue immer zu viel in 
Gesellschaft. Nimmst Du Riemer und den Poeten, so giebts 
eine Conversation in andrem Sinne als wenn ich zugegen 
wäre. Ich komme einmal Abends wieder allein. G. 

Herrn Major von Knebel. 

3. 

Ew. Hochwohlgeb. 

habe zu vermelden, dass eine Kiste trefflicher Mineralien durch 
Vorsorge des Herrn Grafen Reinhardt aus Christiania an- 
gekommen. Ein schuldiger Dankbrief liegt bereit abzugehen. 
Nun wollt' ich anfragen auf welche Weise derselbe am 
schnellsten und besten diesem würdigen verehrten Freunde 
zukommen könne? Vielleicht schlössen Sie ihn ein oder 



394 Briefe von Goethe. 

gäben mir andere Anleitung. Diese Norwegischen seltsamen 
Mineralkörper geben zu gar vielfachen Betrachtungen ÄDlass. — 

Weimar Des Herrn Mich bestens empfehlend 

den 20 Decbr. Kanzler v. Müller gehorsamst 
1828. Hochwohlgeb. ' Goethe. 



4. 

Hochwohlgeborner 
Insonders Hochgeehrtester Herr! 

Ew. Hochwohlgeb. haben die freundliche Neigung, die 
Sie mir immer gegönnt, auch auf das Geschäft übergetragen 
welches mir seit einigen Jahren durch höchstes Zutrauen ob- 
liegt und mich bey demselben alle Förderniss erfahren lassen. 
Gegenwärtig finde ich mich abermals in dem Fall: Hochdie- 
selben um die Geneigtheit anzusprechen: bey kommenden unter- 
thänigsten Bericht Ihrem gnädigsten Herrn zu günstiger 
Aufnahme vorzulegen. Mein sehnlichster Wunsch ist wenig- 
stens zum Theil die höchsten Absichten erfüllt zu haben und 
zu fernerer Lösung einer so wichtigen Aufgabe noch Kräfte 
genug zu behalten. •" 

Möge es nicht verargt werden wenn Gegenwärtiges nur 
den Verlauf des Geschäftes im Allgemeinen vermeldet, da ein 
umständlicherer Aufsatz mit Beylagen welchen bey meinem 
gnädigsten Herrn dem Grossherzog eingereicht, durch baldige 
Mittheilung eine vollständigere Uebersicht des Ganzen zu ver- 
leihen geeignet ist. 

Gnädigster Beyfall .und huldreiche Gewährung angefügter 
Bitten wird sowohl mich als das sämmtlich angestellte Per- 
sonal auf das nächste Jahr zu frischer und zweckmässiger 
Thätigkeit beleben. 

Auf Ew. Hochwohlgeb. Mitwirkung in dieser bevorstehenden 
Epoche m^t Zuversicht rechnend und zum Voraus dankbar 
anerkennend 

Weimar Ew. Hochwohlgeb. 

den 21ten Decbr. ganz gehorsamster Diener 

1819. J. W. V. Goethe. 



\ 



Briefe von Goethe. 395 

5. 

Ew. Hochwohlgeb. 

meinen besten Dank abzustatten für die freundliche Aufnahme 
meines Heftes beeile mich eine kleine Sendung abgehen zu 
lassen, worin sich sechs von H. Soret bestimmte Exemplare 
Amphibole befinden, zusammengepackt in ein Gouvert, zugleich 
aber auch eine Partie unbestimmter vielleicht auch unbestimm- 
barer Exemplare aus dem wüsten Haufen der noch vor mir liegt, 
worunter doch einige schone Augitkrystalle sich auszeichnen. 
Mit Verlangen und Hoffiiung erwarte jede sonstige 'ge- 
fallige Mittheilung; Erfahrungen und Betrachtungen eines so 
werthen Mitarbeiters werden mir immer höchst angenehm seyn. 

Weimar den 20 Januar gehorsamst 

1825. J. W. V. Goethe. 

6. 
Hierbey ein sehr interessanter Brief von H. Hofr. v. 

Quandt, so wie auch eine poetische Aeusserung eines Pa- 
trioten. Sollte es wohl schicklich seyn, diese wohlgemeinten 
Zeilen in das Chaos aufzunehmen, oder sollte man sich ganz 
dieser Rubrik enthalten? 

W. d. 28 Septbr. Treulichst 

1830. G. 

Aus der Autographen -Sammlung des Herrn Eichler in 
Strehlen bei Dresden. 

7. 
Indem ich Ihnen, werthester Herr Ramann, hiebey den 
Betrag der mir zuletzt übersendeten Ohme Erlauer, mit 
9 Karol. überschicke, wobey mir 12 gr. zu Gute bleiben, er- 
suche ich Sie, wenn Sie gegenwärtig recht guten Erlauer 
haben, mir eine Probe davon in ein Paar Bouteillen zu schicken. 
Zugleich wünschte ich ein Paar Flaschen Würzburger, wie 
ich solchen bey Herrn Hofrath Loder getrunken und ein 
Paar Flaschen vorzüglich guten Steinwein zur Probe, nebst 
den Preissen. Diese 6 Flaschen in einem Kistchen wären 
wohl für Kälte zu bewahren. 

Der ich recht wohl zu leben wünsche 

Weimar am 11. Febr. 1801. Goethe. 



396 Briefe von Goethe. 

Goethes Bestellungsbriefe an Ramann sind nach einer 
Mittheilung des jetzigen Inhabers der Handlung, Herrn Eckardt, 
unter Geschäftsfreunde der Firma vertheilt worden, da sich 
auf eine bald nach Goethes Tode durch die Zeitungen bekannt 
gewordene Notiz, eine reiche Sammlung Goethescher Briefe 
besitze die Ramannsche Weinhandlung in Erfurt, viele der- 
selben sich je einen Brief ausbaten. Besitzer des vorstehenden 
ist Herr Hofbuchhändler Bohl au in Weimar. Schillers 
Briefe an Ramann hat ein Dienstmädchen des Hauses zum 
Geschenk mitbekommen bei ihrem Abzug; sie hat sich später 
verheiratet, doch ist noch nicht zu ermitteln gewesen, an wen. 

Die Briefe Nr. 1 — 5 sind im Besitze des Herru Wüste - 
mann in München. Nr. 2 ist nach Düntzers gefälliger Mit- 
theilung wol im December 1807 geschrieben, und Zacharias 
Werner der darin genannte „Poet". 

Von Herrn Hermann ühde sind dem „Archiv" nach- 
stehende an Herrn Ramaim gerichtete Goethesche Billets mit 
der Bemerkung zum Abdrucke übergeben worden, dass sie 
Beweise einer im Hause Goethes eingeführten ungewöhnlichen 
Gastfreiheit seien. 

1. 

An Herrn Rahmann, berühmter Weinhändler, nach Erfurt. 

Herr Rahmann wird gebethen, durch Ueberbringer Dieses 
einen Eymer von dem letzten Elsasser — aber ja von dem 
letzten! — und einen halben Eymer Langedock zu über- 
schicken. 

J. W. V. Goethe. 

2. 

Herr Ramann wird ersucht, dem Ueberbringer Dieses 
Einen Eymer rothen Elsasser von dem letzteren, und Einen 
Eymer Languedoc zu übergeben; zum Transport an mich. 
Zugleich vermelde, dass einiges zur Abzahlung parat liegt, 
worüber disponirt werden kann. 

D. 25. Octbr. 1810. 

J. W. V. Goethe. 



r 



Briefe von Goethe. 397 

3. 

Weimar, den 25. März 1816. 

Verehrter Herr Ramann! 

Icli wünschte durch üeberbringer dieses einen Halben 

Eymer Würzburger von der letzten Sorte, ingleichen vfieder 

einen Halben Eymer Elsasser desgleichen zu erhalten, welches 

derzeit meinem Mangel abhelfen würde. 

Freundlich das Beste wünschend 

J. W. v. Goethe. 
4. 
An 

Herren Ramann u. Compg. 

Wohlangesehener Weinhändler 

zu 

Erfurt. 

Durch Üeberbringer dieses bitte mir einen Halben Eymer 
Würzburger und einen Halben Eymer rothen Elsasser gefällig 
aus. Die fehlenden Lücken meines Weinlagers schleunig aus- 
zufüllen, thut diesmal mehr Noth als je. 

Freundlich alles Schöne wünschend 
Weimar J. W. v. Goethe. 

d. 2*«° May 1816. 

5. 

An 
Herrn Ramann 

angesehener Weinhändler 

nach 

Erfurt. 

Mit einem Päckchen sign. H. R. z. E. 

worin 200 Thl. Sachs. 

6. 
Sie erhalten, werthester Herr Ramann, durch die fahrende 
Post 200 r. Sachs, auf Abrechnung. Wollen Sie mir den 
Empfang gefällig melden und einen Eymer guten reinen Wert- 
heimer bald möglichst überschicken. Auch wünschte einige 
Flaschen Malaga bald zu erhalten. 

Der ich recht wohl zu leben wünsche 

J. W. V. Goethe. 
Weimar d. 30. May 1816. 



Die Gries-Goethesche Uebersetzung 
des venezianischen Gondolierliedes „La Biondina". 

Von 
Heinrich Düntzer. 

Herr von Loeper hat in diesem Archiv V, 99 — 101 mit 
beachienswerthen Gründen die unter Goethes Namen gehende 
Uebersetzmig der Biondina dem in Jena wohnenden Dichter 
Gries zugeschrieben, auf dessen Gedichte schon S. Hirzel hin- 
gewiesen hatte. Letzterm verdanken wir die erste Kunde von 
dem Drucke derselben in der Zeitschrift: „Orient oder Ham- 
burgisches Morgenblatt" 1812 Nr. 168, auf die ihn der höchst 
kundige Hamburger Litterator Fr. A. Cropp aufmerksam ge- 
macht hatte. Schon von Loeper hat auf die frühere Ueber- 
setzung des Liedes im Göttinger Musenalmanach auf 1793 
von F. L. W. Meyer in Berlin* und auf eine ältere Gestalt 
der Griesischen Uebersetzung in Matthissons Anthologie 
hingewiesen. Da es mir gelungen ist, eine noch frühere Fas- 
sung der Uebertragung von Gries aufzufinden, so erlaube ich 
mir die dadurch eine neue Grundlage erhaltende Untersuchung 
wieder aufzunehmen, wozu von Loeper mir freundlichst sein 
ihm zu Gebote stehendes Material mitgetheilt hat. 

Der „neue teutsche Merkur vom Jahre 1798. Heraus- 
gegeben von C. M. Wieland '^ brachte im Januarhefte unter 



* Als ,,Schifferlied. Venezianisch** bezeichnet. Nach dem Anfangsworte 
wird das venezianische Lied La Biondina genannt. Meyers eigenes Ge- 
dicht Biondina in Schillers Musenalmanach für 1796 bezeichnet die ge- 
liebte mit diesem Namen nur in der Uebcrschrift. Das italienische Lied 
wurde damals wol schon in Berlin gesungen und verbreitete sich weiter 
von hier, wo es vielleicht die Cantoni oder die Annunciata eingeführt 
hatte. 



Düntzer, La Biondina. 399 

Nr. V [Nr. 11 hatte schon „Gedichte" von Elisa (von der Recke) 
gegeben] zwei „Gedichte" von J. D. Gries und zwar zuerst „Die 
Federn. Nach dem Englischeu^^^ darauf unser „Venezianisches 
Gondolierlied". Das erstere, bei welchem die Ueberschrift: 
„Nach dem Englischen" auf offenbarem Druckfehler beruht*, 
ist die bekannte Canzonetta Romana, die Goethe, Voigt u. a. 
übersetzt haben, worüber 0. Jahn, „Goethes Briefe an Christian 
Gottlieb von Voigt" S. 453—466 ausführlich berichtet hat, 
nur diese Uebersetzung von Gries war ihm entgangen und 
dass Wieland im Februarheffce S. 315 ff. in einer Nachschrift 
zu üebersetzungen Petrarcischer Sonette von Gries sich der 
'früher im Merkur gegebenen Uebertragungen jenes Liedes 
und seiner Aeusserung erinnerte, dass, wer diese Canzonette 
in gleicher Versart ohne sonderlichen Verlust mit Reimen 
übersetzen würde, ihm der grosse Apollo sein sollte. Ob Gries 
die reimlose, für eine Melodie von Corona Schröter gemachte 
Uebersetzung Goethes kannte, zu welcher Reichardt 1796 in 
seinem Musikalischen Almanach eine neue Composition 
gegeben, wissen wir nicht. Mochte Goethe auch bei dieser 
neuen Uebersetzung seiner eigenen, vor achtzehn Jahren hin> 
geworfenen gedenken, einen Wettkampf in der Uebertragung 
des venezianischen Gondolierliedes mit Gries einzugehen lag 
ihm fem. Das Gondolierlied lautet im Merkur also: 

Abends führt' im kleinen Nachen 

Ich mein Mädchen, blond und schlank; 

Doch es ward ihm schwer zu wachen^ 
Und ihr holdes Auge sank. 

Auf den Arm gelehnt das Köpfchen, 

Sah ich sie, dem Schlaf erliegen. 

Weckt' ich sie: des Kahnes Wiegen 
Wiegte bald sie wieder ein. 

Und von Wolken halb umzogen 

Glänzte Luna still und schön; 
Und es ruhten alle Wogen, 

Und es schwieg der Winde Wehn. 



* In einem weiter unten anzuführenden 'Briefe spricht Qries von 
„zwei italienischen Canzonetten**, 



400 Duntzer, La Biondina. 

Nur ein Lüftchen stabl sich leise 
Unter ihres Busens Schleier, 
Und von seinen Fesseln freier 
Hob der Busen sich empor. 

Ach! nach ihrer Schöne geizend, 

Fühlt' ich ihre ganze Macht, 
Sah ihr Antlitz, hold und reizend. 

Und des Busens Jugendkraft,* 
Und ich fUhlte tief im Herzen 
Tausend wechselnde Gefühle, 
Wilder Regungen Gewühle 

Und unnennbar süsse Lust. 

Und ich hing mit trunknen Blicken 

An der lieblichen Gestalt. 
Diese Flamme zu ersticken. 

Fand ich nimmer mehr Gewalt. 
Und ich waif mich zu ihr nieder, 
Wollte schlummern, leise leise; 
Doch so nah dem Feuerkreise 

Find'** ich ewig keine Ruh. 

Die Reimform hat der Dichter regelmässiger gemacht; 
im Italienischen reimen bald von je vier Versen die mittlem 
auf einander, bald die geraden und ungeraden^ ja einmal findet 
sich ein männlicher Reim, während sonst alle Verse weiblich 
auslauten. Sechs Jahre später brachten die „Gesänge mit Be- 
gleitung der Chitarra eingerichtet von Wilhelm Ehlers" folgende, 
in der von Gries durchgeführten Versform gedichtete Strophe 
ohne Ueberschrift: 

Nächtig führt' ich in dem Nachen 
Meine Liebe blond und schlank; 
Wollten zwar zusanmien wachen, 
Doch ihr holdes Auge sank: 
Und ich weckte sie zuweilen. 
Doch sie blieb im Schlummer liegen; 
Denn der Barke sanftes Wiegen 
Wiegte bald sie wieder ein. 

Die Sammlung von Ehlers, deren Verlag Cotta schon 



♦ Falscher Keim. 
** Kaum Druckfehler statt Fand , wie V. 4 steht. 



Düntzer, La Biondina. 401 

im Mai 1803 übernommen hatte*, enthielt von Goethe 
mehrere Lieder, „Schäfers Klage", dann unmittelbar vor un- 
serer Strophe das „Notturno" (die später „Nachtgesang" über- 
schriebene freie Bearbeitung des Volksliedes: Tu sei quel 
dolce fuoco), „Rattenfänger von Hameln", „Trost in Thränen" 
und „Frühlingsorakel". Von allen diesen trägt nur der „Ratten- 
fänger" Goethes Namen , dagegen finden sich alle mit einziger 
Ausnahme dieser Strophe in den ein paar Monate später er- 
schienenen „Der Geselligkeit gewidmeten Liedern. Von Goethe", 
welche die zweite Hälfte des „Taschenbuchs auf das Jahr 1804, 
herausgegeben von Wieland und Goethe" bilden. Kann nun 
diese Strophe von Gries sein oder ist sie von Goethe nach 
der Uebersetzung von Gries verbessert? Hätte eine von Gries 
selbst veränderte Fassung vorgelegen, so wäre es mehr als 
auffallend, dass wir von diesem Liede eben nur eine Strophe 
erhalten; dagegen findet dies seine natürliche Erklärung bei 
der Annahme, Goethe habe seinen Lieblingssänger das Lied 
in der Uebersetzung von Gries vortragen hören, da er diese 
aber nicht für gelungen hielt, wie er es auch sonst bei Lieder- 
texten that, die erste Strophe versuchsweise geändert, und 
Ehlers habe nun, da Goethe nicht zur Umarbeitung der übri- 
gen Strophen kam, sich mit der Mittheilung der einen Strophe 
in der Fassung des berühmten Dichters begnügt, dem er auch 
andere schöne Beiträge verdankte, wogegen der Dichter selbst 
natürlich die abgebrochene Strophe nicht unter seine Lieder auf- 
nehmen konnte. Die Aenderungen der Uebersetzung von Gries 
ergeben sich als feine Verbesserungen, die Goethes Hand ver- 
rathen. Zunächst gewinnt der Anfang dadurch, dass ich in 
den ersten Vers gezogen wird, während es bei Gries etwas 
nachschleppt und ich mein einen harten Trochaeus bildet; auch 
das schön allitterierende nächtig beginnt viel woUautender 
als das gewöhnliche Abends. Ja dieses nächtig scheint uns 
den unzweifelhaftesten Beweis zu liefern, dass wir es hier mit 
Goethe selbst zu thun haben, der gerade das Wort sehr liebt 



* Vgl. Briefwechsel zwischen Schiller und Cotta hggb. von W. Vollmer 
S. 487. 496. 507. Goethe hatte bemerkt: „Gedachte Lieder werden mit 
den Liedern des Taschenbuchs (auf 1804) in Bezug gesetzt." 



402 Düntzer, La Biondina. 

und auch den ganz eigentliümliclien adverbialen Gebrauch des- 
selben hat. So sagt sein Epimetheus gleich am Anfange der 
Pandora (1807): „Nächtig immer schleichend wach umher", 
in dem fünften Aufzug des zweiten Faust Baucis: „Wo die 
Flammen nächtig schwärmten".* Auch meine Liebe (statt 
mein Liebchen, meine Liebste, das Liebste, meine Ge- 
liebte, meine Schöne) ist Goethe geläufig. So stand früher in 
dem Liede Mit einem gemalten Band: „Schlingsummeiner 
Liebe Kleid". In Künstlers Morgenlied heisst es: „Und 
sollst mir, meine Liebe, sein Alldeutend Ideal", wo ein paar 
Strophen vorher die Anrede „Liebe". „Meine Liebe", wo 
„Liebe" nicht Abstractum ist, findet sich auch ausser der An- 
rede oft in den Briefen an Frau von Stein, wie: „Von meiner 
Lieben habe ich gar. nichts gehört" (III, 256), und so steht 
es auch in Gedichten im Reime, wie in den „Glücklichen Gat- 
ten" (1803): „Ist es mit seiner Lieben Nicht unser braver 
Fritz?" in den Versen an Frau von Willemer (1826): „Vor 
die Augen meiner Lieben". Kehren wir zu unserer üeber- 
setztmg zurück, so tritt bei Gries V. 3 doch störend ein; die 
neuere Fassung hebt hübsch ihre Absicht, zusammen zu wa- 
chen hervor, wodurch gleich zu Anfang gleichsam ein Licht auf 
die ganze Lage fällt, und es schliesst sich dann der Gegensatz 
mit doch V. 4 leichter an. Nur zwar V. 3 stört etwas den 
glatten Fluss. V. 7 ist bei Gries besonders hart, da dio Ver- 
mittlung fehlt und der Gegensatz: „Weckt' ich sie (,wenn ich 
sie weckte*): des Kahnes Wiegen Wiegte (,so wiegte des Kahnes 
Wiegen*) bald sie wieder ein" an Schwerfälligkeit leidet. Das 
herau&iehmen des Weckens in V. 5 gibt dem ganzen gleich 
ein anderes Leben und verhindert das zerfallen von V. 7 in 
zwei Theile. Auch das Beiwort sanft und das wolklingende 
Barke hebt diesen Vers ungemein. Freilich ist die üeb^r- 



* Wenn ein genauer Freund von Gries sich erinnern wollte, daas 
in einer von diesem erhaltenen Abschrift nächtig gestanden, so müssen 
wir dieses nach allem für höchst unwahrscheinlich halten. In solchen 
Dingen ist das Gedächtniss, wenn es mehr als ein halbes Jahrhundert 
zurückgreift, ein gar zu trügerischer Zeuge. Wenn er das Lied zum 
Klavier singen hörte, so könnte es ja die erste Strophe nach Goethes 
Uebersetzung gewesen sein, wie Ehlers sie vortrug. 



Düntzer, La Biondina. 403 

Setzung jetzt viel freier geworden, da es nur galt sie gelenker 
und woUautender zu machen; dies war ganz in Goethes Sinne. 
Anders stand es mit Gries, der möglichst treu sich an das 
italienische Lied zu halten suchte. Nun tritt uns zwei Jahre 
später eine neue Fassung von Gries selbst entgegen. Matthis- 
sou gab im Jajire 1806 im siebzehnten Bande sei;ier Antho- 
logie unter den Gedichten von Gries auch die beiden Ueber- 
setzungen aus dem Merkur 1798, nur in umgekehrte;* Folge, 
wobei wol eine Veränderung von Gries selbst vorlag, der sie 
am 15. Juli 1805 mit der Bemerkung übersandt hatte, Mat- 
thisson werde mit diesen Uebersetzungen vielleicht eher zu- 
frieden sein als mit seinen eigenen Gedichten.* Dieser mag 
nach seiner Art noch einzelnes geändert haben und besonders 
möchte er aus freier Hand die letzte Strophe weggelassen 
haben. Das Gondolierlied lautet hier also: 

Abends führt' ich in dem Nachen 
Meine Schöne, blond und schlank, 
Doch es ward ihr schwer zu wachen 
Und ihr holdes Auge sank. 
Zwar ich weckte sie bisweilen, 
Aber schlummernd blieb sie liegen: 
Denn der Barke sanftes Wiegen 
Wiegte bald sie wieder ein. 

Von Gewölken halb umzogen 
Liess der volle Mond sich sehn. 
Und es ruhten alle Wogen 
Und es schwieg der Winde Wehn. 
Nur ein leises Lüftchen spielte 
Mit der Locken goldner Fülle, 
Hob mit zartem Hauch die Hülle 
Von des Mädchens Bu3en weg. 

Still von ihrem Reiz befangen, 
Stand ich da in trunkner Lust, 
Sah das Blühn von Mund und Wangen, 
Sah den Glanz der schönen Brust 
Tausend wechselnde Gefühle 
Wogten stürmisch mir im Herzen, 
Ein Gemisch von Freud' und Schmerzen, 
Das ich nicht zu nennen weiss. 



* Matthiasens litterarischer Nachlass IV, 139 f. 



404 Düntzer, La Biondina. 

Die Benutzung der in den Gesängen von Ehlers mit- 
getheilten ersten Strophe ergibt sich unverkennbar. Ich ist 
auch hier in den ersten Vers gezogen , wodurch das Beiwort 
klein (im Italienischen steht gondoletta) fallen musste, der 
zweite mit meine begonnen ^ aber das schöne nächtig nicht 
aufgenommen, Liebe in das gangbarere Schöne verwandelt. 
V. 3 f. hat 'Gries beibehalten, da seine Fassung dem Italieni- 
schen näher war, auch nahm er vielleicht an zwar bei Ehlers 
Anstoss. V. 5 — 7 sind die Verbesserungen benutzt, obgleich 
dadurch ein Zug des ursprünglichen Liedes geopfert werden 
musste. Goethes „Und ich weckte sie zuweilen" ist aufgenom- 
men, nur bisweilen gesetzt und am Anfange zwar, das 
Goethe in V. 5 hat. Besonders haben die zweite und dritte 
Strophe in der neuen Fassung von Gries gewonnen, wobei er 
sich zugleich treuer an seine Vorlage hielt, in welcher das 
fächeln des Haares und das entblössen des Busens durch den 
Wind, neben dem Antlitz und dem schönen Busen der Mund 
erwähnt wird*, auch entspricht der letzte Vers (che non so 
come spie gar) fast wörtlich der jetzigen Uobersetzung, dagegen 
hat der sehr frei übertragene Vers „Tausend wechselnde Ge- 
fühle" jetzt eine andere Stelle als im Italienischen erhalten 
müssen. 

Erst sechs Jahre später, am 30. Juli 1812, brachte die 
Zeitschrift Orient unter der Ueberschrift La Biondina mit 
Goethes Namen und der Bezeichnung „Bis jetzt ungedruckt" 
eine vollständige Uebersetzung. Die erste Strophe stimmt ganz 
mit den Gesängen von Ehlers; die drei folgenden lauten: 

Und vom Wolkenstreif durchzogen 
Kam der helle Mond heran. 
Da umblinkten lichte Wogen 
Unsrer Gondel sanfte Bahn. 
Und ein leises Lüftchen spielte 
Mit der Locke golduer Fülle, 
Hob mit zartem Hauch die Hülle 
Von des Mädchens Busen los. 

So von ihrem Reiz umfangen 
Ruht' ich da in trunkner Lust, 
Nah den Rosen ihrer Wangen, 
Nah dem Mund und nah der Brust 



Düntzer, La Biondina. 405 

Tausend wechselnde Gefühle 
Sprossten mir aus diesen Zügen, 
Eine Regung, ein Vergnügen, 
Das ich kaum zu nennen weiss. 

Angebannt von Wonn' und Liebe, 
Musst' ich sehn und wieder sehn, 
Ach! und Amors regem Triebe 
Könnt' ich kaum noch widerstehn. 
und ich schloss die Augenlieder, 
Wollte schlummern leise, leise, 
Doch so nah dem Feuerki-eise 
Fand ich weder Bast noch Ruh. 

Hier liegt bei der zweiten und dritten Strophe offenbar 
die Fassung der Anthologie zu Grande, die nur vielfach 
auf eine so geschickte Weise umgestaltet ist, dass wir Goethes 
Hand in ihr erkennen dürfen. Das und am Anfang von 2, 1 
und 2, 5 ist ganz in Goethes Weise, dem gleichfalls die Aen- 
derung sehr gemäss ist, dass der Mond nicht „von Gewölk 
(früher ,und von Wolken') halb umzogen" ist, sondern „vom 
Wolkenstreif durchzogen", er „herankommt" statt „sich sehen 
zu lassen" und an der Stelle des „vollen" Mondes der „helle" 
Mond erscheint, womit die schone Umänderung von V. 3 f. 
zusammenhängt: „Da umblinkten lichte Wogen Unsrer 
Gondel sanfte Bahn", durch welche freih'ch das schweigen 
des wehens der Winde [gera (gia era) ilventobonassä (buon 
assai)] wegfällt. Nur die Wiederholung des sanft aus 1, 7 
ist anstössig. In der zweiten Hälfte dieser Strophe hat Goethe 
bloss das erste und letzte Wort geändert; für nur, das den 
Gegensatz andeutet, tritt das die Schilderung der ruhenden ge- 
liebten lose anknüpfende und, wie für weg das anschaulichere 
los ein. Gleich im Anfang der dritten Strophe ist an die 
Stelle des hier wol weniger bezeichnenden still ein die Be- 
ziehung zur vorigen Strophe andeutendes so gekommen; in 
der Veränderung des stand in ruht' dürfte niemand eine 
Verbesserung verkennen, dieses ruht' aber führte zur an- 
muthigen Umgestaltung der beiden folgenden Verse: „Nah den 
Rosen ihrer Wangen, Nah dem Mund und nah der Brust" 
(wo freilich das beibehaltene Mund und anstössig ist, wofür 
man wol „Munde, nah der Brust" sich eher gefallen Hesse, 

Archiv f. LiTT.-OKgCH. VI. 27 



406 Düntzer, La Biondina. 

obgleich dadurch der Vers, wie der, vorige, in zwei gleiche 
Hälften zerfiele) statt des vorliegenden: „Sah das Blühn von 
Mund und Wangen, Sah den Glanz der schönen Brust", wo 
der Glanz nicht glücklich gewählt sein dürfte. Recht bezeich- 
nend für Goethe ist V. 6 „Sprossten mir aus diesen Zügen" 
statt des „stürmischen wogens im Herzen" 5 auch „ein Gremisch 
von Freud' und Schmerzen", das der Reim veranlasste, ver- 
tauschen wir gern mit „Eine Regung, ein Vergnügen", das 
gerade durch seine Unbestimmtheit hier ganz an der Stelle 
ist (im Italienischen una spezzi di content o); auch die 
Aenderung von nicht in kaum liesse man sich gefallen, kehrte 
letzteres nicht in der folgenden Strophe wieder. Bei der vierten 
Strophe konnte Goethe nur die ältere Fassung von Gries be- 
nutzen, von der er V. 6 f. ganz herübernahm, aber statt „Find' 
ich ewig keine Ruh" den volksthümlichen Ausdruck einführte: 
„Fand ich weder Rast noch Ruh". Zu entschiedenstem Vor- 
theile sind die ftinf ersten Verse umgestaltet, wobei an die 
Stelle des niederwerfens zu ihr höchst anmuthig das schliessen 
der Augenlieder tritt. Goethe hat von Anfang an den Gon- 
dolier ruhen lassen. Die vier ersten Verse deuten anmuthig 
den Zauber der ruhenden geliebten und die verführerische Lust 
an; nur nimmt man au dem kaum Anstoss, weil dieses sich 
schon 3, 8 fand. 

Wir haben zu zeigen gesucht, dass die Abweichungen von 
Gries meist Verbesserungen sind. Rührte auch die Fassung 
im Orient, wie von Loeper will, von Gries her, so musste 
sie der Anthologie entweder vorangehn oder nach ihr fallen: 
im ersteren Falle schiene es sonderbar, dass manche im Orient 
sich findende Lesarten nicht in die Anthologie übergegan- 
gen wären; im andern müsste Gries, was kaum glaublich, zwi- 
schen den Jahren 1806 und 1812 noch eine dritte Bearbeitung 
versucht haben, wobei man es sich schwer erklären konnte, 
weshalb er manches, was ihm darin gelungen war, in die 
letzte Fassung, die er für seine im Jahre 1829 erscheinen- 
den Gedichte wählte, nicht aufnahm, wogegen es sehr be- 
greiflich ist, dass er einzelnes, was er nicht selbst gefunden, 
nicht von Goethe . herübernahm. In den Gedichten von Gries 
lesen wir die Uebersetzung in folgender Gestalt: 



Düntzer, La Biondina. 407 

Gondolierlied. 
Aus dem Italienischen. 

Abends führt' ich in dem Nachen 
Meine Schöne, blond und schlank: 
Doch es ward ihr schwer zu wachen, 
Und ihr holdes Auge sank. 
Zwar ich weckte sie bisweilen, 
Doch der Schlummer musste siegen; 
Denn der Barke sanftes Wiegen 
Wiegte bald sie wieder ein. 

Zwischen Wolken Hess sich Luna 
Halb verhüllt am Himmel sehn, 
Und es ruhte die Laguna 
Und es schwieg der Winde Wehn. 
Nur ein leises Lüftchen spielte 
Mit der Locken goldner Fülle,. 
Hob mit zartem Hauch die Hülle 
Von des Mftdchens Busen weg. 

Von so holdem Reiz befangen 
Sass ich da in trunlyier Lust, 
Sah die Blüthe dieser Wangen, 
Diesen Mund, die schöne Brust. 
Tausend wechselnde Gefühle 
Wogten stürmisch mir im Herzen, 
Ein Gemisch von Freud' und Schmerzen, 
Das ich nicht zu nennen weiss. 

Schauend stand ich eine Weile, 
Sah dies alles mit Geduld; 
Hätten gleich mich Amors Pfeile 
Fast gereizt zu süsser Schuld. 
Endlich warf ich rasch mich nieder, 
Wollte schlummern, leise, leise. 
Doch so nah dem Feuerkreise 
Fand ich leider keine Ruh. 

Von der Fassung der Anthologie weichen besonders die 

drei ersten Verse der zweiten Strophe ab, in welchen der Ueber- 

setzer den Reim luna, laguna aus dem italienischen Volksliede 

herübemahm; so trat denn die Laguna an die Stelle aller 

Wogen und der Mond als Luna in den ersten Vers, wobei 

27* 



408 Düntzer, La Biondina. 

es auch möglich war, das Gera in cielo meza sconte Tra 
le nuvole fast ganz wortlich wiederzugeben. Auch der An- 
fang der dritten Strophe ward umgestaltet. Wenn V. 1 jetzt 
beginnt Von so holdem Reiz, so könnte das bei Goethe 
gewählte So, wie V. 2 bei Sass statt Stand dessen Ruht', 
vorschweben; statt „das Blühn von Mund und Wangen" lesen 
wir jetzt „die Blüthe dieser Wangen" mit Vermeidung der von 
Goethe gefundenen Rosen ihrer Wangen; dagegen musste 
der Mund wie im Italienischen und bei Goethe in den folgen- 
den Vers treten, und so schwand auch der unglückliche Glanz 
des Busens. In der ersten Strophe wurde nur V. 6 verändert; 
aus „Aber schlummernd blieb sie liegen", wobei Goethes „Doch 
sie blieb im Schlummer liegen" vorschwebte, wurde das we- 
niger passende „Doch der Schlummer musste siegen". Die 
vierte Strophe, die in der Anthologie fehlt«, hat Gries am 
Anfange völlig umgestaltet, wobei er sich dem Italienischen 
näher anschloss. Die „trunknen Blicke" koimte er schon des- 
halb nicht gebrauchen, weil bereits Str. 3, 3 jetzt „in trunkner 
Lust" steht. Den Versuch Goethes, der hier auf das Italie- 
nische zurückgieng, scheint er gar nicht gekannt zu haben. 
Auffallend lässt er den Gondolier, der in Str. 3 nach der glück- 
lichen Aenderung sitzt, wieder stehen; auch die durch den 
Reim auf Schuld bedingte Geduld ist wenig an der Stelle, 
weiter das reizen durch Amors Pfeile nicht glücklich. V. 5 
hat durch die Aenderung wenig gewonnen („Endlich warf 
ich rasch mich nieder" statt „Und ich warf mich zu ihr 
nieder"); das am Schlüsse für ewig eingeführte leider ist 
wenig bezeichnend. Viel anmuthiger schliesst das Gedicht bei 
Goethe, wo der liebende, um seiner Qual zu entgehn, die 
Augen schliesst, was zum Versuche, in Schlaf zu fallen, viel 
geschickter ist, als das unanschauliche rasche sich niederwerfen, 
wodurch er die geliebte zu wecken fürchten muss. Wir er- 
kennen auch in diesem Schlüsse Goethes feine Abrundung; 
freilich musste das kaum, um die Wiederholung zu vermeiden, 
im Schlussverse von der vorigen Strophe woggeschaflft werden. 
Hätte Gries selbst die Schlussstrophe so glücklich behandelt, 
wie in der Uebersetzung im Orient, so möchte er kaum sich 
versucht gefühlt haben, dieselbe ganz umzugestalten. Wie 



Dflntzer, La Biondina. 409 

gelungen aber auch die Veränderungen Goethes sind, seinem 
wol rasch gemachten Entwürfe fehlt die letzte Hand, und 
doch sollte man zu Beethovens Melpdie lieber den Goetheschen 
Text wählen als einen neu gebildeten. 

Wir haben bisher fast nur aus innem Gründen uns gegen 
die Annahme, auch die Uebersetzung im Orient gehöre Gries 
an, erklären zu müssen geglaubt. Wie der sonderbare Um- 
stand, dass Ehlers von dem Liede nur eine Strophe gibt, für 
Goethe zu sprechen scheine, ist oben bemerkt. Damit ist im 
Grunde auch für die übrigen Strophen die Sache äusserlich 
entschieden, da es kaum zu denken ist, ein anderer habe den 
Goetheschen Anfang auf eigne Hand zu Ende geführt und 
das ganze unter dessen Namen bekannt gemacht. An die 
falsche Lesung eines unterschriebenen G als Goethe ist dem- 
nach schwerlich zu denken. Goethes Uebertragung der ersten 
Strophe könnte in die ersten Monate des Jahres 1803 fallen, wo 
in seinem Hause kleine Concerte stattfanden, in welchen Ehlers 
auch die Biondina nach der Uebersetzung von Gries vor- 
getragen haben mochte, aber auch an den folgenden Winter 
dürfte man denken, ja es wäre nicht unmöglich, dass die 
Uebersetzung zu Jena im musicalischen Kreise der Justiz- 
räthin Hufeland entstanden. Zu einer festen Bestimmung fehlt 
uns jeder Halt, dagegen dürfen, wir aus der Mittheilung der 
abgebrochenen Strophe in den Gesängen von Ehlers im Jahre 
1804 den Schluss ziehen, dass Goethe damals die andern 
Strophen noch nicht übersetzt hatte. Die Vollendung erfolgte 
wol auf äussere Veranlassung, vielleicht für die in seinem 
Hause von Eber wein geleitete kleine Singschule, die sich seit 
dem Ende des Jahres 1807 bei ihm gebildet hatte.* Die Sen- 
dung der Uebersetzung an den Orient geschah zugleich mit 
den an die Kaiserin von Frankreich zum 2. Juli 1812 gedich- 
teten Stanzen „Sieht man den schönsten Stern die Nacht er- 
hellen" und den nach einem V^olksliede gedichteten Versen 
„Es ist ein Schuss gefallen", die Goethe schon im August 
1810 an Zelter gegeben hatte; denn diese beiden Gedichte 
wurden in den Nuniern des Orient abgedrückt, die unmittel- 



'*' Vgl. meine Schrift „Au» Goethes Freundeskreise'^ S. 61 f. 



410 Düntzcr, La Biondina. 

bar auf die folgen, welche die üebersetzung der Biondina 
enthielt. Hiernach dürfte die Mittheilung der letztern von 
einer Goethe nahe stehenden Person erfolgt sein, bei der eine 
Verwechselung desselben mit Gries kaum denkbar ist. Frei- 
lich war das Gedicht an die Kaiserin in Karlsbad gedruckt 
worden, und ofifenbar hatte die Redaction, wie ihre einleiten- 
den Worte zeigen, einen Abdruck desselben erhalten, aber 
das kleine Gedicht, welches hier der neue Jäger überschrieben 
war, hatte der Dichter bis dahin nur an Zelter gegeben, und 
dass es bereits mit einer absichtlichen Aenderung in den 
Berliner Abendblättern vom 6. November 1810 gedruckt 
war, wusste der Einsender so wenig, dass er auch dieses als 
„bis jetzt ungedruckt'' bezeichnete. So dürfte also auch ausser- 
lieh die Bearbeitung der üebersetzung des venezianischen 
Gondolierliedes als von Goethe stammend sich ergeben, was 
um so bedeutsamer, als wir nun Gelegenheit haben, die Art, 
wie dieser die ihm vorliegende fremde Uebertrs^ung' benutzte, 
im einzelnen zu verfolgen. 

Ausserhalb des Weges unserer Untersuchung über die 
Gries- Goethesche Biondina liegen die damit in gar keiner 
Beziehung stehenden von Meyer und Zacharias Werner. 
Dass auch der letztere das venezianische Gondolierlied über- 
setzt, hat zuerst Erich Schmidt bemerkt. Beide waren Dich- 
ter und haben als solche ihre Vorlage freier behandelt und 
dem Gedicht einen andern Abschluss gegeben, während Goethe 
durch die so einfache wie glückliche Veränderung des fünften 
Verses der letzten Strophe und das volksmässige „weder Rast 
noch Ruh*' das Schlussbild wirksam hob, so dass wir gern 
dabei ausruhen. Meyer hat die Versform verändert, indem er 
die zweite Hälfte ganz gleich der ersten reimen lässt, dazu 
zwischen dem siebenten und achten einen Vers einschiebt, 
der auf dasselbe Wort wie der fünfte ausgebt, und so gleich- 
sam etwas sehnsüchtiges auch in die Strophenform hereinbringt. 
Sein „Schifferlied. Venezianisch" lautet: 

Kühlend sank die Nacht hernieder. 
Luft und Wellen athmen kaum, 
Und das Mädchen meiner Lieder 
Schlummert einen süssen Traum. 



DüDtzer, La Biondiua. 411 

Hingelehnt im kleinen Nachen 
Stützt ihr Haupt die weisse Hand; 
„Willst du", sprach ich, „mit mir wachen?" 
Doch es wiegt die Fluth den Nachen 
Und der Schlummer überwand. 

Durch die Wolken grauer Ferne 
Wallt der Mond in blauer Höh', 
Und das blasse Licht der Sterne 
Spiegelt sich in stiller See. 
Wie ein seidner Busenschleier 
Deckt die Schläferin das Haar, 
Doch die Weste gaukeln freier! 
Und es weicht der schönste Schleier, 
Der der Schönheit Hülle war. 

Immer wuchs die Macht der Triebe, 
Immer tiefer drang mein Blick; 
Die Bewunderung der Liebe 
Hielt der Liebe Glut zurück. 
Nah und näher sie zu sehen. 
Kniet' ich leise an ihr hin. 
Ach! es war um mich geschehen! 
Dacht' ich, was ich nicht gesehen. 
So verging mir Blick und Sinn. 

Wie durch Blumen sich die Schlange 
Wand ich mich mir unbewusst; 
Bald berührt' ich ihre Wange, 
Bald beschirmt' ich ihre Brust; 
Unter Wachen, unter Schlafen 
Blieb mein Glück nicht lange fern, 
Ich entging des Zweifels Strafen: 
Wenn die schönen Mädchen schlafen, 
Wacht die fromme Liebe gern. 

Wie viel das Lied an Frische, Natürlichkeit und wirk- 
licher Anmuth trotz der aufgesetzten R*^deblumen verloren, 
Hesse sich im einzelnen leicht nachweisen. Schon der Anfang 
ist höchst unglücklich verändert. Aus dem bezeichnenden La 
biondina ist das Mädchen meiner Lieder geworden; dass 
sie im kleinen Nachen ruht, hören wir erst V. 5, dass der 
liebende selbst im Nachen sitzt, müssen wir der Ueberschrift 
entnehmen. Aus dem Arm, auf den sie sich stützt, ist die 
weisse Hand geworden. Das wecken ist zur Frage entstellt, 



412 Düntzer, La DioDdina. 

ob sie mit ihm wachen wolle, ungeschickt sind der Gegen- 
satz der Wolken grauer Ferne zu dem Mond in blauer 
Höh' und das blasse im See sich spiegelnde Licht der Sterne. 
Auch die Erfindung, dass ihr Busen nur von ihrem Haar be- 
deckt wird, ist seltsam, wie der Ausdruck unklar. Der fromme 
Schluss, um die übrigen Strophen zu überspringen, kommt 
höchst wunderlich. 

Die üebersetzung von Zacharias Werner erschien erst in 
der Ausgabe der Werke und zwar als letztes Gedicht der 
zweiten von 1794 bis 1799 reichenden Periode, und dass sie 
nicht später fallen könne, beweist die Behandlung der Strophe, 
da der Dichter, statt der Beimform des Volksliedes sich anzu- 
schliessen oder sie noch reicher auszustatten, sich mit einem 
dreifachen männlichen Reim im zweiten, vierten und achten 
Verse begnügt. Das Gedicht lag nur in einem Entwürfe vor, 
so dass auffallend genug immer der sechste Vers in zwei Les-' 
arten gegeben wird, wobei einmal die erstere unvollständig ist, 
so dass sie verändert werden müsste, während die zweite zum 
vierten Verse nicht passt, einmal die zweite eine Aenderimg 
des vierten Verses bedürfte. Werners Entwurf lautet: 

Biondolinen in der Gondel 
Fuhr* ich Nachts bei Mondenscbein ; 
Von Gekos und Küss' ermattet, 
Schlief die Holde schmachtend ein; 
Mir im Arm ihr blondes Köpfchen 
Mir am Herzen lag ihr Busen, 
Pochend weckt' mein Herz das ihre,** 
Doch der Nachen lullte wiegend 
Sie in süssen Schlummer ein. 

Halb verhüllt durch leichte Wölkchen, 
Guckt' der Mond in ihren Schooss, 
Plätschernd haschten sich die Wellchen, 
Die ein Silberflor umfloss, 

* So, nicht führt' soll es wol statt führ heissen. Im folgenden 
Verse schrieb Werner etwa durch statt von, wozu Küss' nicht passt 
** Im Drucke werden so die Parallel verse durch die Verschlingung 
bezeichnet, obgleich mnn darnach glauben sollte, zwischen den durch 
sie verbundenen Versen solle die Wahl stattfinden, was freilich in unserer 
und in der folgenden Strophe angieuge und hier auch wirklich Weruera 
Abzieht gewesen zu sein scheint. 



I 



. Düntzer, La Biondioa. 413 

und ein holder Zephyr spielte 
In' der Kleinen blonden Locken, 
In den Locken meines Mädchens, 
Leise löst' er ihr den Schleier 
Vom erwachten Busen los. 

Neidisch sah ich oft den Schleier, 
Sehnend, was er deckte, an, 
Sass im süssen Schaun versunken 
Und vergessend Meer und Kahn; 
Aber sanft durchschnitt die Gondel 
Der Laguna Spiegelfläche 
Durch des Meers gebahnte Fluthen; 
Amor war es, der sie führte, 
Amor peitscht' die Wogen an. 

Doch zu mächtig fasste endlich 
Mich der Minne süsse Pein, 
Und von Liebchens Lippen schlürft' ich 
Ihres Athems Balsam ein. 
Als mein Gluthkuss da sie weckte, 
. (Als ihr reines blaues Auge 
\Als der Himmel drin sich aufschlug,* 
Rudert' ich, vor Lust bewusstlos. 
In den nahen Golf hinein. 

Diese Nachdichtung zeigt neben der dichterischen Gewandt- 
heit die Neigung unseres „Liebesgesellen" zum schlüpfrigen^ 
worunter das ganze gelitten hat. Der Gondolier hat schon 
mit dem Mädchen gekost und es geküsst, während das Volks- 
lied nur von lasso und le fatezze spricht^ das auf nichts 
weniger deutet; zuletzt kann es Werners Liebhaber nicht 
lassen, sie mit einem glühenden Kuss zu wecken und er er- 
wartet im nahen Golf, wohin er rasch steuert, noch andern 
Genuss. Auch dass der Mond in den Schoss der geliebten 
schaut; ist ein für Werner bezeichnender Zug. Am Anfange 
ist aus Biondina ein Kosewort Biondolina geworden, ob- 
gleich eine deutsche Bezeichnung statt des Fremdwortes anschau- 
licher gewesen. Dann lässt Werner sie nach dem Italienischen 



* Hier passt keiner der beiden Verse für sich, der erstere müsste 
luuteu „AI» ihr reines (oder blaues) Ang' Bich aufschlug**, der andere 
etwa „Als ihr Aug' den Himmel aufschlug'*. 



414 Düntzer, La Biondina. 

(su 'sto brazzo) in seinem Arme ruhn^ wobei das Kopfchen 
mit der ersten Uebertragung von Gries stimmt, imd ihren 
Busen an seinem Herzen liegen, dessen pochen sie weckt. 
Auch dass die Wellchen (als fühlten sie Liebe) „sich plätschernd 
haschen", ist hübsch und echt Wemerisch, dagegen der sie 
um fliessende Silberflor etwas störend. Sehr glücklich ist 
es, dass der Liebhaber im anschauen versunken zu rudern 
vergisst, wie, dass Amor die Wogen für ihn peitscht, damit 
es rasch gehe, für dessen Absicht bezeichnend. Die letzte 
Strophe gehört ganz Werner an, dem das blosse unruhige 
liegen in der Nähe der geliebten nicht genügen konnte. 
SämmÜiche Uebersetzer, die uns bisher beschäftigten, kannten * 
eben nur vier Strophen; aber der Volksgesang schuf auch 
noch eine fünfte hinzu, die in W. Erigars Uebertragung, 
welcher von Loeper bereits gedacht hat, also lautet: 

Endlich schlief sie mir zu lange, 
Dass ich die Geduld verlor, 
Und ich küsste ihre Wange, 
Und gewiss, ich war kein Thor. 
Denn, o Gott, wie schöne Dinge 
Sagt' und that ich ihr nur immer, 
Dass in meinem Leben nimmer 
Ich so überglücklich war. 

Freund Boxberger weist mich noch zeitig genug darauf 
hin, dass eine Uebersetzung der Biondina von dem Meister 
der üebersetzungskunst, von Fr. ßückert, im Frauen- 
taschenbuch für 1822 S. 27, sich findet, die in die Erlanger 
Ausgabe 11, 226 aufgenommen wurde, dann in der Frankfurter 
Ausgabe I, 492 und auch in der Auswahl von 1841 S. 297 
ihre Stelle gefunden. Sie darf in diesem Kranze von Ueber- 
setzungen als lieblichste Blüte nicht fehlen. 

Venezianisches Lied. 
Uebersetzung. 

In der Gondel gestern Abend 
Ich mein «chönes Blondchen führte; 
Vom Vergnügen, das sie spürte, 
Sank in Schlaf das arme Kind; 



Düntzer, La Biondina. , 415 

• 

Schlief, an diesem Arme liegend, 
Und ich weckt' es immer wieder, 
Doch der Nachen, leise wiegend, 
Wiegt' es wieder ein gelind. 

Von dem Himmel, halb enthüllet, 
Aus Gewölkchen schaute Luna 
In die spiegelnde Laguna 
Und zur Euhe ward der Wind. 
Nur ein einzig Lüftchen säuselnd 
Trieb mit ihren Löckchen Spiele, 
Hob den zarten Schleier kräuselnd. 
wie reizend war das Kind! 

Leise, leise schaut' ich nieder 
Auf das Antlitz meiner Holden, 
Auf die Locken golden, golden, 
Auf den Busen athmend lind. 
Und ich fühlte süsse Gluten 
In der Brust, wie soll ich sagen? 
Stille ringsum auf den Fluten! 
wie rann die Nacht geschwind. 

Rückert, der ohne Zweifel ohne Rücksicht auf eine vor- 
handene Uebersetzung das Lied in seiner Weise wiedergab, 
Hess die beiden letzten Strophen weg, indem er der dritten 
einen anmuthigen, gleichsam das Glück des Anblickes der 
schlafenden ins unendliche ausdehnenden Abschluss gab. Die 
Reimform machte er regelmässig, so dass in der ersten Hälfte 
der Strophe die iunem Verse, in der zweiten die ungeraden 
Verse reimen, aber er gab ihr noch einen besondern Reiz 
dadurch, dass er den vierten und achten Vers aller drei 
Strophen auf den vierten der ersten reimen lässt, wodurch 
das ganze gleichsam zu einer lieblichen Einheit zusammen- 
gebunden wird. Der Meister des Wollauts bewährt sich auch 
hier durchweg. Auf die letzte Fassung der Uebersetzung von 
üries dürfte die Rückertsche trotz der Ueberelnstimmung in dem 
Reime Luna und Laguna kaum einen Einfiuss geübt haben. 



Selbstbiographische Skizze des Dichters J. F. Jünger. 

Mitgetheilt von 
Hermann TJhde. 

Von jeher hat es ein ungemeines Interesse erweckt, einen 
schaffenden Geist über sich selbst, seinen Entwickelungsgang, 
seinen Werth urtheilen zu hören. Es braucht gar kein Goethe 
zu sein, der uns darüber unterrichtet, wie er die Höhe, auf 
der wir ihn erblicken, erklommen hat; dieses von diis minoruui 
gentium zu erfahren, ist ebenfalls für uns von Werth — und so 
mag denn auch eine selbstbiographische Skizze J. F. Jüngers 
willkommen geheissen werden, welche sich in einem Briefe 
findet, den der begabte, für den deutscheu komischen Roman, 
wie namentlich für die deutsche Lustspieldichtung bedeutungs- 
voll gewesene Manu am 20. September 1785 aus Leipzig an 
den Freiherrn W. H. von Dalberg, Intendanten der Mannheimer 
Bühne, gerichtet hat. Das Schreiben, dessen Original die K. 
Hof- und Staatsbibliothek zu München verwahrt, wird schon 
wegen der Notizen über Schiller gern gelesen werden; noch 
merkwürdiger aber ist es für, die Beurtheilung der Persönlich- 
keit, wie der späteren Lebensschicksale des hart geprüften 
Jünger selbst, dem bekanntlich — während er seine heitersten 
Gebilde schuf — tiefe Schwermuth, ja, endlich stiller Wahn- 
sinn das Gemüth umdüsterte. 

Der Brief, dessen Eingang von dem fünfactigen Lustspiele: 
„Verstand und Leichtsinn" handelt, lautet in seinem hieb er 
gehörigen Theile wie folgt: 

„ . . . . Spbald ich von Wien Nachricht erhalte, daß mein 
neues Stück dort gefpielt ift, laße ich den letzten Bogen davon, 
der fchon hier abgefetzt ift, abziehen und nehme mir die Freiheit^ 



ühde, J. F. Jünger. 417 

es Ew. Exe: znzurchieken. Indeßen kann fieh das wohl ziem- 
lich bis zum Novbr. verziehen. Mamfell Jacquet* hat mir 
erft vor einigen Tagen gefchrieben. Sie meldet mir, daß 
fie zwar minder gefährlich, aber noch immer fehr fehmerz- 
haft an einem Krampfhaften damiederliegt. Auf Ihre Witt- 
höft** rechne ich bey diefem Stück recht fehr! Nach dem, 
was mir mein Freund Schiller von diefer liebenswürdigen 
Künftlerinn gefagt hat, ift fie für jetzt bejm deutfchen Theater, 
foviel ich es kerne, ziemlich die Einzige, die in diefer Rolle 
nach der Jacquet auftreten kami. Uebrigens bin ich auf Eurer 
Excellenz Urtheil über das Stück felbft fehr begierig. 

Ob ich es wagen werde, um den von der dafigen gelehr- 
ten Gefellfchaft ausgefetzten Preis zu wetteifern, weiß ich 
in der That nichi Ich glaube kaum, daß es einen Schrift- 
fteller giebt, der gegen fich felbft mißtrauifcher ift, als ich! 
Ob ich Kecht oder Unrecht dazu habe, weiß ich nicht; ich 
weiß nur, daß ich es bin. Vielleicht ift das eine Folge meiner 
ganzen Art, zu ftudieren, welche aus Mangel vernünftiger 
Bathgeber äußerft verkehrt und verworren war; vielleicht 
auch eine Folg^ meines ganzen Lebenslaufs. In meinem vier- 
zehnten Jahre wurde ich in einer kleinen fächfifchen Fabrik- 
ftadt — in Chemnitz — zu. einem Kaufmann in die Lehre ge- 
than. Ich ftand dort vier Jahre, kam als Handlungsdiener 
nach Leipzig zurück, und fand — daß ich fchlechterdings 
nichts von dem gelernt hatte, was ein nur mittelmäßiger 
Kaufmann wiffen muß. Kreisfteuereinnehmer Weiße***, mit 



* Katharina Jacquet, geb. 29. Febr. 1760 zu Wien, starb da- 
selbst am 30. Januar 178C. Sie war ein hervorragendes Mitglied des 
Nationaltheaters. Der bekannte Dramaturg Schink yerfasste ihre Bio- 
graphie (Wien, 1786), aus welcher hervorgeht, dass sie am 12. Juli 1786 
zuletzt — also in Jüngers Lustspiel nicht mehr — aufgetreten ist. Ihre 
(ältere) Schwester Mad.Adamb erger war die Mutter der Braut Theodor 
Körners. — Trotzdem noch das Wiener Theaterlaschenbuch von 1796 
Kathar. Jacquet „unvergesslich" nennt, gedenkt das„Al]g.Theat. Lexikon*' 
ihrer nur in den „Nachträgen'* und nennt sie „deit 1790 verschollen". 

^ ** Seit Januar 178B Mitglied der Mannheimer Bühne, vorher in 
Berlin. Eine ausgezeichnete Schauspielerin. (Koftka, Iffland u. Dalberg, 
146 f.) 

*** Christian Felix Weisse, der bekannte Dichter. 



418 Uhde, J. F. Jünger. 

welchem ich nahe verwandt bin, und dem ich meine Noth 
klagte, redete mir zu, noch zu ftudieren. Ich that es, plagte 
mich faft zwey Jahre mit Schulwirfenfchaften, horte dann 
juriftifche Gollegien, und that das aus Mangel hinlänglicher 
Einficht mit der größten Unordnung, ohne allen Plan, fo daß 
ich am Ende ein ganzes verworrenes Chaos von juriftifchen 
Bruchrtücken in meinem Kopfe hatte. Es find nun fechs 
Jahre, daß ich abfolvirte; ich fchrieb eine fünf Bogen lange 
juriftifche Difputation, welche ich öffentlich pro Gandidatura 
vertheidigte. Weiß der Himmel, ob die Herrn Gelehrten fich 
mit mir foppen wollten, kurz mein Opufculum fand vor ihren 
Augen fehr viel Gnade, und wurde fogar von Göttingen aus 
gelobt. Ich fing an mich zum Examen vorzubereiten, und 
jetzt fand ich erft, welche ungeheure Lücken ich noch aus- 
zufüllen hätte, wenn ich ein nur erträglicher Rechtsgelehrter 
werden wollte. Von Stund' an gab ich die Rechtswiffenfchaft 
auf. Voller Verzweiflung daß ich über fechs Jahre fo un- 
verantwortlich verfchleudert hatte, daß ich fo eine lange Zeit 
meiner guten Mutter zur Laft gefallen war, von welcher ich, 
wenn ich nur das geringfte feine Gefühl hatte, fchlechterdings 
keine fernere Unterftützung annehmen durfte, weil fie ein fehr 
klein zugefchnittenes Vermögen befitzt, faß ich eines Abends 
da, und dachte meinem ferneren Schickfale nach. Diefer 
Abend machte mich zum Schriftfteller. Mehr, um mich 
zu zerftreuen, als in irgend einer anderen Abficht, warf ich die 
erften Kapitel meines Wurmfaamen von Wurmfeld* hin. 
Ein Buchhändler, den das Ohngefähr einige Tage darauf zu mir 
führte, und dem eben diefes Ohngeföhr diefe Blätter in die 
Hände fpielte, fragte mich, ob ich das Buch nicht fortf